Max Bronski | Halder

Max Bronski | Halder

Er streichelte das Rindsleder. Vor dieser Zusammenkunft galt es noch, die Pflichten zu bewältigen. Die für das Gespräch wesentlichen Akten hatte er sich von Lieberwitz, seinem Assistenten, zusammenheften und in Schnellhefter binden lassen. Er zog das voluminöse Konvolut hervor.
Der Fall Nordring. (Auszug E-Book Pos.134)

Ein ziemlich lange Autofahrt hat er vor sich: Der Präsident des Bundesverfassungsschutz Kurt Halder. Unterwegs von Köln nach München zu einer Besprechung der sogenannten SOKO Nordring. Und vorweg zu einem privaten Termin. Doch unterwegs widmet sich Halder im Heck des Dienstwagens nochmal ausgiebig der Akte Nordring.

Die Münchener Polizei observiert mit einem Wagen einen weitläufigen Parkplatz im Euro-Industriepark. Dort waren in der jüngsten Vergangenheit zahlreiche Einbrüche in parkende Autos vorgefallen. Am zweiten Observationsabend verlässt einer der beiden Polizisten den Wagen, um im nahegelegenen Fastfood-Restaurant etwas zu essen zu holen. Als er wiederkehrt, steht der Dienstwagen in hellen Flammen, sein Kollege ist tot. Von der Masche des Fahrzeuganzündens her eine typische Tat Linksautonomer. Der tote Polizist starb nicht versehentlich im Fahrzeug, sondern wurde mit einem Schlag auf den Kopf gezielt angegriffen und anschließend durch das Feuer getötet wurde. Es könnten sich möglicherweise noch andere Ermittlungsansätze ergeben, aber für das LKA und den Verfassungsschutz ist der Fall klar: Ein Mord an einem Polizisten durch eine linksterroristische Zelle. Ein Motiv ergibt sich auch, war der tote Polizist doch ein erklärter Gegner der linken Szene und Mitglied einer rechten Gruppierung innerhalb der Polizei. Für Verfassungsschutz-Chef Halder ein gefundenes Fressen mit der linksradikalen Szene in München endlich aufzuräumen, dort hat er noch alte Rechnungen offen. Es ergeben sich auch zwei Verdächtige: Zwei Altlinke, Ex-RAF-Sympathisanten, inzwischen eher Silver Agers, aber für den Verfassungsschutz mit immer noch genügend terroristischem Potenzial. Zumal sie bei der weiteren Überwachung in einem Baumarkt verdächtig viel Spiritus und weiteres entzündliches Material gekauft haben.

Für Halder steht fest: Die beiden sind die Täter und planen einen weiteren Anschlag. Somit werden erhebliche Ressourcen auf sie angesetzt. Während Halders Autofahrt ergibt sich etwas: Die Verdächtigen verlassen mit vollem Kofferraum die Stadt, ziemlich sicher zum nächsten Anschlagsziel. Dort sollen sie auf frischer Tat ertappt und festgenommen werden. Währenddessen tut sich im eigenen Hause aber ein lästiger Nebenschauplatz auf: Halders unzufriedener und gedemütigter Stellvertreter Rohleder schickt sich an, im Fall Nordring eigene Ermittlungen vorzunehmen und hinterfragt als erstes die Hypothesen seines Chefs.

Das Buch ist recht schmal und die Handlung dauert auch kaum länger als die Autofahrt. Es gibt einige Perspektivwechsel nach München und in die Zentrale des Verfassungsschutzes. In Rückblenden sowie in Halders Aktenstudium und seinen weiteren Gedanken erfährt man die weiteren Hintergründe der Geschichte, seinen persönlichen Hintergrund und seine erzkonservative Einstellung. Halder beklagt den Untergang der europäischen Kultur und macht dafür vor allem negativen Einfluss durch Einwanderer verantwortlich. Eine Vermischung von Kulturen sei Fiktion, Kulturen einander wesensfremd. Halder ist erklärter Anhänger des Philosophen Oswald Spengler und dessen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“. Zwar hält Halder auch Rechtsradikale für Feinde des Staates, allerdings ließen sich diese unter einer politischen Führung zähmen und in geordnete Bahnen lenken. Für ihn steht der wahre Feind, den es zu bekämpfen gilt, immer links.

Der Linksradikale war hingegen per se ein unbelehrbarer Feind, weil sich seine Bestrebungen nie in den Dienst einer übergeordneten politischen Strategie stellen ließen, die eine konservative Revolution herbeizuführen trachtete. (Auszug E-Book Pos.1274)

Komme ich zuerst mal zu dem Punkt, der mir nicht so gefallen hat. Halders Rückblicke auf sein Privatleben kamen mir etwas uninspiriert und klischeebehaftet vor. Vater SS-Mann, im Krieg schwer verwundet, nachher in der Justiz erfolgreich, ein Mann eiserner Disziplin. Schwache Mutterfigur, die aber früh stirbt. Er selbst weitgehend beziehungsunfähig, mit seinem Beruf verheiratet, Liebhaber klassischer Musik. Nun tut sich ein Fenster in die Vergangenheit auf: Eine alte Schulfreundin Lena hat sich bei ihm gemeldet, sie will er am Abend vor dem dienstlichen Termin am nächsten Tag treffen. Wie Halder diese Begegnung romantisiert und glaubt, sie vor zig Jahren bei einem Abiturienten-Nachtreffen geschwängert zu haben, zeugt von erheblicher Unsicherheit. Im Beruf und in der Politik erweist er sich hingegen als gewiefter Stratege. Die Charaktisierung des Mannes ist natürlich nicht gänzlich unschlüssig, aber wirkt wie ein typisches Abziehbild und in seinem Schwarz-Weiß-Schema unoriginell.

Autor Max Bronski verfolgt in „Halder“ einen klaren Ansatz. Er stellt die Figur des Präsidenten des Verfassungsschutz in den Mittelpunkt. Einen Mann mit mindestens rechtskonservativen, wenn nicht gar nicht radikaleren Ansichten. Ein Mann, der eigentlich die Verfassung verteidigen soll, der diese allerdings als „Märchenerzählung freiheitlich gesinnter Gutmenschen“ verspottet. Halder steht dabei nicht allein, er weiß um Unterstützer für eine konservative Revolution, zu offen darf man dies jedoch nicht postulieren. Er ist nicht die Spinne im Netz, keine Führungsperson der Bewegung, aber ein Wegbereiter an prominenter Stelle. Aber vor allem im Verfassungsschutz und Polizeiapparat gibt es genügend Gleichgesinnte, die hier auch vorkommen. Rechte Chatgruppen, LKA-Beamte mit Kontakten zu Rechtsrockbands oder NSU-Terror-Relativierer. Interessant auch die Ränkespiele innerhalb und zwischen den Behörden. Das alles wird gekonnt und präzise vom Autor erzählt, natürlich fiktiv, aber mit realistischer Note. Und irgendwie erinnert mich dieser Halder an wen, vielleicht komme ich noch drauf.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Halder | Erschienen am 01.09.2021 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-264-3
160 Seiten | 16,- €
als E-Book: ISBN 978-3-96054-265-0 | 12,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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