Kategorie: Andy Ruhr

Ian McGuire | Der Abstinent

Ian McGuire | Der Abstinent

Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint, dann, erschreckend plötzlich, sind sie weg. Anstelle ihrer lebendigen Leiber bleiben nur drei stramme Stricke, wie lange, lotrechte Kratzer auf der Gefängnismauer. (Auszug Seite 16/17)

Ian McGuires neuer Roman führt in den Norden Englands zur Zeit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts. In Manchester liefern sich Anhänger einer irischen Unabhängigkeitsbewegung einen unerbittlichen Kampf mit der örtlichen Polizei.
Schon die ersten Seiten ziehen den Leser mitten in eine gewaltvolle Szenerie, in der drei Iren öffentlich hingerichtet werden. Die drei sind Mitglieder der irischen Unabhängigkeitsbewegung „Fenians“ und sollen bei einem Überfall auf einen Gefangenentransport einen Polizisten erschossen haben.

Die Rebellen werden von den Fenians zu Märtyrern erklärt. Man nimmt Kontakt zu einem Kriegsveteranen amerikanischer Abstammung namens Stephen Doyle auf. Der Söldner aus dem US-Bürgerkrieg, bekannt für seine Skrupellosigkeit kommt mit dem Schiff aus New York und soll den irischen Widerstand in Manchester organisieren. Genau vor diesem Rachefeldzug hatte der besonnene Constable James O’Connor, erst vor kurzem aus Dublin nach Manchester strafversetzt, gewarnt. Der titelgebende Abstinent hatte nach dem frühen Tod seiner Frau und seines Kindes den Halt verloren und seine Trauer im Whiskey ertränkt. Inzwischen trocken versucht er hier in der englischen Großstadt einen Neuanfang. Im Polizeirevier gilt er allerdings als Außenseiter und hat als Ire einen schweren Stand. Er sitzt zwischen allen Stühlen, wird von den englischen Kollegen sowie von den Unabhängigkeitskämpfern misstrauisch beäugt.

Sogar Fazackerly, bei Weitem noch der angenehmste, behandelt ihn meist nur als lustiges Kuriosum, als sonderbare Abnormität, wie einen durchreisenden Apachen oder einen Tanzbären. (Auszug Seite 8)

Ian McGuire knüpft an eine historisch überlieferte Begebenheit vom 23. November 1867 an und spinnt seine Geschichte um den erbitternden Kampf zweier Männer. Dabei wirken die historischen Hintergründe des Romans sehr gut recherchiert und verleihen dem Buch einen besonderen Rahmen.

Genau wie in seinem für den Man-Booker-Prize nominierten Roman „Nordwasser“ bedient sich McGuire einer bildreichen, atmosphärisch dichten fast poetischen Sprache, um das ärmliche Milieu und die ungeschönten Umstände zu schildern, die mich sofort in die Geschichte hineinzog. Die große Stärke des Autors sind seine realistischen Beschreibungen der perspektivlosen Lebenssituationen der arbeitenden Bevölkerung. Dabei ist er immer gut, wenn es um die Beleuchtung des Alltäglichen geht, ständig wird gegessen, getrunken und geschlafen. Er guckt hinter die Kulissen und offenbart die düsteren Ecken einer Industriestadt im 19. Jahrhundert. Man kann den Dreck im Pub, in den Häusern, im Gefängnis, beim Hundekampf oder später auf einer Farm in den USA praktisch spüren und riechen. Obwohl die Menschen hart arbeiten, reicht es hinten und vorne nicht und viele leiden unter Hunger. Durch die zahlreichen Iren, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach England gekommen sind, wird der Konflikt zwischen den Nationalitäten befeuert und es brodelt gewaltig.

Die Figuren sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Besonders O’Connor agiert das ein oder andere Mal sehr ungeschickt und macht Fehler, die sogar zum Tod einiger Menschen führen. Über die Tatsache, dass er seine Informanten namentlich in ein Notizbuch schreibt, was der gnadenlose Auftragskiller dankend annimmt, konnte ich nur den Kopf schütteln. Dass er dann auch noch rückfällig wird und seine Pflichten vernachlässigt, konnte man erahnen. Das lässt ihn zwar sehr menschlich erscheinen, aber der Autor gönnt dem Leser wirklich keinen Lichtblick. Auch kommen der Geschichte einige Zufälle zur Hilfe. O’Connors Neffe kommt aus New York und ist auf dem Schiff ausgerechnet Doyle am Spieltisch begegnet. Den unerfahrenen aber übermotivierten Jungen jetzt als Spitzel einzusetzen ist wirklich nicht besonders klug und er bringt sich und andere in Lebensgefahr. Der Constable dagegen scheint wie ein Getriebener, der seine Pflicht tun möchte und nicht aus seiner Haut kann. Ohne Unterstützung kämpft er wie gegen Windmühlen. Den tiefen Fall von O’Connor mitansehen zu müssen, ist wirklich sehr deprimierend.

In vielen deftigen Dialogen blitzt das Talent des britischen Autors auf. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat mit „Der Abstinent“ einen aus meiner Sicht packenden und bewegenden Roman um Rache und Vergeltung vor der Kulisse des irischen Unabhängigkeitskampfes geschrieben. Der äußerst überraschende Showdown ist bitter und nur schwer zu ertragen, aber in seiner Unvermeidlichkeit passend zum Rest des Romans.

Funfact: „Nordwasser“ wird gerade von der BBC in Form einer Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Abstinent | Erschienen am 23. April 2021 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-28272-7
336 Seiten | 23,00 Euro
Originaltitel : The Abstainer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Ian McGuires Roman „Nordwasser“

Ling Ma | New York Ghost

Ling Ma | New York Ghost

Nach dem ENDE kam der ANFANG. Und am ANFANG waren wir acht, dann neun – das war ich -, eine Zahl, die nur abnehmen würde. Wir fanden einander, nachdem wir aus New York in die sichereren ländlichen Gefilde geflohen waren. Das hatten wir so in Filmen gesehen, auch wenn niemand sagen konnte, in welchen genau. Vieles verlief nicht so, wie wir es von der Leinwand kannten. (Auszug Romananfang)

Ling Mas bereits 2018 in den USA erschienenes Debüt erzählt von einem fiktiven Virus, der sich durch Globalisierung von Asien ausgehend schnell über den Erdball ausbreitet. Das aus China eingeschleppte sogenannte Shen-Fieber wird von Pilzsporen ausgelöst, die in die Atemwege gelangen. Die Infizierten sind dazu verdammt, bewusstlos gefangen in den immer gleichen Routinen ihres Lebens dahinzuvegetieren, bis sie schließlich verhungern. Der Verlauf ist meist tödlich, eine Heilung gibt es bisher nicht. Einige wenige Menschen bleiben verschont. Eine davon ist die Ich-Erzählerin Candace Chen.

Ein tödlicher Virus legt die US-Metropole lahm
In New York erlebt Candace, wie das tödliche Fieber über die Metropole hereinbricht, wie Geschäfte schließen, die U-Bahnen stillstehen und schließlich die Menschen fliehen. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Verlagswesen und ist zuständig für die Produktion von Bibeln. Um die Herstellungskosten niedrig zu halten, wurde der Druck in Billiglohn-Länder im südlichen China ausgelagert. Die regelmäßigen Dienstreisen nach China nutzt Candace zu hemmungslosen Shoppingtouren in Hong Kong. Ihre Vorgesetzten überreden sie mit der Aussicht auf Beförderung, als Letzte die Stellung im Büro zu halten. So bleibt Candace in dem großen Büroturm in Manhattan und erledigt pflichtbewusst ihre eintönige Arbeit, obwohl diese ihr nie viel bedeutet hat. Vielmehr gibt die alltägliche Routine ihr Halt und sie benötigt scheinbar die auferlegten Rituale, um irgendwie weiterzumachen. Ihre Leidenschaft ist die Fotografie und so streift sie nach der Arbeit ziellos durch die fast ausgestorbenen Straßen von New York City und hält in Fotos den Zustand der sich immer mehr verändernden Stadt fest. Indem sie auf ihrem anonymen Blog NY Ghost diese Aufnahmen postet, ist sie für viele Menschen die einzige, die die aktuellen Entwicklungen dokumentiert.

Aufgrund des Klappentextes hatte ich erwartet, dass dieser Erzählstrang im Vordergrund stehen würde, aber das nimmt nur einen kleinen Teil der Geschichte ein. In Rückblicken erfahren wir, wie Candace als 6-jährige mit ihren Eltern aus China emigriert ist. Hier ist der Roman eine interessante Migrationsgeschichte und gewährt Einblicke in die Einwanderungsprobleme der Familie Chen. Die Eltern hofften auf ein besseres Leben und tun alles, um sich der neuen Kultur anzupassen sowie sich in der amerikanischen Arbeitswelt zurechtzufinden. Besonders die Mutter kämpft mit der Rolle der migrantischen Ehefrau, wirkt wie zerrissen zwischen den kapitalistischen Verlockungen und dem Wunsch, die eigenen Wurzeln nicht zu verlieren. Vielleicht greift die Autorin auch auf eigene Erfahrungen zurück, denn hier ist der Roman richtig stimmig und bewegend. Candace schlingert irgendwie plan- und orientierungslos durch ihr Leben. Sie studiert Kunst und lebt nach dem frühen Tod ihrer Eltern in einem kleinen Kellerappartement in New York, verliebt sich in den Nachbarn und verliert sich in den Routinen ihres Jobs und im Shopping. Ling Ma trifft den richtigen Ton um das Lebensgefühl der Mittzwanziger in einer Großstadt zu beschreiben, die Suche nach Liebe und Geborgenheit, den Einstieg in die Arbeitswelt, Enttäuschungen und Frustrationen.

Flucht aus New York
Irgendwann muss auch die junge Frau fliehen und schließt sich einer Gruppe Überlebender an. Die Truppe hat ihre eigenen, fast sektenähnlichen Regeln und wird von dem IT-Techniker Bob angeführt. Der selbsternannte Chef will sie zu einer „Anlage“ in der Nähe von Illinois führen, die sich als Shopping-Mall entpuppt, in der sie laut dem dominanten Bob alles zum Überleben finden. Hier ist der Roman richtig düster und dystopisch und beinhaltet auch Elemente eines Road-Movies. Die Szenen sind teilweise morbide und verstörend, wenn die Gruppe beispielweise auf ihrem Weg in Häuser einbricht um zu plündern und Bob sie zwingt, vom Fieber Befallene zu erlösen, sprich zu töten. Wobei von den Fieberzombies selbst gar keine Gefahr ausgeht. Suspense entsteht eher dadurch, weil es in der Gruppe zunehmend zu Spannungen bis zur Gewalt kommt, auch weil Bob absolut keinen Widersprich duldet. Das ist aber nicht besonders innovativ, hat man so schon gelesen und ich musste an „The Walking Dead“ denken.

Meine Meinung
New York Ghost bietet viele Themen an wie Kapitalismus – und Konsumkritik, Herkunft und Identitätssuche, Entmenschlichung, Leistungsdruck, Familie und erste Liebe, die aber gar nicht dröge, sondern raffiniert miteinander verknüpft werden. Die Endzeitgeschichte vor New Yorker Kulisse ist intelligent geschrieben mit gut beobachteten Figuren, der Ton ist ironisch-distanziert. Ein visionärer Roman, in dem sich vieles wie Homeoffice, Masken und Quarantäne gespenstisch vertraut liest und der von der Realität überholt wurde. Als melancholischer Endzeitthriller bietet er nur beliebiges, dafür funktioniert er als Drama, bissige Satire und als originelle Gesellschaftskritik. Einige Doppeldeutigkeiten wurden mir erst nach dem Lesen richtig bewusst.

Ling Ma wurde wie ihre Romanheldin 1983 in der chinesischen Provinz Fujian geboren und ist in den USA aufgewachsen. Ihr Debütroman, der von Zoë Beck übersetzt wurde, gewann zahlreiche Preise.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

New York Ghost | Erschienen am 23. März 2021 im CulturBooks Verlag
ISBN 978-3-959-88152-4
360 Seiten | 23,- Euro
Originaltitel : Severance (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Zoë Beck)
Bibliografische Angaben

Tom Hillenbrand | Montecrypto

Tom Hillenbrand | Montecrypto

Aktien, Anleihen, Währungen – alles ist genauso viel wert, wie die Leute glauben, dass es wert ist. Geld ist kondensierte Hoffnung, ist Glaube – Glaube daran, dass ein Asset weiter steigt; Glaube daran, dass man nicht zu teuer gekauft hat; Glaube daran, dass ein noch größerer Depp um die Ecke kommen und einem Ölfässer, Schweinehälften oder hässliche Münzen mit Schildkrötenlogo für das Doppelte abnehmen wird; Glaube daran, dass die eigene Gier gerechtfertigt ist. (Auszug 2063 E-Book)

Der amerikanische Selfmade-Unternehmer Gregory Hollister war ein Techno-Nerd, wie man ihn sich vorstellt: Schon mit 11 Jahren schrieb er erfolgreich seine ersten Computerprogramme. Später gründete er ein Startup namens Juno und entwickelte eine Kryptowährung sowie eine Bezahlapp. Der Visionär der Krypto-Branche galt als Pionier in Sachen Digitalwährungen. Der Verkauf seiner Firmenanteile machte ihn zu einem schwerreichen Mann. Jetzt ist Sir Holly bei einem tragischen Unglücksfall ums Leben gekommen. Bei einem Flug mit seiner Cessna stürzt er über dem Golf von Mexiko aus ungeklärten Gründen ins Meer. Von seinem Milliarden-Vermögen ist jedoch nur ein Bruchteil auffindbar, denn er hatte den größten Teil seines Privatvermögens in Bitcoins angelegt.

Bitcoins, Shitcoins, Blockchain
Gregs Halbschwester Jackie, eine Aktionskünstlerin beauftragt in Los Angeles den Privatdetektiv Edward Dante das verschwundene Vermögen zu finden. Der britisch-stämmige Dante scheint genau der richtige zu sein, denn er ist auf heikle Finanz- und Vermögensfragen spezialisiert, „Financial Forensics“ steht ja nicht ohne Grund auf seinen Visitenkarten. Der ehemalige Banker hatte bei Gerard Brothers, einer der größten Wall-Street-Banken, gearbeitet und Millionen verdient. Nach der weltweiten Finanzkrise hatte er, mitverantwortlich, der Wall-Street beschämt den Rücken gekehrt und sich im eher schäbigen Viertel Hollywoods als Privatschnüffler selbstständig gemacht.
Der finanziell in der Klemme sitzende Ed Dante nimmt den Auftrag an und beginnt zu ermitteln. Während eines Einbruchs in seiner Wohnung lernt er die technisch versierte und attraktive Bloggerin Mercy Mondego kennen, die sich im Gegensatz zu ihm mit Bitcoins, Shitcoins, Klickfarmen und Computern hervorragend auskennt und ihm fortan in der Krypto-Welt zur Seite steht. Dann tauchen im Internet posthum Videos von Hollister auf, in dem er kryptische Botschaften verkündet und von einem digitalen Schatz namens Montecrypto berichtet, der versteckt wäre und den es zu finden gäbe. Die Internet-Community dreht durch und es beginnt eine Art kollektive Schnitzeljagd. Auch FBI, ausländische Geheimdienste, Mafia und Terroristen begeben sich auf die globale Suche nach dem Vermögen und wollen den Code entschlüsseln.

First Quatermain
Zusammen mit Mondego macht Dante sich zu einer Kryptokonferenz nach Las Vegas auf. Hier in der Mojave-Wüste gerät er mehr zufällig in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Netz fallen sofort Vergleiche mit dem literarischen Schatzsucher Allan Quatermain und Dante mit markantem Trilby-Hut auf seiner Glatze. Er wird zum Held und zum Gejagten. Fortan ist er in den Medien nur noch der First Quatermain.

Während weitere Videos vom exzentrischen Startup-Unternehmer viral gehen, bringt Dante Hinweise in Zusammenhang und kommt dem Geheimnis um Montecrypto immer näher. Die wilde Jagd über Kontinente, die jetzt folgt, von Los Angeles über Frankfurt bis nach Zug in die Schweiz und zurück nach New York hat mich irgendwie an Dan Browns Thrillers mit Professor Robert Langdon erinnert. Der Showdown ist dann ein großes Actionspektakel mit einem teilweise voraussehbaren Twist und für mich eine augenzwinkernde Reminiszenz an die Schlussszenen der Bond-Filme ohne hier zu viel verraten zu möchten.

Meine Meinung
Tom Hillenbrand begibt sich mit seinem neuen Thriller in die Welt der Finanzwirtschaft. Bedenken, dass man ohne Vorkenntnisse der Thematik überhaupt folgen kann, sind unnötig. Denn wie von ihm gewohnt, macht er nicht den Fehler, mit seitenlangen Erklärungen zu nerven. Souverän und mit viel Hintergrundwissen werden die Grundlagen der globalen Geldwirtschaft und digitale Kryptowährungen vermittelt und die Bitcoin-Szenerie dargestellt. Das Tempo ist hoch und ich habe immer wieder gerne zum Buch gegriffen. Als moderne Version einer Schatzsuche à la Indiana Jones funktioniert der Thriller bestens und die vielen popkulturellen Verweise haben Spaß gemacht. Ich mag einfach den flüssigen und mitunter flapsigen Schreibstil, Dantes trockenen Humor und die vielen witzigen Einfälle.
Mit Ed Dante hat der Autor eine sympathische Figur erschaffen, auch wenn man sagen muss, dass der Charakter des abgehalfterten, gescheiterten Privatdetektivs mit Alkoholproblemen und leicht sexistischem Frauenbild eher einem Stereotyp entspricht, während die attraktive, schlaue Bloggerin oder der durchgeknallte Krypto-Millionär nur oberflächlich skizziert werden.

Trotz des Titels und der Schatzsuche ist „Montecrypto“ keine moderne Version von „Der Graf von Montechristo“. Tom Hillenbrand hat eine eigenständige Geschichte geschrieben, in der allerdings einige Namen aus dem Klassiker von Alexandre Dumas auftauchen. Montecrypto hat mehr Anteile einer Abenteuergeschichte als eines Thrillers und mich über weite Strecken hervorragend unterhalten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Montecrypto | Erschienen am 04. März 2021 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00157-0
448 Seiten | 16,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Tom Hillenbrands Thriller „Drohnenland„, „Hologrammatica“ und „Qube

Iain Reid | The Ending

Iain Reid | The Ending

„Ich trage mich mit dem Gedanken, Schluss zu machen.“ (Auszug Buchanfang)

Psychothriller sind eigentlich schon seit einiger Zeit gar nicht mehr mein Beuteschema. Irgendwie kann mich da nichts mehr überraschen, gefühlt habe ich schon alles gelesen. Der Überraschungshit des Kanadiers Iain Reid wirbt unter anderem mit dem Zusatz „subtiler Psycho-Horror für Fans von Stephen King und Hitchcock“. Das catchte mich und nachdem ich mir die Lektüre näher angeguckt hatte, fand ich auch interessant, dass die Meinungen sehr weit auseinandergehen. Leser feiern es oder sind total gelangweilt. Nachdem Netflix 2020 den Roman adaptierte, gab es auch ein Hörbuch und das habe ich mir kurzentschlossen über Audible runtergeladen.

Eine junge Liebe
Im kanadischen Winter steigt eine junge Frau zu ihrem Freund ins Auto. Sie kennen sich erst seit ein paar Wochen und sind auf dem Weg zu seinen Eltern. Jake will ihr zeigen, wo er herkommt und aufgewachsen ist. Auf der langen Autofahrt durch die einsame Schnee-Landschaft lässt die namenlose Ich-Erzählerin den Leser an ihren Gedanken und Eindrücken teilhaben. Sie ist hin- und hergerissen und überlegt, die Beziehung zu beenden. Als Leser oder Hörer sitzt man mit im Auto und erfährt in Rückblenden, wie die beiden Studenten sich kennengelernt haben. Weiter nehmen wir an den Gesprächen des Paares teil, die sich um Alltags- und psychologische Themen handeln, wobei die Dialoge manchmal etwas seltsam wirken, dann wieder schon fast philosophisch anmuten und zum Nachdenken anregen. Trotz tiefer Verbundenheit reden sie jedoch auch oft aneinander vorbei. Die ganze Zeit spürt man eine große Distanz zwischen den Figuren und fragt sich, was da los ist. Sie erzählt Jake nichts von den mysteriösen Anrufen, die sie seit geraumer Zeit erhält und die sie sehr beunruhigen. Auch während der Fahrt erreichen sie anonyme Sprachnachrichten auf ihrem Handy, die sie Jake verheimlicht.

Ein Kammerspiel
Dadurch dass ein großer Teil des Psychothrillers auf kleinem Raum stattfindet und man nicht durch zu viele Settings oder Nebenfiguren abgelenkt wird, verstärkt sich der Eindruck eines Kammerspiels. Die Stimmung ist angespannt und unbehaglich, ohne dass man das richtig greifen kann. Die Protagonistin empfindet diffuse Ängste, auch der Leser spürt deutlich, dass großes Unheil aufzieht. Dann gibt es noch einen Teil auf der Farm bei Jakes Eltern. Auch während des gemeinsamen Essens verhalten sich alle mehr als eigenartig und es passieren seltsame fast surreale Dinge. Das ist alles schon verstörend und man kann verstehen, dass die junge Frau die Farm gerne wieder mit Jake verlassen und trotz immer stärker werdendem Schneefall nicht das Übernachtungsangebot seiner Eltern annehmen möchte.
Unterbrochen wird der Roman von Einschüben, in denen es um die Gedanken von Augenzeugen zu einem tragischen Todesfall geht. Man wird darüber informiert, dass etwas Grauenhaftes passiert. Das lässt bereits erahnen, dass das junge Paar unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuert. Dem Autor gelingt es durch seinen intensiven Schreibstil mit prägnanten und knappen Sätzen, teilweise nur Satzfragmenten eine beklommene und immer bedrohlicher werdende Atmosphäre mit subtilem Horror zu erzeugen.

Das Ende
Wie man schon vermuten kann, ist das Besondere das Ende. Nach einem spannenden Showdown kommt es zum Schluss zu einem Plot-Twist, den ich so nicht erwartet hatte und der mich auch nach dem Ende des Romans noch lange beschäftigt und nicht so richtig losgelassen hat. Dabei hätte man darauf kommen können, die Hinweise waren da. Es gibt genug Andeutungen, die Raum zum Spekulieren lassen und nach dem Erscheinen des Buches zur Gründung einer Website zum Austausch führten. Am liebsten würde ich jetzt den Thriller noch mal lesen. Dabei habe ich mich gerne von der Schauspielerin Alexandra Sagurna durch die Geschichte tragen lassen, die einen Sog entfaltet und mich nicht eine Minute gelangweilt hat.

Es handelt sich nicht um einen Psychothriller im klassischen Sinn. Das erklärt vielleicht die vielen unterschiedlichen Bewertungen, da Leser etwas anderes erwartet haben und enttäuscht wurden. Es ist mehr ein ungewöhnliches, melancholisches und geschickt inszeniertes Psychodrama über eine menschliche Tragödie. Ein atmosphärisch düsteres Lese- sowie Hörereignis, dessen Ende sicher einige Leser etwas ratlos zurücklässt.

„The Ending“ ist das Romandebüt des gebürtigen Kanadiers Iain Reid, Jahrgang 1980, der aktuell in Ontario lebt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

The Ending | Das Taschenbuch erschien am 02. November 2017 im Droemer Verlag
Aktuell verfügbar als E-Book
ISBN: 978-3-426-45004-8 | 12,99 €
Originaltitel: I’m Thinking of Ending Things (Übersetzung aus dem Englischen von Anke Kreutzer und Dr. Eberhard Kreutzer)
Bibliografische Angaben und Leseprobe

 

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

„Es gibt keine Garantien“, warnte Hamish sie. „Man kann nicht wissen, in welchem Zustand sich Ihr Erbe befindet. Es ist schon ziemlich lange hier unten.“ „Ja, aber es ist doch ein Torfmoor, stimmt’s?“, warf Will ein. „Ich meine, ich habe von Leichen gelesen, die jahrhundertelang in Torfmooren erhalten geblieben sind.“ (Auszug Position 549 E-Book)

Durch die im Moor vorhandenen Torfmoose entsteht ein stark saures Milieu, welches unter anderem dafür sorgen kann, dass Moorleichen über Jahrzehnte gut konserviert bleiben. Diesen Umstand macht sich Val McDermid in ihrem 5. Fall um die auf Cold-Case-Fälle spezialisierte Polizistin Detective Chief Inspector Karen Pirie zu Nutze.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Schatzsuche in den Highlands
Die Schatzkarte des verstorbenen Großvaters hatte ein amerikanisches Ehepaar in die Highlands geführt. Auf der Suche nach ihrem Erbe waren sie an einem abgelegenen Ort im Moor fündig geworden. Mit Hilfe des ortsansässigen Bauern oder besser Highlanders, Hamish Mackenzie, finden sie auf dessen Grundstück nicht nur die zwei vergrabenen Motorräder, die der Großvater am Ende des zweiten Weltkrieges entwendete und vergraben hatte. In der Grube taucht überraschend auch eine männliche, aufgrund der Bodenverhältnisse gut erhaltene Leiche auf. Und hier kommt DCI Pirie auf den Plan, denn die Nike-Turnschuhe des Opfers können exakt ins Jahr 1995 verortet werden. Aufgrund des guten Zustandes der Leiche hofft man auf eine schnelle Identifizierung. Die engagierte Chefin der Historic Cases Unit ist grade in den schottischen Highlands unterwegs, da in einem alten Fall aus den 80er Jahren, bei dem es um brutale Vergewaltigungen und Morde an Prostituierten geht, neue Hinweise auftauchten.

Die Autorin erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denn immer wieder erfahren wir durch Rückblicke in das Jahr 1944 und danach, wie und warum es dazu kam, dass die beiden amerikanischen, wertvollen Maschinen beim Truppentransport irgendwie „verloren“ gingen und von zwei ehemaligen Soldaten vergraben wurden.

Pirie hat es grade nicht leicht, privat leidet sie immer noch unter dem schmerzlichen Verlust ihres Lebensgefährten und beruflich macht ihre neue Vorgesetzte Assistant Chief Constable Ann Markie ihr das Leben mit vielen unnötigen Schikanen schwer. Der immer wie aus dem Ei gepellten Markie ist besonders die Außenwirkung der schottischen Polizei wichtig. Sie unterstützt die HCU, solange sich die Fälle der Police Scotland in den Abendnachrichten gut verkaufen lassen. Als DCI Pirie rausfindet, dass ein neu eingesetzter Kollege als Spitzel auf sie angesetzt wurde, wird ihr klar, dass Markie sie unbedingt loswerden will. Auch wenn sie erst mal die Gründe nicht versteht, denn die Erfolgsrate der HCU ist sehr gut. Zur gleichen Zeit wird Pirie in ihrem syrischen Lieblingscafe in Edinburgh Zeugin eines Gesprächs zweier Frauen am Nebentisch und ahnt aufgrund der Äußerungen, dass hier ein Verbrechen geplant wird. An einer Stelle denkt sie:

Das Ganze hatte etwas Bühnenhaftes, fast, als wäre es eine absichtsvolle Darbietung. (Auszug Pos. 281 E-Book)

Meine Meinung
Das hat mich auch anfänglich beim Lesen dieses Kriminalromans gestört. Die Dialoge wirken nicht natürlich, sondern oft aufgesetzt und lediglich dafür da, den Leser über einen Sachstand zu informieren. Die Charaktere waren mir zu oberflächlich und nicht tief genug gestaltet, auch werden zahlreiche Klischees bedient. Ich möchte beispielhaft den knapp zwei Meter großen Highlander Hamish herausgreifen:

Sein Haar, das die gleichen Schattierungen aufwies wie die Torfziegel, die in ihrem Wohnzimmer aufgeschichtet waren, fiel ihm in widerspenstigen Locken auf die Schultern. Der üppige Bart sah so weich aus, dass sie am liebsten das Gesicht darin vergraben hätte. Er trug einen weiten, handgestrickten Pullover in Waldbeerenfarbe über einem Kilt, der schmale Hüften und muskulöse Waden betonte. Dicke Wollstrümpfe warfen über einem Paar abgenutzter Arbeiterstiefel Falten. Er war nicht unbedingt schön. Aber prächtig. Entweder war das Hamish Mackenzie, ging es ihr durch den Kopf, oder irgendein Prinz aus Game of Thrones. (Auszug Pos. 397 E-Book)

Hinzufügen könnte ich noch, dass sich die Küche seines weißen Cottages „undefinierbar männlich anfühlt“ und bevor man sich wundert: Edelstahl und auf weichen Glanz polierte Eiche sowie Küchengeräte, die man nur aus Kochsendungen kennt. Aber Schluss jetzt mit Hamish!
Wir haben es hier mit vielen verschiedenen Handlungslinien zu tun, und es ist der Souveränität der Autorin zu verdanken, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt verzettelt. Die Geschichte lässt sich flüssig lesen, der Schreibstil ist ruhig fast betulich. McDermid verzichtet auf Actionszenen, der Fokus liegt dafür auf akribisch beschriebener Polizeiarbeit. Einmal an den bedächtigen Erzählstil gewöhnt, der keine nervenzerreißende, atemlose Spannung bietet, empfand ich Interesse an den Entwicklungen der diversen Fälle und ich habe gerne weiter gelesen.

Dabei haben mich aber immer wieder einige Kleinigkeiten gestört, wie die Angewohnheit, alle mit lächerlichen Spitznamen zu versehen und diese gefühlt in jedem zweiten Satz zu benutzen. Auch für meinen Geschmack sehr nervig waren das ständige Zelebrieren von Kaffeeholen und das Aussuchen der diversen Kaffeesorten. Als Karen in Edinburgh wieder auf Hamish trifft, den ich noch mal erwähnen muss, stellt sich heraus, dass er neben einem Leben als Bauer auch noch eine Coffeeshop-Kette in Edinburgh besitzt.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Zwischendurch wirft McDermid routiniert durch ihre Protagonistin Karen Pirie auch kritische Blicke auf das heutige Edinburgh, wenn es um Gentrifizierung oder die Arbeit der Stadtplaner geht, die ursprüngliche Viertel zugunsten des Tourismus aufmöbeln möchten. Vielleicht nicht der beste Krimi der Bestseller-Autorin, handelt es sich doch um solide irgendwie gemütliche Krimikost mit Schottland-Flair. Ich möchte eigentlich nur wissen, wie es mit Karen und ihrem Hipster-Barista Hamish weitergeht.

Die Queen of Crime
Val McDermid wurde 1955 in der Hafenstadt Kirkcaldy im schottischen Fife geboren. Aus einer Bergarbeiterfamilie stammend, war sie die erste aus der Familie, die auf eine Universität ging. Schon mit 17 Jahren studierte sie in Oxford Englische Literatur. Nach dem Abschluss war sie als Journalistin, als Bühnenautorin und auch als Literaturdozentin erfolgreich, bevor sie 1987 als Schriftstellerin debütierte. Mittlerweile erscheinen ihre Bücher weltweit in mehr als 30 Sprachen und die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autorin gilt als eine der erfolgreichsten britischen Schriftstellerinnen im Spannungsgenre. Neben einigen bekannten Serienfiguren wie die Journalistin Lindsay Gordon oder die Privatdetektivin Kate Brannigan schaffte es die Reihe um Profiler Tony Hill und DI Carol Jordon sogar ins Fernsehen. Die TV-Serie „Hautnah – Die Methode Hill“ entstand zwischen 2002 und 2008. McDermid engagiert sich für die Gleichstellung Homosexueller und ist eine Unterstützerin des Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands.

 

Buchfoto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Grab im Moor | Erschienen am 1. September 2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28223-6
496 Seiten | 16.00 Euro
Originaltitel: Broken Ground (Übersetzung aus dem Englischen von Ute Brammertz)
Bibliografische Angaben und Leseprobe