Kategorie: .17 special

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Langsam häufte es sich an. Das Ganze war ziemlich unnorwegisch. Internationales Niveau.
Durfte man sich eigentlich Massenmörder nennen, auch wenn man die Morde nicht eigenhändig beging?
Klavenes dachte nach. Stalin und Hitler wurden als Massenmörder bezeichnet, obwohl sie wahrscheinlich niemanden persönlich umgebracht hatten. (Auszug Seite 232)

Ein erfolgloser Angler macht in einem Angelrevier in bester Lage vor dem großen Immobilienprojekt Fornebu am Oslofjord einen grausigen Fund: Eine übel zugerichtete Wasserleiche, mit Beton an den Füßen im Fjord versenkt. Weil auch Leo Vangen dort regelmäßig geangelt hat, wird er von der leitenden Ermittlerin Mariken Varden, einer alten Schulfreundin, kontaktiert. Da Mariken Leos alte Liebe ist, will er bei den schwierigen Ermittlungen helfen. Alles deutet darauf hin, dass der Tote einer von den polnischen Bauarbeitern des Immobilienprojekts ist. Da Leo als Rechtsreferendar schon mal guten Kontakt zu polnischen Gastarbeitern hatte, begibt er sich auf Spurensuche in den Gastarbeiterunterkünften und kommt auf die Fährte eines alten Bekannten.

Terje Klavenes war früher mit Leo und Mariken in einem Schuljahrgang. Privat ist er schon ein mieser Typ und auch beruflich hat er sich mit nicht aufgefallenen Betrügereien immer weiter nach oben gebracht. Inzwischen ist er Chef einer Projektentwicklungsgesellschaft und ein eiskalter Immobilienhai. Immer auf der Suche nach einem Profit auf Kosten anderer. Momentan läuft es nicht optimal mit den Geschäften. Die Bauarbeiter klagen über die miese Behandlung und Bezahlung, die Eigentümergemeinschaft fühlt sich betrogen, weil immer noch nichts fertiggestellt ist und ein Vogelkundler will die Behörden einschalten, weil Klavenes Teile des Vogelschutzgebietes bebaut. Es knirscht also an allen Ecken, aber Klavenes hat zwei Männer fürs Grobe: Rino Gulliksen und Nils Hætta. Zwei Schmalspurgangster, aber zumindest Nils fühlt sich zu Höherem berufen und schreckt auch vorm Äußersten nicht zurück.

Autor Lars Lenth ist ein vielseitiger Typ und in Norwegen vor allem auch als Angel-Profi bekannt. Sein Hobby hat er in Fachbüchern, im Fernsehen und auf DVD zum Beruf gemacht. Daneben ist Lenth auch Rockmusiker. Als Autor schreibt er neben Sachbüchern auch Romane. Schräge Vögel singen nicht ist der zweite in Deutschland erscheinende Roman um den Rechtsrefendar Leo Vangen und erschien im Original bereits 2011.

Hauptperson Leo Vangen ist ein ziemlich durchschnittlicher Mann in seinen Vierzigern, der aus seinen Anlagen vermeintlich wenig gemacht hat. Obwohl mit gutem Abschluss hat er bereits nach der ersten Gerichtsverhandlung keinen Gerichtssaal mehr betreten und ist dadurch kein Anwalt geworden, sondern auf der Stufe des Rechtsreferendars geblieben. Auch privat läuft’s so mittel: Geschieden, fast erwachsener Sohn. Er lebt in Bærum, der reichsten Gemeinde Norwegens, auf einer schicken Insel in der familieneigenen Villa, die allerdings mangels Geld und Pflege zusehends herunterkommt. Grundsätzlich ist Leo aber ein guter, hilfsbereiter Typ. Insgesamt kommt Leo trotz seiner Neurosen aber ziemlich gut zurecht, ein wenig Ruhe im Leben ist schließlich auch nicht zu verachten. Dennoch entwickelt Leo eine ungeahnte Aktivität in diesem Fall, denn schließlich gilt es, seine alte Jugendliebe zu beeindrucken.

Schräge Vögel singen nicht ist wie es der ziemlich merkwürdige deutsche Titel andeutet, ein Krimi mit skurrilen und schrägen Elementen. Dabei schreibt der Autor mit einem schwarzen, zuweilen auch derben Humor, wobei er im Grundton schon ernst bleibt. Dazu eine durchaus sympathische Hauptfigur, die mich irgendwie entfernt an den Dude aus The Big Lebowski erinnert hat. Ein wenig Abzüge gibt es von meiner Seite für den fiesen Antagonisten Klavenes, der mir allzu plakativ geraten ist. Die Themen reichen von Immobilienspekulation, Korruption, Ausbeutung bis Umweltzerstörung. Insgesamt bringt Lars Lenth also höchst aktuelle Themen in die Geschichte ein, serviert sie aber mit einer durchaus angenehmen Mischung aus Melancholie und Witz, wobei es hier (Plot) und da (Spannung) sicherlich noch Luft noch oben gibt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schräge Vögel singen nicht | Erschienen am 23. September 2019 im Limes Verlag
ISBN 987-3-8090-2712-6
288 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unsers .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

„Es geht genau um diese Sache. Ich habe einen Tipp bekommen, der darauf hindeutet, dass der Mörder Bücher oder Filme als Vorbild für seine Morde benutzt.“ „Bücher…?“ Du meinst, er ist ein Copycat?“ Er hätte dieses Wort selbst nicht benutzt, aber es war absolut treffend. Copycat … jemand, der nachahmt, was andere vorgemacht haben. (Auszug Seiten 299-300)

Viljar Ravn Gudmundsson ist Journalist der Lokalpresse im norwegischen Haugesund, einer kleinen, idyllischen Stadt an der Nordseeküste. Früher war er mal der große Star der Redaktion. Doch ein grober Fehler vor circa vier Jahren beendete seine glanzvolle Karriere und der einst gefeierte Journalist wurde ein abgehalfterter Schreiberling, der von den Kollegen verachtet, nur noch mit Routineaufgaben beauftragt wird.

Ein großer Scoop?

Als er eine anonyme E-Mail erhält, in der ein selbsternannter Richter ein Todesurteil über eine Frau aus Haugesund ausspricht, die angeblich Schuld auf sich geladen hat und vor Gericht stand, aber aus Gründen nicht verurteilt wurde, denkt Gudmundsson kurz an einen großen Scoop. Doch dann tut er das Ganze als groben Unfug ab, leitet aber die mysteriöse E-Mail an die Polizei weiter. Am nächsten Tag wird tatsächlich die Leiche einer Frau gefunden. Und schnell steht fest, dass sie nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist, sondern gestoßen wurde. Mit ihrem Team versucht die junge Oberkommissarin Lotte Skeisvoll die zahlreichen Spuren am Tatort auszuwerten. Dabei kommt raus, dass Viljar und die Tote sich anscheinend gut kannten und so gerät der Journalist in den Fokus der Ermittlungen.

Am nächsten Tag trifft eine weitere E-Mail ein, in der das nächste Opfer angekündigt wird. Kurz darauf wird ein Mann vor seiner Haustür erschossen aufgefunden. Die Polizeibeamten sind über weite Strecken ratlos und hechten immer hinter dem wahnsinnigen Täter her. Dieser hat die Morde sorgfältig geplant und dirigiert die Ereignisse nach Belieben, also wie ein Maestro, so ist auch der norwegische Original-Titel. Aus Oslo wird der erfahrene Hauptkommissar Olav Scheidrup Hansen zur Unterstützung gerufen. Erst als ein belesener Beamter darauf kommt, dass der Täter offenbar ein Kenner skandinavischer Kriminalliteratur ist, kommt Bewegung in die Ermittlungsangelegenheit. Es werden Morde aus norwegischen Erfolgskrimis nachstellt. Angefangen von so namhaften Autoren wie Unni Lindell über Anne Holt, Karin Fossum bis Jo Nesbø.

Kaputte Protagonisten

Es gibt Rückblicke auf die Ereignisse des Jahres 2010, in denen der Leser erfährt, welche Schuld der Journalist auf sich geladen hat. Der Zusammenhang zu den aktuellen Morden wird aber erst langsam klar. Kapitel in denen der Täter zu Wort kommt, sorgen für weitere Unterbrechungen.

In diesem ersten Teil einer Trilogie um die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson spielt Autor Geir Tangen wirklich mit jedem Krimiklischee. Neben eisiger Kälte und düsterer Stimmung sind das die zerrissenen Helden und der geniale, wahllos tötende Serienkiller sowie brutale Morde. Auch im Handlungsablauf bedient sich der Autor bewährter Komponenten wie das Wechseln zwischen zwei Zeitebenen und das Legen vieler falscher Fährten. Da dürfen auch die inneren Monologe des irren Täters nicht fehlen.

Der einst supererfolgreiche Viljar befindet sich nach einem folgenschweren Fehler, bei dem durch seine Nachlässigkeit ein Informant aufflog, in psychologischer Behandlung. Der geschiedene Journalist wird als menschliches Wrack dargestellt, der durch ständige Angstzustände und Panikattacken nur noch chaotisch arbeitet.
Die disziplinierte Lotte arbeitet immer sehr genau und gut strukturiert. Andere finden sie fast überkorrekt und durch ihr ständiges Abwegen auch umständlich. Ein massiver Kontrollzwang dominiert ihren Alltag. Seit dem Tod ihrer Eltern fühlt sie sich für ihre jüngere, drogensüchtige Schwester Anna verantwortlich.

Fazit

Ich fand die Geschichte wirklich spannend erzählt, flüssig und wendungsreich geschrieben. Immer wieder tauchen neue Tatverdächtige auf, nur um der Geschichte kurz darauf wieder eine andere Wendung zu geben. Durch den einfachen Schreibstil liest sich der Thriller wie geschnitten Brot. Spannung entsteht nicht zuletzt auch, da Personen zu den Opfern gehören, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Zum Schluss war es vielleicht eine Wendung zu viel und auch das Motiv für den Täter fand ich ziemlich unglaubwürdig. Den Charakteren hätte etwas mehr Tiefe gut getan, die Differenzen zwischen der jungen Lotte Skeisvoll und dem erfahrenen aber übergriffigen Osloer Hauptkommissar Hansen hatten dafür auch genug Potential, welches verschenkt wurde. Überhaupt kommen die Polizeibeamten nicht wirklich gut weg. Es kommt schlussendlich zu sechs Opfern und die Beamten laufen immer nur hinterher und können die Morde nicht verhindern, denn der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und wahrscheinlich habe ich schon zu viele skandinavische Thriller gelesen, aber der Mörder war für mich keine Überraschung.

Geir Tangen lebt in Haugesund und ist ein bekannter Blogger. Auf Norwegens größtem Krimi-Blog Bokbloggeir.com schreibt er seit 2012 Krimi- und Thriller-Rezensionen. 2016 hat er sich seinen Traum erfüllt und mit „Maestro“ den ersten eigenen Thriller veröffentlicht. Der Schriftsteller war bei verschiedenen Zeitschriften journalistisch tätig und diese Erfahrungen konnte er durch authentische Beschreibungen des Redaktionsalltags in sein Debüt einarbeiten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Seelenmesse | Erschienen am 16. Oktober 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-24865-19
480 Seiten | 10.- Euro
Originaltitel: Maestro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Anne Holt | Blinde Göttin Bd. 1

Anne Holt | Blinde Göttin Bd. 1

Sie kam Håkon erschöpft vor, ihr weißer Atem jagte, obwohl sie doch ganz still saßen. […]
„Sieh dir seinen Geschäftskram genauer an“, befahl sie ihrem Vorgesetzten. „und laß eine Liste der Strafprozesse erstellen, in denen er während der letzten beiden Jahre aufgetreten ist. Ich wette, daß wir da irgendwas finden. Und außerdem“, fügte sie hinzu. „faßt die Fälle jetzt endlich zusammen. Und zwar gehören sie beide zu mir; ich hatte den ersten.“ Sie wirkte fast glücklich über den Gedanken. (Auszug Seiten 94-95)

Bei einer Runde mit ihrem Hund findet die Anwältin Karen Borg eine übel zugerichtete Leiche. Wenig später nimmt die Polizei einen verwirrten Mann mit blutiger Kleidung fest. Der Mann, ein Niederländer, gesteht den Mord, schweigt sich aber ansonsten aus. Kommisarin Hanne Wilhelmsen und Håkon Sand, Jurist im Polizeidienst, bearbeiten den Fall und würden gerne mehr über die Hintergründe erfahren. Da geschieht ein weiterer Mord, diesmal an einem schlecht beleumundenten Anwalt. Aus Intuition zieht Hanne Wilhelmsen eine Verbindung zum ersten Mord und behält damit recht.

Inzwischen hat Karen Borg auf dessen Wunsch die Verteidigung des Niederländers übernommen, obwohl sie eigentlich nur Wirtschaftsfälle verhandelt. Zwar hält sich der Mörder immer noch sehr bedeckt, aber inzwischen ist klar, dass es ein Mord im Drogenmilieu war. Der Täter bereut seine Tat, verschweigt aus Angst aber seinen Auftraggeber. Zwischen Karen Borg und Håkon Sand besteht seit gemeinsamen Studienzeiten eine enge Freundschaft und eine von ihr (bislang) nicht erwiderte Zuneigung. Dennoch arbeiten die beiden enger zusammen, als zwischen Polizei und Straftverteidiger üblich, und Karen erzählt, dass sie merkwürdigerweise von einem prominenten Anwalt mehrfach gebeten wurde, ihm das Mandat des Niederländers zu übergeben. Zudem findet Hanne Wilhelmsen heraus, dass der tote Anwalt Verteidiger des ersten Opfers war und sich beide am Tag des ersten Mordes getroffen hatten. Als Hanne im Präsidium niedergeschlagen wird und Akten verschwinden, sind sich Hanne und Håkon sicher, dass sie hier einen großen Fall mit der Drogenmafia vor sich haben, in den offenbar auch Osloer Rechtsanwälte verstrickt sind.

Autorin Anne Holt zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Norwegens. Holt studierte Jura, arbeite (wie Håkon Sand) als Juristin im Polizeidienst und als Anwältin. Für wenige Monate Ende 1996 bis Anfang 1997 war sie Justizministerin ihres Landes. 1993 erschien mit „Blind Gudinne“ der erste Teil der bis heute andauernde Serie mit der Osloer Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die mit ihrer Autorin einige Gemeinsamkeiten hat. So hat Hanne Wilhelmsen ein Faible für die Vereinigten Staaten und lebt in einer lesbischen Beziehung, trägt dies aber eher nicht nach außen. Die Figur Hanne ist eine attraktive, erfolgreiche Polizistin, eigenwillig, durchsetzungsstark, aber beliebt bei den Kollegen. In diesem ersten Band ist sie allerdings nicht die uneingeschränkte Hauptfigur, denn vor allem ihr Kollege Håkon Sand nimmt mindestens den gleichen Raum ein. Sand ist ein zuverlässiger, aber vom Polizeidienst zunehmend desillusionierter und ungeduldig gewordener Jurist. Obwohl formal Hanne Wilhelmsen vorgesetzt, beugt er sich ihren ermittlerischen Fähigkeiten. Privat ist er alleinstehend und voller Hoffnung, als seine große Liebe Karen Borg wieder in sein Leben tritt.

Auffallend an diesem Krimi ist das akribische Augenmerk, das die Autorin auf der Beschreibung der Vorgänge im Polizeipräsidium und der Figuren legt und dem Geschehen einen sehr authentischen Touch verliert. Insofern ist der generell immer etwas fragwürdige Vergleich zu einem berühmten Kollegen auf dem Klappentext („weibliches Pendant zu Henning Mankell“) nicht ganz verkehrt.

Grundsätzlich ist Blinde Göttin ein skandinavischer Kriminalroman mit durchaus klassischen Zutaten: Mord und Verbrechen mit Auswirkungen bis in höhere Kreise. Das hat man zwar schon mehrfach gelesen, aber wenn es so abwechslungsreich mit verschiedenen Perspektiven, glaubwürdigen Figuren und einem ordentlichen Spannungsbogen geschrieben ist wie in diesem Fall, dann nimmt man sich so einen Krimi doch gerne vor. Insofern ist Blinde Göttin ein immer noch sehr lesenswerter Klassiker des norwegischen Krimis.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blinde Göttin | Erstmals erschienen 1993
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. August 2002 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-23602-7
320 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Stephen King | Der Outsider ♬

Stephen King | Der Outsider ♬

Wie in vielen seiner Geschichten entführt Stephen King den Hörer wieder ins amerikanische Kleinstadtmilieu und wie so oft kommt das Grauen von innen. Hier in dem fiktiven Flint City in Oklahoma wird in einem Stadtpark die Leiche eines kleinen Jungen gefunden.

Coach T als Kindsmörder

Kurz darauf wird der geschätzte Jugendtrainer und Englischlehrer Terry Maitland während eines Baseballspiels verhaftet und vor allen Zuschauern einschließlich seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Handschellen abgeführt. Die drastischen Vorwürfe scheinen das medienwirksame Spektakel zu rechtfertigen: Der Coach soll den elfjährigen Frank Peterson sexuell missbraucht, grausam ermordet und sogar zerstückelt haben. Die Beweise sind erdrückend: Mehrere Zeugen haben Maitland mit blutverschmierter Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen und eindeutig identifiziert. An dem Lieferwagen, mit dem der Junge entführt wurde, finden sich Maitlands Fingerabdrücke. Als später auch seine DNA auf der Leiche des Opfers eindeutig festgestellt wird, besteht für den ansässigen Detective Ralph Anderson absolut kein Zweifel mehr an der Schuld des kumpelhaften Coach. Dass dieser auch seinen halbwüchsigen Sohn Derek trainierte plus die Abscheulichkeit des Verbrechens sorgte für zusätzlichen Druck und lassen Anderson nicht mehr sachlich agieren.

Der beliebte Coach T bestreitet die Tat auch nach seiner Verhaftung vehement. Er kann zur allgemeinen Verwunderung ein unwiderlegbares Alibi vorweisen, denn zur fraglichen Zeit war er mit mehreren Kollegen auf einer Tagung in einer anderen Stadt. Dies können nicht nur alle bezeugen, sondern es gibt auch einen Video-Mitschnitt einer Krimi-Lesung mit Harlan Coben, auf der Maitland eindeutig in der ersten Reihe sitzend zu erkennen ist und auch hier werden seine Fingerabdrücke sichergestellt.

Eine Stadt dreht durch

Inzwischen formieren sich die Bürger von Flint City zu einem hysterischen Lynchmob, der davon überzeugt ist, dass der bis dahin unbescholtene Coach T ein Monster ist. Nur Maitlands Frau und sein Anwalt Howard Gold halten noch zu ihm. Nicht nur für die Maitlands beginnt ein regelrechter Albtraum. Auch über die Familie des Opfers, die Petersons, bricht in immenser Geschwindigkeit Chaos und Elend herein. Es beginnt eine Tour de Force und man ahnt, dass diese tragische Geschichte ein katastrophales Ende nehmen wird. King entwirft hier mit großer Rasanz ein faszinierendes Szenario. Die vielen schockierenden Momente hatten an dieser Stelle eine große Sogwirkung auf mich und machten es mir schwer, das Hörbuch auszuschalten.

Die Verantwortlichen, allen voran, Detective Ralph Anderson, sind überfordert. Er bereut inzwischen den showartigen Verhaftungszirkus im Stadion zusammen mit dem ehrgeizigen Bezirksstaatsanwalt Bill Samuels. Die Widersprüche nagen an dem integren Detective und nach einer kurzzeitigen Suspendierung stellt er zusammen mit dem Anwalt Gold und dem Privatdetektiv Alec Pelly eigene Ermittlungen an. Als dazu Informationen aus einem anderen Bundesstaat benötigt werden, stößt auch noch die Privatermittlerin Holly Gibney dazu. Die schrullige Detektivin, ausgestattet mit einigen Zwangsneurosen, kennt man vielleicht aus der Bill-Hodges-Trilogie. Und diese sollte man vorher gelesen haben, da wirklich viel gepoilert wird!

Fazit

So sehr ich mich über das Auftauchen von Holly Gibney gefreut habe, geht dem Thriller in der zweiten Romanhälfte leider etwas die Luft aus. Die rätselhafte Geschichte lässt sich nicht plausibel auflösen und Stephen King zieht hier den übernatürlichen Joker. Obwohl dann natürlich das logische Mitraten wegfällt, habe ich gar kein Problem mit einem Wechsel ins Metaphysische. Aber zum einen verdrängt Holly den bisherigen Protagonisten Ralph Anderson und durchschaut relativ schnell das böse Horrorwesen. Und zum anderen konnte mich der Antagonist nicht restlos überzeugen. Der Gestaltwandler, der sich von Trauer und Elend nährt und sich auf eine mexikanische Folklegende bezieht, schien mir nicht komplett durchdacht und ist in Teilen ein alberner und wenig bedrohlicher Dämon.

Die Handlung flacht bis zum großen Showdown in einer Tropfsteinhöhle in Marysville auch durch viele Wiederholungen leider etwas ab und die Auflösung kann nicht vollständig überzeugen.

Stephen King ist ein großer, begnadeter Erzähler, egal welches Genre er bedient. Der Outsider ist eine komplex gestrickte Mischung aus klassischem Krimi und Horrormär mit intensiven Passagen am Anfang, in denen der Autor mit seinem schriftstellerischen Können glänzt und der zum Schluss etwas schwächelt und an Raffinesse verliert. So als hätte der Autor keine Lust mehr gehabt und die Geschichte schnell zu Ende gefrickelt.

Das macht David Nathan aber mit seiner begeisterten Lesung wieder wett. Er lässt sich richtig in die weit ausgebreitete Geschichte fallen und gestaltet die verschiedenen, lebensnahen Charaktere wirklich hervorragend. Kings Art zu schreiben ist wie für Hörbücher gemacht und Nathan gelingt es problemlos Bilder in die Köpfe der Hörer zu transportieren.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Outsider |Das Hörbuch erschien am 27. August 2018 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-4284-6
3 mp3 CDs | 24.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 19 Stunden 9 Minuten
Original-Titel: Outsider (Scribner)
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Stephen King | Mr. Mercedes Bd. 1 ♬

Stephen King | Mr. Mercedes Bd. 1 ♬

Bill-Hodges-Serie Band 1

In einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA haben sich schon vor Sonnenaufgang Hunderte Arbeitssuchende vor der Stadthalle versammelt. Jeder will der erste sein, wenn das Jobcenter öffnet. Da passiert das Unvorstellbare: Ein grauer Mercedes SL 500 rast ohne Vorwarnung in die Menge, setzt sogar noch mal zurück und nimmt erneut Anlauf. Es gibt jede Menge Schwerverletzte und acht Tote, darunter eine Mutter und ihr Baby. Der Wagen wird später gefunden, während der Fahrer unerkannt entkommen kann.

Der fette Excop

Monate später ist der kaltblütige Terrorakt immer noch nicht aufgeklärt und belastet den inzwischen pensionierten Detective Bill Hodges. Der übergewichtige Rentner verbringt seine Zeit in trostloser Stumpfsinnigkeit mit TV-Talkshows, Alkohol und zu fettem Essen. Ein einsamer Mann, der nach seiner Scheidung mit Depressionen dahinvegetiert, seine Dienstwaffe immer in Reichweite.

Das ändert sich, als Hodges plötzlich einen Brief vom Täter erhält, der sich mit dem grausamen Blutbad brüstet und ihn mit Hohn und Spott überschüttet. Er nennt sich Mr. Mercedes und weiß über diverse Einzelheiten der Tat Bescheid. Er erwähnt zum Beispiel Olivia Trelawney, von der er den Mercedes gestohlen hat. Die rechtmäßige Besitzerin hatte aufgrund von Schuldgefühlen kurz darauf Selbstmord begangen. Ziel des Briefes ist es, den Excop zu verunsichern und auch in den Suizid zu treiben. Doch Hodges münzt die Provokationen um und lässt endlich die Fernbedienung fallen. Aus seiner Apathie erwachend nimmt er die Herausforderung an. Anstatt seine ehemaligen Kollegen zu informieren, ermittelt er auf eigene Faust. Es entbrennt ein spannendes Katz- und Mausspiel über ein Chat-Forum, denn Mr. Mercedes lädt ihn ein, über eine Internetseite namens „Under Debbies Blue Umbrella“ mit ihm zu kommunizieren.

Der harmlose Eismann

Der Mörder bleibt für den Hörer kein Geheimnis, sondern wird in einem zweiten Handlungsstrang präsentiert. Brady Hartsfield ist ein junger unauffälliger Mann, der sich und seine Mutter mit zwei Jobs über Wasser hält. Als Servicemitarbeiter in einem Elektroladen ermöglicht ihm die Arbeit den Zugang zu vielen Wohnungen und zu Computern in vielen Haushalte. Zusätzlich fährt er als Verkäufer in einem kleinen bunten Eiswagen unbehelligt durch die Straßen, wobei er unbemerkt Hodges und seine Nachbarn beobachten kann. Immer darauf achtend, dass seine Verachtung und sein Hass für die zumeist junge Kundschaft nicht bemerkt wird. Im Keller hat sich der psychisch kranke und gestörte Mann einen Raum voller Computer und Elektronik eingerichtet. Mit seiner Mutter Debby, einer Alkoholikerin, verbindet ihn eine inzestuöse Hassliebe. Die Reaktion von Bill Hodges macht ihn ungeheuer wütend und dadurch nimmt sein krimineller Wahnsinn immer mehr Fahrt auf, bis er vollständig die Kontrolle verliert. Verschiedene Rückblenden erlauben Einblicke in Bradys seelische Abgründe inklusive gruseliger und verstörender Bilder.

Die Underdogs

Bill Hodges, unbeholfen im Umgang mit elektronischen Geräten, holt sich Hilfe bei einem Computer-affinen Nachbarsjungen. Jerome, ein aufgeweckter Jugendlicher, der ihm regelmäßig für ein Taschengeld den Rasen mäht, steht ihm nicht nur in Fragen des Internets zur Seite. Während seiner Recherchen lernt Hodges die Familie der verstorbenen Olivia Trelawney kennen und insbesondere die depressive, verhaltensgestörte Nichte Holly ist bald ein wichtiges Mitglied des Teams.

Fazit

Trotz einiger Zufälle, die die Geschichte weiterbringen und trotz einiger Klischees, an denen sich Stephen King bedient, hat mir der Thriller großen Spaß gemacht. Das liegt einmal an der tollen Schreibweise des Autors und an der durchgängigen Spannung, denn immer wieder sorgt Unvorhergesehenes für Überraschung und es kommt zu einigen Verwechslungen mit Todesfolge.

Der Auftakt ist, wenn auch schwer zu ertragen, ungeheuer fesselnd und aufwühlend, denn Stephen King hat ein feines Gespür für die Abgründe einer Gesellschaft. Er nimmt sich sehr viel Zeit um seine Geschichte ruhig und gemächlich aufzubauen und seine Figuren und deren ganz gewöhnliche Leben dem Hörer näher zu bringen. Seine große Stärke sind für mich die authentischen Figurenbeschreibungen, wobei er besonders mit dem Sympathieträger Bill Hodges punktet.

Die Beschreibungen der Menschen in der Arbeitslosenschlange in einer von der Wirtschaftskrise gebeutelten Stadt sind beklemmend genau. Indem King zwei Opfer des wahnsinnigen Anschlages heraus nimmt, um sie detailliert mit ihren Hoffnungen und Sehnsüchten auf den langersehnten Arbeitsplatz zu skizzieren, ist man als Hörer oder Leser sehr nah an den Figuren dran und fiebert mit ihnen mit. Sehr unterhaltsam fand ich auch die kleinen Anspielungen des Autors auf frühere Werke, wenn zum Beispiel auf dem Beifahrersitz des leeren Mercedes eine Clownsmaske gefunden wird. King erfindet den Thriller nicht neu, es ist ein klassischer, fast altmodischer Krimi aber auf die gute altmodische Art.

Mr. Mercedes ist der Auftakt zu einer Trilogie rund um den Ermittler Bill Hodges. Und die Szenen sind derart bildhaft beschrieben, dass es mich gar nicht verwundert hat, dass es tatsächlich eine Verfilmung gibt. Basierend auf Kings Vorlage Mr. Mercedes wurde eine gleichnamige Fernsehserie mit bisher zwei Staffeln ausgestrahlt. Die Geschichte hat mich sehr in den Bann gezogen und die Charaktere werden durch die hervorragende Lesung von David Nathan unglaublich lebendig.

Der Autor

Für die meisten Fans ist Stephen King der Meister des Horrors, bekannt und geliebt dafür, dass in seinen Werken immer viel Übersinnliches und Geisterhaftes geschieht und viel Blut fließt. Dennoch hat er nicht zum ersten Mal, so wie in diesem Thriller, das klassische Horror-Genre verlassen.  Der Vielschreiber legt einen Bestseller nach dem anderen vor und ist mit einem weltweiten Verkauf von über 400 Millionen verkauften Exemplaren einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. 2003 bekam er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 ehrte ihn der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama mit der National Medal of Arts. Mr. Mercedes gewann im Mai 2015 den „Edgar Allan Poe Award“.

Das war mein erster richtiger King und es wurde wirklich Zeit, dass ich mich intensiv mit diesem Ausnahmeschriftsteller beschäftigt habe!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Mr. Mercedes |Das Hörbuch erschien am 8. September 2014 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-2639-6
1 mp3 CD | 19.99 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 16 Stunden 30 Minuten
Original-Titel: Mr. Mercedes
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.