Kategorie: 3.5 von 5

Beeke Dierksen | Schwarze Förde Bd. 1

Beeke Dierksen | Schwarze Förde Bd. 1

„Seit dem frühen Morgen waren sie vor Ort, auf diesem offensichtlich unbewirtschafteten Acker, der auf halber Höhe zwischen Glücksburg und der Flensburger Außenförde lag. Endlose Stunden, in denen eine Grabstätte nach der anderen freigelegt worden war. Ein eisiger Wind peitschte Regenschauer über das Land, schon vor Tagen hatte sich der bis dahin goldene Oktober in einen garstigen Vorboten des Winters verwandelt. Als hätte sich das Wetter dem Horrorszenario anpassen wollen.“ (Auszug Seite 8)

Mit Hilfe eines anonymen Tipps werden sechs vergrabene Leichen auf einem Acker gefunden. Christoph Wengler und sein Team von der Bezirkskriminalinspektion in Flensburg übernehmen den Fall, ziehen aber die Operative Fallanalyse aus Kiel hinzu, also Hannah Lundgren und ihre Mitarbeiter. Nach ersten Recherchen stehen schnell die Identitäten fest und auch, dass es eine siebte Vermisste gibt. Offensichtlich wurden alle Frauen über einen längeren Zeitraum gefangen gehalten. Können Wengler und Lundgren die Täter stellen und das letzte Opfer retten?

Spannung von vorn bis hinten

Schwarze Förde von Beeke Dierksen ist meiner Meinung nach ein spannender, aber auch grausiger Kriminalroman, der eher nichts für schwache Nerven ist. Die Frauen werden nicht nur gefangen gehalten, sondern auch misshandelt, was zwar nicht in allen Details erzählt wird, aber doch genug, um es sich gut vorzustellen. Außerdem haben es die Beamten mit zum Teil stark verwesten Leichen zu tun. Der Spannungsbogen zieht sich durch das gesamte Buch, für mich gab es keine Längen. Zu Beginn laufen die Ermittlungen eher schleppend, aber dann ergibt sich ein Puzzleteil nach dem anderen und die Aufklärung wird rasant vorangetrieben.

Viele private Baustellen

Von dem Fall habe ich wirklich gern gelesen, allerdings sind mir die privaten Probleme der Kommissare etwas zu viel. Gefühlt hat jeder einen Schicksalsschlag erlitten, aber eben nicht sowas Profanes wie eine Scheidung, sondern eher todkrankes Kind, Suizid des Freundes, Medikamentenabhängigkeit oder magersüchtige Teenager-Tochter in den vermeintlichen Fängen eines Zuhälters. Wobei ich den Umgang der Mutter mit Letzterer persönlich überhaupt nicht gut finde: Anstatt zu versuchen, mit dem Teenager trotz seiner Aufmüpfigkeit ins Gespräch zu kommen und Hilfsbereitschaft und Sorge auszusprechen, kommt sie mit Hausarrest und Verboten und Meckern. Ich kann die Reaktion der Tochter da ehrlich gesagt schon verstehen.

Der erste Fall

Nach meiner Recherche ist diese Geschichte der erste Fall von Wengler und Lundgren, obwohl im Buch immer wieder Erinnerungen an frühere Fälle auftauchen, die vermuten lassen, dass es schon weitere Bände der beiden gibt. Da das aber nicht der Fall ist, finde ich es schade, dass nicht näher auf diese Andeutungen eingegangen wird, wenn Wengler beispielsweise denkt, dass er nicht wieder zu spät zu einer Rettung kommen will. Der Schluss lässt mich auch eher unzufrieden zurück: Der Fall wird zwar gelöst, aber in den privaten Bereichen bleibt alles offen. Aber vielleicht werden diese losen Enden in einem möglichen zweiten Fall aufgegriffen.

Fazit: Spannende Ermittlungen, aber etwas zu viel Schicksal bei den Ermittlern.

Beeke Dierksen ist das Pseudonym der Krimiautorin Angelika Svensson. Die Autorin wurde in Hamburg geboren und lebt heute in Norderstedt. Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete sie beim Norddeutschen Rundfunk. Mittlerweile ist die Autorin freiberuflich tätig.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarze Förde | Erschienen am 17. Oktober 2019 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0619-4
256 Seiten | 10.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Holger Karsten Schmidt | Die Toten von Marnow Bd. 1

Holger Karsten Schmidt | Die Toten von Marnow Bd. 1

Sie sprachen kein Wort in dieser Nacht, sie rührten auch den Oban nicht an. Elling legte sich auf die Seite für Vagabunden, Lona auf die andere. Elling hielt ihre Hand. Sie beide und die Stille über Marnow.
Keinen Kilometer Luftlinie entfernt ereignete sich ein Mord. (Auszug Seite 322)

In einer Wohnung in einer Hochhaussiedlung in Rostock wird die Leiche eines Mannes gefunden. Die Kehle durchgeschnitten, im Bad aufgehängt und eine Botschaft auf die Stirn geritzt. Die Polizei findet kinderpornografisches Material auf dem Computer des Toten. Damit ist die Ermittlungsrichtung klar für Kommissarin Lona Mendt und ihren Kollegen Frank Elling. Doch dann geschieht kurz darauf ein zweiter Mord, ebenfalls mit Kehlenschnitt an einem gut betuchten Rentner auf der Terrasse eines Seniorenheims. Wo besteht der Zusammenhang zwischen den Toten? Da erhält der finanziell chronisch klamme Elling ein unmoralisches Angebot: Ein Frau behauptet, dass der erste Tote ein Kinderschänder gewesen und deswegen aus Rache umgebracht worden sei. Für die Einstellung der Ermittlungen bietet sie Elling eine enorme Summe Geld.

Doch die Ermittlungen laufen währenddessen weiter und es stellt sich heraus, dass dem ersten Opfer die Kinderpornos nur unterschoben wurden, um das tatsächliche Motiv zu verschleiern. Mendt und Elling finden eine Verbindung zum kleinen Ort Marnow am Ufer eines Sees mit kleinem Campingplatz und einer Klinik. Dort haben zu DDR-Zeiten Medikamententests westdeutscher Firmen stattgefunden, der zweite Tote hat damals in einer Pharmafirma in Hamburg gearbeitet. Scheinbar verübt hier jemand Morde aus Rache, aber es gibt auch noch weitere Personen, denen nichts an einer Veröffentlichung der damaligen Ereignisse liegt.

Dabei haben die beiden Ermittler durchaus ihr eigenes Päckchen zu tragen. Mendt kommt aus Hannover, ist eine taffe Einzelgängerin, lebt im eigenen Wohnwagen, etwas unnahbar, allerdings fällt auf, dass sie irgendetwas aus ihrer Vergangenheit mit sich herumträgt. Elling hingegen ist ein Alteingesessener, ein guter Polizist, aber mit dem Habitus eines typischen Beamten. Allerdings befindet er sich privat in einer Ausnahmesituation: Seine Mutter wird zunehmend dement, finanziell lebt er auf deutlich zu großem Fuß und, als wenn es nicht schon genug wäre, ist ihm seine Frau auch noch untreu. Das klingt nach einem in Krimis sehr oft gewählten Ermittlergespann mit ziemlichen Gegensätzen, funktioniert aber im weiteren Verlauf des Buches durchaus gut, denn vor allem die Entwicklung von Elling ist für den Leser überraschend und bringt den Roman weiter nach vorne. Was die beiden Ermittlerfiguren außerdem auszeichnet, ist die Unschärfe zwischen Recht, Gerechtigkeit und Unrecht, die beide im Laufe der Geschichte umgibt, indem sie die üblich gesetzten Grenzen (teilweise nachvollziehbar, teilweise diskutabel) überschreiten.

Und ja, es hatte sie etwas gestreift an diesem Tag. Der exakte Begriff war Lona Mendt, der Atheistin, zu religiös aufgeladen, um ihn auszusprechen, aber ihre Intuition hatte sie nicht getrogen: das Böse. (Seite 61)

Autor Holger Karsten Schmidt zählt zu den renommiertesten deutschen Drehbuchautoren. Zu meinen Favoriten unter den Filmen mit seinen Drehbüchern zählen u.a. einige Stuttgarter Tatort-Folgen mit den Kommissaren Lannert & Bootz, der exzellente Film Mord in Eberswalde über einen psychopathischen Kindermörder in der DDR (den es dort offiziell nicht geben durfte) und den Zweiteiler Gladbeck über das Gladbecker Geiseldrama. Als Romanautor ist er bis vor einigen Jahren nur selten in Erscheinung getreten. Das änderte sich aber mit der Veröffentlichung des ersten Fuseta-Krimis mit Schauplatz in Portugal, die er unter dem offenen Pseudonym Gil Ribeiro schreibt. Nun soll Die Toten von Marnow der Auftakt zu einer neuen Reihe mit den beiden Rostocker Polizisten Elling und Mendt sein.

Die Erfahrung des Autors im Drehbuchschreiben merkt man dem Krimi auch durchaus positiv an. Insbesondere die Dialoge und die Wahl und Beschreibung der Schauplätze sind sehr gelungen. Zudem punktet der Roman mit einer wahren Geschichte als Hintergrund: Die Tests mit im Westen nicht zugelassenen Medikamenten in der DDR an Freiwilligen oder sogar Ahnungslosen sind eines der zahlreichen dunklen deutsch-deutschen Kapitel (Schmidt zeigt am Ende als Beweis sogar Auszüge aus Stasi-Unterlagen). Heutzutage zieht es die Pharmafirmen übrigens in die Länder der dritten Welt.

Der Krimi wird zumeist (aber nicht ausschließlich) aus der Sicht der Protagonisten erzählt. Deren private Hintergründe (vor allem Ellings) nehmen durchaus großen Raum im Roman ein, dennoch wird über mehrere Spannungshöhepunkte die Kriminalgeschichte immer wieder vorangetrieben. Lediglich gegen Ende überzieht der Autor für meinen Geschmack bei einer etwas übertrieben Hollywood-reifen Actionszene. Alles in allem ist Die Toten von Marnow aber ein gut recherchierter, spannender Krimi mit einem Ermittler-Duo mit Potenzial.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Toten von Marnow | Erschienen am 16. Januar 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04794-3
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Dezember 2019

Abgehakt | Dezember 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 4. Quartalsende 2019

 

Romy Hausmann | Liebes Kind

Eine Frau wird nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, an ihrer Seite ihre vermeintliche Tochter Hannah. Die Frau benennt sich als Lena und sofort wird die Polizei auf einen alten Vermisstenfall aufmerksam: Vor vierzehn Jahren verschwand eine Münchner Studentin spurlos. Es stellt sich heraus, das die Verletzte nicht Lena ist, aber Hannah ist Lenas Tochter. Die Frauen wurden offenbar als Gefangene gehalten und die Verletzte konnte fliehen. In einer Hütte im Wald findet die Polizei dann auch die Leiche eines Mannes und ein weiteres Kind. Doch was genau ist geschehen?

Liebes Kind ist der Debütroman der TV-Redakteurin Romy Hausmann und war dank der Platzierung des Verlags als Spitzentitel des Frühjahrs auch ein Bestseller. Der Psychothriller lebt von seinen kurzen Kapitel- und Perspektivwechseln. Drei Perspektiven werden eingenommen: Von Jasmin (zunächst als Lena identifiziert), von Hannah und Matthias, Lenas Vater und demnach Hannahs Großvater. Dabei werden die Ereignisse durch Rückblenden bei den jeweiligen Personen teilweise erhellt, wenngleich dem Leser natürlich allzu Entscheidendes vorenthalten wird und die Erzähler nicht immer ganz zuverlässig sind bzw. sich deren eigene Wahrnehmung trübt.

Das ist alles stilistisch wirklich gut gemacht, aber der Plot reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Zu unrealistisch erscheint mir die Polizeiarbeit und die versteckten Hinweise lassen den weiteren Verlauf der Geschichte zumindest in Teilen erahnen. Irgendwie ist das mit mir und diesen Psychothrillern keine leichte Beziehung.

 

Liebes Kind | Erschienen am 28. Februar 2019 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26229-3
432 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Thomas Hoeps & Jac. Toes | Die Cannabis-Connection

Staatssekretär Marcel Kamrath gilt als Mann mit Perspektive innerhalb der Bundesregierung. Eine aktuelle Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Cannabis ist zu großen Teilen sein Verdienst, scheint er sie doch gegen massive Widerstände der konservativen Kräfte seiner Partei durchzubringen. Doch kurz vor den entscheidenden Abstimmungen taucht ein alter (totgeglaubter) Freund von Kamrath wieder auf: Der Niederländer Sander van den Haag. Beide verbindet eine intensive Freundschaft zu Studentenzeiten in Amsterdam zu Zeiten von Studentenprotesten und Hausbesetzungen Anfang der 1980er. Außerdem ein nicht ganz so legales Geschäft mit Cannabis. Und eine tote junge Frau. Sander macht Kamrath mit wachsendem Druck klar, dass er nichts von den Legalisierungsplänen der deutschen Regierung hält. Es beginnt ein gefährliches Duell, bei dem Kamrath mehr zu verlieren hat als nur seinen Gesetzesentwurf.

Das Autoren-Duo Hoeps und Toes arbeitet seit Jahren erfolgreich zusammen. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt. Mit Die Cannabis-Connection haben sie einen clever konstruierten Thriller verfasst, der zum einen interessante und für mein Empfinden realistisch wirkende Einblicke ins Politikgeschäft und zum anderen einen spannenden Plot bietet. Abwechselnd zum aktuellen Geschehen flechten die Autoren immer wieder Kapitel ein, die auf die Vorgeschichte in Amsterdam 1982/83 zurückblicken. Das ist alles sehr solide geplottet, durchweg spannend und mit überwiegend glaubhaften Figuren. Nur der kleine Bruch ab dem zweiten Teil zu einer Ich-Erzählerin, einer niederländischen Ex-Geheimdienstlerin und nun Politikberaterin für heikle Angelegenheiten, hat mich etwas irritiert. Letztendlich hat mich dieser (Polit-)Thriller aber wirklich gut unterhalten.

Die Cannabis-Connection | erschienen am 15. Juli 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00551-8
352 Seiten | 19.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Tom Callaghan | Erbarmungsloser Herbst

Inspektor Akyl Borubaew wird vom nicht ganz koscheren Fall einer Drogentoten abgezogen, mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und vom Dienst suspendiert. Doch sein spezieller „Freund“, der Minister für Staatssicherheit Tynalijew, verlangt von Borubaew, einen Spezialauftrag anzunehmen. Doch als sie bei einem geheimen Treffen plötzlich beschossen werden, gerät die Situation außer Kontrolle. Borubaew flieht und schießt auf der Flucht Tynalijew nieder. Doch dieser überlebt und der vogelfreie Borubaew sucht Kontakt zum mächtigen Drogenboss Alijew.

Die vierbändige, nach Jahreszeiten aufgebaute Thriller-Serie um den kirgisischen Inspektor Akyl Borubaew hat nun mit Erbarmungsloser Herbst ihr Ende gefunden. Diese hartgesottene Krimi/Thriller-Reihe punktete vor allem durch die interessanten Figuren und die schonungslose Darstellung der Autokratie Kirgisistans bei gleichzeitiger eindrucksvoller Beschreibung von Land und Leuten. Nach einem aus meiner Sicht unnötigen Ausflug im dritten Band (Mörderischer Sommer) nach Dubai, kehrt der Autor nun wieder in Borubaews Heimat zurück, daneben gibt es einen Abstecher nach Bangkok.

Das Setting, Spannungsaufbau und auch das Thema Drogenhandel haben mich diesmal wieder überzeugt, auch wenn für mich nicht alle Wendungen plausibel waren. Callaghan schreibt wieder mit Borubaew als Ich-Erzähler in einem rauen, zynischen, fatalistischen Ton. Natürlich taucht auch Borubaews Geliebte, die Topagentin Saltanat wieder auf. Letztendlich findet diese Reihe dann ihren passenden Abschluss in einer Showdownszene in der kirgisischen Nationalgedenkstätte Ata-Bejit.

Erbarmungsloser Herbst | Erschienen am 7. Oktober 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00124-2
352 Seiten | 12.- Euro
als E-Book: 8.99 Euro (ISBN 978-3-455-00661-2)
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Frederick Forsyth | Der Fuchs

Die amerikanische Regierung ist außer sich, hat es doch ein Hacker in den am schärfsten gesicherten Geheimcomputer der NSA geschafft – ohne Schaden anzurichten. Der Hacker wird als der 18-jährige, autistische Brite Luke enttarnt, die Amerikaner verlangen die Auslieferung. Die Briten jedoch überzeugen die Amis, dass dieser Junge mit seinen unglaublichen Fähigkeiten doch viel sinnvoller genutzt werden kann. Der ehemalige zweite Mann im MI6, Sir Adrian Weston, wird reaktiviert und sucht mögliche Ziele für Hackerangriffe. Als erstes gerät der Navigationscomputer des neuesten russischen Schlachtschiffes unter Kontrolle und sorgt für eine Havarie. Die Russen schäumen vor Wut und schwören Rache. Und sie werden nicht die einzigen bleiben, denn Sir Adrian hat schon das nächste Ziel für Luke ausgemacht.

Der mittlerweile 81-jährige Frederick Forsyth ist neben seinem Landsmann John le Carré unbestritten eine lebende Legende im Genre Polit- und Spionagethriller. Seine Thriller wie „Der Schakal“ oder „Die Akte ODESSA“ wurden millionenfach verkauft. In Sachen Spannung und brisante politische Themen bleibt sich Forsysth auch beim neuen Werk Der Fuchs treu. Das Ding ist ein rasanter Pageturner. Allerdings waren die kritischen Zwischentöne noch nie so die Sache des konservativen Forsyth. Und so stößt sich der etwas kritisch denkende Leser irgendwie schon bald daran, wie locker und lässig der MI6 mit seinem Cybergenie als Glücklos hier die größten Schurkenstaaten der Welt ausmanövriert. Auch der Plot ist nur bedingt überzeugend, vielmehr hat man das Gefühl, dass Forsyth eine Liste von fiesen Gegnern (Russland, Iran, Nordkorea) abarbeitet, die unbedingt noch in die Schranken gewiesen werden müssen. Das grundlegende Handwerk beherrscht er allerdings schon noch, was letztendlich doch etwas versöhnt.

 

Der Fuchs | Erschienen am 4. November 2019 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10385-2
352 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spionagethriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Krimis kurz besprochen findet ihr zu jedem Quartalsende auf unserem Blog, die bisher veröffentlichten Kurzrezensionen in der Rubrik Abgehakt.

Wolf Haas | Auferstehung der Toten Bd. 1

Wolf Haas | Auferstehung der Toten Bd. 1

Den Brenner, den hast du doch bestimmt schon vermisst? Weil ein Spezial mit Krimis aus Österreich ohne den Brenner, das wäre schon merkwürdig. Um den kommst du nicht herum. Der Brenner ist ja quasi eine Instanz in Österreich. Obwohl man ja schon länger nichts mehr von dem gehört hat. Deshalb an dieser Stelle vielleicht mal ein Rückblick. Wie das damals angefangen hat mit dem Brenner. In Zell.

Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Aber vom Pinzgau aus gesehen: vierzig Hotels, neun Schulen, dreißig Dreitausender, achtundfünfzig Lifte, ein See, ein Detektiv. (Auszug Seite 12)

In Zell am See wird kurz vor Weihnachten ein älteres, amerikanisches Ehepaar erfroren im Sessellift aufgefunden. Simon Brenner ist der Polizeibeamte, der die Ermittlungen leitet, aber ohne Erfolg. Die Person mit dem größten Motiv, der Schwiegersohn des Ehepaars, hat ein Alibi. Nachdem er sich mit seinem neuen Chef überworfen hat, kündigt Brenner und heuert bei einer Detektei an. Diese wird von der Versicherung der Toten beauftragt, die Hintergründe weiter zu ermitteln und so kommt es, dass Brenner nach Zell fährt und dort seine Ermittlungen wieder aufnimmt.

Wolf Haas ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller. Zwar veröffentlicht er inzwischen auch Romane abseits des Krimigenres (zuletzt Junger Mann in 2018), aber am bekanntesten ist er noch immer für seine Krimis mit dem Brenner. Die Reihe begann 1996 mit Auferstehung der Toten, als letztes bislang erschien 2014 Brennerova. Innerhalb der Reihe sind die Bände jedoch ziemlich eigenständig, was Handlung und Figuren betrifft. Protagonist ist Simon Brenner, der im ersten Roman gerade bei der Polizei aufgehört hat und sein Heil als Detektiv versucht (zwischendurch probiert er in der Reihe aber noch andere Jobs aus). Brenner ist (in Auferstehung der Toten) Mitte 40, Junggeselle, lernt aber durchaus leicht Frauen kennen. Er ist ein eher ruhiger, langsamer Typ, äußerlich auch eher durchschnittlich, beruflich nicht übermäßig ehrgeizig und nicht entschlussfreudig. Eher hartnäckig als scharfsinnig. Aber gerade dadurch vielleicht beim Leser beliebt. Die Popularität des Brenner hat auch vor der Kinoleinwand nicht Halt gemacht. Vier Romane wurden mit Joseph Hader in der Hauptrolle verfilmt und zählen zu den erfolgreichsten österreichischen Kinofilmen.

„Hier darf alles ein bisserl langsamer gehen.“
Da sind natürlich bei uns alle Leute gleich. Wir mögen es nicht, wenn ein Deutscher unseren Dialekt nachmacht. Dem Brenner ist es da nicht anders gegangen. Und dann noch das „langsam“, praktisch, also es stimmt natürlich, aber wir hören es nicht gern. (Seite 54)

Das eigentlich Originelle an dieser Reihe ist aber das allwissende Erzähler-Ich. Es trägt zwar in Hochdeutsch, aber ziemlich flapsig in einer österreichischen Sprachcharakteristik vor. Es werden Nebensätze als ganze Sätze verwendet, Satzbestandteile umgestellt, Hilfsverben unterschlagen und ähnliches. Ein wenig so wie ich es etwas plump im ersten Absatz versucht habe. Außerdem verlässt der Erzähler immer wieder für Nebensächlichkeiten den eigentlichen Handlungsstrang und lenkt ab. Müsste ich mir das Erzähler-Ich als reale Person vorstellen, käme mir ein älterer Mann im Wirtshaus in den Sinn, der einem auf die Schulter klopft und fragt, ob man die Geschichte vom Brenner kennt und diese dann ausschmückend erzählt. Mir gefällt das, könnte mir aber vorstellen, dass das nicht bei jedem Leser verfängt.

„…Das Vergessen ist eine Gnade, müssen sie wissen. Und diese Gnade hat der liebe Gott den Zellern im Übermaß erwiesen.“ (Seite 141)

Der Roman ist ziemlich kurz, nur knapp 150 Seiten, so dass der eigentliche Krimiplot nicht zu sehr in den Hintergrund rückt (dies ist bei den späteren Brenner-Krimis schon anders). Im provinziellen Zell am See geht es um eine Rachegeschichte, um alte, verdrängte (Familien-)Geheimnisse, was Brenner aber erst nach und nach klar wird. Dazu beerdigt Haas ganz nebenbei auch den Mythos von den Kapruner Stauseen als Symbol der jungen Republik Österreich nach dem 2.Weltkrieg, in dem er die Zwangsarbeiterthematik anspricht. Garniert wird das Ganze mit merkwürdigen Figuren und erzählt in lakonisch-spöttischer Manier mit einigem Schmäh. Haas war damit Vorbild für eine Reihe weitere Autoren aus seiner Heimat, doch im Original verfängt dieser amüsant-satirisch-kritische Stil immer noch am besten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Auferstehung der Toten | Erstmals erschienen 1996
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 1. August 2000 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-22831-5
320 Seiten |  10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

„Was ist denn passiert?“, fragte Helene.
„In den frühen Morgenstunden hat es eine neue Brandstiftung gegeben. Diesmal in Vejers Strand.“
„Wieder ein Ferienhaus?“
„Ja, in den Dünen direkt am Strand. Völlig ausgebrannt. Die Bewohner konnten sich im letzten Moment aus dem Haus retten, liegen aber alle mit Rauchvergiftung im Krankenhaus. Eine Urlauberfamilie aus den Niederlanden mit zwei Kindern.“ (Auszug Seite 90)

Auf der Fähre von der Nordseeinsel Amrum zum Festland gibt es einen Toten. Er ist nicht an einem epileptischen Anfall gestorben, wie erst vermutet wird, sondern wurde vergiftet. Helene Christ von der Mordkommission Flensburg nimmt sich dem Fall an und muss sich für weitere Ermittlungen mit den Kollegen aus Dänemark zusammentun, denn der Tote wohnte im Nachbarland. Die Dänen haben es zur gleichen Zeit mit Brandanschlägen auf Ferienhäuser zu tun und deshalb eigentlich kein Personal frei. Doch dann ergibt sich ein Zusammenhang zwischen den beiden Fälle

Geplatzter Segeltörn

Oberkommissarin Helene Christ wohnt gemeinsam mit ihrem Freund Simon Simonsen und der Hündin Frau Sörensen am Rand von Flensburg in einem alten Haus. Die Drei segeln am liebsten mit ihrem Boot über die Gewässer und freuen sich schon auf den Urlaub in wenigen Tagen auf den schwedischen Schäreninseln, als das Boot einen Schaden erleidet und Helene den neuen Fall bekommt.

Der sechste Fall von Helene Christ

Feuer in den Dünen von H. Dieter Neumann ist bereits der sechste Fall um Helene Christ. Ein Küsten-Krimi, der vor allem in Dänemark und Flensburg spielt, die ersten Ermittlungen führen aber auch nach Amrum. Die Geschichte hat kurze Kapitel, die hauptsächlich um die Ermittlungen von Helene Christ und ihrem Kollegen Nuri Önal kreisen, einige wenige Kapitel geben allerdings auch Einblicke in die Gedanken der Täter, was dem Leser einen gewissen Vorsprung zu den Polizisten verschafft und die Handlung dadurch noch etwas spannender gestaltet.

Privat und beruflich

Helene wird in diesem Fall sehr stark eingespannt und reißt auch generell gern alle Arbeit an sich, wovon Simon gar nicht begeistert ist, also kommt es unweigerlich zum Streit. Das Private der Kommissarin bleibt aber im Hintergrund und wird eher nebenbei erwähnt, das Hauptaugenmerk bleibt auf dem Fall, was mir gut gefällt. Die Protagonistin ist mir in ihrer Handlungsweise sympathisch. Sie geht durchaus ab und zu über ihre Kompetenz und geht Risiken ein, bleibt dabei aber auf dem Boden. Sie sieht eventuelle Fehler im Nachhinein ein und gibt ihr Bestes, um es wieder geradezurücken.

Ende und gut

Die Geschichte liest sich leicht, aber durchgehend spannend. Die Polizisten müssen auch mit Rückschlägen klarkommen, es läuft also nicht immer alles glatt. Das Ende bekommt nochmal einen guten Spannungsbogen, ohne dass vom Autor zu viel gewollt wurde, auch das gefällt mir. Der Schluss bleibt eher offen, war aber zu vermuten, als die Zusammenhänge nach und nach klarer werden. Hätte ich das eigentliche Thema auf dem Klappentext gelesen, hätte ich das Buch nicht ausgesucht, aber so war es gut und ich habe es gern gelesen.

Fazit: Ein solider Küsten-Krimi, den man zwischendurch gut lesen kann, der mich aber dennoch nicht nachhaltig beeindruckt hat.

H. Dieter Neumann, Jahrgang 1949, war Offizier in der Luftwaffe der Bundeswehr und in verschiedenen internationalen Dienststellen der NATO. Anschließend arbeitete der diplomierte Finanzökonom als Vertriebsleiter und Geschäftsführer in der Versicherungswirtschaft, bevor er sich ganz aufs Schreiben verlegte. Der passionierte Segler ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Flensburg.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Feuer in den Dünen | Erschienen am 22. August 2019 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-630-2
288 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe