Kategorie: Andy Ruhr

Liza Cody | Die Schnellimbissdetektivin

Liza Cody | Die Schnellimbissdetektivin

Beschatte ich einen verlogenen, treulosen Saftsack für eine verunsicherte, tränenblinde Klientin, oder arbeite ich für eine, die seit Ewigkeiten weiß, dass ihre Ehe eine rottende Leiche ist, aber den verlogenen, treulosen Saftsack drankriegen will, um das Haus und den Löwenanteil des gemeinschaftlichen Eigentums zu behalten? (Auszug Seite 5)

Hannah Abram ist fürs Stillsitzen nicht gemacht. Schlecht für die ehemalige Polizistin der Metropolitan Police, die sich neben ihrer Tätigkeit in einer Imbissbude mit kleinen privaten Ermittlungen durchschlägt. Und da gehören öde Überwachungsstunden bei der Beschattung untreuer Ehemänner eben dazu. Es sind kleine, für die Polizei zu belanglose Fälle, die Hannah lösen muss. Da gibt es den Kleingarten-Verein, dem das Biogemüse geklaut wird, für einen attraktiven Gentleman sucht sie die weggelaufene Ehefrau und für einen jungen Mann mit Zwangsstörungen macht sie sich auf die Suche nach seiner Stiefschwester, die in dubiose Machenschaften verwickelt zu sein scheint. Und dann ist da noch der Straßenjunge BZee, den sie heimlich durchfüttert und ihn weggelaufene Hunde und geklaute Fahrräder wiederfinden lässt, wobei wiederfinden ein dehnbarer Begriff ist.

Als ein höflicher Senior sie in einem Waschsalon anspricht, weil ihm nächtlich Müll vor die Tür gekippt wird, nimmt Hannah den Auftrag an und gerät beim nächtlichen Observieren seiner Wohnung in das Visier einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin. Der alte Herr hat ihr einiges verschwiegen, unter anderem, dass er ein bekannter Rockstar war und die hartnäckige Verehrerin beginnt, Hannah zu stalken und öffentlich vor der Imbissbude wüst zu beschimpfen. Kurz darauf wird die ältere Dame ermordet im Volkspark nahe der Imbissbude aufgefunden. Für die Aufklärung ist die Polizistin Chloe Mwezi zuständig und hat es als weibliche Vorgesetzte bei der MET ebenso schwer wie einst Hannah. Auch sie hatte unter Sexismus ihrer männlichen Kollegen zu leiden und war wegen einer Wutatacke gegen ihren Chef in Ungnade gefallen.
Die Endzwanzigerin lebt nun in einer kleinen Dachkammer bei zwei strengen, veganen Lehrerinnen (Rauchen, Trinken, Fleisch und Männer verboten) und kämpft sich mühsam von Miete zu Miete. Im Sandwich Shack am Volkspark schuftet sie hart für einen Hungerlohn und darf ab und zu das Büro hinter der Küche für ihren Detektiv-Job benutzen. Ihr Chef Digby ist ein „erzbigotter Ausbeuter“ und menschenverachtender Egomane. Dabei brauchen die beiden einander, Hannah den Job und Digby sie als zuverlässige Kraft. Digby wird sehr überspitzt dargestellt, aber die Wortgefechte der beiden gehören zu den Höhepunkten der Lektüre.

Normalerweise treffe ich Klienten außerhalb der Arbeitszeit im Büro hinter der Küche. Aber ich kann mit Digby nicht über Bürozeiten verhandeln, nachdem ich seine Nase und seine Hämorrhoiden im selben Satz verwurstet habe. (Auszug Seite 8 und 9)

Die Schnellimbiss-Detektivin Hannah Abraham ist clever und profitiert von ihren Erfahrungen als Ermittlerin, auch wenn es ihr manchmal an Menschenkenntnis fehlt und sie sich von charmanten Klienten einwickeln lässt. Auf ihre Mitmenschen wirkt die Ich-Erzählerin manchmal schroff, spröde und auch unfreundlich, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Sie macht sich viele Gedanken um BZee, der noch ein Kind ist, jedoch in die Kleinkriminalität abzurutschen droht. Er braucht eindeutig Fürsorge, Hannah kann sich aber nicht dazu durchringen, ihn den Gerichten zu überlassen. Von ihrem Exfreund wird sie immer noch terrorisiert. Nach und nach erfährt man weitere Gründe für ihre Wut, die sie gerne an ihre Kunden und besonders an Digby rauslässt.

Liza Cody, geboren 1944 in London erzählt von den Nöten und Sorgen der kleinen Leute. Und dabei unterhält sie ganz großartig mit trockenem, schwarzem Humor und schiebt fast beiläufig und ohne viel Theatralik sozialkritische Themen ein. Sie beschreibt London nach Brexit und Covid als eine Metropole, die unter Klimaproblemen leidet, in die Wohlfahrtsläden die Geschäftsstraßen beherrschen und die Heldin spürt, dass Armut und Mangel sie umkreist. Dabei geht es immer um die unteren Klassen und Figuren am Rande der Gesellschaft, auf die die britische Autorin mit viel Empathie guckt. Und im Besonderen auf Frauen, die von Männern schikaniert werden. Die vielen authentischen Charaktere, unterschiedlichen Fälle sowie der schräge Plot ergeben einen wilden Ritt, nichtsdestotrotz ist ein amüsanter, unterhaltsamer und nie oberflächlicher Kriminalroman entstanden. Dass sich der Kriminalroman so flüssig weglesen lässt, ist sicher auch ein Verdienst der stimmigen Übersetzung durch Iris Konopik.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Schnellimbissdetektivin | Erschienen am 27. Mai 2024 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-54275-3
352 Seiten | 18.- Euro
Originaltitel: The Short-Order Detective | Übersetzung: Iris Konopik
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Liza Cody auf Kaliber.17

Don Winslow | City In Ruins (Band 3)

Don Winslow | City In Ruins (Band 3)

Danny wird von Paranoia gepackt, er stellt sich ein Fadenkreuz auf seinem Hinterkopf vor, auf seiner Stirn. Angst steigt in ihm auf – oder ist es Instinkt, sein gutes Gespür? Er rutscht tiefer in seinen Sitz, öffnet das Handschuhfach und nimmt seine Sig Sauer 380 heraus. Vielleicht hatte Jimmy recht. Vielleicht hatten sie alle recht. Das ist eine Falle. (Auszug E-Book Pos. 3486)

Im dritten und finalen Band lebt Danny Ryan bereits über 10 Jahre in Las Vegas, hat sich als seriöser Geschäftsmann etabliert, kümmert sich um seinen Sohn Ian und hat seit einiger Zeit eine bisher noch heimliche Liebesbeziehung zu einer Professorin. Beruflich sehr erfolgreich hat er sich ein Casino- und Hotelimperium aufgebaut. Aufgrund seiner früheren Verbindungen zur Mafia, tritt er offiziell nur als Geschäftsführer der Tara-Group auf, die zwei Bauunternehmern aus Missouri gehört. Dabei hat er im Hintergrund die Fäden gezogen und mit seinen Visionen eine neue Ära in Las Vegas eingeläutet. Statt auf das billige Glücksspiel und Automatenzocker setzt Danny zukunftsorientiert auf luxuriösen Hotelbetrieb und sein Hotel „Shores“ wurde ein großer Erfolg.

Mondänes Hotel-Imperium
Ehrgeizig will Danny weiter expandieren, wobei ein altes sanierungsbedürftiges Hotel „Lavinia“ sein Interesse weckt. Sein größter Konkurrent Vern Winegard hat sich bereits mit dem Besitzer Georg Stavros geeinigt. Danny will unbedingt sein Traumhotel „Il Sogno“ bauen, trifft sich mit Stavros, um ihm ein besseres Angebot zu unterbreiten und geht mit der Tara Group an die Börse, um die benötigten Gelder aufzubringen. Diese feindliche Übernahme zerstört die friedliche Koexistenz der Konkurrenten am Strip und setzt eine Spirale der Gewalt los. Alle Versuche, den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen, scheitern. Danny sieht sich plötzlich wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert, auch weil die FBI-Agentin Reggie Moneta die Tötung ihres Liebhabers, des korrupten FBI-Agenten Philip Jardine noch nicht verwunden hat und einen Rachefeldzug startet. Danny schart seine alten Freunde Jimmy MacNeese sowie die als Messdiener bekannten Sean South und Kevin Coombs um sich und muss wieder um sein Leben und das seiner Familie kämpfen.

Vom blutigen Kampf der Mobster zu Glücksspiel und Politik
Mit „City in Ruins“ beendet Don Winslow nicht nur seine mit „City on Fire“ und „City of Dreams“ begonnene Trilogie sondern auch seine schriftstellerische Karriere, um seine ganze Energie demnächst in den politischen Kampf zu stellen. Wie auch in seinen anderen Romanen hat er sich eine komplexe Handlung mit einem großen Figurentableau ausgedacht. Seine Sprache ist wie immer schnörkellos, knapp und mit dem ihm eigenen Rhythmus. Aufgrund von kurzen Kapiteln, häufigen Schauplatzwechseln sowie szenischem Erzählen fliegt man nur so durch die Seiten und mag das Buch nicht aus der Hand legen. Eindrucksvolle Bilder ziehen die Leserinnen und Leser mitten ins Geschehen. Die Dialoge sind authentisch und oft von einer intensiven Emotionalität geprägt, die die Spannung zusätzlich verstärkt.

Dabei werden auch die in den beiden früheren Bänden begonnenen Geschichten zu Ende gebracht und bringen ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Wir erfahren, wie es mit Chris Palumbo weiter ging, der 1988, nachdem er einige mächtige Mafiosi um ihr Geld brachte, untertauchen musste. Oder Peter Moretti Jr., der nach dem Mord an Vinnie Calfo und seiner eigenen Mutter Celia Moretti festgenommen und vor Gericht gestellt wird. Diese beiden Nebenhandlungsstränge wirken allerdings wie losgelöst von dem Hauptplot. Auch einige neue Figuren tauchen auf und verschwinden wieder arg schnell in der Versenkung. Obwohl Winslow dem Leser mit erläuternden Rückblenden hilft, würde ich vor der Lektüre die beiden vorherigen Bände empfehlen.

Der Kreis schließt sich im Epilog, der wieder 2023 in Rhode Island endet, wo alles begann. Ein rundum gelungener, großartiger, letzter Roman eines Ausnahmeschriftstellers, dessen letzte Seiten ich mit einem Tränchen im Auge gelesen habe. Aus Gründen!

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

City in Ruins | Erschienen am 21.05.2024 bei HarperCollins
ISBN 978-3-36500-566-8
448 Seiten | 24,- €
Originaltitel: City in Ruins | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezensionen zu Band 1 und Band 2 der Trilogie

Fred Vargas | Jenseits des Grabes (Band 10)

Fred Vargas | Jenseits des Grabes (Band 10)

Das Schloss Combourg in der Bretagne, in dem der große Schriftsteller François-René de Chateaubriand seine Kindheit verbrachte, ist eine Touristenattraktion, samt Schlossgespenst, denn der seit drei Jahrhunderten tote Graf von Combourg soll zu bestimmten Zeiten erscheinen, manchmal auch nur sein Holzbein alleine mit einer schwarzen Katze.

Vorboten des Todes
Als in dem in der Nähe liegendem malerischem Örtchen Louviec nachts ein Klopfen, angeblich die hinkenden Schritte eines Geistes, vernommen werden, ist die Gemeinde alarmiert. Denn nach einer jahrhundertalten Dorflegende kündigt der Hinkende Unheil an. Und tatsächlich wird am nächsten Tag der Wildhüter des Ortes auf offener Straße mit einem teurem Messer erstochen.

„Ich gehe davon aus, dass jemand die Gelegenheit der Rückkehr des Hinkenden nutzte, um eine persönliche Rechnung mit diesem Gaël zu begleichen. Ich begreife trotzdem nicht, wieso diese Geschichte Sie dermaßen fasziniert.“ „Ich weiß es nicht, Danglard“, brachte Adamsberg es auf seine ewige Formel. (Auszug Seite 13)

Also verschlägt es den Pariser Kommissar Adamsberg und ein Teil seiner Brigade in die Bretagne, wo er sich mit seinem örtlichen Kollegen Matthieu an die Aufklärung macht. Aufgrund letzter Worte, die das Opfer noch stammeln konnte, gerät Josselin de Chateaubriand, ein weit entfernter Nachfahre des großen Vicomte, in den Kreis der Verdächtigen. Dieser lebt ganz bescheiden, aber aufgrund seiner frappierenden Ähnlichkeit mit dem Urahn muss er immer wieder für die lokale Tourismuswerbung herhalten. Es bleibt nicht bei dem einen Opfer und alsbald erschüttert eine Mordserie das Dorf. Kommissar Adamsberg hat wie immer ein Auge für Details, die anderen verborgen bleiben. Alle Leichen hatten frische Flohbisse. Und welche Rolle spielen die zerquetschten Eier, die alle Mordopfer in den Händen halten?

Gutes Essen und bretonischer Met
Hauptquartier für die Beamten ist der Gasthof „Zu den zwei Schilden“, wo der Koch Johan sich neben den Touristen auch noch um das leibliche Wohl seiner Gäste aus Paris kümmert. Selbst als Hilfstruppen von der Gendarmerie mit achtzig Mann anrücken, werden noch gut bestückte Picknickkörbe erstellt. Immer wenn man nicht weiter weiß, wird erst mal in der Gaststätte gegessen, beraten und Wein oder Chouchen, bretonischer Met, getrunken.

„Die Mitglieder ihrer Brigade mögen sich in schützendes Schweigen hüllen, doch von ihren vagen Gefühlen hat man schon Wind bekommen“, bemerkte der Generalsekretär kühl. „Versuchen Sie, sich diesmal nicht davon leiten zu lassen, seien Sie präzise, effizient und schnell. …“ (Auszug Seite 91)

Der letzte Kriminalroman um Jean-Baptiste Adamsberg „Der Zorn der Einsiedlerin“ liegt bereits 6 Jahre zurück. Und schon nach wenigen Seiten war ich wieder gefangen in dem Kosmos mit all den verschrobenen Figuren. Allen voran der eigenwillige Adamsberg, der anstatt auf systematische Ermittlungsarbeit mehr auf Intuition und gute Beobachtungsgabe setzt. Der nachdenkliche Chef nervt sein Team auch schon mal mit seiner unorthodoxen Sicht auf die Dinge, lässt seine Gedanken diesmal auf einem bretonischen Dolmen schweifen. Danglard muss in Paris bleiben, aber mit in der Bretagne sind unter anderem Lieutenant Violette Retancourt, die Göttin der Brigade, die zwar wenig anmutig über übertrieben atemberaubende Kräfte verfügt. Mercadet mit dem krankhaften Schlafbedürfnis, der sich als Informatiker jedoch schnell überall einhacken kann. Vargas Charaktere besitzen abstruse Eigenschaften im Übermaß, stehen aber mit beiden Füßen fest im Leben.

Fazit
Typisch Vargas ist der Krimi eine Mischung aus Whodunit um einen Serienmörder mit zahlreichen Verdächtigen und einem Märchen. Um die gesellschaftliche Situation in Frankreich einzufangen und Sozialkritik zu üben, bedient sich Fred Vargas an dem Stilmittel der Fabel. Sowohl verpackt sie ihre mit unübertroffenen Dialogen gespickte abstruse Handlung immer mit wissenschaftlichen Fakten und jeder Menge glaubhafter Polizeiarbeit, bei der Sonderkommandos eingerichtet, Anfragen gestellt und Hubschrauber geordert werden. Vielleicht nicht ganz so gut wie sein Vorgänger, mit einigen schon vertrauten Mustern, sei es die Vorliebe der französischen Autorin für kleines Getier, Mythologie oder die ausufernden Gastronomiebesuche ein unterhaltsamer, literarischer Roman mit originellen Szenarien und psychologisch überzeugenden Figuren.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Jenseits des Grabes | Erschienen am 08. Mai 2024 im Limes Verlag
ISBN 978-3-8090-2782-9
528 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: ‎ Sur la dalle | Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Marquardt
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Fred Vargas „Der Zorn der Einsiedlerin“

Karina Urbach | Das Haus am Gordon Place

Karina Urbach | Das Haus am Gordon Place

„Institutionen laufen immer Gefahr, in eine Art Gruppendenken zu verfallen. Der MI6 ist da keine Ausnahme. Wir brauchen Außenseiter, die anders denken, anders an diese ganze Sache herangehen, um den Fall zu lösen. Ich habe Ihnen auch nicht gesagt, dass ich ziemlich sicher bin, wer Gerald Fraser umgebracht hat. Aber ich kann es nicht beweisen. Und ich verstehe das Motiv dahinter nicht. Da ist eine große, gähnende Lücke. Und um sie zu füllen, brauche ich Sie.“ (Auszug Seite 188)

Nach einem anstrengenden Flug wird dem Historiker Professor Hunt die Einreise in die USA verweigert. Erst nach einer Nacht in der Flughafenarrestzelle erfährt er von Emma Spencer vom britischen Geheimdienst den Grund. In seiner Wohnung in London am Gordon Place wurde sein Nachbar Gerald Fraser erschlagen aufgefunden. Spencer bittet den Professor um Mithilfe bei der Aufklärung und Hunt kommt aufgrund seiner Recherchen und viel historischem Fingerspitzengefühl einer alten Geschichte auf die Spur, die mit Daphne Parson zusammenhängt, die nicht nur eine Legende in Spionagekreisen war, sondern auch Vorbesitzerin seiner Wohnung. Und nicht nur das. Drei weitere Bewohner der Luxusimmobilie waren kurz nach dem 2. Weltkrieg als Agenten des MI6 in Wien eingesetzt.

Wiener Abhörtunnel
In einer weiteren Perspektive wird immer wieder ins Wien der Besatzungszeit zurückgeblendet. Wien ist damals genau wie Berlin in vier Zonen eingeteilt, die Menschen hungern und verkaufen ihr letztes Hab und Gut, um zu überleben. Hier entsteht für die Leserin ein reales Bild der damaligen Lebensbedingungen in den Anfangszeiten des Kalten Krieges mit Schmuggel, Verbrechen und ehemaligen Nazis, die an- und abgeworben werden. Daphne Parson gehört zu einer Gruppe britischer Nachrichtenoffiziere, deren Aufgabe es ist, Informationen über die Gegenseite zu sammeln und in einem extra dafür gegrabenen Tunnel in Wien den sowjetischen Telefonverkehr abzuhören. Zutiefst schockiert erkennt Parson in einem dieser Telefonate die Stimme eines ehemaligen SS-Offiziers wieder, der sie Jahre zuvor in Griechenland gefoltert hatte. Die Möglichkeit zur Rache ergibt sich für Parson, als sie für eine verdeckte Operation eingesetzt wird. Ein früherer SS-Mann, der über den Verbleib geraubtes Nazi-Gold Bescheid weiß, soll aus seinem Versteck gelockt werden. Als der Einsatz scheitert, greift ein riskanter wie spektakulärer Plan.

Der dritte Mann
Um in den russischen Sektor Wiens zu gelangen, werden Agenten des britischen Geheimdienstes als Hilfskräfte zu den Dreharbeiten zum Film „Der dritte Mann“ eingeschleust. Die Verfilmung von Graham Greenes Roman spielt am Wiener Prater, der sich damals im sowjetischen Sektor befand, aber auch in den Abwasserkanälen des Wiener Untergrunds. Diese geheimnisvolle sowie gefährliche Operation bildet den Höhepunkt, die Verknüpfung mit dem 1949 entstandenen Filmklassiker Noir ist für mich das Highlight in diesem Agenten-Thriller. Die realen Umstände der Dreharbeiten spielen dabei eine besondere Rolle. Vor allen Dingen, wenn man weiß, dass alle wichtigen Mitarbeiter der Filmcrew, der Autor Greene, die Filmemacher Korda, Reed und Montagu dem britischen Geheimdienst nahe standen, so dass bis heute in weiten Teilen völlig unklar ist, was sich wirklich in den Abwasserkanälen zugetragen hat. Die Gerüchte, die aufwendigen Dreharbeiten dienten nur als Tarnung und wären nur ein perfides Ablenkungsmanöver für nachrichtdienstliche Arbeiten, verstummten nie.

„Orson Welles hat sich bisher geweigert runterzukommen, der hat einen Sauberkeitsfimmel und glaubt, sich hier was einzufangen. Das wird schwierig mit dem, der besteht auf einem Double….“ (Auszug Seite 266)

In einem interessanten Nachwort erfährt man, dass es den Wiener Abhörtunnel tatsächlich gab und dass viele der Akteure reale Vorbilder haben, allen voran Daphne Parson, die in Teilen auf der MI6-Agentin Daphne Park, später Baroness Park of Monmouth basiert. Park war eine Legende, im Geheimdienst bekannt für ihre Loyalität und Nervenstärke und einer der wenigen Frauen, die schon Ende der 1940er Jahre für den MI6 arbeiteten. Dabei wusste sie auch ihr harmloses Aussehen (Miss Marple-Look-alike) einzusetzen.

Fazit
Karina Urbach ist eine aus Düsseldorf stammende habilitierte Historikerin und das merkt man jeder Zeile ihres Krimis an. Faktenreich und sehr fundiert entfaltet sich auf zwei Erzählebenen eine fesselnde Geschichte. In einem Mix aus Krimi und historischem Agenten-Thriller verbindet die Autorin reale Geschehnisse und Fiktion recht unterhaltsam, ohne dass es nach dröger Geschichtsstunde anmutet. Wien im Jahr 1948 und die teure Londoner Wohngegend in der heutigen Zeit werden bildhaft dargestellt und die handelnden Figuren darin lebendig eingearbeitet.

Ich kannte die Autorin vorher nicht, aber als großer Fan von Spionage-Geschichten werde ich mir mal ihren 2018 mit mehreren Preisen ausgezeichneten Roman „Cambridge 5 – Zeit der Verräter“ noch unter ihrem Pseudonym Hannah Coler ansehen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Haus am Gordon Place | Erschien am 20. März 2024 im Limes Verlag
ISBN 978-3-8090-2766-9
384 Seiten | 18,00 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

John Galligan | Bad Axe County

John Galligan | Bad Axe County

Bad Axe County ist ein fiktiver Ort im ländlichen Südwesten von Wisconsin, führend in der Milchproduktion und bekannt als „America’s Dairyland“. Das Landesinnere ist von Wäldern, feuchten Wiesen und den sogenannten Coulees geprägt. Das sind tiefe Täler mit kleinen Bächen, die bei starkem Regen schnell mal zu reißenden Strömen anschwellen. Als der alte Sheriff Raymond Gibbs unerwartet verstirbt, wird Officer Heidi Kick bis zur eigentlichen Wahl Interims-Sheriff. Heidi, Mutter von drei kleinen Kindern und verheiratet mit der lokalen Baseball-Legende Harley Kick, bemüht sich nach Kräften, Recht und Ordnung beizubehalten. Das erweist sich als schwierig. Ein weiblicher Sheriff ist für viele an sich schon eine Provokation. Besonders Elvin „Boog“ Lund, langjähriger Deputy, der sich selbst große Hoffnungen auf die Sheriff-Nachfolge macht, lässt keine Gelegenheit aus, der ehemaligen Milchkönigin das Leben schwer zu machen. Für einige der Polizisten, die dem korrupten, bewusst wegsehendem System Gibbs nachhängen, stellt Heidi in dieser von Männern dominierten Welt mit ihrer Integrität eine Gefahr dar. Nur ihre Dispatcherin Denise und Deputy Olaf der Schöne halten unerschütterlich zu ihr.

Heidi kämpft aber auch mit einem eigenen Trauma. Vor 12 Jahren, sie war grade 17 Jahre alt, wurden ihre Eltern auf ihrer Milch-Farm ermordet. Angeblich hätte ihr Vater ihre Mutter und dann sich selbst erschossen. Der Fall wurde schnell zu den Akten gelegt. Daran konnte Heidi nie glauben und stellt schon seit Jahren eigene Nachforschungen an.

Denn ihre Erschießung von Dalton Rockwell war keine beschlossene Sache gewesen. Auf jenem schneeverwehten Stoppelfeld in Iowa – sie war blind vor Alkohol und Gras, genau wie Rockwell – hatte er um sich geschlagen und sie hatte ihn schlichtweg verfehlt, zweimal, und das waren alle Patronen, die sie hatte. Rockwell hatte geschworen, dass er zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Mom und ihr Dad umgebracht wurden, im Knast gewesen war, und das stellte sich als richtig heraus. (Auszug E-Book Pos. 1196 von 4336)

In zwei Nächten voll Schnee, Eisregen und anschwellenden Coulees bekommt es die ehemalige Dairy-Queen mit gleich mehreren merkwürdigen Vorfällen zu tun, deren Zusammenhang sich erst viel später erschließt. Dale Hills, ein schmieriger Zuhälter stürmt mit der jungen Pepper Greengrass in die örtliche Bibliothek und schlägt den alten Bibliothekar nieder, in die örtliche Fleischfabrik wird eingebrochen, ohne das etwas gestohlen wird und ein Ex-Baseballcoach wird brutal zusammengeschlagen, überlebt schwerverletzt. Alles scheint mit einem denkwürdigen, vier Jahre zurückliegenden Baseballspiel zusammenzuhängen, bei dem es zu einer großen Schlägerei und in dessen Folge zum Tod eines jungen Mädchen kam, dessen Leiche aber nie gefunden wurde. Als Heidi Wind davon bekommt, dass auf einer entlegenen Farm eine illegale Party mit Drogen und minderjährigen Stripperinnen stattfinden soll, setzt sie alles daran, Pepper zu finden und sie vor weiterem Unheil zu bewahren. Dabei muss auch Heidi einiges einstecken und sich mehrmals unter Lebensgefahr aus den inzwischen reißenden Fluten der über die Ufer getretenen Flüsse retten. Heidi lässt sich aber nicht unterkriegen, auch als sie an ihrem Ehemann zweifelt, der ihr bezüglich der Partys einiges zu verheimlichen scheint.

Der gewalttätige Zuhälter, das Mädchen in Nöten, Coach Beavers‘ Zombie-Angreifer, der Mörder ihrer Eltern, ihr verlorenes und unfertiges Selbst – ja, Ereignisse und Jahre hatten sich vermischt -, doch leise und prägnant, wie ein gebündelter Lichtstrahl, der sich durch den schrecklichen Krach und die Dunkelheit bohrte, hörte sie wieder diese Stimme. Ich werde dich finden. (Auszug E-Book Pos. 1407 von 4336)

Die komplexe Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Neben Heidi Kick durchleben wir mit der erst 15-jährigen Pepper einen Albtraum aus sexualisierter Gewalt, der nur schwer zu ertragen ist. Vom Stiefvater regelmäßig missbraucht, ist Pepper weggelaufen und will nun zu ihrer Schwester gelangen. Dafür braucht sie Geld und macht dafür wirklich erschreckend viel mit. Eine weitere Perspektive ist die von Angus Beaver, einem Baseball-Talent, der aus Jacksonville in seine alte Heimat zurückkehrt um endlich eine Sache in Ordnung zu bringen. Die hängt mit der Leiche zusammen, die sein Vater seit Jahren in der Tiefkühltruhe in einer alten Wellblechbaracke aufbewahrt.

John Galligan beschreibt recht deutlich den moralischen Sumpf von Bad Axe County, in dem Stumpfsinn, Alkohol und Drogen regieren. Es ist das trostlose Amerika der Abgehängten und Zurückgelassenen, wo auch schon mal ein Barack Obama-Poster als Affe dargestellt an der Wand hängt. Wirtschaftlich sieht es schlecht aus, die meisten leben am Rande des Existenzminimums von der Landwirtschaft. Abwechslung gibt es kaum, für viele gilt der lokale Baseball-Verein als einzige Unterhaltung. Oder man nimmt an Männerpartys in abgelegenen Scheunen teil, bei denen sich minderjährige Mädchen als Stripperinnen versuchen.

Anfänglich entwickelt sich der Roman etwas sperrig und ich hatte Mühe, alle handelnden Figuren und Handlungsstränge einzuordnen. Dabei sind die Figurenzeichnungen wirklich auf dem Punkt. Die Beschreibungen der frauenfeindlichen Atmosphäre in der Vereinswelt des Sports oder bei der Polizei, die sich in sexuellen Übergriffen oder in anzüglichen Witzen äußern, sind sehr stimmig. Das Erzähltempo ist rasant aber ich hatte auch Probleme mit der Sprache, die natürlich zu den tumben, manchmal brutalen Rednecks und Dorfdeppen passt. Manche Schilderungen psychischer und physischer Gewalt sind nichts für schwache Nerven. Opfer sind in den meisten Fällen Frauen und es geht auch um groß angelegten Frauenhandel. Lichtblick in diesem düsteren Roman über den Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft samt White Trash sind gelegentliche Stellen schwarzen Humors und Figuren wie die hartnäckige, von vielen unterschätzte Heidi, die viel riskiert und sich nicht unterkriegen lässt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Bad Axe County | Erschienen am 18. März 2024 im Polar Verlag
ISBN 978-3-94839-294-9
350 Seiten | 17.- Euro
Originaltitel: Bad Axe County | Übersetzung aus dem Amerikanischen vom Kathrin Bielfeldt
Bibliografische Angaben & Leseprobe