Autor: Nora

David Peace | Tokio im Jahr Null

David Peace | Tokio im Jahr Null

Als ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, regelmäßig Klassiker der Kriminalliteratur zu besprechen, war mir schnell klar, dass der Begriff „Klassiker“ nicht heißen muss, dass das Werk vor langer Zeit entstanden sein muss. Vielmehr gibt es auch Romane der jüngeren Vergangenheit, die aufgrund besonderer Stilistik, Rezeption oder Thematik einen gewissen Klassikerstatus beanspruchen können. Als ein solches Werk würde ich auch „Tokio im Jahr Null“ definieren, immerhin noch keine fünfzehn Jahre alt und als Übersetzung Gewinner des Deutschen Krimi Preises 2011.

Die Geschichte beginnt mit dem Tag der Kapitulation Japans bzw. dem Tag der Verkündigung der Kapitulation durch Kaiser Hirohito am 15. August 1945. Am Morgen diesen Tages ist ganz Japan in Aufruhr, denn es wird zum Mittag eine kaiserliche Radioansprache angekündigt. Inspektor Minami von der Tokioter Polizei wird aber vorher zum Fundort einer Frauenleiche gerufen. Das Gebäude wird vom Militär genutzt, sodass die Militärpolizei kurze Zeit später auftaucht und den Fall übernimmt. Ein koreanischer Fremdarbeiter, der in der unmittelbaren Nähe in einem Wohnheim lebt, wird kurzerhand verdächtigt und an Ort und Stelle getötet. Minami weiß, dass es den Falschen getroffen hat, doch im Chaos der Kapitulation gibt es keine weiteren Ermittlungen.

Ein Jahr später werden in einem zerbombten Park erneut zwei ermordete Frauen entdeckt. Eine Leiche ist sogar bereits skelettiert, lag dort schon länger. Minami ist schnell davon überzeugt, dass es sich um einen Serienmörder handelt, doch seine Vorgesetzten behandeln die Fälle zunächst getrennt und bilden zwei Ermittlungsgruppen. Minami rollt alte Fälle wieder auf, findet heraus, dass es eine Reihe von Vermisstenfällen gibt, die im Zusammenhang mit den Leichenfunden stehen könnten. Währenddessen nehmen die Spannungen zwischen den Ermittlern und den Ermittlungsgruppen zu. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, Korruption und dunkle Flecken in der Vergangenheit bedrohen fast jeden Beamten. Die Siegermächte verlangen von den Japanern, unzuverlässige Beamten aus dem Dienst zu entlassen und jeder ist darauf bedacht, dass es nicht ihn, sondern einen anderen trifft.

Niemand ist der, der er zu sein vorgibt.

Dieses Mantra zieht sich als roter Faden durch den ganzen Roman. Im zerbombten Tokio des Jahres 1946 trifft das auf so ziemlich jeden zu. Auch auf Minami, der zwar seinen Beruf als Kriminalinspektor ernst nimmt und alles daran setzt, den Serienmörder zu überführen, der aber gleichzeitig unter der Knute des Gangsterbosses Senju steht, vor allem aufgrund seiner Medikamentensucht. Minami verbirgt außerdem ein dunkles Geheimnis, mehrmals wird angedeutet, dass er an japanischen Kriegsverbrechen beteiligt war – unter anderem Namen. Seine Familie, Frau und zwei Kinder, vernachlässigt er, Ruhe und Frieden findet er zumeist nur bei seiner Geliebten. Seine Situation im Präsidium ist zunehmend heikel, seine Vergangenheit und die Verbindung zu Senju drohen aufzufliegen. Minami fällt es zunehmend schwer, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, die Illoyalität greift um sich. Zusammen mit seinem schlechten körperlichen Allgemeinzustand und den Medikamenten gerät Minami teilweise in einen gehetzten, wahnhaften Zustand.

An dieser Stelle, in dieser Senke nehme ich ihre Akte.
Zwischen den Bäumen, den schwarzen Baumstämmen…
Ich schlage sie auf und nehme die Fotos heraus.
Den Ästen und Blättern…
Ich sehe sie an dieser Stelle.
Ihren weißen, nackten Körper…
Sehe ihr Gesicht.
Ihr zerschundenes Gesicht…
Ihr Gesicht.
Ganz schwarz…
Ich schließe an diesem Ort, an dieser Senke, unter diesen Bäumen die Augen und sehe ihr Gesicht. (S.325)

Wer einen David Peace liest, sollte zumindest wissen, was ihn erwartet: Harte Arbeit. Der Autor wurde vor allem mit seinem „Red Riding Quartett“, den vier Romanen „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ vor dem Hintergrund des Yorkshire Rippers Peter Sutcliffe bekannt. „Tokio im Jahr Null“ war der Auftakt einer Trilogie der Autors (Teil 3 erscheint Ende April im Liebeskind Verlag), der selbst jahrelang im Japan gelebt hat. Peace‘ Stil ist für den Leser ziemlich unbequem. Er schreibt verknappt, stakkatohaft, mit Einschüben der Gedanken der Figuren, mit Lautmalerei. In diesem Roman beispielsweise verwendet er sehr regelmäßig die japanischen Laute für Hämmern (Ton-ton), Kratzen (Gari-gari) oder tickenden Uhren (Chiku-taku). Seine Dialoge sind äußerst realistisch und lassen vieles aus. Die Plots sind komplex und Peace erläutert auch nichts, sondern überlässt die Deutung dem Leser. Das Ganze macht seine Romane nicht gerade zur einfache Lektüre – im Gegenteil, es ist sogar ausgesprochen sperrig und manchmal auch verstörend. Aber gerade darin liegt auch eine gewisse Faszination. Peace‘ Figuren erlangen eine enorme Tiefe, sein Setting eine beeindruckende Anschaulichkeit.

In diesem Falle ist dies das zerstörte Tokio, zerbombte Häuser, Schwarzmärkte, Hunger, Krankheiten, Läuse. Allgemeine Düsternis. Der Polizeiapparat voller absurder Rituale, ineffizient, ein Hort der Intrigen. Und darin ein Inspektor auf der Jagd nach einem Serienmörder, gleichzeitig auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, vor sich selbst. Spannend ist außerdem, dass Peace sich von einem wahren Kriminalfall inspirieren ließ: Kodaira Yoshio gestand die Vergewaltigung und Ermordung von zehn Frauen und wurde 1949 hingerichtet. All dies geschrieben in einem „expressionistischem“ Stil, wie es die Bloggerkollegin Bettina Schnerr in ihrer Rezension des Romans ausdrückt. Das ist insgesamt sehr fordernd, aber am Ende war ich schon ein wenig beeindruckt – von mir, dass ich wieder einen Peace durchgehalten habe und vom Autor über dieses komplexe Werk.

 

Rezension & Foto von Gunnar Wolters.

Tokio im Jahr Null | Erstmals erschienen 2007
Die gelesene Ausgabe erschien 2011 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-67531-5
416 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: Tokio Year Zero (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension des Romans im Blog „Bleisatz“

Weiterlesen II: Interview des Autors mit dem SPIEGEL im Jahr 2009

Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal (Band 1+2)

Robert McCammon – Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal (Band 1+2)

„Die Hexe hat so gut wie zugegeben, dass sie an den Morden an Reverend Grove und ihrem Mann beteiligt gewesen ist. Sie trägt die Merkmale und kann nicht das Vaterunser aufsagen. Sie hat den bösen Blick und – was am meisten verrät – unter einem Fußbodenbrett in ihrem Haus sind eine Anzahl Strohpuppen gefunden worden, die sie gebastelt hat, um ihre Opfer zu verhexen. Rachel Howarth ist mit Sicherheit eine Hexe, und ihr und ihrem schwarzschwänzigen Meister ist es fast gelungen, meine Stadt zu zerstören.“ (Auszug Seite 91)

Wir begleiten im Jahr 1699 den fahrenden Richter Isaac Woodward und seinen jungen Gerichtsdiener Matthew Corbett auf ihrer Reise nach Fount Royal, um einen Prozess durchzuführen. Einen Hexenprozess! Im 17. Jahrhundert siedeln viele Europäer in den Kolonien Nordamerikas an. Engländer und Spanier kämpfen um das Land und vor allem viele Briten wollen sich in Carolina ein neues Leben aufbauen. Während die Wirtschaft in den Hafenstädten bereits floriert, haben es die Kolonien in den Sumpflandschaften noch schwer. In dem neu gegründeten Örtchen Fount Royal scheint jedoch die „Neue Welt“ bereits in Gefahr. Zwei Morde, diverse Brände und etliche Missernten ließen schon einige Einwohner die aufstrebende, kleine Stadt wieder verlassen. Die verbliebenen knapp 100 Bewohner haben schon eine Schuldige gefunden. Rachel Howarth soll nicht nur für die unerklärlichen Tragödien in ihrem Dorf verantwortlich sondern auch mit dem Teufel im Bunde sein. Die Dorfbewohner mitsamt ihrem umtriebigen Bürgermeister und Gründer Robert Bidwell verlangen, dass die schöne Witwe vor Gericht gestellt und wegen Hexerei hingerichtet wird. Der seit einigen Wochen im Gefängnis sitzenden Angeklagten droht bei einer Verurteilung die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Was für ein Auftakt!
Bereits auf ihrer Kutschfahrt über schlammige Straßen durch die nebelige Sumpflandschaft kommen der Richter und sein Gehilfe zu einem verkommenen, kleinen Wirtshaus und geraten an den zwielichtigen Wirt und seine Familie. Hier geraten sie in einen Hinterhalt, kommen nur knapp mit dem Leben davon und müssen sich auf ihrer Flucht durch den Wald halbnackt und ohne Gepäck bis nach Fount Royal durchschlagen. Mich hatte die Geschichte nach wenigen Seiten, ach nach wenigen Worten bereits in den Bann gezogen. Mit seinem bildgewaltigen, intensiven Schreibstil nimmt Robert McCammon den Leser an die Hand und man fühlt sich in die Epoche vor circa 300 Jahren zurückversetzt. Das historische Setting ist einfach mitreißend angelegt. Man spürt den Dreck und die feuchte Schwüle, riecht die ungewaschenen Körper und den Gestank der Sümpfe. Der Autor versteht es, eine düstere sowie bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, auch die Sprache, im Besonderen die Dialoge sind der damaligen Zeit angepasst.

Danach wird das Tempo erst mal gedrosselt und McCammon verliert sich in ausführlichen Beschreibungen der Umgebung sowie umfangreichen Figurenzeichnungen. Er nimmt sich richtig viel Zeit, die vielen Personen einzuführen. Auch die Nebenfiguren sind präzise und interessant gezeichnet, mit zahlreichen Facetten ausgestattet und bringen eine Vita mit. Das erinnert mich tatsächlich ein bisschen an Stephen King und genau wie er versteht es McCammon den Leser in die Geschichte hereinzuziehen.

Das Abenteuer beginnt
Der Richter holte den damals 15-jährigen Corbett aus einem Waisenhaus heraus und nahm ihn zu seinem Büttel. Er hegt fast väterliche Gefühle für Matthew, was der aber nicht so wahr haben will. Woodward ist ein kluger, fortschrittlicher Jurist, dem die Wahrheit sehr wichtig ist und der Rachel Howarth auf jeden Fall einen fairen Prozess machen will. Allerdings beruht das gesamte Wissen der englischen Rechtsprechung zum Teil immer noch auf mittelalterlichem Glauben. Die Hexenprozesse von Salem haben erst kurz vorher in den USA stattgefunden und trotz vieler Zweifel in Fachkreisen an der Existenz von Hexen auch Richter Woodward sehr beeindruckt. Matthew ist ein intelligenter, noch sehr junger Mann, in vielen Dingen vielleicht etwas unbedarft, was er jedoch durch einen scharfen Verstand wieder wettmacht. Eigentlich besteht seine Aufgabe lediglich darin, den Prozess zu protokollieren, aber er kann dem Drang, Dinge zu hinterfragen nicht unterdrücken. Er muss einfach überall seine Nase reinstecken und jedes Geheimnis ergründen. Schon im Waisenhaus galt er aufgrund seines Wissensdurstes als Außenseiter, vergrub sich in seinen Büchern anstatt an den rauen Spielen der anderen Knaben teilzunehmen.

Kurz nach der Ankunft in Fort Royal wird der Richter durch eine schwere Krankheit, die er sich auf der beschwerlichen Reise zugezogen hat, ans Bett gefesselt. Das zwingt Matthew zu vielen Alleingängen. Denn er zweifelt schon nach der ersten Begegnung an der Schuld der schönen Portugiesin, fragt sich sogar, ob es Hexerei überhaupt gibt. Die Beweise für Rachels Schuld scheinen erdrückend zu sein, es gibt mehrere glaubhafte Zeugenaussagen, die auch in den Details völlig übereinstimmen. Corbett versucht hinter die Fassaden der Dorfbewohner zu gucken und deckt dabei so einige Geheimnisse auf. Bei seinen Recherchen stößt er auf einigen Machenschaften, die ihn immer mehr in Gefahr bringen und kommt der Lösung langsam immer näher. Die Handlung entwickelt sich immer fesselnder und weiß mit vielen Wendungen zu überraschen. Auch Verdächtige gibt es zu genüge.

Meine Meinung
Die Geschichte wird auktorial mit Blick auf Matthew Corbett erzählt. Robert McCammon hat für seinen Roman ein noch unverbrauchtes Setting gewählt. Jedenfalls hatte ich noch nichts aus der Frühzeit der Besiedelung des amerikanischen Kontinents gelesen. Die mitunter grausame Kolonialzeit fand ich spannend dargestellt. Ich konnte völlig in der Atmosphäre versinken und in die vom Autor aufgebaute Welt mit seinen skurrilen Figuren abtauchen. Für mich ist es immer ein toller Lesegenuss, wenn ich mich als Teil der Geschichte fühle. Der historisch umfangreich recherchierte Kriminalroman ist für mich ein deftiges Leseabenteuer mit weniger gruseligen jedoch schaurigen und auch brutalen Aspekten.

Die Geschichte ist im Original in einem Buch erschienen, während der Luzifer-Verlag sie in zwei Bänden veröffentlicht hat. Das sollte einem klar sein, denn man muss dann schon beide Bände lesen, um in den Genuss der ganzen Geschichte zu kommen. Das ist der Grund, warum ich nur eine Rezension verfasst habe.

Robert McCammon wurde 1952 in Birmingham, Alabama geboren, wo er heute noch lebt. Der mehrfach ausgezeichnete Autor prägte in den 1980er Jahren zusammen mit Stephen King die Hochzeit der Horrorliteratur. Nach einer längeren Auszeit von über 10 Jahren meldete er sich 2002 mit dem ersten Roman der „Matthew Corbett“-Reihe zurück. Die historische Krimireihe ist auf neun Bände angelegt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Matthew Corbett und die Hexe von Fount Royal | Band 1 erschien am 23.März 2017 im Luzifer-Verlag
ISBN 978-3-958-35197-4
516 Seiten | 19,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Band 2 erschien am 31. Oktober 2017 im Luzifer-Verlag
ISBN 978-3-958-35230-8
500 Seiten | 19,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Originaltitel: Speaks the Nightbird (Übersetzung aus dem Englischen von Nicole Lischewski)

 

Ted Lewis | Schwere Körperverletzung

Ted Lewis | Schwere Körperverletzung

Ich betrachtete Mals Gesicht, dessen Züge bereits ins Unvertraute glitten, das der Tod mit sich bringt.
„Wer hätte das gedacht?“, meinte Mickey. „Ein stabiler Typ wie Mal. Man kann eben nie wissen.“
Mickey langte nach oben und entfernte die Kabel aus der Lampenfassung, fing an, sie aufzuwickeln.
„Das ist unerfreulich“, sagte ich.
„Wieso das, Boss?“, fragte Mickey.
„Ich glaube nicht, dass er es war.“ (Auszug S.102-103)

Der Typ, der so eben den Tod eines Mitarbeiters in Folge einer Befragung unter Folter ein wenig achselzuckend hinnimmt, ist George Fowler. Fowler ist eine Unterweltgröße Ende der 1970er in England, ein Pornokönig. Pornographie war damals in Großbritannien verboten und damit auch ein äußerst lukratives Geschäft. Fowler hat sich ein kleines Imperium aufgebaut, dass sowohl Produktion als auch Vertrieb umfasst. Dabei bietet Fowler eine große Bandbreite vor allem im Hardcorebereich an – bis hin zu Snuff-Videos. Fowler und seine Gattin Jean mischen auch gerne selbst bei der Produktion mit.

Doch sein Imperium ist stets bedroht – sowohl von Konkurrenten als auch von der Polizei, bei der er sich allerdings einige Beamten als Augen und Ohren hält. Allerdings gibt es nun Ärger von innen: Seine Frau Jean macht auch das Controlling und in den Büchern fallen verschwundene Beträge auf. Nichts, was seinen Reichtum in Gefahr bringen würde, aber etwas, was man natürlich nicht tolerieren darf. Fowler beginnt mit dem Verhör einiger direkter Untergebener. Dabei fallen allerdings Kollateralschäden an (siehe oben). Fowler wird zunehmend paranoid, kann sich nur noch auf die Loyalität einiger weniger (zurecht?) verlassen und so beginnt das Imperium immer schneller zu erodieren.

In Mablethorpe öffnet man vormttags um zehn, während und außerhalb der Saison.
Meine gelegentlichen Ausflüge in die Stadt bleiben von dieser Tatsache unberührt, weil ich immer dabei habe, was ich benötige. Es ist oben so, dass die Fahrt in die Stadt und das Umherwandern mir die Illusion verschaffen, die Zeit verfieße, stehe nicht stillwie die immerwährende Leere, worin mein Verstand verharrt. (Auszug S.69)

Das Ganze erzählt uns George Fowler selbst, aufgeteilt auf zwei Zeitebenen. Die Kapitel sind abwechselnd mit „Die See“ und „Der Rauch“. „Die See“ wird im Präsens erzählt, Fowler ist offenbar untergetaucht, hält sich im kleinen Seebad Mablethorpe an der Ostküste Englands auf, hat dort einen Bungalow in den Dünen. Fowler grübelt viel, trinkt viel Scotch und pflegt seine Paranoia. In einer jungen Frau, die ihm in einer Kneipe und einer Spielothek begegnet, glaubt er, einen Lockvogel zu erkennen. In den Abschnitten „Der Rauch“ wird rückblickend erzählt, wie es dazu kam, dass Fowler in diesem trübseligen Seebad abtauchen musste.

Autor Ted Lewis ist eine feste Größe in der britischen Noir-Szene. Seinen Durchbruch erlangte er 1970 mit dem Roman „Get Carter“, bekannt unter anderem auch durch die Verfilmung mit Michael Caine in der Hauptrolle (es gibt auch eine Neuverfilmung mit Sylvester Stallone). Lewis verstarb 1982 im Alter von nur 42 Jahren. Heutzutage ist er im deutschsprachigen Raum nur noch eingefleischten Krimifans ein Begriff, auch ich konnte auch erst im Zusammenhang mit „Get Carter“ etwas mit ihm anfangen. Somit ist es durchaus erfreulich, dass Verleger Frank Nowatzki „GBH“ („grievous bodily harm“) eine Neuauflage spendiert, nachdem er den Roman bereits 1990 in seiner Reihe „Black Lizard Bücher“ herausgegeben hatte. Im Vorwort gibt es übrigens noch eine Würdigung durch den auch nicht unbekannten Derek Raymond.

„Schwere Körperverletzung“ ist ein klassischer Noir über Macht, Gewalt und Verrat mit einem Ich-Erzähler, der dem Leser einen tiefen Einblick in seine seelische Verfassung bietet. In der Gegenwart der einsame Wolf, der sich in den schmerzenden Erinnerungen suhlt, seine Paranoia pflegt und langsam in den Wahnsinn gleitet. In den Rückblicken der omnipotente Gangsterboss, der mit brutaler Rücksichtslosigkeit seine Macht zu erhalten versucht und nur schwer bemerkt, wie ihm alles entgleitet. Am Ende kommt es dann doch zum Showdown im sonst so abhängtem Mabelthorpe. Alles in allem eine durchaus anregende Reise in den britischen Noir der 1970er.

 

Rezension & Foto von Gunnar Wolters.

Schwere Körperverletzung | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946582-04-5
334 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: GBH (Übersetzung aus dem Englischen von Angelika Müller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenzorn (Band 15)

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenzorn (Band 15)

„Hier, dachte sie, genau hier auf der Deichkrone, sieben Meter fünfzig über dem Meer, auf dem längsten selbstgemachten Hügel an der norddeutschen Küste, lassen sich die Naturgewalten immer genau spüren, worum es geht und was gerade mit mir passiert.“ (Seite 170)

Auf Langeoog werden drei Frauen an drei Tagen am Flinthörn mit einer Stahlschlinge erdrosselt. Der Mörder schickt Fotos seiner Taten an Dr. Bernhard Sommerfeldt ins Gefängnis. Ann Kathrin Klaasen und ihr Team beginnen sofort mit den Ermittlungen, aber schnell steht fest, dass sie ohne die Mithilfe von Sommerfeldt keine Chance haben. Dafür müssen sie sich aber über alle Regeln und Vorschriften hinwegsetzen und einen mehr als ungewöhnlichen Weg gehen…

Fall 15 für Ann Kathrin Klaasen
„Ostfriesenzorn“ von Klaus-Peter Wolf ist bereits der fünfzehnte Fall um die Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen. Ich habe alle Bücher der Reihe gelesen und alle meine Erwartungen an den neuen Fall wurden erfüllt. Besonders finde ich, dass sich hier zwei Protagonisten aus unterschiedlichen Reihen des Autors treffen und so eng zusammenarbeiten.

Sehr ausführliche Beschreibungen
Die Geschichte wird aus Sicht von allen bedeutsamen Personen geschildert, also sowohl Täter als auch Opfer und Ermittler. Das Hauptaugenmerk bleibt bei den Ermittlungen der Kommissare zum Fall, ab und zu fließen private Aspekte mit ein, halten sich aber in Grenzen. Wie auch in den vorherigen Büchern beschreibt der Autor alles sehr detailliert und ausführlich, wodurch ich mich aber nur umso besser in die Geschichte einfühlen konnte. Es spielen ebenfalls wieder viele echte Persönlichkeiten mit, die es also auch im wahren Leben gibt und außerdem können alle Schauplätze vom Leser persönlich besucht werden, was mir sehr gefällt.

Mittlerer Spannungsbogen
Der Spannungsbogen bleibt im gesamten Buch für meinen Geschmack im mittleren Rahmen. Es liest sich alles flüssig und ich habe die Geschichte mit Vorfreude weitergelesen, hatte aber auch schon spannendere Krimis. Zum Ende hin wird es noch einmal brenzlig, allerdimgs nicht zu übertrieben, wie ich finde. Die Morde der Opfer werden für den Leser beschrieben, doch nicht zu blutig.

Fazit: Wie erwartet ein toller neuer Fall um Ann Kathrin Klaasen, der mir viel Freude beim Lesen bereitet hat.

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Ostfriesenzorn | Erschienen am 11. Februar 2021 im Fischer Verlag
ISBN: 978-3-59670-008-0
544 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Klaus-Peter Wolf

Scott Thornley | Der gute Cop

Scott Thornley | Der gute Cop

„Ich will keine Polizisten hier haben. Ich will dich.“ Der Bürgermeister beugte sich über den Tisch zu ihm. „Ich will nur das Beste für die Stadt, Mac. Aber was hilft es Dundurn, wenn diese Karre und ein paar Säulen länger als ein halbes Jahrhundert hier liegen und jetzt ein Riesen-Medienwirbel darum veranstaltet wird? Wir waren unser Leben lang Kanadas Stiefkind. Dieses Projekt wird uns wieder auf die Beine helfen und zurück ins Spiel bringen.“ (Auszug Seite 18)

Dundurn, eine kleine Stadt im Norden Kanadas hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich, nachdem aufgrund von Globalisierung viele Industrien ins Ausland verlagert wurden. Aktuell werden im Rahmen eines Hafenerneuerungsprojektes beim Ausbaggern des Hafenbeckens mehrere Leichen gefunden. Zwei Tote im Kofferraum eines Oldtimers, die aber nach ersten Erkenntnissen schon seit Jahrzehnten im Wasser liegen. Weitere in Plastik eingeschweißte und danach in Säulen einbetonierte Leichen sind aber eindeutig jüngeren Datums und stehen eventuell im Zusammenhang mit mehreren Toten, die just auf dem Grundstück einer Biker-Gang gefunden wurden. Keine guten Nachrichten für den Bürgermeister. Der sieht seine ambitionierten Pläne für die angeschlagene Wirtschaft der Stadt in Gefahr. Zwei um 1813 versunkene Kriegsschiffe sollten im Rahmen eines Museumsprojekts Touristen anziehen. Deshalb beauftragt er Detective Superintendent MacNeice mit möglichst unauffälligen Ermittlungen und fordert eine schnelle Aufklärung der Fälle.

Mord unter Bikern
Keine leichte Aufgabe für DSI MacNeice und sein Team. Die brutale Entstellung der einbetonierten Leichen erschwert die Identifizierung. Erste Ergebnisse weisen auf Auseinandersetzungen zwischen diversen Motorradgangs hin und einige Spuren führen zu Disputen zwischen dem Baugewerbe und Biker-Gangs.

Doch damit nicht genug. Eine junge Schwesternschülerin indischer Herkunft wird auf offener Straße erstochen. Und es bleibt nicht bei dem einen Tötungsdelikt. Weitere Opfer, alles junge, ehrgeizige Frauen mit Migrationshintergrund, die alleine unterwegs sind, werden mit einem Messer attackiert, aufgeschlitzt und getötet.

Überwältigt von der Brutalität des offensichtlich psychopathischen Frauenmörders bittet McNeice seine frühere Kollegin Fiza Aziz um Hilfe. Als erfolgreiche Polizistin mit Migrationshintergrund passt die Muslimin perfekt in das Beuteschema des Mörders. Die promovierte Kriminalistin Aziz hatte nach ihrem letzten Einsatz ausgebrannt das Team verlassen und war nach Ottawa gegangen um an der Uni Kriminologie zu lehren. Ohne zu zögern kehrt sie jetzt zu den Kollegen zurück um den Köder zu spielen. Moment mal! Es gibt immer wieder Verweise auf vorangegangene Ereignisse sowie die Beziehungen untereinander und so musste ich nach Recherchen feststellen, dass es sich um den zweiten Band einer bis dahin schon vierteiligen Reihe handelt. Auch wenn es sich um einen abgeschlossenen Kriminalfall handelt, den man gut für sich lesen kann, hätte ich einen kleinen Hinweis darauf begrüßt.

Man wird wirklich mit einer Vielzahl an Leichen konfrontiert und ich muss zugeben, dass ich teilweise die Übersicht verlor. Zwei ganz unterschiedliche Fälle laufen in separaten Handlungssträngen neben einander her. Der Fall um den Serienmörder war fesselnd und aufgrund der besonderen Thematik Rassenhass sehr bewegend. Hier ist der Krimi ein richtiger Polizeiroman, in dem die Arbeit des Teams detailliert und kleinteilig beschrieben wird. Das muss man mögen, aber mich haben diese Abschnitte, in denen klassisch ermittelt wird, Zeugen befragt und Spuren gelesen werden, richtig gut unterhalten. Weniger gefallen haben mir die Passagen aus Sicht des Serienmörders. Die laut gesprochenen Monologe mit seinem Spiegelbild habe ich nur noch quer gelesen. Durch diesen „Trick“ seine fremdenfeindlichen Ansichten dem Leser näher zu bringen hätte man besser lösen können.

Meine Meinung
Es gibt einige interessante Charakterbeschreibungen, zum Beispiel die Rechtsmedizinerin oder die italienisch-stämmige Familie der Betonlieferanten. Aber gerade die Hauptfigur Mac fand ich etwas farblos. Der Witwer ist ein sympathischer Typ, ein intelligenter, bei seinem Team geschätzter Ermittler, die reißerische Beschreibung im Klappentext passt aber gar nicht. Da ich jetzt weiß, dass es schon einen Vorgängerband gibt, vermute ich, dass in diesem auf die Charakterzüge von Mac und seinem Team genauer eingegangen wurde.

In „Der gute Cop“ werden viele Themen behandelt, von Bandenkriminalität, korrupten Politikern über Rassismus, Rache zu Drogen und Prostitution. Vielleicht zu viele Themen, denn durch die vielen Handlungsstränge verliert der Krimi etwas an Intensität und Übersichtlichkeit. Der Schreibstil ist flüssig, an einigen Stellen bedächtig und bei den Tötungsdelikten recht drastisch. Es handelt sich um ganz klassische, solide Krimikost, nicht schlecht, aber auch nicht durchgehend gut. Selten passte durchschnittlich besser.

„Der gute Cop“ ist der zweite Band einer Reihe, die der kanadische Autor Scott Thornley um den verwitweten Detective Superintendent MacNeice geschrieben hat und der erste ins Deutsche übersetzte. Thornley wuchs in dem kanadischen Hamilton auf und die Stadt am Fuße des Ontariosee inspirierte ihn für das fiktive Industrie-Städtchen Dundurn.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der gute Cop | Erschien am 14. Juni 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7081-7
523 Seiten | 16,00 Euro
Originaltitel: The Ambitious City. A MacNeice Mystery (Übersetzung aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien)
Bibliografische Angaben & Leseprobe