Kategorie: Ermittler

Rezensent

Tom Hillenbrand | Die Erfindung des Lächelns

Tom Hillenbrand | Die Erfindung des Lächelns

1911 wurde das berühmteste Gemälde der Welt, die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci, aus dem Pariser Louvre gestohlen. Es ist die Zeit der Belle Époque, die Blütezeit von Kunst und Kultur. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg dominiert in den Großstädten, besonders in Paris , das mondäne Leben der tonangebenden Pariser Bohème. Es findet auf den Boulevards, in den Cafés und Cabarets, in den Ateliers und Galerien, in den Konzertsälen und Salons statt.

Die Ermittlungen der Pariser Polizeipräfektur gingen ins Leere, der Diebstahl der Joconde blieb auch nach Aussetzung großer Summen als Belohnung mehr als zwei Jahre lang ungeklärt. Für die stolzen Franzosen, besonders für den Louvre, ein Riesenskandal. Der Museumsdirektor wurde entlassen, wochenlang beherrschte die Geschichte die Titelseiten der Zeitungen und das weltweit. Viele Bürger gingen in den Louvre, um sich die leere Stelle an der Wand anzusehen. Und erst danach, wurde aus da Vincis Ölgemälde „La Joconde“, dessen geheimnisvolles Lächeln und das Rätsel um die wahre Identität der Dargestellten bis dahin nur Kunstinteressierte betörte, das weltbekannte und meistbesuchte Kunstwerk.

Picasso in Nöten
Auch der spanische Künstler Pablo Picasso und sein Freund, der Schriftsteller Guillaume Apollinaire, gerieten unter Verdacht, da beide mit Géry Pieret, einem Kleinkriminellen, in Verbindung standen. Und tatsächlich hatte der aufstrebende Picasso sich von Pieret verschiedene Statuetten und Masken aus dem Louvre „besorgen“ lassen. Apollinaire wurde sogar verhaftet, musste aber aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen werden.

„Es muss logischerweise die sein, die da Vinci seinerzeit mit nach Frankreich genommen hat, an den Hof von Francois I. Oder glaubst du etwa, er hätte die zweitklassige eingepackt?“ „Wieso denn nicht? Vielleicht brauchte er Geld für die Reise. Er hat die gute Lisa in Florenz meistbietend verkauft. Und die mit dem schiefen Lächeln hat er mitgenommen, weil ihr Franzosen den Unterschied eh nicht bemerkt.“ (Auszug Position 6483)

Neben dem jungen Picasso und Apollinaire, die schon einen großen Raum im Roman einnehmen, werden noch viele andere historische Persönlichkeiten vorgestellt. Das sind beispielsweise die Ausdruckstänzerin Isadora Duncan und ihr Guru, der Satanist Aleister Crowley. Oder die gewalttätigen Anarchisten der Bonnot-Bande, die mit schonungsloser Brutalität ganz Paris in Angst und Schrecken versetzten. Und wieder stand die Pariser Polizei stümperhaft da, kann den Revoluzzern, die nach den Raubüberfällen schnell mit Hilfe gestohlener Kraftwagen entkamen, nicht habhaft werden, da ihnen Automobile noch nicht zur Verfügung standen. Wir begleiten Commissaire Juhel Lenoir von der Sureté Générale bei seinen schwierigen Ermittlungen, der auch nach Einstellung der Suchaktion an der Sache dranblieb.

Satanische Séancen und Opiumräusche
Tom Hillenbrand, der sich als Schriftsteller in unterschiedlichen Genres bewegt, hat einen der größten Kunstraube der Geschichte und seine späte Aufdeckung als Rahmenhandlung genommen, hat historisch verbriefte Fakten und Fiktion miteinander verbunden und rausgekommen ist eine launige und sehr unterhaltsame Story. Es ist aber auch ein wilder Ritt, der die damalige Faszination für Okkultismus mit satanischen Séancen und Halluzinationen ausgelöst durch viel Opium porträtiert.

Ich hatte etwas Mühe in das Buch hineineinzufinden. Das lag an der Vielzahl der Akteure, aber auch an dem episodenhaften Schreibstil. In jedem Kapitel wechseln Schauplätze, Handlungsstränge und Personen und zahlreiche Themen, wie das Entstehen des Kubismus, das Leben der Pariser Künstlerszene sowie die politischen Umtriebe der Anarchisten werden ausführlich beschrieben. Der vielschichtig konstruierte und glänzend recherchierte Roman lässt seine Leser tief in das historische Paris eintauchen. Dass diese brodelnde, pulsierende Stadt voller Umbrüche und rasantem Fortschritt damals das Zentrum der modernen Welt darstellte, kann man intensiv zwischen den Zeilen spüren.

Ausführlich schreibt Hillenbrand von den Diskussionen der Künstler in den Cafés, auf privaten Festen, in der Oper und beim Ballett. Eine hohe Konzentration ist gefordert, aber für Kunst- und Geschichtsinteressierte bietet der Roman eine Fülle an Informationen. Das Finale ist dann wieder ein spektakulärer sowie spannender Showdown mit einer augenzwinkernden Theorie und die Leser können darüber grübeln, was wahr und was erfunden ist.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Erfindung des Lächelns | Erschienen am 07. September 2023 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00328-4
512 Seiten | 25,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Tom Hillenbrand auf Kaliber.17

Joe Wilkins | Der Stein fällt, wenn ich sterbe

Joe Wilkins | Der Stein fällt, wenn ich sterbe

Wendell führte sie an die Lippen, das Bier schäumte wild in seinem Mund. Er kam nicht klar damit. Er wusste, dass er glücklich sein sollte, aber er war verlegen. Es erinnerte ihn an Macbeth. Wie gründlich alles schiefgehen konnte. Man zieht nicht ungestraft durch die Nacht und tut, was man will. (Auszug S.74)

Die Bull Mountains im Osten Montanas. Wendell Newman ist 24 Jahre alt und lebt allein im Familientrailer mitten im Nirgendwo. Seine Mutter ist vor kurzem verstorben, sein Vater seit langem vermisst. Wendell arbeitet als Helfer für alles beim Großgrundbesitzer Glen. Plötzlich taucht jemand von der Jugendhilfe bei ihm auf und übergibt ihm den siebenjährigen Rowdy, Sohn seiner Cousine, die zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Wendell ist anfangs arg überfordert, kümmert sich aber bald rührend um den Jungen.
Auch die Lehrerin Gillian und ihre fast erwachsene Tochter Maddie werden auf Rowdy aufmerksam, der anfangs überhaupt nicht sprechen will und sich in der Schule kaum zurechtfindet. Maddie näht sogar Kleidung für Rowdy und lernt Wendell kennen. Beide ahnen nicht, dass ein dunkles Ereignis aus der Vergangenheit sie verbindet.

Autor Joe Wilkins erzählt die Geschichte fast ausschließlich aus drei Blickwinkeln. Zum einen aus Wendells Sicht, zum anderen aus Gillians Sicht. Zuletzt lässt er noch Verl, Wendells Vater, mit einer Art Tagebuch zwischendurch zu Wort kommen. Wie der Leser nach und nach erfährt, hat Verl einen Ranger erschossen, ist in die Berge geflohen und seitdem verschollen. In kurzen Abschnitten richtet er auf der Flucht das Wort an seinen Sohn, zunächst wütend, im weiteren Verlauf versöhnlicher.

Die Geschichte ist eingebettet in einen politisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Sie spielt zur ersten Amtszeit von Präsident Obama. In den ländlichen Regionen Amerikas, auch in Montana, formiert sich Widerstand gegen eine progressive Politik aus Washington. Obwohl die strukturschwache Gegend stark durch Bundesmittel alimentiert wird, lehnen viele den Staat und seine Repräsentanten ab. Jetzt ist angeblich ein Wolf aus dem Yellowstone-Nationalpark in die Bull Mountains gewandert und droht, einheimisches Vieh zu reißen. Es bilden sich Bürgerwehren und bewaffnete patriotische Gruppen, teilweise unterstützt von den Großgrundbesitzern. Bislang war das alles nur Säbelrasseln, aber ein Funke könnte eine Tragödie auslösen. Und auf diesen Funken arbeitet Autor Joe Wilkins ganz langsam hin.

Und der Tag verlor sich in seine Tiefen. Wurde zu einem kratzenden und knurrenden, luftholenden Etwas. Ein grosses, muskulöses Tier stellte sich auf seine Hinterbeine, richtete sich zu seiner vollen, schrecklichen Grösse auf und sog die untergehende Sonne, den schwachen Wind und die Abendlieder der Vögel in seine Lungen ein. Es atmete sie alle ein, als wären sie Staub, und atmete sie wieder aus. (Auszug S.278-279).

Der Autor stammt selbst aus der Gegend und lässt das ländliche Montana und seine Berglandschaften eine Hauptrolle in seinem Roman einnehmen. Die Beschreibung der Landschaft und seiner Bewohner – Mensch wie Tier – gelingt für meinen Geschmack herausragend. Überhaupt will Joe Wilkins hier keine schnelle Geschichte erzählen, sondern nimmt sich sehr viel Zeit für das Setting und führt im Stile eines Sozialdramas die beiden Hauptfiguren ein und enthüllt ihre Vergangenheit, ihre Abgründe und Sehnsüchte. Wendell, ein einsamer junger Mann aus schwierigen Verhältnissen, mit der rauen, gewalttätigen Seite der Gegend großgeworden. Er ist aber clever, belesen und lässt sich nicht so leicht vor den Karren spannen, auch nicht von denen, die seinen Vater für einen Märtyrer halten. Auf der anderen Seite Gillian, mittleren Alters, verwitwet, hat den gewaltsamen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden, sucht Trost in wechselnden Bekanntschaften und Alkohol. Als Lehrerin aber sehr engagiert und bemüht, zumindest den Kindern dieser Rednecks eine Perspektive aufzuzeigen.

Wilkins‘ Roman birgt viele Facetten, ist zugleich Gesellschaftsroman, Western und Noir. Seine eindringliche Schilderung der Umstände und der Lebenswelt im Westen Montanas ist einerseits scharf und klar, gleitet anderseits auch immer mal wieder ins Lyrische, Poetische, Mystische ab. Der Roman scheint sich irgendwie an seinen Höhepunkt heranzuschleichen, an dem sich dann auch alles verdichtet und explosionsartig entlädt. Das hat mich sehr überzeugt, für mich ist „Der Stein fällt, wenn ich sterbe“ ein absolutes Jahreshighlight.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Stein fällt, wenn ich sterbe | Erschienen am 05.09.2023 im Lenos Verlag
ISBN 978-3-03925-029-5
373 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Fall Back Down When I Die | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Joe R. Lansdale | Moon Lake

Joe R. Lansdale | Moon Lake

Wir waren in unserem klapprigen Buick unterwegs, der noch aus einer Zeit stammte, in der die Autos groß gewesen waren und der amerikanische Traum für jeden erreichbar schien, der weiß, männlich, heterosexuell und gewillt war, ihn zu träumen. Alle anderen mussten eine Nummer ziehen und warten. (Auszug Seite 6)

Daniel Russell ist 14 Jahre alt und lebt alleine mit seinem Vater in Ost-Texas. Seit seine Mutter die Familie vor ein paar Monaten ohne eine Nachricht verließ, hat sein Vater nicht nur seine Arbeit, sondern auch den Boden unter den Füßen verloren. Eines Nachts fährt der verzweifelte und total überforderte Mann mit Daniel zum nahegelegenen Stausee nach New Long Lincoln und hält auf einer klapprigen Brücke. Die Stadt unter dem See, ehemals Long Lincoln war vor Jahren überschwemmt worden. Dannys Vater erzählt ihm, dass er hier aufgewachsen ist und hier auch Daniels Mutter, seine große Liebe kennengelernt hat. Der Ort wurde damals evakuiert, als das Wasser in die Stadt geleitet wurde, befanden sich jedoch noch Menschen in den Gebäuden, von denen viele elendig ertranken. Plötzlich gibt er Gas und lenkt den alten Buick über das Geländer ins eisige Wasser. Während sein Dad mitsamt Wagen in der Tiefe verschwindet, gelingt es dem Jungen, sich zu befreien. Er wird von der etwa gleichaltrigen Ronnie Candles ans Ufer gezogen, die ganz in der Nähe mit ihrem Vater angelte.
Danny kann einige Monate bei den Candles verbringen, die sich liebevoll um ihn kümmern. Die Familie fängt ihn auf und lässt ihn an ihrem Leben teilhaben. So lernt Danny zum ersten Mal in seinem Leben Geborgenheit kennen, aber auch den nach wie vor existenten tagtäglichen Rassismus, dem die schwarze Familie ausgesetzt ist. Schließlich wird eine Tante ausfindig gemacht und er muss zu ihr ziehen.

Leichen auf dem Seegrund
Zehn Jahre später trocknet der Moon Lake aufgrund einer Hitzeperiode komplett aus und legt nicht nur den überfluteten Ort frei, sondern auch den Buick seines Vaters. Im Wagen kann die Polizei nicht nur dessen Überreste sondern auch eine weibliche Leiche im Kofferraum bergen. Chief Dudley vermutet, dass es sich um Daniels Mutter handelt. Dieser, inzwischen Journalist und Autor, kehrt nach New Long Lincoln zurück, um der Sache auf den Grund zu gehen. Zusammen mit Ronnie Candles, die mittlerweile bei der örtlichen Polizei arbeitet, besucht er die überraschend gut erhaltene Stadt auf dem Seegrund. Die beiden stoßen nicht nur auf einige Fahrzeuge, in denen sich weitere Leichen finden, sondern auch auf große Widerstände seitens der Stadt. Diese wird seit Jahrzehnten von einer totalitären Elite-Clique beherrscht, die skrupellos und mit grenzenlosem Egoismus regieren. Was ist dran an den Gerüchten, dass der Rat der Stadt damals aus Gier den Tod der Bewohner billigend in Kauf genommen hatte?

Der fast volle Mond schien auf dem Wasser zu treiben. Ich erinnere mich an seinen Glanz und die Art, wie sich die Schatten der Bäume am Seeufer zu ihm hinstreckten wie Finger aus Schokolade, die nach einem Silberteller greifen. (Auszug Seite 6)

Lansdales Schreibstil besticht gleichermaßen durch Poesie, knackige Metaphern sowie eindringliche Formulierungen für Gewalt, Brutalität und Tod. Der Roman wechselt zwischen verschiedenen Genres hin und her, ist Crime Noir, Coming-of-Age und Mystery gewürzt mit Horrorelementen. Dabei schießt er auch das ein oder andere Mal über das Ziel hinaus und die gruselige Verschwörungstheorie, die hier gesponnen wird, driftet zumindest im Finale ins Absurde ab. Für mich tat das dem Vergnügen jedoch keinen Abbruch und ich genoss die entfesselte Geschichte mit wirklich sehr vielen Leichen und mit einem teilweise abstrusen Plot. Der Roman bietet eine packende Handlung in einer durchweg schaurigen Stimmung, ist gespickt mit überraschenden Wendungen, knochentrockenen Dialogen und ungewöhnlichen Figuren. Die übernatürlichen Sequenzen und menschlichen Abgründe lassen den Lesenden gruseln, der lakonische Humor aber auch oft schmunzeln.

Gesellschaftskritik in trashigen Sequenzen
„Moonlake“ spielt wie so oft in Lansdales Heimat Ost-Texas und geht zurück in die 60er und 70er Jahre. Wobei das Cover scheinbar auch aus dieser Zeit stammt. Der Altmeister teilt gerne aus gegen die stockkonservativen Einwohner der Südstaaten und zeichnet ein wenig positives Bild dieses Landstrichs. Dabei transportiert er fast beiläufig seine Gesellschaftskritik wie Rassismus, Kapitalismuskritik, Fremdenfeindlichkeit und soziale Ungerechtigkeiten mit Horrorelementen in trashiger hardboiled Tradition. Seine Stärken liegen für mich in der Erschaffung lebendiger Charaktere. Seine Figuren bilden stets das Zentrum der Ereignisse, ihre Hintergründe und Beziehungen zueinander sind ihm allzeit wichtig. Das gilt im Besonderen für Daniel, aus dessen Perspektive erzählt wird, dessen Entwicklung wir verfolgen und der seine Menschlichkeit nie verliert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Moon Lake | Erschienen am 08.11.2022 im Festa Verlag
ISBN 978-3-9867-6030-4
464 Seiten | 26,99 €
Originaltitel: Moon Lake | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu „Ein feiner dunkler Riss“ von Joe R. Lansdale

James Lee Burke | Verschwinden ist keine Lösung (Band 23)

James Lee Burke | Verschwinden ist keine Lösung (Band 23)

Es ist geschafft. Mit dem 23. Band endet (vermeintlich) eine der am längsten laufenden Krimireihen. 1987 erschien mit „Neon Rain“ (dt. „Neonregen“) der erste Band um Dave Robicheaux, damals noch beim New Orleans Police Department. James Lee Burke hat die Reihe nun mit „A Private Cathedral“ (die Titel waren schon immer oft schwer zu übersetzen, der deutsche Titel diesmal wirkt etwas unbeholfen) scheinbar abgeschlossen. Mehr oder weniger zumindest, denn offenbar hat Burke bereits einen Titel mit Daves Intimus Cletus „Clete“ Purcel vorbereitet. Mit dem vorliegenden Band endet auch ein verlegerisches Großprojekt. 2015 veröffentlichte Günther Butkus den 15. Band „Sturm über New Orleans“, nachdem mehrere Titel zuvor nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden waren. Er traf damit einen Nerv und war Teil eines Comebacks des Autors in Deutschland. Anschließend nahm Butkus die große Aufgabe an, die gesamte Reihe im Pendragon Verlag wiederaufzulegen bzw. als deutsche Erstausgabe zu veröffentlichen.

Zeitlich spielt „Verschwinden ist keine Lösung“ irgendwann vor 9-11 und ist damit in der Chronologie irgendwo mittendrin. Auch wenn es natürlich eine Chronologie gibt und eine gewisse Entwicklung im Leben der Hauptfiguren – allen voran Daves Ehefrauen und seine irgendwann erwachsene Tochter Alafair – es war eigentlich nicht allzu sehr problematisch, einzelne Bände nicht in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Für Neueinsteiger bietet es sich allerdings nie an, mit dem letzten Band zu beginnen. Dieses Mal kommt außerdem hinzu, dass dieser Roman sich für meinen Geschmack nochmal sehr an die eingeweihten Kenner des Robicheaux’schen Kosmos richtet. „A Private Cathedrale“ ist eine Quintessenz der gesamten Reihe, in der Dave und Clete als Aufrechte und Gerechtigkeitsfanatiker einen zwar von kleinen Erfolgen gekennzeichneten, aber letztlich scheinbar vergeblichen Kampf gegen „das Böse“ führen, diesmal noch stärker begleitet von metaphysischen, übernatürlichen Elementen, eingebettet in die traumhafte Landschaft Lousianas..

„Willst du dir noch etwas von Seele reden, Streak?“
„Ich habe ‚Warn-Träume‘. Stürmische See, eine Galeere mit Strafgefangenen, die an die Riemen gekettet sind. Sie sehen aus, als wären sie in der Hölle.“
„Du hast mir gerade eine Scheißangst eingejagt.“
„Warum?“
„Ich hatte den gleichen Traum.“
Es fühlte sich an, als hätte er mir in die Magengrube getreten. (Auszug S.71)

Wie die meisten Romane der Reihe ist eine Inhaltsangabe eher schwierig, denn Burke schickt seine Hauptfiguren in einen sehr komplexen Plot, in dem die Suche nach der Quelle der menschlichen Grausamkeit sich als rote Faden durch die Seiten zieht. Durch eine zufällige Begegnung an einem Pier in Texas lernt Dave die junge Isabell Belangie kennen, Tochter eines Mafiaso, die angeblich an den rivalisierten Clan um den skrupellosen Mark Shondell als Faustpfand „abgegeben“ wurde. Dies ruft Dave auf den Plan, der diesen „Menschenhandel“ hinterfragt und in ein Nest von Soziopathen stößt. Es geht um kriminelle Machenschaften, Grausamkeiten und ein Wiedererstarken rassistischer Politik. Und dann taucht der noch ein „Zeitreisender“ auf, Gideon Richetti, ein grausamen Rächer, allerdings auf der Suche nach Erlösung. Das klingt nicht nur biblisch-mystisch, sondern ist es auch. Das Fantastische, das den traumatisierten Dave (und auch Cletus) immer wieder mal in den Romanen begegnet, wird hier auf die Spitze getrieben, steht aber immer im Kontext zum zentralen Thema des Romans.

Ich hatte ihn für jemanden gehalten, der von grausamen Kräften angetrieben wurde, doch in Wirklichkeit war er eher Opfer als Täter; und meine weltliche Erfahrung hatte mich meiner Meinung nachder Erkenntnis kein Stück nähergebracht, warum die Menschen so eine Vorliebe für Unmenschlichkeit hatten. Unabhängig von Gesellschaft oder geschichtlicher Epoche scheinen sich der Sukkubus und Inkubus ihren Weg in unsere Mitte zu bahnen oder waren latent oder als Keim von Beginn an in uns vorhanden. (Auszug S.279)

„Verschwinden ist keine Lösung“ ist ein brutaler, harter Thriller und zugleich ein zutiefst philosophisch-ethisch-religiös geprägter Roman. Autor James Lee Burke schickt seine Protagonisten auf eine finale Tour de Force, einen letzten, wütenden Kampf gegen die Sklavenhalter, Menschenschänder, Rassisten und Faschisten dieser Welt. Und auch wenn manches Bild und manches Übernatürliche den Leser verwirren mag, halte ich es letztlich mit Kritiker Tobias Gohlis, der zu diesem Buch meinte: „Man muss nicht alles verstehen, um dieses Meisterwerk großartig zu finden.“ Ein Lob verdienen zudem Übersetzer Jürgen Bürger und Jochen König für sein sehr lesenswertes Nachwort, in dem er diesen Roman nochmal in die Gesamtreihe einordnet.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Verschwinden ist keine Lösung | Erschienen am 26.07.2023 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-755-0
466 Seiten | 24,- €
Originaltitel: A Private Cathedral | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Alle Rezensionen zur Robicheaux-Reihe auf Kaliber.17
Weiterlesen II: Beitrag zu „Verschwinden ist keine Lösung“ und Rückblick auf die Reihe von Hanspeter Eggenberger im Crimemag

Matt Query & Harrison Query | Old Country – Das Böse vergisst nicht

Matt Query & Harrison Query | Old Country – Das Böse vergisst nicht

Es war ein fremdartiges Gefühl von Furcht, wie eine Ansteckung, ein Panikvirus, der nicht aus dir selbst kommt, sondern sich von außen einen Weg in dein Bewusstsein bahnt. Ich spürte einen Druck auf meinen Ohren. (Auszug Seite 309)

Eine eigene kleine Farm in der weiten Natur, Ruhe in der ländlichen Abgeschiedenheit. Für das junge Paar Harry und Sasha Blakemore geht ein Lebenstraum in Erfüllung, als sie den Zuschlag für eine Ranch in Idaho bekommen. Voller Vorfreude machen sie sich mit Jagdhund Dash auf den Weg in die Abgeschiedenheit, weit weg von ihren Familien. In den Bergen angekommen sind sie überwältigt von der traumhaft schönen Landschaft direkt vor den Ausläufern der Rocky Mountains. Die nächsten Nachbarn Dan und Lucy Steiner wohnen einige Meilen entfernt. Das ältere Ehepaar steht mit Rat und Tat zur Seite und hilft den Neuankömmlingen, sich in das Leben als Farmer einzufinden.

Das Grauen in der Idylle
Als sie die Blakemores allerdings mit einem uralten Geist konfrontieren, der in jeder Jahreszeit in unterschiedlicher Manifestation die Bewohner des Tals heimsucht, sind Harry und Sasha mehr als skeptisch. Es gibt genaue, auch schriftlich fixierte Anleitungen, um den Geist in Schach zu halten. Wenn die beiden Neufarmer sich an diese Anweisungen halten und die Rituale genauestens befolgen, würde ihnen nichts passieren. Besonders Harry weist die bevorstehenden Heimsuchungen brüsk als abwegige Spinnerei ab und fühlt sich veräppelt. Doch während Harry und Sasha sich langsam einrichten, zum Reiten, Fischen und zur Moorhuhnjagd gehen, bricht das Grauen über die Idylle herein.

Die Handlung ist in 5 Abschnitte unterteilt und folgt der Dramaturgie der Jahreszeiten. Die Perspektive, die kapitelweise zwischen Harrys und Sashas Sicht hin und her wechselt, ist in der Ich-Form verfasst. Dadurch entsteht eine dichte Psychologisierung des jungen Paares. Die Figuren sind sympathisch und authentisch, nahbar und mit Hintergrund gezeichnet. Harry ist ein Afghanistan-Veteran, in Rückblenden erfahren wir viel über die traumatischen Geschehnisse, die er auch noch nicht endgültig verarbeitet hat. Selbst mit seiner Frau, zu der er eine sehr innige und intensive Beziehung pflegt, spricht er nicht über seine Zeit als Marine in den Kriegsgebieten. So liebevoll Harry zu seiner Frau und dem Golden Retriever ist, kann er aber auch schon mal sehr hitzig und impulsiv handeln und wenn er Gefahr für seine Liebsten wittert, fühlt er sich schnell provoziert.

„Ich habe bereits Menschen erschossen, Lucy. Echte Menschen. Dass dieser verdammte … Geist echt ist, beunruhigt mich weit mehr, als einen Kerl abzuknallen, der meine Frau und mein Zuhause bedroht.“ (Auszug Seite 158)

Old Country ist ein mystischer Spannungsroman mit Gruselelementen, wobei die gruseligen Abschnitte doch überschaubar waren. Dabei schleichen sich die schaurigen Szenen langsam an und waren für mich eher skurril als gänsehauterzeugend. Das vorhersehbare Regelwerk konterkariert unweigerlich den Spannungsbogen. Das liegt daran, dass wir aufgrund der Anleitung von Dan und Lucy ja immer schon genau wissen, was passiert. Auch wenn durch Harrys teilweise ungestümes Verhalten das ein oder andere Unvorhergesehene passiert, werden die Gefahren allzu gleichförmig erzählt. Die Zeit zwischen den übernatürlichen Ereignissen war mit detaillierten Beschreibungen des alltäglichen Lebens, traumatischen Erinnerungen und Rückblenden gefüllt.

Horror im Winter
Im letzten Drittel wächst die Bedrohung und das Tempo zieht an. Die Horror-Momente im Winter werden sehr bildhaft und plastisch geschildert und zumindest meine Nackenhaare stellten sich auf. Als klar wird, dass kein Entkommen möglich ist, die Farm verlassen und irgendwo anders neu anzufangen, keine Option darstellt, spitzt sich alles zu.

Old Country ist gradlinig in einer gefälligen Sprache und einer fast heimeligen Erzählweise geschrieben. Der weitläufige Schauplatz wird anschaulich geschildert, die Verbundenheit zur Natur ist omnipräsent. Die Brüder Matt und Harrison Query nehmen sich viel Zeit für Setting und Charaktere. Ich habe immer wieder gerne zum Buch gegriffen, auch wenn es sich eher um eine gemütliche, zurückhaltende Spannung mit einer subtil bedrohlichen Aura handelt. Eine Verfilmung kann ich mir gut vorstellen und das Erfolgsteam Shawn Levy und Dan Cohen, die Macher von Stranger Things, sollen schon ihr Interesse bekundet haben.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Old Country – Das Böse vergisst nicht | Erschienen am 15. Februar 2023 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-45332-231-8
432 Seiten | 15.- Euro
Originaltitel: Old Country | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Michael Pfingstl
Bibliografische Angaben & Leseprobe