Kategorie: Aktenzeichen

Rezensions-Doppel: Jacob Ross | Die Knochenleser & Cherie Jones | Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Rezensions-Doppel: Jacob Ross | Die Knochenleser & Cherie Jones | Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Die Literatur der Karibik ist hierzulande für viele Leser*innen sicherlich oft ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Auch im Krimigenre fiele mir, außer Leonardo Padura aus Kuba und Gary Victor aus Haiti nicht allzu viel ein. Dabei bieten die karibischen Inseln aufgrund der kolonialen Vergangenheit (und teilweise Gegenwart), das Aufeinanderprallen verschiedener politischen Systeme, Hautfarben und Klassengegensätzen genug Material für Spannungsliteratur. In der jüngsten Zeit haben es gleich zwei Autor*innen aus der Region in die Krimibestenliste geschafft: Jacob Ross, geboren auf Grenada, und Cherie Jones aus Barbados. Beide operieren mit fiktiven Namen für ihre Schauplätze, die Gegebenheiten sind aber dennoch mit ihrer Heimat stark verbunden. Was beide Romane vor allem verbindet ist die Marginalisierung von Frauen. Zeit für eine Doppelrezension.

Jacob Ross | Die Knochenleser

Michael „Digger“ Digson lebt auf der Karibikinsel Camaho in den Tag hinein. Als er Zeuge eines Verbrechens wird, kommt er in Kontakt mit Detective Superintendent Chilman, einem der höchsten Polizisten des Landes. Chilman rekrutiert Digger mehr unter Zwang als freiwillig für den Polizeidienst, lässt ihn später zum Forensiker ausbilden. Doch Digger hat noch eine eigene Agenda: Als er noch ein Kind war, verschwand seine Mutter spurlos. Sie nahm teil an einer Demonstration von Frauen aufgrund des brutalen Mordes und Vergewaltigung eines Schulmädchens. Die Polizei ließ die Demonstration gewaltsam auflösen, es gab einen Schießbefehl. Seitdem fehlt von seiner Mutter jede Spur.

Die Arbeit in der kleinen Einheit der Kriminalpolizei ist eher schwierig und hemdsärmelig. Moderne Polizeiarbeit hält erst langsam Einzug. Zudem verfolgt der Chef Chilman auch seine eigenen Pläne. Eines Tages stößt Miss Stanislaus zur Truppe, eine junge, etwas exzentrische, aber sehr fähige Frau. Sie bringt das Gleichgewicht der männlichen Führungspersonen erheblich durcheinander. Gemeinsam mit Digger untersucht sie das Verschwinden weiterer Personen und stößt auf einen christlichen Baptistenkults mit dem einflussreichen Diakon Bello Hunt an der Spitze.

„Wieso denkst du, dass es ein Kerl ist?“, fragte Caran.
„Hast du je gehört, dass hier eine Frau eine andere Frau umgebracht hätte?“
Caran schüttelte den Kopf. (Auszug Seite 141)

Autor Jacob Ross hat zwar den Schauplatz seines Romanes mit dem fiktiven Namen „Camaho“ anonymisiert, die Beschreibungen und geschichtlichen Andeutungen weisen jedoch stark auf seine Heimatinsel Grenada hin, eine Insel der kleinen Antillen, bekannt für seine Muskatnüsse. In der westlichen Wahrnehmung zuletzt präsent, als Ronald Reagan 1983 die politischen Entwicklungen auf der Insel nicht gefielen und er – gegen den Willen der Briten (Grenadas Staatsoberhaupt ist bis heute der britische Monarch) – Truppen entsendete. Ross zeichnet ein Bild einer sehr ungleichen Gesellschaft mit viel Armut und einem immer noch übermächtigen männlichen Einfluss. Gewalt gegen Frauen in vielerlei Formen bildet ein großes gesellschaftliches Problem.

Wer bei dem Titel „Die Knochenleser“ auf einen forensischen Thriller gehofft hatte, der wird ein wenig enttäuscht werden, denn die Forensik spielt nur eine Nebenrolle. Stattdessen geht es vielmehr um das gestörte Geschlechterverhältnis auf der Insel, auf der die Frauen immer noch weitgehend von Männern dominiert werden – bis hin zur Gewalt. Und diese Gewalt wird vom Staat dann auch oft genug nicht sanktioniert. Ein wenig kritisieren möchte ich den Plot, der vor allem bis zur Mitte des Buches mir etwas zu unfokussiert vorkam. Ansonsten ist der Roman aber auf jeden Fall lesenswert und bietet einen neuen, unverbrauchten Schauplatz und interessante Figuren für weitere Bände.

Cherie Jones | Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Das für den Außenstehenden paradiesische (fiktive) Baxter’s Beach auf Barbados im Jahr 1984: Stella, genannt Lala, ist hochschwanger, lebt mit ihrem kriminellen Ehemann Adan in einem schäbigen Häuschen über dem Strand. Als vorzeitig die Wehen losgehen, ist Adan nicht da. Lala irrt am Strand umher, klingelt schließlich bei einem herrschaftlichen Haus an der Dienstbotenpforte, um Hilfe zu erhalten. Doch es erscheint ihr Mann, der dort gerade einen Einbruch verübt hat und dabei den Hausbesitzer erschossen hat.

Diese Geschichte bildet den Ausgangspunkt für die unglückliche Geschichte von Lala, deren neugeborene Tochter nur wenige Wochen leben wird. Ihr Tod wird nochmals zusätzlich Aufmerksamkeit generieren. Aufmerksamkeit, die der gewalttätige und zunehmend rücksichtslose Adan überhaupt nicht gebrauchen, schließlich sucht die Polizei immer noch nach dem Einbrecher und Mörder. Was noch hinzukommt: Tone, ein Handlanger Adans und Lalas erste Liebe, will ihr helfen und nähert sich ihr wieder an.

Autorin Cherie Jones lebt auf Barbados und arbeitet dort auch als Anwältin. Sie gewann 1999 bereit einen Short Story-Preis, legte aber mit diesem Buch erst ihr Romandebüt vor. „How The One-Armed Sister Sweeps Her House“ stand direkt auf der Shortlist des „Woman’s Prize for Fiction“. Der ungewöhnliche Titel bezieht sich auf eine Geschichte, die Lalas Oma Wilma ihr erzählt, um dem Teenager zu beschwören, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.

Er drückt zu, und ihre Augen werden dunkel, verschleiern wie die Meeresoberfläche an einem regnerischen Tag, ein Meer, unter dessen Oberfläche sie weiter in die Stille sinkt. […] Lala denkt, wenn Sterben die ewige Achterbahn von Farbe bedeutet, den übermütigen Tanz auf Blau und Grün, Rot und Lila, dann könnte das Töten vielleicht ein Liebesdienst sein. (Auszug E-Book Pos. 3057)

Der Roman folgt nicht den Mustern eines klassischen Kriminalromans, sondern behandelt Verbrechen und Missstände eher im Gewand eines Gesellschaftsromans. Die Autorin schreibt in einem poetischen Ton vom harten Leben in Barbados, von reichen Männern, die sich Geliebte und deren Kinder halten, von sexuellem Missbrauch, Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen und von Frauen, die sich mangels Alternativen mehr oder weniger prostituieren. Dabei wechselt die Autorin immer wieder in die Vergangenheit, um Hintergründe zu erläutern, und auch die Perspektiven. Dies ist für meinen Geschmack hier aber nicht optimal gelungen, mehreren Personen wird Raum gegeben, ohne dass dies den Roman wirklich bereichert. Was für mich als Leser zudem schwierig ist: Mangels Kenntnis über die aktuellen Gegebenheiten vor Ort, tue ich mich schwer mit der Einordnung des Romans, der ja weitgehend Mitte der 1980er spielt. Dennoch ist er literarisch sicherlich interessant für Leser*innen, die die europäische Komfortzone verlassen wollen.

 

Die Knochenleser | Erschienen am 11.04.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47236-1
376 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: The Bone Readers | Übersetzung aus dem karibischen Englisch von Karin Diemerling
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

Wie die einarmige Schwester das Haus fegt | Erscheinen am 05.09.2022 bei Culturbooks
ISBN: 978-3-95988-185-2;
328 Seiten | 25,- €
Originaltitel: How The One-Armed Sister Sweeps Her House | Übersetzung aus dem Englischen von Karen Gerwig
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gesellschaftskritischer Krimi

Val McDermid | 1979 – Jägerin und Gejagte (Band 1)

Val McDermid | 1979 – Jägerin und Gejagte (Band 1)

Die junge Reporterin Allie Burns fängt 1979 frisch bei einer Glasgower Zeitung an. Sie ist ehrgeizig und voller Ambitionen, aber Ende der 70er Jahre haben es Frauen in der männerdominierten Journalistenszene noch schwer. Bei dem fiktiven Boulevardblatt Clarion regiert der „Boys Club“ und die wenigen weiblichen Angestellten sind für die eher leichten Frauenthemen, Familiendramen oder das undankbare Witwenschütteln zuständig.

„Die Kleine hat recht. Wenn wir es auf diese Weise angehen, wird jede Frau in Dundee Gänsehaut bekommen. Ich mag das. Seht ihr, ich hab’s euch doch gesagt, Jungs. Die weibliche Perspektive mit einzubeziehen hat seine Vorteile.“ (Auszug Pos. 1211)

Allie findet in ihrem jungen Kollegen Danny Sullivan einen Verbündeten. Dieser recherchiert in einem brisanten Fall von Steuerbetrug und Geldwäsche im großen Stil, in deren Machenschaften ausgerechnet sein eigener Bruder verwickelt zu sein scheint. Er bittet Allie um Unterstützung und sie hilft ihm nicht nur mit ihren brillanten Formulierungskünsten. Auf einer Scottish National Party kommt Allie dann zufällig einer potenziellen Separatistengruppe auf die Spur, die mit logistischer Hilfe der IRA Anschläge planen, um die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien voranzutreiben. Als Danny sich als angeblicher Finanzier in die Gruppe einschleust, geraten die beiden aufstrebenden Journalisten in Lebensgefahr.

Allie und Danny bilden ein gutes investigatives Team und betreiben ihre Recherchen typisch für die damalige analoge Welt noch mit Telefonbüchern und Straßenkarten. Mit großem Engagement wollen sie politische und gesellschaftliche Missstände aufdecken und nach den ersten Erfolgen fühlen sie sich schon auf den Spuren der „Watergate«-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward.

Nostalgische Zeitreise in die 1970er Jahre
1979 ist der erste Band einer 5-teiligen Reihe über die Journalistin Allie Burns, die über 5 Jahrzehnte geplant ist und die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen Schottlands aufzeigt. Da die schottische Autorin selbst in dieser Zeit einige Jahre als Reporterin bei einer Lokalzeitung in Glasgow tätig war, kann sie wunderbar ihre persönlichen Erfahrungen aus der Welt der Medien einbringen. Auch wenn tatsächlich noch ein Mord passiert, steht in dem historischen Kriminalroman die journalistische Arbeit im Vordergrund und hat im Krimiteil schon seine Schwächen. So hatte ich noch mit einem Plottwist zum Ende gerechnet, der dann ausblieb. Der Erzählstil ist betont langsam, die Geschichte plätschert auch so vor sich hin, aber es ist dem Können der Bestseller-Autorin zu verdanken, dass ich es sehr genossen habe. 1979 ist vielmehr eine Zeitreise in ein Schottland, das neben wochenlangen Minusgraden, Schneestürmen sowie Stromausfällen auch mit immensen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Die gesellschaftspolitischen Ereignisse dieser Zeit werden gekonnt wiedergegeben. Dabei wird Glasgow als eine Stadt der Gegensätze skizziert, in der extreme Armut neben unverhältnismäßigen Reichtum und Schönes neben Hässlichem existiert.

Speckbrötchen und klappernde Schreibmaschinen
Das erzählt Val McDermid sehr kleinteilig mit viel Nostalgie, wenn es um die tägliche Arbeit in den verrauchten Büros der Redaktion mit klappernden Schreibmaschinen und vielen fetttriefenden Speckbrötchen geht. Aber auch Homophobie, Frauenfeindlichkeit und andere Formen von Sexismus werden lebensnah beschrieben. 1979 steht Homosexualität in Schottland noch unter Strafe. Das erschwert die Lebensumstände des nicht offen schwul lebenden Danny erheblich und er steht auch privat unter permanentem Druck. Retro-Flair entsteht auch durch die Musik, die aus den Radios plärrt (es gibt eine Playlist am Ende des Buches) und Literatur, denn Val McDermid streut immer wieder Referenzen an Glasgows Literaten ein, zum Beispiel William McIlvanney, dessen legendärer Roman „Laidlaw“ 1977 den modernen schottischen Krimi begründete.

Der fesselnde Roman war für mich eine Wohltat in unserer schnelllebigen Zeit, in der sich alles verändert und vieles beängstigend oder zumindest unübersichtlich erscheint und man sich gerne der bereits abgeschlossenen Vergangenheit zuwendet. Die Geschichte, von McDermid souverän mit trockenem Humor erzählt, hat mich glänzend unterhalten und ich bin sehr neugierig auf nachfolgende Titel der Reihe, um zu sehen, wie Allie Burns sich weiterentwickelt, ihren eigenen Stil findet und sich in der männerdominierten Journalistenszene durchsetzt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

1979 – Jägerin und Gejagte | Erschienen am 01.06.2022 bei Knaur
ISBN 978-3-426-52882-2
432 Seiten | 12,99 €
Als E-Book: ISBN B09KX9TTMT | 9,99 €
Originaltitel: 1979 | Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Kirsten Reimers
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Val McDermids Roman „Das Grab im Moor

Ann-Helén Laestadius | Das Leuchten der Rentiere

Ann-Helén Laestadius | Das Leuchten der Rentiere

Man erzählte sich, dass am Vortag Schüsse vorm Dorf zu hören gewesen waren. Jemand behauptete, zwei, und jemand anders, drei gehört zu haben. Mitten am Tag. […] Es könnte sich um eine Person gehandelt haben, die einen tollwütigen Fuchs erschossen hatte, überlegte man im Laden. Oder es war jemand, der auf Rentiere schoss. Das sagte man nicht ganz so laut. (Auszug E-Book Pos. 2416)

Elsa ist neun Jahre alt, eine Sámi, lebt im Norden Schwedens, ihr Vater betreibt die traditionelle Rentierwirtschaft. Eines Tages im Januar 2008 fährt sie allein auf Skiern zum Rentiergehege und überrascht dort einen Wilderer aus dem Nachbardorf, der gerade ihr Ren Nástegallu gewildert hat. Der Mann bedroht Elsa mit der Geste einer durchgeschnittenen Kehle. Das Mädchen ist voller Angst und verschweigt den Namen des Täters, sowohl gegenüber ihrer Familie als auch bei der Polizei. Diese behandelt den Fall äußerst nachlässig als „Diebstahl“. Die Samen sind aufgebracht und fühlen sich schlecht behandelt. Die Nennung des Täternamens könnte endlich ernsthafte Ermittlungen in Gang setzen. Doch Elsa schweigt und setzt damit ungewollt die Zerreißprobe der Familie zwischen Tradition und Moderne fort.

Zehn Jahre später ist Elsa eine junge, moderne Erwachsene, die sich stärker mit den Verhältnissen auseinandersetzt. Die Rolle der Samen in der schwedischen Gesellschaft ist immer noch problematisch, die traditionelle Rentierwirtschaft stößt – auch aufgrund des Klimawandels – immer stärker an seine Grenzen, die Behörden handeln in Bezug auf die Samen weiterhin oftmals gleichgültig und innerhalb der samischen Gemeinschaft herrscht immer noch ein konservatives Familien- und Frauenbild. Das Problem der Wilderei ist immer noch virulent und endlich findet Elsa den Mut und die Kraft sich zu wehren und sucht die öffentliche Aufmerksamkeit. Doch dadurch bringt sie sich direkt ins Visier des Täters von damals.

Samisch zu sein bedeutete, seine Geschichte in sich zu tragen, als Kind vor dem schweren Rucksack zu stehen und sich zu entscheiden, ihn zu schultern oder nicht. Aber woher sollte man den Mut nehmen, sich für etwas anderes zu entscheiden, als die Geschichte der eigenen Sippe zu tragen und das Erbe weiterzuführen? (Auszug E-Book Pos. 2784)

Die Autorin Ann-Helén Laestadius ist selbst gebürtige Sámi und landete nach zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern mit „Das Leuchten der Rentiere“ in ihrer Heimat einen großen Bestseller. Der Originaltitel „Stöld“ heißt übrigens ganz lakonisch „Diebstahl“ und bringt die enorme Diskrepanz zwischen den schwedischen Behörden, der Mehrheitsgesellschaft und den Samen auf den Punkt. Die Wilderei eines Rentiers wird schlicht als Diebstahl behandelt, für die Samen ist es aber viel mehr als das. Die Samen gehen mit ihren Tieren eine enge Verbindung ein, für sie ist die Wilderei ein direkter Anschlag auf ihre Lebensweise, auf ihre Identität.

Im Zentrum des Romans steht natürlich Elsa und ihre Familie, aber auch die Familie ihrer besten Freundin Anna-Stina. Beide Familien stehen noch für die klassische Lebensweise mit Rentierhaltung, bei der die ganze Familie hilft, aber in der Regel die Männer die Hauptarbeit erledigen und die Frauen überwiegend für Heim und Kinder sorgen. Doch Elsa ist gewillt dieses Schema zu durchbrechen, ihren eigenen Platz im Sameby, der samischen Gemeinschaft, zu finden, und sie lässt sich dabei nicht mehr den Mund verbieten. Als ihre beste Freundin sich fest liiert, schnell schwanger wird und sich offenbar freiwillig dem traditionellen Frauenbild unterwirft, ist Elsa sichtlich irritiert.

Der Roman ist in drei Teile unterteilt: Der erste endet – ohne zu viel spoilern zu wollen – mit dem Selbstmord eines Familienangehörigen, der alle Beteiligten in eine tiefe Krise stürzt, auch noch viele Jahre später. Die Frage der Identität, des Stolzes, aber vor allem der Last und Bürde, der Zukunftsängste, ist ein zentrales Element des Romans. Überhaupt dringt der Roman tief in die Köpfe der Figuren, die Bewältigung von Schuld und Angst, der schwierige Umgang zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern, Selbstmordgedanken.

„Das Leuchten der Rentiere“ überzeugt auf vielerlei Ebenen, als Familiendrama, als Gesellschaftsroman und als Kriminalgeschichte. Die Autorin greift viele Themen auf, weiß diese aber effektiv im Roman zu verbinden. Die Gesellschaft der Samen wird dem Leser sehr eindrucksvoll nahegebracht. Dabei spielen Faktoren von außen oft eine entscheidende Rolle: Der latente Rassismus in Teilen der schwedischen Gesellschaft, mangelndes Interesse der Behörden, die Bedrohung durch den Klimawandel. Aber die Autorin verschweigt nicht die internen Probleme der samischen Gesellschaft: das Frauenbild, die „Rassismen“ innerhalb der Gemeinschaft, bei der immer noch stark auf Sippenzugehörigkeit abgestellt wird, die mangelnde Bereitschaft, sich bei psychischen Problemen Hilfe von außen zu holen. Und als roten Faden spinnt Ann-Helén Laestadius diesen Kriminalfall der Wilderei, der immer wieder hochkommt und am Ende eine wahrlich dramatische Wendung nimmt. Für mich ein sehr überzeugender Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Das Leuchten der Rentiere | Erschienen am 04.10.2022 bei Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-01294-1
448 Seiten | 25,- €
als E-Book: ISBN 978-3-455-01295-8 | 14,99 €
Originaltitel: Stöld | Übersetzung aus dem Schwedischen von Maike Barth und Dagmar Mißfeldt
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2022

 

 

Amor Towles | Lincoln Highway

Nebraska Mitte der 50er Jahre. Der 18jährige Emmett Williams wird nach über einem Jahr wegen Totschlags aus der Besserungsanstalt Salina entlassen. Er kehrt zum Familienhaus zurück, wo nach dem Tod des Vaters und dem Verschwinden der Mutter nur noch sein 8jähriger Bruder Billy wartet. Die kleine Farm gehört inzwischen der Bank und Emmett möchte mit Billy ein neues Leben beginnen. Dazu wollen die beiden mit dem alten hellblauen Studebaker über den Lincoln Highway Richtung Kalifornien fahren, wo sie die vor Jahren verschwundene Mutter vermuten. Kurz vor der Abfahrt tauchen Duchess und Woolly, zwei Freunde aus dem Jugendknast mit ganz anderen Reiseplänen auf. Sie stehlen Emmetts Auto samt seinem Geld und machen sich auf den Weg nach New York City, um an Woollys Erbe zu gelangen. Die beiden Brüder sehen sich gezwungen, ihnen per Zug hinterher zu reisen. Das ist der Beginn einer aberwitzigen Reise mit vielen skurrilen Begegnungen und vier sehr unterschiedliche Jugendlichen, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Der besonnene Emmett, der schon früh Verantwortung übernehmen, sich aber auch mit seinem Jähzorn auseinandersetzen muss, sein kleiner oft altklug wirkender Bruder Billy. Dagegen der durchgeknallte Duchess, der total ichbezogen nur nach seinem eigenen Moralkodex handelt. Und dann noch der liebenswerte Woolly, Spross einer wohlhabenden Ostküstenfamilie, aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen immer Außenseiter und unberechenbar in seinen Handlungen.

Die Road Novel beginnt mit Emmetts schicksalhafter Herkunftsgeschichte sowie der Gewalttat sehr vielversprechend und ich genoss das ländliche Setting des mittleren Amerikas. Leider konnte es mich dann aber nicht durchgehend begeistern. Der Plot verfängt sich in vielen Nebenhandlungen, es wird aus nicht weniger als acht Perspektiven erzählt. Dadurch bremst sich die Geschichte immer wieder aus und alles wird nur oberflächlich angerissen. Amor Towles ruhiger Erzählton ist liebenswert charmant, bildgewaltig, rutscht jedoch für meinen Geschmack öfter ins Banale ab. Mir war es oft zu redselig und viele Sätze zu bedeutungsschwanger und mythenbeladen. Die einzelnen Charaktere sind mit Ecken und Kanten gut ausgearbeitet, und besonders Duchess machte es mir oft nicht leicht, seine Eskapaden zu ertragen. Viele überraschende Wendungen hielten mich dann doch bei der Stange und ich wollte auch unbedingt wissen, was es damit auf sich hat, dass die Kapitel des Romans rückwärts gezählt werden.

 

Lincoln Highway | erschienen am 25. Juli 2022 im Carl Hanser Verlag
ISBN 978-34462-7400-6
576 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: The Lincoln Highway | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gerne: Spannungsroman

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Chris Hadfield | Die Apollo-Morde

Der Kanadier Chris Hadfield war bis 2013 Astronaut und wurde international vor allem mit seiner Mission auf der ISS Ende 2012 / Angang 2013 bekannt, von wo mit Nachrichten und Bildern von der ISS über die sozialen Medien große Popularität erlangte. Kurz vor seiner Rückkehr zur Erde veröffentlichte Hadfield auch ein Musikvideo, in der er in der Raumstation David Bowies „Space Oddity“ covert. Als Ruheständler begann mit Hadfield mit dem Schreiben, seiner Passion Weltraum ist er aber treu geblieben. Für sein Debüt als Thrillerautor hat er sich die ominöse Apollo 18-Mission ausgesucht, die nie stattfand, aber in der Popkultur immer wieder die Fantasie anregt.

Die NASA hat Budget-Probleme, sodass für Apollo 18 das Pentagon einspringt. Dadurch wird die Mission im Jahr 1972 aber überwiegend militärisch. Die Sowjets haben vor kurzem eine Sonde auf die Mondoberfläche gebracht, zudem wurde die (noch unbemannte) Spionage-Raumstation Almaz in die Umlaufbahn gebracht. Die Crew soll nach Möglichkeit beides auf ihrer Mission sabotieren. Doch Apollo 18 steht unter keinem guten Stern, als der Kommandant bei einem Test-Helikopterflug ums Leben kommt. Die Unglücksursache bleibt unklar, da startet die Mannschaft bereits ins All. Und dort wartet die nächste Überraschung, denn Almaz ist keineswegs unbemannt.

Durchaus pfiffig nutzt Chris Hadfield hier Fakten und Fiktion, um den kalten Krieg der 1970er in den Weltraum zu verlegen. Dabei kommt auch eine Vielzahl reale Persönlichkeiten vor. Er erzählt die Story aus verschiedenen Perspektiven und mit einem großen Fundus aus seiner persönlichen Erfahrung. Das ist auch die große Stärke des Thrillers: Die ganze Mission, die Schauplätze und die Atmosphäre im All und auf dem Mond beschreibt Hadfield sehr anschaulich und authentisch. Da verzeiht man auch den einen oder anderen Hänger im Plot und die ausbaufähigen Figuren. Insgesamt ein ordentliches Weltraumabenteuer von einem echten Insider.

 

Die Apollo-Morde | Erschienen am 15.06.2022 im dtv Verlag
ISBN 978-3-342-322010-1
640 Seiten | 12,95 Euro
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: The Apollo Murders | Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Lungstrass-Kapfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Thriller

 

 

Antonio Fusco | Schatten der Vergangenheit

Tommaso Casabona ist Kommissar einer Stadt in der Nähe von Florenz. Vor kurzem hat sich seine Frau von ihm getrennt, Auslöser war eine Affäre mit einem Arzt. Ebenjener Arzt wurde ermordet aufgefunden und ein Mafiakiller als Kronzeuge beschuldigt Casabona des Mordes. Bei einer Hausdurchsuchung flüchtet Casabona, da er nur so glaubt, selbst seine Unschuld beweisen zu können. Die Indizien für seine Tatbeteiligung stehen auf wackligen Füßen, aber offenbar sind die Ermittlungsbehörden bereit, Casabona zu opfern, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen nicht zu erschüttern. Casabona erhält Unterstützung seiner untergebenen Kollegen und knüpft zudem alte Kontakte ins Mafiamilieu, um die wahren Hintergründe herauszufinden.

Autor Antonio Fusco ist Forensiker bei der italienischen Staatspolizei und hat daher interne Einblicke in die Arbeit der Ermittlungsbehörden, was diesen Krimi interessant macht, da hier offenbar einige auch gegeneinander arbeiten. Die Reihe um Commissario Casabona ist in Italien schon sehr erfolgreich. Umso mehr hat mich irritiert, dass sein deutscher Verlag nun mit Band 6 der Reihe in Deutschland beginnt. Die Vorgeschichte Casabonas wird nämlich nur angerissen und die Figuren bleiben ein wenig blass.

Dafür erhält der Leser ansonsten aber einen ordentlichen, geradlinigen und spannenden Krimi. Der Roman ist recht kurz und hält sich daher kaum mit Nebensächlichkeiten auf. Manches geht vielleicht auch zu glatt bei Casabonas Flucht und Untertauchen. Dennoch überzeugt der Roman vor allem dann, wenn es um die „miesen“ Tricks der Justiz und Behörden geht. Schmutzige Deals werden gemacht, persönliche Vorteile gesucht, vermeintlich wichtige Zeugen geschützt, auch wenn dadurch Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Schatten der Vergangenheit | Erschienen am 12.04.2022 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50518-4
240 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-608-11943-5 | 13,99 €
Originaltitel: La Stagione del fango | Übersetzung aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

 

Berna González Harbour | Goyas Ungeheuer

Comisaria María Ruiz ist wieder nach Madrid zurückgekehrt, aber von Dienst suspendiert. Die Situation belastet auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden im Polizeiapparat. Sie müsste sich eigentlich zurückhalten, aber als mehrere merkwürdige Ereignisse in Madrid stattfinden, ist ihr Ermittlerinstinkt geweckt. Tote Truthähne werden zur Schau gestellt, ein Hund versinkt in einem Schlammloch und schließlich ein Mord: Nahe des Flusses Manzanares wird eine junge Kunststudentin bizarr ermordet aufgefunden. Die Zurschaustellung lässt nur einen Schluss zu: Es gibt eine Verbindung zu den Werken des großen spanischen Künstlers Francisco de Goya. Doch während die Polizei den Dozent und Liebhaber der Studentin verhaftet, verfolgt Ruiz eine ganz andere Spur.

Nochmehr als der deutsche Titel ist der Originaltitel in direktem Bezug zu Goyas Werk: „El sueño de la razón“ ist ein Teil von Goyas berühmtem Werk „El sueño de la razón produce monstruos“ („Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“). Die Auseinandersetzung mit Goyas Werk ist auch das Faszinierende an diesem Roman. Im Buch tauchen 13 Abbildungen von Goyas Kunstwerken auf, die Auseinandersetzung mit seinem Werk ist essentieller Bestandteil des Kriminalromans. Daneben wird auch die spanische Hauptstadt als Setting mit ungewöhnlichen Schauplätzen gut in Szene gesetzt.

Die Voraussetzungen für einen guten Roman sind somit vorhanden, dennoch war ich nicht ganz zufrieden. Die Übersetzung einer Serie mit dem vierten Roman zu beginnen, empfand ich als unglücklich, da viel zu viel aus der Vorgeschichte der Figuren in diesen Band hineinspielt. Zudem fand ich die Figur des psychopatischen Täters eher blass und nicht markant genug. Es ist auch so, dass der Täter so zur Mitte des Buches feststeht und ich eigentlich noch mit einer Wendung zum Ende gerechnet hatte, aber da kam nichts mehr. Fazit: Plot und Täterfiguren haben mich nicht begeistert, aber wer mit einem Krimi mal so richtig in die Kunsthistorie und Francisco de Goya eintauchen will, der sollte einen Blick in diesen Roman riskieren.

 

Goyas Ungeheuer | Erschienen am 17.08.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-730-7
472 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN 987-3-86532-826-7 | €
Originaltitel: El sueño de la razón | Übersetzung aus dem Spanischen von Maike Hopp
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Garry Disher | Stunde der Flut

Garry Disher | Stunde der Flut

Januar 2020: Charlie Deravin ist frisch gebackenener Vater und noch nicht lange bei der Polizei, ist in die Fußstapfen seines Vaters Rhys getreten. Doch die Stimmung in der Familie Deravin ist getrübt, die Eltern haben sich getrennt, der Vater hat eine Geliebte. Das alte, bescheidene Familienhaus in Menlo Beach steht zum Verkauf, Charlie holt noch ein paar Surfbretter ab, will seinem Vater lieber nicht begegnen. Seine Mutter Rose hat etwas Neues angemietet, aber Probleme mit dem seltsamen Untermieter Shane Lambert, den Charlie und sein Bruder Liam dann vor die Tür setzen. Eine gute Woche später ist Charlie wieder in Menlo Beach. Billy Saul, ein neunjähriger Junge ist aus einem Jugendlager verschwunden. Die Polizei startet eine großangelegte Suchaktion, man findet schließlich einige Sachen des Jungen am Strand. Mitten in der Aktion wird Charlie abkommandiert, Kollegen befragen ihn zu seiner Mutter. Man hat ihren Wagen am Straßenrand verlassen aufgefunden. Fahrertür offen, Wertsachen verstreut, Blut am Autoschlüssel. Sowohl Rose Deravin als auch Billy bleiben verschwunden.

Zwanzig Jahre später immer noch. Die Ungewissheit hat an allen Personen genagt, schnell wurde damals Charlies Vater zum Hauptverdächtigen. Doch der Verdacht konnte nie durch Beweise erhärtet werden. Für viele, auch für Charlies Bruder Liam, bleibt der Vater der vermeintliche Täter, doch Charlie will dies nicht glauben. Überhaupt konnte damals ziemlich wenig herausgefunden werden. Ebenfalls verdächtig war der Untermieter, doch zum Tatzeitpunkt war er offenbar in Polizeigewahrsam, inzwischen ist er auch nicht mehr auffindbar. Charlie hat während all der Zeit versucht, noch irgendwas zu ermitteln, daran ist schließlich auch seine Ehe zerbrochen.

Ende 2019 wird Charlie vom Dienst suspendiert, weil er einen Vorgesetzten attackiert hatte. Bei einem Vergewaltigungsprozess wird das Opfer plötzlich Ziel von Verleumdungen, der Täter, ein Sporttalent, in Schutz genommen, die Geschworenen beeinflusst, die Polizei bleibt auf der Suche nach weiteren Zeugen tatenlos. Charlie lernt eine Geschworene kennen, die sich gegen die Beeinflussung zur Wehr setzt. Beide werden ein Paar und Charlie verteidigt sie auch vor Kollegen. Aufgrund der Suspendierung ergibt sich für Charlie aber auch wieder mal genug Zeit, um die Nachforschungen zu seiner Mutter wieder aufzunehmen. Und tatsächlich, nach zwanzig Jahren kommt Bewegung in den Fall.

Der Job und all die Fehler, die er darin gemacht hatte. Man würde ihn wieder einsetzen, vielleicht zur Verkehrspolizei irgendwo draußen im Buschland verdonnern. Oder rausschmeißen. Oder er kündigte. Im Augenblick leckte er sich nur die Wunden und wartete ab. Und er suchte nach Shane Lambert, seit zwanzig Jahren. Der Faden, an dem noch keiner gezogen hatte. All die Spuren, die im Sande verlaufen waren…. (Auszug S.45)

Garry Disher ist ein unermüdlicher Autor, inzwischen hat der Australier schon die 70 überschritten, dennoch veröffentlicht er mehr oder weniger jährlich einen neuen Roman. Lange Zeit jonglierte Disher mit zwei Reihen parallel, Hal Challis als Polizist und Wyatt als Berufsverbrecher. Dann veröffentlichte er „Bitter Sweet Road“ mit Constable Hirschhausen, eigentlich als Stand Alone gedacht, nun gibt es davon auch schon drei Bände. „The Way It Is Now“, so der Originaltitel, ist erstmal auch nur ein Einzelstück, doch bei Disher kann man nie wissen. Zentraler Protagonist ist ebenfalls ein Polizist, wenngleich ein suspendierter. Charlie Deravin ist ein ruhiger, eher melancholischer Typ. Als Polizist sehr engagiert, fast schon zu sehr, im Gespräch mit einer Therapeutin wird deutlich: Der Typ steht kurz vorm Burnout. Nun könnte Charlie sich nach der Suspendierung sammeln, das Glück einer frischen Beziehungen genießen, doch was tut er: Er gräbt wieder in der Vergangenheit herum. Das Verschwinden seiner Mutter ist der große dunkle Punkt in seiner Familie, zumal sein Vater den Verdacht, damit etwas zu tun gehabt zu haben, nie los wurde.

Die Figur Charlie Deravin steht stellvertretend für die große Klasse des Autors Garry Disher. Seine Figuren leben und atmen förmlich, sind keine zusammengeschusterten Abziehbilder, sondern dieser Charlie könnte, so wie er ist, am Strand von Menlo Beach stehen. Disher beschreibt seine Figuren glaubhaft, ihre Beziehungen untereinander, ihre Träume und Abgründe. Dabei bleibt er in der Gegenwart verankert, in der australischen Gesellschaft, bringt Covid-19, Buschbrände, Verfehlungen der australischen Polizei wie selbstverständlich in die Geschichte ein.

Das fasziniert mich immer aufs Neue bei Garry Disher. Und sein traumwandlerisches Gespür für den Plot. Auch hier gibt es wieder verschiedene Stränge, die er zielsicher am Ende zusammenführt. Diesmal in einem wahren Showdown. Insofern gibt es bei „Stunde der Flut“ keine Überraschungen – Garry Disher bleibt der Goldstandard der Kriminalliteratur.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Stunde der Flut | Erschienen am 11.07.2022 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00584-6
334 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Way It Is Now | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Garry Disher auf diesem Blog