Kategorie: Gunnar Wolters

Robert Hültner | Inspektor Kajetan und Sache Koslowski / Walching (Bde. 1+2)

Robert Hültner | Inspektor Kajetan und Sache Koslowski / Walching (Bde. 1+2)

Das Krimigenre ist ja auch immer wieder gewissen Trends ausgesetzt. In den letzten Jahren waren dies im deutschsprachigen Markt unter anderem auch historische Kriminalromane. Trendsetter war hierzu sicherlich die Gereon-Rath-Krimis aus der Feder von Volker Kutscher. Doch natürlich gab es schon länger vor Kutscher historische Kriminalromane aus Deutschland. Ein Meilenstein war hierbei sicherlich die Reihe um den Münchner Inspektor Kajetan von Robert Hültner.

1993 erschien der erste Roman „Walching“ mit Kajetan als Ermittler in einer Mordsache im Oberbayrischen im Jahr 1922 im Verlag Georg Simader. Zwei Jahre später folgte „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“, einer Art Prequel, spielt der Roman doch 1919 in München zur Zeit der Räterepublik. Hiermit gewann Hübner 1996 auch den Deutschen Krimi Preis. Bis 2013 entstanden insgesamt sechs Romane, zwei weitere gewannen ebenfalls den Deutschen Krimi Preis. Zum 70.Geburtstag des Autors hat sein aktueller Verlag nun die Romane in Doppelbänden zusammengefasst und neu veröffentlicht.

In München des Jahres 1919 geht es im wahrsten Sinne drunter und drüber. Nach dem Ende des 1.Weltkriegs und der Abdankung des Königs wurde in Bayern der Freistaat ausgerufen. Doch die reaktionären Kräfte schlagen zurück, Ministerpräsident Kurt Eisner wird von einem völkischen Adligen erschossen. Nun kämpfen Spartakisten, Mehrheitssozialdemokraten und rechte Freikorpsler um die Macht. Die Münchner Polizei ist nicht eingeschränkt handlungsfähig, ein großer Teil der Beamten kommt kaum noch zum Dienst. Inspektor Paul Kajetan allerdings ist dienstbeflissen. Er ermittelt in einer Brandstiftungssache, bei der ein Mann ums Leben kam. Verdächtigt wird der Mieter Eugen Meininger, der jedoch nicht auffindbar ist. Kajetan verfolgt seine Fährte und findet heraus, dass Meininger versucht hatte, eine Anstellung als Journalist zu erhalten. Dabei war er auf eine üble Rufmordkampagne gegen Ministerpräsident Eisner („Die Sache Koslowski“) angesetzt worden, journalistisch eine tote Nummer. Aber Meininger hat irgendwas herausgefunden, hat unter anderem im rechten Milieu recherchiert. Und Kajetan merkt fast zu spät, dass hinter dem Fall eine erhebliche politische Dimension steckt.

„Ach, noch was, Herr Inspektor…wie war gleich noch der Name?“
„Kajetan. Paul Kajetan.“
„Ich muss Ihren Mut bewundern. Wieso, werden Sie fragen. Nun, ich habe den Eindruck, dass Sie sich möglicherweise derart irren, dass Ihnen das einmal nicht mehr verziehen wird. Geben Sie acht auf sich. Tun Sie lieber, was die meisten Ihrer Kollegen bereits tun.“
„Und das wäre?“
„Nichts, Herr Inspektor Kajetan. Ruhen Sie sich einfach aus.“ (S.140)

„Walching“ ist zwei Jahre vor der „Sache Koslowski“ erschienen, spielt aber drei Jahre später im Jahr 1922. Inspektor Kajetan ist in den Wirren von 1919 noch knapp mit dem Leben davongekommen und hat auch seinen Beruf behalten. Allerdings wurde er in die fiktive Provinzstadt Dornstein strafversetzt. Sein neuer Chef behält ihn allerdings im Auge und gibt Kajetan nur harmlose Aufgaben. Wie diese Mordsache in Walching, einem Dorf in schon hügeligen Voralpenland. Eine Magd wurde ermordet und praktischerweise hat man vor Ort schon die Täter inhaftiert. Drei Landstreicher waren ins Bauernhaus eingedrungen und hatten die Speisekammer geplündert. In der oberen Etage ist die Magd ermordet worden. Kajetan soll den Fall eigentlich nur abschließen. Doch als er in Walching angekommen ist und mit den Verhören beginnt, kommen ihm schnell Zweifel. Nicht nur, dass die Landstreicher nicht gestehen. Zu schnell möchten auch die Einheimischen, vor allem der Bürgermeister, zur Tagesordnung übergehen. Kajetan forscht weiter und versucht vor allem, ein mögliches Mordmotiv herauszufinden. Doch die nicht gerade redselige Dorfgemeinschaft macht es ihm nicht leicht.

„Dann werden sie ja alles bereits zugegeben haben, nehm ich an.“
Lindinger hob die Augenbrauen besorgt und sah zum Wachmeister. „Noch…nicht, Herr Inspektor“, stotterte Mayr. Der Bürgermeister seufzte, fingerte nach einem Bleistift und legte ihn wieder fort. „Aber dafür sind sie ja jetzt da, Herr Inspektor“, sagte er hoffnungsvoll. Als Kajetan nicht sofort darauf antwortete, setzte er hinzu: „Ich möcht halt, dass bald wieder eine Ruhe ist in unserer Gemeinde. Muss jetzt so eine Gaudi sein, grad jetzt, wo es auf die Feiertage zugeht…“ (S.298)

Im Gegensatz zu Kutschers Gereon Rath nutzt Robert Hültner seine Hauptfigur Paul Kajetan nicht für ausgedehnte private Nebenstränge. Überhaupt erfährt man nur dosiert etwas vom Inspektor. Ein beflissener Beamter, trotz der politisch, unruhigen Zeiten eher unpolitisch. Ein treuer Staatsdiener mit dem Anspruch, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen. Und der dadurch auch schnell bei seinen Vorgesetzten aneckt.

Doch die Konzentration auf den Kriminalfall und die Ermittlungen tun den Romanen durchaus gut. Ist die „Sache Koslowski“ noch ein sehr politischer historischer Krimi, kommt bei „Walching“ Regionalkrimi-Flair auf (bevor es zum Ende doch politisch wird). Bei beiden Krimis fällt auf, wie sorgfältig der Autor das historische Setting und vor allem den Lokalkolorit verwendet. Dies kommt vor allem auch in den überzeugenden Dialogen zum Tragen. Insgesamt sind diese beiden Bände als Reihenauftakt stimmig und wirken historisch akkurat. Für Fans des aktuellen Booms historischer Krimis sollte diese Reihe (besonders durch die Neuauflage in Doppelbänden) eine Wiederentdeckung wert sein.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski / Walching | Als Einzelbände erstmals erschienen 1995 bzw. 1993
Die Ausgabe als Doppelband erschien am 25.06.2020 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-77039-7
480 Seiten | 12,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jurica Pavičić | Blut und Wasser

Jurica Pavičić | Blut und Wasser

Die Suche nach Silva war mal mehr, mal weniger intensiv, ist mal erlahmt, hat sich dann wieder belebt, aber nie hat er ganz aufgehört. Selbst in ruhigen Phasen hat Mate im Hinterkopf ein unangenehmes Summen, das ihn dran erinnert, dass in seinem Leben nicht alles in Ordnung ist. Silva ist verschwunden, summt es in seinem Hinterkopf, sie ist weg und du unternimmst nichts dagegen. (Auszug E-Book, Position 1545).

Der kleine Ort Misto an der dalmatinischen Küste im September 1989: Die politischen Umwälzungen beginnen sich am Horizont abzuzeichnen, doch in Misto ist davon noch wenig zu spüren. Die Familie Vela, bestehend aus den Eltern Vesna und Jakob und den beiden fast erwachsenen Kindern Silva und Mate, verbringen vermeintlich glückliche Tage im kroatischen Spätsommer. Doch nach einem Sommerfest an einem Samstagabend verschwindet die 17jährige Silva spurlos. Zunächst sucht die Familie, dann auch die Polizei vergeblich nach ihr. Brane, Silvas Freund, wird schnell von den Verdächtigen gestrichen, da er erst sonntagsmorgens mit einem Bus in Misto ankam. Adrian, der Sohn des Bäckers, war als letzter mit ihr zusammen, wird nach einem anonymen Hinweis festgenommen, doch später wieder freigelassen. Doch letztlich verdichten sich die Anzeichen, dass Silva womöglich einfach abgehauen sein könnte. Zudem findet die Polizei heraus, dass Silva in ihrem Schülerinnenwohnheim mit Drogen gedealt hat. Als schließlich eine Zeugin auftaucht, die Silva am Sonntagmorgen am Busbahnhof gesehen haben will, geht die Polizei davon aus, dass sie aus freien Stücken ins Ausland gegangen ist. Der Fall wird mehr oder weniger zu den Akten gelegt, doch ihre Familie, vor allem ihr Bruder Mate, gibt die Suche nicht auf.

Er arbeitet irgendwann als Lkw-Fahrer und Vertreter, um möglichst viel unterwegs zu sein, um in ganz Europa nach Spuren von Silva zu suchen. Er klebt Plakate, richtet Webseiten ein und erhält auch zahlreiche, auch ernstgemeinte Hinweise – die sich aber allesamt als Fehlhinweise entpuppen. Silva bleibt unauffindbar. Zeitgleich schreitet die Zeit voran, das Buch umfasst einen Zeitraum von fast 28 Jahren. Das Verschwinden von Silva und politischen und gesellschaftlichen Umbrüche haben an der Familie Vela und an Misto ihre Spuren hinterlassen. Jakob und Vesna haben sich getrennt, auch Mates Ehe wird an seiner Obsession, seine Schwester finden zu müssen, zerbrechen. Adrian ist das Stigma des Verdächtigen nicht los geworden, wurde schließlich als Soldat im Bosnienkrieg tödlich verwundet. Auch die Familie von Brane hat das Ereignis zerrüttet. Schließlich kehrt auch der ehemalige Kommissar Gorki Schain nach Misto zurück. Er musste nach dem Ende Jugoslawiens seinen Job bei der Polizei aufgeben, die vergebliche Suche nach Silva war sein letzter großer Fall. Gorki kehrt nun als Immobilienentwickler zurück und sucht nach günstigem Land für Ferienhaus- und Tourismusprojekte, was wiederum zu einiger Unruhe in Misto führt.

Autor Jurica Pavičić ist ein in seiner kroatischen Heimat renommierter Autor, Journalist, Film- und Literaturkritiker. Er ist mir mit seinem Roman „Die Zeugen“ bekannt. Ein überzeugender Roman, der die Umstände eines Mordes und einer Entführung im Zusammenhang mit den Kriegsveteranen der Jugoslawienkriege beleuchtet. Auch „Blut und Wasser“ verweigert sich einer eindeutigen Genrezuordnung. Das Verschwinden von Silva ist ein Kriminalfall – möglicherweise. Erst am Ende löst Pavičić das Ganze auf. Dies ist auch der einzige Moment, in dem er mit der ansonsten chronologischen Erzählweise bricht. Für ein kurzes Kapitel beschreibt er, was wirklich damals in dieser Nacht in Misto passiert. Ansonsten wählt er für seine Kapitel immer wieder unterschiedliche Perspektiven und Erzähler. Das ist ein letztlich sehr überzeugendes Stilmittel, dadurch werden die dramatischen Entwicklungen in Bezug auf die einzelnen Personen nochmal deutlich hervorgehoben. Die Entwicklungen betreffen aber auch das alte Fischerdorf, das sich immer mehr zu einem Urlaubsdomizil wandelt. Einzige Konstante scheinen die stetig auftretenden adriatischen Winde zu sein.

In diesem Krieg gibt es keinen Sieg, nur aufgeschobene Niederlagen. (Auszug E-Book, Position 2238)

„Blut und Wasser“ ist kein typischer Kriminalroman, dafür bleibt zu lange offen, ob es sich wirklich um einen Kriminalfall handelt. Doch Pavičić gelingt es, mit dieser Ungewissheit eine gewisse Spannung aufrechtzuerhalten. Vor allem im Mittelteil gelingt dem Autor eine überzeugende Darstellung, wie das Ende des kommunistischen, jugoslawischen Staates, der aufkeimende kroatische Nationalismus, die Kriege und letztlich der Kapitalismus und der Massentourismus tiefe Spuren in der Dorfgemeinschaft und in den einzelnen Biografien hinterlassen haben. Eine „Chronik des gesellschaftlichen Umbruchs“, wie es der Verlag beschreibt, und hinzu kommt noch das Trauma des Verschwindens von Silva Vela. Ein wirklich überzeugender Roman, für den ich gerne eine Lesempfehlung gebe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Blut und Wasser | Erschienen am 29.09.2020 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-49-6
276 Seiten | 12,90 €
als E-Book: ISBN 987-3-944359-49-6 | 6,99 €
Originaltitel: Crvena voda (Übersetzung aus dem Kroatischen von Blanka Stipetić)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen II: Rezension zum Roman auf dem Blog Zeichen & Zeiten

Weiterlesen I: Kurzrezension von Gunnar zu Pavičićs Roman „Die Zeugen“

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Dezember 2020

 

Un-Su Kim | Heißes Blut

In der Hafenstadt Busan in Südkorea sind Anfang der 1990er die Machtbereiche der Verbrecherorganisationen klar abgegrenzt. Im Hafenviertel Guam herrscht der alte Gangsterboss Vater Son, der das Alltagsgeschäft unter anderem Haisu überlässt. Haisu steckt in sowas wie einer Midlife Crisis. Er ist mittlerweile Anfang 40, in der Hierarchie auf der zweithöchsten Ebene angekommen und allgemein respektiert. Dennoch blickt er verbittert auf sein Leben: er lebt einsam in einem Hotelzimmer und hat nur Schulden angehäuft. Haisu sucht wieder die Nähe zu seiner Jugendliebe und deren Sohn, der ebenfalls ein kleiner Gangster geworden ist und gerade wieder aus dem Gefängnis frei gekommen ist. Da bietet ein anderer Gangster Haisu ein Chance für eine Veränderung: Ein Lizenzvertrieb für Spielautomaten, auch nicht ganz legal, aber scheinbar doch ein Sprung heraus aus der Knochenmühle. Doch Haisu tritt letztlich – ohne es zu wollen – eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Gleichgewicht der Mafiaclans in Busan vollkommen durcheinander bringt.

Nachdem lange Zeit Krimis aus dem asiatischen Raum eher selten den Weg nach Deutschland fanden, werden in den letzten Jahren, auch dank einiger engagierter kleinerer Verlage, einige interessante Kriminalromane vor allem aus dem japanischen und koreanischen Raum ins Deutsche übersetzt (teilweise noch nicht aus dem Original, wie auch in diesem Fall). Autor Un-Su Kim hat bereits mit dem Roman „Die Plotter“ für Aufmerksamkeit gesorgt, nun hat der Europa Verlag mit „Heißes Blut“ einen weiteren Roman des Koreaners vorgelegt.
Der Roman erzählt die Geschichte aus Haisus Blickwinkel. Er ist ein Waise, unter sehr schwierigen Bedingungen aufgewachsen, von Gangstern unter die Fittiche genommen worden und in der Organisation aufgestiegen. Dennoch zerrinnt ihm sein Geld und sein Leben unter den Fingern. Schauplatz der Geschichte ist der fiktive Stadtteil Guam von Busan mit Strand, kleinem Hafen, Bars, Restaurants, Stundenhotels und seinen Gangs, die von Schutzgeld, Schmuggel und Zuhälterei leben. „Heißes Blut“ ist ein waschechtes Gangsterepos, brutal und rau, aber gleichtzeitig auch melancholisch, mit einem traurigen und einsamen Helden. Dabei erinnert es durchaus an bekannte europäische Mafiaepen, bleibt dabei aber dennoch im koreanischen Milieu behaftet. Insgesamt eine anregende, überzeugende Lektüre.

Heißes Blut | Erschienen am 11.09.2020 im Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-238-1
584 Seiten | 24,- €
Originaltitel: 뜨거운 피 Tteugeoun Pi
Bibliografische Angaben

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

James Lee Burke | Dunkler Strom

Billy Bob Holland, ehemaliger Texas Ranger, ist inzwischen Anwalt in der texanischen Stadt Deaf Smith. Er übernimmt einen schwierigen Fall: Der junge Lucas Smothers wird beschuldigt, die junge Roseanne Hazlitt ermordet zu haben. Viele Indizien sprechen auch gegen Lucas. Besondere Bedeutung erlangt der Fall für Billy Bob, weil Lucas sein Sohn ist, zu dem er sich allerdings nie bekannt hat.
Der Fall Roseanne wird aber schon bald von weiteren Ereignissen überlagert. Ein Mörder entkommt aus dem örtlichen Gefängnis, wird aber kurz darauf umgebracht. Ein weiterer Psychopath muss ebenfalls entlassen, weil eine Zeugin ums Leben kommt. Zudem scheint es Aktivitäten mehrerer Bundesbehörden in Deaf Smith zu geben. Und Billy Bob stößt bei seinen Bemühungen um Entlastung für Lucas auf Darl Vanzandt, einen örtlichen Halbstarken und Tunichtgut aus reicher Familie, der in Verbindung zu Lucas und Roseanne steht.

Autor James Lee Burke ist eine lebende Legende der amerikanischen (Kriminal-)Literatur und bekannt für seine wortgewaltigen Südstaaten-Panoramen. Hier beschreibt er aus der Sicht des Anwalts die Verhältnisse in einer texanischen Kleinstadt, die von Korruption und klaren Machtstrukturen gekennzeichnet sind. Dabei spielt auch immer die Vergangenheit eine große Rolle: Billy Bob liest im Tagebuch seines Urgroßvaters und hält Zwiesprache mit seinem Freund L.Q.Navarro, der bei einem nicht ganz legalen Einsatz gegen Drogendealer versehentlich durch eine Kugel Hollands ums Leben kam.
Insgesamt eine durchaus komplexe und anspruchsvolle Story mit interessanten Figuren, die Burke meiner Meinung nach aber souverän und gekonnt vorträgt.

Dunkler Strom | Erstmals erschienen 1997
Die E-Book-Ausgabe erschien am 03.01.2014 bei Edel Elements
ISBN 978-3-95530-287-0
384 Seiten | 5,99 €
Originaltitel: Cimarron Rose
Bibliografische Angaben

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tim McGabhann | Der erste Tote

Carlos und Andrew sind Journalisten einer mexikanischen Zeitung auf dem Rückweg von einem Routineauftrag in der Erdölstadt Poca Riza m Bundesstaat Veracruz. Da finden die beiden eine übelst zugerichtete Leiche am Wegesrand. Kurz darauf taucht eine Polizeistreife auf, bedroht und verjagt die beiden und nimmt die Leiche mit, ohne zu ermitteln. Carlos wittert eine Story, doch Andrew will zurück nach Mexiko City. Die beiden streiten sich, Carlos bleibt in Poca Riza, recherchiert tiefer und findet auch heraus, dass der Tote ein Umweltaktivist war. Doch als er in die Hautptstadt zurückkehrt und noch bevor er Andrew wieder kontaktieren kann, wird er in seiner Wohnung gefoltert und ermordet.

Mexiko ist als Thrillerschauplatz ein gern gewählter Ort, da die Realität dort oftmals noch die kühnsten Thrillerplots übertrifft. Der irische Autor Tim McGabhann lebt seit einiger Zeit in Mexiko und bedient sich hier der sehr mexikanischen Form der Erzählung: der „crónica“, einer Mischform aus Reportage und Romanerzählung, was McGabhann im Nachwort auch erläutert. Reale Recherchen werden fiktionalisiert, um sie überhaupt veröffentlichen zu können. In „Der erste Tote“ geht es zwar diesmal um die Ausbeutung eines Landstrichs durch die Öl- und Frackingindustrie und nicht um Drogen, aber ansonsten trifft man auf die üblichen Dinge in mexikanschen Thrillern: Kartelle, Todesschwadronen, korrumpierte Polizei, ermordete Aktivisten und Journalisten. Das alles verbindet McGabhann mit der Trauer Andrews um Carlos, denn die beiden waren auch privat ein Paar. Insgesamt gibt dieser Thriller durchaus nochmal ein paar interessante Facetten zur Situation in Mexiko, allerdings hat man es bei den bekannten Kollegen McGabhanns schon deutlich packender und eindrücklicher gelesen.

Der erste Tote | Erschienen am 16.11.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47104-3
276 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Call Him Mine
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Maren Schwarz | Inselsumpf

Eine Frau erwacht, ohne dass sie sich an ihr bisheriges Leben erinnern kann. Auch nicht daran, dass sie kürzlich ein Kind geboren hat. Rechtsmedizinerin Leona Pirell, die auf der Ostseeinsel Rügen wohnt, nimmt die Frau auf und begibt sich auf Spurensuche zu ihrer Vergangenheit und trifft dabei auf ein tödliches Geheimnis…

„Inselsumpf“ von Maren Schwarz empfand ich als einen sehr kurzweiligen Kriminalroman, der sich sehr gut liest und ein meiner Meinung nach wichtiges Thema aufgreift. Allerdings kam mir an einigen Stellen zu viel Zufall vor, was bei mir dann eher unglaubwürdig ankam. Trotzdem lesenswert!

Inselsumpf | Erschienen am 8. April 2020 im Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-839-22577-6
288 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Regionalkrimi

Foto und Rezension Nr. 4 von Andrea Köster.

Dominique Manotti | Marseille.73

Dominique Manotti | Marseille.73

Der Roman beginnt mit einem Prolog, einer Erklärung der Verhältnisse in Südfrankreich 1973. In ganz Frankreich leben viele Migranten aus Nordafrika, insbesondere aus dem ehemals französischen Algerien, das vor etwa zehn Jahren unabhängig wurde. Damals musste de Gaulle einsehen, dass Algerien nicht zu halten war, musste aber mit der Unabhängigkeit Algeriens innenpolitisch große Probleme bewältigen. Die große Gruppe der Algerienfranzosen, der Pied-Noirs, wehrte sich bis hin zu terroristischen Aktionen der OAS. 1973 wird der Konflikt wieder angeheizt. Durch ein Dekret des Innenministers werden viele Migranten quasi über Nacht von Schwarzarbeitern zu Illegalen, denen die Abschiebung droht. Gewaltbereite rechte Gruppierungen greifen dies bereitwillig auf. Die „Sans-Papiers“ wollen sich gegen die Benachteiligungen und Bedrohungen wehren, doch ihre Demonstrationen werden gewaltsam von Sicherheitskräften und „besorgten Bürgern“ aufgelöst. Mitten in diese angespannte Stimmung kommt die Nachricht vom Tod eines Marseiller Busfahrers durch einen psychisch gestörten arabischen Algerier.

Bevor er zum Èvêché aufbricht, wirft Daquin einen letzten Blick auf den Vieux-Port zu seinen Füßen, das graugrüne, reglose Wasser, die verwaisten Kaianlagen, kein Geräusch, keine Bewegung, das Leben steht still. Die Stadt atmet nicht mehr. In einer Handvoll Stunden wird sie Èmile Guerlache zu Grabe tragen, sie wartet, sie stinkt nach Blut. (Auszug S.52)

Die Beerdigung des Busfahrers wird von extremen Gruppen instrumentalisiert, aber es bleibt erstmal still. Am Abend sitzt der junge Algerier Malek an einem Boulevard vor einer arabischen Bar, als ein Auto neben ihm hält. Der Beifahrer schießt Malek mit drei Kugeln nieder. Die herbeigerufenen Polizisten der Sûreté nehmen die Sache eher gelangweilt auf. Die Zeugen aus der Bar und die hinzugekommenen Brüder des Toten rufen nochmal die Kriminalpolizei an, das Team von Commissaire Théo Daquin nimmt den Tatort nochmal auf und findet sogar eine weitere Patronenhülse. Doch der Fall bleibt bei der Sûreté. Gleichwohl behalten Daquin und seine Inspektoren Grimberg und Delmas den Fall im Blick, denn sie merken, dass da etwas gewaltig stinkt und dass es Parallelen zu einer Ermittlung gibt, die sie gerade bearbeiten: Die illegalen Aktivitäten der UFRA, der Organisation der Algerienheimkehrer, und die Beteiligung von Mitgliedern der Marseiller Polizei. Derweil versuchen die Kollegen den Fall Malek als einen Mord im Milieu darzustellen (wie auch weitere Tötungsdelikte an Algeriern) und den Toten und seine Familie als kriminell zu diskreditieren.

Ein neuer Manotti ist für mich immer ein echtes Fest. Die 1942 geborene französische Historikerin und Ex-Gewerkschafterin steht für hochpolitische, meist historische Krimis, die aber eigentlich direkte Bezüge zur Gegenwart aufweisen. „Marseille 73“ ist wieder ein Roman mit ihrem häufig gewählten Protagonisten Théo Daquin und schließt zeitlich ziemlich direkt an den Roman „Schwarzes Gold“ an. Daquin ist ein sehr fähiger Ermittler, seine Homosexualität muss er allerdings im schwulenfeindlichen Marseille geheimhalten. Zudem verfügt er als Pariser über wenig Kenntnis und Erfahrung über die Machtverhältnisse im Marseiller Polizeipräsidium und zwischen den verschiedenen, teilweise rivalisierenden Polizeieinheiten. Doch dafür hat Daquin seinen Inspecteur Grimbert, einen Alteingesessenen, der sich zwischen den Etagen zu bewegen weiß.

„Man überträgt diese Fälle der Sûreté nicht, damit sie erfolgreich abgeschlossen werden, man überträgt sie ihr, damit sie niemals aufgeklärt werden. Es gibt hier eine Art, die Dinge zu sehen, eine Geisteshaltung, eine Kultur, nenne es, wie du willst, die von allen geteilt wird: Worüber man nicht spricht, das existiert nicht. Also spricht man nicht über rassistische Verbrechen. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.“ (Auszug S.92)

Manottis Stil ist sehr verknappt, kurze Sätze, sehr präzise. Sie schreibt zudem generell im Präsens, was manche Abschnitte fast berichtsartig macht. Zur tieferen Darstellung nutzt sie aber die Möglichkeit der Dialoge und des auktorialen Erzählers, wobei sie interessanterweise manchmal für ein oder zwei Sätze in die Ich-Erzähler-Ebene schwenkt. Trotz eines Glossars und Personenregisters ist der Roman komplex und eher für ambitionierte Genreleser. Allerdings wird man extrem belohnt, denn Manotti verbindet hier mehrere Themenbereiche einfach großartig miteinander. Da ist zum einen der aufkeimende Rassismus, der sich mitten in der Bevölkerung und auch in den Polizeikräften ausbreitet, da ist zum anderen der Kampf der Migranten, der „Sans-Papiers“, um Legalität und Schutz durch die Behörden, auch mit Hilfe der Gewerkschaften. Des Weiteren der Kampf der Familie des getöteten Malik um Anerkennung und Ehre, um eine echte Ermittlung des Mörders und zuletzt der Kampf innerhalb der Behörden um Deutungshoheit, um die Öffentlichkeit, um den Umgang mit Korruption oder Schlimmerem. So ist die Ermittlung des Teams Daquin fast weniger eine Suche nach dem Mörder Maliks als vielmehr ein Wettstreit gegen die Vertuschung und kriminelle Energie im eigenen Hause.

Insgesamt ist für mich „Marseille.73“ ein enorm vielseitiger Krimi noir voller Finesse und Brillanz. Sicherlich einer der stärksten Krimis diesen Jahres. Zwar fiktiv, aber auf historischen Fakten basierend und – wie bereits oben erwähnt – voller Bezüge zur Gegenwart. Die Verlegerin Else Laudan äußert bereits in ihrem Vorwort Parallelen zu den NSU-Morden und dem Umgang der Ermittlungsbehörden damit. Und tatsächlich stelle ich mir auch gerade einen „dicken Marcel“ im Bundesamt für Verfassungsschutz vor, ein Faktotum außerhalb der Organisationspläne, der im Zusammenspiel mit den Dienststellen entscheidet, welche Ermittlung eingestellt und welche Akte vernichtet werden muss, um den schönen Schein zu wahren und die Behörde vor Unbill zu bewahren. Die Vermutung liegt nahe, dass sowas hierzulande und heutzutage ähnlich abläuft wie damals in Marseille `73.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Marseille.73 | Erschienen am 02.11.2020 im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-54247-0;
400 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Marseille 73
Bibliografische Angaben

Weitersehen: TV-Beitrag zum Roman inklusive Interview mit der Autorin in einer Sendung von Arte france.

Weiterlesen: Joachim Feldmanns Rezension im Crimemag.

Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Manottis Romanen auf diesem Blog.

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

In meiner Eitelkeit sah ich mich gern als Rächer oder, schlimmer noch, fahrenden Ritter. Aber ich schlug nur im Dunkeln wild um mich. […] Meine Dienstmarke war zumindest vorübergehend nichts mehr wert. Ich besaß keine rechtlichen Vollmachten. Wie konnte ich in einem Fall weitermachen, der sich zu einem Raum ohne Türen entwickelt hatte? (Auszug S. 230-231)

Detective Dave Robicheaux geht einem Hinweis aus einem Notruf nach und kommt zum Strandhaus des Regisseurs Desmond Cormier, ein guter alter Bekannter Robicheaux‘. Auf dessen Terrasse bemerkt er etwas, das draußen auf dem Meer treibt: Die Leiche einer jungen Frau, in theatralischer Manier post mortem an ein Kreuz genagelt. Die Frau arbeitete für eine Hilfsorganisation, die sich unter anderem um Strafgefangene in Todeszellen kümmert. Die Spur führt fast automatisch zu Hugo Tillinger, einem zum Tode Verurteilten, der aus einem Gefängniskrankenhaus fliehen konnte. Diesen Tillinger will Robicheux‘ Kumpel Clete Purcel vor einigen Tagen gesehen haben, als er aus einem Güterzug in einen Fluss sprang. Purcel griff nicht ein und macht sich nun Vorwürfe.

Doch als weitere Leichen auftauchen, ebenfalls inszeniert und damit offensichtlich das Werk eines Serienmörders, gibt es auch Spuren in andere Richtungen. Korrupte Cops, die in der Prostitutionsszene dick mitverdient haben sowie auch Spuren zu Cormier und seiner Filmcrew, die momentan ein aufwändiges historisches Filmdrama in Louisiana und Arizona drehen. Cormier ist eigentlich ein guter Mann, ging vor 25 Jahren mit nichts als großen Träumen nach Hollywood und kehrt nun als gefeierter Regisseur zurück. Doch mit welchen Leuten hat er sich inzwischen eingelassen? Gerüchte machen die Runde, dass Cormiers Film zu großen Teilen mit schmutzigem Geld finanziert wird, man vermutet die Russen, die Saudis und die Mafia von der Ostküste. Robicheaux ist zudem besonders auf der Hut, da seine Tochter Alafair ebenfalls an dem Film mitwirkt und auch seine neue Kollegin Bailey Ribbons (zu der er sich hingezogen fühlt) wird von Cormier umschmeichelt.

„Die Filmleute haben irgendwas mit dem Tod von Lucinda Arceaux zu tun. Ich kann’s nicht beweisen, ich weiß es einfach.“
„Woher?“
„Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz, die ihren Träger verzehrt. Wie leugnen es, weil wir dafür keine plausible Erklärung haben. Es riecht nach Verwesung innerhalb von lebendem Gewebe.“ (Auszug S. 70)

James Lee Burke ist Jahrgang 1936 und immer noch verdammt produktiv. Zuletzt hat er jedes Jahr einen neuen Robicheux-Band veröffentlicht. „Blues in New Iberia“ ist inzwischen Nr. 22, in den USA ist bereits Band 23 („A Private Cathedral“) erschienen. Sein Protagonist Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel sind immer noch unbeugsamer Verfechter der Gerechtigkeit in den düsteren, gewalttätigen Sümpfen und Bayous Lousianas. Dieses Mal kommt es bei beiden aber zu etwas melancholischen Schüben. Aus der Mid-Life-Crisis sind beide schon längst raus (das genaue Alter ist ja immer etwas komisch zu bestimmen bei Robicheaux, wenn man die Rückverwiese sieht, müsste er ungefähr so alt sein wie Burke – was in der Story aber nicht ganz passen würde), vielmehr kommen sie ins Grübeln, schwanken zwischen (Alp-)Traum und Realität, blicken auf ihre Vergangenheit, lecken ihre Wunden. Kurzum: Sie haben den Blues. Aber wer will es Ihnen verdenken bei theatralisch inszenierten Leichen, weißen Polizisten, die farbige Frauen anschaffen schicken, halbseidenen Hollywood-Produzenten und einem Killer mit Flammenwerfer?

Wenn man James Lee Burke etwas vorwerfen mag (ich spreche es ungern aus), dann dass er ein wenig zur Redundanz neigt. Korrupte Kollegen, merkwürdige Auftragskiller, direkte Bedrohung von Robicheaux‘ Familie. Manche Figuren und Storymotive kommen einem Kenner der Reihe doch etwas bekannt vor. Vermutlich ist das bei inzwischen 22 Bänden auch irgendwie nicht anders zu erwarten. Positiv formuliert könnte man sagen, Burke zitiert sich selbst. Und doch hatte ich bei diesem Band das Gefühl, dass der Autor durchaus straffer hätte erzählen können.

Das ist aber eher Jammern auf einem ziemlich hohen Niveau, denn wenn man einen Burke aufschlägt, darf man sich als Leser sicher sein, dafür auch einiges zu bekommen: Ein starken, kraftvollen Schreibstil, ambivalente, sehr präzise beschriebene Figuren, komplexe Storys rund um klassische Themen wie Schuld, Rache, Vertrauen und Freundschaft sowie ein üppiges Stimmungsbild der Sumpf- und Küstenlandschaft Louisianas. Und das reicht in diesem Fall vielleicht nicht für ein echtes Highlight in dieser großartigen Reihe, aber immer noch für einen wirklich lesenswerten Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blues in New Iberia | Erschienen am 01.07.2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-684-3
586 Seiten | 22,- €
Originaltitel: New Iberia Blues
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension zu „Blues in New Iberia“ von Jochen König auf krimi-couch.de

Weiterlesen II: Rezensionen von Gunnar und Andy zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 10, Band 14, Band 16, Band 21