Kategorie: Gunnar Wolters

Henning Mankell | Mittsommermord

Henning Mankell | Mittsommermord

Vor zwei Wochen hatten sie beschlossen, wo sie sich treffen wollten. Da war er ihnen schon seit einigen Monaten dicht auf den Fersen. Schon am Tag, nachdem sie ihren Beschluss gefaßt hatten, suchte er die Stelle. […]
Als er dann die Stelle fand, die sie für ihre Mittsommernachtsfeier ausgesucht hatten, dachte er sofort, daß es der ideale Ort war.
Er lag in einer Senke. Darum herum wuchs dichtes Gebüsch, und es gab ein paar Baumgruppen.
Sie hätten keine bessere Stelle wählen können.
Weder für ihre eigenen Zwecke noch für seine. (Auszug Seiten 9-10)

Sommer in Schonen: Kommissar Wallander und seine Kollegen müssen einen Vermisstenfall bearbeiten, der aus ihrer Sicht vermutlich gar keiner ist. Drei junge Menschen sind seit Mittsommer verschwunden, als sie gemeinsam eine Feier geplant hatten. Allerdings schicken sie seitdem in regelmäßigen Abständen Ansichtskarten aus europäischen Städten. Die jungen Leute sind volljährig, es gibt keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen, Wallander würde vermutlich gar nicht ermitteln, wenn nicht besonders eine Mutter immer wieder die Polizei bedrängen würde. Doch dann werden die Polizisten von einem Mord erschüttert: Ihr Kollege Svedberg wurde in seiner Wohnung von einem unbekannten Täter erschossen.

Zunächst hat Wallander wenig Anhaltspunkte, bis er zwei Dinge herausfindet. Svedberg hatte offenbar eine Beziehung zu einer Frau, von der niemand etwas wusste. Er findet ein Foto und einen Namen, „Louise“. Außerdem bemerkt Wallander, dass Svedberg das Verschwinden der drei jungen Leute offenbar ernst nahm und während seines Urlaubs eigene Ermittlungen anstellte. Doch warum teilte er diese nicht mit seinen Kollegen? Mitten während der Mordermittlungen findet ein Wanderer im Wald die Leichen der Vermissten, die offenbar schon länger tot waren und nun arrangiert in festlichen Kostümen platziert wurden. Ein unfassbares Verbrechen, dass Wallander und seine Kollegen unter noch größeren Erwartungsdruck setzt. Aber Wallander hat schnell das Gefühl, dass beide Taten zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wird der Täter wieder zuschlagen?

Mehr als 25 Jahre nach seinem ersten Auftritt in Mörder ohne Gesicht ist die Figur des Kurt Wallander ein fester Bestandteil des internationalen Kanons der Kriminalliteratur. Der Kommissar aus Ystad wirkte in insgesamt zwölf Bänden, war Protagonist in zahlreichen Verfilmungen, die zum Teil auf den Romanen beruhen, teils Figuren und Setting mit neuem Stoff adaptieren. 1991 erschien Mördare utan ansikte. Der Roman gewann auf Anhieb den schwedischen und skandinavischen Krimipreis. Der internationale Durchbruch ließ aber noch ein wenig auf sich warten. In Deutschland entschied sich der Rowohlt Verlag gegen eine Veröffentlichung. Die ersten drei Bücher erschienen ab 1993 beim kleinen Berliner Verlag edition q, der zum Quintessenz Verlag gehörte, einem Fachverlag für Zahnheilkunde. Erst 1999 übernahm der Paul Zsolnay Verlag die Erstveröffentlichungen.

Vor allem hofft ein guter Polizist, daß die Kriminalität abnimmt. Aber ein guter Polizist weiß gleichzeitig, daß dies kaum eintreten wird. Solange die Gesellschaft ist, wie sie ist. Solange Ungerechtigkeit der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist. (Seite 400)

Nachdem es nach den Kommissar-Beck-Romanen international mit schwedischen oder skandivanischen Krimis relativ ruhig wurde, erlebte das später Scandinavian Noir getaufte Genre in den 1990ern international eine Renaissance (einer der herausragenden initiierenden Romane war Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee). Dabei wurde Henning Mankell mit Wallander zum bedeutenden Vertreter. Mankell sah sich in direkter Tradition von Sjöwall/Wahlöö: Beck und Wallander weisen durchaus ähnliche Züge auf und Mankell kritisiert Entwicklungen in der schwedischen Gesellschaft. Maj Sjöwall grenzte sich in einem Interview mit dem Spiegel jedoch auch deutlich von Mankell ab: „Mankells Bücher beschreiben nur den Zustand der Gesellschaft. Die Missstände, die er aufzeigt, sind so deutlich, dass jeder sie erkennt. Außerdem gibt er vor, realistisch zu schildern. Aber er überzieht stark, ist sehr brutal und schreibt ohne Humor.“ Dennoch ist Mankell sicherlich ein ausgewiesen politischer Autor, der vor allem für sein Engagement für die Palästinenser und für Afrika bekannt wurde. Er lebte auch jahrelang in Afrika, insbesondere in Mosambik. 2015 erlag Mankell einem Krebsleiden.

Mittsommermord erschien im Original 1997 als siebter Wallander-Roman. Es ist ein klassischer Polizeikrimi mit Fokus auf der Ermittlungsarbeit und dabei insbesondere auf der Figur Wallander. Mankell verwendet einen personalen Erzähler, der ausführlich auch das Innenleben des Kommissars beschreibt. Doch neben Wallanders Perspektive gibt es auch Kapitel oder Abschnitte aus Sicht des Täters, womit der Leser den Ermittlern oft (aber nicht immer) einen Schritt voraus ist. Der Täter ist ein psychisch gestörter Mann, ein Serienmörder mit bizarrem Modus, allerdings verzichtet Mankell auf Blutrünstigkeit, die Monstrosität der Taten genügt völlig. Die Polizeiarbeit wird als mühsam und energieraubend, aber auch akribisch und systematisch beschrieben.

Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich begeistert Mankells Wallander-Krimis verschlungen und wollte nach langer Zeit überprüfen, ob mich die Werke immer noch begeistern können. Immerhin hat sich mein Krimigeschmack ja doch etwas weiterentwickelt. Ich habe dann Mittsommermord ausgewählt, weil ich noch dunkel im Hinterkopf hatte, dass dies der beste Teil der Reihe gewesen war. Und wie fällt mein Fazit nach dem Wiederlesen aus? Ich war aufs Neue absolut begeistert!

Das liegt weniger am eher soliden Schreibstil Mankells mit vielen, pragmatischen Hauptsätzen. Sondern am fast perfekten Plot mit großartigem Spannungsbogen, der immer wieder kleine Höhepunkte bereithält. Und letztlich vor allem an der Figur des Kurt Wallander. Der ist jetzt nicht so der absolute Sympathiebolzen, aber auch nicht das klischeehafte Wrack, das sich sonst so gerne in den nordischen Krimis einschleicht. Aber Mankell verlieht ihm etwas ganz Wichtiges: Authentizität. Ein Mann kurz vor der 50, geschieden, allein lebend. Ein gewissenhafter, intelligenter Polizist, allerdings manchmal auch etwas grantig und griesgrämig. Er kann durchaus im Team spielen, doch wagt auch riskante Alleingänge. Bei Wallander machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Der Fall geht total an seine Substanz. Rastlos, wenig Schlaf, ungesundes Essen, eine Diabetes wird ihm diagnostiziert. Doch er beißt sich durch alle Widrigkeiten und macht seinen Job. Kein strahlender Held, sondern ein Normalo, der zwar gut in seinem Beruf ist, den privat aber so einiges bedrückt.

Insgesamt war es ein absolut erfreuliches Wiedersehen mit Kommissar Wallander. Mittsommermord ist immer noch ein absolut spannender, hervorragend geplotteter Krimi, der außerdem über eine sehr wichtige Eigenschaft für einen guten Roman verfügt: Eine exzellent konzipierte, authentische Hauptfigur.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mittsommermord | Erstmals erschienen 1997
Die gelesene Ausgabe erschien 2005 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-08607-6
aktuelle Taschenbuchausgabe des dtv Verlag vom 1. Mai 2010:
ISBN 978-3-423-21218-2
608 Seiten | 9.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

1.April 2018

Weiterlesen: Tobias Gohlis über Henning Mankell und seine Figur Wallander

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Im selben Moment registrierte Martin Beck etwas. Keinen Schatten und auch kein Geräusch, nur eine kleine Veränderung in der Luft schräg hinter ihm. So unmerklich, dass nur die Stille der Nacht sie wahrnehmbar machte.
Er wusste, dass er nicht mehr allein auf der Mauer war. Das Auto sollte nur seine Aufmerksamkeit ablenken, während unten auf dem Kai jemand lautlos heranschlich und sich hinter ihm auf die Mauer schwang.
Und im selben Moment begriff er auch, glasklar und deutlich, dass dies keine Beschattung, kein Spiel, sondern Ernst war. Mehr als das. Es war der Tod. Dieses Mal war er hinter ihm her, und zwar nicht zufällig, sondern kalt, berechnend und vorsätzlich. (Auszug Seite 126)

Sommer in Stockholm: Kommissar Martin Beck sortiert die letzten Akten und verabschiedet sich in den Familienurlaub auf einer Schäreninsel. Doch schon nach einem Tag wird er für eine Spezialaufgabe ins Büro zurückbeordert. Der schwedische Reporter Alf Matsson ist von einer Recherchereise nach Ungarn spurlos verschwunden. Seine Zeitung droht sein Verschwinden auszuschlachten, die schwedische Regierung befürchtet diplomatische Verwicklungen. Daher reist Beck in inoffizieller Mission nach Budapest, um dort zu ermitteln.
Beck checkt im selben Hotel wie der Verschwundene ein und begibt sich auf Spurensuche. Alf Matsson hat allerdings sein ganzes Gepäck inklusive seines Passes im Hotel gelassen. Die erste Nacht hat er in einer anderen Unterkunft verbracht. Außerdem schien er Kontakt zu einer ehemaligen ungarischen Leistungsschwimmerin gehabt zu haben. Aber all dies bringt Beck nicht wirklich weiter, zudem erhält er mit Major Szluka einen ungebetenen Aufpasser. Doch die Ermittlungen haben jemanden aufgeschreckt, in einer einsamen Nacht am Donauufer spitzen sich die Ereignisse zu.

Der Schwedenkrimi oder heutzutage etwas regionaler gefasst Skandivian Noir oder Nordic Noir ist in der Kriminalliteratur ein eigenes international erfolgreiches Genre geworden, obwohl sich dort ziemlich unterschiedliche Autorenstile tummeln. Den Reiz dieses Genres macht vor allem sicherlich die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Leser an die gesellschaftlichen Umstände der skandivischen Musterländer und den düsteren Abgründen der Romane aus. Mehr oder weniger als Paten des Genres gelten Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrer zehnbändigen Romanreihe Roman über ein Verbrechen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1962 und bildeten bis zum Tode Wahlöös 1975 ein kongeniales Autorenduo. 1971 erhielt der vierte Roman Endstation für neun den Edgar Award und markierte damit endgültig den internationalen Durchbruch.

Wahlöö hatte bereits vor Erscheinen des ersten Martin-Beck-Romans 1965 Die Tote im Götakanal erfolgreich Krimis veröffentlicht. Unter anderem war er (Sjöwall später auch) Übersetzer den legendären Ed McBain-Krimis, die den beiden Inspiration boten für ihr großes Romanprojekt. Sjöwall und Wahlöö waren bekennende Marxisten und wollten ihre Krimis bewusst als politisches Vehikel benutzen. Beide übten große Kritik an den sozialdemokratischen Regierungen unter Erlander und Palme des vermeintlichen Musterland Schwedens, insbesondere an der Polizeireform 1965. Sie wähnten das Land auf dem Weg in den Faschismus und dagegen wollten sie anschreiben. Dabei brachten sie ihre Kritik und politische Meinung zunächst nur in geringem Maße ein, steigerten dies aber bis zum Ende der Reihe deutlich.

Der Mann, der sich in Luft auflöste ist der zweite Band der Reihe. Das schwierige zweite Buch, „die Hölle eines jeden Autors“, wie die Autorenkollegen Anders Röslund und Börge Hellström in ihrem begeisterten Vorwort meinen. Der Roman tanzt insofern ein wenig aus der Reihe, da er über weite Strecken nicht in Schweden spielt. Die später in der Reihe deutlicher formulierte Gesellschaftskritik kommt hier auch nur in homöopathischen Dosen vor. Im Gegenteil: Die Autoren spielen die ganze Zeit mit den Erwartungen des Lesers, dass sich hier ein politisches Verbrechen verbirgt (Kalter Krieg, Eiserner Vorhang), was sich aber in der gelungenen Auflösung nicht bewahrheiten wird.

Jetzt saß er hier in Budapest mit einem Auftrag, für den er nur mit größter Mühe Interesse aufbringen konnte. (Seite 95)

Was mir an diesem Buch direkt auffiel, war die intensive Beschreibung der Figuren und der Szenen und Schauplätze. Dies ist auf der einen Seite äußerst filigran und gekonnt, sorgte bei mir aber während der Kapitel in Budapest teilweise für eine merkwürdige Stimmung. Es gibt lange Phasen, in denen eigentlich kaum etwas passiert, es fühlt sich ein wenig wie in Zeitlupe an. So wie Beck selbst, ging es mir auch hin und wieder. Bis zu dieser Szene an der Donau.

Als Fazit kann ich mich nicht völlig begeistert zeigen, aber gerade das Ende hat mich positiv versöhnt. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, warum diese Figur des Kommissar Beck bis heute ihren Reiz hat und auch fürs Fernsehen adaptiert wurde. Beck und seine Kollegen werden als absolute Normalos präsentiert, ihre Polizeiarbeit ist gründlich und strukturiert. Das wirkt auf den Leser sehr authentisch. Ich werde mir aus Interesse auf jeden Fall auch nochmal einen der älteren Bände vornehmen, in dem Sjöwall und Wahlöö ihre Gesellschaftskritik um einiges deutlicher platziert haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Mann, der sich in Luft auflöste |Erstmals erschienen 1966
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. Oktober 2008 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-24442-1
234 Seiten | 8.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

29. März 2018

Weiterlesen:
50 Jahre Martin Beck auf Deutsch – Eine Hommage von Ulrich Noller | Autorenporträt auf kaliber .38 | Interview mit Maj Sjöwall von Spiegel Online in 2005

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Abgehakt | März 2018

Abgehakt | März 2018

Vier neue Kurzbesprechungen von Andrea und Gunnar haben wir heute zum (fast) Abschluss des  ersten Quartals in Abgehakt, Krimis kurz besprochen. Heute mit dabei Titel aus den Genres Krimi, Regionalkrimi, Spannungsroman sowie Thriller.

 

Fred Vargas | Das barmherzige Fallbeil

Zwei scheinbare Selbstmorde werden genauer untersucht, weil sich bei beiden Toten ein undefinierbares Symbol befindet. Nach den ersten Befragungen ergibt sich die erste Spur: eine Island-Reise, bei der nicht alles mit rechten Dingen zuging. Bald kann das Symbol aber doch gedeutet werden – die Zeichnung eines Fallbeils aus der Zeit der französischen Revolution. Welches Motiv steckt hinter den Morden?

Ich werde es nicht erfahren, denn ich habe das Buch nach der Hälfte abgebrochen. Den Anfang der Geschichte fand ich noch sehr vielversprechend, doch die Ermittlungen rund um die Französische Revolution waren für mich sehr langatmig. Außerdem haben meinen Lesefluss die vielen französischen Namen und Bezeichnungen gestört.

 

Das barmherzige Fallbeil | Erschienen am 20. März 2017 als Taschenbuchausgabe im Blanvalet Verlag
ISBN 978-3-373410-416-5
512 Seiten | 10.99 Euro
Bibliographische & Leseprobe

Kategorie: Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

 

Elke Pupke | Tödliches Geheimnis auf Usedom

In Bansin auf Usedom wird eine junge Frau von einem Auto angefahren, der Fahrer begeht Fahrerflucht. Die Frau, Kim, findet Unterschlupf in der Pension „Kehr wieder“, die von den beiden Nichten der 74-jährigen Berta geführt wird. Kurz darauf ist Kim tot und die Taten im Ort reißen nicht ab. Wer wollte Kim loswerden und was hat das mit der ungeklärten Vaterschaft von Kims Tochter Emma zu tun?

Die gesamten „Ermittlungen“ finden in der Pension am Stammtisch statt, nämlich durch Überlegungen und Rekonstruktionen des Tathergangs von Berta, den Angestellten und Gästen. Die Polizei kommt nur ab und zu vorbei und spielt eher die Nebenrolle. Tödliches Geheimnis von Usedom von Elke Pupke ist ein leichter Krimi, der meiner Meinung nach nicht besonders spannend ist und eher so vor sich hin „plätschert“. Trotzdem liest sich die gesamte Geschichte flüssig. Es ist bereits der dritte Fall von Berta, in den vergangenen zwei Jahren ist ebenfalls ein Mord in dem kleinen Ort an der Ostsee passiert. Sympathisch finde ich, dass alle handelnden Personen dem Alkohol nicht abgeneigt sind und es immer einen Grund für ein Gläschen gibt.

 

Tödliches Geheimnis von Usedom | Erschienen am 1. September 2014 im Hinstorff Verlag
ISBN 978-3-35601-884-4
272 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Andrea Köster.

 

Liza Cody | Krokodile und edle Ziele

Wer erinnert sich noch an das sensationelle Lady Bag? Hier gibt es ein Wiedersehen mit der störrischen und chaotischen Obdachlosen Angela, genannt „Lady Bag“. Sie kommt frisch aus dem Gefängnis frei und manövriert sich direkt in die desaströsesten Situationen. Ihre besten Kumpels Pierre und Schmister, alias Lil Missy, und ihre Hündin Elektra leben bei Pierres neuer Flamme Cherry, einer eiskalten Frau, die absolute Kontrolle ausübt. Außerdem hat die Lady einem Mitgefangen versprochen, dass sie mal nach dem Rechten sieht, wie es ihrem kleinen Sohn Connor bei seiner Großmutter geht.

Der Vorgänger Lady Bag war schon ein irrwitziger, zynischer Spaß mit bissiger Gesellschaftskritik. Und genau da macht Liza Cody in Krokodile und edle Ziele weiter, stürzt ihre Protagonistin in groteske Situationen zwischen Kindesmissbrauch im sozialen Wohnungsbau und Psychoterror im bürgerlichen Mittelschichtshäuschen. Das ergibt vor allem völlig abgefahrene Dialoge, wenn Lady Bag mit und ohne Rotweinnachschub ins Gespräch mit ihrer Hündin, ihrer nicht anwesenden Mutter oder dem Leibhaftigen persönlich (Fürst Fiasko, Prinz der Paranoia, Don des Durcheinanders) tritt. Das knüpft über weite Strecken an den hervorragenden Vorgänger an, allerdings verpasst die Autorin für meinen Geschmack etwas das Momentum fürs richtige Ende, denn im letzten Viertel plätschert der Roman stellenweise etwas vor sich hin. Trotzdem war es insgesamt ein äußerst unterhaltsames Wiedersehen mit Lady B.

 

Krokodile und edle Ziele | Erschienen am 25. September 2017 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-22-72
432 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Jesper Stein | Aisha

In einer schicken Wohnanlage im Kopenhagener Stadtteil Amager wird die brutal ermordete Leiche von Sten Høeck gefunden, einem ehemaligen Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET. Kommissar Axel Steen bekommt dann auch direkt einen Kollegen vom PET als Aufpasser an die Seite, damit bloß keine Staatsgeheimnisse ans Tageslicht geraten. Zwar war Høeck ein Schürzenjäger und damit ergibt sich durchaus ein Mordmotiv, aber spätestens als die Leiche eines weiteren ehemaligen PET-Mitarbeiters gefunden wird, ist Axel Steen klar, wo die Verbindung zu suchen ist. Doch der Geheimdienst blockt ab.

Eigentlich stimmen die Grundzutaten zu diesem Thriller: Ein brutaler Mord, Geheimdienst-Operationen, Kompetenzgerangel zwischen den Ermittlungsbehörden und die Hauptfigur Axel Steen, die zu Beginn zwar etwas weichgespült wirkt (zumal, wenn man die Vorgängerbände kennt), aber im Laufe des Buches zu alter Form findet. Und doch hat sich bei mir nicht die gleiche Begeisterung wie beispielsweise bei Bedrängnis eingestellt. Das letzte Viertel des Buches bestreitet etwas ausgetretene Pfade, persönliche Betroffenheit des Ermittlers und Alleingang inklusive. Auch der Täter bleibt sehr im Vagen. Aber ganz zum Schluss bietet Jesper Stein noch eine interessante Pointe, die für den Weitergang der Reihe einiges an Reiz verspricht. So werde ich Axel Steen wohl auch in Zukunft weiterverfolgen.

 

Aisha | Erschienen am 26. Januar 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05078-3
560 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weiterlesen: Abgehakt September 2017 und Abgehakt Dezember 2017, außerdem Gunnars Rezensionen zu Liza Codys Romanen Lady Bag und Miss Terry

24. März 2018

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof

„Und Thailand? Wollen wir hin?“ Ich senke den Blick auf Hühnchen, Kokosnussmilch und Reis.
„Wenn du möchtest. Ja, sicher“, sagt Taina. Sie versucht, Begeisterung zu heucheln, das Ergebnis ist eher dürftig. Für sie steht einiges auf dem Spiel. Ich weiß nicht, wie weit sie gehen würde, aber ich bin neugierig, es zu erfahren.
„Ich habe übrigens schon den ganzen Tag eine Nackenverspannung“, sage ich.
„Nach dem Essen kann ich deinen Rücken massieren“, sagt sie. Sie lächelt. Ein sanftes, liebes Lächeln.
Meine Frau hat mich umgebracht, kein Zweifel. (Auszug Seiten 155-156)

Jaakko Kaunismaa ist ein Mann mittleren Alters, der in der finnischen Provinz in Hamina ein kleines, florierendes Unternehmen betreibt, das Matsutake-Pilze nach Japan exportiert. Doch seit kurzem bedroht ein neuer aggressiver Mitbewerber den Erfolg seiner Firma. Eines Tages eröffnet ihm sein Arzt, dass er vergiftet wurde und nicht mehr lange zu leben hat. Als er kurz danach nach Hause kommt, findet er zu allem Überfluss seine Frau beim Sex mit einem ihrer Angestellten vor. Jaakko beschließt, in der ihm noch bleibenden Zeit die Dinge zu ordnen, herauszufinden, wer ihn vergiftet hat und seine Firma zu retten. Doch dabei geschehen einige merkwürdige und unerwartete Dinge.

Von Autor Antti Tuomainen wurden bereits zwei Romane ins Deutsche übersetzt, die aber mehr düstere Thriller waren. Mit diesem Roman (übrigens übersetzt vom Ehepaar Niina Katariina und Jan Costin Wagner, dessen Krimis ja ebenfalls in Finnland spielen) schlägt Toumainen aber eine leicht andere Richtung ein. Wenn ich an Finnland in Musik, Literatur und Film denke, dann erwarte ich irgendwie eine gewisse Exzentrik, Skurrilität, aber auch Melancholie und Lakonie. Und genau diese Erwartungen kann Die letzten Meter bis zum Friedhof durchaus erfüllen.

Denn zum einen beginnt bei Jaakko, der als Ich-Erzähler durch die Geschichte führt, angesichts des baldigen Ablebens eine Selbstreflektion, er zieht Bilanz und plant die noch zu erledigenden Dinge. Er hat natürlich sofort seine Frau Taini und ihren Lover Petri im Verdacht, ihn vergiftet zu haben, um sich die Firma unter den Nagel zu reißen, aber er konfrontiert sie damit noch nicht. Er sucht sich vielmehr andere Verbündete unter den Angestellten seiner Firma, um sein Lebenswerk vor seiner Frau und den anderen Konkurrenten zu schützen. Diese bringen zum anderen eine andere Komponente ein. Die drei Firmeneigner sind nämlich keine unbeschriebenen Blätter, vorbestraft, aggressiv. Sie wollen Jaakko einschüchtern, ihm seine Angestellten und Kunden mit lauteren, aber vor allem auch unlauteren Mitteln abwerben. Dadurch wird der Roman spannend und erstaunlich actionreich. Und die Skurrilität kommt nicht zu kurz bei Verfolgungsjagden durch finnische Kreisverkehre, Unfälle mit Samuraischwertern oder unangenehmen Begegnungen in der Sauna. Es geht also auch durchaus humorvoll zu, aber ohne in Klamauk oder Satire abzudriften, das hat mir gut gefallen.

Die letzten Tage bis zum Friedhof ist ein (Kriminal-)Roman, der mich im Laufe der Lesezeit immer mehr überzeugt hat. Er ist eine angenehme Mischung aus Humor und Ernst mit einer ordentlichen Prise Spannung und einigen ungewöhnlichen Einfällen im Plot. Als äußerst gelungen habe ich die Figuren empfunden, nicht nur Ich-Erzähler Jaakko als Mann, der kurz vor dem Tod neue Vitalität erlangt, sondern auch vor allem die Mitarbeiter in Jaakkos Firma. Insgesamt absolut empfehlenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die letzten Meter bis zum Friedhof | Erschienen am 24. Januar 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06552-2
320 Seiten | 19,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

12. März 2018

André Pilz | Man Down

André Pilz | Man Down

Oh ja, Florian, ich liebe den Kick, den Rausch. Er hält mich am Leben und macht mich kaputt. Mit jedem Rausch verliere ich ein Stück meiner Seele und meiner Kraft und meines Willens. Verliere ich einen Teil meiner Lebensfreude. Das ist eine Kapitulation auf Raten. Der Rausch ist verlogen und hinterlistig. Er gaukelt mir vor, lebendig zu sein, voller Leidenschaft und Feuer, und ich glaube ihm, und wenn ich dann wieder runterkomme, wird mir klar, dass ich nur zu einem billigen Porno gewichst habe und dass die heiße Braut nur auf dem Bildschirm existiert.
Ich glaube nicht, dass ich Schmerz jemals ohne Drogen ertragen werde können.
Ich wünschte, ich wäre stärker, aber ich weiß, ich bin es nicht.
Ich ergebe mich lieber den Drogen als dieser Welt (Auszug Seite 100)

Kai Samweber ist gelernter Dachdecker, doch in seinem Beruf wird der Mittzwanziger nach einem Sturz vom Dach wohl nie mehr arbeiten. Seine körperlichen Beschwerden ertränkt er in Alkohol und Drogen. Hinzu kommen auch Geldsorgen. In Erwartung des ihm zugesagten, noch ausstehenden Lohns leiht sich Kai einige tausend Euro bei den zwielichtigen Brüdern seines besten Kumpels Shane. Doch sein alter Chef zahlt nicht, meldet Insolvenz an und Kai hat nun ein echtes Problem. Er muss als Drogenkurier seine Schulden abarbeiten.

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