Kategorie: Dezernat

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

„Was ist denn passiert?“, fragte Helene.
„In den frühen Morgenstunden hat es eine neue Brandstiftung gegeben. Diesmal in Vejers Strand.“
„Wieder ein Ferienhaus?“
„Ja, in den Dünen direkt am Strand. Völlig ausgebrannt. Die Bewohner konnten sich im letzten Moment aus dem Haus retten, liegen aber alle mit Rauchvergiftung im Krankenhaus. Eine Urlauberfamilie aus den Niederlanden mit zwei Kindern.“ (Auszug Seite 90)

Auf der Fähre von der Nordseeinsel Amrum zum Festland gibt es einen Toten. Er ist nicht an einem epileptischen Anfall gestorben, wie erst vermutet wird, sondern wurde vergiftet. Helene Christ von der Mordkommission Flensburg nimmt sich dem Fall an und muss sich für weitere Ermittlungen mit den Kollegen aus Dänemark zusammentun, denn der Tote wohnte im Nachbarland. Die Dänen haben es zur gleichen Zeit mit Brandanschlägen auf Ferienhäuser zu tun und deshalb eigentlich kein Personal frei. Doch dann ergibt sich ein Zusammenhang zwischen den beiden Fälle

Geplatzter Segeltörn

Oberkommissarin Helene Christ wohnt gemeinsam mit ihrem Freund Simon Simonsen und der Hündin Frau Sörensen am Rand von Flensburg in einem alten Haus. Die Drei segeln am liebsten mit ihrem Boot über die Gewässer und freuen sich schon auf den Urlaub in wenigen Tagen auf den schwedischen Schäreninseln, als das Boot einen Schaden erleidet und Helene den neuen Fall bekommt.

Der sechste Fall von Helene Christ

Feuer in den Dünen von H. Dieter Neumann ist bereits der sechste Fall um Helene Christ. Ein Küsten-Krimi, der vor allem in Dänemark und Flensburg spielt, die ersten Ermittlungen führen aber auch nach Amrum. Die Geschichte hat kurze Kapitel, die hauptsächlich um die Ermittlungen von Helene Christ und ihrem Kollegen Nuri Önal kreisen, einige wenige Kapitel geben allerdings auch Einblicke in die Gedanken der Täter, was dem Leser einen gewissen Vorsprung zu den Polizisten verschafft und die Handlung dadurch noch etwas spannender gestaltet.

Privat und beruflich

Helene wird in diesem Fall sehr stark eingespannt und reißt auch generell gern alle Arbeit an sich, wovon Simon gar nicht begeistert ist, also kommt es unweigerlich zum Streit. Das Private der Kommissarin bleibt aber im Hintergrund und wird eher nebenbei erwähnt, das Hauptaugenmerk bleibt auf dem Fall, was mir gut gefällt. Die Protagonistin ist mir in ihrer Handlungsweise sympathisch. Sie geht durchaus ab und zu über ihre Kompetenz und geht Risiken ein, bleibt dabei aber auf dem Boden. Sie sieht eventuelle Fehler im Nachhinein ein und gibt ihr Bestes, um es wieder geradezurücken.

Ende und gut

Die Geschichte liest sich leicht, aber durchgehend spannend. Die Polizisten müssen auch mit Rückschlägen klarkommen, es läuft also nicht immer alles glatt. Das Ende bekommt nochmal einen guten Spannungsbogen, ohne dass vom Autor zu viel gewollt wurde, auch das gefällt mir. Der Schluss bleibt eher offen, war aber zu vermuten, als die Zusammenhänge nach und nach klarer werden. Hätte ich das eigentliche Thema auf dem Klappentext gelesen, hätte ich das Buch nicht ausgesucht, aber so war es gut und ich habe es gern gelesen.

Fazit: Ein solider Küsten-Krimi, den man zwischendurch gut lesen kann, der mich aber dennoch nicht nachhaltig beeindruckt hat.

H. Dieter Neumann, Jahrgang 1949, war Offizier in der Luftwaffe der Bundeswehr und in verschiedenen internationalen Dienststellen der NATO. Anschließend arbeitete der diplomierte Finanzökonom als Vertriebsleiter und Geschäftsführer in der Versicherungswirtschaft, bevor er sich ganz aufs Schreiben verlegte. Der passionierte Segler ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Flensburg.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Feuer in den Dünen | Erschienen am 22. August 2019 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-630-2
288 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Jo Nesbø | Messer Bd. 12

Das richtige Messer für die richtige Tätigkeit war entscheidend. Die Messer waren gut, zweckdienlich, von herausragender Qualität. Trotzdem fehlte ihnen, was Svein Finne an Messern besonders schätzte. Persönlichkeit, Seele, Magie. Bevor der groß gewachsene junge Polizist mit den störrischen Haaren alles kaputtgemacht hatte, war Svein Finne der stolze Besitzer einer stattlichen Sammlung von insgesamt sechsundzwanzig Messern gewesen. (Auszug Seite 15)

Die Rezension ist mir diesmal nicht ganz leicht gefallen. Ich bin ein großer Fan der Harry-Hole-Reihe und habe sämtliche Bände gelesen und geliebt, angefangen mit Der Fledermausmann bis zum elften Band Durst. In jenem letzten Band war Harry Hole Dozent an der Polizeihochschule und führte zusammen mit Ehefrau Rakel und Sohn Oleg nach vielen Höhen und Tiefen ein harmonisches Privatleben. Das fand ich zur Abwechslung mal ganz erfrischend, doch das holde Glück war nur von kurzer Dauer.

Harry Hole am Scheideweg

In Messer, dem zwölften Band und nur circa anderthalb Jahre später spielend, ist schon wieder alles vorbei. Harry wurde von seiner Frau rausgeschmissen, den genauen Grund erfährt man erst später. Und er ist wieder dem Alkohol verfallen, lässt sich total gehen und versinkt regelrecht in depressivem Selbstmitleid. Seinen Job als Dozent hat er verloren und arbeitet wieder in seiner alten Dienststelle, wird aber von seiner Chefin Katrine Bratt nur mit einfachen Ermittlungstätigkeiten beschäftigt. Im Laufe der zwölf Bände balancierte der schwierige Einzelgänger oft an der Grenze eines seelischen Abgrundes, aber diesmal befindet er sich endgültig auf einem Selbstzerstörungstrip. Dem wird im aktuellen Buch sehr viel Platz eingeräumt und das war teilweise wirklich schwer zu ertragen, aber ich befürchte dass es sich hierbei um eine realistische Darstellung eines alkoholkranken Menschen handelt. Ein Quartalssäufer funktioniert eine Zeitlang ganz gut und meistens auch abstinent, um dann nach einem totalen Kontrollverlust einen schlimmen Absturz zu erleiden.

Zeitgleich wird der 77-jährige Svein Finne nach langer Haftzeit entlassen. Hole war damals an seiner Verhaftung mitverantwortlich und der perverse, sadistische Serienvergewaltiger mit einer Vorliebe für Messer, schwor Harry und seiner Familie nicht nur aus diesem Grund Rache. Finne wird Der Verlobte genannt und war bekannt dafür, seine Opfer schwängern zu wollen. Er drohte den Frauen, sie umzubringen, wenn sie „sein Kind“ abtreiben wollten. Kaum entlassen, lebt er seine kranken Fantasien erneut aus und geht trotz seines fortgeschrittenen Alters sofort wieder auf die Jagd nach neuen Opfern.

Totaler Blackout

Hole wacht eines Morgens nach einer durchzechten Nacht mit blutverschmierten Klamotten und einem totalen Filmriss auf. Dann passiert etwas, was ihn endgültig aus der Bahn wirft. Einzelheiten möchte ich hier nicht spoilern, mich hat dieser Verlauf sehr geschockt und ich dachte, das kann Nesbø doch nicht machen. Aber der norwegische Autor hat keine Bedenken, den Leser zu verschrecken. So erklärte er einmal in einem Interview, dass er es nicht als seinen Job ansieht, die Erwartungen seiner Leser zu erfüllen, sondern dass ausschließlich Geschichten schreibt, die ihn selbst interessieren. Und so falsch kann er bei mittlerweile über 40 Millionen weltweit verkauften Exemplaren ja auch nicht liegen.

Messer ist ein Thriller, in dem die Gewalt deutlich weniger im Vordergrund steht als in manchen Vorgängerbänden und der sich komplett auf seinen charismatischen Protagonisten Harry Hole konzentriert, dessen Leben nun richtig aus den Fugen gerät. In einer weiteren spannenden Handlungsebene geht es um die Traumata von Soldaten eines Spezialkommandos in Afghanistan und es gibt auch ein Wiedersehen mit einigen Bekannten aus dem Harry-Hole-Kosmos, wie Kaja Solness, die Harry damals in Leopard aus der Drogenhölle Hongkongs holte.

Auch dieser Thriller ist ein düsterer Pageturner mit ständig wechselnden Erzählperspektiven, der mit vielen frappierenden Wendungen, falschen Spuren sowie melancholischer Stimmung glänzt und mit ergreifenden Emotionen überzeugt. Wenn es zum Schluss zur komplett unerwarteten aber logischen Auflösung kommt, kann man die intelligente Konstruktion nur bewundern. Wenn dann alle losen Fäden verknüpft werden, wird die Raffinesse des Plots deutlich. Selbst die sehr ausführlichen Beschreibungen über Musik haben ihre Berechtigung, denn Hole findet einen wichtigen Hinweis mitten zwischen seiner riesigen Plattensammlung, der dann sogar ihn selbst als Täter in den Fokus rückt.

Sung-mins Verdacht, dass Harry Hole im Affekt und umnachtet von Alkohol getötet hatte, war dadurch nur noch verstärkt worden. Er nahm an, dass Harry tatsächlich große Teile des Vorfalls vergessen oder verdrängt und die letzten Tage seines Lebens damit verbracht hatte, gegen sich selbst zu ermitteln. (Seite 462)

Fazit

Messer ist vielleicht der emotionalste, dramatischste Teil, für mich ein Band mit leichten Schwächen, aber für Fans der Reihe ein Muss. Nesbø zeigt sich wieder als gewiefter Meister von vertrackten Plots und rausgekommen ist ein tiefgründiger und vielschichtiger, hervorragend geschriebener Krimi der Extraklasse.

Funfact: Für seinen zerrissenen Helden Harry Hole hat Jo Nesbø die Storyline seines privaten und beruflichen Lebens schon vor Jahren festgelegt und hält sich im Groben auch an diesen Plan.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Messer | Erschienen am 27. August 2019 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08173-6
576 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Kniv
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Jo Nesbø-Romanen Macbeth, Die Larve und Durst sowie einen Sonderbeitrag Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck, Bericht von der Lesung in Schwerte

Joseph Incardona | Asphaltdschungel

Joseph Incardona | Asphaltdschungel

Frankreich, August, Sommer, eine Autobahn Richtung Süden. Flirrende Hitze, Stau, Schweiß, Stress, Ungeduld, Aggressivität. Kennt vermutlich jeder von uns. In diese Atmosphäre versetzt Autor Joseph Incardona nun einen perfiden, kaltblütigen Serienmörder. Einer, der junge Mädchen verschleppt, die danach nie wieder auftauchen. Doch der Reihe nach: Eine Familie auf dem Weg in den Urlaub. Die Eltern Marc und Silvie haben sich nicht viel zu sagen, Marcs Untreue lastet auf der Ehe. Ihre zwölfjährige Tochter Marie, weißes Spaghetti-Top, Hot Pants, Flipflops, sitzt ernüchtert auf der Rückbank. Essenspause an einer Raststelle, Marie darf nach draußen – „unter der Bedingung, dass du nicht zu weit weg gehst“. Dort streift sie über den Parkplatz und bleibt zufällig neben einem VW-Van stehen, weil sie eine Nachricht auf dem Smartphone erhält. Im Van sitzt Pascal, Koch des Autobahnrestaurants, der Marie eben bedient hat und auf so eine Gelegenheit nur gewartet hat.

Inzwischen arbeitet er in einer anderen Liga. Er arbeitet jetzt am Menschen.
Unsichtbar in der Masse aufgehen, immer da sein, ohne aufzufallen.
Dazu braucht es schon etwas.
Aufopferung. Verzicht. Demut. […]
Warten.
Die Ampulle mit dem Chloroform liegt auf der Platte des Ausziehtisches. (Auszug Seiten 58-59)

Dieser Pascal ist ein unscheinbarer Typ. Einer, der sich kleiner macht, sich schwächer gibt, als er tatsächlich ist. Einer, der nicht groß auffällt. Er arbeitet nun schon seit längerem an mehreren Autobahnraststätten eines Pächters. Einer der wenigen Konstanten bei viel Fluktuation unter den Mitarbeitern. Flexibel, zuverlässig, keine Gewerkschaft, so was mag der Chef. Er ist in einem Heim aufgewachsen, hatte schon damals Aggressionen, die er aber kontrollierte. Seit einem Motorradunfall mit anschließender schwieriger Operation am Gehirn ist das nicht mehr so. Er behielt zwar sein Leben, verlor aber sein Gehör, seinen Geschmacks- und Geruchssinn. Und noch etwas anderes:

„Man hatte ihn aufgeschnitten, um ihm das Böse einzupflanzen“ (Seite 16).

Zwei Mädchen hat er bereits entführt und ermordet. Marie wird die dritte sein. Doch die Leichen werden von ihm in Säure aufgelöst, die Mädchen sind offiziell verschwunden. Die Polizei hat die Zusammenhänge noch nicht erkannt. Doch diesmal wird Maries Verschwinden sehr schnell gemeldet, der Polizeiapparat hat sich für Entführungsfälle neu aufgestellt, die Maschinerie läuft schnell an. Und diesmal erkennt die leitende Kommissarin Julie Martinez die Verbindung. Diesmal wird es eng für Pascal.

Das alles könnte man zu einem Thriller zusammenrühren, doch Joseph Incardona macht es anders, macht es noir. Der Schweizer ist Autor verschiedenster Gattungen, Romane, Drehbücher,Theaterstücke, Comics. Und wie in einem Theaterstück lässt er hier die verschiedensten Personen auftreten, wechselt permanent die Perspektive. Schreibt in knappen kurzen Sätzen, stakkatohaft. Flirrend, hektisch, wie diese Atmosphäre im Roman. Die Figuren im Roman sind alle in irgendeiner Form mit den Geschehnissen verbunden, bilden ihren eigene Mikrokosmos, treffen in schicksalhaften Begegnungen zusammen.

Pierre, ein Vater eines der früheren Opfer, der seinen Glauben an die Behörden verloren und nun selbst auf die Jagd nach dem Mörder seiner Tochter Lucie geht. Seine Frau Ingrid, die sich völlig aufgegeben hat und den Schmerz in Alkohol und ungezügelter Sexualität ertränkt. Maries Eltern Marc und Sylvie, die das Verschwinden ihrer Tochter noch weiter auseinandertreibt. Pascals feister Chef Gérard, dem das Polizeiaufgebot aufgrund eigener Illegalitäten gar nicht schmeckt. Tía Sonora, eine Mexikanerin, frühere Prostituierte, die nun als Wahrsagerin an der Autobahn arbeitet und ein wenig auf die junge Lola achtet, die sich als Frau fühlt, obwohl als Mann geboren und noch ausgestattet, und sich auf den Rastplätzen prostitiuert. Julie und Thierry, die leitenden Beamten, die unter enormem Druck stehen. Und weitere, die nur kurz auftauchen. Doch alle sind vereint in einer tiefen Einsamkeit, Trauer, Niedergeschlagenheit, Ziellosigkeit. Hoffnungsvolle Momente verblassen schnell, Perspektivlosigkeit, Frust und eine unkontrollierte, schmerzhafte Sexualität schwingt in den Figuren mit.

Wir sind allein.
Als beschissene Kosmonauten treiben wir durchs Weltall.
Im Weltall hört dich niemand schreien, stand auf dem Filmplakat.
Genau das ist es. (Seite 224).

Asphaltdschungel ist einer dieser Romane, die man zunächst gar nicht so auf dem Schirm hat, die auch beim Lesen nicht ganz so bequem sind, die aber dafür umso mehr nachhallen. Der Autor kombiniert eine episodenhafte Struktur mit vielen Figuren und Perspektiven mit einem durchgehenden Handlungsstrang, der Suche nach dem Mörder Pascal. Dabei wird der Leser tief in die Düsternis der Figuren getragen. Der Roman gewann 2015 den renommierten französischen Krimipreis „Grand Prix de littérature policière“. Auf der Rückseite des Buches steht ein Zitat der französischen Zeitung Libèration: „Ein schöner Roman noir von einem besonders schwarzen Schwarz“. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, für mich ist Asphaltdschungel einer der besten Romane des Jahres!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Asphaltdschungel | Erschienen am 14. März 2019 im Lenos Verlag
ISBN 987-3-85787-494-9
340 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: Derrière les panneaux, il y a des hommes
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Max Annas | Morduntersuchungskommission Bd. 1

Max Annas | Morduntersuchungskommission Bd. 1

An den Gleisen einer Bahnstrecke nahe Jena wird 1983 die Leiche eines Mosambikaners gefunden, die mehr Fragen aufwirft, als es in der Wirklichkeit des Sozialismus Antworten zu geben scheint. Augenscheinlich wurde der Mann aus einem fahrenden Zug gestoßen, doch das Verletzungsbild deutet auf Misshandlung.

Autor Max Annas greift mit seinem vierten Kriminalroman den authentischen Fall des 1986 verstorbenen Manuel Diogo auf, dem auch der Roman gewidmet ist. Annas, selbst in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen, kam durch einen Zufall das erste Mal 1987 in die DDR, erhielt jedoch 1989 ein Einreiseverbot. Der Fall Diogo ließ ihn nicht mehr los, was er schriftstellerisch auf seinen Protagonisten Oberleutnant Otto Castorp übertragen hat. Dieser wird mit den Ermittlungen in dem Todesfall beauftragt, wird aber, als er allzu genau recherchiert und politisch betrachtet zu brisant wird, zurückgepfiffen, der Fall soll – um politische Missstimmungen zu vermeiden – unter den Teppich gekehrt werden. Doch Castorp ist ein Denker, einer, der das System DDR nicht so schluckt, wie er es als Staatsangestellter sollte, und damit aneckt, denn er ermittelt im Alleingang weiter – und wird dabei beobachtet.

„Du hängst immer noch an dem Fall mit dem Afrikaner. (…) Wie viele haben dir gesagt, dass du die Finger davon lassen sollst?“
[…]
„Danke, ich mag es, wenn mich mein eigener Bruder belehrt. Jetzt kannst du mir ja die Frage endlich beantworten.“
„Welche Frage?“
„Wie wir hier mit denen umgehen.“
„Es gibt keine, ich habe dir das doch gerade gesagt. Nazis sind eine Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die gibt es folglich in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht bei uns in der DDR.“ (Seite 293)

Max Annas hat die Figur des Oberleutnants Castorp mit einer angenehmen Tiefe ausstaffiert. Er gibt uns Einblicke in sein Privatleben mit seiner Frau Birgit und seinen Kindern und zeigt die sensiblen Seiten des Ermittlers besonders in dessen Begegnungen mit seiner Geliebten Marion. Dabei gefiel mir sehr gut, dass keine wertende Haltung herauszulesen war. Castorp reibt sich an der Systematik der DDR und ebenso fügt er sich nicht recht in das gesellschaftlich geforderte Familienbild. Doch Annas beschreibt es in einer harmonischen Art, es passt, als müsste es so sein, der Autor versteht, was sein Protagonist braucht, um rund zu sein. Castorp ist ein Sympath und fähiger Ermittler zugleich, leider im falschen Staatssystem.

Morduntersuchungskommission ist ein eher bedächtig aufgebauter Kriminalroman, der den Anfang einer neuen Reihe darstellt, die historische Mordfälle der DDR aufgreift, im Kontext zum politischen System und den besonderen Verhaltensweisen, denen Ermittler unterliegen. Mich hat der Schreibstil Annas sehr begeistert, da er ruhig und zugleich spannend aufzeigt, woran es dem System fehlte und was dies mit den dem System unterworfenen Bürgern und Staatsbediensteten machte. Dabei hat Journalist Annas gründliche Recherchen zugrunde gelegt und unterhält spannend und mühelos zugleich. Einzig die detaillierten Beschreibungen der Verstümmelungen und Misshandlungen bilden einen Ausreißer im Gebrauch drastisch bildlichen Sprachgebrauchs.

Max Annas arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine ersten drei Kriminalromane mit dem Deutschen Krimipreis auszgezeichnet.

 

Rezension und Foto von Nora.

Morduntersuchungskommission | Erschienen am 23. Juli 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00103-2
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Berliner Zeitung – Ein Gespräch mit dem Krimiautor Max Annas

Auch bei uns: Rezension zu Max Annas | Die Mauer

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

Jo Nesbø | Die Larve Bd. 9

„Und was ist mit dir, Harry? Kannst du dich nicht auch verändern?“
„Ich wünschte, ich könnte, Oleg. Ich wünschte, ich würde mich so ändern, dass ich in Zukunft besser auf dich aufpassen könnte. Aber für mich ist es zu spät. Ich bleibe der, der ich bin.“
„Und das wäre? Ein Säufer? Jemand, der andere im Stich lässt?“
„Ein Polizist.“
Oleg lachte. „Sonst nichts? Ein Polizist? Nicht etwa ein Mensch, oder so?“
„In erster Linie Polizist.“ (Auszug E-Book, Position 7707)

Drei Jahre lang hat sich Harry Hole in Hongkong aufgehalten. Nun kehrt er nüchtern und in gutem gesundheitlichen Zustand nach Oslo zurück. Sein Stiefsohn Oleg ist wegen Mordes an seinem Freund und Drogendealerkompagnon Gusto Hanssen verhaftet worden. Harry sucht Kontakt zu seiner großen Liebe Rakel und den wenigen verbliebenen Freunden, klopft die Indizien ab, doch auch er kommt zu keiner anderen Erkenntnis, als dass alles für Olegs Täterschaft spricht. Doch wer Harry kennt, weiß, dass er sich damit nicht abfinden kann. Er setzt alles auf eine Karte und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Harry ist nämlich aufgefallen, dass der ihm bekannte Drogenmarkt in Oslo („Europas Drogenhauptstadt“) sich in den letzten Jahren erheblich verändert hat. Statt des aggressiven Heroins dominiert nun das Opoid Violin. Noch intensivere Trips, starke Abhängigkeit, aber geringe Wahrscheinlichkeit von Überdosierung. Es gibt auch keine Kämpfe der Drogengangs mehr, sondern ein russischer Boss mit dem Pseudonym Dubai steht an der Spitze der Nahrungskette. Offensichtlich hat dieser auch einen „Brenner“ im Polizeipräsidium, einen korrupten Polizisten, der Beweise manipuliert. Harry stößt in seinen Nachforschungen auch auf seinen ewigen Widersacher Mikael Bellman, designierter Chef der Kripo, und Isabelle Skøyen, Drogenbeauftragte der Stadtverwaltung. Es gibt offenbar Verbindungen zwischen diesen Personen, Dubai und Gusto, Oleg und Gustos Stiefschwester Irene, in die Oleg verliebt ist. Harry verbeißt sich in den Fall, in tiefer Sorge um Oleg, auf den in der Haft ein Mordanschlag verübt wird, nicht ahnend oder ignorierend, dass er selbst längst ins Visier seiner Gegner geraten ist.

Autor Jo Nesbø ist aktuell international sicherlich der bekannteste Thrillerautor Norwegens. Der Autor ist ein wahrer Tausendsassa, war er doch bislang Makler, Finanzanalyst, Journalist und ist immer noch Mitglied der seit mehr als zwanzig Jahren in Norwegen sehr erfolgreichen Popband Di Derre. Nesbø schrieb auch erfolgreich Kinderbücher, Stand-Alones (zuletzt die Adaption von Shakespeares Macbeth), doch die größte Popularität erlangte er mit seiner vielfach prämierten Harry-Hole-Reihe.

Muss man dem Krimileser noch die Figur Harry Hole erklären? Inzwischen ist mit Das Messer der zwölfte Fall mit diesem Ermittler erschienen. Brillanter Kriminaler, Gerechtigkeitsfanatiker, stets auf der Spur des wahren Bösen, das er obsessiv verfolgt. Alkoholiker, wenngleich meist trocken, dennoch mit einer Vielzahl innerer Dämonen ausgestattet, selbstzerstörerisch und auch die wenigen Beziehungen, die er noch hat, ständig auf die Probe stellend.

Die Larve ist der neunte Fall und ein äußerst persönlicher für Harry Hole. Es tut dem Roman für meinen Geschmack ziemlich gut, dass es Harry Hole nicht mit einem der sonst regelmäßig seinen Weg kreuzenden Serienkiller und Psychopathen zu tun hat. Vor allem Oslo als Drogenmetropole mit allerdings fortschreitender Gentrifizierung kommt als Setting gut zur Geltung. Nesbø schreibt souverän aus wechselnden Perspektiven, so lässt er den Toten Gusto Hanssen quasi auf dem Sterbebett Vergangenes rekapitulieren. Er zeichnet in bester Tradition des Nordic Noir ein trübes Bild von Verbindungen zwischen organisiertem Verbrechen und Entscheidungsträgern in Politik und Gesellschaft. Dabei baut er den Plot sehr raffiniert auf und serviert mehrere Spannungshöhepunkte und einen extrem fiesen Cliffhanger am Schluss. Seine Hauptfigur Harry Hole hat der Autor nie geschont, aber hier treibt er es tatsächlich noch mal auf die Spitze. Nebenbei fand ich auch die Einbindung musikalischer Elemente in die Handlung äußerst gelungen, von Mozarts Don Giovanni über die amerikanische Band Wilco bis zu Nirvanas Come as you are an prominenter Stelle. Insgesamt also ein wirklich überzeugender Thriller.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Larve | Erschienen am 9. November 2012 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-54828-493-4
576 Seiten | 22.- Euro
als eBook:
ISBN 978-3-54828-493-4
9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Auch bei uns: Bericht zur Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck sowie zu der oben genannten Shakespeare-Adaption Macbeth.