Colin Walsh | Kala

Colin Walsh | Kala

Im Sommer 2003 genießen sechs Teenager, alle um die 15 Jahre alt, in der irischen Kleinstadt Kinlough einen endlosen Sommer, bis Katherine „Kala“ Lanann spurlos verschwindet und nicht mehr gefunden wird. Jetzt, 15 Jahre später, treffen sich drei der damaligen Clique in dem Küstenstädtchen wieder. Mush, der in der Kneipe seiner Mutter arbeitet und es nie aus Kinlough rausgeschafft hat, Helen eine Journalistin, die für eine Hochzeit eher widerwillig aus Kanada nach Irland zurückkehrt. Und Joe, in LA ein gefeierter Rockstar, der für einen Gig in das Örtchen an der irischen Küste zurückkehrt. Grade jetzt wird ein Skelett im Wald gefunden, bei dem es sich um die menschlichen Überreste der vermissten Kala handelt und fast zeitgleich verschwinden wieder zwei Jugendliche, die Schwestern Donna und Marie. Die drei werden von der Vergangenheit, die sie alle auf ihre eigene Weise verdrängt haben, eingeholt.

Alle haben sie ihre Theorie. Sogar ich. Irgendwo in einem dunklen Winkel meines Verstands hab ich sofort an Kala gedacht. Das wollte ich nicht denken, aber du kannst dich ein Leben lang daran abarbeiten, deinem Hirn vorzuschreiben, was es zu denken hat, kannst versuchen, deine Gedanken zu kontrollieren, als wärst du der scheiß Rain Man, ist alles für’n Arsch. (Auszug Pos. 152 von 5931)

Der Plot klingt im ersten Moment nach etwas, was man so schon öfter gelesen hat. Freunde treffen nach Jahren wieder an dem Ort aufeinander, wo sie vor Jahren auseinandergingen, ohne dass das traumatische Geschehen um die verschwundene Freundin geklärt worden wäre. Autor Colin Walsh erzählt in seinem Debüt in kurzen Kapiteln abwechselnd aus den Perspektiven unserer Protagonisten, die durch eigene Erzählstile gekennzeichnet sind. Bei Mush in einem einfachen Duktus mit vielen Slang-Ausdrücken, bei Joe mit vielen sich wiederholenden Inneneinsichten in der zweiten Person Singular. Diese sich wiederholenden, unnötig langen Reflexionen drehen sich im Kreis und behindern durchaus den Lesefluss. Die vielen Perspektiven erhöhen die Komplexität, es fühlt sich eher an, als müsse man sich den Plot erarbeiten und es dauert etwas, bis man aufgrund des Schreibstils in die Geschichte reingefunden hat.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits in der Vergangenheit zum Zeitpunkt von Kalas Verschwinden und in der Gegenwart. Die Rückblenden ins Jahr 2003 lassen den Sommer vor 15 Jahren lebendig werden und wenn der Roman hier das Leben für junge Menschen in einem kleinen Touristenstädtchen außerhalb der Saison als besonders öde und langweilig schildert, ist das natürlich ein Klischee, aber durchaus stimmig erzählt. Die pubertierenden Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe zu beobachten war glaubhaft geschildert. Die charismatische Kala war der strahlende Mittelpunkt der Clique, wirkte nach außen hin cool, aber im Inneren war sie eine zutiefst verunsicherte Seele. Hier fand ich einige Aspekte, wie die Dynamik innerhalb der Clique, die Spannungen, Loyalitäten und Geheimnisse, insbesondere die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses durchaus interessant geschildert.

Nach und nach werden die Geheimnisse des Dorfes aufgedeckt, in der die Clique reingeraten ist. Es geht um Seilschaften, krumme Geschäfte, um Tierquälerei, Geschäftemacherei, Geldwäsche und Korruption. Die fast mafiösen Strukturen in dem idyllischen Dörfchen haben mich verwundert, die Beschreibungen der brutalen Gewalt erschreckt. Nach einem zählen Mittelteil kommt auf den letzten 50 Seiten tatsächlich noch Spannung auf, auch wenn ich als erfahrene Thrillerleserin die Auflösung zumindest erahnt habe.

Bei Kala handelt es sich um eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und düsterem Thriller, wobei der Thrill schon einiges auf sich warten lässt. Vielleicht ist das auch das Problem, denn in keinem des Genres hat der Roman mich restlos überzeugt. Dabei hatten mich das Setting einer irischen Kleinstadt sowie die Vergleiche im Klappentext mit Tana French und Donna Tart neugierig gemacht und angefixt. Vielleicht waren meine Erwartungen deshalb auch zu hoch, aber diesem Anspruch wird Colin Walsh, obwohl sehr ambitioniert und mit literarischem Anspruch, gar nicht gerecht.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kala | Erschienen am 26.02.2026 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-989-41130-2
512 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Kala | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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