Kategorie: 3.5 von 5

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Als Fußballfan, der über das bloße Spiel hinausguckt, nehme ich natürlich auch das Thema Gewalt im Fußball wahr. Für Deutschland wird immer gesagt, dass es in den 1980ern am schlimmsten gewesen sei (So starb 1982 der Werder-Fan Adrian Maleika als Opfer eines Angriffs von HSV-Hooligans). Als ich ab Anfang der Neunziger begann, häufig Fußballspiele zu besuchen, bin ich selbst zwar nicht in solche Gewalttätigkeiten geraten, allerdings gab es schon brenzlige Momente. So war ich im März 1996 glückweiserweise auf der gegenüberliegenden Tribüne, als die berüchtigten Anhänger von Feyenoord Rotterdam begannen, das Düsseldorfer Rheinstadion auseinanderzunehmen. Sehr bizarr war auch auch die Situation einen Monat später. Auf der Hinfahrt zum Gelsenkirchener Parkstadion war ich mt drei Gladbachern alleine in einer Straßenbahn voller Schalker. Alles friedlich. Stunden später nach einem grandiosen Fußballspiel, das 3:3 endete und eigentlich alle Fans zufriedenstellen sollte, wurde der Einsatzbus zum Hauptbahnhof massiv von Schalker Fans bedrängt, die nur von einer Handvoll Polizisten und ihren Hunden von deutlicher Gewalt abgehalten wurden. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich im September 2000 nach dem Zweitligaspiel Aachen gegen Gladbach mit Freunden nach dem Spiel vor dem Tivoli-Stadion war, als uns eine etwas merkwürdige Stimmung auffiel. Wir verdrückten uns gerade rechtzeitig, bevor die ersten Steine flogen. Aber schon damals fiel auf, dass die Hools zwar noch da waren, allerdings hatten sich da die Aktivitäten bereits oft außerhalb des Stadions, in die unteren Ligen und teilweise auch außerhalb der Spieltage verlagert. Literarisch wurde dies übrigens vor zwei Jahren eindrucksvoll im Roman Hool von Philipp Winkler verarbeitet.

Der Hooliganismus als ursprünglich britisches Phänomen hatte sich schnell über den gesamten Globus verteilt. Und die Gewalttätigkeit ist andernorts oft noch viel stärker präsent als in Deutschland, nicht nur, aber auch rund ums Stadion. So beispielsweise in Italien, wo die Hooliganggruppen außerdem stark politisiert sind und oftmals beste Kontakte ins kriminelle Milieu haben. Aber die Banden haben auch einen erbitterten Gegner: Die „celerini“, die italienische Bereitschaftspolizei. Von diesen beiden Gruppen erzählt Carlo Bonini in ACAB – All Cops Are Bastards.

Carlo Bonini ist Investigativjournalist und auch in Deutschland als Co-Autor (zusammen mit Giancarlo de Cataldo) der Mafia-Thriller Suburra und Die Nacht von Rom bekannt. ACAB erschien bereits 2009 in Italien und wurde 2012 auch fürs Kino verfilmt. Als Klammer verwendet der Autor zwei Ereignisse: Die Ereignisse während des G8-Gipfels in Genua 2001, als ein Demonstrant von einem Polizisten erschossen wurde und die Bereitschaftspolizei eine Unterkunft stürmte und unbewaffnete Gipfelgegner misshandelte, und den Tod des Laziofans Gabriele Sandri im November 2007 durch einen Verkehrspolizisten. Sein Buch ist fiktionalisiert, aber es basiert auf zahlreichen Interviews, Gerichtsakten und Dokumenten. Bonini verwendet auch Original-Blogeinträge aus einem Forum für Polizisten und Hooligan-Manifeste. Der Folio Verlag hat das Buch als Thriller gelabelt, vermutlich mit einem Achselzucken, da es schwierig ist, es genau einzusortieren. Mit einem normalen Thriller hat es wenig zu tun, da es sehr auf Fakten basiert und eher episodisch aufgebaut ist. Zwar mit einem roten Faden, aber ohne Plot im eigentlichen Sinne. Aber da es doch in einigen Punkten fiktional ist, handelt es sich natürlich auch nicht um True Crime oder ein Sachbuch.

Ein Strudel der Gefühle ergreift von dir Besitz. Du teilst Schläge aus und steckst Schläge ein. Mittlerweile spürst du nichts mehr. Du kämpfst einfach und schlägst die Gewalttätigen zurück. Und in einem Winkel deines Bewusstsein genießt du das alles!!! In diesem Augenblick und nur in diesem Augenblick verstehst du vielleicht, dass du deine Arbeit, deine Mission liebst. Denn der Kriegerinstinkt unterscheidet den Bereitschaftspolizisten von allen anderen. (Seite 69)

Zum Teil verfolgen wir die Gangs der Hools und Ultras, die ein unglaubliches Maß an Brutalität erkennen lassen. Gleich zu Beginn gibt es eine Episode auf der Autostrada del Sole, als zwei Roma-Fans in ihrem Auto von Hools des SSC Neapel während der Fahrt mit einem Nietengürtel und einer Signalpistole attackiert werden. Da bleibt einem schon die Spucke weg. Später rotten sich die Gewalttäter auch zu einem Sturm auf eine Polizeikaserne zusammen, greifen Migranten mit Messern an oder helfen der Müllmafia in Neapel. Das vorangegangene Zitat lässt jedoch erahnen, dass es Bonini auch um die Kehrseite der Medaille geht.

Denn die italienische Bereitschaftspolizei ist ihrerseits längst in der Spirale der Gewalt angekommen. Sie wollen den „schwachen“ Staat gegen seine Gegner verteidigen, dabei steigern sich Frustration und Wut. Die Celerini bilden eine eigene isolierte Gruppe, voller Korpsgeist und vielfach berufen sie sich offen auf faschistische Traditionen, stehen damit den Hools näher als man meint. Von Polizeiapparat und Justiz werden Exzesse teilweise toleriert, vertuscht oder Prozesse verschleppt. Es gibt durchaus einige, die diesen Weg nicht mitgehen wollen, aber diese haben keinen einfachen Stand. Im Buch verfolgt Bonini den Weg dreier Polizisten, die alle an den Vorfällen in der Diaz-Schule beim G8-Gipfel in Genua beteiligt waren.

Eine Studie über Gewalt und Gegengewalt und wie die staatlichen Institutionen dadurch an Legitimation verlieren, das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert wird. Dabei erzählt Bonini eher dokumentarisch und verzichtet weitgehend darauf, explizit Stellung zu beziehen, sondern beleuchtet das Ganze aus mehreren Perspektiven. Allerdings: Wer einen klassischen Krimiplot erwartet, dem sei gesagt, dass dies hier mehr eine Narration zur gesellschaftspolitischen Debatte ist, ein Diskurs als Vorlage zur weiteren Diskussion. Dass dies aber durchaus spannend und intelligent sein kann, das beweist Bonini mit diesem Buch.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

ACAB – All Cops Are Bastards | Erschienen am 5. März 2018 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-738-9
224 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Interview von Marcus Müntefering mit Carlo Bonini in „der Freitag“, Gunnars Rezension zu Suburra und Andys Rezension zu Die Nacht von Rom des Autorenduos Carlo Bonini & Giancarlo De Cataldo.

Leonora Christina Skov | Das Inselhaus

Leonora Christina Skov | Das Inselhaus

„Robin wurde mit einem Mal heiß und kalt. Transparenz machte verletzlich, die Wenigsten schienen zu begreifen, wie sehr eigentlich und das Letzte, was sie wollte, war in Gesellschaft von sechs wildfremden Menschen und einem Hauswart mit einer höchst zweifelhaften Ausstrahlung verletzlich zu sein.“ (Seite 79)

Sieben Künstler erhalten eine Einladung zu einem vierwöchigen Arbeitsaufenthalt auf einer privaten Insel in Dänemark. Als die Künstler auf die Insel kommen, sehen sie, dass sie in einem Haus komplett aus Glas wohnen. Diese fehlende Privatsphäre und die völlige Abgeschiedenheit bringen den ersten Missmut unter den Bewohnern. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge und alle werden immer misstrauischer. Was soll dieser Arbeitsaufenthalt wirklich bezwecken?

Unentschlossene Meinung

Das Inselhaus von Leonora Christina Skov lässt mich etwas unentschlossen zurück, muss ich sagen. Den Anfang der Geschichte fand ich ein bisschen schwierig, weil über die Hälfte des Buches vor allem der Vorstellung der Künstler gewidmet ist. Dabei wird die Perspektive immer wieder gewechselt und einerseits ist es interessant, welche Sorgen und Nöte alle mit sich herumtragen und dass der Schein ganz oft trügt, aber besonders spannend fand ich es nicht. Zum Ende hin, wenn sich das Dickicht etwas lichtet, was es mit dem gemeinsamen Aufenthalt auf sich hat und die ersten Gemeinsamkeiten auftauchen, wird es dann wirklich fesselnd und ich konnte nicht aufhören zu lesen.

Sieben unsympathische Protagonisten

Bei den sieben Protagonisten bin ich mir auch nicht ganz schlüssig, wie ich sie finde. Am Anfang aus der eigenen Perspektive klingen alle Entscheidungen des bisherigen Lebens für mich nachvollziehbar und ich kann mich gut in sie hineinversetzen. Aus der Perspektive der anderen Bewohner finde ich sie dann nicht mehr so sympathisch und zum Ende hin mag ich keinen mehr. Das hatte ich so bewusst auch noch bei keinem Buch.

Die Idee dahinter

Die Grundidee der Geschichte finde ich sehr gut, obwohl sie auch nicht neu erfunden ist, wie die Autorin in der Danksagung erwähnt. Denn die Idee ist aus mehreren anderen Romanen „zusammengeschustert“. Besonders gefallen mir Handlungsorte auf Inseln und in einem Glashaus zu wohnen ist bestimmt interessant, würde ich als Urlaubsunterkunft allerdings nicht buchen.

Was bleibt?

Wie lässt mich der Roman zurück? Unschlüssig, wie schon oben beschrieben und mit der Einsicht, dass alle Sichtweisen und Erlebnisse sehr subjektiv sind. Und dass wohl jeder eine Leiche im Keller hat. Meine kenne ich nicht. Vielleicht kommt sie noch oder ich erhalte demnächst eine dubiose Einladung auf eine unbekannte Insel.

Leonora Christina Skov, geboren 1976, ist in ihrer Heimat Dänemark für ihre sarkastische Literaturkritik und ihre bissige Kolumne in der Wochenzeitung Weekendavise bekannt. Für ihre Romane Das Turmzimmer und Der erste Liebhaber wurde sie von der dänischen Kritik gefeiert. Leonora Christina Skov lebt in Kopenhagen. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Inselhaus | Erschienen am 9. Januar 2018 bei btb
ISBN: 978-3-442-71424-7
416 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

23. Mai 2018

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

„Der Tod, der Tod, der Tod. Einer der vielen Therapeuten hat mir den Tipp gegeben, bestimmte Worte laut auszusprechen, wenn die Erinnerungen zu heftig werden. (…)“
(…) „Sie versuchen, eine Panikattacke zu stoppen. Funktioniert es?“
„Manchmal. Ich habe mal gelesen, dass Astrid Lindgren alle Telefongespräche mit ihrer Schwester so begonnen hat. Auf diese Weise hatten sie alle dunklen Themen im Handumdrehen abgehakt, brauchten sich keine Gedanken mehr darüber zu machen und konnten sich den hellen Dingen zuwenden.“ (Auszug Seite 178)

Nach dem letzten großen Fall über den Ellen Tamm, Journalistin bei TV4 in Stockholm, berichtet hat, fällt sie in ein tiefes Loch. Um da rauszukommen, zieht sie wieder zu ihrer Mutter und besucht einen Psychiater. Doch dann wird in dem beschaulichen Ort eine Leiche gefunden, die scheinbar niemand kennt. Ellen fühlt sich sofort von dem Fall angezogen und möchte darüber berichten, weil sie ahnt, dass mehr dahinter steckt.

Ellen Tamm ist 35 Jahre alt und hat im Alter von acht Jahren ihre Zwillingsschwester verloren. Dieses Ereignis konnte sie noch immer nicht überwinden und gerade der letzte Fall (Glücksmädchen), bei dem es ebenfalls um ein verschwundenes Mädchen ging, hat alle Erinnerungen wieder aufgerissen. Ellen hat außerdem starke Gefühle für ihren Chef Jimmy. Er ist verheiratet, kann sich aber trotzdem nicht von Ellen distanzieren und so kommt es zu einer ständigen On-Off-Affäre.

Überraschungen

Böse Schwestern von Mikaela Bley ist sehr flüssig zu lesen und überrascht in vielerlei Hinsicht. Dass in idyllischen Dörfern nicht immer alles so beschaulich ist, wie es aussieht, ist nichts Neues. Aber Ellen deckt nicht nur ihre eigene Vergangenheit auf, sondern auch ein Familienkonstrukt, das ich mir so gar nicht vorstellen kann. Trotzdem, oder gerade deshalb, war es sehr interessant und bisher auch das erste Buch, das ich zu diesem Thema gelesen habe.

Gegenwart und Vergangenheit

Die Kapitel sind in Tage und Uhrzeiten untergliedert und werden abwechseln von Ellen und zwei weiteren Frauen erzählt. Ansonsten geht es je zur Hälfte um den Fall, zu dem Ellen recherchiert und ihrer Vergangenheit. Ab und zu passen auch Jimmy und Ellens schreckliche Mutter in die Geschichte. Mir war Ellens Trauma ihrer Kindheit etwas zu viel, muss ich sagen. Auch der Titel des Buches zielt mehr auf die getrennten Zwillinge ab, als auf die Tote, um die es für mich hauptsächlich geht. Das finde ich etwas schade.

Ellen, die Journalistin

Ellen macht meiner Meinung nach einen tollen Job. Sie fragt nach, immer wieder, wenn sie etwas erfahren will und gibt nicht so schnell auf. Ihre Hartnäckigkeit hat sich dabei oft bewährt, aber natürlich geht auch nichts über gute Quellen, die auch schon mal etwas kosten können. In der Redaktion ist Ellen nicht unbedingt die Beliebteste und nicht vom Typ „beste Freundin“. Ellen nervt es eher, wenn sie Small-Talk halten muss. Mir ist sie mit ihrer straighten Art sympathisch.

Noch mehr Überraschungen

Im Laufe der Geschichte macht man sich als Leser ja so seine Gedanken, wer denn der Täter gewesen sein könnte. Das Ruder wird zum Ende aber nochmal komplett herumgerissen, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Und dann bleibt das Buch auch noch mit seinem Ende in Bezug auf Ellen sehr offen. Das lässt in mir die Hoffnung keimen, dass es bald ein drittes Buch über Ellen Tamm gibt.

Fazit: Spannende Geschichte mit etwas viel Vergangenheit!

Mikaela Bley wurde 1979 geboren und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Stockholm. Um ihren ersten Krimi zu schreiben, kündigte sie ihren Job beim schwedischen Fernsehsender SV4.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Böse Schwestern | Erschienen am 9. Februar 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28861-1
397 Seiten |
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zum 1. Band der Ellen-Tamm-Reihe von  Mikaela Bley Glücksmädchen.

16. Mai 2018

Der junge Inspektor Morse | Staffel 3 ►

Der junge Inspektor Morse | Staffel 3 ►

Die Anklage gegen Morse, er habe den Polizeipräsidenten Standish ermordet, wurde fallengelassen. Endeavour ist nun wieder auf freiem Fuß – allerdings ist er vom Dienst suspendiert. DI Fred Thursday leidet noch immer unter den Folgen seiner Schussverletzung. Eine schwarze Stunde für die Polizei Oxfords. Doch die kriminellen Machenschaften lassen nicht lange auf sich warten: Kaltblütige Mörder, erbarmungslose Erpresser bis hin zu Gangsterbossen sorgen für Angst und Schrecken in der Stadt. Sind die beiden Detectives bereit, sich nach den schweren Rückschlägen erneut den Herausforderungen zu stellen und der Unterwelt Oxfords ein für alle Mal das Handwerk zu legen? (Serieninfo)

Rückschau auf Staffel 2

Während des letzten Falls in Folge 8 Staffel 2 wurden DI Fred Thursday und sein Untergebener Sergeantanwärter Morse in eine hinterhältige Falle gelockt, zumal von der County Police, welche zum Selbstzweck die Detectives der Mordkommission instruiert hatten, so dass von dieser Seite keine Unterstützung erfolgt. War es bisher schon ein schwieriges Verhältnis zwischen Morse und seinen Sergeanten-Kollegen, so wird es nun heikel. Bei dem Versuch die beiden Ermittler aus dem Weg zu räumen, geraten diese in die direkte Schusslinie.

Wir sehen, wie Fred Thursday schwer verletzt zu Boden geht und Morse ebenfalls durch einen Schuss verletzt wird. Es geht glimpflich aus, doch es war knapp. Gleichzeitig stellt Fred Thursday für sich selbst die Frage, ob er den Dienst quittieren soll, in den Raum. Morse ist klar, dass er ohne Thursday keine Chance in dieser Mordkommission hat, weshalb er in Erwägung zieht, der Polizeit ganz und gar den Rücken zu kehren. Das ist der Cliffhanger am Ende der ersten Staffel.

Morse ist suspendiert

Zu Beginn der nun dritten Staffel sehen wir Morse ganz privat, jedoch nicht in seiner uns bekannten Wohnung, sondern in einer Hütte im Wald, denn er ist nach den Vorfällen noch suspendiert und hat sich zurückgezogen. Beim Besuch eines Freundes, der ihn überredet, ihn zu seinem Haus und anderen Bekannten zu begleiten, kommen beide an einem Tatort im Wald vorbei, der bereits von der Spurensicherung untersucht wird. Man sieht die Zerrissenheit Morses und es sieht fast so aus, als ob er kurzerhand hinübergeht, um zu fragen, was passiert sei. Doch das erfährt er ohnehin frühzeitig, denn die Ermittlungen führen die Detectives auch in das Haus des Freundes, welcher ein ausschweifendes Leben führt und in dessen Kreis Morse so gar nicht passen mag.

Neustart für Morse und Thursday

Kurz und gut: Die Suspendierung wird aufgehoben und er sowie auch Thursday sind in Staffel 3 wieder in Oxford im Einsatz. Allerdings ergibt sich im Verlauf des zweiten Falls eine andere überraschende Neuerung in der Teambesetzung, denn Morses vermeintlicher Gegenspieler scheidet aus dem Dienst aus, da er heiratet und in dem Rinderzuchtbetrieb seines zukünftigen Schwiegervaters arbeiten wird. Etwas seltsam mutet Morses Wehmut an, denn ist er zwar ein guter Charakter, aber bisher hatte ich nie den Eindruck, dass ihm etwas an seinem Kollegen liegt, der keine Gelegenheit ausließ, um ihm Steine in den Weg zu legen und ihn zu verhöhnen.

Die Krankenschwester

Überraschend: Im zweiten Fall trifft Morse auf eine Krankenschwester. Diese war in Staffel 2 seine Freundin. Nunmehr begegnen sie sich, als ob sie Fremde sind. Entweder habe ich etwas Entscheidendes versäumt, oder ich irre mich bezüglich der Krankenschwester. Hinweise dazu gerne in die Kommentare!

Museales Ambiente und zu frische Requisiten

Für die Rezension standen mir die ersten beiden Folgen der dritten Staffel zur Verfügung. Die beiden Fälle konnten mich überzeugen, aber leider wie zuvor schon die Ausstattung der Serie leider nicht, denn man findet wiederum ein museales Ambiente, wobei die Garderobe mich manchmal nicht in die Zeit versetzen konnte und die Requisiten immer zu frisch aussehen. Dabei spielt natürlich auch der Film und das Licht eine Rolle, denn der digitale Dreh der 60er ist im Kontrast zu frappierend, als dass die Serie mich insgesamt zu einhundert Prozent überzeugen kann.

 

Der junge Inspektor Morse – Staffel 3
Veröffentlicht am 23. März 2018 bei Edel Germany
2 DVDs | 22,99 Euro
Laufzeit: 360 Minuten
Produktionsjahr: 2014
FKS 12
Trailer zur 3. Staffel

Weiterlesen: Rezension zu Der junge Inspector Morse Staffel 1 und Staffel 2.

12. Mai 2018