Kategorie: Thriller

Morgan Audic | Das kalte Schweigen der See

Morgan Audic | Das kalte Schweigen der See

Fangen wir mal ausnahmsweise mit einem kleinen Rant an. Der betrifft den deutschen Titel des Buches und das Cover. Als Nicht-Autor stelle ich es mir schwierig vor, einem Buch seinen Titel zu geben. Wenn es allerdings aus einer fremden Sprache übersetzt wird, hat der Autor natürlich schon eine Vorgabe gegeben, an die man sich allerdings nicht halten muss. Wenn man in der deutschen Übersetzung vom Originaltitel abweicht, sollte man allerdings gute Gründe dafür haben. Ich kann es vorwegnehmen, die gab es hier aus meiner Sicht nicht. Autor Morgan Audic gab seinem Thriller den wie ich finde wunderbaren Titel „Personne ne meurt à Longyearbyen“, „Niemand stirbt in Longyearbyen“. Ein Titel, der zum einen mit dem Inhalt verknüpft ist, denn es wird erläutert, dass man auf Spitzbergen Todesfälle tunlichst vermeidet. Die Einwohner bleiben meist nur temporär auf diesem kargen Stück Land im Nordpolarmeer, es gibt nur wenige wirklich alte Menschen, ernste Krankheitsfälle werden ans Festland nach Norwegen gebracht. Und dennoch zeigt der Plot, dass sehr wohl jemand stirbt, in diesem Fall gewaltsam – und führt den Titel charmant ad absurdum. Der deutsche Titel „Das kalte Schweigen der See“ kann zwar behaupten, dass es im Buch um Meeresforschung geht, ist aber letztlich ein langweiliges Marketingkalkül. Dass noch durch den furchteinflössenden Eisbären auf dem Cover ergänzt wird (die französische Ausgabe macht es leider auch). Ja, ein Eisbär kommt am Anfang prominent vor, aber das wirkt auf mich etwas plump. Echt schade, dass der Verlag hier Cover, Titel und Inhalt nicht angemessen zusammenhalten kann

Nun aber zum Inhalt. Longyearbyen auf Spitzbergen, eine der nördlichsten Siedlungen der Erde. Früher wurde vor allem Kohle gefördert, heute lebt die Stadt hauptsächlich von Tourismus und Forschung. Die Besonderheit von Spitzbergen: Durch einen alten Vertrag besitzen auch die Russen Schürfrechte und haben ihre Präsenz aus geostrategischen Grund nie aufgegeben. Auf Spitzbergen ist der Eisbär das größte Raubtier, daher müssen alle Bewohner außerhalb der Siedlungen eine Waffe mit sich führen. Dies scheint auch der jungen Forscherin Agneta Sørensen zum Verhängnis geworden sein, die den Kadaver einer Pottwals untersuchen wollte. Offenbar wurde sie von einem Eisbär überrascht, hatte kein Gewehr dabei und wurde getötet. Doch die ermittelnde Kommissarin Lotte Sandvik hat von Beginn an ein komisches Gefühl. Die Forscherin galt als gewissenhaft, hatte sonst immer ihr Gewehr dabei. Die beiden russischen Sicherheitsleute, die die Leiche gefunden haben, scheinen ihre Aussagen abgestimmt zu haben. Bald wird es Gewissheit: Die junge Frau wurde ermordet und später einem Eisbären zum Fraß vorgelegt.

Sie wurde von einem vagen Unbehagen ergriffen. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem menschlichen Körper. Natürlich waren da die offenkundlichen Spuren der Bestialität des Bären. Bisse, Kratzspuren, zerfetzte Haut. Aber sie hatte das gefühl, noch etwas anderes wahrzunehmen. Etwas wie eine menschliche Absicht. (Auszug E-Book Pos. 149)

Währenddessen fliegt der Reporter Nils Madsen nach Tromsø. Auf den Lofoten hat seine langjährige Kollegin und ehemalige Lebenspartnerin Åsa Hagen Selbstmord begangen, ist einfach von einer Brücke ins kalte Meer gesprungen. Madsen – voller Trauer – kann sich nicht so einfach mit dem Selbstmord abfinden und beginnt zu recherchieren. Dabei kommt schnell heraus, dass Åsa bedroht wurde. Sie betrieb ein Unternehmen für Whalewatching und setzte sich auch sonst sehr für die Meeressäuger der Region ein. Ein Engagement, für das sie von den lokalen Fischern angefeindet wurde. Madsen sammelt immer mehr Indizien, die für einen Mord sprechen – und bringt sich selbst in die Schusslinie.

Autor Morgan Audic ist im Hauptberuf Gymnasiallehrer für Geographie und Geschichte. „Das kalte Schweigen der See“ ist sein dritter Roman, der erste in deutscher Übersetzung. Die Grundidee zu diesem Plot kam ihm nach eigenen Angaben bei einer Fahrt auf einem Schiff einer Umweltorganisation in der Normandie. Der Background des Autors wirkt sich auch auf das Geschehen im Buch aus. Der Mord an zwei Personen, die Meeresforschung betreiben oder sich für den Schutz des Meeres einsetzen, lässt auf einen Ökothriller schließen. Tatsächlich dreht sich einiges um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Doch Audic fächert es breiter auf, bringt viel Landeskunde, Historie und vor allem auch Geopolitik mit in die Handlung ein.

Nicht ganz neu ist die Wahl der Protagonisten und vor allem ihr angeknackstes Seelenleben. Während Lotte Sandvik aufgrund eines traumatischen Einsatzes in ihrer vorherige Dienststelle in Oslo unter einer Angststörung leidet, die sie versucht, vor den Kollegen zu verheimlichen, ist Nils Madsen als Kriegsberichterstatter ein Getriebener, der es im ruhigen, beschaulichen Norwegen kaum aushält. Die Spannungskurve und der Aufbau des Romans sind gut gewählt, nach ein paar Kapiteln wechselt der Schauplatz und die Perspektive. Interessant ist zudem, dass dem Leser natürlich klar ist, dass beide Fälle miteinander zu tun haben müssen, Audic die beiden Handlungsstränge aber erst sehr spät zusammenführt.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir der Roman ganz gut gefallen hat. Morgan Audic schafft es, ein interessantes polares Setting mit einem nicht alltäglichen Plot zu verknüpfen. Da kann man einen nicht ganz so gelungenen deutschen Titel (und Cover) ganz gut verschmerzen.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Das kalte Schweigen der See | Erschienen am 17.04.2024 im Hoffmann & Campe Verlag
ISBN 978-3-455-01821-9
416 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Personne ne meurt à Longyearbyen | Übersetzung aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Deon Meyer | Die Stunde des Löwen (Band 9)

Deon Meyer | Die Stunde des Löwen (Band 9)

„Wem gehört das Geld?“ „Das ist ja das Interessante daran! Wir schaden niemandem. Es ist ein Teil des Geldes, dass die Chandas dem Staat gestohlen haben. Sie konnten es nicht außer Landes bringen.“ Natürlich wusste Christina über die drei indischen Geschäftsleute Bescheid, Brüder, die angeblich dabei geholfen hatten, ihr Heimatland Hand in Hand mit dem ehemaligen Präsidenten gewissenlos auszuplündern. (Auszug E-Book Pos. 310 von 8292)

Im 9. Band der Reihe um die Kapstädter Polizisten Bennie Griessel und Vaughn Cupido ist von beiden Protagonisten erst mal nicht die Rede. Stattdessen verfolgen wir Christina „Chrissie“ Jaeger, die im Okavango-Delta seit einigen Jahren als Safari-Guide wohlhabende Touristen betreut. Als Igen Rousseau ihr einen gut bezahlten Job in Pretoria anbietet, kann sie aufgrund ihrer Verbundenheit zu dem ehemaligen Militärkameraden ihres verstorbenen Vaters nicht absagen.

Die Honigfalle und der Zwanzig-Millionen-Dollar-Raub
Geplant ist ein Überfall auf ein Lagerhaus, in dem rund 20 Millionen Dollar deponiert sind. Chrissie soll als sogenannte Honigfalle mit kühlem Kopf die Wärter ablenken und ihre Kontakte am Kap aktivieren, um nachher die Dollar zu wechseln. Auf den nächsten Seiten lesen wir detailliert, aber auch rasant und packend, wie der Raubzug geplant und vorbereitet wird. Es handelt sich dabei um Geld und Gold, welches vom ehemaligen Präsidenten Südafrikas und seinen engsten Vertrauten widerrechtlich beiseitegeschafft wurde. Und als Leser bangt man mit Chrissie und den anderen Vier, die den Coup durchziehen. Doch was so todsicher geplant war, endet in einer regelrechten Katastrophe.

In einem weiteren Handlungsstrang leiden Griessel und Cupido immer noch unter der Strafversetzung aus der Sondereinheit Valke nach Stellenbosch, besonders weil sie hier nur mit routinemäßiger Polizeiarbeit beschäftigt werden. Während Vince Cupido alles dransetzt, sich zu rehabilitieren, um sowohl den alten Rang wie auch den alten Arbeitsplatz zurückzuerobern, hat Bennie Griessel die Arbeit in Stellenbosch zu schätzen gelernt. Weniger Stress, geregelte Arbeitszeiten und geringere Gewaltverbrechen. Am meisten stresst ihn momentan die bevorstehende Heirat mit seiner großen Liebe Alexa. Die geplante Hochzeit erlebt er eher als Kette lästiger Termine, die er im Stress der Ermittlungen nur mühsam einhalten kann.

Als eine junge Mountainbikerin tot neben ihrem Fahrrad aufgefunden wird, ist wieder ganz altmodisch Laufarbeit angesagt. Die Spuren deuten darauf hin, dass sie von Hunden angefallen wurde und dabei unglücklich stürzte. Ein in der Nähe wohnender Hundebesitzer, der als Täter in Frage käme, streitet vehement alles ab. Noch bevor ihm nachgewiesen werden kann, dass seine Rottweiler die Schuld am Tod der Studentin tragen, wird Basie Small grausam ermordet in seinem Haus aufgefunden. Die Tiere wurden erschossen und bei Small deuten Folterspuren darauf hin, dass man ein Zeichen setzen wollte. Im Haus finden die Ermittler auch eine große Sammlung von Sturmgewehren. Sie wundern sich auch über den üppigen Lebensstil, den der ehemalige Elitesoldat und Ausbilder im Ruhestand pflegte.

„Die Katze ist aus dem Sack, Colonel. Vielleicht weiß jemand da draußen etwas. Über das, was Small getrieben hat. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit kann also nicht schaden.“ „Ein Elitesoldat weiß, wie man Spuren verwischt“, bemerkte Griessel. „Allerdings“, sagte Cupido. „Das wird einen Shitstorm geben“, unkte Jansen. „Ein Elitesoldat. Der Leibrandt-Fall, die Hunde, der Bauschaum. Ich darf gar nicht daran denken!“ (Auszug E-Book Pos. 2794 von 8292)

Auf den Mord an Small folgt ein weiterer ziemlich ähnlich gelagerter Todesfall. Mit den Ermittlungen zu den möglicherweise zusammenhängenden Morden haben Griessel und Cupido offensichtlich höchste Stellen aufgeschreckt, denn sie werden von den Ermittlungen abgezogen. Obwohl ihnen die Fälle entzogen wurden, sorgt Mbali Kaleni, ihre frühere, integre Chefin bei der Valke für eine Versetzung der beiden an die neugegründete NPA (National Prosecuting Authority), um unter dem Radar weiter nachzuforschen. Auch wenn sie es noch nicht ahnen können, haben unsere beiden Helden gewissermaßen unbemerkt in ein Wespennest gestochen.

Südafrikas Realität
Deon Meyer schreibt nicht nur fiktive Thriller, sondern nutzt seine Romane auch dafür, den Zustand seiner Heimat Südafrika offenzulegen. Dabei inspirierten ihn die Gerüchte über den früheren libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, der angeblich riesige Geld- und Goldmengen bei seinem Präsidentenfreund in Südafrika verstecken ließ. Der Thriller ist eine ungeschminkte Kritik an den Zuständen in Südafrika und dennoch spürt man zwischen den Zeilen, wie sehr der Autor seine Heimat liebt und die Plünderung des Landes einschließlich der Korruption bis in die höchsten Kreise verabscheut.

„Die Stunde des Löwen“ beinhaltet wieder alles, was ich an der Reihe so liebe. Den Dialogwitz zwischen dem melancholischen Griessel und seinem Partner. Filmreife Action-Szenen, wie zum Beispiel im rasanten Showdown unter dem Einsatz von Flugzeugen, Motorrädern und einem rasendem Bennie, der pünktlich zu seiner Hochzeit erscheinen muss. Ein komplexer Plot, bei dem die beiden Erzählstränge fast bis zum Schluss nebeneinander herlaufen und man keine Ahnung hat, wie sie zusammenhängen. Und natürlich die Spannung von der ersten Seite an, wenn die Durchführung des abenteuerlichen Raubzuges geplant wird und ich den stimmungsvollen Thriller nicht aus der Hand legen konnte.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Stunde des Löwen | Erschienen am 17. September 2024 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-01006-4
605 Seiten | 22,00 Euro
Originaltitel: Leo | Übersetzung aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Alle Rezensionen zu Romanen von Deon Meyer auf Kaliber.17

Tom Hillenbrand | Lieferdienst

Tom Hillenbrand | Lieferdienst

Auf der Terrasse befindet sich eine rot umrandete, oktagonale Fläche – ein Retourenpad. Man stellt sein Paket hinein, die nächste freie Lieferdrohne erkennt es von oben und nimmt es mit. Normalerweise befinden sich solche Pads an öffentlichen Plätzen. Dass jemand sein eigenes, privates Oktagon besitzt, ist ungewöhnlich. (Auszug Pos. 399 von 2071)

Viele Menschen beschweren sich heutzutage über die Konsum-Gesellschaft, in der nichts mehr repariert, sondern alles sofort ausgetauscht wird. In ‚Lieferdienst‘ wird das von Tom Hillenbrand auf die Spitze getrieben.

Der Maker macht’s, der Bringer bringt’s
In Neu-Berlin der nahen Zukunft leben die Menschen in riesigen Wohnblöcken, arbeiten im Homeoffice und kaufen fast alles online. Bestellte Produkte werden auf 3-D-Druckern, sogenannten Makern, hergestellt und alle Lieferdienste befinden sich zeitgleich im Kampf um denselben Auftrag. Wer die Ware zuerst zustellt, hat gewonnen, wobei die überflüssige Ware der Konkurrenten dann als Produktionsüberschuss in Kauf genommen wird. Hier wird mit allen Mitteln gekämpft, um die Konkurrenz auszuschalten und es herrscht ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft am Liefermarkt. Die Bestellungen werden teils per Drohnen, überwiegend aber durch Kuriere auf Hoverboards, sogenannte Bringer an den Kunden ausgeliefert. Solch ein Bringer ist der Protagonist Arkadi Schneider, der für Rio, einen der größten Lieferdienste der Welt arbeitet und für seinen Job alles gibt und dabei immer die Zustellquote im Blick behält. Wenn nötig lässt er sich das Mittagessen auch mal per Drohne ans Brett liefern. Wir fliegen mit ihm über Neu-Berlin, als ein verletzter Kollege ihn bittet, eine seiner Lieferungen zu übernehmen. Für Arkadi eine Ehre, denn es handelt sich um Airbox, eine Legende in der Lieferdienst-Szene. Umso bestürzter ist er, als er kurz darauf mitansehen muss, wie Airbox ermordet wird und er, als er dessen Paket ausliefern will, plötzlich um sein Leben fürchten und sich in wilden Verfolgungsjagden behaupten muss. Airbox schien in mysteriöse Machenschaften verwickelt zu sein und Arkadi gerät zum ersten Mal ins Grübeln.

Aberwitzige Retourenquote
In Tom Hillenbrands Zukunftsvision hat der Konsum absurde Ausmaße angenommen. Es gibt Flatrates für Schuhe, Anprobierandroiden kümmern sich um das lästige Auspacken, Anprobieren sowie Zurücksenden, und jederzeit und überall kann Essen per Drohne geordert werden. Menschen wie Arkadis Vater, der noch vom alten Schlag ist, den sogenannten Fortschritt kritisch sieht und sich für Zahnpasta noch in den Spaldi bemüht, werden als rückständig angesehen.

Der Kunde muss nur jede Tube bezahlen, die ihm als erste zugestellt wird. Der Rest sind Autoretouren. Bei einem maßgeschneiderten Jackett mag das ein Problem sein, bei Zahnpasta nicht. Die werden die Lieferdienste schon irgendwie los. Ich erkläre es ihm. Aber Dad schüttelt nur den Kopf und murmelt etwas von „Endstufe des Kapitalismus“. (Auszug Pos. 165 von 2071)

Ich bewundere immer wieder Tom Hillenbrands Fähigkeit, eine komplexe Zukunftswelt fiktiv zu erschaffen. Fast ohne unnötige Erklärungen, dafür aber detailreich und mit kreativen Wortneuschöpfungen, die sich leicht erschließen. Und mit einem Füllhorn an kreativen Einfällen. Berlin ist im Krieg komplett zerstört worden und man hat daneben Neu-Berlin, von den Bewohnern liebevoll BeeZwee genannt, errichtet. Die MegaCity besteht aus riesigen Sozialbauten und Ausfallstraßen, die Namen aktueller Prominenz wie Glööckler-Allee oder Robert-Habeck-Ausfallstraße besitzen. Während sich auf den Straßen die Bikes und Rikscha-SUVs stauen, ist der Himmel mit Delivery-Drohnen verstopft. Manche Bewohner, sogenannte Mobilniks, die sich die Miete in den Hochhäusern nicht mehr leisten können, hausen in ihren Autos, welche mit Autopilot unendlich auf dem Stadtring fahren. Das Szenario erscheint gar nicht so abwegig, sondern wie eine radikale Weiterentwicklung unserer heutigen Konsumgesellschaft.

Wir bleiben die ganze Zeit dicht bei Arkadi, dem Ich-Erzähler und seinen Erlebnissen. Die Geschichte wird in einem hohen Tempo mit kurzen Kapiteln erzählt, wirkt dadurch fast gehetzt und rastlos, passend zur hektischen Welt der Lieferdienste. Man fliegt atemlos durch die Seiten und dann ist es auch schon vorbei. Denn das ist das Einzige, was ich zu meckern hätte. Mit knapp 190 Seiten viel zu kurz. Ich hätte gerne noch mehr über diese dystopische Welt und die Lebensbedingungen erfahren. Das Ende, das zwar mit einem mitreißenden Showdown glänzt und einige Überraschungen parat hält, wirkt etwas zu schnell abgearbeitet. Und man hätte auch noch mehr in die Fütterung der Charaktere stecken können.

Trotzdem ist Lieferdienst eine gelungene Dystopie, originelle Zukunftsvision mit coolen Ideen, die mir sehr viel Spaß gemacht hat und die eine Reflexion unserer Konsumgesellschaft darstellt. Dabei spricht der Autor einige aktuelle Themen, wie Ressourcen-Verschwendung und Turbo-Kapitalismus an und das auf unterhaltsame Weise und mit dem ihm eigenen Humor.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.
Lieferdienst | Erschienen am 15. August 2024 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00621-6
192 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Tom Hillenbrand auf Kaliber.17

Don Winslow | City In Ruins (Band 3)

Don Winslow | City In Ruins (Band 3)

Danny wird von Paranoia gepackt, er stellt sich ein Fadenkreuz auf seinem Hinterkopf vor, auf seiner Stirn. Angst steigt in ihm auf – oder ist es Instinkt, sein gutes Gespür? Er rutscht tiefer in seinen Sitz, öffnet das Handschuhfach und nimmt seine Sig Sauer 380 heraus. Vielleicht hatte Jimmy recht. Vielleicht hatten sie alle recht. Das ist eine Falle. (Auszug E-Book Pos. 3486)

Im dritten und finalen Band lebt Danny Ryan bereits über 10 Jahre in Las Vegas, hat sich als seriöser Geschäftsmann etabliert, kümmert sich um seinen Sohn Ian und hat seit einiger Zeit eine bisher noch heimliche Liebesbeziehung zu einer Professorin. Beruflich sehr erfolgreich hat er sich ein Casino- und Hotelimperium aufgebaut. Aufgrund seiner früheren Verbindungen zur Mafia, tritt er offiziell nur als Geschäftsführer der Tara-Group auf, die zwei Bauunternehmern aus Missouri gehört. Dabei hat er im Hintergrund die Fäden gezogen und mit seinen Visionen eine neue Ära in Las Vegas eingeläutet. Statt auf das billige Glücksspiel und Automatenzocker setzt Danny zukunftsorientiert auf luxuriösen Hotelbetrieb und sein Hotel „Shores“ wurde ein großer Erfolg.

Mondänes Hotel-Imperium
Ehrgeizig will Danny weiter expandieren, wobei ein altes sanierungsbedürftiges Hotel „Lavinia“ sein Interesse weckt. Sein größter Konkurrent Vern Winegard hat sich bereits mit dem Besitzer Georg Stavros geeinigt. Danny will unbedingt sein Traumhotel „Il Sogno“ bauen, trifft sich mit Stavros, um ihm ein besseres Angebot zu unterbreiten und geht mit der Tara Group an die Börse, um die benötigten Gelder aufzubringen. Diese feindliche Übernahme zerstört die friedliche Koexistenz der Konkurrenten am Strip und setzt eine Spirale der Gewalt los. Alle Versuche, den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen, scheitern. Danny sieht sich plötzlich wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert, auch weil die FBI-Agentin Reggie Moneta die Tötung ihres Liebhabers, des korrupten FBI-Agenten Philip Jardine noch nicht verwunden hat und einen Rachefeldzug startet. Danny schart seine alten Freunde Jimmy MacNeese sowie die als Messdiener bekannten Sean South und Kevin Coombs um sich und muss wieder um sein Leben und das seiner Familie kämpfen.

Vom blutigen Kampf der Mobster zu Glücksspiel und Politik
Mit „City in Ruins“ beendet Don Winslow nicht nur seine mit „City on Fire“ und „City of Dreams“ begonnene Trilogie sondern auch seine schriftstellerische Karriere, um seine ganze Energie demnächst in den politischen Kampf zu stellen. Wie auch in seinen anderen Romanen hat er sich eine komplexe Handlung mit einem großen Figurentableau ausgedacht. Seine Sprache ist wie immer schnörkellos, knapp und mit dem ihm eigenen Rhythmus. Aufgrund von kurzen Kapiteln, häufigen Schauplatzwechseln sowie szenischem Erzählen fliegt man nur so durch die Seiten und mag das Buch nicht aus der Hand legen. Eindrucksvolle Bilder ziehen die Leserinnen und Leser mitten ins Geschehen. Die Dialoge sind authentisch und oft von einer intensiven Emotionalität geprägt, die die Spannung zusätzlich verstärkt.

Dabei werden auch die in den beiden früheren Bänden begonnenen Geschichten zu Ende gebracht und bringen ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Wir erfahren, wie es mit Chris Palumbo weiter ging, der 1988, nachdem er einige mächtige Mafiosi um ihr Geld brachte, untertauchen musste. Oder Peter Moretti Jr., der nach dem Mord an Vinnie Calfo und seiner eigenen Mutter Celia Moretti festgenommen und vor Gericht gestellt wird. Diese beiden Nebenhandlungsstränge wirken allerdings wie losgelöst von dem Hauptplot. Auch einige neue Figuren tauchen auf und verschwinden wieder arg schnell in der Versenkung. Obwohl Winslow dem Leser mit erläuternden Rückblenden hilft, würde ich vor der Lektüre die beiden vorherigen Bände empfehlen.

Der Kreis schließt sich im Epilog, der wieder 2023 in Rhode Island endet, wo alles begann. Ein rundum gelungener, großartiger, letzter Roman eines Ausnahmeschriftstellers, dessen letzte Seiten ich mit einem Tränchen im Auge gelesen habe. Aus Gründen!

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

City in Ruins | Erschienen am 21.05.2024 bei HarperCollins
ISBN 978-3-36500-566-8
448 Seiten | 24,- €
Originaltitel: City in Ruins | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezensionen zu Band 1 und Band 2 der Trilogie

Lavie Tidhar | Maror

Lavie Tidhar | Maror

Das jüdische Passah-Fest erinnert an den Auszug der Juden aus Ägypten. Das zweite Buch Mose erzählt vom Auszug und die Anweisung des Herrn an die jüdische Gemeinde, sie sollen ein Lamm schlachten und „mit bitteren Kräutern sollen sie es essen“ (Exodus 12:8). Diese bitteren Kräuter als Symbol der Sklaverei in Ägypten werden im Hebräischen als „Maror“ bezeichnet. Mit „Maror“ betitelt Lavie Tidhar auch seinen aktuellen Roman, ein Roman über mehr als dreißig Jahre israelischer Geschichte, allerdings aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Und wenn man nach über 600 Seiten diesen Roman zugeklappt hat, dann versteht man auch die Symbolik des Titels mit den bitteren Kräutern.

Sie stand auf, und für einen kurzen Moment war Avi allein. Er hörte Eis im Glas klappern und vergrub sein Gesicht in den Händen.
„Ich hasse dieses Land“, sagte er und weinte. (Auszug S. 85)

Der Roman beginnt zunächst im Jahr 2003. Eine Autobombe in Tel Aviv vor einer Wechselstube. Schnell stellt sich heraus: Es ist wohl keine politischer Anschlag, sondern das Ziel war Rubinstein, eine Unterweltgröße. Der kam allerdings unverletzt davon, stattdessen gab es Toten unter Passanten, unter anderem Schulkinder. Der leitende Polizist Cohen beauftragt den jungen Polizisten Avi, sich der Sache anzunehmen und gibt ihm freie Hand. Und Avi nimmt sich der Sache an, die in der Residenz eines weiteren Unterweltbosses in einem Blutbad enden wird.

Danach springt das Buch zurück ins Jahr 1974 und geht von nun an chronologisch vor. Cohen und Eddie sind zwei junge Polizisten, die zum Fundort einer Frauenleiche am Mittelmeerstrand zwischen Tel Aviv und Haifa gerufen werden. Die beiden dürfen hinterher an den Mordermittlungen teilnehmen. Der Druck ist hoch, die Ermittlungen laufen zäh. Da kommt es der Polizei gelegen, dass ein Zeuge sich wunderbar als Verdächtiger eignet. Die Indizien sind aber zu wenig, es braucht ein Geständnis. Cohen und Eddie begreifen schnell, wie sie sich da einbringen können.

Tidhar erzählt nun episodenhaft. Springt manchmal ein paar Monate, manchmal ein paar Jahre in der Zeit nach vorne. Er führt den Leser von 1974 bis 2008 durch mehr als dreißig Jahre israelischer Geschichte und erzählt diese als Geschichte von Verbrechen, Skandalen, Korruption und Staatsaffären. Als Figur im Hintergrund, die aber dennoch alle Fäden in der Hand hält und diese Episoden zusammenhält, fungiert Cohen. 1974 noch ein Streifenpolizist, aber schon mit allen Wassern gewaschen, hält er in der Folge gute Kontakte zu allen Seiten, Polizei, Politik, Unterwelt, Geheimdienste, steigt nicht allzu hoch in der Hierarchie auf, aber wird der Strippenzieher, der alles in Reine bringt und ausputzt, so schmutzig es auch wird. Ein Patriot, der alles tut, um den Staat Israel zu beschützen und dafür alle Grenzen überschreitet.

Jetzt blickte Rubinstein auf. „Ich werde nicht schlau aus dir“, sagte er. „Was bist du, Polizist oder Gangster?“
Man kann auch beides sein, dachte Benny, sagte es aber nicht laut.
„Ich bin kein Gangster“, erklärte Cohen.
„Was dann?“
„Ich wahre die Ordnung“, sagte Cohen. (Auszug S.226)

Die Geschichte Israels als eine Geschichte der Korruption und des organisierten Verbrechens zu erzählen, ist ein starkes Stück. Aber Tidhar fiktionalisiert nicht nur, sondern verarbeitet reale Ereignisse zu einem Epos über Realpolitik und den berühmten Zweck, der die Mittel heiligt. Er zitiert Staatsgründer Ben Gurion: „Erst wenn wir unseren eigenen hebräischen Dieb, unsere eigene hebräische Hure und unseren eigenen hebräischen Mörder haben, haben wir wahrhaftig einen Staat.“

Manipulierte Polizeiermittlungen, Mord, Raub, skandalöse Grundstücksgeschäfte im besetzten Gebieten, eine Eskalation des Drogenhandels durch Israels Eingreifen in den libanesischen Bürgerkrieg, Iran-Contra-Affäre, Waffenhandel mit (süd-)amerikanischen Drogenbossen und Ausbildung von privaten Söldnern durch israelische Reservisten. Alles tatsächlich passiert. Der Sumpf, den Tidhar hier beschreibt, ist mehr als knöcheltief und dem Leser schwirrt förmlich der Kopf ob der angedeuteten staatlichen Verstrickungen in all diese zwielichtigen Dinge unter dem Deckmantel einer Realpolitik in einem bedrohten Land. Und mittendrin dieser Cohen, der Bibelzitate um sich wirft, was zunehmend als Zynismus durchgeht.

„Ich weiß, es ist nicht leicht gewesen“, sagte Cohen. Er schien zwiegespalten. Als wollte er Nir etwas anvertrauen. „Du findest unsere Arbeit abstoßend. Ich auch. Aber Habgier treibt mich nicht an, Nir, sondern das Bedürfnis nach Stabilität. <Der Habgierige erregt Streit, / wer auf den Herrn vertraut, wird reichlich gelabt<. Buch der Sprüche 28. Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden. Verstehst du das?“ (Auszug S.419).

Lavie Tidhar ist eigentlich vor allem als Science Fiction und Fantasy-Autor bekannt. Mit „Maror“ wagt er einen historischen Parforceritt durch die dunklen Seiten Israels. Und dieser gelingt fulminant. In seiner Heimat scheint die Zeit übrigens noch nicht reif für diesen Roman zu sein, eine Übersetzung ins Hebräische gibt es noch nicht.

Neben Cohen als rotem Faden tauchen zahlreiche Figuren ab und wieder auf, ehe sie dann oftmals entsorgt werden. Tidhars Schreibstil ist rasant, eindrücklich, immer wieder dringt er tief in die Personen ein, aus deren Blickwinkel die jeweilige Episode erzählt wird (nur Cohen bleibt der Mann im Hintergrund, auch bei den Erzählern). Das Ganze verdichtet er zu einem epischen Thriller, bei dem nicht nur mir ein Vergleich zu Don Winslows „Tage der Toten“ in den Sinn kam. Dabei lässt der Autor auch eine bemerkenswerte Akribie erkennen, was Schauplätze und Historizität betrifft. Zudem ist das Buch eine popkulturelle Quelle, insbesondere zur israelischen Musikszene. Alles in allem kommt man nicht umhin zu sagen: „Maror“ ist ein echtes Meisterwerk.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Maror | Erschienen am 15.04.2024 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47397-9
640 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Maror | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Maror“ beim Kaffeehaussitzer