Kategorie: Thriller

Arne Dahl | Sechs mal zwei Bd. 2

Arne Dahl | Sechs mal zwei Bd. 2

Es macht mich wirklich traurig, dass mir niemand glaubt. Oder, noch schlimmer, dass man glaubt, ich sei verrückt. Ich habe ja den Tonfall der Beamten gehört, als sie hier waren. Ich hörte, wie sie laut über ihren Witz vom „Hausbock“ lachten, während sie in ihren Streifenwagen stiegen. Als wäre ich nicht in der Lage, den Unterschied zwischen dem verhaltensauffälligen Nachwuchs eines Käfers und einem gefährlichen, bösartigen erwachsenen Mann zu hören. Als würde ich diese Geräusche verwechseln. (Auszug Seite 9)

Die Kleeblatt-Morde

Jessica Johnsson ist bei der Polizei als durchgeknallte Verschwörungstheoretikern bekannt, eine die unter Verfolgungswahn leidet und mit absurden Anschuldigungen nervt. Aber in dem Brief, den sie der Stockholmer Polizistin Desiré „Deer“ Rosenkvist schickt, sind Details von einem alten Mordfall enthalten, die eigentlich niemand wissen kann. Und Jessica Johnsson behauptet, man hätte den Falschen verhaftet. Es war Rosenkvists erster Mordfall zusammen mit ihrem damaligen Kollegen Kriminalkommissar Sam Berger. In dem besonders grausamen Fall, in dem eine Mutter und ihr kleiner Sohn ermordet wurden, hatte man eine Kleeblatt-Zeichnung auf dem Gesäß des Opfers gefunden.

Deer gelingt es, Sam zu kontaktieren. Dieser hatte nach der Ermordung einer Kollegin und guten Freundin zwei Wochen zuvor einen Zusammenbruch erlitten. Molly Blom hatte sich um den angeschlagenen Sam gekümmert und auch dafür gesorgt, dass sie untertauchen, da der Geheimdienst Säpo ihnen den Mord anhängen will. Momentan verstecken sie sich in zwei Hütten in einem Nationalpark an Schwedens Pol der Unzugänglichkeit, den abgelegensten Ort des Landes.

Trotz der Bedrohung durch den Geheimdienst machen sich die beiden auf den Weg, um rauszufinden, ob an der Sache was dran ist. Doch der Besuch bei Jessica Johnsson endet in einem Desaster. Während des Gesprächs werden die beiden überwältigt und finden sich niedergeschlagen und gefesselt im Keller wieder, von Jessica keine Spur. Dafür jede Menge Blut und ein Stück Haut mit einer Kleeblatt-Zeichnung.

Berger-Blom-Team

Auch in dem zweiten Teil der Berger-Blom-Reihe verwebt Arne Dahl wieder souverän Rätsel um Rätsel zu einem raffinierten aber auch ziemlich verwirrendem Handlungskonstrukt. Mit jeder neuen Erkenntnis wird alles bisher Geschehene wieder umgeworfen. Dieses habe ich in dieser Häufigkeit selten erlebt. Mit dem Gefühl, etwas überlesen zu haben, musste ich immer wieder zurückblättern und den Handlungsverlauf rekonstruieren. Das macht es am Anfang schwer, sich in dem Geschehen zurechtzufinden. Den ersten Band Sieben minus eins sollte man nicht nur gelesen, sondern die Zusammenhänge auch noch einigermaßen parat haben. Sonst bleibt man bei diesem hoch komplexen Plot schnell auf der Strecke.

Dramaturgisch wirkungsvoll werden viele Dinge nur angedeutet und Seiten später folgt die Erklärung. Um Spannung zu erzeugen hält Arne Dahl häufig mit Informationen hinter dem Berg, aber diese Methode hat er für meinen Geschmack etwas zu routiniert eingesetzt. Erst spät fügen sich die einzelnen Erzählfragmente zu einem harmonischen Ganzen und dann macht der Thriller auch richtig Spaß.

Auch gelingt es Dahl wieder vortrefflich, bestimmte Stimmungen zu erzeugen. In filmreifen Szenen beschreibt er die winterlich kalte Atmosphäre Nordschwedens, zum Beispiel die Einsamkeit der zwei verschneiten Hütten am klirrend kalten Polarkreis bei 30 Grad Minus.

Die Charaktere

Nachdem sich der eigensinnige Sam Berger und Molly Blom, die hochintelligente, geradezu legendäre Undercoveragentin der Säpo im ersten Band kennen lernten und als Team zusammenrauften, sind sie jetzt zusammen auf der Flucht vor dem Geheimdienst und wollen eine Detektei gründen. Trotzdem weiß der geschwächte Sam nicht, ob er Molly vertrauen kann, denn diese scheint nicht mit offenen Karten zu spielen und ist eine Expertin darin, ein Pokerface zu wahren. Das Misstrauen gegenüber der undurchschaubaren Agentin erhöht die Spannung noch. Leider gönnt der Autor seinen beiden Protagonisten in diesem Band keine wirklich neuen Facetten. Und dann ist da noch die grundsolide Deer. Die Ehefrau und Mutter wirkt gegen die beiden sperrigen Figuren sehr normal und bodenständig.

Fazit

Wenn man den Realitätssinn mal außer Acht lässt, wird man auch mit diesem zweiten Band blendend unterhalten. Der schwedische Bestseller-Autor versteht sein Handwerk, erzählt seinen gut durchdachten Plot flüssig und routiniert, die Sprache ist anspruchsvoll und wohlgeformt. Für mich ein gelungener zweiter Teil der Berger-Blom-Serie, der am Ende noch mit einer Überraschung aufwartet und damit neugierig auf den nächsten Teil macht.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Sechs mal zwei | Erschienen am 1. September 2017 bei Piper
ISBN 978-3-492-05811-7
Seiten | 16.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

2. April 2018

Weiterlesen: Andys Rezension zu Arne Dahls erstem Band dieser Reihe, Sieben minus eins | Rezensionen zu anderen Thrillern von Arne Dahl: Opferzahl, Bußestunde, Neid | Arne Dahl-Verfilmungen: Arne Dahl | Volume 2 und Arne Dahl | Volume 3.

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Abgehakt | März 2018

Abgehakt | März 2018

Vier neue Kurzbesprechungen von Andrea und Gunnar haben wir heute zum (fast) Abschluss des  ersten Quartals in Abgehakt, Krimis kurz besprochen. Heute mit dabei Titel aus den Genres Krimi, Regionalkrimi, Spannungsroman sowie Thriller.

 

Fred Vargas | Das barmherzige Fallbeil

Zwei scheinbare Selbstmorde werden genauer untersucht, weil sich bei beiden Toten ein undefinierbares Symbol befindet. Nach den ersten Befragungen ergibt sich die erste Spur: eine Island-Reise, bei der nicht alles mit rechten Dingen zuging. Bald kann das Symbol aber doch gedeutet werden – die Zeichnung eines Fallbeils aus der Zeit der französischen Revolution. Welches Motiv steckt hinter den Morden?

Ich werde es nicht erfahren, denn ich habe das Buch nach der Hälfte abgebrochen. Den Anfang der Geschichte fand ich noch sehr vielversprechend, doch die Ermittlungen rund um die Französische Revolution waren für mich sehr langatmig. Außerdem haben meinen Lesefluss die vielen französischen Namen und Bezeichnungen gestört.

 

Das barmherzige Fallbeil | Erschienen am 20. März 2017 als Taschenbuchausgabe im Blanvalet Verlag
ISBN 978-3-373410-416-5
512 Seiten | 10.99 Euro
Bibliographische & Leseprobe

Kategorie: Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

 

Elke Pupke | Tödliches Geheimnis auf Usedom

In Bansin auf Usedom wird eine junge Frau von einem Auto angefahren, der Fahrer begeht Fahrerflucht. Die Frau, Kim, findet Unterschlupf in der Pension „Kehr wieder“, die von den beiden Nichten der 74-jährigen Berta geführt wird. Kurz darauf ist Kim tot und die Taten im Ort reißen nicht ab. Wer wollte Kim loswerden und was hat das mit der ungeklärten Vaterschaft von Kims Tochter Emma zu tun?

Die gesamten „Ermittlungen“ finden in der Pension am Stammtisch statt, nämlich durch Überlegungen und Rekonstruktionen des Tathergangs von Berta, den Angestellten und Gästen. Die Polizei kommt nur ab und zu vorbei und spielt eher die Nebenrolle. Tödliches Geheimnis von Usedom von Elke Pupke ist ein leichter Krimi, der meiner Meinung nach nicht besonders spannend ist und eher so vor sich hin „plätschert“. Trotzdem liest sich die gesamte Geschichte flüssig. Es ist bereits der dritte Fall von Berta, in den vergangenen zwei Jahren ist ebenfalls ein Mord in dem kleinen Ort an der Ostsee passiert. Sympathisch finde ich, dass alle handelnden Personen dem Alkohol nicht abgeneigt sind und es immer einen Grund für ein Gläschen gibt.

 

Tödliches Geheimnis von Usedom | Erschienen am 1. September 2014 im Hinstorff Verlag
ISBN 978-3-35601-884-4
272 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Andrea Köster.

 

Liza Cody | Krokodile und edle Ziele

Wer erinnert sich noch an das sensationelle Lady Bag? Hier gibt es ein Wiedersehen mit der störrischen und chaotischen Obdachlosen Angela, genannt „Lady Bag“. Sie kommt frisch aus dem Gefängnis frei und manövriert sich direkt in die desaströsesten Situationen. Ihre besten Kumpels Pierre und Schmister, alias Lil Missy, und ihre Hündin Elektra leben bei Pierres neuer Flamme Cherry, einer eiskalten Frau, die absolute Kontrolle ausübt. Außerdem hat die Lady einem Mitgefangen versprochen, dass sie mal nach dem Rechten sieht, wie es ihrem kleinen Sohn Connor bei seiner Großmutter geht.

Der Vorgänger Lady Bag war schon ein irrwitziger, zynischer Spaß mit bissiger Gesellschaftskritik. Und genau da macht Liza Cody in Krokodile und edle Ziele weiter, stürzt ihre Protagonistin in groteske Situationen zwischen Kindesmissbrauch im sozialen Wohnungsbau und Psychoterror im bürgerlichen Mittelschichtshäuschen. Das ergibt vor allem völlig abgefahrene Dialoge, wenn Lady Bag mit und ohne Rotweinnachschub ins Gespräch mit ihrer Hündin, ihrer nicht anwesenden Mutter oder dem Leibhaftigen persönlich (Fürst Fiasko, Prinz der Paranoia, Don des Durcheinanders) tritt. Das knüpft über weite Strecken an den hervorragenden Vorgänger an, allerdings verpasst die Autorin für meinen Geschmack etwas das Momentum fürs richtige Ende, denn im letzten Viertel plätschert der Roman stellenweise etwas vor sich hin. Trotzdem war es insgesamt ein äußerst unterhaltsames Wiedersehen mit Lady B.

 

Krokodile und edle Ziele | Erschienen am 25. September 2017 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-22-72
432 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Jesper Stein | Aisha

In einer schicken Wohnanlage im Kopenhagener Stadtteil Amager wird die brutal ermordete Leiche von Sten Høeck gefunden, einem ehemaligen Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET. Kommissar Axel Steen bekommt dann auch direkt einen Kollegen vom PET als Aufpasser an die Seite, damit bloß keine Staatsgeheimnisse ans Tageslicht geraten. Zwar war Høeck ein Schürzenjäger und damit ergibt sich durchaus ein Mordmotiv, aber spätestens als die Leiche eines weiteren ehemaligen PET-Mitarbeiters gefunden wird, ist Axel Steen klar, wo die Verbindung zu suchen ist. Doch der Geheimdienst blockt ab.

Eigentlich stimmen die Grundzutaten zu diesem Thriller: Ein brutaler Mord, Geheimdienst-Operationen, Kompetenzgerangel zwischen den Ermittlungsbehörden und die Hauptfigur Axel Steen, die zu Beginn zwar etwas weichgespült wirkt (zumal, wenn man die Vorgängerbände kennt), aber im Laufe des Buches zu alter Form findet. Und doch hat sich bei mir nicht die gleiche Begeisterung wie beispielsweise bei Bedrängnis eingestellt. Das letzte Viertel des Buches bestreitet etwas ausgetretene Pfade, persönliche Betroffenheit des Ermittlers und Alleingang inklusive. Auch der Täter bleibt sehr im Vagen. Aber ganz zum Schluss bietet Jesper Stein noch eine interessante Pointe, die für den Weitergang der Reihe einiges an Reiz verspricht. So werde ich Axel Steen wohl auch in Zukunft weiterverfolgen.

 

Aisha | Erschienen am 26. Januar 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05078-3
560 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weiterlesen: Abgehakt September 2017 und Abgehakt Dezember 2017, außerdem Gunnars Rezensionen zu Liza Codys Romanen Lady Bag und Miss Terry

24. März 2018

Tess Gerritsen | Blutzeuge

Tess Gerritsen | Blutzeuge

Im winterlich kalten Boston geht anscheinend ein Serienmörder um. Jane Rizzoli und Maura Isles stehen allerdings zunächst vor einem Rätsel, da die einzige Verbindung zwischen den beiden Toten deren Mageninhalt – Alkohol und Ketamin – ist, sowie die Tatsache. dass bei beiden die Todesursache nicht ohne weiteres ersichtlich ist. Allerdings hat der Mörder an jeder Leiche ein Zeichen hinterlassen. Bei Cassandra Coyle, der ersten Leiche, aufgefunden von ihrem Vater in ihrer Wohnung auf dem Bett, wurden die Augäpfel entfernt und ihr in ihre linke Hand gelegt. Die zweite Leiche, Timothy McDougal, wurde an Heiligabend im Bostoner Hafen aufgefunden, mit nacktem Oberkörper, der von drei Pfeilen durchbohrt wurde. Die Verstümmelungen wurde jeweils nach dem Tod vorgenommen.

Bei Cassandra Coyle lag zunächst ein Motiv im Zusammenhang mit ihrem Beruf (Drehbuchschreiberin und Produktionsleiterin von Horrorfilmen) nahe, der zweite Tote, ein Buchhalter, hatte allerdings keinen Kontakt mit Cassandra, es muss also ein anderes Motiv geben. Maura stößt dann jedoch auf etwas, das zunächst abwegig erscheint: die Verstümmelungen der Opfer weisen auf die Todesart der Märtyrer hin, deren Gedenktag auf den Geburtstag des jeweiligen Opfers fällt

Maura schob die Papiere zusammen. „Wir müssen etwas finden, was diese Opfer gemeinsam hatten. Etwas, was sie beide in Kontakt mit dem Mörder brachte.“ Sie legte die Tatortfotos von Timothy McDougal in eine Mappe und wollte gerade den Deckel zuklappen, als sie innehielt und das Foto anstarrte. Eine Erinnerung tauchte plötzlich auf, die Erinnerung an Sonnenlicht, das durch leuchtende Buntglasfenster fiel. „Was ist?“ fragte Jane. Maura gab keine Antwort. Sie nahm ein Foto von Cassandra Coyles Leiche aus der Mappe und legte es neben das von Timothy McDougal. Zwei verschiedene Opfer, das eine ein Mann, das andere eine Frau. Der Mann von mehreren Pfeilen durchbohrt, die Frau ihrer Augäpfel beraubt. „Ich kann nicht glauben, dass ich es nicht erkannt habe“, sagte sie. (Seite 141)

Maura liegt tatsächlich richtig, der komplette Zusammenhang erschließt sich allerdings erst so nach und nach im Verlauf der weiteren Ermittlungen, in denen auch eine weitere Person, Holly Devine, die beide Opfer aus ihrer Kindheit kennt, eine Rolle spielt. Bis Jane und Maura den Fall komplett gelöst haben, müssen sie allerdings des öfteren ihre Sichtweise des Falles an die neuesten Ermittlungsergebnisse anpassen. Die Auflösung kommt (auch für den Leser) überraschend daher.

Tess Gerritsen hat auch in diesem Buch wieder bewiesen, dass sie einen Plot lebendig gestalten kann, mit Gespür für psychologisch aufgebaute Spannung, angereichert mit medizinischen Details, die zur Handlung passen, ohne ausschweifend zu sein und auch immer mal mit einem Augenzwinkern bei den Schilderungen aus dem Privatleben von Jane Rizzoli. Erwähnenswert ist auch ihr in die Handlung eingebautes Statement gegen Vorverurteilungen bei Missbrauchsverdacht von Kindern. Was hier tatsächlich durch Fehldeutungen von Aussagen oder deren Herbeiführung durch Manipulation angerichtet werden kann, ist ja auch durch diverse Pressemitteilungen in den letzten Jahren bekannt geworden. Raffiniert auch die Sache mit dem Zusammenhang von Märtyrer-Toden mit den aufgefundenen Opfern, was der Autorin auch dazu dient, die beiden Ermittlerinnen zunächst in einem weiteren Fall in die Irre zu führen.

Mein Fazit: Einfallsreicher Plot, Spannung bis zum Schluss! Bücher von Tess Gerritsen sind schon etwas Besonderes und unbedingt empfehlenswert für Liebhaber von Thrillern.

Geboren wurde Tess Gerritsen 1953 in San Diego, Kalifornien, wo sie auch aufwuchs. Nach ihrem Medizinstudium (Examen 1979) arbeitete sie zunächst als Internistin in Honolulu, bevor sie mit dem Schreiben begann. Ihren Durchbruch hatte sie 1996 mit dem Thriller Kalte Herzen. Die Fernsehserie Rizzoli & Isles basiert auf ihren ab 2004 geschriebenen Romanen um die Kriminalbeamtin Jane Rizzole und die Gerichtsmedizinerin Maura Isles. Es wurden sieben Staffeln gedreht.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Blutzeuge | Erschienen am 20. November 2017 bei Limes
ISBN 978-3-8090-2638-9
409 Seiten | 19.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

21. März 2018

Ruth Ware | Woman in Cabin 10

Ruth Ware | Woman in Cabin 10

War ich in Sicherheit? Ich blickte zur Zimmertür. Ich war mir ziemlich sicher, dass niemand reinkommen konnte.
„Ich denke schon. Es war in der Nachbarkabine – in Nummer 10, Palmgren. Ich glaube, jemand wurde über Bord gestoßen.“ (Auszug Seiten 105-106)

Die Journalistin Lo bekommt die Gelegenheit, bei der Jungfernfahrt zu den norwegischen Fjorden des Kreuzfahrtschiffes Aurora teilzunehmen. Nachts bemerkt sie an Bord in ihrem Zimmer erst Geräusche in der Nachbarkabine, dann ein Platschen ins Wasser. Ist da jemand über die Reling gestoßen worden? Und wo ist jetzt die Frau von nebenan, die Lo am Vorabend noch gesehen hat? Keiner der Crew glaubt ihr, als sie sich auf die Suche begibt. Aber Lo ist doch nicht verrückt geworden und bildet sich alles nur ein. Oder doch?

Laura „Lo“ Blacklock ist 32 Jahre alt und lebt in London. Sie arbeitet schon seit mehreren Jahren für das Reisemagazin Velocity und soll nun in Vertretung für ihre Chefin über dieses Kreuzfahrtschiff berichten. Lo befindet sich in einer Beziehung mit Judah. Vor der Abreise kommt es zum Streit zwischen den beiden, weil Lo nicht in eine gemeinsame Wohnung ziehen möchte.

Wendungen und Meer

Für Woman in Cabin 10 von Ruth Ware wurde im Vorfeld ziemlich viel Werbung gemacht und ich muss gestehen, dass sie mein Interesse geweckt hat. Auf dem Buchrücken wird mit spannenden Wendungen gelockt und dann spielt die Handlung auch noch auf dem Meer und schon wollte ich das Buch unbedingt lesen.

Die Geschichte ist in mehrere Teile untergliedert und war für mich ab der ersten Seite interessant und flüssig zu lesen. Selbst das „Vorgeplänkel“, bevor Lo überhaupt auf dem Schiff ist, ist packend. Besondere Spannung wird aufgebaut, indem nach jedem Teil eine E-Mail, ein Chat oder Zeitungsbericht gedruckt ist, der von den Tagen nach der Reise berichtet und sehr beunruhigend klingt.

Alkohol in rauen Mengen

Als die Protagonistin dann den ersten Abend an Deck verbringt, drängte sich mir der Gedanke auf, dass sie ein Alkoholproblem hat. Ab dieser Stelle fand ich Lo irgendwie etwas nervig. Auch als sie mit der Suche nach der verschwundenen Passagierin beginnt, wirkt sie eher hysterisch und ich persönlich kann mich mit ihr nicht sehr identifizieren. Trotzdem bleiben alle Handlungen plausibel und natürlich muss sie genau so sein, denn sonst hätte man Lo an Bord vielleicht geglaubt und es wäre zu keinem Spannungsbogen gekommen.

Die versprochenen Wendungen am Ende des Buches waren definitiv vorhanden und mehrmals hat sich in mir das erleichterte Gefühl breitgemacht, dass jetzt alles gut wird, bis das Ruder dann aber doch nochmal herumgerissen wurde. Diese Wendungen waren aber insgesamt nicht so schockierend oder nervenaufreibend, wie ich sie mir gewünscht hätte.

Im Großen und Ganzen ein kurzweiliger, recht unblutiger Thriller.

Ruth Ware wuchs in Südengland auf und lebte nach ihrem Studium eine Zeit lang in Paris. Sie hat als Kellnerin, Buchhändlerin, Englischlehrerin und Pressereferentin für einen großen Verlag gearbeitet und wohnt jetzt mit ihrer Familie in Nordlondon. Die Autorin hat bisher vier Bücher geschrieben, von denen zwei auch in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Ihr Debütroman war Im dunklen, dunklen Wald.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Woman in Cabin 10 | Erschienen am 27. Dezember 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-26178-4
384 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Ruth Wares Thriller Im dunklen, dunklen Wald.

15. März 2018

Stuart MacBride | Totenkalt

Stuart MacBride | Totenkalt

Ein schwarzer Plastik-Müllbeutel entfaltet sich knisternd und flattert einen Moment lang über ihm wie der Flügel einer riesigen Fledermaus. Dann wird er ihm mit einem Ruck über den Kopf gezogen. Das ratschende Geräusch von Paketklebeband zerreißt die Stille. Und jetzt endlich bringt er die Luft zum Schreien auf. (Auszug Seite 7)

Verbannung in die Provinz

Im zehnten Teil der Serie um den Ermittler Logan McRae ist dieser aus dem dreckigen, düsteren Aberdeen in die schottische Provinz verbannt worden. Er muss wieder in Uniform in einem kleinen, verschlafenen Nest seinen Dienst schieben. In dem Hafenstädtchen Banff wird in einem Waldgebiet eine übel zugerichtete Leiche gefunden. Nackt, gefesselt und vor dem Tod brutal misshandelt mit einer Plastiktüte über dem Kopf deutet alles auf ein Verbrechen im Gangstermilieu hin. Es ist aber nicht der seit einigen Tagen vermisste Martin Milne sondern sein Geschäftspartner. Parallelen zeigen sich zu einer ermordeten Studentin, die erschlagen im Wald aufgefunden worden war. Aus Aberdeen kommt eine Sonderermittlungsgruppe rund um DC Inspector Roberta Steel als Verstärkung. Und so trifft Sergeant Logan McRae wieder auf seine ehemalige Chefin.

Vielmehr kann man über den äußerst verflochtenen Plot gar nicht verraten. Dieser zerfällt in zahlreiche kleine Subplots, wobei der eigentliche Kriminalfall dabei in den Hintergrund rückt. Die im Klappentext erwähnte erschlagene Studentin kommt zum Beispiel erst wieder auf den letzten Seiten vor.

Private Schicksalsschläge

Das Hauptaugenmerk liegt auf Logan McRae, dem Protagonisten dieser Serie und seine privaten Dramen. Stuart MacBride entwickelt sehr viel Einfallsreichtum und lässt McRae körperlich wie seelisch einiges einstecken. Seine Freundin Samantha liegt seit fünf Jahren im Koma und die lebenserhaltenden Maschinen sollen jetzt abgeschaltet werden.

Um für die hohen Kosten ihrer Behandlung aufzukommen, hatte sich McRae mit dem Unterweltkönig Hamish Mowat eingelassen. Als dieser jetzt verstirbt und McRae als Hauptbegünstigter in dessen Testament aufgeführt wird, passt das dem potenziellen Nachfolger nicht. Der sadistische Reuben Kennedy trachtet McRae nach dem Leben, der auch noch damit beschäftigt ist, vor den Kollegen seine Beziehung zu den Kriminellen zu verschleiern.

Und dann ist da noch der Chef der Dienstaufsicht, Chief Superintendent Napier, der den Fall eines Kinderschänders untersucht und Logan um Hilfe bittet, indem er Roberta Steel ausspioniert. Zwischen Logan und seiner ehemaligen Chefin besteht so eine Art Hassliebe. Während die laute, derbe und unfassbar ordinäre Roberta mal wieder alles versucht, um den fähigen Ermittler auszunutzen, ist sie andrerseits auch diejenige, die ihm bei seiner Trauer um Samantha beisteht. Und schließlich hatte Logan durch Samenspende Roberta und ihrer Frau zu zwei Kindern verholfen.

Resümee

Totenkalt ist eine abgeschlossene Geschichte einer zehnteiligen Serie und der Schwerpunkt liegt auch hier wieder auf der überzeugenden Schilderung des Polizeialltags. Ein großes Figurenensemble tummelt sich durch die Handlung. Alle werden vom Autor mit vielen Eigenheiten überspitzt dargestellt. Neben der Überzeichnung seiner Charaktere setzt MacBride Vulgarität als Stilmittel ein. Steel putzt ihre Untergebenen ständig mit sexistischen Bemerkungen runter, die grundsätzlich im genitalen Bereich angesiedelt sind. Trotzdem wachsen einem die Figuren in ihrer individuellen Verrücktheit ans Herz.

Viele Bezüge zu vorangegangenen Teilen machen es dem Neueinsteiger nicht leicht, in die Story reinzufinden. Ich kannte die ersten beiden Bände und konnte mich allerdings an den Plot nicht mehr richtig erinnern, aber daran, dass das Wetter eine gewichtige Rolle spielte. Die Atmosphäre des nasskalten Wetters wird auch in diesem Band gut eingefangen.

Stuart MacBride glänzt in diesem Werk wieder mit vielen unkonventionellen und abgedrehten Wendungen. Ich mag auch den absurden und aberwitzigen Humor, muss aber auch gestehen, dass aufgrund der Vielzahl der Erzählebenen der Spannungsbogen fehlte und ich mich doch teilweise durch die fast 630 Seiten gequält habe.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Totenkalt | Erschienen am 17. Juli 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48566-6
640 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

14. Februar 2018