Kategorie: Aktenzeichen

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

„Liebe Kathrin,
hier nun die Unterlagen, die dir sicher noch vertraut sind. Wir sollten besprechen, was wir damit tun. Seit einiger Zeit überlege ich, ob wir Kontakt zu den Angehörigen aufnehmen sollten. Sie ahnen die Wahrheit ohnehin. Sind wir Ihnen nicht die Gewissheit schuldig? (…)“ (Auszug Seite 202)

Kathrin Mändler erleidet einen Schlaganfall, als sie sich mit ihrem Neffen Chris um Geld streitet. Ihre Nichte Vera kümmert sich danach um alles und erfährt von Unterlagen, mit denen Chris jemanden erpressen will. Was sind das für Dokumente? Manolis Lefteris ist ein Mann für besondere Aufträge. Sein aktueller Fall: Die Akten von Kathrin Mändler aufspüren, bevor sie jemand anderes findet. Während seiner Suche entdeckt er und bald auch Vera, dass es sich bei den Unterlagen um den Beweis eines Verbrechens aus dem zweiten Weltkrieg handelt. Kann Vera Manolis zuvorkommen oder bleibt die so lange geheim gehaltene Tat unentdeckt?

Journalistin vs. Mann für besondere Aufträge

Vera Mändler ist Journalistin in München bei einer Frauenzeitschrift. Die Stelle bietet ihr ein sicheres Einkommen, entspricht aber eigentlich nicht Veras Ambitionen. Viel lieber würde sie im Metier Politik tätig sein. Veras Freund Manolis hat den Wunsch mit ihr zusammenziehen, aber sie möchte lieber weiterhin unabhängig in ihrer eigenen Wohnung leben und fürchtet sich vor einem gemeinsamen „Alltagstrott“. Manolis‘ Vater war ein Gastarbeiter aus Griechenland. Seine Familie wurde während des zweiten Weltkrieges geradezu abgeschlachtet und die nicht verwundeten Erlebnisse daran hat er an seinen Sohn weitergegeben, der nun mit den blutigen Bildern leben muss. Manolis hat kein Vertrauen mehr an die Justiz und deshalb kann er sein „Nebengewerbe“ ohne schlechtes Gewissen ausführen.

Unterhaltung mit Geschichte

Die Vergessenen von Ellen Sandberg ist ein wahrer Pageturner und nicht nur spannend, sondern auch interessant. Dieses Buch hat mir mal wieder bewiesen, dass man durchaus auch bei Unterhaltungsliteratur etwas lernen kann. Dieses Verbrechen, das damals in den Kriegsjahren begangen wurde, war mir nicht bewusst, ich habe hier das erste Mal davon gehört und war schockiert. Das geht vielen Menschen aus meiner Generation vermutlich so, deshalb ist das schon der erste Grund, dieses Buch zu lesen. In der Anmerkung weist die Autorin daraufhin, dass sie sich eng an die historischen Fakten gehalten hat.

Aus Sicht von Dreien

Außerdem ist das Buch sehr flüssig zu lesen und sehr spannend. Die Geschichte wird abwechselnd aus Sicht von Manolis und Vera geschrieben. Ab und zu fließen einige Kapitel aus dem Leben von Kathrin ein, angefangen mit ihrer ersten Stelle als Krankenschwester bis hin zu dem heutigen Leben. Die Protagonisten sind mir sehr sympathisch. Gerade bei Kathrin und Manolis denkt man sich vielleicht im ersten Augenblick, wie man nur so „gewissenlos“ handeln kann, aber im Buch wurden alle Gedanken und Beweggründe ausführlich beschrieben und sie sind für mich nachvollziehbar und verständlich. Die Lebensinhalte von Vera und Manolis, die außerhalb der Suche nach den Dokumenten beschrieben wurden, waren für mich nicht störend oder zu viel, sondern gerade richtig, um zu erfassen, wie die Person „tickt“.

Fazit: Großartige Spannung mit einem bisschen Geschichte.

Ellen Sandberg ist das Pseudonym der Autorin Inge Löhnig. Sie wurde 1957 geboren, studierte Grafikdesign und arbeitete zunächst in verschiedenen Werbeagenturen. Das ursprüngliche Hobby Schreiben wurde nach und nach zum Hauptberuf. Die Autorin schreibt vor allem Ermittlerkrimis um den Protagonisten Konstantin Dühnfort, aber auch Jugendthriller und mit diesem Buch erstmals einen Spannungsroman. Dieser Roman ist ihr Herzensbuch, das sie zehn Jahre mit sich getragen hat, bevor sie es schreiben konnte, schreibt Inge Löhnig auf ihrer Homepage. Auf dieses Thema ist sie durch eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 2005 gestoßen.

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Vergessenen | Erschienen am 27. Dezember 2017 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10089-8
512 Seiten | 13.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

10. März 2018

Klaus-Peter Wolf | Totenstille im Watt Bd. 1

Klaus-Peter Wolf | Totenstille im Watt Bd. 1

Er ist der Arzt in Norddeich, dem die Menschen vertrauen. Ein Doktor aus Leidenschaft. Er behandelt seine Patienten umfassend. Kümmert sich rührend nicht nur um ihre Wunden, sondern nimmt sich auch ihrer alltäglichen Sorgen an. Hört ihnen zu. Entsorgt auch schon mal einen brutalen Ehemann. Verleiht Geld, das er nicht hat. Keiner weiß, dass er ein Mann mit Vergangenheit ist. Einer anderen Vergangenheit, als manche sich das vorstellen. Der jetzt mit neuer Identität ein neues Leben lebt. Wer ist dieser Dr. Sommerfeldt? (Verlagsinfo)

Aus einem Unternehmer, der in die Insolvenz rutscht, weil er die geschäftlichen Praktiken zur Auftragseinholung (= Bestechung), die sein Vater noch für angemessen hielt, nicht mitmachen will, wird ein Serienkiller ohne schlechtes Gewissen. Doch zunächst lässt er sein altes Leben, genauer gesagt das insolvente Unternehmen, seine gefühlskalten Eltern und seine Frau, die hinter seinem Rücken bereits die Scheidung eingereicht hat, hinter sich.

Zugute kommt ihm die Kenntnis des Goldverstecks seines Vaters. Seine finanzielle Existenz zumindest ist somit gesichert. Er beschließt, sich nach Norddeutschland abzusetzen (seine Eltern machen immer Urlaub in Süddeutschland) und findet auf der Zugfahrt zu seiner neuen persönlichen Existenz, wobei ihm sein nicht abgeschlossenes  Medizinstudium von Nutzen ist.

„Im Zug – wir waren kurz vor Oldenburg – gab es plötzlich diese Durchsage: Ob ein Arzt im Zug sei. Es handele sich um einen Notfall. Da war so ein Prickeln auf meiner Haut zu spüren, und da waren Stiche in meinem Rücken. Meine Wirbelsäule schien zu brennen. Was ich dann tat, entsprang keiner vorherigen Überlegung. Ich lief zum Schaffner, behauptete, ich sei Arzt, und sah die Erleichterung in seinem angespannten Gesicht.“ (Seiten 31 und 32)

In seinem neuen Leben als Arzt ist er ziemlich erfolgreich. Als Patienten tauchen im Verlauf der weiteren Handlung auch Figuren aus den bisherigen Romanen auf, zum Beispiel Rupert und Ann Kathrin Klaasen. Selbst Ann Kathrin kommt er nicht verdächtig vor, obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits einige Leichen gibt. Dr. Sommerfeldt ist nämlich fleißig dabei, unliebsame, gewalttätige (Ehe-)Männer sowie Zeitgenossen, die seine neue Liebe Beate erpressen könnten, aus dem Weg zu schaffen. Einmal in dieses Fahrwasser geraten, gibt es für ihn kein Halten mehr.

Klaus-Peter Wolf hat in Totenstille im Watt einen Charakter aufgebaut, der in seiner Welt psychologisch betrachtet durchaus nachvollziehbar handelt: alles, was ihn oder ihm nahe stehende Personen gefährdet, wird eliminiert, Gewissensbisse Fehlanzeige.

„Eigentlich wollte ich Arzt und Schriftsteller werden, nicht Serienkiller. Aber wer wird schon als so etwas geboren? Das Leben hat mich im Laufe der Zeit dazu gemacht, und jetzt fühle ich mich in diesen Identitäten sogar recht wohl. Als hätte ich meine Bestimmung gefunden. Vielleicht gibt es bessere Lebens- und Daseinsformen. Das ist eben meine. Ich bin ein Doktor, der keiner ist, aber von seinen Patienten geliebt wird. Ein Schriftsteller, der keine Leser hat, und ein Serienkiller, frei von jeglicher Mordlust.“ (Seite 229)

Die in Ich-Form geschilderten Handlungen erscheinen so einfach, es ist jedoch zu bezweifeln, dass sie in der Realität so durchführbar wären, was dem ganzen Buch auch einen gewissen schrägen Humor beschert. Ich unterstelle hier mal dem Autor (in Kenntnis einiger seiner Kurzgeschichten), dass dies auch beabsichtigt ist.  Auf jeden Fall ist dieses Buch aufgrund der veränderten Sichtweise anders als die bisherigen Romane um Ann Kathrin Klaasen. Mal sehen, was die angekündigte Fortsetzung noch parat hat.

Klaus-Peter Wolf wurde 1954 in Gelsenkirchen geboren und lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, mehr als 60 Drehbücher, unter anderem für „Tatort“ und „Polizeiruf 110“, wurden verfilmt. Mit Ann Kathrin Klaasen, die ebenfalls in Norden angesiedelte Protagonistin der meisten bisherigen Bücher, hat er eine Kultfigur für Ostfriesland geschaffen.

Mein Fazit: Ein spannender Krimi aus der Sicht des Täters für Leser mit einem Faible für das Absurde.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Totenstille im Watt | Erschienen am 1. Juli 2017 im Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-29764-1
410 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Zeit der Ernte

James Lee Burke | Zeit der Ernte

„Ich mochte zwar Old Hacks Namen geerbt haben, das Revolverhelden-Gen der Hollands jedoch war nicht an mich weitergegeben worden. Während des Koreakrieges war ich Navy-Sanitäter und verteilte drei Monate lang Penicillin-Pillen gegen Tripper an unsere Jungs in Seoul, bevor man mich an die Front versetzte. Dort dauerte es allerdings nur sechs Tage, bis mir die Chinesen zwei Beinschüsse verpassten und mich gefangen nahmen. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass mein einziger Versuch, Hacks schießwütigem Vermächtnis gerecht zu werden, gehörig in die Hose ging.“ (Auszug Seite 13)

 

James Lee Burkes erster Hackberry-Holland Roman erschien bereits 1971 in den USA. Es dauerte rund 46 Jahre, bis dieser von Daniel Müller als letzter der dreibändigen Serie aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt wurde. Der zweite Teil Regengötter erschien bei uns bereits im Oktober 2014, der dritte Teil Glut und Asche nur rund ein Jahr später im September 2015.

Nach seiner Rückkehr aus dem Koreakrieg, wird der 35-jährige Hack Holland Jr. zu einer Kandidatur als Kongressabgeordneter gedrängt, in die sich der Jurist von Beginn an nicht so recht fügen mag. Zusammen mit seinem Bruder Bailey betreibt er eine eigene Kanzlei, dies auch sehr erfolgreich, was er jedoch mehr seinen eigenen Fähigkeiten zuschreibt, als denen seines Bruders. So hat es Bailey auch schwer, Hack wieder auf Spur zu bringen, als sich dieser in den Kopf setzt, einen Kriegskameraden in Mexiko aus dem Gefängnis zu holen und vor einer Strafe zu bewahren, obwohl er sich im heimischen Texas intensiv um lukrative Klienten und seine politische Karriere kümmern sollte.

Hack macht, was er sich vorgenommen hat, und fährt nach Yoakum, Mexiko. Damit verprellt er nicht nur seinen Bruder sondern auch den Senator, der ihn unter seine Fittiche genommen hat. In Mexiko trifft Hack auf Rie, die sich im Gewerkschaftshaus seines Kriegskameraden aufhält. Ziemlich bald entbrennt eine entfesselte und gefühlvolle Affäre zwischen den beiden. Hack ist hingerissen von Rie, die sich in allem von seiner Frau Verisa unterscheidet, der er nur noch aus dem Weg geht und welche ihm bereits vorrechnet, was er alles verlieren wird, sollte er sich verdrücken wollen. Dabei hat sie Rie noch gar nicht auf dem Radar. Ihr dürfte unlängst auch klar sein, dass beide die Ehe vor die Wand gefahren haben und jeder der beiden kämpft damit für sich alleine.

Varisa war aber nicht immer so gewesen. Als ich sie vor acht Jahren auf einem Tanzabend im Country Club kennengelernt hatte, hieß sie noch Verisa Hortense Goodman, die einzige Tochter eines millionenschweren Börseninvestors und strengen Baptisten (…). (Seite 179)

Im Verlauf der Handlung, die sich um Gewerkschaftspolitik und Apartheit in den 1950er Jahren und den Protest dagegen dreht, erzählt uns Hack, der durchgehend als Ich-Erzähler fungiert, von seinen Kriegserlebnissen. Zuerst nur bruchstückhaft, schließlich zum Ende hin in Kapitel 8 (Seiten 231 bis 278) ziemlich ausführlich und erschütternd brutal, da er nun auch Rie näher an sich ran lässt und im Roman ihr erzählt, was er zuvor noch nie ausgesprochen hatte: nachdem ihn die Chinesen mit zwei Schüssen verletzten und gefangen nahmen, verbrachte Hack 32 Monate in drei unterschiedlichen Kriegsgefangenenlagern. Was er dort im Einzelnen erleben musste, hat ihn zutiefst geprägt und erschüttert und es beeinflusst ihn bis dato, vor allen nachts in seinen Träumen wird er immer wieder heimgesucht.

Nach dieser Zeit ist Hack jedenfalls kein menschlicher Abgrund mehr fremd und Autoritäten können ihn nicht beeindrucken, weshalb es in Mexiko auch in handfesten Auseinandersetzungen mit der örtlichen Polizei und Rednecks mündet, da er die Bedingungen der mexikanisch stämmigen Landarbeiter nicht tolerieren kann. Seine ursprüngliche Absicht und seine sich intensivierende Beziehung zu Rie machen Hack zu einem Mitkämpfer, ohne Rücksicht auf seine Karriere, die ihm ohnehin weniger bedeutet, als den Menschen in seinem heimatlichen Umfeld.

Durchweg habe ich Hackberry Holland als selbstbewusst auftretenden zynischen, bissigen Menschen erlebt. Aber eben auch als einen sehr gefühlvollen Mitmenschen. Seine Dämonen bekämpft er mit massenhaft hartem Alkohol und Bier, zudem qualmt er Zigarren wie andere Zigaretten, was in den 50er Jahren aber noch eine andere Gewichtung hatte als 2018, wo man Raucher in aufgemalte Raucherzonen drängt und die eigentlich jede Lobby verloren haben. Hack lebt sein Leben rasant. Er weiß um seine Talente und Fähigkeiten, er kämpft mit und gegen seine Kriegsdämonen, und so langsam verabschiedet er sich aus seiner Eher und von den Plänen, die andere für ihn gemacht hatten.

Zeit der Ernte ist die Einführung des Anti-Helden Hackberry Holland, dem wir in den zwei Folgeromanen Regengötter und Glut und Asche wieder begegnen werden. Und es gibt eine Steigerung, sagen Kenner. Ich habe durch Zeit der Ernte nun den ersehnten Zugang zu James Lee Burkes Hackberry-Holland-Reihe gefunden und kann es kaum erwarten, Regengötter erneut zu beginnen.

 

Hinweis: Obwohl verlagsseits von der Hackberry-Holland-Reihe die Rede ist, schrieb James Lee Burke jeden seiner Romane der Holland-Saga als Standalone! Jeder Roman befasst sich mit einem Nachfahren des „originalen“ Hackberry Holland.

 

Zeit der Ernte | Erschienen am 28. August 2017 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27101-2
384 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Bd. 3 der Serie Glut und Asche sowie zu den Burke-Romanen NeonregenSchmierige GeschäfteMississippi Jam und Sturm über New Orleans der Robicheaux-Reihe.

André Pilz | Man Down

André Pilz | Man Down

Oh ja, Florian, ich liebe den Kick, den Rausch. Er hält mich am Leben und macht mich kaputt. Mit jedem Rausch verliere ich ein Stück meiner Seele und meiner Kraft und meines Willens. Verliere ich einen Teil meiner Lebensfreude. Das ist eine Kapitulation auf Raten. Der Rausch ist verlogen und hinterlistig. Er gaukelt mir vor, lebendig zu sein, voller Leidenschaft und Feuer, und ich glaube ihm, und wenn ich dann wieder runterkomme, wird mir klar, dass ich nur zu einem billigen Porno gewichst habe und dass die heiße Braut nur auf dem Bildschirm existiert.
Ich glaube nicht, dass ich Schmerz jemals ohne Drogen ertragen werde können.
Ich wünschte, ich wäre stärker, aber ich weiß, ich bin es nicht.
Ich ergebe mich lieber den Drogen als dieser Welt (Auszug Seite 100)

Kai Samweber ist gelernter Dachdecker, doch in seinem Beruf wird der Mittzwanziger nach einem Sturz vom Dach wohl nie mehr arbeiten. Seine körperlichen Beschwerden ertränkt er in Alkohol und Drogen. Hinzu kommen auch Geldsorgen. In Erwartung des ihm zugesagten, noch ausstehenden Lohns leiht sich Kai einige tausend Euro bei den zwielichtigen Brüdern seines besten Kumpels Shane. Doch sein alter Chef zahlt nicht, meldet Insolvenz an und Kai hat nun ein echtes Problem. Er muss als Drogenkurier seine Schulden abarbeiten.

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Eva Almstädt | Ostseejagd

Eva Almstädt | Ostseejagd

„Im Wald. Ach, es ist schrecklich! Es war doch ihre erste Jagd! Sie hatte sich so darauf gefreut. Und dann stolpert sie im Gudower Forst mutterseelenallein über eine Leiche.“ (Auszug Seite 162)

In Dörnitz an der Ostsee findet der Hotelinhaber Robert Jensen eine tote Frau am Strand. Das Gesicht der Leiche wurde brutal zerstört, sodass man nicht erkennen kann, um wen es sich handelt. Pia Korittki und ihr Team fahren sofort in das beschauliche Seebad und beginnen mit den Ermittlungen. Außerdem bekommt es Pia mit einem Stalker zu tun, der ihr auflauert und sie scheinbar umbringen will. Auch hier erweist sich die Polizeiarbeit als schwierig. Dann taucht eine zweite Leiche auf. Haben beide Tote etwas miteinander zu tun? Und kann Pia ihrem Verfolger entkommen?

Die Protagonistin

Pia Korritki ist Kriminalkommissarin beim K1 in Lübeck. Sie hat einen Sohn, Felix, der im Kindergartenalter ist und der während Pias Ermittlungen an diesem Fall glücklicherweise mit seinem Vater und dessen neuer Freundin im Urlaub auf Teneriffa ist. Pia ist also von Felix‘ Vater getrennt und hat gerade eine Beziehung mit Lars, die aber aufgrund von Pias Arbeit auch nicht ganz einfach ist.

Ein typischer Krimi

Ostseejagd von Eva Almstädt ist ein typischer Kriminalroman. Die Ermittlungsarbeit steht im Vordergrund, ab und zu fließen persönliche Passagen von Pia ein. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und auch spannend, ohne total fesselnd zu sein. Die Auflösung des Falls konnte mich aber überraschen und auf den letzten Seiten wurde es dann auch nochmal sehr brenzlig. Zwischendurch fand ich die Ermittlungen zu keiner Zeit langatmig. Pia ist mir als Protagonistin sympathisch, weil sie außerhalb ihres Jobs ebenfalls mit den kleinen Schwierigkeiten des Alltags beschäftigt ist und es Felix und Lars trotz ihrer meistens nicht planbaren Arbeitszeiten so Recht wie möglich machen möchte. Die Geschichte spielt Ende Januar und Schauplätze sind vor allem Lübeck und Dörnitz, aber ein kleiner Ausflug führt Pia auch nach Rostock.

Autorenlesung

Am 28. September 2017 war die Autorin zu einer Lesung in einer Hugendubel-Buchhandlung der Hansestadt Rostock. Bei dieser Lesung war ich zu Besuch und zu meiner Freude hat Eva Almstädt nicht nur vorgelesen, sondern auch einige Anekdoten nebenbei erzählt. Beispielsweise hat sie mit Dörnitz einen fiktiven Ort geschaffen, weil sich gerade bei kleineren Orten viele dann doch wiedererkennen und das ist vor allem bei bösen Charakteren nicht so schön. Man erkennt aber anhand des Namens noch, welches Seebad die Autorin als Vorbild hatte. Eva Almstädt hat auch erzählt, dass die Situation, in der die zweite Leiche gefunden wird, auf einer wahren Begebenheit beruht. Besucher, die selbst Jäger sind, haben es ihr bei einer Lesung berichtet, sie haben es so erlebt. Die vorgelesenen Stellen aus dem Buch waren sehr gut betont, fand ich. Die Autorin hat mit unterschiedlichen Stimmen die Personen gesprochen.

Eva Almstädt lebt in Bargteheide in Schleswig-Holstein. 2002 schrieb sie den ersten Kriminalroman um Pia Korittki (Kalter Grund). Ostseejagd ist ihr mittlerweile zwölfter Fall. Bevor Eva Almstädt Autorin wurde, hat sie in Hannover in der Wohnraum- und Küchenplanung gearbeitet.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ostseejagd | Erschienen am 16. März 2017 bei Bastei Lübbe
ISBN 978-3-404-17510-9
398 Seiten | 10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

20. Februar 2018