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Harald Rudolf | Dreisamnebel

Harald Rudolf | Dreisamnebel

Ein Regionalkrimi aus dem Breisgau

 

Die Hauptfigur des Offenburger Autors Harald Rudolf ist ein etwas anderer „Ermittler“, nämlich Florian Buchmann, ein ehemaliger Fußballprofi des Sportclubs Freiburg. Sein immer noch nicht verblasster Ruhm gründet sich auf einen Hattrick beim sagenhaften 4:0 Sieg beim VfB Stuttgart. Den gab es wirklich, am 23. April 1994, allerdings schoss damals kein Freiburger drei Tore, und ein Florian Buchmann stand auch nicht auf dem Platz. Das war am 32. Spieltag der Saison, der Sportclub gewann auch die beiden folgenden Partien und rettet sich so vor dem Abstieg.

Dichtung und Wahrheit vermischen sich in seinen Krimis, Rudolf macht durchaus Anleihen bei realen Personen und tatsächlichen Ereignissen, so ließ er sich diesmal von einem Fall in Südbaden inspirieren, der in seiner Heimatstadt Offenburg verhandelt wurde (Rudolf arbeitet als Gerichtsreporter für die Badische Zeitung) sowie ein scheußliches Verbrechen, das in Hamburg begangen wurde. Und den Metzger Christoph Weinbrenner aus Endingen, ja, den gibt es dort, wenn auch unter anderem Namen, wirklich.

Bei ihm kauft Buchmann seine Wurstspezialitäten, denn nach seiner Fußballkarriere, für die er ein Germanistik-Studium geschmissen hat, baute er sich eine Existenz als Wein- und Feinkosthändler am Kaiserstuhl auf, im Winzerdörfchen „Gottratskirchen“. Er hat eine Affäre mit Ulla, der Frau des Bürgermeisters, der seinerseits notorisch fremdgeht. Florian nennt seine Beziehung lieber „Romanze“, die beiden genießen ihre Treffen in seiner Wohnung über dem Ladengeschäft am Marktplatz. Gerade sind die Verliebten dabei, die Jubiläumsfeier zur Wahl der dreißigsten Weinkönigin des kleinen Ortes vorzubereiten. Metzger Weibrenner fährt für das Gala-Dinner Delikatessen auf, um für seinen Catering-Service zu werben: Schottischen Lachs, gebratene Gänseleber, Wolfsbarsch mit Tomaten-Sugo und Parmesan-Gnocchi, gebackenes Kalbsbries, dazu Rotweinschalotten und Trüffeljus., anschließend Lammcarrée mit Basilikum-Polenta und als Dessert Mousse au Chocolat und Crema Catalana.

So ausführlich und genüsslich präsentiert Rudolf häufig die kulinarischen Köstlichkeiten, die bei diversen Gelegenheiten aufgetischt werden, sein Protagonist ist ein Genussmensch, und zu jedem Anlass wird entsprechend ein guter Tropfen kredenzt, es wird also viel gegessen und getrunken in diesem Roman. Warum nicht, mir gefällt dieser Florian Buchmann mit seinem Hang zum Dolce far niente, er ist nämlich ein großer Freund der italienischen Lebensart, hat nach dem Ende seiner Profikarriere als Fußballer eine Auszeit genommen und in der Toskana und Ligurien die Seele baumeln lassen. Das hat ihn geprägt, Italien blieb sein Sehnsuchtsland und er lässt auch im Alltag immer wieder italienische Floskeln einfließen.

Als zur Jubiläumsfeier eine der Weinköniginnen nicht erscheint, will Organisatorin Ulla den Grund für das Fehlen in Erfahrung bringen. Eva Maria, so der Name der Schönen, hat aufgrund einer Panne die Einladung nicht erhalten, sie wohnt nicht mehr unter der bekannten Adresse. Die Nachlässigkeit im Rathaus wurmt die Frau des Bürgermeisters, und so nimmt sie Kontakt zu den Eltern auf. Und zu ihrer Überraschung erfährt sie, das Eva Maria seit fünf Jahren verschwunden ist. Ihren Job in der Uniklinik Freiburg, wo sie zuletzt gearbeitet hatte, hat sie aufgegeben.

Ulla nimmt ihrem Florian das Versprechen ab, die Ex-Königin aufzuspüren. Aus seiner Zeit als Fußballprofi hat er noch Kontakte zum Klinikpersonal, und so forscht er dort nach. Er bringt in Erfahrung, dass Eva Maria mit einem Fußballer des Sportclubs liiert war und ihm nach Italien gefolgt ist. Sein Freund Thomas Hofrichter, Kriminalkommissar in Freiburg und glühender SC-Fan, erinnert sich sofort an den Fußballer: Andi Berisha, ein Kosovo-Albaner. Wechselte 2010 zum AC Florenz und später in die italienische Seria B zu Spezia Calcio, wo er noch heute spielt.

Eva Marias Eltern erzählen Florian bei einem Besuch, dass sie nicht glücklich über die Verbindung ihrer Tochter mit einem Albaner waren. Der Grund für das Verschwinden der jungen Frau? Die verzweifelten Eltern setzen alle Hoffnung in Florian, spüren, dass er ihr Mädchen finden wird, und der fühlt sich den alten Leuten verpflichtet. So schlittert er in einen Kriminalfall, der ebenso verzwickt wie verstörend ist.

Florian verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen und fährt mit Ulla nach Italien, wo er diesen Andi Berisha aufsuchen will. Von ihm erfährt er, dass Eva Maria ihn verlassen hat, als sie erfuhr, dass der weit verzweigte Berisha-Clan in kriminelle Machenschaften verstrickt war. In Südbaden hatten die Männer aus dem Kosovo an die hundert Priester mit mitleidigen Geschichten, Druck, aber auch sexueller Erpressung um zwei Millionen Euro betrogen. Andi war selbst nicht an den Straftaten beteiligt, aber Eva Maria kehrte ihm den Rücken und wollte in ihrer Heimat erreichen, dass die Berishas das ergaunerte Geld an die Geprellten zurückgeben. Also macht sich Florian auf ins Glottertal, um bei einem der Gottesmänner Erkundigungen einzuholen. Tatsächlich findet er endlich eine Spur, aber ihm bleiben zunächst nur Vermutungen, Ahnungen, Spekulationen.

Ohne Beweise kann ihm auch sein Freund Hofrichter nicht helfen, mit dem er sich regelmäßig bespricht und betrinkt, zumal der selbst genug zu tun hat mit zwei Morden an der Dreisam in Freiburg. Und zu allem Überfluss hat man ihm auch noch einen Vermisstenfall aufgehalst. Florian vermutet einen Zusammenhang mit seiner verschwundenen Weinkönigin und fährt rastlos herum auf der Suche nach der Wahrheit, nochmal ins Glottertal, nochmal in die Uniklinik, nochmal nach Italien, nach Lörrach zu den Eltern der Vermissten, zu ihrer letzten Adresse in Freiburg. Er stellt viele Fragen und erhält wenige Antworten, und so wie er sich im Kreis dreht, kommt auch der Roman nicht recht von der Stelle. Die Geschichte wird ruhig, fast gemütlich vorgetragen, man könnte auch sagen: Behäbig. Es gibt Wiederholungen und Abschweifungen, immer wieder kurze, stimmungsvolle Schilderungen von Land und Leuten, der besonderen Atmosphäre in Deutschlands südwestlichstem Landstrich, dem einzigartigen Klima und nicht zuletzt der leiblichen Genüsse für die man sich immer wieder Zeit nimmt. Hinzu kommt, dass es nur so wimmelt von charmanten, liebenswerten, sympathischen Typen. Wie Florian, ein lässiger, cooler Typ ist, selbst in heiklen Situationen immer kontrolliert, sorgfältig abwägend, dabei voller Empathie für die Opfer und ihre Angehörigen und seinerseits sehr beliebt bei fast jedermann.

„Flohä“ schallt es ihm überall entgegen, sein Spitzname, weil Flo auf dem Fußballplatz eigensinnig war und gerne Mitspieler überhörte. Dann sagte er „häh?“ Aber der Name spielt auch an auf seine linke Klebe, ähnlich der von Heinz Flohe. Der geniale Techniker des 1. FC Köln, Weltmeister 1974, ist auch für den Autor Harald Rudolf ein Idol. Wie sein Florian Buchmann ist der Autor offenbar fußballaffin, italophil und ein Freund von gutem Wein und gutem Essen, was ja nicht unsympathisch ist. Anzumerken ist aber, dass lahme Wortspiele mit Begriffen oder Phrasen aus dem Sportreporter-Repertoire ein paar mal zu viel angestrengt werden, und die ständigen Reminiszenzen an die Profikarriere Florians mögen Nicht-Fußballfans vielleicht stören. Auch das verliebte Geplänkel der Turteltauben Florian und Ulla nimmt einen etwas zu großen Raum ein, aber es ist jedenfalls amüsant, so dass die eine oder andere Länge zu verzeihen ist. Immerhin, die Geschichte ist insgesamt wirklich gut geschrieben, das Lesen macht durchweg großen Spaß, Rudolf weiß einfach gut zu unterhalten. Sein Stil ist locker, leicht, scheinbar mühelos und ganz sicher authentisch beschreibt er das besondere Lebensgefühl, die spezielle Lebensart der Menschen im Breisgau, dabei ist das Verhältnis der Anteile des Erzählers und der Dialoge ausgewogen. Diese Dialoge sind eine Stärke des Autors, die unterschiedlichen Charaktere treffen genau „ihren“ Ton, mal recht intim, mal ziemlich distanziert, aber immer echt und glaubwürdig.

Nicht ganz so glaubhaft ist der Zufall, der Florian letztlich auf die richtige Spur bringt, so dass nach einem dramatischen, ja drastischen kurzen Knalleffekt der Roman sehr emotional und einigermaßen versöhnlich endet – schließlich wird der erste Advent gefeiert.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Dreisamnebel |Erschienen am 1. Mai 2017 im Silberburg Verlag
ISBN 978-3-84252-029-5
288 Seiten | 12.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

18. März 2018

Ruth Ware | Woman in Cabin 10

Ruth Ware | Woman in Cabin 10

War ich in Sicherheit? Ich blickte zur Zimmertür. Ich war mir ziemlich sicher, dass niemand reinkommen konnte.
„Ich denke schon. Es war in der Nachbarkabine – in Nummer 10, Palmgren. Ich glaube, jemand wurde über Bord gestoßen.“ (Auszug Seiten 105-106)

Die Journalistin Lo bekommt die Gelegenheit, bei der Jungfernfahrt zu den norwegischen Fjorden des Kreuzfahrtschiffes Aurora teilzunehmen. Nachts bemerkt sie an Bord in ihrem Zimmer erst Geräusche in der Nachbarkabine, dann ein Platschen ins Wasser. Ist da jemand über die Reling gestoßen worden? Und wo ist jetzt die Frau von nebenan, die Lo am Vorabend noch gesehen hat? Keiner der Crew glaubt ihr, als sie sich auf die Suche begibt. Aber Lo ist doch nicht verrückt geworden und bildet sich alles nur ein. Oder doch?

Laura „Lo“ Blacklock ist 32 Jahre alt und lebt in London. Sie arbeitet schon seit mehreren Jahren für das Reisemagazin Velocity und soll nun in Vertretung für ihre Chefin über dieses Kreuzfahrtschiff berichten. Lo befindet sich in einer Beziehung mit Judah. Vor der Abreise kommt es zum Streit zwischen den beiden, weil Lo nicht in eine gemeinsame Wohnung ziehen möchte.

Wendungen und Meer

Für Woman in Cabin 10 von Ruth Ware wurde im Vorfeld ziemlich viel Werbung gemacht und ich muss gestehen, dass sie mein Interesse geweckt hat. Auf dem Buchrücken wird mit spannenden Wendungen gelockt und dann spielt die Handlung auch noch auf dem Meer und schon wollte ich das Buch unbedingt lesen.

Die Geschichte ist in mehrere Teile untergliedert und war für mich ab der ersten Seite interessant und flüssig zu lesen. Selbst das „Vorgeplänkel“, bevor Lo überhaupt auf dem Schiff ist, ist packend. Besondere Spannung wird aufgebaut, indem nach jedem Teil eine E-Mail, ein Chat oder Zeitungsbericht gedruckt ist, der von den Tagen nach der Reise berichtet und sehr beunruhigend klingt.

Alkohol in rauen Mengen

Als die Protagonistin dann den ersten Abend an Deck verbringt, drängte sich mir der Gedanke auf, dass sie ein Alkoholproblem hat. Ab dieser Stelle fand ich Lo irgendwie etwas nervig. Auch als sie mit der Suche nach der verschwundenen Passagierin beginnt, wirkt sie eher hysterisch und ich persönlich kann mich mit ihr nicht sehr identifizieren. Trotzdem bleiben alle Handlungen plausibel und natürlich muss sie genau so sein, denn sonst hätte man Lo an Bord vielleicht geglaubt und es wäre zu keinem Spannungsbogen gekommen.

Die versprochenen Wendungen am Ende des Buches waren definitiv vorhanden und mehrmals hat sich in mir das erleichterte Gefühl breitgemacht, dass jetzt alles gut wird, bis das Ruder dann aber doch nochmal herumgerissen wurde. Diese Wendungen waren aber insgesamt nicht so schockierend oder nervenaufreibend, wie ich sie mir gewünscht hätte.

Im Großen und Ganzen ein kurzweiliger, recht unblutiger Thriller.

Ruth Ware wuchs in Südengland auf und lebte nach ihrem Studium eine Zeit lang in Paris. Sie hat als Kellnerin, Buchhändlerin, Englischlehrerin und Pressereferentin für einen großen Verlag gearbeitet und wohnt jetzt mit ihrer Familie in Nordlondon. Die Autorin hat bisher vier Bücher geschrieben, von denen zwei auch in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Ihr Debütroman war Im dunklen, dunklen Wald.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Woman in Cabin 10 | Erschienen am 27. Dezember 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-26178-4
384 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Ruth Wares Thriller Im dunklen, dunklen Wald.

15. März 2018

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof

„Und Thailand? Wollen wir hin?“ Ich senke den Blick auf Hühnchen, Kokosnussmilch und Reis.
„Wenn du möchtest. Ja, sicher“, sagt Taina. Sie versucht, Begeisterung zu heucheln, das Ergebnis ist eher dürftig. Für sie steht einiges auf dem Spiel. Ich weiß nicht, wie weit sie gehen würde, aber ich bin neugierig, es zu erfahren.
„Ich habe übrigens schon den ganzen Tag eine Nackenverspannung“, sage ich.
„Nach dem Essen kann ich deinen Rücken massieren“, sagt sie. Sie lächelt. Ein sanftes, liebes Lächeln.
Meine Frau hat mich umgebracht, kein Zweifel. (Auszug Seiten 155-156)

Jaakko Kaunismaa ist ein Mann mittleren Alters, der in der finnischen Provinz in Hamina ein kleines, florierendes Unternehmen betreibt, das Matsutake-Pilze nach Japan exportiert. Doch seit kurzem bedroht ein neuer aggressiver Mitbewerber den Erfolg seiner Firma. Eines Tages eröffnet ihm sein Arzt, dass er vergiftet wurde und nicht mehr lange zu leben hat. Als er kurz danach nach Hause kommt, findet er zu allem Überfluss seine Frau beim Sex mit einem ihrer Angestellten vor. Jaakko beschließt, in der ihm noch bleibenden Zeit die Dinge zu ordnen, herauszufinden, wer ihn vergiftet hat und seine Firma zu retten. Doch dabei geschehen einige merkwürdige und unerwartete Dinge.

Von Autor Antti Tuomainen wurden bereits zwei Romane ins Deutsche übersetzt, die aber mehr düstere Thriller waren. Mit diesem Roman (übrigens übersetzt vom Ehepaar Niina Katariina und Jan Costin Wagner, dessen Krimis ja ebenfalls in Finnland spielen) schlägt Toumainen aber eine leicht andere Richtung ein. Wenn ich an Finnland in Musik, Literatur und Film denke, dann erwarte ich irgendwie eine gewisse Exzentrik, Skurrilität, aber auch Melancholie und Lakonie. Und genau diese Erwartungen kann Die letzten Meter bis zum Friedhof durchaus erfüllen.

Denn zum einen beginnt bei Jaakko, der als Ich-Erzähler durch die Geschichte führt, angesichts des baldigen Ablebens eine Selbstreflektion, er zieht Bilanz und plant die noch zu erledigenden Dinge. Er hat natürlich sofort seine Frau Taini und ihren Lover Petri im Verdacht, ihn vergiftet zu haben, um sich die Firma unter den Nagel zu reißen, aber er konfrontiert sie damit noch nicht. Er sucht sich vielmehr andere Verbündete unter den Angestellten seiner Firma, um sein Lebenswerk vor seiner Frau und den anderen Konkurrenten zu schützen. Diese bringen zum anderen eine andere Komponente ein. Die drei Firmeneigner sind nämlich keine unbeschriebenen Blätter, vorbestraft, aggressiv. Sie wollen Jaakko einschüchtern, ihm seine Angestellten und Kunden mit lauteren, aber vor allem auch unlauteren Mitteln abwerben. Dadurch wird der Roman spannend und erstaunlich actionreich. Und die Skurrilität kommt nicht zu kurz bei Verfolgungsjagden durch finnische Kreisverkehre, Unfälle mit Samuraischwertern oder unangenehmen Begegnungen in der Sauna. Es geht also auch durchaus humorvoll zu, aber ohne in Klamauk oder Satire abzudriften, das hat mir gut gefallen.

Die letzten Tage bis zum Friedhof ist ein (Kriminal-)Roman, der mich im Laufe der Lesezeit immer mehr überzeugt hat. Er ist eine angenehme Mischung aus Humor und Ernst mit einer ordentlichen Prise Spannung und einigen ungewöhnlichen Einfällen im Plot. Als äußerst gelungen habe ich die Figuren empfunden, nicht nur Ich-Erzähler Jaakko als Mann, der kurz vor dem Tod neue Vitalität erlangt, sondern auch vor allem die Mitarbeiter in Jaakkos Firma. Insgesamt absolut empfehlenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die letzten Meter bis zum Friedhof | Erschienen am 24. Januar 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06552-2
320 Seiten | 19,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

12. März 2018

Klaus-Peter Wolf | Totenstille im Watt Bd. 1

Klaus-Peter Wolf | Totenstille im Watt Bd. 1

Er ist der Arzt in Norddeich, dem die Menschen vertrauen. Ein Doktor aus Leidenschaft. Er behandelt seine Patienten umfassend. Kümmert sich rührend nicht nur um ihre Wunden, sondern nimmt sich auch ihrer alltäglichen Sorgen an. Hört ihnen zu. Entsorgt auch schon mal einen brutalen Ehemann. Verleiht Geld, das er nicht hat. Keiner weiß, dass er ein Mann mit Vergangenheit ist. Einer anderen Vergangenheit, als manche sich das vorstellen. Der jetzt mit neuer Identität ein neues Leben lebt. Wer ist dieser Dr. Sommerfeldt? (Verlagsinfo)

Aus einem Unternehmer, der in die Insolvenz rutscht, weil er die geschäftlichen Praktiken zur Auftragseinholung (= Bestechung), die sein Vater noch für angemessen hielt, nicht mitmachen will, wird ein Serienkiller ohne schlechtes Gewissen. Doch zunächst lässt er sein altes Leben, genauer gesagt das insolvente Unternehmen, seine gefühlskalten Eltern und seine Frau, die hinter seinem Rücken bereits die Scheidung eingereicht hat, hinter sich.

Zugute kommt ihm die Kenntnis des Goldverstecks seines Vaters. Seine finanzielle Existenz zumindest ist somit gesichert. Er beschließt, sich nach Norddeutschland abzusetzen (seine Eltern machen immer Urlaub in Süddeutschland) und findet auf der Zugfahrt zu seiner neuen persönlichen Existenz, wobei ihm sein nicht abgeschlossenes  Medizinstudium von Nutzen ist.

„Im Zug – wir waren kurz vor Oldenburg – gab es plötzlich diese Durchsage: Ob ein Arzt im Zug sei. Es handele sich um einen Notfall. Da war so ein Prickeln auf meiner Haut zu spüren, und da waren Stiche in meinem Rücken. Meine Wirbelsäule schien zu brennen. Was ich dann tat, entsprang keiner vorherigen Überlegung. Ich lief zum Schaffner, behauptete, ich sei Arzt, und sah die Erleichterung in seinem angespannten Gesicht.“ (Seiten 31 und 32)

In seinem neuen Leben als Arzt ist er ziemlich erfolgreich. Als Patienten tauchen im Verlauf der weiteren Handlung auch Figuren aus den bisherigen Romanen auf, zum Beispiel Rupert und Ann Kathrin Klaasen. Selbst Ann Kathrin kommt er nicht verdächtig vor, obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits einige Leichen gibt. Dr. Sommerfeldt ist nämlich fleißig dabei, unliebsame, gewalttätige (Ehe-)Männer sowie Zeitgenossen, die seine neue Liebe Beate erpressen könnten, aus dem Weg zu schaffen. Einmal in dieses Fahrwasser geraten, gibt es für ihn kein Halten mehr.

Klaus-Peter Wolf hat in Totenstille im Watt einen Charakter aufgebaut, der in seiner Welt psychologisch betrachtet durchaus nachvollziehbar handelt: alles, was ihn oder ihm nahe stehende Personen gefährdet, wird eliminiert, Gewissensbisse Fehlanzeige.

„Eigentlich wollte ich Arzt und Schriftsteller werden, nicht Serienkiller. Aber wer wird schon als so etwas geboren? Das Leben hat mich im Laufe der Zeit dazu gemacht, und jetzt fühle ich mich in diesen Identitäten sogar recht wohl. Als hätte ich meine Bestimmung gefunden. Vielleicht gibt es bessere Lebens- und Daseinsformen. Das ist eben meine. Ich bin ein Doktor, der keiner ist, aber von seinen Patienten geliebt wird. Ein Schriftsteller, der keine Leser hat, und ein Serienkiller, frei von jeglicher Mordlust.“ (Seite 229)

Die in Ich-Form geschilderten Handlungen erscheinen so einfach, es ist jedoch zu bezweifeln, dass sie in der Realität so durchführbar wären, was dem ganzen Buch auch einen gewissen schrägen Humor beschert. Ich unterstelle hier mal dem Autor (in Kenntnis einiger seiner Kurzgeschichten), dass dies auch beabsichtigt ist.  Auf jeden Fall ist dieses Buch aufgrund der veränderten Sichtweise anders als die bisherigen Romane um Ann Kathrin Klaasen. Mal sehen, was die angekündigte Fortsetzung noch parat hat.

Klaus-Peter Wolf wurde 1954 in Gelsenkirchen geboren und lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, mehr als 60 Drehbücher, unter anderem für „Tatort“ und „Polizeiruf 110“, wurden verfilmt. Mit Ann Kathrin Klaasen, die ebenfalls in Norden angesiedelte Protagonistin der meisten bisherigen Bücher, hat er eine Kultfigur für Ostfriesland geschaffen.

Mein Fazit: Ein spannender Krimi aus der Sicht des Täters für Leser mit einem Faible für das Absurde.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Totenstille im Watt | Erschienen am 1. Juli 2017 im Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-29764-1
410 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

André Pilz | Man Down

André Pilz | Man Down

Oh ja, Florian, ich liebe den Kick, den Rausch. Er hält mich am Leben und macht mich kaputt. Mit jedem Rausch verliere ich ein Stück meiner Seele und meiner Kraft und meines Willens. Verliere ich einen Teil meiner Lebensfreude. Das ist eine Kapitulation auf Raten. Der Rausch ist verlogen und hinterlistig. Er gaukelt mir vor, lebendig zu sein, voller Leidenschaft und Feuer, und ich glaube ihm, und wenn ich dann wieder runterkomme, wird mir klar, dass ich nur zu einem billigen Porno gewichst habe und dass die heiße Braut nur auf dem Bildschirm existiert.
Ich glaube nicht, dass ich Schmerz jemals ohne Drogen ertragen werde können.
Ich wünschte, ich wäre stärker, aber ich weiß, ich bin es nicht.
Ich ergebe mich lieber den Drogen als dieser Welt (Auszug Seite 100)

Kai Samweber ist gelernter Dachdecker, doch in seinem Beruf wird der Mittzwanziger nach einem Sturz vom Dach wohl nie mehr arbeiten. Seine körperlichen Beschwerden ertränkt er in Alkohol und Drogen. Hinzu kommen auch Geldsorgen. In Erwartung des ihm zugesagten, noch ausstehenden Lohns leiht sich Kai einige tausend Euro bei den zwielichtigen Brüdern seines besten Kumpels Shane. Doch sein alter Chef zahlt nicht, meldet Insolvenz an und Kai hat nun ein echtes Problem. Er muss als Drogenkurier seine Schulden abarbeiten.

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