Autor: Nora

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

Mikaela Bley | Böse Schwestern Bd. 2

„Der Tod, der Tod, der Tod. Einer der vielen Therapeuten hat mir den Tipp gegeben, bestimmte Worte laut auszusprechen, wenn die Erinnerungen zu heftig werden. (…)“
(…) „Sie versuchen, eine Panikattacke zu stoppen. Funktioniert es?“
„Manchmal. Ich habe mal gelesen, dass Astrid Lindgren alle Telefongespräche mit ihrer Schwester so begonnen hat. Auf diese Weise hatten sie alle dunklen Themen im Handumdrehen abgehakt, brauchten sich keine Gedanken mehr darüber zu machen und konnten sich den hellen Dingen zuwenden.“ (Auszug Seite 178)

Nach dem letzten großen Fall über den Ellen Tamm, Journalistin bei TV4 in Stockholm, berichtet hat, fällt sie in ein tiefes Loch. Um da rauszukommen, zieht sie wieder zu ihrer Mutter und besucht einen Psychiater. Doch dann wird in dem beschaulichen Ort eine Leiche gefunden, die scheinbar niemand kennt. Ellen fühlt sich sofort von dem Fall angezogen und möchte darüber berichten, weil sie ahnt, dass mehr dahinter steckt.

Ellen Tamm ist 35 Jahre alt und hat im Alter von acht Jahren ihre Zwillingsschwester verloren. Dieses Ereignis konnte sie noch immer nicht überwinden und gerade der letzte Fall (Glücksmädchen), bei dem es ebenfalls um ein verschwundenes Mädchen ging, hat alle Erinnerungen wieder aufgerissen. Ellen hat außerdem starke Gefühle für ihren Chef Jimmy. Er ist verheiratet, kann sich aber trotzdem nicht von Ellen distanzieren und so kommt es zu einer ständigen On-Off-Affäre.

Überraschungen

Böse Schwestern von Mikaela Bley ist sehr flüssig zu lesen und überrascht in vielerlei Hinsicht. Dass in idyllischen Dörfern nicht immer alles so beschaulich ist, wie es aussieht, ist nichts Neues. Aber Ellen deckt nicht nur ihre eigene Vergangenheit auf, sondern auch ein Familienkonstrukt, das ich mir so gar nicht vorstellen kann. Trotzdem, oder gerade deshalb, war es sehr interessant und bisher auch das erste Buch, das ich zu diesem Thema gelesen habe.

Gegenwart und Vergangenheit

Die Kapitel sind in Tage und Uhrzeiten untergliedert und werden abwechseln von Ellen und zwei weiteren Frauen erzählt. Ansonsten geht es je zur Hälfte um den Fall, zu dem Ellen recherchiert und ihrer Vergangenheit. Ab und zu passen auch Jimmy und Ellens schreckliche Mutter in die Geschichte. Mir war Ellens Trauma ihrer Kindheit etwas zu viel, muss ich sagen. Auch der Titel des Buches zielt mehr auf die getrennten Zwillinge ab, als auf die Tote, um die es für mich hauptsächlich geht. Das finde ich etwas schade.

Ellen, die Journalistin

Ellen macht meiner Meinung nach einen tollen Job. Sie fragt nach, immer wieder, wenn sie etwas erfahren will und gibt nicht so schnell auf. Ihre Hartnäckigkeit hat sich dabei oft bewährt, aber natürlich geht auch nichts über gute Quellen, die auch schon mal etwas kosten können. In der Redaktion ist Ellen nicht unbedingt die Beliebteste und nicht vom Typ „beste Freundin“. Ellen nervt es eher, wenn sie Small-Talk halten muss. Mir ist sie mit ihrer straighten Art sympathisch.

Noch mehr Überraschungen

Im Laufe der Geschichte macht man sich als Leser ja so seine Gedanken, wer denn der Täter gewesen sein könnte. Das Ruder wird zum Ende aber nochmal komplett herumgerissen, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Und dann bleibt das Buch auch noch mit seinem Ende in Bezug auf Ellen sehr offen. Das lässt in mir die Hoffnung keimen, dass es bald ein drittes Buch über Ellen Tamm gibt.

Fazit: Spannende Geschichte mit etwas viel Vergangenheit!

Mikaela Bley wurde 1979 geboren und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Stockholm. Um ihren ersten Krimi zu schreiben, kündigte sie ihren Job beim schwedischen Fernsehsender SV4.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Böse Schwestern | Erschienen am 9. Februar 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28861-1
397 Seiten |
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zum 1. Band der Ellen-Tamm-Reihe von  Mikaela Bley Glücksmädchen.

16. Mai 2018

Thomas Rydahl | Der Einsiedler

Thomas Rydahl | Der Einsiedler

„Die Ermittlungen laufen noch?“
Bernal wirft ihm einen Blick zu.“Weil die Presse begonnen hat zu schreiben. Sie haben herausgefunden, dass in dem Karton ein toter Junge lag. Mehr wissen sie nicht. Und die Verantwortlichen wollen keinen neuen Fall Madeleine. Mehr sagen sie nicht. Negativwerbung in diesen Zeiten – wo der Tourismus doch eh schon verteufelt schlecht läuft! Ich sollte Sie eigentlich gar nicht einweihen, aber wir verfolgen eine lokale Spur.“ (Auszug Seite 72)

Hinweis: Es wird ausnahmsweise gespoilert!

Der tote Junge am Strand

In der ersten Regennacht des Jahres fällt an einem Strand auf Fuerteventura ein Auto auf, das wie von den Klippen gestürzt dort steht, was natürlich Rätsel aufgibt. In dem Auto findet sich ein Karton mit einem toten Kleinkind. Erhard Jorgensen ist neben vielen anderen Inselbewohnern mit dem befreundeten Pärchen Raúl und Beatriz an diesem Abend am Strand, um das spektakuläre Gewitter zu beobachten.

Die Polizeit findet etwas später unter anderem einen Zettel, einen Abriss einer vermutlich dänischen Tageszeitung, in selbigem Karton, weshalb man auf den bekanntesten Dänen der Insel zukommt, um Weiteres zu erfahren. Doch schon bald wird Jorgensen klar, dass der Fall des toten Jungen, der ihm keine Ruhe mehr lässt, unter den Teppich gekehrt werden soll, was er als inakzeptabel empfindet und woraufhin er sich selbst auf Spurensuche begibt. Er erfährt, dass die Polizei die Mutter des toten Jungen ausfindig gemacht haben will und diese bereits in Untersuchungshaft festgehalten wurde. Erhard Jorgensen kommt das seltsam vor, insbesondere, da ihm die junge Frau als Prostituierte namens Alina bekannt ist. Er fragt sich, ob das wirklich so plausibel ist, wie ihm der zuständige Ermittler Bernal weismachen möchte.

Der amputierte Finger

Kurz zuvor kam Jorgensen an einer Unfallstelle vorbei. Bill Haji, von dem er nicht sehr viel hält, ist mit seiner Protzkarre verunglückt, liegt aus dem Wagen geschleudert tot auf der Straße.

Achtung! Hier macht sich das erste Mal das Fehlen von Empathie für den Leser bemerkbar. Hinzu kommt aber auch eine Art abartige Skurrilität:

Nah des Körpers des Toten sieht er einen abgetrennten Finger. Diesen nimmt er an sich, aber nicht wie gedacht, wegen des goldenen Rings, sondern einzig des Finger wegens. Jorgensen hatte schon vor vielen Jahren selbst einen kleinen Finger verloren. Dieser Verlust hinterließ bei ihm ein Gefühl der Unvollständigkeit, weshalb er den Fund des Fingers als einen Glücksfall betrachtet. Zuerst hält er sich den amputierten Finger lediglich an, aber schon bald klebt er ihn mit Klebeband fest und fährt so auch Taxi. Als sich der Finger naturgemäß zu verändern beginnt, trägt er ihn in einem Plastikbeutel in seiner Hosentasche bei sich, manchmal versteckt er ihn in seinem Bücherregal. Wahrscheinlich würde man diese – sagen wir mal – Eigenart bald darauf vergessen, wäre dies nicht ein immer wieder im Vordergrund stehendes Thema.

Die Nutte als Geisel

Jorgensen macht sich auf die Suche nach der angeblichen Mutter und findet sie mühelos an einem einschlägig bekannten Ort. Sturzbetrunken ist ihr nicht bewusst, was Jorgensen von ihr möchte, nämlich ehrliche Antworten auf die Fragen, die die Polizei nicht zu stellen scheint, um die bevorstehende Reisesaison nicht zu gefährden. In ihrem Zustand verrät sie ihm, dass ihr 5.000.- Euro für das falsche Geständnis zugesagt wurden. Und zwar nicht seitens der Behörden, sondern von einem unbekannten Unternehmer.

Auffällig gut gekleidet und sich eine Auszeit nehmend, findet er Alina kurze Zeit darauf erneut und entführt sie in seine abgelegene Hütte, wo er sie zuerst in einen angrenzenden Generatorschuppen einsperrt, da sie gar nicht einsehen möchte, was sie mit ihrer Bestechlichkeit anrichtet. Als sie den Generator manipuliert, wird ihr Lager ins Haus verlegt. Angekettet hat sie jedoch die Möglichkeit sich in einem Radius Matratze, Toilette, Lebensmittelschrank selbstständig zu bewegen.

Die Ungereimtheiten steigern sich ins Absurde

Soviel zur Rahmenhandlung. Wir wissen nun, dass der sogenannte Erimitando selbst nicht vor Verbrechen zurückschreckt, selbstverständlich im Sinn der guten Sache, wie er sich selbst sagt. Gleichzeitig mehren sich jedoch im Debütroman des dänischen Philosophen, Psychologen und Vermittler für Storytelling (als Strategie in der Kommunikationsbranche) Thomas Rydahl die Ereignisse, die nicht nachvollziehbar sind. Ein weiteres Beispiel:

Jorgensen lässt seine Geisel in seiner Hütte zurück, während er zu seinem Freund Raúl fährt, wo er gemeinsam mit ihm und dessen Frau Beatriz auf der Dachterrasse so viele Drinks hat, dass er vergisst, dass er zuhause eine Geisel hat und einschläft. Am nächsten Morgen findet er Beatriz im Arbeitszimmer des Paares blutüberströmt auf, Raúl ist verschwunden. An dieser Stelle des Romans benutzt der Autor ein Mittel, welches mir eher fremd ist, nämlich hört Erhard Jorgensen plötzlich Stimmen, um genau zu sein die Stimme der halbtoten komatösen Beatriz, welche ihm Handlungsanweisungen gibt, die er natürlich penibel befolgt.

Im weiteren zeitlichen Ablauf kehrt er zu seiner Hütte zurück, wo er feststellt, dass Alina sich nicht mehr im Haus aufhält. Als er der Kette folgt, sieht er, dass sich die Frau über das Dach zur anderen Hausseite vorgearbeitet hat, wo sie in den Tot gestürzt ist; ihr Gesicht ist aufgrund der Kollision mit der Gebäudemauer vollkommen entstellt. Klar, das kann so passieren. Aber wir erleben nun erneut einen sehr gleichgültigen, empathielosen und berechnenden Erhard Jorgensen, der sich keinen Deut um den Tod der Frau schert.

Wie passt das zu dem Taximann, der so unbedingt den Tod des kleinen Jungen aufklären wollte, was übrigens inzwischen auch erstmal keine weitere Erwähnung mehr findet?

Beatriz gibt ihm durch die telepathisch (?) übermittelten Worte VERSTECK MICH ein, dass er auf keinen Fall einen Arzt oder die Polizei rufen soll, dass er verhindern muss, dass man sie findet. Nun, Jorgensen hat nun einerseits die tote Alina, die ein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht hat und andererseits Beatriz, die er verstecken muss. Es kommt, was kommen muss: Jorgensen holt die tote Alina ins Haus von Raúl und Beatriz und drappiert sie auf der Dachterrasse. Beatriz nimmt er nach einer ersten Inaugenscheinnahme eines ihm bekannten Arztes mit in seine Hütte, wo er durch erpresserische Methoden den Arzt zur Versorgung der schwer verletzten Frau verpflichtet. Dieser vermutet eine Gehirnschwellung, aber da Beatriz bereits durch einen vorherigen operativen Eingriff Löcher in der Schädelplatte hat, ist sie trotz vermuteter Hirnschwellung noch lebensfähig. Ah ja!

Abgebrochen!

Es gab noch einige Beispiele mehr, welche mich erstaunt haben, denn immerhin wird dieser Charakter von einem beschrieben, der studierter Philosoph und Psychologe ist! Erhard Jorgensen ist ganz klar der Protagonist der Handlung, doch die Fetzen, die man von ihm erfährt, ergeben kein stimmiges Ganzes und er bleibt nicht greifbar. Eher im Gegenteil hatte ich fast das Gefühl, dass der Autor selbst nicht so genau weiß, wie er, der Protagonist, nun sein soll. Dazu muss ich aber klar sagen: Bei Seite 210 habe ich das Buch abgebrochen, weil ich den Schwachsinn im Sinne von schwach einfach nicht mehr lesen wollte. Basta!

 

Der Einsiedler | Erschienen am 12. März 2018 bei Heyne Encore
ISBN 978-3-453-27083-1
608 Seiten | 23.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Der junge Inspektor Morse | Staffel 3 ►

Der junge Inspektor Morse | Staffel 3 ►

Die Anklage gegen Morse, er habe den Polizeipräsidenten Standish ermordet, wurde fallengelassen. Endeavour ist nun wieder auf freiem Fuß – allerdings ist er vom Dienst suspendiert. DI Fred Thursday leidet noch immer unter den Folgen seiner Schussverletzung. Eine schwarze Stunde für die Polizei Oxfords. Doch die kriminellen Machenschaften lassen nicht lange auf sich warten: Kaltblütige Mörder, erbarmungslose Erpresser bis hin zu Gangsterbossen sorgen für Angst und Schrecken in der Stadt. Sind die beiden Detectives bereit, sich nach den schweren Rückschlägen erneut den Herausforderungen zu stellen und der Unterwelt Oxfords ein für alle Mal das Handwerk zu legen? (Serieninfo)

Rückschau auf Staffel 2

Während des letzten Falls in Folge 8 Staffel 2 wurden DI Fred Thursday und sein Untergebener Sergeantanwärter Morse in eine hinterhältige Falle gelockt, zumal von der County Police, welche zum Selbstzweck die Detectives der Mordkommission instruiert hatten, so dass von dieser Seite keine Unterstützung erfolgt. War es bisher schon ein schwieriges Verhältnis zwischen Morse und seinen Sergeanten-Kollegen, so wird es nun heikel. Bei dem Versuch die beiden Ermittler aus dem Weg zu räumen, geraten diese in die direkte Schusslinie.

Wir sehen, wie Fred Thursday schwer verletzt zu Boden geht und Morse ebenfalls durch einen Schuss verletzt wird. Es geht glimpflich aus, doch es war knapp. Gleichzeitig stellt Fred Thursday für sich selbst die Frage, ob er den Dienst quittieren soll, in den Raum. Morse ist klar, dass er ohne Thursday keine Chance in dieser Mordkommission hat, weshalb er in Erwägung zieht, der Polizeit ganz und gar den Rücken zu kehren. Das ist der Cliffhanger am Ende der ersten Staffel.

Morse ist suspendiert

Zu Beginn der nun dritten Staffel sehen wir Morse ganz privat, jedoch nicht in seiner uns bekannten Wohnung, sondern in einer Hütte im Wald, denn er ist nach den Vorfällen noch suspendiert und hat sich zurückgezogen. Beim Besuch eines Freundes, der ihn überredet, ihn zu seinem Haus und anderen Bekannten zu begleiten, kommen beide an einem Tatort im Wald vorbei, der bereits von der Spurensicherung untersucht wird. Man sieht die Zerrissenheit Morses und es sieht fast so aus, als ob er kurzerhand hinübergeht, um zu fragen, was passiert sei. Doch das erfährt er ohnehin frühzeitig, denn die Ermittlungen führen die Detectives auch in das Haus des Freundes, welcher ein ausschweifendes Leben führt und in dessen Kreis Morse so gar nicht passen mag.

Neustart für Morse und Thursday

Kurz und gut: Die Suspendierung wird aufgehoben und er sowie auch Thursday sind in Staffel 3 wieder in Oxford im Einsatz. Allerdings ergibt sich im Verlauf des zweiten Falls eine andere überraschende Neuerung in der Teambesetzung, denn Morses vermeintlicher Gegenspieler scheidet aus dem Dienst aus, da er heiratet und in dem Rinderzuchtbetrieb seines zukünftigen Schwiegervaters arbeiten wird. Etwas seltsam mutet Morses Wehmut an, denn ist er zwar ein guter Charakter, aber bisher hatte ich nie den Eindruck, dass ihm etwas an seinem Kollegen liegt, der keine Gelegenheit ausließ, um ihm Steine in den Weg zu legen und ihn zu verhöhnen.

Die Krankenschwester

Überraschend: Im zweiten Fall trifft Morse auf eine Krankenschwester. Diese war in Staffel 2 seine Freundin. Nunmehr begegnen sie sich, als ob sie Fremde sind. Entweder habe ich etwas Entscheidendes versäumt, oder ich irre mich bezüglich der Krankenschwester. Hinweise dazu gerne in die Kommentare!

Museales Ambiente und zu frische Requisiten

Für die Rezension standen mir die ersten beiden Folgen der dritten Staffel zur Verfügung. Die beiden Fälle konnten mich überzeugen, aber leider wie zuvor schon die Ausstattung der Serie leider nicht, denn man findet wiederum ein museales Ambiente, wobei die Garderobe mich manchmal nicht in die Zeit versetzen konnte und die Requisiten immer zu frisch aussehen. Dabei spielt natürlich auch der Film und das Licht eine Rolle, denn der digitale Dreh der 60er ist im Kontrast zu frappierend, als dass die Serie mich insgesamt zu einhundert Prozent überzeugen kann.

 

Der junge Inspektor Morse – Staffel 3
Veröffentlicht am 23. März 2018 bei Edel Germany
2 DVDs | 22,99 Euro
Laufzeit: 360 Minuten
Produktionsjahr: 2014
FKS 12
Trailer zur 3. Staffel

Weiterlesen: Rezension zu Der junge Inspector Morse Staffel 1 und Staffel 2.

12. Mai 2018

Deon Meyer | Die Amerikanerin

Deon Meyer | Die Amerikanerin

Dem ersten Polizeifahrzeug bot sich ein merkwürdiger Anblick, einzigartig für diesen südlichen Punkt Afrikas: Dreizehn Frauen standen in der ausklingenden Dunkelheit vor Tagesanbruch im Halbkreis um die Leiche und sangen Kirchenlieder, während der Taxifahrer daneben saß und zuschaute. (Auszug Seite 12)

Die gebleichte Leiche

In der Nähe von Kapstadt wird die Leiche einer weißen Frau aufgefunden. Sie wurde nackt auf einer Aussichtsplattform am Sir Lowry’s Pass drapiert. Todesursache war ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf. Die Ermittlungen der örtlichen Polizei stehen auf der Stelle, auch weil die Leiche mit reichlich Bleiche gewaschen und damit sämtliche DNA-Spuren zerstört wurden.

Erst als ein Hotelangestellter sie als Gast des Hotels identifiziert, kommt Bewegung in die Sache. Bei der Toten handelt es sich um Alicia Lewis, eine renommierte amerikanische Kunstexpertin. Sie hatte sich auf die Fahndung nach verlorenen und gestohlenen Kunstwerken spezialisiert. Aufgrund dieser Brisanz werden Bennie Griessel und Vaughn Cupido von der Valke, eine Spezialeinheit der südafrikanischen Mordkommission mit dem Fall betraut.

Ein unkalkulierbares Risiko

Bennie Griessel trägt sich mit Hochzeitsplänen. Den Antrag hat er seiner Freundin Alexa noch nicht gemacht. Erst mal will er einen adäquaten Verlobungsring kaufen, was mangels Geld gar kein leichtes Unterfangen darstellt. Zusammen mit Kollege und Freund Vaughn Cupido, der der Sache eher skeptisch gegenübersteht und in der Ehe ein unkalkulierbares Risiko sieht, begeben sie sich zu einem Pfandleiher. Ausgerechnet hier ergibt sich eine erste Spur. Ein unfassbar wertvolles Gemälde eines Schülers des holländischen Malers Rembrandt soll in Südafrika aufgetaucht sein.

Griessel und Cupido kannten diese verängstigte Reaktion schon, seitdem sie Constables im Streifendienst gewesen waren – die Körpersprache eines in flagranti Ertappten. Es folgte ein Moment, in dem sich keiner bewegte. Jäger und Beute standen einander gegenüber und schätzten sich ab, bevor die Jagd begann. (Seite 21)

Die Spur führt in die Niederlande vor 362 Jahren

Der Leser begleitet die beiden Kapteins Griessel und Cupido bei ihren schrittweisen Ermittlungen. Diese finden heraus, dass die in London lebende Lewis auf der Suche nach einem lange verschollenen Gemälde eines niederländischen Malers war. Anscheinend hatte sie einen Hinweis bekommen, dass dieses Kunstwerk sich am Kap befinden soll. Lewis hatte sogar ihren gut dotierten Job gekündigt und war nach Südafrika gekommen um sich mit einem Ahnenforscher zu treffen.

Der Professor verkündete den Namen „Carel Fabritius“ wie der Moderator eines Boxkampfs einen Fighter, für den er einen Riesenapplaus erwartet. Es folgte ein ungemütlicher Augenblick, in dem tödliche Stille herrschte. Die Ermittler reagierten nicht, da sie noch nie von Fabritius gehört hatten. (Seite 105)

Es geht um Carel Fabritius, einen Schüler des niederländischen Malers Rembrandt, den die beiden Polizisten nicht kennen. Dabei hat Pulitzer-Preisträgerin Donna Tartt in ihrem weltberühmten Roman Der Distelfink Fabritius ein Denkmal gesetzt. Der fesselnde Plot wird immer wieder unterbrochen durch einen Handlungsstrang, in dem ein Mann in Delft vor seinen Verfolgern flüchtet. Dieser klärt sich erst ganz zum Schluss bei der überraschenden Auflösung.

Deon Meyer hat für Die Amerikanerin einen handwerklich soliden Thriller erschaffen, der flott zu lesen ist und, typisch für ihn, auch immer einen Einblick in die südafrikanische Gesellschaft gibt. Dabei empfand ich diesen Krimi weniger schwermütig und melancholisch als andere Werke des südafrikanischen Schriftstellers. Besonders die trockenen Dialoge haben mich begeistert. Mit bewundernswert leichter Hand skizziert er sein Figurenpersonal. Sämtliche Charaktere werden glaubwürdig und authentisch wiedergegeben. Man spürt, dass ihm alle Figuren wichtig sind und deshalb sind sie sehr menschlich mit all ihren Eigenheiten gezeichnet. Auch die Schauplätze sind mit wenigen aber treffenden Worten detailgenau beschrieben, so dass ich immer ein Bild vor Augen hatte.

Projektarbeit

Der südafrikanische Autor ist eigentlich für längere Krimis bekannt. Deshalb erstaunt es, dass Die Amerikanerin mit nur knapp 200 Seiten daherkommt. In einem Nachwort erklärt er die Gründe: Es handelt sich um eine Novelle, die er für die Spannende Boekenweek 2017 in den Niederlanden schrieb. Es war für ihn eine Ehre aber auch aufregendes Neuland, dieses Format des Geschenkbuches zu erstellen und er tritt damit in die Fußstapfen vieler literarischer Größen. Da dieser sechste Teil auch dazu dient, Griessels Privatleben ein Stück weiter zu bringen, wollte Meyer diese Entwicklung nicht nur dem niederländischen Publikum vorbehalten. Ich hatte bisher noch keinen Teil aus der Bennie-Griessel-Reihe gelesen, aber diese Novelle macht große Lust darauf.

Der „Easy Rider“ der südafrikanischen Literaturszene ist 1958 geboren und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Kapstadt. Der 1,90 große Hüne mit einer Leidenschaft für Motorräder schreibt seine Romane auf Afrikaans, bevor sie ins Englische und dann in circa 25 weitere Sprachen übersetzt werden.

 

Rezension von Andy Ruhr.

Die Amerikanerin | Erschienen am 9. Mai 2018 bei Rütten & Loening im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-352-00914-3
208 Seiten | 12.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Deon Meyers Romanen Icarus.

10. Mai 2018

Anja Behn | Kalter Sand

Anja Behn | Kalter Sand

„Lautlos glitt ihr schlaffer Körper aus seinen steifen Armen. Er sackte auf die Knie, spürte die kühle Erde zwischen seinen schwitzenden Fingern. Er hob den Kopf und starrte in die Finsternis, bis das Mondlicht sie erhellte. Ein letztes Mal betrachtete er sie. Die tote Hülle im kalten Sand.“ (Auszug Seite 8)

Richard Gruben wird von seinem alten Studienfreund Philipp Stöbsand nach Gellerhagen an die Ostsee eingeladen, um mit ihm die Eröffnung seiner Fotoausstellung zu feiern. Die Vernissage wird allerdings durch einen Mann gestört, der behauptet, Philipp habe vor 6 Jahren seine damals 15-jährige Tochter Annika umgebracht. Diesen Vorwurf hört Richard zum ersten Mal. Was hat es damit auf sich? Und warum hat Philipp ihm diese Anschuldigungen verschwiegen? Ist da etwas Wahres dran?

Richard Gruben ist Mitte vierzig und Kunsthistoriker für britische Gemälde. Er hat einen zweijährigen Sohn, lebt aber von der Mutter getrennt. Vor kurzem ist er von Münster nach Dortmund gezogen, um näher bei seinem Kind zu sein.

Jedes Buch eine Steigerung

Kalter Sand von Anja Behn ist der dritte Küstenkrimi um Richard Gruben und ich finde, dass die Geschichten um den Protagonisten mit jedem Buch besser werden. Diese Geschichte war für mich sehr spannend und flüssig zu lesen. Es bekommen die meisten handelnden Personen eine Stimme und gerade dadurch werden am Anfang viele Informationen gestreut, die aber zunächst nicht näher erläutert werden und sich erst im Laufe der Geschichte erklären. Außerdem wurde ich beim Lesen zum mitraten animiert und am Ende überrascht. Einziges Manko ist, dass es für mich ein sehr kurzes Lesevergnügen war, da das Buch nur 240 Seiten hat. In eineinhalb Tagen war ich durch.

Der Protagonist Richard Grube

Richard Gruben wird mir von Buch zu Buch sympathischer. Er gewöhnt sich scheinbar an, bei jedem Besuch an der Ostsee eine Frau kennenzulernen und sich in sie zu vergucken. Mit seinem Freund, dem Polizisten Mulsow, überlegt und durchdenkt Richard alles, was er zu dem Fall von damals erfahren hat und scheut sich auch nicht, auf eigene Faust loszuziehen, obwohl er dabei nicht blauäugig oder naiv ist. Mir kommt Richard als ein besonnener, ruhiger und überlegter Mensch vor.

Fiktion und Realität

Auch die Landschaft der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst kommt nicht zu kurz. Der Ort im Buch ist ein fiktiv, wenn man sich aber auskennt, kann man erahnen, wo er sich befindet. Das finde ich beim Lesen immer sehr schön, wenn man anhand der Beschreibungen genau weiß, wo zum Beispiel die Person gerade steht und man vielleicht dort auch selbst schon mal war.

Anja Behn wurde 1972 in Rostock geboren, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet in einer Rostocker Baufirma. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Neben ihrer Leidenschaft für Küsten-Krimis widmet sie sich unter dem Pseudonym Jule Vesterlund auch dem Schreiben von gefühlvollen Liebesromanen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Kalter Sand | Erschienen am 15. März 2018 bei Emons
ISBN 978-3-7408-0281-3
240 Seiten | 10.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu Anja Behns Küsten-Krimis Stumme Wasser und Küstenbrut.

8. Mai 2018