Autor: Nora

Sam Carrington | Saving Sophie

Sam Carrington | Saving Sophie

Saving Sophie ist der Debütroman der Autorin Sam Carrington und spielt in Ambrook in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands.

Karen Finchs Tochter Sophie wird spätabends von der Polizei zu Hause abgeliefert. Die Beamten hatten sie aufgegriffen, weil sie, augenscheinlich stark angetrunken, alleine die Hauptstraße entlang lief. Karen und ihr Mann Mike sind total entsetzt, sie haben ihre Tochter noch nie so erlebt. Merkwürdig auch, dass sie alleine unterwegs war: wo waren denn die Freunde abgeblieben, mit denen sie losgezogen war? Karen fällt auf, dass Sophie immer wieder den Namen ihrer Freundin Amy vor sich hin brabbelt, sie hat langsam Zweifel, dass Sophies Zustand nur vom Alkohol ausgelöst wurde.

Auch am nächsten Tag ist Sophie noch nicht in der Lage, sich an die Ereignisse des Vorabends zu erinnern. Aber es kommt noch schlimmer: ihre Freundin Amy ist nicht zu ihrer Mutter zurückgekommen und es wird eine Leiche gefunden, deren Beschreibung auf Amy passt. Als sich aber dann herausstellt, dass es sich nicht um Amy handelt, sondern um Erin, die Tochter der besten Freundin von Karen, ist die Verwirrung komplett.

Soweit zum Ausgangspunkt der Story. Die Ermittlungen gestalten sich ziemlich schwierig, da auch die anderen Freunde von Sophie nicht in der Lage (oder bereit?) sind, etwas zur Aufklärung beizutragen. Amy taucht zwischenzeitlich wieder auf, sie war – ohne ihre Mutter, bei der sie lebt, zu informieren – zu ihrem Vater gezogen, sie weiß allerdings auch nur, dass Sophie sich an dem besagten Abend von ihren Freunden verabschiedet hatte und alleine in ein Taxi gestiegen war.

Der Prolog hat es noch in sich, man ist gespannt. Aber dann geht es schon los: leider sind für mich die Handlungen der Hauptpersonen (Sophie und Karen) nicht so ganz logisch nachvollziehbar. Obwohl Sophies Zustand Karen merkwürdig vorkommt, wird kein Arzt hinzugezogen (Nachweis KO-Tropfen?), Karen hingegen, die wegen einer Agoraphobie (Angst vor weiten Flächen verbunden mit Panikattacken) seit längerer Zeit in Therapie und ans Haus gefesselt ist, werden von Mann und Tochter Vorwürfe gemacht, unter anderem, weil sie nicht in der Lage ist, ihre Freundin nach dem Tod deren Tochter Erin zu besuchen, um Trost zu spenden.

Für einen „Thriller“ plätschert die Handlung zu zäh und spannungsarm dahin, immer wieder zwischen den psychischen Befindlichkeiten von Mutter und Tochter (und Ehemann, der sich auch nicht immer angemessen verhält) hin und her pendelnd. Zudem trägt Karen ein Geheimnis mit sich herum, das sie nicht preisgeben will.
Die Aufklärungsarbeit, behindert durch die größtenteils unnötige bzw. für mich nicht nachvollziehbare Geheimniskrämerei mehrerer beteiligter Personen, zieht sich ohne wirklichen Spannungsbogen dahin, obwohl auch Sophie anscheinend noch ins Visier des Mörders gerät. Zumindest dessen Person bietet noch einen Überraschungseffekt. Die Handlung insgesamt wirkt als zu stark auf das Krankheitsbild von Karen hin konstruiert, deren Handlungen und Denkweisen meines Erachtens nicht stimmig sind.

Ich hatte mir aufgrund der Kurzbeschreibung und Einleitung etwas anderes von dem Buch versprochen, schade um die im Prolog erkennbare eigentlich gute Ausgangsidee.

Sam Carrington arbeitet zunächst als Krankenschwester, bevor sie noch ein Psychologiestudium aufnahm. Sie war lange Zeit im Strafvollzug tätig, bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Devon.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Saving Sophie | Erschienen am 10. September 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10252-6
430 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Charlotte Link | Die Suche

Charlotte Link | Die Suche

„Sie war nicht besonders hübsch, aber sie hatte etwas sehr liebenswert Kindliches an sich. Es ist jetzt fast ein Jahr her, seit ich ihr begegnete. Reiner Zufall, dass ich an jenem Abend durch diese dunkle Straße fuhr. (…) Aber eigentlich glaube ich ja, dass es gar keine Zufälle gibt. Alles im Leben ist Bestimmung, davon bin ich fest überzeugt. Ich sollte ihr begegnen an diesem Abend. Und sie mir.“ (Auszug Seite 44)

Detective Sergeant Kate Linville von Scotland Yard ist gerade in Scalby und kümmert sich um ihr Elternhaus, das sie nach dem Tod ihres Vaters untervermietet hatte und von den Mietern völlig verwüstet wurde. Sie wohnt während ihres Aufenthaltes in einer Pension in der Nähe. Dann verschwindet die 14-jährige Tochter der Pensionsbesitzer von einem belebten Parkplatz spurlos. Alle sind in heller Aufregung, denn am selben Tag wurde die Leiche der ebenfalls 14-jährigen Saskia Morris gefunden, die vor zehn Monaten verschwand. DCI Caleb Hale, mit dem Kate schon vor drei Jahren bei der Aufklärung des Mordes an ihrem Vater zu tun hatte, leitet die Ermittlungen in beiden Fällen, denn es liegt nahe, dass es sich bei beiden Vermissten um den in den Medien so genannten „Hochmoor-Killer“ handelt. Die Ermittlungen fallen natürlich nicht in Kates Zuständigkeitsbereich, aber sie ist sich nicht in allen Punkten einig mit Caleb und beginnt auf eigene Faust an zu recherchieren.

Kate Linville ist 42 Jahre alt und wohnt in einer kleinen Wohnung in London. Dort arbeitet sie bei Scotland Yard. Als ihr Vater starb, konnte sie sich nicht von ihrem Elternhaus trennen, mit dem sie so viele Erinnerungen verbindet, aber nach der Verwüstung beschließt sie, dieses Kapitel hinter sich zu lassen und nun doch zu verkaufen. Kate ist eine in sich gekehrte Frau, die sich selbst viel zu wenig zutraut und so gut wie keine Freundschaften oder gar eine Beziehung hat. Sie ist voller Misstrauen und kapselt sich ab, um keinem Gelegenheit zu geben, sie zu verletzen.

Der zweite Roman um Kate Linville

Die Suche von Charlotte Link ist der zweite Kriminalroman um Kate Linville. Die Betrogene ist der erste Teil, in dem es um die Ermittlungen des Mordes an Kates Vater geht. Diese Geschichte wurde auch bereits verfilmt. Ich mag die Bücher der Autorin sehr, da die Romane in den allermeisten Fällen sehr packend sind. Zuletzt habe ich Die Entscheidung gelesen und war völlig in einem Sog gefangen, der es mir fast nicht möglich machte, mit dem Lesen aufzuhören, bis ich die Auflösung kannte. Auf so ein Lesevergnügen habe ich mich nun wieder gefreut.

Erst fehlt der „Sog“, dann folgt die Wendung der Geschichte

Das Buch hat über sechshundert Seiten, auf denen sehr ausführlich auf die Gefühlslagen und Gedanken aller einzelnen Personen eingegangen wird, was ich aber nicht zu viel fand. Außerdem scheint es bei diesem Fall keinen roten Faden zu geben und die Ermittler um Caleb stehen immer wieder am Anfang. Etwa zwei Drittel der Geschichte sind so aufgebaut und beim Lesen habe ich mir gedacht, dass sich das Ganze zwar flüssig und interessant und keineswegs langatmig liest, mir aber dieser „Sog“ fehlt. Ich hatte diesen Gedanken noch gar nicht ganz zu Ende gedacht, begann es mit einer Wendung, die ich so nicht vorhersehen konnte und die alles bisher Angenommene in ein völlig anderes Licht bringt. Und ab dieser Stelle gab es dann kein Halten mehr, ich konnte das Buch nur sehr schwer aus der Hand legen.

Ein spektakulärer Schluss

Das Ende hält dann noch eine Überraschung bereit, mit der ich ebenfalls nicht gerechnet habe, und endet meiner Meinung nach etwas sehr spektakulär, was es für die absolute Spannung gar nicht gebraucht hätte. Ich finde die Geschichte grandios und alle Erwartungen wurden erfüllt. Dazu noch der Schauplatz in Scarborough direkt am Meer und ich bin wunschlos glücklich. Unbedingt lesen!

Charlotte Link wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren, veröffentlichte bereits mit 19 Jahren ihr erstes Buch und wurde sowohl mit Gesellschaftsromanen als auch mit psychologischen Spannungsromanen in englischer Erzähltradition bekannt. Ihre Bücher wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt und verfilmt. Die Autorin engagiert sich als aktive Tierschützerin bei PETA und für Straßenhunde in der Türkei und Spanien und lebt derzeit mit ihrem Lebensgefährten in Wiesbaden.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Suche | Erschienen am 1. Oktober 2018 bei blanvalet
ISBN 978-3-764-50442-7
656 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Charlotte Link-Romanen Die Entscheidung und Das Haus der Schwestern sowie zur DVD Der Beobachter

Thomas Mullen | Darktown

Thomas Mullen | Darktown

„Ihr müsst die Leiche hier wegschaffen“, sagte er. „Und dann durchsucht ihr den ganzen Mist nochmal nach der Mordwaffe oder was anderem.“
„Sollen wir nicht auf die Mordkommission warten, Sir?“, fragte Jennings. „Wir wollen nicht, dass sie uns für das Durcheinanderbringen eines Tatorts kritisieren.“
„Die werden euch so oder so kritisieren. Und der Tatort kommt mir ohnehin ziemlich durcheinander vor. Außerdem wird die Müllabfuhr wahrscheinlich eh schneller hier sein.“
Das bedurfte keiner weiteren Erklärung. Weißen Detectives war eine farbige Tote egal, vor allem wenn sie auf einer Müllhalde lag. (Auszug Seiten 66-67)

In Atlanta, Georgia, werden im Jahr 1948 erstmals schwarze Polizisten in den Dienst gestellt. Eine Geste des Bürgermeisters an seine schwarzen Wähler. Doch diese acht Polizisten haben einen sehr schweren Stand, dürfen nur im Streifendienst in bestimmten „schwarzen“ Vierteln arbeiten, dürfen nicht ins Präsidium, werden von den weißen Kollegen schikaniert.

Eines Abends sind die Polizisten Boggs und Smith auf Streife, als ein Auto eine Straßenlaterne beschädigt. Sie halten das Fahrzeug an, doch der weiße Fahrer ignoriert sie und seine farbige Beifahrerin schweigt. Der Fahrer fährt einfach weiter, seine Beifahrerin flüchtet aus dem Wagen. Dieser wird kurz darauf von einer weißen Polizeistreife der Polizisten Dunlow und Rakestraw angehalten. Zum Ärger von Boggs und Smith und zum Erstaunen von Rakestraw lässt Dunlow den Fahrer ohne weiteres weiterfahren. Einige Tage später wird auf einer illegalen Müllhalde die Leiche einer jungen Schwarzen gefunden – die Beifahrerin jener Nacht.

Doch das Interesse der (weißen) Mordermittler ist begrenzt. Bloß eine Schwarze, vermutlich eine Prostituierte. Als der Stiefvater die Tote identifiziert, wird er praktischerweise direkt zum Mordverdächtigen. Doch die schwarzen Polizisten Boggs und Smith wollen diesen Fall nicht auf sich beruhen lassen. Sie ermitteln ohne Erlaubnis im Verborgenen, immer mit der Gefahr ihren Job zu verlieren. Sie finden heraus, dass der Fahrer, ein gewisser Underhill, bis vor Kurzem ebenfalls Polizist war, bevor er im Rahmen einer Korruptionsaffäre gefeuert wurde. Underhill ist zudem gut bekannt mit dem Officer Dunlow. Hilfe kommt von unerwarteter Seite. Officer Rakestraw findet seinen Partner und dessen gewalttätige, korrupte Art der Dienstausübung unerträglich, doch Dunlow hat noch genügend Unterstützung im Polizeikorps. Rakestraw sucht Kontakt zu den schwarzen Officers, eventuell kann man gemeinsam mehr erreichen.

Es war sinnlos. Nie im Leben würden Boggs und Smith die Leiche inspizieren dürfen. Nie im Leben würden sie den Tatort besichtigen dürfen, selbst wenn sie ihn fänden. Sie hatten nicht die Befugnisse, Zeugen zu verhören, und selbst wenn sie es versuchten, würden sie nur Negroes befragen können, und das auch nur, wenn die sich trauten, mit ihnen zu reden. Und warum sollten sie? Boggs und Smith hatten nichts anzubieten. Keinen Schutz, keine Gerechtigkeit. Alles, was sie hatten, war die vage Aussicht auf eine Zukunft, in der so etwas nicht mehr passierte. Doch das schien unwahrscheinlich, ja absurd. Jimmy beugte sich nach vorn, die Ellenbogen auf den Knien, ließ seinen Kopf in die Hände sinken. Sein Weinen war wie der Einblick in eine Welt, die Boggs nie hatte betreten wollen. (Seite 375)

Autor Thomas Mullen lebt selbst in Atlanta und hat mit diesem Roman einen Abschnitt in der Geschichte des Atlanta Police Department verarbeitet. Dem Roman ist ein Zitat von Willard Strickland vorangestellt, in dem er an die schweren Anfänge als „Negro-Polizist“, als erster schwarzer Polizist erinnert. Mullen beschreibt die Situation in Atlanta 1948 sehr beklemmend. Zwar gibt es nun schwarze Polizisten, aber mit äußerst eingeschränkten Befugnissen. Die weißen Kollegen stehen den Neulingen fast überwiegend ablehnend oder sogar feindselig gegenüber. Der Rassismus (nicht nur in der Polizei) ist allgegenwärtig und zieht sich düster durch die ganze Geschichte. Schwarze werden regelmäßig Opfer von Gewalt oder von Verleumdungen, von der Polizei schikaniert, von Wahlen ausgeschlossen, als unerwünschte Nachbarn gemobt. Die Polizei erscheint als Hüter des Status Quo der weißen Privilegien. Korruption ist weit verbreitet, auch ein Ableger des Ku-Klux-Klan wurde im Präsidium aufgedeckt. Die Schwarzen beginnen sich zwar zunehmend zu organisieren, mit Einfordern des Wahlrechts wollen sie Veränderungen erreichen. Aber die Erfolge sind nur spärlich und vor allem außerhalb der Stadt ist die Situation noch viel schlimmer.

Die Geschichte wird im Wesentlichen aus zwei Perspektiven erzählt. Lucius Boggs ist einer der neuen schwarzen Polizisten. Er ist der Sohn eines bekannten Pastors, behütet und für schwarze Verhältnisse privilegiert aufgewachsen. Ein ausgeglichener, besonnener Mann, den allerdings die zum Himmel schreienden Verhältnisse nicht kalt lassen können. Auf ihm lastet allerdings durch seine Herkunft auch ein besonderer Druck: Seine schwarze Gemeinde erwartet eine Verbesserung der Situation mit der Polizei, was die Kollegen aufgrund der Einschränkungen und Anfeindungen der weißen Kollegen kaum leisten können. Sein Kollege Denny „Rake“ Rakestraw gehört zur Mehrheit der weißen Polizisten, hat im Krieg gedient und ist danach zur Polizei gekommen, ist somit auch noch ein Neuling im Beruf. Er ist vorurteilsfrei und ein Befürworter der Gleichstellung, aufgrund seiner deutschen Mutter, die selbst als Einwanderin benachteiligt wurde. Er ist jedoch niemand, der dies offensiv nach außen trägt. Er bleibt zurückhaltend, will es sich nicht mit den Kollegen verscherzen, doch ihm missfällt, wie viele seiner Kollegen und vor allem sein Partner Dunlow ihren Beruf ausüben: Voller Rassismus, gewalttätig und korrupt. Er überlegt, wie er sich seines Partners entledigen kann und kommt zu der Erkenntnis, dass eine Aufklärung des Mordfalls und die scheinbare Verstrickung von Dunlow ihm nützen kann und daher eine Zusammenarbeit mit Boggs zwar gefährlich, aber sinnvoll ist.

Darktown ist eine harte Lektüre. Selbst der abgebrühte Leser muss angesichts der geschilderten Verhältnisse ein ums andere Mal schlucken und kommt ins Nachdenken, wie tief dieser Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft damals steckte und scheinbar noch immer steckt. In dieser Hinsicht als historischen (Polizei-)roman über Rassismus und Gerechtigkeit ist dieses Buch hervorragend. Der eigentliche Krimiteil, das wurde in anderen Rezensionen auch etwas kritisiert (zum Beispiel bei Buch-haltung, in welcher auch ein wenig der Stil kritisiert wird), und auch ich muss zugeben, dass dieser Part hinter dem sonstigen Werk abfällt. Der Fall wirkt letztendlich arg unterkomplex und fast klischeehaft. Ein solcher Fall wäre zu heutiger Zeit auch flott gelöst, wird letztlich nur dadurch problematisch, dass die Wahrheit zur damaligen Zeit kaum jemanden interessierte und die Ermittlungen hier heimlich vorangebracht werden müssen. Doch diese Nachteile kann ich für mich angesichts der Gesamtlektüre in Kauf nehmen, denn insgesamt ist dieses Buch ein aufrüttelnder, packender, überzeugender Roman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Darktown | Erschienen am 26. Oktober 2018 im DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-8353-0
480 Seiten | 24.-  Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Haylen Beck | Ohne Spur

Haylen Beck | Ohne Spur

Sie trat an das Gitter, hielt sich mit den Händen daran fest und sah Whiteside an, der nur wenige Zentimeter entfernt auf der anderen Seite stand. „Bitte“, sagte sie und konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken. „Ich habe alles getan, was Sie gesagt haben. Ich habe kooperiert. Bitte sagen Sie mir jetzt, wo meine Kinder sind.“ Whiteside erwiderte ihren Blick unbewegt. „Was für Kinder?“, fragte er. (Auszug Seite 52)

Audra Kinney ist auf der Flucht quer durch Arizona. Sie hat in New York Hals über Kopf ihre beiden kleinen Kinder ins Auto gepackt und will bei einer Freundin in San Diego unterkommen. Von ihrem Ehemann, der sie jahrelang psychisch wie physisch malträtiert hat, lebt sie getrennt. Doch er drohte, mit falschen Anschuldigungen, die sich auf Audras frühere Alkohol- und Drogensucht beziehen, ihr den 10-jährigen Sean und die 5-jährige Louise wegzunehmen und hatte die Jugendbehörde eingeschaltet.

Haylen Beck wechselt in kurzen Kapiteln zwischen den aktuellen Geschehnissen und Rückblenden in Audras Vergangenheit, die erklären, wie es zu ihrer Flucht kam. Audra stammt aus ärmlichen Verhältnissen und ihr reicher Ehemann und dessen Mutter haben sie das immer spüren lassen.

Roadtrip

Audra ist während der Fahrt sehr nervös und fürchtet hinter jeder Ecke Gefahr, zum Beispiel in Form von Beamten, die ihr Mann ihr auf den Hals hetzen könnte. Und tatsächlich wird sie in der Wüste von Arizona von einer Polizeistreife aufgrund einer Routinekontrolle angehalten. Als der Sheriff im Kofferraum ihres Wagens ein Päckchen Marihuana findet, beginnt für Audra ein schlimmer Albtraum. Trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen wird sie wegen Drogenbesitzes verhaftet und ihre Kinder werden von einer dazu gerufenen Kollegin „an einen sicheren Ort“ gebracht. Es kommt aber noch schlimmer: Audra wird mit Handschellen gefesselt in den nächsten Ort Silver Water gebracht. Als sie nach ihren Kindern fragt, behaupten Sheriff Ronald Whiteside und Deputy Mary Collins, diese nie gesehen zu haben. Audra glaubt zuerst an ein schnell aufzuklärendes Missverständnis und vermutet später ihren Ehemann als Drahtzieher. Auch als sie verdächtigt wird, ihre Kinder getötet zu haben und das FBI eingeschaltet wird, um zu ermitteln, bleibt sie bei ihrer Version der Geschichte. In der Zwischenzeit schwappt eine Medienwelle über den kleinen Ort.

Ein sicherer Ort

Das fiktive Silver Water ist einer dieser abgewirtschafteten Orte in den USA, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit. In dem unwirtlichen, tristen Städtchen in der Wüste Arizonas möchte man nicht tot über dem Zaun hängen. Früher lebte der ganze Bezirk von einer Kupfermine. Doch seit diese geschlossen wurde, ist aus der einst wohlhabenden Gegend eine trostlose, sterbende Siedlung geworden und wer kann, hat sich längst aus dem Staub gemacht und ist weggezogen. Die verbliebenen Einwohner leben von der Sozialhilfe und warten verbittert nur noch auf den Tod, wie der ganze Ort. Und so heißt es an einer Stelle:

„… Sie stehen im Moment womöglich auf dem ärmsten Fleck der Vereinigten Staaten, und ich soll hier für ein Butterbrot für Ordnung und Sicherheit sorgen.“ (Seite 123)

Die Beschreibungen der trockenen Landschaft mit der brütenden, unerträglichen Hitze in der kargen Vegetation fand ich sehr stimmig und atmosphärisch. Man sieht die Weite des Landes und die Unendlichkeit der Wüste bildlich vor sich. Von der ersten Seite an ist die permanente Bedrohung und verzweifelte Ausweglosigkeit, in der sich Audra befindet, spürbar. Die dramatischen Szenen, in denen sie der Sheriff anhält, sind packend und drehbuchreif geschildert. Hier hat der Thriller seine besten Momente während der Handlungsstrang in Audras Vergangenheit dagegen nichts Neues erzählt.

Darknet

Im weit entfernten San Francisco sieht derweil der chinesisch-stämmige Danny Lee in den Fernsehnachrichten einen Bericht über die verschwundenen Kinder und die mutmaßliche Mörderin, ihre Mutter Audra Kinney. Erinnerungen werden wach an seine verschwundene Tochter vor einigen Jahren. Die Hintergründe ähneln sich und so macht sich Danny Lee auf den Weg nach Silver Water.

An dieser Stelle wird schnell klar, in welche Richtung der Plot geht und das fand ich etwas schade. Der Thriller wurde dadurch für mich ein bisschen vorhersehbar und zum Schluss hin auch etwas konstruiert und krankt auch daran, dass man als Leser immer einen Wissensvorsprung zu den Ermittlungen hat.

Bei dem Thriller Ohne Spur von Haylen Beck handelt es sich um leichtgängige und kurzweilige Unterhaltung ohne besonderen Tiefgang. Da macht es auch fast gar nichts, dass die Charaktere nur unzureichend ausgearbeitet wurden. Mit Ausnahme vielleicht des skrupellosen Sheriffs, den ich als sehr gelungen empfand. Der solide und souverän erzählte Thriller ist flüssig und schnell zu lesen und weiß absolut zu fesseln. Haylen Beck gewährt einen Einblick in wirklich verabscheuungswürdige Machenschaften – Stichwort Darknet – ohne darüber genau ins Detail zu gehen oder den Leser mit zu drastischen Einzelheiten zu quälen.

Haylen Beck ist das Pseudonym des nordirischen Autors Stuart Neville. Seit 2009 ist er regelmäßig in Arizona unterwegs. Ihn fasziniert die Wüste, die er als Gegenteil seiner regnerischen und grünen Heimat Irland empfindet. Den nächsten Thriller hat der Vater von zwei Kindern schon fertig und es soll hauptsächlich wieder um Elternschaft gehen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ohne Spur | Erschienen am 21. September 2018 bei dtv
ISBN 978-3-423-21764-4
384 Seiten | 9.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Alan Parks | Blutiger Januar

Alan Parks | Blutiger Januar

Madame Polo stand auf, brachte McCoy zur Haustür. „Finden Sie heraus, was ihr da widerfahren ist, Mr. McCoy.“ Im Licht der Diele wirkte sie älter, müde. „Die Leute schauen auf die Mädchen hier herab, halten sie für wertlos. Aber es sind einfach nur Mädchen, nicht besser und nicht schlimmer als alle anderen.“ (Auszug Seite 159)

Glasgow, 1.Januar 1973: Detective Harry McCoy wird ins Gefängnis gerufen, wo ihm der Gefangene Howie Nairn den Tipp gibt, dass ein Mädchen namens Lorna demnächst umgebracht werden soll. Obwohl McCoy dieser Tipp des skrupellosen Nairns reichlich merkwürdig vorkommt, macht er sich tatsächlich auf die Suche nach Lorna. Doch als er und sein Kollege Wattie am Busbahnhof auf Lorna warten, taucht plötzlich ein Jugendlicher mit einer Waffe auf und erschießt erst Lorna, dann sich selbst.

Der Fall erscheint sehr rätselhaft – eine Beziehungstat erscheint McCoys Kollegen noch am wahrscheinlichsten. Doch wie passt Howie Nairn da ins Bild? Bevor McCoy dies herausfinden kann, wird Nairn im Gefängnis ermordet. Lornas Mörder, Tommy Malone, arbeitete im Anwesen der Dunlops, einer der einflussreichsten Familien der Stadt, auf die McCoy allerdings nicht gut zu sprechen ist – und umgekehrt. Das kann McCoy nicht als Zufall abtun. Zudem wird schnell klar, dass Lorna als Gelegenheitsprostituierte gearbeitet hat und dabei auch etwas härtere Wünsche der Kunden erfüllt hat. Obwohl McCoy von verschiedenen Stellen gewarnt wird und sein Chef den Fall für beendet erklärt, setzt er seine Untersuchungen fort.

Blutiger Januar ist der Auftakt zu einer angekündigten Serie mit Harry McCoy im düsteren Glasgow der 1970er Jahre. Autor Alan Parks war vor seinem Romandebüt Creative Director eines Musiklabels, daher gibt es auch hier immer mal musikalische Remineszenzen, beispielsweise einen Auftritt von David Bowie, der tatsächlich im Januar 1973 in Glasgow stattfand. Seine Hauptfigur Harry McCoy ist ein hartgesottener Cop, wie er im Buche steht. Ein Einzelgänger, heruntergekommen, seine Ex lebt inzwischen mit seinem größten Rivalen zusammen, durchaus impulsiv, Alkohol und Drogen nicht abgeneigt, pflegt die Zweisamkeit mit einer süchtigen Prostituierten. Er ist jedoch ein guter Cop, weshalb sein Chef Murray noch seine schützende Hand über ihn hält, obwohl er den Einflussreichen in Glasgow regelmäßig auf die Füße tritt. Doch McCoy ist noch aus einem anderen Grund angreifbar. Er und der Gangsterboss Stevie Cooper sind seit gemeinsamen, schrecklichen Tagen in einem Kinderheim dicke Kumpels. Und obwohl er und Cooper natürlich kleinere Deals zum gegenseitigen Vorteil machen, hält sich McCoy für selbstbestimmt. Doch welche Folgen sein enges Verhältnis zu Cooper haben kann, wird ihm im Laufe dieser Geschichte nur allzu bewusst.

Springburn bestand nur noch aus Autobahnen, halb demolierten Wohnblocks mit tapezierten Zimmern unter freiem Himmel und einem einzigen, im Nichts gestrandeten Pub. Ringsum war alles verschwunden. Die Stadtverwaltung hätte ebenso gut Brandbomben werfen können, das wäre wenigstens schneller gegangen. (Seite 58-59)

Sehr überzeugend ist der gewählte Schauplatz. Glasgow ist Anfang der 1970er Jahre seit einiger Zeit eine Stadt im Niedergang: Deindustrialisierung, Verfall der Bausubstanz, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Die gut gemeinten städtebaulichen Gegenmaßnahmen der 60er mit dem Ausbau der Autobahnen und Großwohnsiedlungen haben die Situation letztlich nur verschlimmbessert. Mit dem Verfall kamen auch die Drogen in die Stadt: Das Marihuana der Sechziger wird mehr und mehr von härteren Sachen abgelöst: Speed und Heroin. Hinzu kommt in diesem Roman das schmuddelige Januarwetter. So bewegt sich Alan Parks in bester Tradition William McIlvanneys, der 1977 mit Laidlaw das düstere Glasgow als Kriminalschauplatz in Szene setzte.

Blutiger Januar erfindet das Genre nicht neu. Die Zutaten sind durchaus bekannt, werden aber zu einem wirklich guten, harten Copkrimi angerichtet. Eine schwarze Geschichte von Drogen, Sexpartys, Ausbeutung, Korruption und Mord in einem schmutzig-düsteren Glasgow mit einem ambivalenten Cop. Das Ganze ist sehr geradlinig geschrieben. Ein gelungener Reihenauftakt, der Anfang 2019 mit dem Titel February’s Son fortgesetzt wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blutiger Januar | Erschienen am 3. September 2018 bei Heyne Hardcore
ISBN 987-3-453-27188-3
400 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu Laidlaw von William McIlvanneys.