Autor: Nora

Hannelore Cayre | Reichtum verpflichtet

Hannelore Cayre | Reichtum verpflichtet

Die Sorte Teufelsbraten, die stets in das aktuelle Riesending verwickelt ist. Wenn eine Zweitwohnung durchwühlt wird oder eine Karre brennt… […] Kurz und gut, in der Generation der in den Achtzigern Geborenen bin die epochemachende Unruhestifterin ich: Blanche de Rigby. (Auszug S.34)

Blanche de Rigby ist durch einen Unfall gehandicapt und lebt mit ihrer Tochter in Paris. Sie stammt eigentlich von einer bretonischen Insel. Bei einem der seltenen Besuche dort bei ihrem Vater bekommt sie durch einen Zufall einen Hinweis auf einen ihr nicht bekannten Teil der Familiengeschichte. Offensichtlich gibt es eine Verbindung zur stinkreichen Unternehmerfamilie de Rigby. Blanche beginnt zu recherchieren und findet tatsächlich heraus, dass ihr Urgroßvater Renan, geboren 1871, das Kind eines Auguste de Rigby war.

Die de Rigbys waren schon damals reiche Unternehmer und sind es bis heute geblieben. Eine Dynastie der Kapitalisten, deren Gedanken vorwiegend um sich selbst und dem Ziel der Geldvermehrung kreist. Durch ihre Arbeit in der Gerichtsreprografie kommt sie an sehr interessante Unterlagen, die dokumentieren, wie ein Sprößling der de Rigbys mit üblen Machenschaften auf Kosten von Umwelt und Menschen in Afrika Kohle machen wollte und nun dank staatlicher Protektion aus Frankreich aus ivorischer Haft frei und ungeschoren davon kommen soll. Blanche leakt entsprechende Dokumente und löst damit einen folgenschweren Shitstorm aus. Nach diesem Coup beginnt Blanche weitere Ideen zu entwickeln, wie man das Geld der de Rigbys nachhaltiger und gerechter einsetzen kann. Doch dazu muss man sich in der Erbfolge nach oben arbeiten.

Wie schon in ihrem zuletzt erschienenen Roman „Die Alte“ setzt Hannelore Cayre auf eine Außenseiterin, die aber über gewisse Mittel verfügt, den großen Tieren in die Suppe zu spucken. Blanche hat, durch einen Autounfall in jungen Jahren versehrt, kein einfaches und barrierefreies Leben in Paris. Dennoch bildet sie mit ihrer zehnjährigen Tochter Juliette und ihrer besten, ebenfalls gehandicapten Freundin Hildegard ein schlagkräftiges Team. Blanche weiß sich zu behaupten und interessante Informationen in den Akten, die sie reproduziert (beispielsweise Kontaktdaten von Drogendealern), zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Daneben ist sie Unruhestifterin geblieben, sei es für den Tierschutz oder in Sachen sozialer Gerechtigkeit bzw. Antikapitalismus. Und da bieten die de Rigbys eine große Angriffsfläche.

„Weißt du zum Beispiel, was das Schlimmste auf einer Baustelle ist? Nein? Ich werde es dir sagen: ein Arbeiter, der lesen kann. Er schnappt hier und dort kleine Häppchen Wissen auf, das ihm zu Kopf steigt, bis er glaubt, dass ihm alles zusteht.“ (Auszug S.137)

Cayre erzählt in zwei Ebenen, in der Jetztzeit und 1870, als die de Rigbys im Angesicht des deutsch-französischen Krieges einen jungen Bretonen kaufen, damit dieser anstelle des Auguste de Rigby den Wehrdienst leistet. Eine damals gängige menschenverachtende Praxis, mit der sich die Wohlhabenden zumeist immer vor den unangenehmen staatsbürgerlichen Pflichten drücken konnte. Die Familie de Rigby setzt alle Hebel in Bewegung, um Auguste vor dem drohenden Kriegseinsatz zu bewahren und sucht bis hin zu den rauen bretonischen Inseln nach einem Einstandsmann. Das bringt Auguste in arger Gewissenskonflikte, denn er ist doch der Liberale und Aufgeschlossene der Familie, liest Marx und verbringt seine Zeit in sozialistischen Gruppierungen. Doch in den Krieg mag Auguste natürlich auch nicht.

So wechselt die Geschichte zwischen zwei Außenseitern: Auguste, der dem Volk zu wirklicher Gleichheit und Gerechtigkeit verhelfen will und der sich aus Schuldgefühlen zu einer generösen Tat hinreißen lässt, die gut 150 Jahre später Blanche dazu verhilft, als Laus im Pelz der Familie de Rigby einzuheizen. Hannelore Cayre zeigt in diesem Roman auf, dass Ausbeutung und Korruption nicht nur im 19.Jahrhundert, sondern auch im 21. Jahrhundert hervorragend funktionieren und die Machtpositionen sich nicht wesentlich verändert haben. Immer noch liegt die wahre Macht nicht beim Volk, sondern in den Händen weniger und Reichtum verpflichtet nur zu weiterem Reichtum. Und es braucht die Wut einer Anarchin, um diese Verhältnisse mit zugegeben zweifelhaften Mitteln auf den Kopf zu stellen. „Reichtum verpflichtet“ ist eine gelungene Mischung aus Groteske, historischem Roman und Krimi, dabei hintergründig, schwarzhumorig und kapitalismuskritisch. Und definitiv lesenswert.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Reichtum verpflichtet | Erschienen am 30.08.2021 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-252-4
256 Seiten | 20,- €
Originaltitel: Richesse oblige (Übersetzung aus dem Französischen von Iris Konopik)
Bibliografische Angaben

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu „Die Alte“ von Hannelore Cayre

Stephen King | Billy Summers ♬

Stephen King | Billy Summers ♬

In Stephen Kings aktuellem Roman, der ganz ohne übersinnliche- und Horrorelemente auskommt, geht es um Billy Summers, einen intelligenten und empathischen Mittvierziger. In der Vergangenheit war er bei den Marines und profilierte sich als exzellenter Scharfschütze. Aktuell verdient er sein Geld als Auftragskiller. Allerdings ein Auftragskiller mit Moralkodex, denn er liquidiert nur „schlechte“ Menschen.

Der letzte große Coup
Jetzt will er nach einem letzten großen Coup aus dem Geschäft aussteigen. Für diesen Auftrag nimmt er eine Scheinidentität als Schriftsteller an. Erst als Tarnung gedacht, entwickelt der Ex-Marine immer mehr Leidenschaft für die Tätigkeit und schreibt tatsächlich an einer Autobiografie. In dieser Parallelerzählung erfahren wir mehr über seine traumatische Kindheit und die Zeit im Irakkrieg, besonders über die schrecklichen Erlebnisse im Kriegsgebiet Falludscha. Dieses Stilmittel, die Geschichte in der Geschichte, nutzt King, um uns die Figur Summers in aller Ausführlichkeit näher zu bringen, lähmt damit aber auch immer wieder den Erzählfluss. Der Kriegsveteran ist ein komplexer vielschichtiger Charakter, der sich und sein Handeln oft kritisch reflektiert. Obwohl er vor seinen Auftraggebern stets den Simpel mimt, ist er doch sehr belesen und weiß aus Literatur und Film, dass letzte große Coups ja oft in die Hose gehen. Aber die große Geldsumme von 2 Millionen US-Dollar lockt und die Aufgabe, einen angeklagten Doppelmörder und Vergewaltiger per Kopfschuss zu erledigen, bevor dieser vor Gericht einen Deal aushandeln kann, scheint machbar.

King nimmt sich sehr viel Zeit, um zu erzählen, wie Billy den Auftrag akribisch vorbereitet. Wir begleiten ihn über etliche Stunden im Hörbuch und erfahren, wie er sich zur Tarnung in dem kleinen Örtchen einlebt, Freundschaften schließt und ein Bestandteil der Nachbarschaft wird. Dieser Teil hat mich an ein anderes Werk von King erinnert, und zwar an ‚Der Anschlag‘ aber während ich dieses großartig fand, war ich bei ‚Billy Summers‘ wirklich irgendwann latent genervt und wollte nicht noch mal über Grillabende oder Monopolyspielen mit den Nachbarskindern hören. Ich war gut unterhalten, aber es entstand nicht der große Sog, um unbedingt wissen zu wollen, wie es weitergeht.

Der Rache-Road-Trip
Der Auftrag wird dann auch ziemlich schnell sowie unspektakulär erledigt, jedoch wie schon von Summers befürchtet, wollen ihn seine Auftraggeber reinlegen. Er ist schlau genug und hält sich nicht an den vorgegebenen Fluchtplan und es gelingt ihm, unterzutauchen. Auf seiner Flucht trifft er zufällig auf ein junges Mädchen, das bewusstlos auf der Straße liegt. Die junge Alice Maxwell wurde von drei Männern schwer misshandelt und vergewaltigt. Billy stellt seine eigenen Interessen zurück und rettet ihr das Leben. Im letzten Drittel schließen die beiden sich zusammen und gehen auf einen mörderischen Rachepfad. Summers will herausfinden, wer ihn ausschalten will und warum. Die Motivation von Alice blieb für mich weitestgehend unklar.

Die Geschichte nimmt hier nicht nur eine enorme Wendung und wird rasant und actiongeladen mit einem spannenden Showdown. Mir schien dieser Teil völlig losgelöst vom ersten Teil. Wie zwei unterschiedliche Geschichten, die nicht homogen zueinanderpassen.

Der gute Killer
Trotz seiner detaillierten, fast betulichen Ausführlichkeit im ersten Drittel, in der wir tiefe Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines Killers bekommen, trotz einer fast treuherzigen, naiven Weltanschauung bezüglich der Moral eines Auftragskillers beeindruckt Stephen King mich wieder mit seiner hohen Erzählkunst sowie seinen tiefgehenden Charakterzeichnungen. Er kann einfach unheimlich gut Figuren zum Leben erwecken und ihre Beziehungen zueinander darstellen. Man kann sich gut in Summers einfühlen und hofft und bangt mit ihm und Alice mit. Wobei der Protagonist Summers als Außenseiter mit maximaler Traurigkeit dargestellt wird. Es zog sich eine große Melancholie durch den ganzen Roman und King hat hier mal ein gutes sowie passendes Ende geschrieben.

Wie in anderen King-Werken befasst sich auch ‚Billy Summers‘ mit dem Schreiben an sich und man spürt Kings große Liebe zur Literatur. Nicht verbergen kann der amerikanische Autor allerdings seine Aversion gegen den ehemaligen republikanischen US-Präsidenten, denn einige Spitzen gegen Trump und an der amerikanischen Politik konnte er sich mal wieder nicht verkneifen. Ich fand es aber ganz amüsant, wenn Summers sich bei einer gewaltvollen Aktion eine Melanie-Trump-Maske aufsetzt. Mehr gestört hat mich, dass hier Selbstjustiz unreflektiert gefeiert wird. Natürlich dürfen auch seine Querverweise zu früheren Werken nicht fehlen, ich habe zumindest einen erkannt.
Billy Summers ist ein Spiel mit den unterschiedlichen Identitäten, es geht um die Macht der Literatur, um Freundschaften und immer wieder um Gut und Böse. Und wie schön gestaltet ist eigentlich dieses Cover?

Der Sprecher
Ich kann mir kaum einen besseren Hörbuch-Sprecher als David Nathan vorstellen. Seine Interpretationen der King-Stoffe lassen meine Wertungen immer ein halbes Pünktchen erhöhen. Mit viel Feingefühl setzt er die dramatischen, tragischen aber auch die komischen Akzente an die richtigen Stellen, lässt die Figuren nahezu real werden und den Hörer in die Geschichte eintauchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Billy Summers | Erschienen am 09.08.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3- 8371-5718-5
ungekürzte Lesung von David Nathan  | Gesamtspielzeit: ca. 19 Stunden 32 Minuten
3 MP3-CD | 20,45 Euro
Originaltitel: Billy Summers (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben und Hörprobe

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Max Bronski | Halder

Max Bronski | Halder

Er streichelte das Rindsleder. Vor dieser Zusammenkunft galt es noch, die Pflichten zu bewältigen. Die für das Gespräch wesentlichen Akten hatte er sich von Lieberwitz, seinem Assistenten, zusammenheften und in Schnellhefter binden lassen. Er zog das voluminöse Konvolut hervor.
Der Fall Nordring. (Auszug E-Book Pos.134)

Ein ziemlich lange Autofahrt hat er vor sich: Der Präsident des Bundesverfassungsschutz Kurt Halder. Unterwegs von Köln nach München zu einer Besprechung der sogenannten SOKO Nordring. Und vorweg zu einem privaten Termin. Doch unterwegs widmet sich Halder im Heck des Dienstwagens nochmal ausgiebig der Akte Nordring.

Die Münchener Polizei observiert mit einem Wagen einen weitläufigen Parkplatz im Euro-Industriepark. Dort waren in der jüngsten Vergangenheit zahlreiche Einbrüche in parkende Autos vorgefallen. Am zweiten Observationsabend verlässt einer der beiden Polizisten den Wagen, um im nahegelegenen Fastfood-Restaurant etwas zu essen zu holen. Als er wiederkehrt, steht der Dienstwagen in hellen Flammen, sein Kollege ist tot. Von der Masche des Fahrzeuganzündens her eine typische Tat Linksautonomer. Der tote Polizist starb nicht versehentlich im Fahrzeug, sondern wurde mit einem Schlag auf den Kopf gezielt angegriffen und anschließend durch das Feuer getötet wurde. Es könnten sich möglicherweise noch andere Ermittlungsansätze ergeben, aber für das LKA und den Verfassungsschutz ist der Fall klar: Ein Mord an einem Polizisten durch eine linksterroristische Zelle. Ein Motiv ergibt sich auch, war der tote Polizist doch ein erklärter Gegner der linken Szene und Mitglied einer rechten Gruppierung innerhalb der Polizei. Für Verfassungsschutz-Chef Halder ein gefundenes Fressen mit der linksradikalen Szene in München endlich aufzuräumen, dort hat er noch alte Rechnungen offen. Es ergeben sich auch zwei Verdächtige: Zwei Altlinke, Ex-RAF-Sympathisanten, inzwischen eher Silver Agers, aber für den Verfassungsschutz mit immer noch genügend terroristischem Potenzial. Zumal sie bei der weiteren Überwachung in einem Baumarkt verdächtig viel Spiritus und weiteres entzündliches Material gekauft haben.

Für Halder steht fest: Die beiden sind die Täter und planen einen weiteren Anschlag. Somit werden erhebliche Ressourcen auf sie angesetzt. Während Halders Autofahrt ergibt sich etwas: Die Verdächtigen verlassen mit vollem Kofferraum die Stadt, ziemlich sicher zum nächsten Anschlagsziel. Dort sollen sie auf frischer Tat ertappt und festgenommen werden. Währenddessen tut sich im eigenen Hause aber ein lästiger Nebenschauplatz auf: Halders unzufriedener und gedemütigter Stellvertreter Rohleder schickt sich an, im Fall Nordring eigene Ermittlungen vorzunehmen und hinterfragt als erstes die Hypothesen seines Chefs.

Das Buch ist recht schmal und die Handlung dauert auch kaum länger als die Autofahrt. Es gibt einige Perspektivwechsel nach München und in die Zentrale des Verfassungsschutzes. In Rückblenden sowie in Halders Aktenstudium und seinen weiteren Gedanken erfährt man die weiteren Hintergründe der Geschichte, seinen persönlichen Hintergrund und seine erzkonservative Einstellung. Halder beklagt den Untergang der europäischen Kultur und macht dafür vor allem negativen Einfluss durch Einwanderer verantwortlich. Eine Vermischung von Kulturen sei Fiktion, Kulturen einander wesensfremd. Halder ist erklärter Anhänger des Philosophen Oswald Spengler und dessen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“. Zwar hält Halder auch Rechtsradikale für Feinde des Staates, allerdings ließen sich diese unter einer politischen Führung zähmen und in geordnete Bahnen lenken. Für ihn steht der wahre Feind, den es zu bekämpfen gilt, immer links.

Der Linksradikale war hingegen per se ein unbelehrbarer Feind, weil sich seine Bestrebungen nie in den Dienst einer übergeordneten politischen Strategie stellen ließen, die eine konservative Revolution herbeizuführen trachtete. (Auszug E-Book Pos.1274)

Komme ich zuerst mal zu dem Punkt, der mir nicht so gefallen hat. Halders Rückblicke auf sein Privatleben kamen mir etwas uninspiriert und klischeebehaftet vor. Vater SS-Mann, im Krieg schwer verwundet, nachher in der Justiz erfolgreich, ein Mann eiserner Disziplin. Schwache Mutterfigur, die aber früh stirbt. Er selbst weitgehend beziehungsunfähig, mit seinem Beruf verheiratet, Liebhaber klassischer Musik. Nun tut sich ein Fenster in die Vergangenheit auf: Eine alte Schulfreundin Lena hat sich bei ihm gemeldet, sie will er am Abend vor dem dienstlichen Termin am nächsten Tag treffen. Wie Halder diese Begegnung romantisiert und glaubt, sie vor zig Jahren bei einem Abiturienten-Nachtreffen geschwängert zu haben, zeugt von erheblicher Unsicherheit. Im Beruf und in der Politik erweist er sich hingegen als gewiefter Stratege. Die Charaktisierung des Mannes ist natürlich nicht gänzlich unschlüssig, aber wirkt wie ein typisches Abziehbild und in seinem Schwarz-Weiß-Schema unoriginell.

Autor Max Bronski verfolgt in „Halder“ einen klaren Ansatz. Er stellt die Figur des Präsidenten des Verfassungsschutz in den Mittelpunkt. Einen Mann mit mindestens rechtskonservativen, wenn nicht gar nicht radikaleren Ansichten. Ein Mann, der eigentlich die Verfassung verteidigen soll, der diese allerdings als „Märchenerzählung freiheitlich gesinnter Gutmenschen“ verspottet. Halder steht dabei nicht allein, er weiß um Unterstützer für eine konservative Revolution, zu offen darf man dies jedoch nicht postulieren. Er ist nicht die Spinne im Netz, keine Führungsperson der Bewegung, aber ein Wegbereiter an prominenter Stelle. Aber vor allem im Verfassungsschutz und Polizeiapparat gibt es genügend Gleichgesinnte, die hier auch vorkommen. Rechte Chatgruppen, LKA-Beamte mit Kontakten zu Rechtsrockbands oder NSU-Terror-Relativierer. Interessant auch die Ränkespiele innerhalb und zwischen den Behörden. Das alles wird gekonnt und präzise vom Autor erzählt, natürlich fiktiv, aber mit realistischer Note. Und irgendwie erinnert mich dieser Halder an wen, vielleicht komme ich noch drauf.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Halder | Erschienen am 01.09.2021 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-264-3
160 Seiten | 16,- €
als E-Book: ISBN 978-3-96054-265-0 | 12,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Keine Ruhe in Montana (Band 17)

James Lee Burke | Keine Ruhe in Montana (Band 17)

„Sie sind von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt“, sagte er. „Natürlich werden Sie behaupten, dass Sie es in Ausführung Ihres Amtes taten. Was aber nichts daran ändert, dass Sie ein gewalttätiger Mensch sind. Ich mache Ihnen deshalb nicht einmal Vorwürfe, aber ich werde nicht zulassen, dass Sie uns mit ihrem privaten Elend noch weiter behelligen.“ (Auszug S.53)

Der 17. Band der Dave-Robicheaux-Reihe spielt nicht in New Iberia, sondern führt in die nördlichen Rockies. Nach den verheerenden Verwüstungen im Süden Louisianas durch Hurrikan Katrina (Band 16 „Sturm über New Orleans“), braucht Detective Dave Robicheaux eine Auszeit von den erschütternden Ereignissen. Zusammen mit seinem Partner und besten Freund Clete, seinem „eineiigen Zwilling aus dem Mordkommissariat“ und Ehefrau Molly macht er Urlaub auf der Ranch eines Freundes in Montana. Doch die Hoffnung, dass der Trip weit weg von ihrer Heimat nach Montana, für viele Zeitgenossen „the last good place“ zu einem simpleren, unschuldigeren Amerika führt, stellt sich als Fehlinterpretation ein.

Montana ist ein brodelndes Pulverfass!
Gleich zu Beginn gerät Clete beim harmlosen Fischen ins Visier der Familie Wellstone, exzentrische Ölmillionäre, die Land und Leute gleichermaßen ausbeuten und gleich eine Kriegserklärung aussprechen. Die Bedrohung ist praktisch spürbar und man ahnt, dass Ärger in der Luft liegt. Kurz darauf werden in der Nähe der Ranch zwei Studenten brutal ermordet aufgefunden und Dave und Clete vom High Sheriff von Missoula County um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten. Robicheaux hat darauf eigentlich keine Lust und zögert, als es jedoch zu weiteren Morden kommt und Clete fast Opfer des Täters wird, kann er sich nicht mehr heraushalten. Ungewohnt hält sich Robicheaux in dieser Story eher im Hintergrund und fungiert als Erzähler, während Clete in den Fokus rückt.

Die Erzählperspektiven wechseln ständig und in einem weiteren Handlungsstrang begegnen wir dem Häftling Jimmy Dale Greenwood, der in einem privat geführten Gefängnis von dem sadistischen Gefängniswärter Troyce Nix misshandelt wird. Ein bunkerähnliches Gebäudekomplex, in dem die Insassen mit Ketten und Lederschienen an den Beinen zu Arbeiten auf der Straße verdonnert werden, fernab von jeglichen pädagogischen oder rehabilitierenden Aspekten. Als er sich wehrt und Nix lebensgefährlich verletzt, kann er aus dem Albtraum Richtung Montana fliehen. Greenwood, ein ehemaliger Country-Sänger ist auf der Suche nach seiner einstmaligen Gesangs- und Lebenspartnerin. Die bildschöne Jamie Sue ist inzwischen mit einem Wellstone verheiratet und hat einen Sohn. Nix überlebt den schweren Angriff und macht sich rachelüstern auf die Suche nach Greenwood. Auf dem Weg nach Montana lernt er die gutmütige Candace Sweeney kennen. Und das FBI spielt auch noch mit.

Clete und die Frauen
Offensichtlich ist Montana ein noch schlimmeres Pflaster als Louisiana, eine raue Gegend oder wie Burke es an einer Stelle im Buch nennt, „den Abenteuerspielplatz einer Irrenanstalt“, denn es kommt zu ständigen Gewaltexzessen. Die ganze sinnlose Gewalt und die ständigen Eskalationen sowie die unzähligen Psychopathen und Sadisten, die sich in dieser Geschichte tummeln, ermüdeten mich auf Dauer und stumpften ab. Besonders Clete kam mir noch nie so durchgeknallt vor. Dabei ist er sich immer selbst das größte Problem. Ich fand seine Ausraster ein wenig überzogen, auch seine Unwiderstehlichkeit auf Frauen konnte ich nicht nachvollziehen.

Jamie Sue Wellstone mochte die diabolische Versuchung gewesen sein, doch sein größter Widersacher war eigentlich immer er selbst. Er würde eher sein eigenes Leben opfern, bevor er einem Tier, einem Freund oder überhaupt einem unschuldigen Lebewesen ein Leid zufügen würde. (Auszug S.125)

Montana scheint landschaftlich wunderschön zu sein und Burkes Fähigkeit, diese meisterlich zu beschreiben, kommt hier wieder gut zur Geltung. Durch seine bildreiche Sprache fühlte ich mich oft in die Szenerie versetzt. Dabei stehen seine eindrucksvollen Naturbeschreibungen im ausgeprägten Gegensatz zu der gewaltvollen Handlung. Präzise beschriebene Figuren, harte Gewalt, ein vielschichtiger Plot und das sprachlich auf hohem Niveau, man bekommt das, was man bei Burke erwartet. Ein typisch amerikanischer Thriller mit viel Gewalt, Waffen und noch mehr Testosteron. Teilweise fühlte es sich wie ein Western an und dass nicht nur, weil Nix‘ Optik mit blankpolierten Cowboystiefel und spöttischem Grinsen mit John Wayne verglichen wird.

Fazit
Trotz gewohnt komplex gestalteter Handlung werden schlussendlich alle Erzählfäden gekonnt zusammengeführt. Bei einem spannenden Showdown kommt es zu überraschenden Wendungen, einer der Figuren macht eine große Wandlung durch, allerdings hätte ich das hinhaltende Erklär-Palaver nicht gebraucht. Zwischendurch blitzt auch immer Gesellschaftskritik durch, wenn der amerikanische Autor den wirtschaftlichen Niedergang oder die Zerstörung der Natur durch die Reichen darlegt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Keine Ruhe in Montana | Erschienen am 21. Juli 2021 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-747-5
576 Seiten | 24,- Euro
Originaltitel: Swan Peak (Übersetzung aus dem Englischen von Bernd Gockel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu James Lee Burke auf Kaliber.17

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2021

 

 

Liam McIlvanney | Ein frommer Mörder

Glasgow 1968/69: Ein Serienmörder hat bereits drei junge Frauen ermordet, alle offenbar im selben Tanzlokal abgeschleppt und auf dem Nachhauseweg erdrosselt. Aufgrund einiger religiöser Zitate, die eine Zeugin von ihm gehört hat, wird er der „Quäker“ genannt. Trotz Phantombilder und einiger Zeugenaussagen tappt die Sondereinheit der Polizei Monate nach dem dritten Mord immer noch im Dunkeln. Detective Inspector Duncan McCormack wird der Sondereinheit als eine Art Revisor zugeteilt. Die Polizeispitze ist nach so vielen Monaten der Meinung, dass die Ermittlungen zu viele Ressourcen binden, McCormack soll einen Bericht liefern, der diese Ansicht bestätigt. Dementsprechend willkommen ist er in der Sondereinheit, er gilt als Nestbeschmutzer. Doch McCormack will nicht nur belehren, er macht nach und nach deutlich, dass auch er das Ziel verfolgt, den Täter zu ermitteln. Und McCormack ist bereit, ausgetretene Ermittlungspfade zu verlassen.

Zeitgleich kommt Alex Paton wieder in die Stadt. In Glasgow aufgewachsen, hat er es in den letzten Jahren in London zu einem gefragten Spezialisten in Sachen Safeknacken gebracht. In der alten Heimat wird ihm ein lukrativer Job, der Einbruch in ein Auktionshaus, angeboten. Die Suche nach dem Quäker lässt ihn kalt. Noch ahnt Paton nicht, dass er in die Quäker-Sache unmittelbar verwickelt wird.

Der Name McIlvanney hat einen großen Klang in der schottischen Kriminalliteratur. Und tatsächlich ist Liam McIlvanneys Vater der große William, Schöpfer des legendären Inspektor Laidlaw. Liam lebt inzwischen in Neuseeland, doch für den Schauplatz seines dritten Romans bleibt er der alten Heimat treu. Wie einst auch Ian Rankin in „Black and Blue“ bedient sich McIlvanney eines alten großen, bis heute ungelösten Kriminalfalls: Der „Bible John“ getaufte Täter brachte damals drei junge Frauen um. Aber der hier „Quäker“ getaufte Mörder ist in diesem Roman im Grunde nur eine Randfigur, denn McIlvanney bleibt der Tradition des schottischen Krimis treu und stellt neben der zwar starken, aber auch angreifbaren Ermittlerfigur gesellschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt. Das Ende der 1960er als Aufbruch in der Moderne ist nämlich auch durch tiefe Brüche (beispielsweise in der Glasgower Stadtentwicklung) und düstere Auswüchse (Kriminalität, Polizeigewalt und Korruption) gekennzeichnet. Das macht den Roman zu einem echten Leseerlebnis und verdienten Sieger des schottischen Krimipreises 2018.

 

Ein frommer Mörder | Erschienen am 12.07.2021 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-44093-7
344 Seiten | 14,99 €
Originaltitel: The Quaker (Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Lohmann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Chris Offutt | Unbarmherziges Land

Militärpolizist Mick ist wegen Eheproblemen in der Heimat in den Bergen Kentuckys. Seine Schwester Linda ist Sheriff und bittet ihn um Mithilfe in einem vermeintlichen Mordfall. Ein alter Mann hat beim Pflanzenpflücken die Leiche einer Frau entdeckt. Mick hängt sich ohne eigene Zuständigkeiten rein, aber alte Familienbande, überkommene Traditionen sowie eine angeborene Zurückhaltung gegenüber den Ermittlungsbehörden erschweren die Aufklärung. Hinzu kommen andere kriminelle Aktivitäten, die unentdeckt bleiben sollen.

Chris Offutt war mir bis dato noch nicht bekannt, obwohl „Unbarmherziges Land“ nicht das erste übersetzte Werk von ihm ist. In seiner Heimat ist Offutt vor allem durch seine Short Stories bekannt, ist aber auch erfolgreich im Non-Fiction-Bereich. Aber dieser Roman ist ein waschechter Country Noir aus den ländlichen Bergen des Bundesstaats Kentucky. Leider hebt sich das Werk nicht so recht von anderen Büchern des Genres ab – man hat so hin und wieder das Gefühl, die Typen oder Teile des Plots schon so ähnlich mal gelesen zu haben. So ist das Ganze ein solider, aber relativ unspektakulärer Country Noir. Für zwischendurch ganz ok.

 

Unbarmherziges Land | Erschienen am 24.07.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50512-2
250 Seiten | 15,- €
als E-Book: ISBN 978-3-608-11714-1 | 11,99 €
Originaltitel: The Killing Hills (Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Garry Disher | Moder

Wyatt hält sich in Sydney auf und erhält für seine Raubzüge und Einbrüche Information durch Sam Kramer, der ein umfassendes Informantennetz auch aus dem Gefängnis betreibt. Im Gegenzug verwaltet Wyatt Kramers Provisionen und kümmert sich um dessen Familie. Doch das macht Wyatt angreifbar. Denn sowohl die Polizei als auch Nick Lazar, zwielichtiger Chef einer Sicherheitsfirma, werden auf Wyatt aufmerksam. Dieser hingegen hat einen neuen Job im Visier: Nick Tramayne hat mit Finanztransaktionen nach dem Ponzi-Schema (eine Art Schneeballsystem) Anleger um Millionen betrogen. Er kann sich bislang noch vor einer Verhaftung bewahren, aber die Schlinge zieht sich zu. Man vermutet, dass er sich bald absetzen will – mit einem großen Batzen veruntreuten Geldes. Hierauf hat es Wyatt abgesehen – aber nicht nur er.

Garry Disher setzt mit „Moder“ seine Reihe um den vornamenlosen australischen Gangster fort. Dabei bleibt sich Disher bei den Zutaten treu: Ein höchstprofessioneller Outlaw als Hauptfigur, skrupellose Gangster (auch in Nadelstreifen), die ihm in die Quere kommen, eine schnörkellose Story, ein lakonischer Stil. So bleibt auch bei diesem Roman kaum Leerlauf, sondern das Tempo und die Spannung bleiben hoch. Nebenbei karikiert Disher die hohle Welt (betrügerischer) Investoren, Anlageberater und Anwälte, die sich hier gegenseitig um ihren Reichtum bringen wollen. Wie immer eine vergnügliche Lektüre.

 

Moder | Erschienen am 01.09.2021 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946582-06-9
300 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Kill Shot (Übersetzung aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Garry Disher | Barrier Highway

Constable Hirschhausen ist inzwischen ein wenig heimisch geworden im beschaulichen Tiverton im dünnbesiedelten Norden des Bundesstaats South Australia. Er macht wie üblich seine Routinefahrten, seine kleinen Ermittlungen, doch dieses Mal braut sich wieder etwas zusammen. Ein wohlhabender Unternehmer bezahlt seine Rechnungen bzw. versprochene Renditen nicht mehr, was bei einem seiner Gläubiger zu einer Kurzschlussreaktion führt. Gleichzeitig vermisst eine alte Dame einen beträchtlichen Teil ihres Ersparten und kommt kurz darauf bei einem Brand ums Leben. Ein Unfall oder hat da jemand nachgeholfen?

Nochmal Garry Disher? Na ja, ich habe so oft Lobeshymnen an den Australier verteilt, da dachte ich mir, diesmal reicht das auch im Kurzformat. Erstaunlich auch, wie Disher beim dritten Band der Reihe um Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, im Vergleich zu wahrlich guten Wyatt-Band nochmal eine Schippe drauf legt. Bei aller Raffinesse wirkt der Wyatt wie eine lässige Fingerübung für Zwischendurch, aber hier lässt Disher wieder seine ganzen Fähigkeiten aufblitzen. Wie immer in Tiverton fängt es betulich an, ein Schlüpferdieb wird gesucht, dann folgt eine Kindesvernächlässigung, Hirsch wird gestalkt, weitere Straftaten folgen – aber alles zu seiner Zeit: Die erste Leiche kommt erst nach der Hälfte des Buches. Vielmehr spinnt der Autor hier ein feines Netz und erzählt von den Menschen und ihren Beziehungen in dieser australischen Kleinstadt und wie eines zum anderen und schließlich zu Todesfällen führt. Hauptfigur in diesem Soziogramm ist dieser Constable Hirschhausen, nicht mehr fremd, aber auch noch nicht heimisch, der mit einer feinen Sensibilität möglichst alles zum Guten wenden will, aber längst auch nicht alles richtig macht. Disher ist und bleibt die Champions League der Krimiszene.

Barrier Highway | Erschienen am 12.07.2021 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00572-3
345 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Consolation (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5;
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.