Kategorie: Andy Ruhr

Unsere Krimis des Jahres 2025

Unsere Krimis des Jahres 2025

Und schon ist wieder ein Jahr 2025 Geschichte, die finale Folge „Strangers Things“ geguckt und Zeit, einen Blick zurück auf das Jahr 2025 zu werfen. Neben einigen visuellen Highlights wie die Streaming-Serien Dept. Q oder Adolescence gab es bei Gunnar auch zwei besondere Highlights: Der Besuch der Leipziger Buchmesse im März und die Lesung mit Sara Paretsky im September.

Daneben gab es für uns Lesehighlights in unterschiedlichen Genres. Bei unseren Krimihighlights haben wir es zum ersten Mal geschafft, genügend dieselben Bücher zu lesen – und auch noch gut zu finden. Deswegen gibt es heute zum ersten Mal eine gemeinsame Jahreshitliste. Wir vergeben ja maximal 5 Punkte, die in 2025 aber kein Roman erreicht hat. Allerdings haben einige 4,5 Punkte ergattert. Bei dreien davon waren wir uns einig, haben darüber hinaus aber noch eine Reihenfolge festgelegt. Zwei weitere Bücher hat nur jeweils einer von uns gelesen, daher vergeben wir Platz 4 zweimal. Eine Tendenz lässt sich auf jeden Fall erkennen: Es dominieren Kriminalromane und Thriller mit historischen Settings.

Platz 4: Susanne Tägder – Die Farbe des Schattens

Auch „Die Farbe des Schattens“ beginnt mit einer Suchaktion nach einem verschwundenen Kind. Allerdings verschwand der kleine Matti aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg 1992. Wie schon in ihrem gefeierten Debüt-Roman „Das Schweigen des Wassers“ ermittelt wieder Kommissar Groth, der nicht ganz freiwillig als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Tägder versteht es, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, die weniger von Aufbruchsstimmung sondern eher von Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar. Das Ergebnis ist ein ruhiger Kriminalroman, der von der psychologischen Spannung sowie der emotionalen Belastung lebt. Obwohl im Grundton eher melancholisch, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem sich Andy kaum entziehen konnte. Hier findet ihr die ausführliche Besprechung.

Platz 4: Jake Lamar – Viper’s Dream

Eine gelungene Kombination zwischen Jazz & Crime hat der amerikanische Autor Jake Lamar veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Clyde Morton, der als Greenhorn vom Land 1936 nach Harlem kommt, dort von Unterweltgrößen unter die Fittiche genommen wird und schließlich zu einem der einflussreichsten Gangster bis Anfang der 1960er aufsteigt. Daneben ist der Roman auch eine Geschichte über die New Yorker Jazzszene, ganz natürlich betreten immer wieder weltbekannte Jazzgrößen die Szene. Gunnar war begeistert über die sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, hartgesottenem Gangsterroman und der Melancholie eines nachdenklichen Gangsters. Seine Rezension ist hier zu finden.

Platz 3: Kate Atkinson – Nacht über Soho

Ein ebenso fesselnder wie gut komponierter Spannungsroman ist „Nacht über Soho“, in dem die britische Autorin uns in das schillernde Nachtleben von London vor genau hundert Jahren, in die roaring twenties mitnimmt. Mit der Nachtclubbesitzerin Nellie Coker und einem wirklich opulenten Figurenensemble lässt Atkinson die Leser:innen tief in die Atmosphäre der verruchten Halbwelt der Clubs in Soho eintauchen und porträtiert eine Gesellschaft, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg ungezügelt feiern will. Atkinsons Sittengemälde der 20er Jahre wirkt nie zu düster, dafür sorgt schon die scharfzüngige Sprache der Autorin, ironisch und unterkühlt. Eine ausführliche Rezension gibt es von Gunnar.

Platz 2: Andreas Pflüger – Kälter

Zum Ende des Jahres haben wir beide noch ein Thriller-Highlight von Andreas Pflüger beendet, der in „Kälter“ das liefert, was man an ihm schätzt. Gut choreografierte Actionszenen, messerscharfe Dialoge, bildhafte Erzählweise, exakt gezeichnete Charaktere sowie eine starke Heldin. Das ist Luzy Morgenroth, eine ehemalige BKA-Personenschützerin, die 1989 inzwischen 50-jährig als Provinzpolizistin auf Amrum eine ruhige Kugel schiebt. Das ändert sich, als ein Killerkommando die Inselidylle zerstört. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls entfaltet sich mit Luzy als Racheengel eine spektakuläre Story zwischen Amrum, Wien, Israel und Moskau. Die ausführliche Rezension wird im Januar nachgereicht.

Platz 1: Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ganz anders als „Long Bright River“, ein weiteres Highlight der amerikanischen Autorin entführt uns Liz Moore in „Der Gott des Waldes“ in die dichten Wälder des Adirondack-Gebirges. Hier verschwindet im Jahr 1975 in einem elitären Sommer-Camp die 13-jährige Barbara. Nicht nur ist sie die Tochter der steinreichen Gründer-Familie, sondern auch die Schwester des Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Mit großer Erzählfreude arrangiert Moore Figuren und Plot, wechselt mit einem verlässlichen Gespür fürs Timing die Perspektiven und verknüpft souverän mehrere Zeitebenen miteinander. Empathisch und mit präzisem Blick wird eine Familientragödie geschildert und durch bildreiche Sprache das raue Klima vor des Lesers Auge lebendig. Je weiter die komplexe Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wurden wir und klebten an den Seiten. Für uns beide ein außerordentlich guter Roman und unsere Nummer 1 in diesem Jahr. Hier ist der Link zu Andys vollständiger Rezension.

Bailey Seybolt | Coram House

Bailey Seybolt | Coram House

Seit ich hier bin, habe ich mich als Unbeteiligte gesehen, die von außen auf die Geschichte schaut. Als eine neutrale Reporterin, die nichts mit der Geschichte zu tun hat. Doch das stimmt nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wann genau es sich geändert hat. Vielleicht, als ich den Schrei im Wald gehört habe. Vielleicht heute Morgen, als ich Rooneys Leiche gefunden habe. (Auszug Position 4124 von 5095)

Im Mittelpunkt des Thriller-Debüts steht die frisch verwitwete Autorin Alex Kelley, die grade eine schwere Zeit durchlebt. Einst für ihre True-Crimes gefeiert, war sie mit ihrem letzten Roman aufgrund von Recherchefehlern in Misskredit gefallen. Hoffnungsvoll nimmt sie das Angebot an, als Ghostwriterin über die tragischen Ereignisse in einem von Nonnen und Priestern geführtem Waisenhaus namens Coram House im ländlichen Nordosten der USA zu schreiben und sich damit zu rehabilitieren. Es geht um einen vor Jahrzehnten vorgefallenen Missbrauchsskandal, dessen Gerichtsprozess in den 80er Jahren mit einem Vergleich endete. Der ehemalige Chefermittler und mittlerweile pensionierte Rechtsanwalt Alan Stedsan möchte sein Vermächtnis literarisch aufbereiten, besteht aber auf einer Verschwiegenheitsklausel, um sich die absolute Kontrolle über das Endprodukt vorzubehalten.

Alex reist ins winterliche Vermont und schon die ersten Akteneinsichten in alte Zeugenprotokolle deuten auf einen brisanten Fall hin. Generationen von Kindern wurden einer harten Erziehung ausgesetzt, es geht um Missbrauch, Misshandlungen und einem angeblichen Todesfall. Vor allem das Schicksal des damals neunjährigen Tommy, der an einem heißen Tag im Jahr 1968 spurlos verschwand, lässt Alex nicht mehr los. Sie verbeißt sich in den Fall, befragt ehemalige Waisenkinder, bekommt Unterstützung durch die Polizei, doch dann findet sie beim Joggen die Leiche einer Frau im See. Sie ist davon überzeugt, dass der Tod mit der dunklen Vergangenheit Coram Houses zusammenhängt und sie jemandem zu nahegekommen ist.

Coram House ist ein typischer Destination-Thriller, in dem der Schauplatz, das trostlose, inzwischen verlassene Kinderheim die Hauptrolle spielt und die bedrückende Stimmung enorm verstärkt. Das verschneite Vermont mit dem zugefrorenen Lake Champlain in der klirrenden Winterkälte ist treffend eingefangen. Alex als Protagonistin und Ich-Erzählerin ist der allzu bekannte Typ der „kaputten“ Thriller-Protagonistin. Sie reagiert oft überspannt, nervt die Polizei, trifft falsche Entscheidungen, bei denen sie unnötige Risiken eingeht und kreist um sich selbst. Sie trinkt zu viel, hat den zu frühen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden und natürlich joggt sie exzessiv. Ihre Besessenheit, Tommys Schicksal zu klären war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Gleichzeitig ist der Rechtsanwalt wenig kooperativ, seine Motivation, das Buch schreiben zu lassen, undurchsichtig.

Spannungstechnisch würde ich es als Slow-Burn bezeichnen, es ist eher mysteriös, teilweise zu dramatisch und pathetisch erzählt. Die Handlung entwickelt sich mit unerwarteten, teilweise konstruierten Wendungen, die in einem unvorhersehbaren, aber nicht abwegigen Ende gipfeln. Unterbrochen wird die gegenwärtige Geschichte immer wieder durch Vernehmungsvideos aus den 80ern, die sich organisch in die Handlung einfügen und einen erschütternden Blick auf die Zustände und Grausamkeiten in dem katholischen Kinderheim geben.

Die Autorin Bailey Seybolt studierte u.a. kreatives Schreiben an der Concordia University und lebt heute mit ihrer Familie in Vermont, nicht weit vom Lake Champlain entfernt. Ihr fiktionaler Debüt-Roman wurde von einer historischen Geschichte inspiriert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Coram House | Erschienen am 11. September 2025 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26431-0
384 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Coram House | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Goga-Klingenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Michael Connelly | Der Inselcop von L.A.

Michael Connelly | Der Inselcop von L.A.

Die Station auf der abgelegenen Insel war ein Sammelbecken für die Loser und Freaks in den Reihen der Polizei, weshalb es den Einheimischen den Aufwand nicht wert schien, sie näher kennenzulernen. (Auszug Pos. 218 von 4529)

Nach internen Querelen mit einem Kollegen wird Detective Stilwell vom LAPD abgezogen und auf die kleine Pazifikinsel Catalina Island zwangsversetzt. Obwohl er sich nun statt mit Mordfällen nur noch mit banalen Ordnungswidrigkeiten wie Trunkenheit und Ruhestörung herumschlagen muss, fühlt er sich nach fast einem Jahr in der neuen Position ganz wohl. Mittlerweile ist er mit vielen, die innerhalb der kleinen Inselcommunity eine gewisse Machtposition innehaben, in Kontakt getreten. Die Einheimischen akzeptieren ihn und er hat in Natasha Dano von der Hafenmeisterei eine neue Liebe gefunden. Die Situation ändert sich, als kurz vor dem ersten richtigen Sommerwochenende mit den zahlreich zu erwartenden Ausflüglern vom Festland, eine in Plastiksäcken verpackte und mit einem Anker beschwerte weibliche Leiche im Hafenbecken entdeckt wird. Zunächst scheint niemand die Frau mit der auffälligen lila Haarsträhne zu kennen.

Zuständig für die Aufklärung sind die Mordermittler und Forensiker vom Festland. Die Bergung der Leiche, verankert unter Seegras gestaltet sich schwierig, doch Stilwell mit einer abgeschlossenen Taucherausbildung kann unterstützen. Den Fall übernimmt ausgerechnet Rex Ahern, ein arroganter und selbstgerechter Beamter, genau der, mit dem Stilwell aneinandergeraten war. Da er von Aherns Arbeitsweise nichts hält und sicherstellen will, dass der ermordeten Frau Gerechtigkeit widerfährt, geht Stilwell gegen den Willen seines Chefs seinen eigenen Spuren nach. Dabei verhält sich Ahern weiterhin unkooperativ und auch der Bürgermeister ist von dieser Art Publicity vor dem wichtigen Feiertagswochenende nicht begeistert. Zeitgleich muss sich Stilwell noch um einen Fall von Wilderei im Naturschutzreservat der Insel und um eine gestohlene Skulptur im elitären Black Marlin Club kümmern. Schon bald entdeckt er streng gehütete Geheimnisse, zahlreiche weitere Verbrechen und Korruption auf der friedlichen Insel.

Ein neuer Reihenauftakt von Michael Connelly, eine interessante Location mit einer kleinen vor der Küste von Los Angeles liegenden Pazifikinsel, ein toll gestaltetes Cover, was soll da schon schiefgehen? Die Inselkulisse mit seiner Kleinstadtidylle ist mal etwas erfrischend anderes. Dabei versteht Connelly es, sehr farbig das Leben auf der Insel, die nur per Boot oder aufgemotzten, elektrischen Golfwagen zu erkunden ist, und seine meist wohlhabenden Bewohner lebendig darzustellen. Wenn ein Richter mit seinem Boot zu den Verhandlungen fährt, ankert, dann im Neoprenanzug zum Steg schwimmt und sich dort die Robe überwirft, versprüht der Roman seine ganz eigene Atmosphäre.

Stilwell ist unverkennbar ein typischer Connelly Charakter, ein hartnäckiger Einzelgänger mit einer Besessenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen sowie mit einer unnachgiebigen Herangehensweise an die Ermittlungen. Mit einem ausgeprägten moralischen Kompass ist er bereit, die Grenzen des Gesetzes zumindest zu dehnen, um den Opfern von Verbrechen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Kommt einem bekannt vor! Leider konnte ich ihn nicht richtig fassen, hätte mir noch mehr Tiefe gewünscht, der Autor gönnt ihm noch nicht mal einen Vornamen. Mit seiner aus Catalina stammenden Freundin Tash lernen wir die Kultur und Lebensweisen auf der Insel kennen. Weiter wird sie nicht beleuchtet, wirkt auf mich wie ein Platzhalter. Der Romanze fehlte die Chemie, sie ist ständig genervt, wenn er seine Ermittlungen über sein Privatleben stellt! Auch alle anderen Figuren waren mir zu leblos und schematisch gestaltet.

Kennzeichnend für Connellys Erzählweise springen wir zwischen den unterschiedlichen Fällen hin und her. Mir fehlte hier aber der Sog, unbedingt weiterlesen zu müssen. Dafür war der Plot grade am Anfang sehr verwirrend mit der Einführung unzähliger Charaktere und vieler unbekannter Fachbegriffe aus der Bootswelt. Der Roman besteht größtenteils aus Polizeiarbeit mit zahlreichen Vernehmungen und vielen Reisen hin und her, sodass die Handlung eher gemächlich als spannend war. Ich brauchte etwas Zeit, um in die Geschichte hineinzukommen und langweilte mich stellenweise. Es fehlte einfach der zündende Funke.

Catalina Island besitzt als Schauplatz enormes erzählerisches Potenzial, ich hätte mir gewünscht, dass der Autor die Figuren so sorgfältig ausarbeitet wie die malerische Insel, dann könnte das eine tolle neue Serie werden. Ich würde dieses Werk als eins der Schwächeren bezeichnen, wäre aber bei einem weiteren Band noch mal dabei.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Inselcop von L.A. | Erschienen am 16.09.2025 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12112-1
384 Seiten | 23,00 €
Originaltitel: Nightshade | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Susanne Tägder | Die Farbe des Schweigens (Band 2)

Susanne Tägder | Die Farbe des Schweigens (Band 2)

Plötzlich überkommt ihn ein solches Gefühl von inszenierter Normalität, dass er überzeugt ist, Matti oder jemand, der aussieht wie Matti, werde im nächsten Moment von der Angerstraße kommend auf die Wallstraße einbiegen, und er beginnt bereits, mit den Augen die Gehwege nach einem schmalen Jungen im wattierten Anorak abzusuchen. (Auszug Seite 30)

An einem dunklen Winterabend 1992 verschwindet der elfjährige Matti Beck auf dem kurzen Weg zum Einkaufen. Hauptkommissar Arno Groth, der erst vor ein paar Monaten von Hamburg nach Wechtershagen in Mecklenburg gewechselt ist, sucht gemeinsam mit seinem kleinen Team fieberhaft nach dem Jungen. Allerdings erfolglos! In der Siedlung ist es schwer für die Beamten, da keiner etwas gesehen haben will und die Bewohner den Polizisten mit Misstrauen begegnen. Auch kann Groth nicht mehr auf seinen Partner Gerstacker setzen, der aufgrund verschwiegener Kontakte zur Stasi suspendiert wurde.

Das Mönkebergviertel ist eine Plattenbausiedlung mit Jugendclub, Kleingärten, einer kleinen Kaufhalle und den Schleichwegen, auf denen die Kinder relativ unbeobachtet unterwegs sind. Erst nach ein paar Tagen wird die Leiche von Matti in einem Keller eines offiziell unbewohnten Wohnblocks gefunden. Der Verdacht fällt auf einen stadtbekannten Alkoholiker, bei dem die rote Einkaufstasche des Jungen gefunden wird. Obwohl viele Indizien gegen ihn sprechen, ist für Kommissar Groth die Lösung nicht stimmig. Er war bei den Ermittlungen auf einen bisher ungelösten Mordfall gestoßen, der sich bereits vor sechs Jahren ereignete. Als sein Vorgesetzter geht und Groth Interimsleiter der Kriminalinspektion wird, gründet er die Einsatztruppe „Nachtschatten“ und holt seinen alten Kollegen Gerstacker als externen Ermittler an Bord, da er als Einzige mit dem alten Fall vertraut ist. Parallel dazu lernt man die Taxifahrerin Ina kennen, die hier mit Sohn Benno einen Neuanfang wagt. Sie ist vor ihrem gewalttätigen Mann geflüchtet und geht deshalb viel zu spät mit ihren Beobachtungen zur Polizei.

Während er vorne auf der Straße steht, passieren die Dinge hinten in den Höfen und auf den Wegen, die er nicht kennt. Hat er sie nicht gesehen, all die Zeichen der Zeit, die drei Buchstaben auf den Handknöcheln von Elfjährigen? Er steht hier, und die Rechten treffen sich fröhlich im Kutter. (Auszug Seite 306)

Schon Susanne Tägders gefeierter Debütroman „Das Schweigen des Wassers“ spielte kurz nach der Wende in der fiktiven Stadt Wechtershagen in Ostdeutschland. Mit „Die Farbe des Schattens“ geht es nahtlos weiter mit Kommissar Groth, der hier aufgewachsen ist, aber über 20 Jahre in Hamburg lebte und nun als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Eine Entscheidung, die er nicht ganz freiwillig getroffen hat, aber nach einem Zusammenbruch aufgrund des Unfalltods seiner Tochter möchte er sich wieder in den Polizeidienst integrieren. Er fühlt sich immer noch nicht wirklich angekommen sondern als Fremdkörper, als Eindringling aus dem Westen.

Die Handlung spielt vor allem in einem Brennpunktbezirk namens Mönkebergviertel. Viele, die in der Plattenbausiedlung leben, die typische Strukturen eines beginnenden Verfalls aufweist, haben in der Folge der Wende ihren Job verloren. Aufgrund der Perspektivlosigkeit sehen sich die Menschen als Verlierer der Wiedervereinigung, in den Familien herrscht Hoffnungslosigkeit. Besonders die Jugendlichen hadern mit ihrer Situation, treffen sich im Jugendclub, der allen politischen Einstellungen offen steht und sind von den rechtsradikalen Aktivitäten der Älteren fasziniert.

Tägder schreibt sehr ungeschönt und versteht es, die Atmosphäre der früheren 90er Jahre, die nicht unbedingt von Freude und Aufbruchsstimmung sondern eher von Sorgen und Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die düstere Stimmung im dunklen, kalten Januar hat mich sofort gepackt und ich konnte gut in die Geschichte eintauchen. Ein großer Pluspunkt ist die Figurenzeichnung. Die Autorin trifft mit ihren ausgefeilten Charakteren, ob Ermittler, Zeugen, Kinder und Erwachsene, stets den richtigen Ton. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar und auch die Ablehnung gegen die Polizei wird gut beschrieben. Die mühsame Arbeit der Kriminalpolizei wird akribisch und glaubhaft geschildert. Wir sind immer ganz nah bei den Verhören und Konferenzen der Polizei. Äußerst gelungen ist auch die Aktualität des Kriminalromans, der zwar kurz nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland spielt aber viele Anknüpfungspunkte, zum Beispiel die zunehmende Radikalisierung der Kinder und Jugendlichen, an die Gegenwart aufweist.

„Die Farbe des Schattens“ ist ein eher ruhiger Krimi, der von der psychologischen Spannung, der mühevollen Polizeiarbeit und auch der emotionalen Belastung, die so ein Mordfall mit sich bringt, lebt. Obwohl der Grundton eher bedacht und melancholisch ist, entwickelt die Geschichte, die nicht nur ein Kriminal-, sondern auch ein Gesellschaftsroman ist, einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Er gibt die zerrissene Stimmung der Wendejahre gekonnt wieder und bietet mit hoher Sprachkunst ein literarisch ansprechendes Lesevergnügen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Farbe des Schattens | Erschienen am 13.09.2025 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-60850-273-2
336 Seiten | 17,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 1 „Das Schweigen des Wassers“

Harlan Coben | In tiefster Nacht

Harlan Coben | In tiefster Nacht

Sami Kierce, ehemaliger Detective beim Morddezernat des NYPD gibt an der Abendschule Kriminologie-Kurse. Geschockt entdeckt er eines Abends ein ihm vertrautes Gesicht unter seinen Schülern. Anna, ein Urlaubsflirt, die er vor 22 Jahren in Spanien kennenlernte und die er eigentlich für tot hielt.

Da sehe ich Anna. Ich halte inne, blinzle. Fast hätte ich den Kopf geschüttelt, um die Spinnweben loszuwerden. Ich weiß, dass das unmöglich ist, daher reagiere ich einige Augenblicke lang praktisch gar nicht. Ich will warten bis der Moment vorbei ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich verstorbene Menschen sehe. (Auszug Seite 28/29)

Der Prolog schildert die damaligen, folgenschweren Ereignisse. 2003 ist Sami 21 Jahre jung und will nach College-Abschluss und vor dem Studium noch mit Rucksack und Freunden quer durch Europa reisen. An der spanischen Costa del Sol lernt er in einem Club die bezaubernde Anna kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Er lässt die Kumpels weiterziehen und verbringt berauschende Tage und Nächte mit Anna in Màlaga. Bis zu jenem alptraumhaften Morgen, als er nach einer Partynacht mit dröhnendem Schädel und einem Messer in der Hand aufwacht, neben ihm die blutverschmierte Leiche von Anna. Sami meldet sich bei der Polizei, doch bei der Rückkehr zum Tatort ist der Leichnam verschwunden. Die schnelle Flucht aus dem Land schien für den jungen Mann pakistanischer Herkunft die einzige Option.

Dieses Ereignis warf den jungen Mann völlig aus der Bahn, da er sich für ein Verbrechen schuldig hält, dessen Ablauf er sich nicht vollständig erklären kann. Das geplante Medizinstudium hat er geschmissen und stattdessen eine Laufbahn beim NYPD eingeschlagen. Vom Polizeidienst wurde er inzwischen suspendiert, da seine Handlungen oft zu impulsiv und oft nicht regelkonform waren. Besonders als seine damalige, ebenfalls bei der Polizei arbeitende Verlobte Nicole von einem Verbrecher getötet wird, wurde ihm sein übermäßiger Alkoholgenuss fast zum Verhängnis. Inzwischen hat er sich gefangen, ist glücklich mit Molly verheiratet und Vater eines Sohnes. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs für eine renommierte Anwaltskanzlei über Wasser und unterrichtet als Dozent an der „Academy Night Adult School“.

Sami setzt alles daran, die mysteriöse Frau zu finden, um zu erfahren, was in der verhängnisvollen Nacht in Spanien wirklich geschah. Dabei spannt er einige seiner Seminarteilnehmer ein, die ihn gerne unterstützen. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf die schwerreiche Familie Belmond, dessen Tochter Viktoria vor Jahren nach der Silvesterparty 1999 verschwand und nach ihrem Auftauchen keinerlei Erinnerung an die Zeit ihres Verschwindens hat. Zur gleichen Zeit wird der verurteilte Mörder seiner damaligen Verlobten wegen eines Formfehler Kierces vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Ted Grayson hatte immer seine Unschuld beteuert und verlangt, dass der Fall neu aufgerollt wird.

Die Geschichte wird aus Sami Kierce Perspektive in der Ich-Form erzählt. Auch weil er die Leser oft direkt anspricht, kommt man dem ambivalenten Protagonisten mit seinen Widersprüchen, Zweifeln und moralischen Konflikten sehr nah. Während Sami Kierce sehr gut ausgearbeitet ist, bleiben andere Charaktere wie seine Ehefrau Molly eher blass. Die Idee, seine Kursteilnehmer an den Ermittlungsarbeiten zu beteiligen und das auch noch erfolgreich, ist natürlich sehr unrealistisch, jedoch auch ausgesprochen unterhaltsam. Dafür sorgt die Gruppe aus Hobbydetektiven, Rentnerinnen und Podcasterinnen, die an seinem Seminar „No shit, Sherlock“ teilnehmen, für ein wenig Komik und Leichtigkeit. Überhaupt ist der Ton trotz der dramatischen Geschichte oft sarkastisch und mit trockenem Humor behaftet.

Etwas zwiespältig fand ich die Parallelhandlung um den entlassenen Straftäter und ich befürchtete erst, Coben macht mit der ermordeten Verlobten und ihren Täter Ted Grayson sowie der Entführungsgeschichte der steinreichen Viktoria Belmond zu viele Töpfe auf. Mit seinem Talent für packende Spannung schafft es der amerikanische Autor jedoch sehr souverän eine Geschichte mit gekonnter Raffinesse zu kreieren. Die Verknüpfungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen eine dichte Dramaturgie. Stilistisch hält Coben sich an einen klaren, schnörkellosen Ton. Die Spannung wird durch eine Reihe überraschender Twists hochgehalten und ja auch einige konstruierter Zufälle im Plot, ohne dass die Geschichte wohl nicht funktionieren würde.

Ich hatte tatsächlich noch nichts von Harlan Coben gelesen, dabei gehört der amerikanische Schriftsteller weltweit zu den bekanntesten und erfolgreichsten Thrillerautoren seiner Generation. Als erster Autor gewann der ehemalige Politikwissenschaftler die drei bedeutendsten amerikanischen Krimipreise. Zahlreiche seiner Romane wurden als Miniserien verfilmt. Dadurch wurde ich auf ihn aufmerksam, interessanterweise taucht die Figur des Detektives Sami Kierce auch in dem Thriller „Fool me once“, deutscher Titel „In ewiger Schuld“ auf, den ich 2024 auf Netflix gesehen habe. Der Thriller hat mich mit viel Tempo bestens unterhalten.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

In tiefster Nacht | Erschienen am 11. Juni 2025 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-44220-687-2
448 Seiten | 17,– Euro
Originaltitel: Nobody‘s Fool | Übersetzung aus dem Englischen von Gunnar Kwisinski und Friedo Leschke
Bibliografische Angaben & Leseprobe