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Alan Carter | Marlborough Man

Alan Carter | Marlborough Man

Der Himmel ist klar, die Sterne leuchten. Da oben ist das Kreuz des Südens, weiter westlich entdecke ich den Skorpion. Der Busch ist voller Vogelgeräusche und Rascheln. Ein seltsames Land. An manchen Tagen ist seine Schönheit atemberaubend, dann wieder nimmt einem die Hässlichkeit die Luft. (Auszug Seite 126)

Nick Chester leitet als Sergeant die Polizeistation in Havelock in den Marlborough Sounds an der Nordküste der Südinsel Neuseelands. Für seinen Dienstgrad eigentlich ein etwas unbedeutender Posten, gibt es dort doch hauptsächlich Trunkenheitsraufereien und Verkehrsdelikte. Und auch aktuell hat es Nick eher mit einem lästigen Fall zu tun: Die Yacht des Holzindustriellen McCormack wurde mit einem Graffito besprüht. Der großspurige McCormack besitzt große Waldflächen rund um Havelock, ist Hauptarbeitgeber der Gemeinde und nutzt dies auch aus, so dass Nick wenig Lust verspürt, den Sprayer zu ermitteln.

Allerdings gibt es in den Sounds nun auch einen großen Kriminalfall. Ein sechsjähriger Junge ist nach dem Schwimmunterricht verschwunden und wird missbraucht und ermordet aufgefunden. Doch Nick nimmt zunächst nur eine Nebenrolle in den Ermittlungen ein. Das liegt daran, dass ihn seine Vergangenheit als Undercover-Cop wieder einholt. In Sunderland in Nordengland hat er vor einigen Jahren die dortige Gangstergröße in den Knast gebracht. Dieser schwor Rache und so wurde Nick mit Ehefrau und Sohn mit neuem Namen versehen und quer über den Erdball verfrachtet. Doch im heutigen digitalen Zeitalter bleibt nichts geheim und so erhält der zunehmend paranoische Nick mehr und mehr Indizien, dass seine alten „Kumpels“ aus Sunderland es auf seinen Kopf abgesehen haben. Und nicht nur auf seinen.

Ich weiß, wer da kommt. Sammy Pritchard. Er lässt mich wissen, dass er mich endlich gefunden hat. Seine Macht reicht weit, noch aus dem Hochsicherheitsgefängnis streckt er seinen Arm nach mir aus. […]
Ich sehe Vanessa an, sie ist schlaftrunken und genervt. Ich denke an Paulie, der unten schläft. Wird sich Sammy mit mir begnügen und die beiden am Leben lassen? Nein. Natürlich nicht. (Seite 12)

Autor Alan Carter ist ein Mackem, also gebürtig aus Sunderland, lebt aber schon seit mehr als zwanzig Jahren in Australien und Neuseeland. Carter hat sich auch in Deutschland in der Krimibranche mit seinen beiden bislang auf Deutsch bei der Edition Nautilus erschienenen Romanen Prime Cut und Des einen Freund einen Namen gemacht, so dass nun sein neuer Roman im Suhrkamp Verlag erscheint. Marlborough Man gewann übrigens im letzten Jahr den Ngaio Marsh Award, den renommiertesten Krimipreis Neuseelands.

Der Protagonist Nick Chester wird hier auf einen wahren Parforceritt beruflich und privat geschickt. In Rückblenden erfährt der Leser von Nicks Undercoverjob und wer ihm aufgrund dessen immer noch auf den Fersen ist. Das belastet Nick selbstredend auch privat. Seine Frau Vanessa ist über den Umzug nach Neuseeland immer noch wenig begeistert, trotz der aus Herr der Ringe bekannten Landschaft. Der gemeinsame Sohn Paulie bedarf wegen seines Down-Syndroms zusätzlicher Aufmerksamkeit. Als dann noch Killer aus der Vergangenheit auftauchen, kriselt es in der Ehe gewaltig. Dies wird neben den Krimi- und Thrillerhandlungen glaubhaft erzählt. Außerdem nimmt auch die Māori-Kultur einen Raum in der Geschichte ein und das immer noch schwierige Verhältnis zwischen den Ureinwohnern und den Pākehā, den europäisch stämmigen Einwohnern.

Carter kreiert aus den Zutaten eine Mischung aus klassischem Whodunit mit (nicht immer) klassischer Ermittlungsarbeit und einem packendem Thriller. Dabei muss man klar zugeben, dass er das Rad nicht neu erfindet. Einige Motive sind aus anderen Romanen des Genres wohl bekannt. Überzeugend ist aber, dass der Autor die Klaviatur exzellent beherrscht, die (zahlreichen) Figuren bleiben nie oberflächlich, die Dialoge sind knackig und auch das Setting Neuseeland wird gebührend eingebaut. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Marlborough Man |  Erschienen am 17. Juni 2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46932-3
384 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Karin Kehrer | Todesklang und Chorgesang

Karin Kehrer | Todesklang und Chorgesang

Die pensionierte Lehrerin Bee Merryweather lebt in dem beschaulichen South Pendrick in Cornwall, ihr Lieblingshobby ist das Singen im örtlichen Kirchenchor. In ihrem ersten Fall findet sie eines morgens den nicht sehr beliebten Chorleiter Peter Bartholomew tot in seinem Haus. Dann erfährt sie, dass er vergiftet wurde und kann es anschließend nicht lassen – wie einst Miss Marple – selbst Ermittlungen anzustellen. Das ist nicht ganz einfach, da anscheinend so ziemlich jedes Chormitglied und dazu einige Dorfbewohner einen Grund hatten, Peter ans Leben zu wollen. Zugute kommt ihr, dass sie sich mit dem Dorfpolizisten David gut versteht, auch dem Arzt des Dorfes, Dr. Strong, ist sie sehr sympathisch; beide helfen ihr auf unterschiedliche Weise, wenn auch teilweise unfreiwillig. Bis zur endgültigen Auflösung, die doch ziemlich überraschend daherkommt, erlebt Bee Einiges und lernt einige Geheimnisse der Dorfbewohner kennen; dabei gerät sie selbst allerdings auch in Gefahr.

Die Personen der Handlung sind sehr lebendig dargestellt. Allerdings macht es das dem Leser auch ziemlich schwer, selbst auf den Täter zu kommen. Zu viele der Dorfbewohner haben anscheinend ein Motiv und ausgerechnet der Pfarrer hat sich als Hobby einen Garten mit Giftpflanzen angelegt. Leider wurde ausgerechnet mit dem Extrakt aus einer dieser Pflanzen der Tod von Peter herbeigeführt.

Insgesamt gesehen hat die Autorin einen sehr stimmigen Plot aufgebaut und mit ihrem ansprechenden Schreibstil eine Dorfatmosphäre geschaffen, die einem das Gefühl gibt, selbst mittendrin zu sein. Man ist fast geneigt, seinen nächsten Urlaub in South Pendrick zu planen, um Bee kennen zu lernen und mit ihr eine Tasse Tee zu trinken. Vorerst darf man jedoch gespannt sein, wie es mit Bee – und Dr. Strong (!) – weitergeht.

Alles in allem für Liebhaber von Cosy-Crime-Romanen sehr zu empfehlen, tolle Kulisse und eine liebenswerte (wenn auch manchmal leicht unbeholfene) Hauptperson.

Karin Kehrer wurde 1965 im Mühlviertel in Oberösterreich geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Sie schreibt vorwiegend Romane in den Genres Krimi, Fantasy und Thriller und lässt sich von Reisen auf die britischen Inseln inspirieren. Zu ihren Hobbys zählt auch das Singen, das spiegelt sich auch in ihrem ersten Roman um Bee Merryweather wieder.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Todesklang und Chorgesang | Erschienen am 30. November 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-95819-230-0
251 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

„Die alten Regeln gelten nicht mehr. Es ist durchaus vorstellbar, dass wir einfach alles in Stücke hauen und von vorne anfangen, mit … verlässslicher Führung. Sie sind alles andere als unantastbar, weder individuell noch als Behörde. Das ist nichts Persönliches und bleibt uns hoffentlich erspart. Aber so ist die Welt heute nun mal. Wenn etwas schiefgeht, findet sich ein Sündenbock. Immer. Man muss nur richtig suchen. Gut möglich, dass diesmal ihr Verein an der Reihe ist.“ (Auszug Seiten 29-30)

Eine Stadt in Nordengland. Der Geheimdienst hat einen V-Mann in einer islamistischen Terrorzelle. Die Zelle plant einen Sprengstoffanschlag und will angeblich einen Probelauf machen. Der V-Mann Abu Omar wird kontrolliert und überwacht, doch als er den Bahnhof betritt, löst er eine Bombe aus. Ein verheerendes Attentat und der Geheimdienst ist völlig blamiert. Im Zentrum der Kritik steht Führungsoffizier Jake Winter. Er selbst grübelt darüber am meisten nach, in welchem Moment die Sache schief gelaufen ist. Wenige Monate später beginnt die politische Aufbereitung des Attentats – ein unabhängiger Untersuchungsausschuss, in den Jake als (anonym bleibender) Zeuge geladen ist. Er befürchtet, dass man ihn als Sündenbock brandmarkt. Doch zeitgleich bietet sich Jake eine neue, vielleicht letzte Chance: Ein Islamist hat sich als V-Mann angedient. Auch er ist Teil einer Zelle, die einen noch größeren Anschlag vorbereitet. Jake setzt alles daran, seine Fehler nicht zu wiederholen und diesmal an die Hintermänner heranzukommen.

Den Autor Nicholas Searle umgibt eine gewisse mysteriöse Aura. Viel erfährt man nicht über ihn. Brite, studierte Sprachen unter anderem in Göttingen, war danach lange im Staatsdienst in seiner Heimat und in Neuseeland. Zu seinem Debütroman „The Good Liar“ (dt. „Das alte Böse“) ließ sein britischer Verlag verlauten: „[he] is not allowed to say more about his career than that he was a senior civil servant for many years“. Das klingt natürlich sehr undurchsichtig und geheim und erinnert natürlich an Koryphäen wie John le Carré, der seine Jahre als Geheimdienstler gewinnbringend in seine Romane umzusetzen wusste und noch weiß.

Und in diese Tradition kann man Der Sprengsatz in jedem Fall einordnen. Searle beschreibt einen Geheimdienst in schwieriger Lage und mit den zu erwartenden internen Machtspielen und Illoyalitäten. Islamische Gefährder und Rückkehrer aus den Kampfgebieten können jederzeit Anschläge verüben, die Zuverlässigkeit der eigenen V-Männer ist unklar, ausländische Dienste spielen ihr eigenes Spiel. Im konkreten Fall gab es bereits einen verheerenden Anschlag und die Schuldsuche hat eingesetzt. Jake Winter wäre der passende Schuldige. Und vermutlich wäre er schon längst vom Dienst suspendiert, wenn er nicht der Kontaktmann für den nächsten wichtigen V-Mann in der Szene wäre. Doch die Messer werden gewetzt.

Dramaturgisch löst der Autor die Verbindung zwischen altem und neuem Fall sehr geschickt und lässt Jake Winter zwischen Untersuchungsausschuss und V-Mann-Betreuung hin und her pendeln. Nach und nach kommt ein wenig mehr Licht in den alten Fall und zeitgleich spitzt sich die Situation aufs Neue zu. Dabei setzt Searle auf wechselnde Perspektiven. Er begleitet neben Winter weitere Personen des Geheimdienstes, die vier Personen der neuen Terrorzelle und ein Ehepaar mit pakistanischen Wurzeln, das im ersten Anschlag Sohn und Enkeltochter verlor.

Gerade die Abschnitte mit dem Ehepaar Masoud und den Islamisten haben mir auch am besten gefallen. Aus diesen Figuren holt der Autor viel heraus, wohingegen die Hauptfigur Jake Winter über weite Strecken eher vage und ungreifbar bleibt (Geheimdienstler halt). Aber insgesamt überzeugt dieser Thriller mit einem realistischen Plot, sehr gelungenen Dialogen und einem guten Spannungsbogen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Sprengsatz n| Erschienen am 18. Juni 2019 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-40721-0
304 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephen King | Der Outsider ♬

Stephen King | Der Outsider ♬

Wie in vielen seiner Geschichten entführt Stephen King den Hörer wieder ins amerikanische Kleinstadtmilieu und wie so oft kommt das Grauen von innen. Hier in dem fiktiven Flint City in Oklahoma wird in einem Stadtpark die Leiche eines kleinen Jungen gefunden.

Coach T als Kindsmörder

Kurz darauf wird der geschätzte Jugendtrainer und Englischlehrer Terry Maitland während eines Baseballspiels verhaftet und vor allen Zuschauern einschließlich seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Handschellen abgeführt. Die drastischen Vorwürfe scheinen das medienwirksame Spektakel zu rechtfertigen: Der Coach soll den elfjährigen Frank Peterson sexuell missbraucht, grausam ermordet und sogar zerstückelt haben. Die Beweise sind erdrückend: Mehrere Zeugen haben Maitland mit blutverschmierter Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen und eindeutig identifiziert. An dem Lieferwagen, mit dem der Junge entführt wurde, finden sich Maitlands Fingerabdrücke. Als später auch seine DNA auf der Leiche des Opfers eindeutig festgestellt wird, besteht für den ansässigen Detective Ralph Anderson absolut kein Zweifel mehr an der Schuld des kumpelhaften Coach. Dass dieser auch seinen halbwüchsigen Sohn Derek trainierte plus die Abscheulichkeit des Verbrechens sorgte für zusätzlichen Druck und lassen Anderson nicht mehr sachlich agieren.

Der beliebte Coach T bestreitet die Tat auch nach seiner Verhaftung vehement. Er kann zur allgemeinen Verwunderung ein unwiderlegbares Alibi vorweisen, denn zur fraglichen Zeit war er mit mehreren Kollegen auf einer Tagung in einer anderen Stadt. Dies können nicht nur alle bezeugen, sondern es gibt auch einen Video-Mitschnitt einer Krimi-Lesung mit Harlan Coben, auf der Maitland eindeutig in der ersten Reihe sitzend zu erkennen ist und auch hier werden seine Fingerabdrücke sichergestellt.

Eine Stadt dreht durch

Inzwischen formieren sich die Bürger von Flint City zu einem hysterischen Lynchmob, der davon überzeugt ist, dass der bis dahin unbescholtene Coach T ein Monster ist. Nur Maitlands Frau und sein Anwalt Howard Gold halten noch zu ihm. Nicht nur für die Maitlands beginnt ein regelrechter Albtraum. Auch über die Familie des Opfers, die Petersons, bricht in immenser Geschwindigkeit Chaos und Elend herein. Es beginnt eine Tour de Force und man ahnt, dass diese tragische Geschichte ein katastrophales Ende nehmen wird. King entwirft hier mit großer Rasanz ein faszinierendes Szenario. Die vielen schockierenden Momente hatten an dieser Stelle eine große Sogwirkung auf mich und machten es mir schwer, das Hörbuch auszuschalten.

Die Verantwortlichen, allen voran, Detective Ralph Anderson, sind überfordert. Er bereut inzwischen den showartigen Verhaftungszirkus im Stadion zusammen mit dem ehrgeizigen Bezirksstaatsanwalt Bill Samuels. Die Widersprüche nagen an dem integren Detective und nach einer kurzzeitigen Suspendierung stellt er zusammen mit dem Anwalt Gold und dem Privatdetektiv Alec Pelly eigene Ermittlungen an. Als dazu Informationen aus einem anderen Bundesstaat benötigt werden, stößt auch noch die Privatermittlerin Holly Gibney dazu. Die schrullige Detektivin, ausgestattet mit einigen Zwangsneurosen, kennt man vielleicht aus der Bill-Hodges-Trilogie. Und diese sollte man vorher gelesen haben, da wirklich viel gepoilert wird!

Fazit

So sehr ich mich über das Auftauchen von Holly Gibney gefreut habe, geht dem Thriller in der zweiten Romanhälfte leider etwas die Luft aus. Die rätselhafte Geschichte lässt sich nicht plausibel auflösen und Stephen King zieht hier den übernatürlichen Joker. Obwohl dann natürlich das logische Mitraten wegfällt, habe ich gar kein Problem mit einem Wechsel ins Metaphysische. Aber zum einen verdrängt Holly den bisherigen Protagonisten Ralph Anderson und durchschaut relativ schnell das böse Horrorwesen. Und zum anderen konnte mich der Antagonist nicht restlos überzeugen. Der Gestaltwandler, der sich von Trauer und Elend nährt und sich auf eine mexikanische Folklegende bezieht, schien mir nicht komplett durchdacht und ist in Teilen ein alberner und wenig bedrohlicher Dämon.

Die Handlung flacht bis zum großen Showdown in einer Tropfsteinhöhle in Marysville auch durch viele Wiederholungen leider etwas ab und die Auflösung kann nicht vollständig überzeugen.

Stephen King ist ein großer, begnadeter Erzähler, egal welches Genre er bedient. Der Outsider ist eine komplex gestrickte Mischung aus klassischem Krimi und Horrormär mit intensiven Passagen am Anfang, in denen der Autor mit seinem schriftstellerischen Können glänzt und der zum Schluss etwas schwächelt und an Raffinesse verliert. So als hätte der Autor keine Lust mehr gehabt und die Geschichte schnell zu Ende gefrickelt.

Das macht David Nathan aber mit seiner begeisterten Lesung wieder wett. Er lässt sich richtig in die weit ausgebreitete Geschichte fallen und gestaltet die verschiedenen, lebensnahen Charaktere wirklich hervorragend. Kings Art zu schreiben ist wie für Hörbücher gemacht und Nathan gelingt es problemlos Bilder in die Köpfe der Hörer zu transportieren.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Outsider |Das Hörbuch erschien am 27. August 2018 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-4284-6
3 mp3 CDs | 24.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 19 Stunden 9 Minuten
Original-Titel: Outsider (Scribner)
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Stephen King | Der Anschlag

Stephen King | Der Anschlag

„Glückliches neues Jahr, G…“ Sie wich stirnrunzelnd einen halben Schritt zurück. „Was hast du?“
Vor meinem inneren Auge stand plötzlich das Texas School Book Depository, ein hässlicher Klinkerkasten mit Fenstern wie Augen. Es war das Jahr angebrochen, in dem das Schulbuchlager ein geschichtsträchtiger Ort werden würde.
Das wird es nicht. So weit lasse ich dich nicht kommen, Lee. Du gelangst nie an dieses Fenster im fünften Stock. Das ist mein guter Vorsatz. (Auszug Seite 663)

Der Englischlehrer Jake Epping lebt ein ereignisarmes Leben in Lisbon Falls. Eines Tages offenbart ihm sein guter Bekannter Al Templeton, Besitzer eines Imbiss-Trailers, dass er unheilbar krank ist und in Kürze verstirbt. Gleichzeitig zeigt Al Jake ein großes Geheimnis: Im Hinterzimmer seines Imbisses gibt es ein Zeitportal. Man gelangt in den September des Jahres 1958 und auch wieder zurück. Al selbst hat dieses Portal regelmäßig benutzt, unter anderem, um sich mit günstigem Burgerfleisch zu versorgen. Doch Al hat auch eine Mission: Er will das Attental auf John F. Kennedy am 22.11.1963 in Dallas verhindern. Dafür hat er eine Menge Material über Lee Harvey Oswald gesammelt. Doch aufgrund seiner Erkrankung kann er die Mission nicht mehr ausführen. Deshalb will Al Jake dafür gewinnen.

Doch der schreckt natürlich erstmal zurück vor so einer gewaltigen Aufgabe. Will sich erst mal hereintasten in die Vergangenheit. Ausprobieren, ob so etwas überhaupt gelingen kann. Denn Al warnt durchaus: So leicht lässt sich die Vergangenheit nicht verändert, sie wehrt sich und wird widerspenstig. So sucht sich Jake zunächst eine kleinere Mission aus. Vor einiger Zeit hatte Jake in einem Englischkurs für Erwachsene einen Aufsatz mit dem Thema „Der Tag, der mein Leben veränderte“ schreiben lassen. Darunter war der Aufsatz des Schulhausmeisters Harry Dunning, der mit erheblichen Rechtschreib- und Grammatikschwächen zu kämpfen hatte, aber eine unglaublich traurige Geschichte über den Tag an Halloween 1958 schrieb, als sein Vater seine Mutter und seine Geschwister erschlug und ihn schwer verletzte. Jake nimmt sich vor, diese Tragödie zu verhindern und reist in die Vergangenheit nach Derry, Maine.

Derry lässt King-Fans sicherlich wissend aufhorchen. Die fiktive Stadt ist Schauplatz mehrerer King-Romane und hinterlässt das Gefühl eines feindseligen, bösen Ortes. Ich mag gar nicht zu viel verraten, was Jake Epping in Derry widerfährt, allerdings wird auch hier schnell klar, dass es nicht so leicht ist, die Vergangenheit zu ändern und selbst wenn man es schaffen sollte, was sind die weiteren Auswirkungen? Erreicht man in der Folge überhaupt das Beabsichtigte? Der berühmt-berüchtigte Schmetterlingseffekt. Diesen lernt Jake in Derry zum ersten Mal kennen und er wird auch in der weiteren Geschichte in Dallas eine große Rolle spielen.

Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Jake nimmt Als Mission schließlich an. Allerdings ist bis zum 22. November 1963 noch einiges an Zeit herumzubringen und so erzählt King die Geschichte von Jake, wie er sich langsam Richtung Texas aufmacht, mit Geld einen Abschluss erkauft und schließlich auch in der Vergangenheit als Lehrer arbeitet. Er landet in der Kleinstadt Jodie, wo er freundschaftlich aufgenommen wird und sich schließlich in die von ihrem psychisch gestörten Mann getrennt lebende Schulbibliothekarin Sadie Dunhill verliebt. Doch irgendwann rückt das Datum immer näher und Jake will die Mission weiterführen, muss allerdings schon bald erkennen, dass sie aufs Schmerzlichste mit seinem glücklich verlaufenden Leben in der Vergangenheit kollidiert.

Wollte ich Jahre in der Vergangenheit verbringen? Nein. Aber ich wollte dorthin zurück. Und wenn auch nur, um zu hören, wie Little Richard geklungen hatte, als er noch Top of the Pops gewesen war. Oder um an Bord einer Maschine der Trans World Airlines zu gehen, ohne meine Schuhe ausziehen und durch einen Ganzkörperscanner und einen Metalldetektor gehen zu müssen.
Und ich wollte noch ein Root Beer. (Seite 71)

Die Ermordung Kennedys durch Lee Harvey Oswald ist immer noch ein nationales Trauma der Vereinigten Staaten. Stephen King selbst hatte die Idee zu diesem Roman schon Anfang der 1970er, ließ aber dann davon ab, weil er meinte, dass es noch zu frisch war für eine solche Darstellung. Interessant ist, was Al und auch Jake glauben, durch die Verhinderung des Attentats positiv beeinflussen zu können: Der Vietnamkrieg und die Rassenunruhen in den USA. Doch, ob sich der alternative Geschichtsverlauf sich wirklich so positiv auswirken würde? Was die Ermordung Kennedys betrifft, verzichtet King übrigens auf irgendwelche Verschwörungstheorien, sondern hält sich an die Fakten bezüglich der Täterschafts Oswalds (wobei er einige unklare Stellen schon erwähnt). Dies hat mich zunächst etwas enttäuscht, im Nachhinein muss ich aber zugeben, dass es richtig war, die Konstruktion dieser Zeitreisegeschichte nicht noch mit alternativen Theorien zu überfrachten.

Wie so häufig bedient sich der Autor eines Ich-Erzählers, der rückblickend diese Geschichte erzählt. Jake Epping ist ein typischer Durchschnittstyp, Lehrer, noch nicht allzu alt, dennoch bereits von seiner alkoholkranken Ehefrau getrennt. Ein intelligenter, aber gutmütiger, nicht allzu ambitionierter Mann. Er schreckt vor der Aufgabe ein wenig zurück, bringt es aber auch nicht fertig, seinem Kumpel Al den Wunsch auszuschlagen. Aber Jake wächst mit seiner Aufgabe, geht immer zielstrebiger und auch hartgesottener vor. Bis die Liebe zu Sadie Dunhill ihn auf eine harte Probe stellt.

King erzählt die Vergangenheit über weite Strecken in einem fröhlichen Ton: Die Luft ist frischer, das Gras ist grüner, das Bier schmeckt besser. Aber er ist weit davon entfernt, einen „früher war alles besser“-Ton zu vermitteln. Dafür reicht ein kurzer Blick an einem Rastplatz, wo es eine Damen- und Herrentoilette gibt und einen Hinweispfeil „für Schwarze“, der zu einem Donnerbalken über einem stinkenden Bach führt. Was man in diesem Roman natürlich auch vorfindet, sind die zahlreichen Querverweise zu Kings Gesamtwerk – etwa ein weiß-roter Plymouth Fury, der regelmäßig vorkommt, oder Verweise auf ES in Derry.

Der Anschlag beinhaltet viele Elemente aus Thriller, historischem Roman, Sci-Fi und daneben eine große Lovestory. Das alles beherrscht King ziemlich souverän und erweist sich als begnadeter Erzähler, der 1000 Seiten scheinbar mühelos zu füllen vermag. Dabei zeigt er sich als guter Beobachter, der die Zeiten und Verhältnisse beschreibt, dabei aber nicht das große Ganze, sondern den Einzelnen im Blick behält. Denn bei allen nationalen Traumata – die wahren Tragödien erfährt doch jeder im Privaten. Insgesamt für mich ein sehr vielseitiger und trotz des Umfangs kurzweiliger Roman.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Anschlag | Erschienen am 23. Januar 2012 im Heyne Verlag
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 10. Juni 2013 ebenfalls im Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-43716-6
1072 Seiten | 12.99 Euro
Originaltitel: 11/22/63
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

 

Zum Bild von Lee Harvey Oswald (aus Wikipedia/Public Domain):
Photo of Lee Harvey Oswald with rifle, taken in Oswald’s back yard, Neely Street, Dallas Texas, March 1963. Originated from the report of the Warren Commission, a US Government report. From WH Vol.16 page 510.