Kategorie: 3.5 von 5

Eloísa Díaz | 1981

Eloísa Díaz | 1981

„Um es zusammenzufassen“, sagte Alzada, bevor sich die Situation in eine Seifenoper verwandelte: „Ich bin gewillt, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, aber dazu brauche ich zumindest einen winzigen Hinweis darauf, dass es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Haben Sie irgendetwas für mich?“ […]
„Es ist schwer zu erklären.“ Ihr aufmüpfiger Ton von vorher war wie weggeblasen. Sie beugte sich vor und legte die Hände auf Alzadas Schreibtisch. French Manicure, Verlobungsring mit Diamant, darüber ein goldener Ehering. „Inspektor – ich weiß nicht, ob Sie Geschwister haben – aber falls Sie welche haben, kennen Sie das Gefühl vielleicht? Das Gefühl, sich Sorgen zu machen? Das Gefühl … es einfach zu wissen?“
Alzada kannte es. (Auszug S. 47-48)

Dezember 2001: Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Hoher Inflation. Zuletzt wurden die Möglichkeiten, Bargeld abzuheben, massiv eingeschränkt. Es gibt inzwischen große Proteste gegen die Regierung des Präsidenten de la Rúa. Diese werden zunehmend gewalttätig auf beiden Seiten geführt. Die Polizei in Buenos Aires ist in Alarmbereitschaft, alle verfügbaren Kräfte werden mobilisiert.

So kommt es, dass Inspektor Joaquín Alzada sich plötzlich mit einer Leiche und einer Vermisstenanzeige herumschlagen muss. Alzada gehört eigentlich dem Diebstahlsdezernat an, ist kurz vor der Pensionierung und wird aufgrund vergangener Ereignisse von seinem Chef von solchen Ermittlungen eigentlich ferngehalten. In der Rechtsmedizin begutachten er und sein Hilfsinspektor Estrático die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau, abgelegt in einem Müllcontainer. Wenig später nehmen sie im Kommisariat eine Vermisstenanzeige auf, die man nicht so leicht zu den Akten legen kann. Eine Frau aus einer der reichsten Familien Argentiniens meldet ihre Schwester als vermisst. Die Beschreibung der Vermissten könnte auch auf die Leiche zutreffen, doch Alzada ist noch vorsichtig. Er stellt gemeinsam mit Estrático Nachforschungen an und findet heraus, dass die Vermisste zuletzt in einen Wagen eines Parlamentsabgeordneten eingestiegen war und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Alzada wird zurückgepfiffen, eigentlich soll er gar nichts weiter unternehmen. Der Polizeipräsident, ein alter Freund, befiehlt ihm sogar, den Fall abzugeben, doch die Ereignisse rundherum beeinflussen Alzadas Entscheidungen.

Denn vor genau zwanzig Jahren gab es bereits ein einschneidendes Ereignis in Alzadas Leben. Nach und nach erfährt man die Details: Alzada war damals ein aufstrebender Inspektor in der Polizei. In der damaligen Militärdiktatur versuchte er, sich aus allem herauszuhalten, sich nicht an Menschenrechtsverletzungen zu beteiligen. Dafür hat er aber auf aktiven Widerstand gegen das Regime verzichtet, ganz im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder Jorge, Dozent und Gewerkschafter. Er mischt in der Opposition mit, Alzada versucht ihn immer wieder zu warnen, hat ihn auch das eine oder andere Mal herausgeboxt. Doch dann, in einer Nacht Anfang Dezember 1981, kommen sie seinen Bruder holen.

Zwei Ereignisse aus der jüngeren argentinischen Geschichte verbindet die Autorin Eloísa Díaz in ihrem Debütroman: Die Militärdiktatur Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre mit dem Schicksal der Desaparecidos und die Argentinienkrise um die Jahrhundertwende, kulminierend Ende 2001. Díaz, als Tochter argentinischer Eltern, ist übrigens im Ausland geboren und aufgewachsen und hat ihren Roman in englischer Sprache verfasst.

Verbunden werden die Ereignisse in den Personen des Juaquín Alzada, Inspektor der Polizei, seiner Frau Paula (die eher im Hintergrund bleibt und doch merkt man an verschiedenen Stellen, dass sie die Familie in der Spur hält), und noch einer dritten Person: Sorolla, ihr Neffe, der bei den beiden aufgewachsen ist, nachdem seine Eltern 1981 verschleppt wurden. Die Autorin erzählt in Rückblenden von zwei Tagen aus dem Jahr 1981: Jorge Alzada seine Frau Adela werden von der Geheimpolizei aus ihrer Wohnung verschleppt und Juaquín versucht alles, um das Schicksal seines Bruders zu klären, wagt sich sogar (ein sehr beeindruckendes Kapitel) in das berüchtigte Foltergefängnis ESMA. Und doch muss sich Juaquín am Ende fragen, ob er alles getan hatte, um das Ganze zu verhindern. Zwanzig Jahre später ist scheinbar wieder eine ähnliche Situation eingetreten, die Menschenmassen demonstrieren gegen die Regierung, die Staatsgewalt schlägt zurück. Droht erneut eine Diktatur? Wie wird sich Juaquín, der sich schon innerlich auf die Rente vorbereitet hat, diesmal verhalten? Und was für einen Eindruck hinterlässt er bei seinem Ziehsohn Sorolla, der als junger Mann sich natürlich den Demonstranten anschließen will? Eloísa Díaz bleibt dabei fast ausschließlich bei der Perspektive von Juaquín Alzada, dessen Gedanken hier und da auch in kursiver Schrift einfließen. Die erzählte Zeit im Jahr 2001 beschränkt sich auf einen einzigen Tag, den 19.12.2001, Höhepunkt der Proteste des Cacerolazo gegen die Regierung de la Rúa.

So wird dieser Roman, der mit einem Kriminalfall begonnen hatte, immer mehr zu einer Familien- und Gesellschaftsstudie um die Fragen von Vergangenheitsbewältigung, um Haltung und Selbstachtung in Zeichen gesellschaftlicher Krisen und Umwälzungen. Dabei ist der Roman vor allem bei den Rückblicken ins Jahr 1981 packend. Allerdings wird der Krimiplot im Jahr 2001 dafür zum Ende hin ein wenig stiefmütterlich behandelt. Zudem will die Autorin hin und wieder dem Leser zu viel erklären. So überzeugt der Roman dann auch weniger in den genretypischen Teilen, sondern eher in der Beleuchtung der familiären Situation der Alzadas und in der Reflexion auf die gesamte Gesellschaft Argentiniens in Zeiten der Krise. Insofern ein interessanter und lesenswerter Roman mit leichten Abzügen in der B-Note.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

1981 | Erschienen am 02.06.2021 im Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-01094-7
320 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Repentance (Übersetzung aus dem Englischen von Mayela Gerhardt)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.

 

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 2)

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 2)

Nach dem ersten Teil der Rezensionen deutschsprachiger Politkrimis widme ich mich im zweiten Teil zwei „alten Bekannten“ des Genres. Der Düsseldorfer Autor Horst Eckert ist nun schon seit 25 Jahren Autor politischer Krimis, seit einigen Jahren mit Vincent Che Veih auch mit einem festen Protagonisten. Ebenfalls kein Unbekannter im Genre ist der Frankfurter Autor Jan Seghers. Bekannt vor allem durch die ebenfalls verfilmte Reihe um den Frankfurter Kommissar Marthaler hat Seghers nun einen neuen Protagonisten kreiert.

Jan Seghers | Der Solist

Neuhaus (ob der Vorname im Buch fällt, konnte ich hinterher nicht mehr ermitteln, glaube nicht) ist Beamter des BKA, ein integrer Einzelgänger, kurz „Der Solist“. Neuhaus wird abgeordnet in eine Einheit des Berliner LKA zur Terrorismusbekämpfung. Ein Jahr nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz ist die Lage in der Hauptstadt angespannt. Ein Mord an einem stadtbekannten Juden, zu dem sich ein „Kommando Anis Amri“ bekennt, sorgt für große Aufregung. Es wird nicht der letzte Mord bleiben, eine antiislamische Stimmung greift um sich. Neuhaus und seine deutschtürkische Kollegin Suna-Marie lassen sich von von oben vorgegebenen Ermittlungsrichtungen nicht beirren und gehen letztlich der Frage nach: Cui bono?

Es gab Sozialarbeiter, Stadtteilinitiativen und Integrationsvereine. Kulturzentrum, Yogapraxis und Trommelkurse. Aber es vermischte sich nichts. Multikulti, so kam es ihm vor, war nur eine Behauptung auf Zeit gewesen. (Auszug S. 187)

Antiislamismus, Populismus, politische Nutznießer und Brandstifter und eine rechte, fremdenfeindliche Tendenz in den deutschen Sicherheitsbehörden. Dieser Roman greift einige heiße Eisen auf und setzt klare Statements, unter anderem mit der Figur des Politikers Nikolas Junker, in der unschwer Alexander Gauland zu erkennen ist. Etwas überraschend ist nach nur etwas mehr als 200 Seiten der Roman auch schon wieder um, da wäre doch noch mehr gegangen, oder? Allerdings gelingt es Jan Seghers durchaus mit Timing, Präzision und wirklich guten Dialogen, sowohl die Figuren zu porträtieren als auch den Plot voranzutreiben. Irritation meinerseits besteht über die Enthüllung über den Background von Neuhaus am Ende des Romans, die diese Figur doch sehr in der Nähe der Figur Veih des Kollegen Horst Eckert rückt. Das hat ein gewisses Gschmäckle.

 

Der Solist | Erschienen am 26.01.2021 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05848-7
235 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

Horst Eckert | Die Stunde der Wut

Besagter Vincent Che Veih taucht nämlich nunmehr zum fünften Mal in einem Roman von Eckert auf, zum zweiten Mal in Kombination mit der Kriminalrätin Melia Adan, seiner neuen Chefin in der Kriminalinspektion 1 der Düsseldorfer Polizei. Die Besonderheit bei Veih ist seine Mutter, eine alte Unterstützerin der radikalen Linken, die ihm auch in diesem Band Ärger bereiten wird.

Der Roman schließt zeitlich relativ nah an den Vorgänger „Im Namen der Lüge“ an. Damals war ein Neonazi-Netzwerk von Adan und Veih teilweise zerschlagen worden, aber eine Kollegin von Adan vom Verfassungsschutz ist seitdem verschwunden. Adan vermutet, dass sie ermordet wurde und im Fundament einer Turnhalle versenkt wurde, und ermittelt auf eigene Faust weiter. Damaliger Grundstückseigentümer war ein Neonazi-Verein, heute gehört das Gelände den Immobilienmogul Osterkamp. Dieser ist auch politisch aktiv und versucht erfolgreich mit Geld und Erpressung Einfluss in rechten und konservativen Kreisen zu erlangen. Zeitgleich steht Osterkamp im Fokus von Mieterprotesten, da er bei der Einbringung der Rendite alles andere als zimperlich vorgeht. Veih hingegen hat einen Mordfall an einer jungen Frau aus gutem Hause, Tochter eines stadtbekannten Psychiaters, aufzuklären, die in ihrer Wohnung erstochen wurde – vermeintlich von ihrem Lebensgefährten. Doch Veih irritiert direkt von Beginn, dass die Chefin des Rauschgiftdezernats, eine Freundin der Familie, im Fall mitmischt.

Horst Eckert ist natürlich auch schon ein Veteran der Szene. In inzwischen mehr als einem Dutzend Romanen ist er einer der Vorreiter des „Police Procedurals“ in der deutschen Krimiszene. Er beschreibt die Polizeiarbeit äußerst realistisch, vor allem auch die Stimmungen unter den Kollegen und die Hierarchiekämpfe im Präsidium. Insgesamt ist sein Schreibstil sehr tempo und abwechslungsreich, viele Perspektive, schnelle Wechsel der Szenen.

Wir leben in einer Demokratie, dachte Vincent, aber den Oligarchen gehört das Land. Für ihre Interessen setzen sie Leute wie Tristan Bovert ein. Sie finanzieren rechtsradikale Veriene, Parteien, Milizen. Und lassen sie fallen, sobald es ihnen opportun erscheint. (Auszug S. 414-415)

In „Die Stunde der Wut“ greift Eckert ein ähnliches Thema auf wie der Kollege Schorlau: Die neue Macht der Wirtschaftsmagnaten und deren Einfluss auf die Politik sowie die Kooperation zwischen Verfassungsschützern und rechten Netzwerken. Sehr gekonnt führt Eckert die verschiedenen Stränge zusammen und erzählt einen spannenden Polizeikrimi über Korruption, Intrigen, dreiste Gier und auch Wut, die sich schließlich Bahn bricht. Eckert bleibt für mich einer der besten des Genres im deutschsprachigen Raum.

 

Die Stunde der Wut | Erschienen am 08.03.2021 im Heyne Verlag;
ISBN 978-3-453-44103-3
448 Seiten | 12,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Polizeikrimi

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Gunnar zu Krimis von Horst Eckert

 

Foto und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 1)

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 1)

In den letzten Jahren gab es bei den deutschsprachigen Krimis gefühlt vor allem zwei Trends. Historische Kriminalromane und Regionalkrimis, die im Ausland spielen, aber von deutschen Autor:innen geschrieben wurden, die sich aber lieber eines fremdländischen Pseudonyms bedienten. Kriminalromane, die sich aktuellen politischen und gesellschaftskritischen Themen annehmen, waren in der Wahrnehmung zumindest etwas unterrepräsentiert. Keine Ahnung, ob sich daran nun etwas ändert, allerdings hatte ich plötzlich gleich vier solcher Romane gleichzeitig in den Händen und dachte mir, dass man daraus einen Doppelbeitrag machen könnte. Beginnen möchte ich mit einem fast schon Veteranen in diesem Genre: Wolfgang Schorlau begann seine Krimis mit dem Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler bereits 2003.

Wolfgang Schorlau | Kreuzberg Blues

Dengler begleitet seine Freundin Olga nach Berlin zu einer Freundin, die in Kreuzberg in einer Spekulations-Immobilie lebt. Der Vermieter versucht, die Mieter zur Kündigung zu bewegen, um anschließend teuer neu zu vermieten. Dabei schreckt er scheinbar auch vor drastischen Mitteln nicht zu zurück, denn irgendjemand hat Ratten im Hausflur ausgesetzt, die dann ein Baby angegriffen haben. Dengler erklärt sich bereit, sich die Sache näher anzusehen und lässt sich sogar vom großen Immobilienunternehmen Kröger engagieren, um denen von innen heraus auf den Zahn zu fühlen. Doch er muss schnell erkennen, dass noch viel größere und gefährliche Kräfte im Hintergrund agieren.

„Ich heiße Georg Dengler. Das ist Olga. Wir sind Privatermittler. Wir sind entschlossen, Michael Bertram ins Gefängnis zu bringen.“
„Wisst ihr, mit wem ihr euch da anlegt?“
„Das wissen wir.“ Dengler beugte sich näher zu ihr hinüber. „Ich bin jemand“, sagt er, „wenn ich wählen muss zwischen Recht und Gerechtigkeit, wähle ich Gerechtigkeit.“ (Auszug S. 385)

„Kreuzberg Blues“ ist inzwischen der zehnte Band um Georg Dengler. Die Reihe hat es ja sogar schon ins Fernsehen geschafft, auch die Verfilmung dieses Bands ist bereits abgedreht. Als langjähriger Leser der Reihe muss ich natürlich vorweg eines zugeben: Ein Literaturnobelpreisträger wird Wolfgang Schorlau nicht mehr. Er neigt zu zur üppigen Faktenvermittlung auf Kosten der literarischen Eleganz. Seine Figuren lassen sich oft klar einer Seite zu ordnen. Er neigt auch zur Drastik und zu plakativen Aussagen.
Aber ich hätte die Reihe nicht schon so lange verfolgt, wenn es mich nicht auch trotzdem gut unterhalten würde. Denn eines muss man Schorlau lassen: Er transportiert seine Themen mit großem Verve und Engagement. Das Tempo ist rasant, schnelle Szenenwechsel, viel Action. Und er ist äußerst politisch, bezieht klar Stellung im sehr aktuellen Kampf um bezahlbaren Wohnraum. Das ist alles kein literarischer Hochgenuss, aber ein unhaltsamer und auch wichtiger politischer Krimi.

 

Kreuzberg Blues | Erschienen am 08.10.2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00079-5
416 Seiten | 22,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: gesellschaftskritische Krimis

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Gunnar zu Krimis von Wolfgang Schorlau

 

Sunil Mann | Das Gebot

Zum deutschsprachigen Krimi gehört selbstverständlich die Krimiszene der deutschsprachigen Schweiz, die von mir leider tendenziell etwas vernachlässigt wird. Fester Bestandteil dieser Szene ist der Autor Sunil Mann. Der Sohn indischstämmiger Einwanderer begann seine Karriere als Krimiautor mit der Reihe um den Privatdetektiv Vijay Kumar. Nun hat er eine neue Reihe begonnen: Die ehemalige Flugbegleiterin Marisa Greco und der Ex-Sicherheitsmann Bashir Berisha betreiben in Zürich eine Detektei mit dem interessanten Namen „Agentur für unliebsame Angelegenheiten“. „Das Gebot“ ist ihr zweiter Fall.

Ben raucht den letzten Zug seiner Zigarette, schnippt sie auf den Waldboden, erstickt die Glut mit der Schuhspitze. Sie würden Augen machen, seine Schulkameraden, wenn sie wüssten, wozu er es in der Zwischenzeit gebracht hat. Mit wie viel Eifer er glernt hat, als er endlich den richtigen Lehrer gefunden hatte. Aber sie werden von ihm hören, schon bald, sein Name wird auf allen TV-Sendern erwähnt werden, die Newssendungen werden von ihm berichten. (Auszug S. 72-73).

Während der Pandemie hat das Geschäft von Marisa und Bashir gelitten, sodass sie froh sind, endlich wieder einen ordentlichen Auftrag zu erhalten. Sie werden vom Ehepaar Bodmer engagiert, ihren Sohn Erich zu finden, der vor vier Jahren zu einer Weltreise aufgebrochen sein soll und sich seitdem nur noch einmal mit einer Weihnachtskarte gemeldet hat. Nun hat er offenbar von einem Geldautomaten am Zürcher Flughafen Geld abgehoben. Marisa und Bashir finden allerdings schnell heraus, dass Erich mitnichten auf Weltreise war, sondern in den Dschihad nach Syrien gezogen ist und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Sie bleiben auf seiner Spur und werden gewarnt: Sollte Erich in die Schweiz zurückgekehrt sein, hat das nichts Gutes zu bedeuten.

Zwischen drei Perspektiven wechselt dieser Roman: Neben Marisa und Bashirs Ermittlungen verfolgt der Autor auch den IS-Heimkehrer Ben (seine Identität wird erst im Laufe des Buches gelüftet), der mit einer tödlichen Mission nach Zürich zurückgekehrt ist, wie bald deutlich wird. In Rückblicken wird von den Erlebnissen Bens beim islamischen Staat berichtet. Die Porträtierung Bens ist aus meiner Sicht auch der ganz starke Pluspunkt des Romans, denn diese ist sehr differenziert gelungen. Ebenfalls begleitet wird im Roman Andrea Graf, Politikerin der Rechtspopulisten (eine Fortführung aus Band 1, vermute ich). Graf will ihre Partei modernisieren, hat sich allerdings erpressbar gemacht und wird nun von ihrem skrupellosen Wahlkampfberater zu einem stramm konservativ-rechten Kurs gezwungen. Diesen Strang (der zum Ende mit dem anderen kollidiert) fand ich sehr interessant, allerdings war dieser im Vergleich zu Geschichten um Ben etwas unterrepräsentiert und für meinen Geschmack nicht ganz zufriedenstellend aufgelöst. Dennoch insgesamt ein überzeugender Roman mit guter Mischung aus Spannung, Politik und gesellschaftlichem Hintergrund. Die Agentur für unliebsame Angelegenheiten kann man durchaus weiterverfolgen.

 

Das Gebot | Erschienen am 30.03.2021 im Grafit Verlag;
ISBN 978-3-894-25774-3
352 Seiten | 13,- €
Bibliografische Angaben

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Michael Connelly | Night Team (Band 2/21)

Michael Connelly | Night Team (Band 2/21)

Der Mann öffnete und schloss einen weiteren Schub. Ballard nutzte das Scheppern, um das Knarzen ihres Stuhls zu überdecken, als sie aufstand. […] Sie legte die Hand auf den Griff der Pistole und blieb drei Meter hinter dem Mann stehen.
„Was machen Sie da?“
Der Mann erstarrte. Dann nahm er langsam die Hände aus dem Schub, den er durchsucht hatte, und hielt sie so hoch, dass Ballard sie sehen konnte.
„So ist es gut“, sagte sie. „Und würden Sie mir jetzt vielleicht erklären, wer Sie sind und was Sie hier suchen?“
„Bosch der Name“, sagte der Mann. „Ich wollte mich mit jemand treffen.“ (Auszug S.19)

Den Mann, den Detective Renée Ballard bei Durchstöbern von Akten in ihrer Dienststelle überrascht, ist also kein geringerer als der legendäre Harry Bosch. Er ist inzwischen nicht mehr beim LAPD, sondern als Reserve-Officer beim San Fernando Police Department. Obwohl sich Bosch herausreden kann, forscht Ballard nach, in welchem Fall Bosch Nachforschungen anstellt. Dabei wird ihr Interesse an dem Fall ebenfalls geweckt.

Vor neun Jahren wurde die Leiche der 15jährigen Ausreißerin und Prostituierten Daisy Clayton in einem Müllcontainer gefunden, sexuell missbraucht, gefoltert und stranguliert. Die Leiche wurde anschließend ausgiebig mit Bleichmittel behandelt, so dass keine verwertbaren Spuren zu finden waren. Der Täter wurde nicht ermittelt, der Mordfall ist ein Cold Case. Bosch hat ein privates Interesse an dem Fall. Ballard bietet ihm an, den Fall gemeinsam und auch offiziell zu bearbeiten. Doch das muss neben ihrer eigentlichen Arbeit stattfinden, denn beide haben noch weitere Fälle zu bearbeiten. So ermittelt Ballard in einem Todesfall einer alleinstehenden Frau, der zunächst wie ein Mord aussieht. Bosch hingegen hat einen weiteren Cold Case, der aber ungleich brisanter ist. Vor vierzehn Jahren wurde ein ranghohes Gangmitglied hingerichtet, der Täter (auch mangels Interesse) nie gefasst. Nun treibt Bosch einen Zeugen auf, der ihm widerwillig wichtige Hinweise liefert. Doch damit tritt Bosch in ein Wespennest von sehr gefährlichen Gangstrukturen und begibt sich einmal mehr in eine brenzliche Situation.

In Bosch weckte das Hubschraubergeräusch am Himmel Hoffnung. Aber der Mann, der ihn bewachte, versetze es in Panik. Bosch hatte die ganze Nacht versucht, eine Beziehung zu ihm herzustellen. Er hatte ihm nach seinem Namen gefragt und gebeten, seine Fesseln zu lockern und ihn aus dem Käfig zu lassen, um seine verkrampfte Beine zu dehnen. Und er hatte ihn gefragt, ob er sich wirklich mit der Ermordung eines Cops belasten wollte. (Auszug S.311)

Nachdem im letzten Roman „Late Show“ Renée Ballard als neue Figur eingeführt wurde und ihre Vorgeschichte sowohl privat (traumatischer Tod des Vaters beim Surfen, Abkehr von ihrer Mutter) als auch beruflich (abgewiesene Dienstbeschwerde gegen ihren Vorgesetzten wegen sexueller Nötigung und Versetzung zur Nachtschicht) großen Raum in der Story einnahmen, ist dies diesmal eher ein wenig kleiner und dosierter gesetzt. Dafür ist Boschs Privatleben etwas stärker im Fokus, auch weil es einen direkten Fallbezug hat. Während einer verdeckten Ermittlung hatte Bosch Elizabeth Clayton kennengelernt, die Mutter der ermordeten Daisy. Elizabeth hat den Tod ihrer Tochter nie überwunden und war in die Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit abgeglitten. Nach einem Entzug hatte Bosch ihr angeboten, bei ihm im Haus unterzukommen. Dies ist nun schon mehrere Monate her und seitdem versucht Bosch, den Tod Daisys aufzuklären, um für Elizabeth einen Abschluss zu finden.

Die Kombination von mehreren Serienfiguren eines Autors ist nichts Neues. Michael Connelly hat dies selbst schon vorgemacht, so hatten seine weiteren Figuren Michael Haller und Terry McCaleb schon gemeinsame Auftritte mit Bosch. Seine äußerst erfolgreiche Reihe um den Ermittler Hieronymus „Harry“ Bosch besteht nun schon seit 1992, in dieser Reihe wäre „Night Show“ der 21.Band mit Harry Bosch. Einen weiteren Roman mit Bosch und Ballard („The Night Fire“) hat Connelly bereits im Original veröffentlicht.

Die Kombination der beiden Figuren funktioniert wirklich gut. Trotz gewisser Eigenarten sind sich beide Ermittler schon ähnlich, beider Leben sind stark auf ihren Beruf ausgerichtet. Bosch verzögert sogar ärztliche Behandlungen, weil er die Dienstunfähigkeit fürchtet. Sowohl Bosch als auch Ballard sind akribisch, engagiert und mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet, dem sie manche Regeln unterordnen. In ihrer moralischen Integrität kommen sie dabei auch ein wenig unnahbar rüber und lassen es auch auf Konflikte ankommen.

Insgesamt ist „Night Team“ ist ein klassischer Polizeikrimi, der mehrere Ermittlungen begleitet, die Vorgänge bei der Polizei beleuchtet und die Polizisten bis in ihr Privateben folgt. Connelly macht dies zwar nicht überdingt spektakulär, aber enorm souverän in Figuren, Setting und Plotentwicklung. Einziger Wermutstropfen für mich war, dass er es erfahrenen Krimilesern zu einfach macht, auf den Täter im Mordfall Daisy Clayton zu kommen. Aber das lässt sich verschmerzen, „Night Team“ ist ein im besten Sinne routinierter Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Night Team | Erschienen am 25.03.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12536-5
446 Seiten | 19,90 €
Originaltitel: Dark Sacred Night (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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