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Nina Ohlandt | Dünengeister Bd. 6

Nina Ohlandt | Dünengeister Bd. 6

„Zwischen den Wolken kam der Mord hervor, und Haie trieb sein Pferd an. Es trabte durch den tiefen Sand der Großen Düne, die auf der Insel nur als die „Geisterdüne“ bekannt war. Der Legende nach hatten an diesem Ort in früheren Jahrhunderten die Einheimischen ihre wilden Orgien und Besäufnisse gefeiert, nachdem sie die gestrandeten Schiffe ausgeraubt, die Besatzung, sofern sie nicht ersoffen war, erschlagen und die Beute in Sicherheit gebracht hatten.“ (Seite 9)

Hauptkommissar John Benthien von der Kripo Flensburg ist gerade mit seiner Freundin und Kollegin Lilly Velasco auf Sylt bei Benthiens Vater zu Besuch, als ein Jugendlicher eine Hand in einer Düne entdeckt. Nach den ersten Ermittlungen stellt sich heraus, dass dort auch noch eine zweite Leiche liegt, die beide Jahrzehnte alt sind. Kurze Zeit später gibt es in der Familie, zu dessen Grundstück diese Düne gehört, zwei weitere Todesfälle. Benthien ist das etwas zu viel Zufall und er gräbt sich tief in die Vergangenheit der Familie…

Fall 6 für Benthien
„Dünengeister“ von Nina Ohlandt ist der sechste Fall um Kommissar Benthien. Dieses Buch kann man problemlos auch ohne Vorkenntnisse der Reihe lesen, es wird wenig Bezug auf die vorherigen Fälle genommen und wenn, dann so ausgeführt, dass man die Zusammenhänge gut begreift. Im Fokus der Geschichte stehen absolut die Ermittlungen und die Aufklärung des Falles. Nur hin und wieder kommen auch private Aspekte der Kommissare, was ich angenehm finde.

Sehr komplexer Fall
Da es sich hier um drei Mordfälle aus unterschiedlichen Zeitepochen handelt, ist die Geschichte sehr komplex. Hinzu kommen viele handelnde Personen und Namen aus mehreren Generationen, da kann man leicht mal durcheinander kommen. Damit der Leser aber nicht den Überblick verliert, gibt es im Buch ein Personenregister, das ich allerdings nicht brauchte, da auch im Text immer wieder beschrieben wird, in welchem Zusammenhang diese oder jene Person nochmal steht.

Protagonist bleibt flach
Lange tappen die Hauptermittler, die aus Benthien, Lilly und Tommy Fitzen, einem Kollegen aus Flensburg, bestehen, im Dunkeln. Viele haben Gelegenheit, aber keiner so ein wirkliches Motiv. Die Spannung um die Täter bleibt bis zum Schluss erhalten, erst auf den letzten Seiten werden diese gelüftet und konnten mich überraschen. Benthien, der Protagonist, hat mich persönlich nicht sehr angesprochen, er ist ein Kommissar der ermittelt, ohne Ecken und Kanten oder irgendetwas spezielles, das mich für ihn einnimmt, das finde ich etwas schade.

Agatha lässt grüßen
Das Buch besitzt über fünfhundert Seiten, aber keine davon ist zu viel. Am Ende schreibt die Autorin, dass dieser Roman eine „kleine, augenzwinkernde Hommage an Agatha Christie und ihr Werk“ sein soll, was ich sehr schön finde, denn am Ende bringt Lilly, die in jeder freien Minute die Krimis von Agatha Christie liest, den entscheidenden Hinweis.

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, daneben schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später arbeitete sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Dünengeister | Erschienen am 29.03.2019 bei Bastei Lübbe
ISBN 978-3-404-17780-6
544 Seiten | 10,– €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Die korpulente Gerda Wohlleben errötete und zeigte ihrer Freundin Irmgard kichernd das Zettelchen, das der Kellner mit der Saalpost gebracht hatte. Ick bin so jalant, nehm Ihnen bei der Hand. Wenn Se nicken, lass ick mir blicken. Bei Clärchen gab es keine Telefone, diese neue, kostspielige Mode machte sie nicht mit. Papier erfüllte den Zweck genauso gut und war auch romantischer als ein Apparat, der auf dem Tisch stand und kaum Platz für Sekt und andere Erfrischungen ließ. (Auszug Seite 11)

An einem heißen Abend im Sommer 1928 wird das Tanzvergnügen in Clärchens Ballhaus in Berlin jäh unterbrochen. Während im Saal der Witwenball stattfindet, wird die Garderobiere Adele Schmidt im Hinterhof tot aufgefunden. Alles deutet auf eine Gewalttat hin und Leo Wechsler, Oberkommissar im Berliner Morddezernat, der sich gerade auf einer Feier der Kripo im Lunapark befindet, wird informiert. Es ist Wochenende und es herrscht natürlich Hochbetrieb in dem Amüsierviertel. Leo hat die schwierige Aufgabe, in der unübersichtlichen Lage die Befragungen aller Gäste und Angestellten zu organisieren. Ausgerechnet jetzt fehlt Freund und Kollege Robert Walther unentschuldigt. Zur kurzfristigen Unterstützung stößt ein Kollege von der Politischen Polizei hinzu. Adele Schmidt wurde offenbar erstickt, nachdem sie zuvor mit Chloroform betäubt wurde.

Das Phantom von Frankfurt

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen, zunächst führen aber alle Spuren in Sackgassen. Die bei allen beliebte Adele lebte in einfachen Verhältnissen, wie konnte sie sich das teure Seidenkleid leisten, dass sie am Tage ihrer Ermordung trug? Verdächtig macht sich auch ihr kommunistischer Exfreund, der mit der Trennung nicht gut zu Recht kam und ein kurz nach der Tat nicht mehr aufzufindender Pianist sorgt für ordentliche Verwirrung. Die patente Clara Bühler kann sich keinen Anschlag von Konkurrenten vorstellen, zu sehr halten sie und ihre „Saalschwestern“ zusammen.

Erst als kurz darauf ein junges Mädchen in einem Berliner Park vergewaltigt wird, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Opfer wurde ebenfalls vorher mit Chloroform betäubt und Wechsler findet einen Hinweis auf eine einige Jahre zurückliegende Vergewaltigungsserie in Frankfurt. Der Täter wurde nie gefasst und in der Öffentlichkeit „Das Phantom von Frankfurt“ genannt.

Meine Meinung

Im bereits siebten Band der Reihe entführt Susanne Goga den Leser in die schillernde Welt der Tanzpaläste und Amüsierbetriebe der damaligen Zeit, auch die Schilderung der Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung kommt nicht zu kurz. Die privaten Probleme der Ermittler drängen sich nicht in den Vordergrund, aber Susanne Goga nutzt hauptsächlich in Nebensträngen das Alltagsleben ihrer Figuren, die Lebensumstände der damaligen Zeit oder die Situation der Frauen in der Gesellschaft darzustellen. Auch die politische und gesellschaftliche Lage wird durch die Nebenfiguren illustriert. Und wenn man die Serie von Anfang an verfolgt, will man natürlich wissen, wie die vertrauten Charaktere sich entwickeln, was sie erleben. Zum Beispiel wenn Wechslers Sohn Georg von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine naturwissenschaftlich interessierte Tochter Marie eine Ausbildungsstelle für medizinisch-technische Assistentinnen besucht. Den Streit zwischen Leo und seinem Freund Robert fand ich etwas konstruiert. Dieser wird in eine kleine Außenstelle strafversetzt und lernt hier national gesinnte Kollegen kennen. Das könnte in einem weiteren Band noch interessant werden.

Der Mord ist recht unspektakulär und könnte auch in einer anderen Zeit spielen. Der gut konstruierte Krimiplot ist eher verzwickt als atemlos spannend und kommt ohne große Actionszenen aus, bietet aber durchaus fesselnde Unterhaltung. Es macht einfach Spaß, Wechsler und seine Kollegen bei ihren akribischen Ermittlungen über die Schulter zu schauen. Die Krimihandlung wird in eine atmosphärische, authentische Schilderung des Lebens im Berlin der 1920er Jahre eingebettet, und was die Reihe so lesenswert macht, ist dass man über die zeitspezifischen Verhältnisse der gar nicht so goldenen Jahre wie nebenbei erfährt.

Seit 1913 wird in Clärchens Ballhaus in Berlin getanzt. Noch heute steht der Tanzpalast, benannt nach seiner Betreiberin Clara Bühler, fast unverändert mit Livemusik und Spiegelsaal in der Auguststraße. Neben Abendveranstaltungen fanden auch immer Tanzkurse statt. Seit Ende 2019 ist das Ballhaus allerdings geschlossen, der neue Besitzer will das Kultlokal nach Sanierungen wieder eröffnen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Ballhausmörder | Erschienen am 21. Februar 2020 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21808-5
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Sumpffieber Bd. 10

James Lee Burke | Sumpffieber Bd. 10

Nur zweimal in meinem Leben hatte ich eine solche Morgendämmerung erlebt: einmal in Vietnam, als auf einer Nachtpatrouille eine Mine vor mir detoniert war und ihre Leuchttentakel um meine Oberschenkel geschlungen hatte, und das andere Mal, Jahre davor, draußen vor Franklin, Louisiana, als mein Vater und ich die Leiche eines Gewerkschaftlers entdeckt hatten, den man mit 16-Penny-Nägeln an Fuß- und Handgelenken an eine Scheunenwand genagelt hatte. (Auszug Seite 5)

Die grausame Hinrichtung des Gewerkschaftlers Jack Flynn konnte nie wirklich aufgeklärt werden. Das belastet den Ich-Erzähler Sheriff Dave Robicheaux auch Jahrzehnte später immer noch. Besonders jetzt, als dessen Tochter Megan Flynn, inzwischen eine berühmte Fotografin gemeinsam mit ihrem Bruder Cisco in ihre Heimat New Iberia zurückkehrt. Cisco Flynn, in Hollywood ein bekannter Regisseur, will in den Bayous um New Iberia nach Drehorten für einen neuen Film suchen. Produzent ist der reiche und einflussreiche Plantagenbesitzer Archer Terrebonne. Da das Filmbudget überzogen wurde, hatte der Regisseur Billy Holtzner Geld unterschlagen und jetzt Angst vor der Mafia. Er engagiert Clete Purcell, Robicheaux‘ Freund und ehemaligen Partner bei der Polizei und dieser arbeitet jetzt für den schmierigen Regisseur und seine Tochter als so eine Art Bodyguard.

Ebenfalls am Set tummelt sich ein enger Freund der Flynns aus ihren Tagen im Waisenhaus. Swede Boxleitner, ein brutaler Psychopath ist erst vor wenigen Tagen aus dem Knast entlassen worden und zieht das Interesse der FBI-Agentin Adrien Glazier auf sich.

Die hartnäckige Megan stellt viele Fragen und setzt sich besonders für den Kleinganoven Cool Breeze Broussard ein, der im Bezirksgefängnis von dem neuen, sadistischen Gefängnisverwalter Alex Guidry misshandelt wird. Obwohl schon viele Jahre her, leidet Broussard immer noch unter dem Selbstmord seiner Frau Ida, für den er sich die Schuld gibt. Robicheaux wird auf einen neuen Fall angesetzt, bei dem zwei junge Weiße in den Sümpfen des Missisippi-Deltas regelrecht liquidiert wurden. Sie wurden beschuldigt, eine 17jährige Schwarze vergewaltigt zu haben. Das Mädchen hatte ihre Anzeige wieder zurückgezogen. Einiges deutet darauf hin, dass der rassistische Alex Guidry in beide Fälle verstrickt ist.

Und das sind nur einige der Handlungsfäden und Figuren, mit denen es der Leser zu tun bekommt. Es ist eine vertrackte Geschichte, die weit in die Vergangenheit geht und mehrere Generationen betrifft. Alles scheint miteinander in Verbindung zu stehen, es bleibt bis zum Ende undurchschaubar, aber auch sehr spannend. Der harte Plot ist sehr anspruchsvoll und bedarf einer ständigen Konzentration, da vieles nur angedeutet wird und man sonst die Hintergründe nicht so leicht durchschaut. Einmal angefangen konnte ich den Roman aber nicht mehr aus der Hand legen. Burkes Schreibstil ist eigenwillig und poetisch, sprachlich auf hohem Niveau, nichts um es mal schnell weg zu lesen.

Die komplexe Geschichte ist eingebettet in eine bildgewaltige Beschreibung der Südküste der USA mit den feuchtschwülen Sümpfen Louisianas, den Mangrovenwäldern und der malerischen Schönheit der Bayous. Epische Natur- und Landschaftsbeschreibungen sind die große Stärke des Autors. Man spürt während des Lesens die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit am eigenen Körper und man bekommt ein Gefühl dafür, wie die Südstaatler ticken.

Denn neben den intensiv beschriebenen Settings sind für mich die vielschichtig angelegten Haupt- und Nebenfiguren das Herzstück dieses Krimis. Die differenziert beschriebenen Charaktere agieren oft widersprüchlich und sind nicht nur gut oder schlecht, sondern mit vielen Facetten ausgestattet. Burke deckt menschliche Abgründe auf, beschreibt emotionale Konflikte und spiegelt damit die amerikanische Gesellschaft wider.

Dave Robicheaux, Burkes alter Ego ist ein altbewährter Archetyp des Genres. Der Vietnam-Veteran und trockener Alkoholiker ist im Bayou auf gewachsen und geht regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. Ruhe findet er zumindest in diesem 10. Band bei der Arbeit in seinem kleinen Köderladen mit Bootsverleih. Die Szenen mit seiner Frau Bootsie und Adoptivtochter Alafair bilden einen Gegensatz zu dem brutalen Mix aus Action und Gewalt. Der Südstaaten-Cop, stur und beharrlich hat einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn und hinter seiner oft barschen Art verbirgt er sein Herz für die kleinen Leute, die Menschen ganz unten.

Selten habe ich mich mit dem Schreiben einer Rezension so schwer getan wie mit dieser. Über diesen Godfather des Hardboiled Krimis, der literarischen Legende James Lee Burke scheint schon alles gesagt zu sein, auch von meinen sehr geschätzten Blogkollegen.

Sumpffieber ist der 10. Band der Dave-Robicheaux-Reihe und wurde jetzt neu vom Pendragon-Verlag in einer überarbeiteten Form herausgebracht. Das Original erschien bereits 1998 unter dem Titel „Sunset Limited“ und hat auch nach 20 Jahren in Bezug auf den allgegenwärtig praktizierten Rassismus und den sozialen Konflikten im tiefsten Süden der USA nichts von seiner Aktualität verloren.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Sumpffieber | Erstmals erschienen 1998,
die aktuelle, überarbeitete Ausgabe erschien am 4. Juli 2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-645-4
456 Seiten | 18,- Euro
Originaltitel: Sunset Limited
Bibliografische Angaben

Weiterlesen: Rezensionen von Gunnar zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 14, Band 16, Band 21

Michael Connelly | Late Show

Michael Connelly | Late Show

Das Adrenalin rauschte wie ein Zug durch ihre Adern. Für sie war Trent keineswegs mehr nur noch eine Person von Interesse. Inzwischen war sie fest davon überzeugt, dass er der Gesuchte war, und es gab nichts, was über eine solche plötzliche Einsicht ging. Etwas Größeres gab es für einen Detective nicht. Das hatte nichts mit Beweisen oder juristischen Verfahrensweisen oder einem hinreichenden Verdacht zu tun. Es war nichts Geringeres als die felsenfeste Überzeugung, dass man es einfach wusste, und es gab nichts in Ballards Leben, was es mit diesem Gefühl aufnehmen konnte. (S.127)

Detective Renée Ballard von der Nachtschicht des LAPD hat gerade mit ihrem Partner John Jenkins ihren Dienst begonnen und einen Einbruch mit Kreditkartenbetrug aufgenommen, als sie ins nahegelegene Hospital gerufen werden. Dort wurde eine junge Frau – eine Transgender-Prostituierte, wie sich bald herausstellt – halbtot geschlagen eingeliefert. Ballard bleibt aber nur kurze Zeit, da kommt das nächste Opfer in die Notaufnahme: In einem Club gab es einen Schusswechsel, vier Tote und eine junge Bedienung stirbt im Krankenhaus. Eine ereignisreiche Nachtschicht. Nach der Schicht haben Ballard und Jenkins eigentlich nicht mehr viel mit den Straftaten zu tun, die Ermittlungen übernehmen andere. Doch Ballards Ehrgeiz ist geweckt und sie beginnt außer Dienst auf eigene Faust zu ermitteln.

Im Falle der misshandelten Transgender-Frau bemerkt Ballard nämlich schnell, dass sie tagelang gefangen gehalten und gequält worden sein muss. Ballard vermutet einen Wiederholungstäter und hat ziemlich schnell eine Spur. Der andere Fall ist eigentlich tabu, wird er doch von Ballards Erzfeind Lieutenant Olivas geleitet. Vor einiger Zeit war Ballard in Olivas Team, als er sie sexuell belästigte. Sie zeigte ihn an, ihr damaliger Partner Ken Chastain hätte es bestätigen können. Doch er entschied sich für die Karriere, ihre Anzeige verpuffte und sie wurde zur Nachtschicht strafversetzt – in die „Late Show“ („Da stecken sie die Jerks hin, die Wichser.“ (S.47)). Ballard darf offiziell im Umfeld des ermordeten Opfers recherchieren, als sich ein interessanter Zeuge meldet, der Ballards Interesse am Fall noch verstärkt.

Sie sah Jenkins an. Bevor sie dazu kam, etwas zu sagen, tat er das.
„Nein.“
„Was, nein?“, fragte sie.
„Ich weiß, was du sagen willst. Du wirst sagen, du möchtest diesen behalten“. (S.20)

Renée Ballard ist die zentrale Figur des Romans, aus ihrer Perspektive wird der Geschichte erzählt. Ballard ist eine Frau in den Dreißigern, geboren in Hawaii, irgendwann nach dem traumatischen Tod des Vaters beim Surfen (sie hat es vom Strand aus erlebt) und des fortschreitenden Desinteresses ihrer Mutter ihrer Großmutter nach L.A. gefolgt. Ballard ist eine gute, sehr engagierte Polizistin. Ihre Karrierechancen hat sie allerdings verspielt, nachdem ihre Dienstbeschwerde wegen sexueller Nötigung nicht zu ihren Gunsten entschieden wurde. Was ihr vor allem noch sehr nachhängt, ist der Verrat ihres damaligen Partners. Sie hat sich mit ihrem Leben in der Nachtschicht einigermaßen abgefunden, was ihr jedoch sehr fehlt, sind die Ermittlungsarbeiten bis hin zur Aufklärung eines Falles, da ihr diese Fälle nach der Schicht üblicherweise abgenommen werden. Daher versucht sie hier und da, doch noch bei ein paar Fällen dranzubleiben, sehr zum Verdruss ihres neuen Partners Jenkins, der eher Dienst nach Vorschrift schiebt. Ballard hat zwar durchaus noch ein paar Freunde im Polizeiapparat, ist aber schon ein wenig isoliert. Ballards Leben kreist insgesamt um ihre Arbeit. Privat bleibt sie auch eher allein, führt eher lose Beziehungen. Sie hat zwar ein Zimmer im Haus ihrer Großmutter, aber zwischen den Nachtschichten holt sie morgens ihren Hund vom Hundesitter, fährt zum Strand, geht Stand-Up-Paddeln und schläft anschließend einige Stunden in einem Zelt am Strand, um sich dann wieder auf die nächste Schicht vorzubereiten. Insgesamt ist Ballard eine sehr überzeugende Hauptfigur, gewissenhaft, moralisch, engagiert, aber auch manchmal rau, ein wenig unnahbar und streitbar.

Michael Connelly ist sicherlich ein großer Name im Krimigenre und bedarf keiner großen Vorstellung. Insbesondere mit seiner seit 1992 bestehenden Reihe um den Ermittler „Harry“ Bosch feierte der US-Amerikaner große Erfolge, die sich durch die von ihm mitproduzierte Amazon-Serie „Bosch“ noch verstärkten. „Late Show“ ist der erste Roman mit der neuen Ermittlerin Renée Ballard. Zwei weitere Bücher mit ihr und Bosch zusammen hat Connelly bereits veröffentlicht. „Late Show“ ist ein klassischer Polizeikrimi mit Hauptaugenmerk auf den Ermittlungen und den Vorgängen im Polizeiapparat.

Angesichts der Prominenz des Autors ist es verwunderlich, dass dies mein erster Roman von Michael Connelly war, den ich gelesen habe. Allerdings auch sicherlich nicht mein letzter. Man merkt die Souveränität des Autors im raffinierten Plot, der sich um mehrere Fälle kreist und diese dann auch gekonnt verbindet, aber auch in der Figurenauswahl, den Dialogen und nicht zuletzt in der Themenauswahl, die von den Tücken der Polizeiarbeit, Korruption, mediale Deutungshoheit bis hin zu Sexismus (#metoo-Debatte) reicht. Die Sprache ist hart, manchmal zynisch, eben das, was man von einer Geschichte aus dem LAPD erwarten kann. Connelly weiß zudem, die richtigen Spannungsmomente zu setzen, aber dennoch die realistische Darstellung beizubehalten. Alles in allem ein wirklich guter Kriminalroman.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Late Show | Erschienen am 25.03.2020 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12503-7
432 Seiten | 19,90 €
Bibliographische Angaben

Sara Paretsky | Altlasten (Band 18)

Sara Paretsky | Altlasten (Band 18)

Obwohl klar war, dass keine der beiden sich mein Honorar leisten konnte, hörte ich mich sagen, ich würde morgen im Studio anrufen und ein paar Fragen stellen.
Bernie sprang auf und fiel mir um den Hals. „Vic, ich wusste, du sagst ja! Ich wusste, wir können auf dich zählen.“
Ich dachte an Sam Spade, wie er zu Brigid O’Shaughnessy sagt, er werde sich für sie nicht zum Hanswurst machen. Warum war ich nicht so hart wie Sam? (Auszug Seiten 15-16)

Privatdetektivin V.I. „Vic“ Warshawski wird von der Studentin Bernadette und ihrer Freundin Angela auf den Fall des verschwundenen Regisseurs und Fitnesstrainers August Veridan aufmerksam gemacht. In das Fitnessstudio, in dem er arbeitete, wurde eingebrochen und da er nicht auffindbar ist, ist er automatisch Hauptverdächtiger der Polizei. Bernadette und Angela vermuten eine vorschnelle Vorverurteilung des afroamerikanischen August. Vic beginnt widerwillig die Ermittlungen, findet auch Augusts Wohnung eingebrochen vor. Sie findet heraus, dass August Kontakt zur älteren schwarzen Schauspielerin Emerald Ferring hatte und diese ihn überredet hat, ihn auf den Spuren in ihre Vergangenheit nach Kansas zu begleiten. Vic reist ihnen hinterher und merkt schnell, dass hier einiges mehr dahintersteckt als nur ein paar Einbrüche.

Warshawskis Spur führt sie über einen Armee-Stützpunkt bis nach Lawrence, Kansas. Dort ist Emerald Ferring aufgewachsen, dorthin ist sie 1983 zurückgekehrt, als es Proteste gegen die Raketensilos mit den atomar bestückten Interkontinentalraketen gab. Das Protestcamp wurde damals unter merkwürdigen Umständen aufgelöst und es gab auch einen Unglücksfall mit einer toten Aktivistin. Vic gerät in eine komplexe Mischung aus Kleinstadtdramen, alten Geheimnissen, militärischer Forschung an biologischen Kampfstoffen und Wiederbewaffnungs-Beschwörern. Sie sticht in ein Wespennest und mischt einen Klüngel auf, der unter allen Umständen alles unter der Decke halten will. Und immer noch fehlt jede Spur von August Veridan und Emerald Ferring. Auf der Suche nach den beiden findet Warshawski auf der Farm einer früheren Freundin von Ferring die erste Tote.

„Wissen Sie was, Warshawski, Lieutenant Lowdham war neugierig genug auf Ihre wahre Mission, dass er ein paar Leute in Chicago angerufen hat, um sich nach Ihnen zu erkundigen.“ […]
„Die übereinstimmende Auskunft ist offenbar, Sie sind ehrlich, Sie erzählen Ergebnisse, Sie sind waghalsig. Und Sie sind eine Heimsuchung.“ (Seite 296)

Eine treffende Beschreibung der Protagonistin und Ich-Erzählerin Victoria Iphegenia Warschawski, die mit Altlasten („Fallout“ im Original) ihren 18. Serienauftritt hat. Weitere Bände sind im Original bereits erschienen und weitere aus der Vergangenheit harren noch der deutschen Übersetzung. Allerdings scheint Autorin Sara Paretsky nun beim Argument Verlag ihre passende deutsche Verlagsheimat gefunden zu haben. 1982 erschien mit „Schadensersatz“ („Indemnity Only“) der erste Roman der Serie um die Privatdetektivin aus Chicago. V.I. oder für Freunde „Vic“ ist taff und hartgesotten, steht ihren männlichen Kollegen in Sachen Cleverness in nichts nach. Sie ist aber kein Abklatsch männlicher Hardboiled Detectives, denn sie ist eher lebensbejahend und moralisch als zynisch und umgibt sich mit einigen engen Freunden, die ihr bei Gelegenheit auch unter die Arme helfen. Die „Windy City“ Chicago ist dabei ihre natürliche Umgebung. Hier ist sie aufgewachsen, hier kennt sie jede Ecke, hier kann ihr niemand etwas vormachen. Doch ausgerechnet in diesem Band muss Vic ihre Komfortzone verlassen und allein (nur mit Begleiterin Hundedame Peppy) nach Kansas, in die Weite des Mittleren Westens und in ungewohnter Umgebung ihren Fall lösen. Wie die Autorin im Nachwort erklärt, ist dies eine Reise zu ihren Wurzeln, denn Sara Paretsky ist in Lawrence, Kansas, aufgewachsen und ihr Vater war Zellbiologe an der University of Kansas.

Man schläft nie gut im Gefängnis, egal, wie schick die Unterbringung ist, aber ich war erschöpft bis auf die Knochen. Ich war es müde, den traurigen Schutt von anderer Leute Leben wegzuräumen, müde, mich mit Regierungsbeamten zu streiten, müde, darüber nachzusinnen, warum anständige Gesetzeshüter, wie Sheriff Gisborne seinem Leumund nach einer war, plötzlich anfingen, sich als Einpeitscher für die Army oder mächtige Konzerne herzugeben. Geld war von Hand zu Hand gegangen oder Drohungen von Ohr zu Ohr – es war immer dieselbe Geschichte, und ich war es so müde, sie zu deuten. Kein Wunder, dass Jake genug von mir hatte. Ich hatte selbst genug von mir. (Seite 309)

Altlasten ist einerseits eine im besten Sinne altmodische „Private Eye Novel“ mit einer verbissenen Privatdetektivin, die zäh ihre Spuren verfolgt und alte Geheimnisse hervorholt, andererseits aber durchzogen von zeitlosen und wieder modernen Themen wie Feminismus, Rassismus, Gentechnik, Aufrüstung. Die komplexe Geschichte ist zwar teilweise etwas ausschweifend, aber dennoch leichtgängig erzählt und wirkt wie eine Mischung aus einer guten alten Lew-Archer-Familiengeheimis-Story und einem Jack-Reacher-Plot im Kampf gegen den militärisch-industriellen Komplex. Überzeugend wie die Autorin diese verschiedenen Stränge zu einer gelungenen Gesamtgeschichte mit vielschichtigen Figuren und einer umwerfenden, moralischen Hauptfigur zusammenführt. 38 Jahre nach Beginn der Serie ist V.I. Warshawski immer noch relevant und auf der Höhe der Zeit.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Altlasten, erschienen am 6. April 2020 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-244-9
544 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Fallout
Bibliographische Angaben & Leseprobe