Kategorie: Gunnar Wolters

Jordan Harper | Alles schweigt

Jordan Harper | Alles schweigt

Die Geschichte beginnt harmlos: Eine Schauspielerin auf dem Wendepunkt ihrer Karriere, Drogen, Exzesse usw. Am nächsten Morgen beginnen wichtige Dreharbeiten, doch sie erscheint übelst ramponiert in einem Hotel. Zum Glück ist Mae Pruitt da, Angestellte einer Agentur für PR und sonstige Dienstleistungen. Sie übernimmt die Deutungshoheit, lässt einen Social Media-Post erstellen und eine alternative Wahrheit verbreiten, mit der das Schlimmste abgewendet wird. Ihr Vorgesetzter Dan ist zufrieden, lädt Mae am nächsten Tag auf einen Drink ein und macht ein paar kryptische Andeutungen. Offenbar will er Mae für einen Job außerhalb der Agentur gewinnen, defintiv nicht legal, aber scheinbar äußerst lukrativ. Alles Weitere demnächst. Doch dazu kommt es nicht, denn Dan wird am Folgetag bei einem Raubüberfall getötet. Der Täter wird schnell ermittelt und wird auf der Flucht von der Polizei erschossen. Doch je mehr Mae darüber nachdenkt, desto unwahrscheinlicher ist es für sie, dass Dan ein zufälliges Opfer war.

Los Angeles, Stadt der Engel, City of Dreams. Eine Sehnsuchtsmetropole mit einer großen Tradition als Schauplatz der Kriminalliteratur. Chandler, Macdonald, Connelly, Winslow, um nur einige zu nennen. Doch niemand brachte L.A. als Metropole des Geldes, des Lasters, der Korruption und der Gewalt so formvollendet zur Geltung wie James Ellroy. Jordan Harpers Roman ist ziemlich sicher eine Hommage an Ellroy und der gelungene Versuch, die modernen Entwicklungen im Business in Thrillerform zu verdichten.

Mae gibt sich mit den offiziellen Statements nicht zufrieden und stellt Nachforschungen an. Sie stösst auf einige Ungereimtheiten und begegnet schließlich ihrem Ex Chris Tamburro, Ex-Polizist, der nun für eine Sicherheitsfirma arbeitet. Er soll die Verbindungen des Täters durchleuchten und kommt, genau wie Mae zu der Überzeugung, dass Dan gezielt getötet wurde und der Täter nur ein Sündenbock war, um eine größere Sache im Hintergrund zu vertuschen.

Laut den Beteiligten in „Alles schweigt“ hat ein „Ungeheuer“ die Macht über Los Angeles. Ein unheilvolles, hierarchisches Netzwerk aus Hollywoodbusiness, Finanzinvestoren, Wirtschaft, Medien und Politik. Unterstützt und von Unannehmlichkeiten bewahrt durch ein Netz von Sicherheitsfirmen, korrupten Polizisten, PR-Agenturen, Anwälten und anderen Ausputzern. Diesem Netzwerk dienen auch Mae und Chris. Während Mae sich einige Illusionen bewahrt hat und ihr es erst im Laufe der Story wie Schuppen von den Augen fällt, ist Chris von Beginn an ziemlich desillusioniert, aber er macht halt seinen Job. Als weitere Menschen sterben, um die Sache unter Verschluss zu halten, ist für beide irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr zurück ins System wollen oder können. Diesmal wollen sie die Wahrheit ans Licht bringen.

Mae zeigt Neveah ein Bild von Kyser, sie nickt und sagt: „Der war da.“ Sie nennt noch andere Namen, manche davon sind berühmt. Was diese Männer verbindet, ist ihre Macht. Und ihre Gier. […]
Sie erzählt von einem Raum ohne Fenster und Eric Algar darin. Als sie berichtet, was er mit ihr gemacht hat, tut sie es in der dritten Person, als wäre sie gar nicht selbst mit ihm dort gewesen. Als hätte er ihre Seele aus ihrem Körper vertrieben. (Auszug Pos. 4757-4768)

Letztlich schwingen die High-Society-Skandale der letzten Jahre als Hintergrund mit, allen voran der Fall Jeffrey Epstein. Mae und Chris kommen einem Fall von sexueller Ausbeutung Minderjähriger auf die Spur und geraten in die Mühlen der Kräfte, die das Netzwerk oder zumindest darin beteiligte einflussreiche Personen schützen wollen.

Das Ganze ist rasant im Präsens geschrieben, immer abwechselnd nach Kapitel aus der Perspektive von Mae oder Chris. Der Autor, übrigens seit langem in Los Angeles als Drehbuchautor und Produzent tätig, nimmt uns mit auf eine wilde Tour durch die Stadt und erzählt von korrupten Mächten, die das System am Laufen halten. Dabei schafft er die schwierige Balance zwischen dem actionreifen Plot und der Entwicklung der Figuren, insbesondere der beiden Protagonisten, die nach und nach ihre eigenen Werte und Moralvorstellungen wiederfinden – unter großer eigener Bedrohung. Ein wirklich starker L.A.-Thriller in bester Tradition.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Alles schweigt | Erschienen am 31.08.2023 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-55008-151-4
384 Seiten | 22,95 €
Originaltitel: Everybody Knows | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Joe Wilkins | Der Stein fällt, wenn ich sterbe

Joe Wilkins | Der Stein fällt, wenn ich sterbe

Wendell führte sie an die Lippen, das Bier schäumte wild in seinem Mund. Er kam nicht klar damit. Er wusste, dass er glücklich sein sollte, aber er war verlegen. Es erinnerte ihn an Macbeth. Wie gründlich alles schiefgehen konnte. Man zieht nicht ungestraft durch die Nacht und tut, was man will. (Auszug S.74)

Die Bull Mountains im Osten Montanas. Wendell Newman ist 24 Jahre alt und lebt allein im Familientrailer mitten im Nirgendwo. Seine Mutter ist vor kurzem verstorben, sein Vater seit langem vermisst. Wendell arbeitet als Helfer für alles beim Großgrundbesitzer Glen. Plötzlich taucht jemand von der Jugendhilfe bei ihm auf und übergibt ihm den siebenjährigen Rowdy, Sohn seiner Cousine, die zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Wendell ist anfangs arg überfordert, kümmert sich aber bald rührend um den Jungen.
Auch die Lehrerin Gillian und ihre fast erwachsene Tochter Maddie werden auf Rowdy aufmerksam, der anfangs überhaupt nicht sprechen will und sich in der Schule kaum zurechtfindet. Maddie näht sogar Kleidung für Rowdy und lernt Wendell kennen. Beide ahnen nicht, dass ein dunkles Ereignis aus der Vergangenheit sie verbindet.

Autor Joe Wilkins erzählt die Geschichte fast ausschließlich aus drei Blickwinkeln. Zum einen aus Wendells Sicht, zum anderen aus Gillians Sicht. Zuletzt lässt er noch Verl, Wendells Vater, mit einer Art Tagebuch zwischendurch zu Wort kommen. Wie der Leser nach und nach erfährt, hat Verl einen Ranger erschossen, ist in die Berge geflohen und seitdem verschollen. In kurzen Abschnitten richtet er auf der Flucht das Wort an seinen Sohn, zunächst wütend, im weiteren Verlauf versöhnlicher.

Die Geschichte ist eingebettet in einen politisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Sie spielt zur ersten Amtszeit von Präsident Obama. In den ländlichen Regionen Amerikas, auch in Montana, formiert sich Widerstand gegen eine progressive Politik aus Washington. Obwohl die strukturschwache Gegend stark durch Bundesmittel alimentiert wird, lehnen viele den Staat und seine Repräsentanten ab. Jetzt ist angeblich ein Wolf aus dem Yellowstone-Nationalpark in die Bull Mountains gewandert und droht, einheimisches Vieh zu reißen. Es bilden sich Bürgerwehren und bewaffnete patriotische Gruppen, teilweise unterstützt von den Großgrundbesitzern. Bislang war das alles nur Säbelrasseln, aber ein Funke könnte eine Tragödie auslösen. Und auf diesen Funken arbeitet Autor Joe Wilkins ganz langsam hin.

Und der Tag verlor sich in seine Tiefen. Wurde zu einem kratzenden und knurrenden, luftholenden Etwas. Ein grosses, muskulöses Tier stellte sich auf seine Hinterbeine, richtete sich zu seiner vollen, schrecklichen Grösse auf und sog die untergehende Sonne, den schwachen Wind und die Abendlieder der Vögel in seine Lungen ein. Es atmete sie alle ein, als wären sie Staub, und atmete sie wieder aus. (Auszug S.278-279).

Der Autor stammt selbst aus der Gegend und lässt das ländliche Montana und seine Berglandschaften eine Hauptrolle in seinem Roman einnehmen. Die Beschreibung der Landschaft und seiner Bewohner – Mensch wie Tier – gelingt für meinen Geschmack herausragend. Überhaupt will Joe Wilkins hier keine schnelle Geschichte erzählen, sondern nimmt sich sehr viel Zeit für das Setting und führt im Stile eines Sozialdramas die beiden Hauptfiguren ein und enthüllt ihre Vergangenheit, ihre Abgründe und Sehnsüchte. Wendell, ein einsamer junger Mann aus schwierigen Verhältnissen, mit der rauen, gewalttätigen Seite der Gegend großgeworden. Er ist aber clever, belesen und lässt sich nicht so leicht vor den Karren spannen, auch nicht von denen, die seinen Vater für einen Märtyrer halten. Auf der anderen Seite Gillian, mittleren Alters, verwitwet, hat den gewaltsamen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden, sucht Trost in wechselnden Bekanntschaften und Alkohol. Als Lehrerin aber sehr engagiert und bemüht, zumindest den Kindern dieser Rednecks eine Perspektive aufzuzeigen.

Wilkins‘ Roman birgt viele Facetten, ist zugleich Gesellschaftsroman, Western und Noir. Seine eindringliche Schilderung der Umstände und der Lebenswelt im Westen Montanas ist einerseits scharf und klar, gleitet anderseits auch immer mal wieder ins Lyrische, Poetische, Mystische ab. Der Roman scheint sich irgendwie an seinen Höhepunkt heranzuschleichen, an dem sich dann auch alles verdichtet und explosionsartig entlädt. Das hat mich sehr überzeugt, für mich ist „Der Stein fällt, wenn ich sterbe“ ein absolutes Jahreshighlight.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Stein fällt, wenn ich sterbe | Erschienen am 05.09.2023 im Lenos Verlag
ISBN 978-3-03925-029-5
373 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Fall Back Down When I Die | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Verschwinden ist keine Lösung (Band 23)

James Lee Burke | Verschwinden ist keine Lösung (Band 23)

Es ist geschafft. Mit dem 23. Band endet (vermeintlich) eine der am längsten laufenden Krimireihen. 1987 erschien mit „Neon Rain“ (dt. „Neonregen“) der erste Band um Dave Robicheaux, damals noch beim New Orleans Police Department. James Lee Burke hat die Reihe nun mit „A Private Cathedral“ (die Titel waren schon immer oft schwer zu übersetzen, der deutsche Titel diesmal wirkt etwas unbeholfen) scheinbar abgeschlossen. Mehr oder weniger zumindest, denn offenbar hat Burke bereits einen Titel mit Daves Intimus Cletus „Clete“ Purcel vorbereitet. Mit dem vorliegenden Band endet auch ein verlegerisches Großprojekt. 2015 veröffentlichte Günther Butkus den 15. Band „Sturm über New Orleans“, nachdem mehrere Titel zuvor nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden waren. Er traf damit einen Nerv und war Teil eines Comebacks des Autors in Deutschland. Anschließend nahm Butkus die große Aufgabe an, die gesamte Reihe im Pendragon Verlag wiederaufzulegen bzw. als deutsche Erstausgabe zu veröffentlichen.

Zeitlich spielt „Verschwinden ist keine Lösung“ irgendwann vor 9-11 und ist damit in der Chronologie irgendwo mittendrin. Auch wenn es natürlich eine Chronologie gibt und eine gewisse Entwicklung im Leben der Hauptfiguren – allen voran Daves Ehefrauen und seine irgendwann erwachsene Tochter Alafair – es war eigentlich nicht allzu sehr problematisch, einzelne Bände nicht in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Für Neueinsteiger bietet es sich allerdings nie an, mit dem letzten Band zu beginnen. Dieses Mal kommt außerdem hinzu, dass dieser Roman sich für meinen Geschmack nochmal sehr an die eingeweihten Kenner des Robicheaux’schen Kosmos richtet. „A Private Cathedrale“ ist eine Quintessenz der gesamten Reihe, in der Dave und Clete als Aufrechte und Gerechtigkeitsfanatiker einen zwar von kleinen Erfolgen gekennzeichneten, aber letztlich scheinbar vergeblichen Kampf gegen „das Böse“ führen, diesmal noch stärker begleitet von metaphysischen, übernatürlichen Elementen, eingebettet in die traumhafte Landschaft Lousianas..

„Willst du dir noch etwas von Seele reden, Streak?“
„Ich habe ‚Warn-Träume‘. Stürmische See, eine Galeere mit Strafgefangenen, die an die Riemen gekettet sind. Sie sehen aus, als wären sie in der Hölle.“
„Du hast mir gerade eine Scheißangst eingejagt.“
„Warum?“
„Ich hatte den gleichen Traum.“
Es fühlte sich an, als hätte er mir in die Magengrube getreten. (Auszug S.71)

Wie die meisten Romane der Reihe ist eine Inhaltsangabe eher schwierig, denn Burke schickt seine Hauptfiguren in einen sehr komplexen Plot, in dem die Suche nach der Quelle der menschlichen Grausamkeit sich als rote Faden durch die Seiten zieht. Durch eine zufällige Begegnung an einem Pier in Texas lernt Dave die junge Isabell Belangie kennen, Tochter eines Mafiaso, die angeblich an den rivalisierten Clan um den skrupellosen Mark Shondell als Faustpfand „abgegeben“ wurde. Dies ruft Dave auf den Plan, der diesen „Menschenhandel“ hinterfragt und in ein Nest von Soziopathen stößt. Es geht um kriminelle Machenschaften, Grausamkeiten und ein Wiedererstarken rassistischer Politik. Und dann taucht der noch ein „Zeitreisender“ auf, Gideon Richetti, ein grausamen Rächer, allerdings auf der Suche nach Erlösung. Das klingt nicht nur biblisch-mystisch, sondern ist es auch. Das Fantastische, das den traumatisierten Dave (und auch Cletus) immer wieder mal in den Romanen begegnet, wird hier auf die Spitze getrieben, steht aber immer im Kontext zum zentralen Thema des Romans.

Ich hatte ihn für jemanden gehalten, der von grausamen Kräften angetrieben wurde, doch in Wirklichkeit war er eher Opfer als Täter; und meine weltliche Erfahrung hatte mich meiner Meinung nachder Erkenntnis kein Stück nähergebracht, warum die Menschen so eine Vorliebe für Unmenschlichkeit hatten. Unabhängig von Gesellschaft oder geschichtlicher Epoche scheinen sich der Sukkubus und Inkubus ihren Weg in unsere Mitte zu bahnen oder waren latent oder als Keim von Beginn an in uns vorhanden. (Auszug S.279)

„Verschwinden ist keine Lösung“ ist ein brutaler, harter Thriller und zugleich ein zutiefst philosophisch-ethisch-religiös geprägter Roman. Autor James Lee Burke schickt seine Protagonisten auf eine finale Tour de Force, einen letzten, wütenden Kampf gegen die Sklavenhalter, Menschenschänder, Rassisten und Faschisten dieser Welt. Und auch wenn manches Bild und manches Übernatürliche den Leser verwirren mag, halte ich es letztlich mit Kritiker Tobias Gohlis, der zu diesem Buch meinte: „Man muss nicht alles verstehen, um dieses Meisterwerk großartig zu finden.“ Ein Lob verdienen zudem Übersetzer Jürgen Bürger und Jochen König für sein sehr lesenswertes Nachwort, in dem er diesen Roman nochmal in die Gesamtreihe einordnet.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Verschwinden ist keine Lösung | Erschienen am 26.07.2023 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-755-0
466 Seiten | 24,- €
Originaltitel: A Private Cathedral | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Alle Rezensionen zur Robicheaux-Reihe auf Kaliber.17
Weiterlesen II: Beitrag zu „Verschwinden ist keine Lösung“ und Rückblick auf die Reihe von Hanspeter Eggenberger im Crimemag

Jacob Ross | Shadowman (Band 2)

Jacob Ross | Shadowman (Band 2)

Letztes Jahr erschien mit „Die Knocherleser“ Band 1 dieser exotischen Krimireihe, die Autor Jacob Ross auf einer Karibikinsel mit dem fiktiven Namen „Camaho“ angesiedelt hat. Die Beschreibung des Settings weisen jedoch sehr stark auf Grenada hin, die Heimat des Autors, der inzwischen seit langem in London lebt. Michael „Digger“ Digson und Miss Stanislaus bilden ein unkonventionelles Ermittlerduo, das sich zahlreichen Widerständen entgegentreten muss. Wie schon in Band 1 bildet die männlich geprägte Gesellschaft, die Unterdrückung von Frauen, Korruption und das Zusammenspiel von öffentlichen Personen und Kriminellen den allgemeinen Hintergrund der Geschichte.

Das Ermittlerduo steckt von Beginn an in der Klemme: Miss Stanislaus wurde in ihrer Jugend auf einer kleinen Nachbarinsel Camahos vom Gangster Juba Hurst missbraucht. Als sie mitbekommt, dass sich eine junge Frau, ein weiteres Opfer Hursts, das Leben genommen hat, bedroht sie Hurst vor Zeugen mit ihrer Waffe, Digger kann sie gerade noch von einer Dummheit abhalten. Doch wenig später greift Juba Hurst die beiden in einem nächtlichen Hinterhalt an, diesmal erschießt ihn Miss Stanislaus aus Notwehr tatsächlich. Dumm nur, dass ihr niemand glaubt, und der männlich dominierte Polizeiapparat die Chance nutzen will, um Miss Stanislaus loszuwerden und Diggers Einheit aufzulösen. Über seine letzten Verbündeten gelingt es Digger, eine Frist von sechs Wochen auszureizen, um Miss Stanislaus‘ Unschuld zu beweisen. Dabei hat Digger zeitgleich noch einen weiteren Fall zu lösen: Die Ermordung eines Mannes, der offensichtlich in Drogengeschäfte verstrickt war. Und irgendwie scheint auch Juba Hurst eine Rolle in diesem Drogen- und Schmuggelnetzwerk gespielt zu haben.

„Camaho ist klein. Wir haben schon eine etablierte Schmuggelkultur, wir haben haufenweise junge Männer, die keine Arbeit finden. Wir haben tausende von kleinen Buchten und Grotten, in denen man ein Boot verstecken kann. Und wir haben den passenden Charakter – die Heimlichtuerei liegt uns im Blut.“ (Auszug S. 298)

Eine packende Lektüre mit einem außergewöhnlichen Schauplatz und einem markanten Ermittler-Duo, das seine Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen hat. War es im Auftaktroman Digger und nach wie vor nicht aufgeklärte Verschwinden seiner Mutter in direktem Zusammenhang mit polizeilichen Gewaltexzessen, so ist es diesmal die Vergangenheit von Miss Stanislaus als Missbrauchsopfer. Durch die Figur der Miss Stanislaus, ihrer charakterlichen Stärken und Fähigkeiten als polizeiliche Ermittlerin erzählt der Autor indirekt auch eine Geschichte weiblichen Empowerments.

Mir gefiel dieser Roman sogar noch besser als Band 1, er war für meinen Geschmack fokussierter und souveräner im Einsatz der Figuren und Entwicklung des Plots. Erwähnenswert ist zudem die Übersetzung durch Karin Diemerling, die erfolgreich versucht hat, den karibischen Slang ein Stück weit in den Dialogen zu transportieren. Insgesamt ein kurzweiliger Krimi aus der Karibik, mit grimmigem Ernst, Witz und auch so manchen cleveren Weisheiten.

„[…] Aus meiner Sicht sind Frauen, hm, Ökosysteme. Greift man irgendwo ein, wirkt sich das auf ‚ andern Teil aus. Ist das, was Lazar und so Typen nich verstehn.“
„Und was sind Männer?“
„Auch Ökosysteme.“ Er senkte den Blick, lächelte. „Nur nicht so komplex.“ (Auszug S. 173)

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Shadowman | Erschienen am 17.07.2023 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47336-8
462 Seiten | 16,95 €
Originaltitel: Black Rain Falling | Übersetzung aus dem karibischen Englisch von Karin Diemerling
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Die Knochenleser“

Dennis Lehane | Sekunden der Gnade

Dennis Lehane | Sekunden der Gnade

Dennis Lehane ist ein vielbeschäftigter Mann. Gerade ist er extrem im Filmbusiness beschäftigt, als Drehbuchautor und Produzent. So sehr, dass er kaum noch zum „normalen“ Schreiben kommt. Er kokettierte sogar damit, dass „Small Mercies“ (Originaltitel) sein letzter Roman sein könnte. Das wäre natürlich ausgesprochen schade, zählt Lehane doch unbestritten zu den stärksten Genre-Autoren der letzten 30 Jahre, wenn man sich etwa seiner Kenzie/Gennaro-Reihe oder Stand Alones wie „Mystic River“ oder „Shutter Island“ erinnert. Dabei bleibt aber immer eine enge Verbundenheit zu seiner Heimat Boston, die sich auch in seinem neuesten Roman „Sekunden der Gnade“ widerspiegelt, seinem ersten seit knapp 6 Jahren.

Lehane springt in die Vergangenheit, genauer ins Jahr 1974. Seit den Bürgerrechtsgesetzen Ende der 1960er hat sich in Bezug auf die Rassentrennung in Schulen noch nicht wirklich viel getan, sodass nun die Aufhebung gerichtlich angeordnet wird. Zukünftig sollen schwarze Schüler mit Bussen in bisher „weiße“ Schulen gebracht werden und umgekehrt. In Boston waren dies die Foxbury High School mit afroamerikanischer Schülerschaft und die South Boston High School mit der großen weißen Schülerschaft aus einem irisch-geprägten Arbeiterstadtteil. Es gab große Proteste von Seiten der weißen Bevölkerung. Lehane geriet als Kind im Auto seines Vaters in eine solche aufgehitzte Demonstration, wie er im Vorwort schreibt.

Auch die 17jährige Jules Fennessy soll an diesem „Busing“ teilnehmen, sehr zum Missfallen ihrer Mutter Mary Pat, die an den Vorbereitungen der Demonstrationen teilnimmt. Eines Nachts kommt Jules nicht nach Hause. In der gleichen Nacht stirbt ein schwarzer Junge, Augustus Williamson, in einer Bahnstation in South Boston. Ein toter Schwarzer wegen eines Konflikts unter Dealern, wird schnell im Viertel behauptet. Doch die Polizei mit Bobby Coyne als Ermittler findet schnell heraus, dass Williamson lediglich am falschen Ort in South Boston das Auto verreckt ist und anschließend von einer Gruppe Jugendlicher auf den Bahnsteig gejagt wurde. Unter den Jugendlichen angeblich Jules Fennessy. Sie ist aber die einzige, die verschwunden bleibt, die anderen drei tauchen auf und geben sich gegenseitig Alibis. Mary Pat spürt, dass ihrer Tochter etwas passiert ist und wacht aus ihrer Lethargie auf, geht Klinkenputzen, fragt sich durch den ganzen Stadtteil – und bringt damit den lokalen Paten der irischen Mafia gegen sich auf, der aktuell auf weitere Aufmerksamkeit verzichten kann. Doch die Stimmung rund ums „Busing“ schaukelt sich immer auf und Mary Pat ist bereit, aufs Äußerste zu gehen, um zu erfahren, was mit ihrer Tochter passiert ist.

Sie trägt den Mülleimer ins Wohnzimmer und fegt die Bierdosen hinein. Leert die Aschenbecher auf dem Beistelltisch und dem Couchtisch und entdeckt noch einen auf dem Fernseher. Ihr blick fällt auf den Bildschirm und ihr Spiegelbild darin, und sie sieht ein Geschöpf, das sie beim besten Willen nicht mit dem Bild von sich in ihrem Kopf zusammenbringen kann, zu wenig Ähnlichkeit damit hat dieser verschwitzte Trampel in Tanktop und Shorts, mit verfilztem Haar und schlaffem Kinn, der da vor ihr steht. (Auszug E-Book Pos. 66)

Hauptfigur Mary Pat Fennessy ist eine alleinerziehende Mutter, Anfang Vierzig, geschieden. Ihren Erstgeborenen hat sie an eine Überdosis verloren. Ihre Tochter Jules ist 17, mit zunehmend eigenem Kopf. Sehr zum Missfallen ihrer Mutter bewegt sie sich im Dunstkreis des Dealers, der ihrem Bruder den Stoff besorgt hat. Mary Pat lebt seit ihrer Kindheit in South Boston, arbeitet im Lager einer Schuhfabrik, ist fest in der irischen Community verwurzelt und hinterfragt die herrschenden Hierarchien in der Gemeinschaft eigentlich nicht. Als sie allerdings auf eine Mauer des Schweigens stößt und ihr von oben gesagt wird, dass sie keinen Staub aufwirbeln soll, ihr gar Geld übergeben wird, verbunden mit einer unverhohlenen Drohung, die Füße nun endlich still zu halten, macht sie keinen Rückzieher. Mit Vehemenz, Willen, Unerschrockenheit und der Bereitschaft, sich auch die Hände schmutzig zu machen, bohrt sie weiter und trotzt allen Drohungen. Dabei hat sie in Bobby Coyne einen Verbündeten wider Willen. Zudem beginnt sie im Verlauf ihres Feldzugs den Rassismus ihrer Generation und ihrer Gemeinschaft immer mehr zu hinterfragen.

Im Vernehmungsraum B sitzt Ronald „Rum“ Collins auf der anderen Seite des Tischs, und sein Gesicht sieht aus als hätte es jemand zum Golftraining benutzt. […] Aber Vincent hat Bobby schon darauf hingewiesen, dass das Schlimmste unterhalb der Gürtellinie kommt. Rum riecht nach Pisse und auch etwas nach Scheiße, und seine Jeans klebt vor Blut an ihm. (Auszug E-Book Pos. 2417)

Dennis Lehane inszeniert diesen historischen Thriller als Feldzug einer Mutter gegen ein System aus Ignoranz und Gewalt. Der irische Pate sieht sich als Hüter über South Boston, doch niemand hinterfragt das System, das sich vordergründig gesellig und nachbarschaftlich gibt, doch sich hintenrum aus Kriminalität, Gewalt und Rassismus speist und das Viertel in Alkohol, Armut und prekärer Arbeit hält. Kritisieren kann man etwas, dass Lehane sich des „Busing“ nur als Rahmen bedient und die afroamerikanischen Stimmen hier nur am Rande vorkommen (Dann aber durchaus wohlbedacht, etwa bei der Beerdigung des Augustus Williamson). Auch dass Mary Pat es schafft, eine ganze Gang erfahrener irischer Gangster in Bedrängnis zu bringen, kratzt zumindest am Rande der Plausibilität. Doch das ist Klagen auf hohem Niveau, denn wie eigentlich fast immer bringt Lehane die wichtigsten Zutaten souverän zustande: Ein mitreißender, aufwühlender Plot, realistische Figuren, ein starkes Gefühl für Setting und Szenen sowie starke Dialoge. Das alles macht auch „Sekunden der Gnade“ zu einem richtig guten Roman, sodass uns Lesern nur die Hoffnung bleibt, dass der Autor noch nicht ganz ans visuelle Medium verloren ist.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Sekunden der Gnade | Erschienen am 23.08.2023 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07258-7
400 Seiten | 26,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-257-61398-8 | 22,99 €
Originaltitel: Small Mercies | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Dennis Lehane auf Kaliber.17