Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Später waren sich die vier Frauen nur in zwei Dingen einig. Erstens: Niemand hatte gesehen, wie die Wildnis Alice Russell verschluckte. Und zweitens: Alice hatte eine so scharfe Zunge, dass man sich daran schneiden konnte. (Auszug Seite 7)

Teambildende Maßnahmen

Mehrere Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft machen eine Trecking-Tour in den australischen Busch und folgen einer Route durch ein Wandergebiet.

Teambuilding heißt das Stichwort und die Firma praktiziert das jedes Jahr. Es werden zwei nach Geschlechtern getrennte Gruppen gebildet und ausgerüstet mit Rucksäcken, Kompass und Landkarten geht es ab in die australische Wildnis. Während die Männer drei Tage später pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheinen, fehlt von den fünf Frauen jede Spur. Schnell wird ein Suchtrupp gebildet, denn vermutlich stoßen die Outback unerfahrenen Frauen in der unerbittlichen Natur fernab jeglicher Zivilisation und auf sich alleine gestellt schnell an ihre physischen wie psychischen Grenzen. Als sie viel später verletzt und am Ende ihrer Kräfte aus der Wildnis auftauchen, fehlt eine von ihnen und zwar Alice Russell. Und hier kommt Aaron Falk von der Bundespolizei ins Spiel, den mancher Leser vielleicht noch aus dem Vorgängerband The Dry kennt. Er arbeitet in Melbourne bei der Steuerfahndung und Russell war sein Verbindungsglied. Als Informantin sollte sie für ihn Firmengeheimnisse aus dem Archiv der Kanzlei besorgen. Denn gegen die Firma wird wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt.

Zickenkrieg in der Wildnis

Parallel werden zwei Erzählstränge geschildert. In der Gegenwart begleiten wir Aaron Falk und seine Kollegin Carmen Cooper auf der Suche nach Alice Russell. Diese hatte Falk mit einem Handy, das sie trotz Verbotes mit auf die Tour geschmuggelt hatte, versucht zu erreichen und einen kryptischen Hilferuf abgesetzt. Auch die Presse stürzt sich auf den Fall, denn Alice verschwand in einem Gebiet, in dem vor Jahren ein Serienmörder sein Unwesen trieb. Dieser wurde gefasst, aber sein letztes Opfer wurde nie gefunden und sein Sohn gilt seit einiger Zeit als verschollen.

In einem weiteren Erzählstrang wird in chronologischen Rückblenden das tatsächliche Geschehen, die Wanderung der Frauen geschildert. Die von Beginn an schwelenden Konflikte, in der aus verschiedenen Hierarchien zusammengesetzten Truppe verstärken sich noch, als sie vom Weg abkommen, sich verlaufen und die Vorräte knapp werden. Besonders die dominante Alice weiß eigentlich alles besser und als die Kolleginnen beschließen, während der Dunkelheit und beißenden Kälte in einer Hütte zu rasten, macht sie sich schließlich gegen den Widerstand der anderen alleine auf den Weg. Die australische Autorin beschreibt sehr präzise, wie der Ton langsam rauer wird, die Umgangsformen sich verabschieden und schlussendlich die Gewalt eskaliert. Das harmlose Trekking-Abenteuer läuft aus dem Ruder und entwickelt sich zum Alptraum. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten kooperieren nicht wirklich und tragen lieber Machtkämpfe aus, sodass die Gruppe sehr schnell instabil wird.

In dem Chaos, in der Dunkelheit, war es unmöglich zu sagen, welche der vier sich nach Alice‘ Befinden erkundigt hatte. Hinterher, als alles noch schlimmer wurde, sollte jede behaupten, sie wäre es gewesen. (Seite 9)

In kurzen Kapiteln springt Jane Harper immer hin und her. Sie streut falsche Fährten, arbeitet mit Cliffhangern und setzt das gefahrvolle Setting des australischen Dschungels gekonnt in Szene. Das ist spannend und fesselnd geschrieben, über weite Strecken unterhaltend und lässt sich schnell weg lesen. Wie schon in ihrem mit dem CWA Golden Dagger ausgezeichneten Debüt The Dry spielt die australische Landschaft eine gewichtige Rolle und Harper nimmt sich sehr viel Zeit für die Beschreibung des undurchdringlichen Dickichts.

Trotzdem kann dieser zweite Band um Aaron Falk nicht an die Atmosphäre und Komplexität ihres ersten Thrillers heranreichen. Manche Finten waren mir auch zu offensichtlich und durchscheinend, glichen eher einem Budenzauber. Auf die kriminellen Aktivitäten der Kanzlei hätte man noch genauer eingehen können, denn man erfährt über die schmutzigen Geschäfte sehr wenig. Während der Protagonist Falk gut ausgearbeitet und ein grundsolider, zurückhaltender Sympathieträger ist, waren mir die anderen Figuren alle ein bisschen zu blass gezeichnet, sodass man nicht richtig mit ihnen mitfiebert.

Überrascht war ich von der Häufigkeit der Tippfehler, die sich eingeschlichen haben und meinen Lesegenuss minderten.

Alles in allem ist Ins Dunkel leichtgängige, spannende Unterhaltung, die zum Miträtseln einlädt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ins Dunkel | Erschienen am 24. Juli 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27473-2
416 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jane Harpers Roman The Dry

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