Kategorie: 4 von 5

Abgehakt | Oktober 2020

Abgehakt | Oktober 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Oktober 2020

 

Thomas Mullen | Die Stadt am Ende der Welt

Winter 1918: Der erste Weltkrieg ist noch nicht beendet. Die Amerikaner sind letztlich doch auf Seiten der Alliierten in den Krieg eingetreten und müssen Verluste auf dem Schlachtfeld verkraften. Die USA sieht sich allerdings durch die Pandemie der Spanischen Grippe einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Tief in den Wäldern des Staates Washingtons liegt die junge Holzfällerstadt Commenwealth. Gründer Charles Worthy hat die Stadt bewusst als Gegenentwurf zum ausufernden kapitalistischen System gegründet. Nun finden sich dort ehemalige Gewerkschafter, Anarchisten, Kommunisten, Kriegsdienstverweigerer. Als die Grippe immer näher kommt, entschließt sich Worthy und die Gemeinschaft zu einem radikalen Schritt: Die Stadt begibt sich in Isolation und schottet sich von der Außenwelt ab. Das Betreten der Stadt von Fremden soll unter allen Umständen verhindert werden. Da nähert sich aus den Wäldern kommend ein Soldat den Absperrungen.
„Die Stadt am Ende der Welt“ ist der Debütroman von Thomas Mullen aus 2006, der in Deutschland zuletzt durch die Reihe um schwarze Polizisten in Atlanta bekannt wurde. Dieser Roman hier wurde natürlich durch die aktuelle Corona-Pandemie wieder schlagartig interessant und dadurch erneut auf Deutsch veröffentlicht.

Der Roman folgt über weite Strecken bekannten Muster von Pandemie-Thrillern oder Dystopien. Eine Gemeinschaft wird durch die Bedrohung stark auf die Probe gestellt und die Harmonie und Solidarität weicht nach und nach Angst, Misstrauen und Panik. Das ist aus meiner Sicht passabel und solide dargestellt, ohne allerdings aus meiner Sicht herauszuragen. Auch die zahlreichen Rückblenden auf die Vorgeschichten der Figuren verlangsamen den Erzählfluss. Was mich allerdings überzeugt hat, ist die Verbindung, die Mullen zwischen den Kriegsanstrengungen der USA und der Pandemie zieht. Tragisch und absurd wie bei der Situation einer nationalen Tragödie wie der Spanischen Grippe auch noch der letzte Kriegsdienstverweigerer aus den Wäldern geholt werden soll.

Die Stadt am Ende der Welt | Erschienen am 29.09.2020 im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8151-2
480 Seiten | 18,- €
Originaltitel: The Last Town on Earth
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Spannungsroman

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Thomas Mullens Roman „Darktown

 

Don Winslow | Broken

Don Winslow ist bekannt für ausufernde Thrillerepen, beispielsweise seine Kartell-Trilogie. Nun hat er sich an eine Kurzform gewagt. „Broken“ ist eine Sammlung von sechs Novellen, in denen Winslow außerdem viele alte Bekannte aus früheren Büchern wieder zurückholt.

„Broken“ erzählt die Geschichte von Drogencop Jimmy McNabb in New Orleans, der eine Fehde mit einem brutalen Drogendealer austrägt. „Crime 101“ erzählt ein Raub-Story entlang des Pacific Coast Highway mit Steve McQueen-Reminiszenzen. In „The San Diego Zoo“ wird aufgeklärt, wie ein Affe im Zoo an eine geladene Waffe kam. In „Sunset“ ist Kautionsbürge Duke Kasmajian auf der Suche nach einem Kautionsflüchtling. „Hawaii“ erzählt eine Geschichte von Ben, Chon und O (bekannt aus Savages), als sie auf Hawaii Revierkämpfe mit lokalen Gangs geraten. Zuletzt kommt „The Last Ride“, in der der Grenzschützer Cale Strickland ein Mädchen aus einem Auffanglager gegen die Vorschriften mit seiner Mutter wieder vereinen will.

Sechs Geschichten über Gewalt, Drogen, Loyalität und Moral. Geradlinig und kurzweilig erzählt, von hartgesotten, lässig bis berührend bieten diese Storys eine faszinierende Bandbreite. Absolutes Highlight ist „The Last Ride“. Winslow zeigt sich mit diesen Geschichten in Topform.

Broken | Erschienen am 24.03.2020 bei HarperCollins
ISBN 978-3-95967-489-8
512 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-95967-488-1 | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 5 von 5;
Genre: noir/hardboiled

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow

 

Vincent Hauuy | Der Dämon von Vermont

Vor einigen Jahren verlor Profiler Noah Wallace bei der Jagd auf einen Serienmörder seine Frau bei einem Autounfall und wurde selbst schwer verletzt. Nun fristet er mit großen körperlichen und psychischen Problemen ein zurückgezogenes Leben. Da holt ihn sein ehemaliger Partner überraschend ab und fährt mit ihm zu einem Mordschauplatz im benachbarten Kanada. Der Täter hat eine Nachricht an Noah hinterlassen. Die gesamte Vorgehensweise deutet wieder auf den „Dämon von Vermont“ hin. Doch der ist doch damals beim Unfall ebenfalls verstorben. Oder etwa nicht?

Serienmörder-Thriller sind so eine Sache. Eigentlich nicht mehr mein bevorzugtes Subgenre, gibt es da doch viel Schund. Aber es gibt auch Ausnahmen. Leider zählt dieser hier nicht dazu. Was man zumindest noch positiv sagen kann: Es ist halbwegs spannend. Und der Hintergrund der Story, das MKULRA-Programm der CIA zu Bewusstseinskontrolle, ist nicht uninteressant. Die Umsetzung ist aber nur mäßig, der Plot ist für meinen Geschmack zunehmend abstrus. Auch was die handwerklichen Dinge betrifft, reißt mich das Ganze nicht vom Hocker. Maue Dialoge und vom personalen Erzähler zäh vorgetragene Gedanken der Figuren machen die Lektüre nicht besser. Der Kanadier Vincent Hauuy gewann mit diesem Debütroman einen vom französischen Bestsellerautor Michel Bussi gestifteten Literaturpreis. Warum auch immer.

Der Dämon von Vermont | Erschienen am 19.09.2020 im Tropen Verlag;
ISBN 978-3-608-50473-6
448 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Le tricycle rouge
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1,5 von 5;
Genre: Thriller

 

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Wolf S. Dietrich | Friesisches Gift

Auf der ostfriesischen Insel Langeoog werden Heroin-Päckchen angeschwemmt, aber als die Polizei diese sicherstellen möchte, sind sie verschwunden. Dann wird ein Journalist vermisst, der unter anderen über diese Angelegenheit berichten wollte und den Dieben offenbar zu nahe gekommen ist. Rieke Bernstein vom LKA ermittelt in beiden Fällen.

Der dritte Fall um die Kommissarin Bernstein hat sich für mich flüssig gelesen, der Schauplatz bringt Urlaubsfeeling mit und die Geschichte ist spannend geschrieben. Trotzdem konnte der Fall mich nicht völlig überzeugen, da die Ermittlungen für meinen Geschmack zu dramatische Ausmaße annehmen und mir die Protagonistin bis zum Schluss unnahbar vorkam.

Friesisches Gift | Erschienen am 28.02.2019 im Lübbe Verlag;
ISBN 978-3-40417-787-8
416 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Regionalkrimi

 

Katharina Peters | Todesklippe

Ein Polizeipsychologe aus Rostock kommt bei einem Motorradsturz ums Leben. Ein Kollege glaubt nicht an einen Unfall und so wird die Privatdetektivin Emma Klar aus Wismar eingeschaltet, die erst verdeckt, aber später auch offen ermittelt. Und plötzlich kommen noch ganz andere Ungereimtheiten ans Licht…

„Todesklippe“ von Katharina Peters fand ich spannend zu lesen. Es handelt sich um einen sehr weitverzweigten Fall, bei dem die ermittelnden Beamten nicht immer den vorgeschriebenen Dienstweg einhalten, um ans Ziel zu kommen. Emma Klar als Protagonistin konnte mich ebenfalls überzeugen, nur das Ende wäre für meinen Geschmack mit etwas weniger Gewalt ausgekommen.

Todesklippe | Erschienen am 12.04.2019 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-74663-543-8
352 Seiten | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Regionalkrimi

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andrea zu Romanen von Katharina Peters

Rezensionen 4+5 und dazugehörige Fotos von Andrea Köster.

Ron Corbett | Preisgegeben

Ron Corbett | Preisgegeben

Niemand aus Ragged Lake besuchte die Familie, und nachdem Five Mile Camp schon lange vergessen war, kam auch kaum jemand an der Hütte vorbei. Sie lag an keiner Schneemobilroute. […] Die Hütte war von anderen Menschen und ihrem Alltag so weit entfernt wie eine archäologische Ruine, die erst entdeckt werden musste.
Aus diesem Grund konnte keiner aus Ragged Lake mit Sicherheit sagen, wann die Familie ermordet worden war. (S.13)

Im waldreichen Norden Kanadas liegt der kleine Ort Ragged Lake. Einst eine Siedlung für Holzfäller und die Arbeiter einer Papierfabrik. Doch nach dem Niedergang der Fabrik ist der Ort heute weitgehend verlassen. Erst recht im Winter. Ganz in der Nähe in einem ehemaligen Holzfällercamp hat eine kleine Familie sich ein windschiefes Holzhaus gebaut und lebt dort einsam und abgeschieden. Eines Tages durchstreift ein Schlagauszeichner des Holzunternehmens die Wälder und trifft auf die Hütte. Dort findet er Mann, Frau und Kleinkind ermordet auf.

Aus der fernen Großstadt Springfield macht sich der Detective Frank Yakabuski mit zwei Deputys mit Schneemobilen auf ins entlegene Ragged Lake. Die Ermittlungen sind naturgemäß schwierig, da es kaum Anhaltspunkte gibt. Wo liegt das Motiv, diese Familie zu ermorden? In einer Lodge am See sind drei Angestellte und fünf Bewohner und Gäste versammelt. Ist der Mörder einer von ihnen? Oder doch jemand von außen? Als Yakabuski und seine Männer die Gegend durchkämmen, finden sie heraus, dass sich doch noch mehr Personen in Ragged Lake aufhalten. Danach überschlagen sich die Ereignisse und in einem aufziehenden Sturm spitzt sich die Lage zu.

„Preisgegeben“, im Original „Ragged Lake“, ist der Debütroman des Kanadiers Ron Corbett. Corbett lebt in Kanadas Hauptstadt Ottawa und ist erfolgreicher Journalist. Nach mehreren Sachbüchern hat er sich dem Krimigenre verschrieben und wurde mit „Ragged Lake“ direkt für einen Edgar in der Kategorie „Original Taschenbuch“ nominiert. Das vorliegende Buch ist der Auftakt für eine Serie um den Detective Frank Yakabuski. Dieser hat nach einer Dienstzeit bei den Spezialkräften der Armee den Polizeidienst eingeschlagen. Dort genießt er hohen Respekt, seit er mit einem Undercover-Einsatz eine Biker-Gang ausgehoben hat. Von seinem Privatleben erfährt man nicht viel. Er lebt mit seinem Vater, Ex-Cop, zusammen, der sich nur langsam von einer Schußverletzung erholt. Yakabuski ist ein eher wortkarger Einzelgänger, als Cop beharrlich und nervenstark. Die Schauplätze im Roman sind übrigens fiktiv, wenngleich an die Region der nördlichen Wasserscheide in Kanada angelehnt.

Der Warrant Officer hatte dem jungen Leichtinfanteristen den Arm um die Schulter gelegt und mit fröhlicher Stimme gesagt, es sei manchmal gar nicht der Job eines Soldaten, andere zu retten.
Manchmal sei der Job von Soldaten bloß, es den Mistkerlen heimzuzahlen. (S.31)

Die Ausgangssituation lässt auf einen klassischen Whodunit schließen – mit einer begrenzten Verdächtigenzahl in isolierter Lage. Doch so konventionell lässt es der Autor nicht kommen. Er bricht die Erzählweise, lässt Yakabuski im Tagebuch der ermordeten Frau lesen und trägt so deren ganze traurige Geschichte vor. Hier ist dieser Roman wohl am meisten noir: Lucy Whiteduck, eine Cree, erzählt ihre Lebensgeschichte. Eine deprimierende Erzählung, vermutlich typisch für die Probleme der First Nations heute. Die Hoffnung nicht verlierend gründet Lucy eine Familie mit dem Kriegsveteran Guillaume und lässt sich am hinterletzten Ort nieder – und findet trotzdem den Tod. Am düstersten dabei der Tod des kleinen 2jährigen Mädchens Cassandra. Dazwischen weitet sich die Geschichte in Ragged Lake zu einem veritablen Actionthriller aus – mit ganz schön hohem Blutzoll.

Nebenbei, in die Geschichte eingeflochten, erfährt man auch einiges über den Niedergang des kleinen Ortes, eine typische Geschichte von Kolonisierung der Ureinwohner, vom kurzzeitigen Hoch durch die Papierindustrie und dem folgenden Niedergang. Das Vakuum wird nun von anderen Personen besetzt, die auch nichts Gutes im Schilde führen. Insgesamt ist das eine sehr abwechslungsreiche und spannende Geschichte, die bis zuletzt noch eine Überraschung bereithält. Ein wirklich guter Noir aus den tiefen Wäldern Kanadas.

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Preisgegeben | Erschienen am 01.03.2020 im Polar Verlag
ISBN 987-3-948392-04-8
400 Seiten | 14,- €
Originaltitel: Ragged Lake
Bibliografische Angaben

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Nina Ohlandt | Dünengeister Bd. 6

Nina Ohlandt | Dünengeister Bd. 6

„Zwischen den Wolken kam der Mord hervor, und Haie trieb sein Pferd an. Es trabte durch den tiefen Sand der Großen Düne, die auf der Insel nur als die „Geisterdüne“ bekannt war. Der Legende nach hatten an diesem Ort in früheren Jahrhunderten die Einheimischen ihre wilden Orgien und Besäufnisse gefeiert, nachdem sie die gestrandeten Schiffe ausgeraubt, die Besatzung, sofern sie nicht ersoffen war, erschlagen und die Beute in Sicherheit gebracht hatten.“ (Seite 9)

Hauptkommissar John Benthien von der Kripo Flensburg ist gerade mit seiner Freundin und Kollegin Lilly Velasco auf Sylt bei Benthiens Vater zu Besuch, als ein Jugendlicher eine Hand in einer Düne entdeckt. Nach den ersten Ermittlungen stellt sich heraus, dass dort auch noch eine zweite Leiche liegt, die beide Jahrzehnte alt sind. Kurze Zeit später gibt es in der Familie, zu dessen Grundstück diese Düne gehört, zwei weitere Todesfälle. Benthien ist das etwas zu viel Zufall und er gräbt sich tief in die Vergangenheit der Familie…

Fall 6 für Benthien
„Dünengeister“ von Nina Ohlandt ist der sechste Fall um Kommissar Benthien. Dieses Buch kann man problemlos auch ohne Vorkenntnisse der Reihe lesen, es wird wenig Bezug auf die vorherigen Fälle genommen und wenn, dann so ausgeführt, dass man die Zusammenhänge gut begreift. Im Fokus der Geschichte stehen absolut die Ermittlungen und die Aufklärung des Falles. Nur hin und wieder kommen auch private Aspekte der Kommissare, was ich angenehm finde.

Sehr komplexer Fall
Da es sich hier um drei Mordfälle aus unterschiedlichen Zeitepochen handelt, ist die Geschichte sehr komplex. Hinzu kommen viele handelnde Personen und Namen aus mehreren Generationen, da kann man leicht mal durcheinander kommen. Damit der Leser aber nicht den Überblick verliert, gibt es im Buch ein Personenregister, das ich allerdings nicht brauchte, da auch im Text immer wieder beschrieben wird, in welchem Zusammenhang diese oder jene Person nochmal steht.

Protagonist bleibt flach
Lange tappen die Hauptermittler, die aus Benthien, Lilly und Tommy Fitzen, einem Kollegen aus Flensburg, bestehen, im Dunkeln. Viele haben Gelegenheit, aber keiner so ein wirkliches Motiv. Die Spannung um die Täter bleibt bis zum Schluss erhalten, erst auf den letzten Seiten werden diese gelüftet und konnten mich überraschen. Benthien, der Protagonist, hat mich persönlich nicht sehr angesprochen, er ist ein Kommissar der ermittelt, ohne Ecken und Kanten oder irgendetwas spezielles, das mich für ihn einnimmt, das finde ich etwas schade.

Agatha lässt grüßen
Das Buch besitzt über fünfhundert Seiten, aber keine davon ist zu viel. Am Ende schreibt die Autorin, dass dieser Roman eine „kleine, augenzwinkernde Hommage an Agatha Christie und ihr Werk“ sein soll, was ich sehr schön finde, denn am Ende bringt Lilly, die in jeder freien Minute die Krimis von Agatha Christie liest, den entscheidenden Hinweis.

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, daneben schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später arbeitete sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Dünengeister | Erschienen am 29.03.2019 bei Bastei Lübbe
ISBN 978-3-404-17780-6
544 Seiten | 10,– €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Die korpulente Gerda Wohlleben errötete und zeigte ihrer Freundin Irmgard kichernd das Zettelchen, das der Kellner mit der Saalpost gebracht hatte. Ick bin so jalant, nehm Ihnen bei der Hand. Wenn Se nicken, lass ick mir blicken. Bei Clärchen gab es keine Telefone, diese neue, kostspielige Mode machte sie nicht mit. Papier erfüllte den Zweck genauso gut und war auch romantischer als ein Apparat, der auf dem Tisch stand und kaum Platz für Sekt und andere Erfrischungen ließ. (Auszug Seite 11)

An einem heißen Abend im Sommer 1928 wird das Tanzvergnügen in Clärchens Ballhaus in Berlin jäh unterbrochen. Während im Saal der Witwenball stattfindet, wird die Garderobiere Adele Schmidt im Hinterhof tot aufgefunden. Alles deutet auf eine Gewalttat hin und Leo Wechsler, Oberkommissar im Berliner Morddezernat, der sich gerade auf einer Feier der Kripo im Lunapark befindet, wird informiert. Es ist Wochenende und es herrscht natürlich Hochbetrieb in dem Amüsierviertel. Leo hat die schwierige Aufgabe, in der unübersichtlichen Lage die Befragungen aller Gäste und Angestellten zu organisieren. Ausgerechnet jetzt fehlt Freund und Kollege Robert Walther unentschuldigt. Zur kurzfristigen Unterstützung stößt ein Kollege von der Politischen Polizei hinzu. Adele Schmidt wurde offenbar erstickt, nachdem sie zuvor mit Chloroform betäubt wurde.

Das Phantom von Frankfurt

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen, zunächst führen aber alle Spuren in Sackgassen. Die bei allen beliebte Adele lebte in einfachen Verhältnissen, wie konnte sie sich das teure Seidenkleid leisten, dass sie am Tage ihrer Ermordung trug? Verdächtig macht sich auch ihr kommunistischer Exfreund, der mit der Trennung nicht gut zu Recht kam und ein kurz nach der Tat nicht mehr aufzufindender Pianist sorgt für ordentliche Verwirrung. Die patente Clara Bühler kann sich keinen Anschlag von Konkurrenten vorstellen, zu sehr halten sie und ihre „Saalschwestern“ zusammen.

Erst als kurz darauf ein junges Mädchen in einem Berliner Park vergewaltigt wird, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Opfer wurde ebenfalls vorher mit Chloroform betäubt und Wechsler findet einen Hinweis auf eine einige Jahre zurückliegende Vergewaltigungsserie in Frankfurt. Der Täter wurde nie gefasst und in der Öffentlichkeit „Das Phantom von Frankfurt“ genannt.

Meine Meinung

Im bereits siebten Band der Reihe entführt Susanne Goga den Leser in die schillernde Welt der Tanzpaläste und Amüsierbetriebe der damaligen Zeit, auch die Schilderung der Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung kommt nicht zu kurz. Die privaten Probleme der Ermittler drängen sich nicht in den Vordergrund, aber Susanne Goga nutzt hauptsächlich in Nebensträngen das Alltagsleben ihrer Figuren, die Lebensumstände der damaligen Zeit oder die Situation der Frauen in der Gesellschaft darzustellen. Auch die politische und gesellschaftliche Lage wird durch die Nebenfiguren illustriert. Und wenn man die Serie von Anfang an verfolgt, will man natürlich wissen, wie die vertrauten Charaktere sich entwickeln, was sie erleben. Zum Beispiel wenn Wechslers Sohn Georg von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine naturwissenschaftlich interessierte Tochter Marie eine Ausbildungsstelle für medizinisch-technische Assistentinnen besucht. Den Streit zwischen Leo und seinem Freund Robert fand ich etwas konstruiert. Dieser wird in eine kleine Außenstelle strafversetzt und lernt hier national gesinnte Kollegen kennen. Das könnte in einem weiteren Band noch interessant werden.

Der Mord ist recht unspektakulär und könnte auch in einer anderen Zeit spielen. Der gut konstruierte Krimiplot ist eher verzwickt als atemlos spannend und kommt ohne große Actionszenen aus, bietet aber durchaus fesselnde Unterhaltung. Es macht einfach Spaß, Wechsler und seine Kollegen bei ihren akribischen Ermittlungen über die Schulter zu schauen. Die Krimihandlung wird in eine atmosphärische, authentische Schilderung des Lebens im Berlin der 1920er Jahre eingebettet, und was die Reihe so lesenswert macht, ist dass man über die zeitspezifischen Verhältnisse der gar nicht so goldenen Jahre wie nebenbei erfährt.

Seit 1913 wird in Clärchens Ballhaus in Berlin getanzt. Noch heute steht der Tanzpalast, benannt nach seiner Betreiberin Clara Bühler, fast unverändert mit Livemusik und Spiegelsaal in der Auguststraße. Neben Abendveranstaltungen fanden auch immer Tanzkurse statt. Seit Ende 2019 ist das Ballhaus allerdings geschlossen, der neue Besitzer will das Kultlokal nach Sanierungen wieder eröffnen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Ballhausmörder | Erschienen am 21. Februar 2020 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21808-5
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Sumpffieber Bd. 10

James Lee Burke | Sumpffieber Bd. 10

Nur zweimal in meinem Leben hatte ich eine solche Morgendämmerung erlebt: einmal in Vietnam, als auf einer Nachtpatrouille eine Mine vor mir detoniert war und ihre Leuchttentakel um meine Oberschenkel geschlungen hatte, und das andere Mal, Jahre davor, draußen vor Franklin, Louisiana, als mein Vater und ich die Leiche eines Gewerkschaftlers entdeckt hatten, den man mit 16-Penny-Nägeln an Fuß- und Handgelenken an eine Scheunenwand genagelt hatte. (Auszug Seite 5)

Die grausame Hinrichtung des Gewerkschaftlers Jack Flynn konnte nie wirklich aufgeklärt werden. Das belastet den Ich-Erzähler Sheriff Dave Robicheaux auch Jahrzehnte später immer noch. Besonders jetzt, als dessen Tochter Megan Flynn, inzwischen eine berühmte Fotografin gemeinsam mit ihrem Bruder Cisco in ihre Heimat New Iberia zurückkehrt. Cisco Flynn, in Hollywood ein bekannter Regisseur, will in den Bayous um New Iberia nach Drehorten für einen neuen Film suchen. Produzent ist der reiche und einflussreiche Plantagenbesitzer Archer Terrebonne. Da das Filmbudget überzogen wurde, hatte der Regisseur Billy Holtzner Geld unterschlagen und jetzt Angst vor der Mafia. Er engagiert Clete Purcell, Robicheaux‘ Freund und ehemaligen Partner bei der Polizei und dieser arbeitet jetzt für den schmierigen Regisseur und seine Tochter als so eine Art Bodyguard.

Ebenfalls am Set tummelt sich ein enger Freund der Flynns aus ihren Tagen im Waisenhaus. Swede Boxleitner, ein brutaler Psychopath ist erst vor wenigen Tagen aus dem Knast entlassen worden und zieht das Interesse der FBI-Agentin Adrien Glazier auf sich.

Die hartnäckige Megan stellt viele Fragen und setzt sich besonders für den Kleinganoven Cool Breeze Broussard ein, der im Bezirksgefängnis von dem neuen, sadistischen Gefängnisverwalter Alex Guidry misshandelt wird. Obwohl schon viele Jahre her, leidet Broussard immer noch unter dem Selbstmord seiner Frau Ida, für den er sich die Schuld gibt. Robicheaux wird auf einen neuen Fall angesetzt, bei dem zwei junge Weiße in den Sümpfen des Missisippi-Deltas regelrecht liquidiert wurden. Sie wurden beschuldigt, eine 17jährige Schwarze vergewaltigt zu haben. Das Mädchen hatte ihre Anzeige wieder zurückgezogen. Einiges deutet darauf hin, dass der rassistische Alex Guidry in beide Fälle verstrickt ist.

Und das sind nur einige der Handlungsfäden und Figuren, mit denen es der Leser zu tun bekommt. Es ist eine vertrackte Geschichte, die weit in die Vergangenheit geht und mehrere Generationen betrifft. Alles scheint miteinander in Verbindung zu stehen, es bleibt bis zum Ende undurchschaubar, aber auch sehr spannend. Der harte Plot ist sehr anspruchsvoll und bedarf einer ständigen Konzentration, da vieles nur angedeutet wird und man sonst die Hintergründe nicht so leicht durchschaut. Einmal angefangen konnte ich den Roman aber nicht mehr aus der Hand legen. Burkes Schreibstil ist eigenwillig und poetisch, sprachlich auf hohem Niveau, nichts um es mal schnell weg zu lesen.

Die komplexe Geschichte ist eingebettet in eine bildgewaltige Beschreibung der Südküste der USA mit den feuchtschwülen Sümpfen Louisianas, den Mangrovenwäldern und der malerischen Schönheit der Bayous. Epische Natur- und Landschaftsbeschreibungen sind die große Stärke des Autors. Man spürt während des Lesens die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit am eigenen Körper und man bekommt ein Gefühl dafür, wie die Südstaatler ticken.

Denn neben den intensiv beschriebenen Settings sind für mich die vielschichtig angelegten Haupt- und Nebenfiguren das Herzstück dieses Krimis. Die differenziert beschriebenen Charaktere agieren oft widersprüchlich und sind nicht nur gut oder schlecht, sondern mit vielen Facetten ausgestattet. Burke deckt menschliche Abgründe auf, beschreibt emotionale Konflikte und spiegelt damit die amerikanische Gesellschaft wider.

Dave Robicheaux, Burkes alter Ego ist ein altbewährter Archetyp des Genres. Der Vietnam-Veteran und trockener Alkoholiker ist im Bayou auf gewachsen und geht regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. Ruhe findet er zumindest in diesem 10. Band bei der Arbeit in seinem kleinen Köderladen mit Bootsverleih. Die Szenen mit seiner Frau Bootsie und Adoptivtochter Alafair bilden einen Gegensatz zu dem brutalen Mix aus Action und Gewalt. Der Südstaaten-Cop, stur und beharrlich hat einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn und hinter seiner oft barschen Art verbirgt er sein Herz für die kleinen Leute, die Menschen ganz unten.

Selten habe ich mich mit dem Schreiben einer Rezension so schwer getan wie mit dieser. Über diesen Godfather des Hardboiled Krimis, der literarischen Legende James Lee Burke scheint schon alles gesagt zu sein, auch von meinen sehr geschätzten Blogkollegen.

Sumpffieber ist der 10. Band der Dave-Robicheaux-Reihe und wurde jetzt neu vom Pendragon-Verlag in einer überarbeiteten Form herausgebracht. Das Original erschien bereits 1998 unter dem Titel „Sunset Limited“ und hat auch nach 20 Jahren in Bezug auf den allgegenwärtig praktizierten Rassismus und den sozialen Konflikten im tiefsten Süden der USA nichts von seiner Aktualität verloren.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Sumpffieber | Erstmals erschienen 1998,
die aktuelle, überarbeitete Ausgabe erschien am 4. Juli 2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-645-4
456 Seiten | 18,- Euro
Originaltitel: Sunset Limited
Bibliografische Angaben

Weiterlesen: Rezensionen von Gunnar zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 14, Band 16, Band 21