Kategorie: Thriller

Stephen King | Der Anschlag

Stephen King | Der Anschlag

„Glückliches neues Jahr, G…“ Sie wich stirnrunzelnd einen halben Schritt zurück. „Was hast du?“
Vor meinem inneren Auge stand plötzlich das Texas School Book Depository, ein hässlicher Klinkerkasten mit Fenstern wie Augen. Es war das Jahr angebrochen, in dem das Schulbuchlager ein geschichtsträchtiger Ort werden würde.
Das wird es nicht. So weit lasse ich dich nicht kommen, Lee. Du gelangst nie an dieses Fenster im fünften Stock. Das ist mein guter Vorsatz. (Auszug Seite 663)

Der Englischlehrer Jake Epping lebt ein ereignisarmes Leben in Lisbon Falls. Eines Tages offenbart ihm sein guter Bekannter Al Templeton, Besitzer eines Imbiss-Trailers, dass er unheilbar krank ist und in Kürze verstirbt. Gleichzeitig zeigt Al Jake ein großes Geheimnis: Im Hinterzimmer seines Imbisses gibt es ein Zeitportal. Man gelangt in den September des Jahres 1958 und auch wieder zurück. Al selbst hat dieses Portal regelmäßig benutzt, unter anderem, um sich mit günstigem Burgerfleisch zu versorgen. Doch Al hat auch eine Mission: Er will das Attental auf John F. Kennedy am 22.11.1963 in Dallas verhindern. Dafür hat er eine Menge Material über Lee Harvey Oswald gesammelt. Doch aufgrund seiner Erkrankung kann er die Mission nicht mehr ausführen. Deshalb will Al Jake dafür gewinnen.

Doch der schreckt natürlich erstmal zurück vor so einer gewaltigen Aufgabe. Will sich erst mal hereintasten in die Vergangenheit. Ausprobieren, ob so etwas überhaupt gelingen kann. Denn Al warnt durchaus: So leicht lässt sich die Vergangenheit nicht verändert, sie wehrt sich und wird widerspenstig. So sucht sich Jake zunächst eine kleinere Mission aus. Vor einiger Zeit hatte Jake in einem Englischkurs für Erwachsene einen Aufsatz mit dem Thema „Der Tag, der mein Leben veränderte“ schreiben lassen. Darunter war der Aufsatz des Schulhausmeisters Harry Dunning, der mit erheblichen Rechtschreib- und Grammatikschwächen zu kämpfen hatte, aber eine unglaublich traurige Geschichte über den Tag an Halloween 1958 schrieb, als sein Vater seine Mutter und seine Geschwister erschlug und ihn schwer verletzte. Jake nimmt sich vor, diese Tragödie zu verhindern und reist in die Vergangenheit nach Derry, Maine.

Derry lässt King-Fans sicherlich wissend aufhorchen. Die fiktive Stadt ist Schauplatz mehrerer King-Romane und hinterlässt das Gefühl eines feindseligen, bösen Ortes. Ich mag gar nicht zu viel verraten, was Jake Epping in Derry widerfährt, allerdings wird auch hier schnell klar, dass es nicht so leicht ist, die Vergangenheit zu ändern und selbst wenn man es schaffen sollte, was sind die weiteren Auswirkungen? Erreicht man in der Folge überhaupt das Beabsichtigte? Der berühmt-berüchtigte Schmetterlingseffekt. Diesen lernt Jake in Derry zum ersten Mal kennen und er wird auch in der weiteren Geschichte in Dallas eine große Rolle spielen.

Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Jake nimmt Als Mission schließlich an. Allerdings ist bis zum 22. November 1963 noch einiges an Zeit herumzubringen und so erzählt King die Geschichte von Jake, wie er sich langsam Richtung Texas aufmacht, mit Geld einen Abschluss erkauft und schließlich auch in der Vergangenheit als Lehrer arbeitet. Er landet in der Kleinstadt Jodie, wo er freundschaftlich aufgenommen wird und sich schließlich in die von ihrem psychisch gestörten Mann getrennt lebende Schulbibliothekarin Sadie Dunhill verliebt. Doch irgendwann rückt das Datum immer näher und Jake will die Mission weiterführen, muss allerdings schon bald erkennen, dass sie aufs Schmerzlichste mit seinem glücklich verlaufenden Leben in der Vergangenheit kollidiert.

Wollte ich Jahre in der Vergangenheit verbringen? Nein. Aber ich wollte dorthin zurück. Und wenn auch nur, um zu hören, wie Little Richard geklungen hatte, als er noch Top of the Pops gewesen war. Oder um an Bord einer Maschine der Trans World Airlines zu gehen, ohne meine Schuhe ausziehen und durch einen Ganzkörperscanner und einen Metalldetektor gehen zu müssen.
Und ich wollte noch ein Root Beer. (Seite 71)

Die Ermordung Kennedys durch Lee Harvey Oswald ist immer noch ein nationales Trauma der Vereinigten Staaten. Stephen King selbst hatte die Idee zu diesem Roman schon Anfang der 1970er, ließ aber dann davon ab, weil er meinte, dass es noch zu frisch war für eine solche Darstellung. Interessant ist, was Al und auch Jake glauben, durch die Verhinderung des Attentats positiv beeinflussen zu können: Der Vietnamkrieg und die Rassenunruhen in den USA. Doch, ob sich der alternative Geschichtsverlauf sich wirklich so positiv auswirken würde? Was die Ermordung Kennedys betrifft, verzichtet King übrigens auf irgendwelche Verschwörungstheorien, sondern hält sich an die Fakten bezüglich der Täterschafts Oswalds (wobei er einige unklare Stellen schon erwähnt). Dies hat mich zunächst etwas enttäuscht, im Nachhinein muss ich aber zugeben, dass es richtig war, die Konstruktion dieser Zeitreisegeschichte nicht noch mit alternativen Theorien zu überfrachten.

Wie so häufig bedient sich der Autor eines Ich-Erzählers, der rückblickend diese Geschichte erzählt. Jake Epping ist ein typischer Durchschnittstyp, Lehrer, noch nicht allzu alt, dennoch bereits von seiner alkoholkranken Ehefrau getrennt. Ein intelligenter, aber gutmütiger, nicht allzu ambitionierter Mann. Er schreckt vor der Aufgabe ein wenig zurück, bringt es aber auch nicht fertig, seinem Kumpel Al den Wunsch auszuschlagen. Aber Jake wächst mit seiner Aufgabe, geht immer zielstrebiger und auch hartgesottener vor. Bis die Liebe zu Sadie Dunhill ihn auf eine harte Probe stellt.

King erzählt die Vergangenheit über weite Strecken in einem fröhlichen Ton: Die Luft ist frischer, das Gras ist grüner, das Bier schmeckt besser. Aber er ist weit davon entfernt, einen „früher war alles besser“-Ton zu vermitteln. Dafür reicht ein kurzer Blick an einem Rastplatz, wo es eine Damen- und Herrentoilette gibt und einen Hinweispfeil „für Schwarze“, der zu einem Donnerbalken über einem stinkenden Bach führt. Was man in diesem Roman natürlich auch vorfindet, sind die zahlreichen Querverweise zu Kings Gesamtwerk – etwa ein weiß-roter Plymouth Fury, der regelmäßig vorkommt, oder Verweise auf ES in Derry.

Der Anschlag beinhaltet viele Elemente aus Thriller, historischem Roman, Sci-Fi und daneben eine große Lovestory. Das alles beherrscht King ziemlich souverän und erweist sich als begnadeter Erzähler, der 1000 Seiten scheinbar mühelos zu füllen vermag. Dabei zeigt er sich als guter Beobachter, der die Zeiten und Verhältnisse beschreibt, dabei aber nicht das große Ganze, sondern den Einzelnen im Blick behält. Denn bei allen nationalen Traumata – die wahren Tragödien erfährt doch jeder im Privaten. Insgesamt für mich ein sehr vielseitiger und trotz des Umfangs kurzweiliger Roman.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Anschlag | Erschienen am 23. Januar 2012 im Heyne Verlag
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 10. Juni 2013 ebenfalls im Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-43716-6
1072 Seiten | 12.99 Euro
Originaltitel: 11/22/63
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

 

Zum Bild von Lee Harvey Oswald (aus Wikipedia/Public Domain):
Photo of Lee Harvey Oswald with rifle, taken in Oswald’s back yard, Neely Street, Dallas Texas, March 1963. Originated from the report of the Warren Commission, a US Government report. From WH Vol.16 page 510.

Stephen King | Mr. Mercedes Bd. 1 ♬

Stephen King | Mr. Mercedes Bd. 1 ♬

Bill-Hodges-Serie Band 1

In einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA haben sich schon vor Sonnenaufgang Hunderte Arbeitssuchende vor der Stadthalle versammelt. Jeder will der erste sein, wenn das Jobcenter öffnet. Da passiert das Unvorstellbare: Ein grauer Mercedes SL 500 rast ohne Vorwarnung in die Menge, setzt sogar noch mal zurück und nimmt erneut Anlauf. Es gibt jede Menge Schwerverletzte und acht Tote, darunter eine Mutter und ihr Baby. Der Wagen wird später gefunden, während der Fahrer unerkannt entkommen kann.

Der fette Excop

Monate später ist der kaltblütige Terrorakt immer noch nicht aufgeklärt und belastet den inzwischen pensionierten Detective Bill Hodges. Der übergewichtige Rentner verbringt seine Zeit in trostloser Stumpfsinnigkeit mit TV-Talkshows, Alkohol und zu fettem Essen. Ein einsamer Mann, der nach seiner Scheidung mit Depressionen dahinvegetiert, seine Dienstwaffe immer in Reichweite.

Das ändert sich, als Hodges plötzlich einen Brief vom Täter erhält, der sich mit dem grausamen Blutbad brüstet und ihn mit Hohn und Spott überschüttet. Er nennt sich Mr. Mercedes und weiß über diverse Einzelheiten der Tat Bescheid. Er erwähnt zum Beispiel Olivia Trelawney, von der er den Mercedes gestohlen hat. Die rechtmäßige Besitzerin hatte aufgrund von Schuldgefühlen kurz darauf Selbstmord begangen. Ziel des Briefes ist es, den Excop zu verunsichern und auch in den Suizid zu treiben. Doch Hodges münzt die Provokationen um und lässt endlich die Fernbedienung fallen. Aus seiner Apathie erwachend nimmt er die Herausforderung an. Anstatt seine ehemaligen Kollegen zu informieren, ermittelt er auf eigene Faust. Es entbrennt ein spannendes Katz- und Mausspiel über ein Chat-Forum, denn Mr. Mercedes lädt ihn ein, über eine Internetseite namens „Under Debbies Blue Umbrella“ mit ihm zu kommunizieren.

Der harmlose Eismann

Der Mörder bleibt für den Hörer kein Geheimnis, sondern wird in einem zweiten Handlungsstrang präsentiert. Brady Hartsfield ist ein junger unauffälliger Mann, der sich und seine Mutter mit zwei Jobs über Wasser hält. Als Servicemitarbeiter in einem Elektroladen ermöglicht ihm die Arbeit den Zugang zu vielen Wohnungen und zu Computern in vielen Haushalte. Zusätzlich fährt er als Verkäufer in einem kleinen bunten Eiswagen unbehelligt durch die Straßen, wobei er unbemerkt Hodges und seine Nachbarn beobachten kann. Immer darauf achtend, dass seine Verachtung und sein Hass für die zumeist junge Kundschaft nicht bemerkt wird. Im Keller hat sich der psychisch kranke und gestörte Mann einen Raum voller Computer und Elektronik eingerichtet. Mit seiner Mutter Debby, einer Alkoholikerin, verbindet ihn eine inzestuöse Hassliebe. Die Reaktion von Bill Hodges macht ihn ungeheuer wütend und dadurch nimmt sein krimineller Wahnsinn immer mehr Fahrt auf, bis er vollständig die Kontrolle verliert. Verschiedene Rückblenden erlauben Einblicke in Bradys seelische Abgründe inklusive gruseliger und verstörender Bilder.

Die Underdogs

Bill Hodges, unbeholfen im Umgang mit elektronischen Geräten, holt sich Hilfe bei einem Computer-affinen Nachbarsjungen. Jerome, ein aufgeweckter Jugendlicher, der ihm regelmäßig für ein Taschengeld den Rasen mäht, steht ihm nicht nur in Fragen des Internets zur Seite. Während seiner Recherchen lernt Hodges die Familie der verstorbenen Olivia Trelawney kennen und insbesondere die depressive, verhaltensgestörte Nichte Holly ist bald ein wichtiges Mitglied des Teams.

Fazit

Trotz einiger Zufälle, die die Geschichte weiterbringen und trotz einiger Klischees, an denen sich Stephen King bedient, hat mir der Thriller großen Spaß gemacht. Das liegt einmal an der tollen Schreibweise des Autors und an der durchgängigen Spannung, denn immer wieder sorgt Unvorhergesehenes für Überraschung und es kommt zu einigen Verwechslungen mit Todesfolge.

Der Auftakt ist, wenn auch schwer zu ertragen, ungeheuer fesselnd und aufwühlend, denn Stephen King hat ein feines Gespür für die Abgründe einer Gesellschaft. Er nimmt sich sehr viel Zeit um seine Geschichte ruhig und gemächlich aufzubauen und seine Figuren und deren ganz gewöhnliche Leben dem Hörer näher zu bringen. Seine große Stärke sind für mich die authentischen Figurenbeschreibungen, wobei er besonders mit dem Sympathieträger Bill Hodges punktet.

Die Beschreibungen der Menschen in der Arbeitslosenschlange in einer von der Wirtschaftskrise gebeutelten Stadt sind beklemmend genau. Indem King zwei Opfer des wahnsinnigen Anschlages heraus nimmt, um sie detailliert mit ihren Hoffnungen und Sehnsüchten auf den langersehnten Arbeitsplatz zu skizzieren, ist man als Hörer oder Leser sehr nah an den Figuren dran und fiebert mit ihnen mit. Sehr unterhaltsam fand ich auch die kleinen Anspielungen des Autors auf frühere Werke, wenn zum Beispiel auf dem Beifahrersitz des leeren Mercedes eine Clownsmaske gefunden wird. King erfindet den Thriller nicht neu, es ist ein klassischer, fast altmodischer Krimi aber auf die gute altmodische Art.

Mr. Mercedes ist der Auftakt zu einer Trilogie rund um den Ermittler Bill Hodges. Und die Szenen sind derart bildhaft beschrieben, dass es mich gar nicht verwundert hat, dass es tatsächlich eine Verfilmung gibt. Basierend auf Kings Vorlage Mr. Mercedes wurde eine gleichnamige Fernsehserie mit bisher zwei Staffeln ausgestrahlt. Die Geschichte hat mich sehr in den Bann gezogen und die Charaktere werden durch die hervorragende Lesung von David Nathan unglaublich lebendig.

Der Autor

Für die meisten Fans ist Stephen King der Meister des Horrors, bekannt und geliebt dafür, dass in seinen Werken immer viel Übersinnliches und Geisterhaftes geschieht und viel Blut fließt. Dennoch hat er nicht zum ersten Mal, so wie in diesem Thriller, das klassische Horror-Genre verlassen.  Der Vielschreiber legt einen Bestseller nach dem anderen vor und ist mit einem weltweiten Verkauf von über 400 Millionen verkauften Exemplaren einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. 2003 bekam er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 ehrte ihn der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama mit der National Medal of Arts. Mr. Mercedes gewann im Mai 2015 den „Edgar Allan Poe Award“.

Das war mein erster richtiger King und es wurde wirklich Zeit, dass ich mich intensiv mit diesem Ausnahmeschriftsteller beschäftigt habe!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Mr. Mercedes |Das Hörbuch erschien am 8. September 2014 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-3-8371-2639-6
1 mp3 CD | 19.99 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 16 Stunden 30 Minuten
Original-Titel: Mr. Mercedes
Sprecher: David Nathan
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Benedikt Gollhardt | Westwall

Benedikt Gollhardt | Westwall

Er hatte sich auf einen Deal eingelassen, der seine dunkle Seele noch ein Stück dunkler werden lassen würde. Der Rabe hackte es mit seinem Schnabel tief in seinen Rücken: Die Frau, die ihm gerade lächelnd gegenübersaß, die er mochte und die ihn mochte, war sein Opfer. Alles in Nick revoltierte, er musste Licht hereinlassen, wenigstens ein bisschen, bevor er platzte, weshalb er vorsichtig zu erzählen begann: von dem Zuhause, das nie ein Zuhause gewesen war, von der Freiheit, die sich als Einsamkeit, Angst und Leere entpuppte. Von den Reisen, die nichts anderes waren als ein Umherirren, und von der Wut, die wuchs und wuchs. Wut auf die, die ihn allein gelassen hatten. Und auf die Welt an sich. (Auszug Seite 185)

Julia Gerloff ist Polizeischülerin auf der Polizeischule in Brühl. Sie lernt einen netten jungen Mann scheinbar zufällig in der Straßenbahn kennen. Doch Nick ist nicht der, der er zu sein vorgibt, was Julia allerdings ziemlich schnell herausfindet, als sie nach einer gemeinsamen Nacht sein Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken entdeckt. Aber die Geschichte ist für Julia noch nicht vorbei und sie führt tief in ihre eigene Vergangenheit. Denn Julia ist ins Zentrum von Aktivitäten verschiedener Geheimdienstler und einer rechten Splittergruppe geraten. Diese Gruppe um die dominante Ira sammelt obdachlose Kinder und Jugendliche um sich und schwört sie in einem alten Forsthaus im Hürtgenwald bei den Überresten des Westwalls auf ihre Ideologie ein.

Nick heißt eigentlich Christian und ist ein Abtrünniger der rechten Gruppe und nun vom Bundesamt für Verfassungsschutz als V-Mann zwangsverpflichted worden. Er soll sich an Julia heranmachen und auf die Neonazis aufmerksam machen. Doch es mischen noch weitere Personen mit und allmählich wird klar, dass das rechte Netzwerk größer ist als gedacht. Währenddessen planen die Rechten im Wald ein aufmerksamkeitswirksames Attentat.

Ira ließ ihren Blick über die Reihen der Jugendlichen gleiten. „Ihr kommt aus einer Welt, die euch nicht will. Eure Mütter wollen euch nicht. Eure Väter wollen euch nicht. Das System will euch nicht. Ihr seid die Gespenster der Gesellschaft, die man nicht sehen will.“ (Seite 70)

Autor Benedikt Gollhardt hat mit Westwall sein Romandebüt verfasst, nachdem er vorher Drehbuchautor u.a. für Serien wie „Danny Lowinsky“ oder „Türkisch für Anfänger“ war. In einem Interview im Anhang beschreibt er es als „befreiend“, den Zwängen und Reglementierungen des Drehbuchschreibens im Rahmen dieses Romans entkommen zu sein. Als Thema bringt er das aktuelle Geschehen um rechte Gruppen, die sich im Verborgenen auf eine eventuelle Machtübernahme oder terroristische Aktivitäten vorbereiten. Dabei spielt Gollhardt ein Szenario durch, das man angesichts solcher Fälle wie des ehemaligen Chefs des Bundesamts für Verfassungsschutzes Maaßen für nicht völlig abwegig erachten kann: Ein rechtskonservatives Unterstützungsnetzwerk von Personen mit Einfluss in Politik, Geheimdienst und Polizei.

Gollhardt punktet außerdem mit einem gut gewählten Schauplatz. Neben Köln und Umgebung spielt der Roman im tiefen Wald. Der Hürtgenwald südostlich von Aachen strahlt im Buch diese intensive, undurchdringliche Ursprünglichkeit aus, die dem deutschen Wald ja gerne nachgesagt wird. Daneben beherbergt der Wald noch viele Überreste des legendären und mystisch-verklärten Westwalls, einer Verteidigungslinie mit Panzersperren und Bunkern entlang der deutschen Westgrenze. Der propagandistische Wert des Westwalls war zwar offenbar größer als der militärische, allerdings war die Schlacht im Hürtgenwald Anfang 1945 einer der schwierigsten Operationen der US-Armee im Rahmen des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die dreieckigen Panzersperren, Bunker und ein Panzerskelett bilden ein überzeugendes Setting. Hinzu kommt ein verlassenes Forsthaus als Unterschlupf für die neue rechte Jugend.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Julia. Sie ist bei ihrem alleinerziehenden Vater in einer linken Aussteigerkommune aufgewachsen und sehr zu dessen Verdruss zur Polizei gegangen. Ihr Vater ist mit ihr nach Köln gezogen, ist jedoch inzwischen schwer krank und hält sich mehr oder weniger nur noch in seiner Wohnung auf. Julia ist eine sympathisch-emotionale junge Frau, manchmal etwas zu impulsiv, auch stellenweise naiv. Die Liaison mit dem undurchsichtigen Nick alias Christian wirkt als Impuls für die weitere Story und an dieser Lovestory mit einigen Hüs und Hotts gab es schon ein paar Dinge, die mich ein wenig gestört haben und die auch Einfluss auf die Handlung nehmen.

Generell setzt der Autor neben der Hauptfigur auch auf zahlreiche Nebenfiguren, die einen durchaus großen Raum einnehmen und die er, dies sei positiv erwähnt, mit ausreichender Tiefe ausstattet. Allerdings hat man teilweise das Gefühl, dass die Geschichte etwas straffer hätte erzählt werden können, wenn man auf die Details mancher Nebenfiguren verzichtet hätte. Insgesamt ist Westwall aber ein gut recherchierter und meist spannender Thriller, der vor allem durch sein Thema als auch durch seinen Schauplatz aus der Masse der Durchschnittsthriller ein wenig heraus sticht.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Westwall | Erschienen am 25. März 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10412-4
280 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Don Winslow | Jahre des Jägers Bd. 3

Don Winslow | Jahre des Jägers Bd. 3

Art Keller hat den größten Teil seines Lebens in einem Krieg auf der anderen Seite der Grenze gekämpft, und jetzt ist er zu Hause. Der Krieg ist mit ihm gekommen. (Auszug Seite 10)

Winslows letzter Teil der Trilogie über den Drogenkrieg in Mexiko ist nicht nur inhaltlich ein Schwergewicht. Bei fast Tausend Seiten Hardcover und einem Gewicht von über einem Kilo sehnte ich mich nach meinem E-Book-Reader.
Jahre des Jägers knüpft nahtlos an Band zwei mit dem Verschwinden von Adán Barrera im guatemaltekischen Dschungel an. Rückblick: Nach zwanzig Jahren hatte Art Keller Barrera endlich in den USA hinter Gitter gebracht, nur um dann hilflos mit ansehen zu müssen, wie dieser in ein mexikanisches Hochsicherheitsgefängnis verlegt wurde, aus dem ihm prompt die „Flucht“ gelang. Als Pate des Sinaloa-Kartells gelang er anschließend zu mehr Macht als je zuvor.

Im Dschungel verschollen

Barrera wollte als Chef der Sinaloaner die verhassten Zetas mit einem vermeintlichen Versöhnungsvorschlag in einem kleinen zentralamerikanischen Dorf in eine Falle locken und liquidieren. Die Operation ging allerdings komplett schief und das Oberhaupt des Sinaloa-Kartells ist seither verschollen. Anfang 2014 lässt sich Keller, der mit Politik nie viel am Hut hatte, überreden und nimmt den Posten des Direktors der DEA an. An der Spitze der Drug Enforcement Administration will der Idealist alles daransetzen um besonders die Heroin-Epidemie einzudämmen. Denn durch den mutmaßlichen Tod von Adán Barrera ist der Zustrom an Drogen keinesfalls ins Stocken geraten. Besonders der Import von Heroin hat sich vervielfacht und so viele Amerikaner wie noch nie sind opiatabhängig. Während die Zahl der Drogentoten massiv ansteigt, werden auch immer ausgeklügeltere Transportwege gefunden.

Derweil Keller und seine Lebensgefährtin Dr. Marisol Cisneros heiraten und nach Washington ziehen, entbrennt ein Kampf um die Nachfolge und damit auch um den Aufstieg und Verfall mehrerer mexikanischer Mafiafamilien. „Du hast den Wolf getötet und die Kojoten treiben ihr Unwesen“ denkt Keller, denn es wird schlimmer als vorher. Ein nie dagewesenes, unüberschaubares Hauen und Stechen mit immer größer werdender Gewalt-Spirale sorgt für Chaos in der Bevölkerung und bringt so durchgeknallte Typen hervor wie „La China“, die sadistisch-irre Sicherheitschefin eines Kartells. Sie liebt es, ihre Opfer zu massakrieren und die abgetrennten, farblich angesprühten Gliedmaßen zu verteilen, um ihr Revier zu markieren.

Mullen spricht das Offensichtliche aus. Als nur Schwarze in Brooklyn starben, hat sich bei Entertainment Tonight niemand dafür interessiert. Eine Epidemie haben wir erst, seitdem weiße Jugendliche in den Vorstädten und berühmte Schauspieler in Manhattan sterben. (Seite 212)

Los Hijos

Die verwöhnten Söhne der Drogenbarone, die alle als potenzielle Thronanwärter antreten, wollen die Gebiete neu aufteilen und ringen skrupellos um die Macht mit den anderen Clans. Winslows stimmige Beobachtungen dieser verzogenen, gelangweilten Jungs sind genau und total auf dem Punkt. Man sieht sie vor sich in ihren Schnellbooten, auf wilden Partys feiernd oder mit vergoldeten Maschinenpistolen in Youtube-Videos posierend. Sie sind noch nicht trocken hinter den Ohren, scharren aber schon mit den Hufen, um in die blutigen Fußstapfen ihrer Väter zu treten.

Die brutalen Kämpfe fordern zahlreiche Opfer und einige Schilderungen sind wirklich schwer zu ertragen. Dabei wird das Morden und Foltern nur knapp beschrieben und nie voyeuristisch ausgebreitet. Tatsächlich beruhen die schlimmsten Passagen auf wahren Begebenheiten, wie zum Beispiel das Massaker von Iguala. 2014 verschwanden vierzig ahnungslose Studenten in der mexikanischen Kleinstadt. Später wurden die unschuldigen Jugendlichen teilweise verscharrt auf einer Müllkippe gefunden. Reale Verbrechen werden von Don Winslow kunstvoll fiktional ergänzt und in eine Geschichte geformt. Die Grenzen sind dabei fließend.

Jahre des Jägers ist viel politischer als die beiden vorherigen Bände. Ein wesentlicher Teil des Thrillers spielt in den USA, wo ein neuer US-Präsident gewählt wird. Der Kandidat der Republikaner ist John Dennison, der früher als Reality-TV-Star, Immobilientycoon und auf Twitter aufgefallen und unschwer als Donald Trump zu erkennen ist. Ausgerechnet Dennisons Schwiegersohn Jason Lerner fädelt einen 280 Millionen US-Dollar-Deal um eine Großimmobilie ein und schreckt dabei auch nicht vor dem Einsatz von Drogengeldern zurück. Keller will dieses betrügerische Syndikat-Manöver verhindern und schleust einen Undercover-Agenten ein. Bei der DEA findet er kaum noch Unterstützung und er ahnt, dass er nach der Amtseinführung Dennisons seinen Posten räumen muss. Diese hochdramatischen Szenen werden spannend und überzeugend erzählt.

Wenn der Teufel kommt, denkt Keller, dann kommt er nicht mit leeren Händen. Er stellt dir ein „größeres Gutes“ zur Wahl, damit du das Böse rational begründen kannst. Solche Deals bin ich mehr als einmal eingegangen. Das ist genial, weil verlockend – denk doch mal, was du alles Gutes bewirken könntest, wenn du Lerner vom Haken lässt. (Seite 599)

Flucht im Todeszug

Der Thriller setzt sich aus vielen verschiedenen Storylines zusammen, wobei Keller zwischen Junkies, Polizisten, Dealern, Kleinkriminellen und Mafiabossen fast in den Hintergrund rückt. Winslow nimmt wieder die Position des neutralen Erzählers ein. Bei dem ausufernden Personentableau kann man leicht den Überblick verlieren. Vielleicht war das aber auch die Absicht des Autors und es soll genau die Realität widerspiegeln. Bei den täglichen Gräueltaten vergisst man auch schnell wieder einzelne Opfer. Es gibt so viele tragische Schicksale und Don Winslow will von allen erzählen. Er legt damit den Finger in die Wunde, denn der fast 50 Jahre dauernde nicht in den Griff zu kriegende Drogenkrieg ist ein großes Trauma für viele Amerikaner.

Geschildert werden nicht nur die Machtkämpfe der Drogenkartelle und auf der anderen Seite die Arbeit der Ermittlungsbehörden, sondern auch die Aktivitäten der Konsumenten sowie die Verstrickungen der Politiker. Es gibt Erzählstränge über die Situation Drogenabhängiger oder die eines verzweifelten Undercover-Cops. Bewegend auch die Geschichte eines südamerikanischen Flüchtlingskindes. Der zehnjährige Nico, wegen seiner Schnelligkeit Nico Rapido genannt, kämpft in Guatemala-City auf einer Müllhalde ums Überleben. Auf über fünfzig Seiten verfolgen wir seine abenteuerliche Flucht ins gelobte Land mit dem Güterzug, den alle nur „La Bestia“ nennen. Nico Rapido schafft es, aber nur um dann in die Fänge von Banden zu geraten.

Fazit: Ein Pageturner

Fast 1000 Seiten aber kein Satz zu viel in diesem hochkomplexen, intelligenten Thriller. Durch ständigen Perspektivwechsel entsteht eine Rasanz und man liest gebannt weiter, weil man wissen will wie es mit den Figuren weitergeht. Man trifft auch einige Bekannte wie den ehemaligen Killer Sean Callan wieder und da hätte ich gerne noch mehr erfahren, denn der verschwindet dann auf einmal sang- und klanglos in der Versenkung. Das ist auch schon mein einziger kleiner Kritikpunkt. Und dann ist da natürlich der unbarmherzige Jäger „Arturo“ Keller, der angeschlagene Held, der seinen Kampf jetzt verbissen vom Schreibtisch aus führt.

Mit erzählerischer Wucht arbeitet sich der amerikanische Autor schonungslos an dem Wahnsinn des mexikanischen Drogenkriegs und an der US-Politik ab. Präzise recherchiert und mit vielen pointierten Dialogen macht er deutlich, dass die USA selbst am meisten vom Drogenhandel profitieren. Er plädiert für eine Legalisierung aller Drogen, denn er sieht das Problem eher als soziales und gesundheitliches an. Mir fällt kein passender Superlativ ein. Einfach ganz großes Kino und ein würdiger Abschluss der Trilogie!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Jahre des Jägers | Erschienen am 27. Februar 2019 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-28219-9
992 Seiten | 26.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu Corruption von Don Winslow sowie dem ersten Band der Kartell-Trilogie, Tage der Toten und die Fortsetzung Das Kartell (Bd. 2).

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezial Die Kartell-Trilogie von Don Winslow.

Don Winslow | Das Kartell Bd. 2

Don Winslow | Das Kartell Bd. 2

Der sogenannte Krieg gegen die Drogen ist ein Karussell. Fliegt einer raus, steigt sofort der Nächste ein. Und solange die Gier nach Drogen unersättlich ist, bleibt das so. Der gierige Moloch aber lauert auf dieser Seite der Grenze.
Was die Politiker nie verstehen oder auch nur zur Kenntnis nehmen: Das sogenannte mexikanische Drogenproblem ist nicht das mexikanische Drogenproblem, es ist das amerikanische Drogenproblem.
Ohne Käufer kein Geschäft.
Die Lösung liegt nicht in Mexiko. (Auszug Seite 33)

Sechs Jahre hat sich Don Winslow Zeit genommen und für seine Fortsetzung von Tage der Toten akribisch recherchiert und rausgekommen ist eine wuchtige Fortsetzung seines Meisterwerks. Die Geschichte beginnt im Jahr 2004, Art Keller, US-Drogenfahnder und der Held aus Tage der Toten hat sich in ein Kloster zurückgezogen. Als sein Todfeind, der von ihm ins Gefängnis gebrachte mexikanische Drogenbaron Adán Barrera, einst sein bester Freund, allerdings ausbricht und eine Belohnung auf seinen Kopf aussetzt, ist es mit der Ruhe vorbei. Kellers Ruf in Washington ist zwar arg ramponiert, doch man glaubt noch, ihn bei der Jagd auf Barrera gebrauchen zu können und gibt ihm einen Job als Verbindungsoffizier in Mexico City zu einer Taskforce mit zwei mexikanischen Behörden. Keller hat zwar keine weiteren Befugnisse, nutzt seine Kontakte aber weidlich aus. Die beiden hochrangigen mexikanischen Beamten in dieser Taskforce machen einen engagierten Eindruck, doch kann Keller ihnen trauen, wo der mexikanische Staat doch weitgehend von den Narcos korrumpiert scheint?

Währenddessen schickt sich Adán Barrera an, seine Machtposition innerhalb der Kartelle wieder auszubauen. Er kontrolliert als Erster unter Gleichen das Sinaloa-Kartell, doch die Sinoloaner haben ihre Vormachtstellung unter den Kartellen eingebüßt. Es beginnt ein hinterhältiger, rücksichtsloser und unfassbar blutiger Kampf der Kartelle, bei denen vor allem das Golf-Kartell und dessen brutale militärische Gang Los Zetas die großen Rivalen Barreras werden (auf der rückseitigen Klappe des Romans findet sich zur Orientierung eine Landkarte von Mexiko, auf der die vier wichtigen Drogenkartelle eingezeichnet und beschrieben sind).

Andys Eindruck

Der Autor schildert den gnadenlosen Kampf der Drogenkartelle über einen Zeitraum von zehn Jahren in seiner bekannten schnörkellosen Art. Hier ist kein Wort zu viel, alles wird genau auf den Punkt gebracht. Durch häufige Perspektivwechsel und eine bildhafte Sprache entwickelt der Roman von Anfang an einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Im Präsens geschrieben fühlt man sich als Leser mitten im Geschehen.

Winslow zeigt auf, mit welcher Macht die unterschiedlichen Drogenkartelle agieren, wie sie staatliche Strukturen durch Korruption unterwandern. Besonders schockierend wird hier beschrieben, wie Tausende Menschen auf brutalste Weise getötet oder vertrieben werden und wie wehrlos der mexikanische Staat dagegen ist. Es lässt einen fassungslos zurück, dass der Kampf gegen die Drogen praktisch nicht zu gewinnen ist und dass das auch gar nicht gewünscht wird, weil zu viele davon profitieren. Der Drogenhandel zwischen den USA und Mexiko ist ein Milliardengeschäft. Man fragt sich während des Lesens mit einem Kloß im Hals, wie weit das alles der Realität entspricht und viele Szenen, sind mir ob ihrer Brutalität noch lange in Erinnerung geblieben.

„Chuy drückt ab. Knipst dem Mann das Lebenslicht aus. Es fühlt sich gut an. Chuy Jesús Barajos ist gerade zwölf geworden.“ (Seite 244)

Der komplexe Roman verlangt einem, nicht nur wegen der Grausamkeiten alles ab. Die Charakterisierungen der zahlreichen Figuren ist Winslow sehr gut gelungen und man fiebert und bangt mit ihnen mit. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse und die einzelnen Protagonisten wirken dadurch sehr authentisch und menschlich, da man teilweise sogar Verständnis für die Beweggründe entwickelt, nicht nur für den korrupten Journalisten.

Winslow widmet seinen Roman den ermordeten oder „verschwundenen“ Journalisten, gleich am Anfang des Buches in einer zweiseitigen Aufzählung von Namen. Und nicht nur hierbei spürt man seine Wut und das Herzblut, mit dem er die Hintergründe beleuchtet und den Leser schonungslos teilhaben lässt am War on Drugs.

„Dies ist kein Krieg gegen die Drogen. Dies ist ein Krieg gegen die Armen und die Ohnmächtigen, Unhörbaren und Unsichtbaren, die ihr von der Straße fegen wollt wie den Dreck, der euch um die Beine weht und eure Stiefel beschmutzt.“ (Seite 786)

Mein Fazit: Don Winslow ist mit seinem Epos ein sprachlich exzellenter, packender Thriller gelungen, der über 800 Seiten den Spannungsbogen hochhält. Chapeau Mr. Winslow!

Gunnars Eindruck

Don Winslows Wut, die er als Antrieb für seinen Roman Tage der Toten angab, war offensichtlich noch nicht verraucht. Warum auch, denn die Situation im Kampf gegen die Drogen hatte sich seitdem nicht wirklich geändert. Und so legte er diesen zweiten Roman nach (was letztlich in einer Trilogie münden sollte), der vor allem die Zeit ab 2006 beschreibt, in der der Drogenkrieg in Mexiko sich zu einer Art Bürgerkrieg ausweitete. Der Konflikt zwischen den Kartellen, zwischen den Kartellen und mexikanischer Polizei oder Militär oder auch zwischen korrumpierten staatlichen Einheiten und loyalen Einheiten erreichte eine Intensität an Gewalt, die den unbeteiligten Beobachter schaudern lässt. Darunter leidet vor allem die Zivilbevölkerung in den umkämpften Herrschaftsregionen der Kartelle. Man muss gar nicht lange recherchieren, um festzustellen, dass die meisten Ereignisse in diesem Thriller authentisch sind, lediglich die Personen sind fiktiv (wobei auch diese echten Personen teilweise nachempfunden sind).

Die Wucht, die Schnörkellosigkeit der Sätze, auch die Spannung aus dem Vorgängerroman – das alles ist weitgehend noch da. Jedoch habe ich das Gefühl, dass Tage der Toten der geradlinigere und präzisere Roman gewesen ist, obwohl auch dieser mit über 600 Seiten nicht unbedingt kompakt war. In Das Kartell will Winslow meines Erachtens zu viel erläutern, anstatt darauf zu vertrauen, dass der Leser die Zusammenhänge in der (durchaus komplexen) Gesamtlage selbst erkennt. Auch die Eleganz des Vorgängers wird nicht ganz erreicht, stellvertretend dafür das Ausmaß an Gewalt, das Winslow (zwar zutreffend) schildert, für mich zum Ende hin aber mehr aufzählenden Charakter hatte und die Story nicht mehr zusätzlich voran brachte.

Trotz der gerade genannten Einschränkungen halte ich Das Kartell aber dennoch für einen guten, überdurchschnittlichen Thriller, der den Leser zu fesseln weiß und dem es über weite Strecken gelingt, die Intensität des Vorgängers fortzuführen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr und Gunnar Wolters.

Das Kartell | Erschienen am 1. Juli 2017 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-30429-7
832 Seiten | 16.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung Andy: 5.0 von 5.0
Wertung Gunnar: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zu Corruption von Don Winslow sowie dem ersten Band der Kartell-Trilogie, Tage der Toten.

Weiterlesen: Rezension zu Das Kartell auf dem Blog Crimenoir

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezial Die Kartell-Trilogie von Don Winslow.