Kategorie: Thriller

Ronald Malfi | December Park

Ronald Malfi | December Park

Es war lang und weiß. Es war ein Tuch. Es war ein Tuch, das etwas bedeckte. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte genug ferngesehen, um zu erkennen, was ich da vor Augen hatte. (Auszug E-Book, Position 155).

Im Herbst 1993 verschwinden mehrere Kinder in der beschaulichen Kleinstadt Harting Farms in Maryland, eine Küstenstadt an der Chesepeake Bay. Offiziell sind die Kinder nur vermisst, die Polizei hält es für denkbar, dass sie einfach nur von zuhause ausgerissen sind. Hinter vergehaltener Hand raunen die Menschen aber dennoch vom „Piper“, dem Rattenfänger, der die Kinder entführt.

Angelo Mazzone und seine Freunde Peter, Scott und Michael sind typische 15-16jährige Jungs, die heimlich rauchen, nach der Schule mit ihren Rädern die Gegend unsicher machen, gerne Schabernack treiben und versuchen, die Schule halbwegs zu überstehen (nur mit den Mädels haben sie es noch nicht so). Zufällig sind die Jungen mit ihren Rädern eines Oktobernachmittags in der Nähe des Waldrands am December Park und werden Zeuge eines großen Polizeiaufgebots. Die Polizisten bergen einen Körper aus dem Wald und als der Wind das Tuch verweht, stellen die entsetzten Jungen fest, dass es die Leiche eines vor kurzem verschwundenen Mädchens ist. Damit ist klar, die Kinder sind nicht einfach weggelaufen, sondern wurden ermordet. Weitere Leichen tauchen aber vorerst nicht auf.

Dafür erhält Angelo neue Nachbarn, eine seltsame Frau mit ihrem Sohn Adrian, in Angelos Alter. Adrian ist in sich gekehrt und eigenbrötlerisch, dennoch freunden sich Angelo und er an und Adrian wird nach und nach Teil von Angelos Clique. Adrian entwickelt eine große Faszination für die Fälle der verschwundenen Kinder, spätestens als er feststellt, dass das von ihm zufällig in der Nähe des Fundorts gefundene Medaillon dem toten Mädchen gehörte. Er steckt die anderen mit seinem Eifer an und bald geben sich die Jungen das Versprechen, dass sie den Piper aufspüren werden. Derweil verschwinden weitere Kinder und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Tatsächlich finden die Jungen kleinere Spuren und Indizien, behalten dies aber für sich, selbst Angelos spricht nicht mit seinem Vater, immerhin einer der ermittelnden Detectives. Doch aus dem Detektivspiel wird irgendwann bitterer Ernst.

Ich steckte meinen Daumennagel zwischen die beiden Hälften und ds herzförmige Medaillon öffnete sich. Meine Großmutter besaß ei ähnliches Medaillon mit einem winzigen Foto von mir in der einen Seite und eines von Charles in der anderen – doch dieses hier war leer […]
„Okay“, entgegnete ich und verstand nicht recht, weshalb das alles für ihn so eine große Sache war.
„Es gehört ihr“, sprach er.
„Wem?“
„Dem toten Mädchen“, antwortete Adrian. „Courtney Cole“. (Auszug E-Book, Position 2904)

Autor Ronald Malfi lebt mit seiner Familie selbst an der Chesepeake Bay und ist vor allem auch durch seine Romane im Horror- und Mysterygenre bekannt. Auf Übernatürliches verzichtet er in dieser Geschichte allerdings, zum Schaudern gibt es allerdings durchaus etwas an einigen Passagen. Nach eigenen Angaben sind in diesen Roman auch Kindheitserinnerungen des Autors eingeflossen, vermutlich in der Figur des Ich-Erzählers Angelo Mazzone. Angelo ist ein durchaus cleverer Junge mit den üblichen Flausen im Kopf, er liebt es zu schreiben, will später einmal Schriftsteller werden. Er lebt mit seinem Vater und seinen Großeltern zusammen, seine Mutter ist früh verstorben. Als schwerer Schatten liegt der Tod seines Bruders Charles im Golfkrieg auf der Familie, insbesondere auf dem Verhältnis zwischen Angelo und seinem Vater. Auch auf seinem neuen Freund Adrian lastet eine schwere Vergangenheit: Seine Mutter und er sind überstürzt aus Chicago verzogen, nachdem Adrians Vater sich mit Autoabgasen umbrachte und Adrian mit in den Tod nehmen wollte.

„December Park“ steht natürlich in der Tradition anderer schauriger Coming-of-Age-Geschichten, auf dem obersten Sockel steht hier sicherlich Stephen King. Und tatsächlich erinnert man sich zwangsmäßig an „Es“ oder „Die Leiche“. Malfi macht seine Sache in Bezug auf Angelo, seine Clique, ihre Freundschaft, ihre Ängste und Konflikte auch nicht schlecht – die Tiefe von Kings Figuren erreicht er freilich nicht. Was schade ist, ist der Roman doch lang genug. Aber leider, muss man sagen, auch etwas zu lang, denn die Spannungsmomente lassen zwischendurch doch sehr auf sich warten. Überhaupt gibt es in der Genrewertung für einen Thriller da doch einige Abzüge. Neben der eher langsam erzählten Story (Die Jungs fahren verdammt viel Fahrrad im Buch) gab es für mich auch einige Unplausibilitäten, auch die Aufklärung am Ende fand ich wenig überzeugend. So muss ich letztendlich konstatieren: Solide bis ordentlich als Coming-of-Age, eher unterdurchschnittlich als Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

December Park | Erschienen am 28.02.2018 im Luzifer Verlag
ISBN 978-3-95835-317-6
616 Seiten | 14,95 €
als E-Book: ISBN 987-3-95835-033-5 | 7,99 €
Originaltitel: December Park (Übersetzung aus dem Englischen von Ilona Stangl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephen King | Billy Summers ♬

Stephen King | Billy Summers ♬

In Stephen Kings aktuellem Roman, der ganz ohne übersinnliche- und Horrorelemente auskommt, geht es um Billy Summers, einen intelligenten und empathischen Mittvierziger. In der Vergangenheit war er bei den Marines und profilierte sich als exzellenter Scharfschütze. Aktuell verdient er sein Geld als Auftragskiller. Allerdings ein Auftragskiller mit Moralkodex, denn er liquidiert nur „schlechte“ Menschen.

Der letzte große Coup
Jetzt will er nach einem letzten großen Coup aus dem Geschäft aussteigen. Für diesen Auftrag nimmt er eine Scheinidentität als Schriftsteller an. Erst als Tarnung gedacht, entwickelt der Ex-Marine immer mehr Leidenschaft für die Tätigkeit und schreibt tatsächlich an einer Autobiografie. In dieser Parallelerzählung erfahren wir mehr über seine traumatische Kindheit und die Zeit im Irakkrieg, besonders über die schrecklichen Erlebnisse im Kriegsgebiet Falludscha. Dieses Stilmittel, die Geschichte in der Geschichte, nutzt King, um uns die Figur Summers in aller Ausführlichkeit näher zu bringen, lähmt damit aber auch immer wieder den Erzählfluss. Der Kriegsveteran ist ein komplexer vielschichtiger Charakter, der sich und sein Handeln oft kritisch reflektiert. Obwohl er vor seinen Auftraggebern stets den Simpel mimt, ist er doch sehr belesen und weiß aus Literatur und Film, dass letzte große Coups ja oft in die Hose gehen. Aber die große Geldsumme von 2 Millionen US-Dollar lockt und die Aufgabe, einen angeklagten Doppelmörder und Vergewaltiger per Kopfschuss zu erledigen, bevor dieser vor Gericht einen Deal aushandeln kann, scheint machbar.

King nimmt sich sehr viel Zeit, um zu erzählen, wie Billy den Auftrag akribisch vorbereitet. Wir begleiten ihn über etliche Stunden im Hörbuch und erfahren, wie er sich zur Tarnung in dem kleinen Örtchen einlebt, Freundschaften schließt und ein Bestandteil der Nachbarschaft wird. Dieser Teil hat mich an ein anderes Werk von King erinnert, und zwar an ‚Der Anschlag‘ aber während ich dieses großartig fand, war ich bei ‚Billy Summers‘ wirklich irgendwann latent genervt und wollte nicht noch mal über Grillabende oder Monopolyspielen mit den Nachbarskindern hören. Ich war gut unterhalten, aber es entstand nicht der große Sog, um unbedingt wissen zu wollen, wie es weitergeht.

Der Rache-Road-Trip
Der Auftrag wird dann auch ziemlich schnell sowie unspektakulär erledigt, jedoch wie schon von Summers befürchtet, wollen ihn seine Auftraggeber reinlegen. Er ist schlau genug und hält sich nicht an den vorgegebenen Fluchtplan und es gelingt ihm, unterzutauchen. Auf seiner Flucht trifft er zufällig auf ein junges Mädchen, das bewusstlos auf der Straße liegt. Die junge Alice Maxwell wurde von drei Männern schwer misshandelt und vergewaltigt. Billy stellt seine eigenen Interessen zurück und rettet ihr das Leben. Im letzten Drittel schließen die beiden sich zusammen und gehen auf einen mörderischen Rachepfad. Summers will herausfinden, wer ihn ausschalten will und warum. Die Motivation von Alice blieb für mich weitestgehend unklar.

Die Geschichte nimmt hier nicht nur eine enorme Wendung und wird rasant und actiongeladen mit einem spannenden Showdown. Mir schien dieser Teil völlig losgelöst vom ersten Teil. Wie zwei unterschiedliche Geschichten, die nicht homogen zueinanderpassen.

Der gute Killer
Trotz seiner detaillierten, fast betulichen Ausführlichkeit im ersten Drittel, in der wir tiefe Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines Killers bekommen, trotz einer fast treuherzigen, naiven Weltanschauung bezüglich der Moral eines Auftragskillers beeindruckt Stephen King mich wieder mit seiner hohen Erzählkunst sowie seinen tiefgehenden Charakterzeichnungen. Er kann einfach unheimlich gut Figuren zum Leben erwecken und ihre Beziehungen zueinander darstellen. Man kann sich gut in Summers einfühlen und hofft und bangt mit ihm und Alice mit. Wobei der Protagonist Summers als Außenseiter mit maximaler Traurigkeit dargestellt wird. Es zog sich eine große Melancholie durch den ganzen Roman und King hat hier mal ein gutes sowie passendes Ende geschrieben.

Wie in anderen King-Werken befasst sich auch ‚Billy Summers‘ mit dem Schreiben an sich und man spürt Kings große Liebe zur Literatur. Nicht verbergen kann der amerikanische Autor allerdings seine Aversion gegen den ehemaligen republikanischen US-Präsidenten, denn einige Spitzen gegen Trump und an der amerikanischen Politik konnte er sich mal wieder nicht verkneifen. Ich fand es aber ganz amüsant, wenn Summers sich bei einer gewaltvollen Aktion eine Melanie-Trump-Maske aufsetzt. Mehr gestört hat mich, dass hier Selbstjustiz unreflektiert gefeiert wird. Natürlich dürfen auch seine Querverweise zu früheren Werken nicht fehlen, ich habe zumindest einen erkannt.
Billy Summers ist ein Spiel mit den unterschiedlichen Identitäten, es geht um die Macht der Literatur, um Freundschaften und immer wieder um Gut und Böse. Und wie schön gestaltet ist eigentlich dieses Cover?

Der Sprecher
Ich kann mir kaum einen besseren Hörbuch-Sprecher als David Nathan vorstellen. Seine Interpretationen der King-Stoffe lassen meine Wertungen immer ein halbes Pünktchen erhöhen. Mit viel Feingefühl setzt er die dramatischen, tragischen aber auch die komischen Akzente an die richtigen Stellen, lässt die Figuren nahezu real werden und den Hörer in die Geschichte eintauchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Billy Summers | Erschienen am 09.08.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3- 8371-5718-5
ungekürzte Lesung von David Nathan  | Gesamtspielzeit: ca. 19 Stunden 32 Minuten
3 MP3-CD | 20,45 Euro
Originaltitel: Billy Summers (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben und Hörprobe

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Simon Beckett | Die Verlorenen (Band 1)

Simon Beckett | Die Verlorenen (Band 1)

Als Jonah das Blut roch, war ihm klar, dass er in Schwierigkeiten steckte. (Auszug Anfang)

Jonah Colley ist Mitglied einer bewaffneten Eliteeinheit der Londoner Polizei. In einem Pub trinkt er noch ein Bier mit seinen Kollegen, als er überraschend einen Anruf von seinem ehemals besten Freund und Kollegen Gavin erhält, von dem er zehn Jahre nichts gehört hat. Gavin bittet ihn um ein Treffen in einem leerstehenden Lagerhaus am Kai, sieht Jonah als den Einzigen, dem er noch trauen kann. Als Jonah am vereinbarten Treffpunkt am Slaughter Quai ankommt, findet er nur noch Gavins Leiche sowie drei weitere Tote in Plastikfolien verschnürt vor. Eines der Opfer lebt noch, doch bevor Jonah die Frau befreien kann, wird er niedergeschlagen. Schwer verletzt mit einem zertrümmerten Knie wacht er im Krankenhaus auf, von Gavins Leiche keine Spur und so gerät er selbst ins Visier der ermittelnden Beamten.

Colley kämpft seit zehn Jahren mit seinen inneren Dämonen, denn da verschwand sein vierjähriger Sohn Theo spurlos von einem Spielplatz. Er leidet schwer an seiner Mitschuld, seine Ehe zerbrach daran, auch die Freundschaft mit Gavin endete. Damals wurde kurzzeitig ein Obdachloser namens Owen Stokes verdächtig, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Als jetzt in den aktuellen Ermittlungen wieder der Name Stokes auftaucht und Hinweise auftauchen, die einen Bezug zu dem Verschwinden seines Sohnes haben, stellt er auf eigene Faust Nachforschungen an. Jonah Colley setzt alles daran, das Verschwinden Theos im Alleingang aufzuklären.

Der englische Bestseller-Autor kommt mit dem Auftakt einer neuen Krimi-Serie. Ich war sehr gespannt, fand ich seine gerade in Deutschland sehr erfolgreiche Serie um den forensischen Anthropologen David Hunter doch mittlerweile ein wenig ermüdend und ausgelaugt. Das düstere Schwarz-Weiß-Cover und der Titel lassen auf eine bedrohliche und beklemmende Geschichte schließen. Und gleich mit den ersten Sätzen gelingt es dem Autor im gewohnt flüssigen Schreibstil und zügigem Tempo den Leser in den Bann zu ziehen. Mit allem was bei einem Simon Beckett-Thriller dazugehört und alptraumhafte Bilder im Kopf entstehen lässt: Ein stockfinsteres Schlachter-Kai mitten in der Nacht am Hafen, der Geruch nach Blut, grauenhafte Todesfälle und einem sympathischen aber schwer traumatisierten Helden. Neben dem atmosphärischen Setting ist auch wieder der Schreibstil gewohnt einfach gehalten und flüssig zu lesen. Spannung oder zumindest Neugierde entsteht auch, weil man erst nach und nach über die traurigen Umstände von Theos Verschwinden informiert wird.

Leider erfüllen Becketts Charaktere gängige Stereotypen, besonders die zentrale Figur des Polizisten Jonah Colley entspricht dem Klischee des schwer gebeutelten, alleine kämpfenden Wolfes. Dass die Hauptfigur einen persönlichen Verlust erlitten hat, an dem er aufgrund seiner Schuldgefühle fast zerbricht, habe ich jetzt auch schon zu oft gelesen. Beckett gönnt ihm, ähnlich David Hunter auch keine Verschnaufspausen, lässt den Schwerverletzten auf Krücken in viele physisch gefährliche sowie emotionale Extremsituationen geraten. Was mich jedoch am meisten enttäuscht hat, ist die Tatsache, dass Colley ja laut Klappentext einer bewaffneten Spezialeinheit angehört. Das hatte mich sehr angefixt, kommt aber gar nicht zum Tragen. Er hätte jeden beliebigen Beruf angehören können! Außer im Pub am Anfang des Thrillers tauchen seine Kollegen nie wieder auf. Auch benimmt Colley sich oft sehr unprofessionell, agiert naiv, vernichtet Spuren, bemerkt nicht, dass er verfolgt wird, bringt sich ständig in offensichtlich gefährliche Situationen, in dem er nachts alleine in verlassenen, schangeligen Gegenden herumirrt. Alleine, aber auf Krücken!

Auch die diversen Nebenfiguren – eher Knallchargen – agieren voreingenommen und wenig nachvollziehbar. Die angedeutete Romanze mit der charmanten Journalistin ist unnötig und lächerlich.

Zum Schluss kommt es zu einem actiongeladenen Showdown, in dem alle Fäden zusammen geführt werden. Die Motivation hinter den Taten wirkt dabei ziemlich abstrus und wenig glaubhaft, um nicht hanebüchen zu sagen. Nach einem wirklich fesselnden Beginn glänzt Becket mit vielen überraschenden Wendungen, manches wirkt doch sehr konstruiert. Einiges bleibt auch für weitere Fortsetzungen offen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich das Trauma des verschwunden Kindes durch die noch folgenden Bände zieht. Auch alles schon mal dagewesen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die Verlorenen | Erschienen am 08. Juli 2021 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0052-3
416 Seiten | 24,00 Euro
Originaltitel: The Lost (Übersetzung aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von David Beckett

Yassin Musharbash | Russische Botschaften

Yassin Musharbash | Russische Botschaften

„Doch, wir entscheiden das. Hier und jetzt. Ich hab das genau genommen schon entschieden. Und das Dritte Geschlecht entscheidet in dieser Sache gar nichts.“
„Sagen Sie mal, haben Sie … ein Drogenproblem, von dem ich nichts weiß? Haben Sie Fieber? Sie sie eventuell…“
„…Erlinger!!“
„Ja?“
„Erlinger, das Dritte Geschlecht steht auch auf dieser Liste!“. (Auszug E-Book Pos.1426)

Die Journalistin Merle Schwalb von Nachrichtenmagazin „Globus“ steht vor einem großen Karrieresprung. Sie ist mit Arno Erlinger verabredet, renommierter Investigativjournalist, Chef der kleinen, aber feinen Recherche-Einheit „Die drei Fragezeichen“ innerhalb der „Globus“-Redaktion, der ihr einen vakanten Platz bei den „Drei Fragezeichen“ anbietet. Mitten in der Verabredung in einem arabischen Restaurant in Neukölln, fällt ein Mann von einem Balkon oberhalb des Restaurants und bleibt tot auf dem Asphalt liegen. Damit hat Merle Schwalb bereits ihren ersten Recherchefall. Denn im Polizeibericht wird nur ein Unfall ohne Fremdverschulden mit einem Schwerverletzten vermerkt. Doch Schwalb ist sich sicher, dass der Mann tot war und ziemlich bald findet sie heraus, dass der Mann Anatoli Nowikow hieß, Russe – Mitarbeiter der russischen Botschaft und V-Mann des Verfassungsschutzes.

Kurze Zeit später beginnt Schwalb eine Affäre mit Timur Zossen, ein Kollege bei der „Norddeutschen Zeitung“. Er erzählt ihr im Vertrauen, dass er über einen Mittelsmann von einem Mitarbeiter der russischen Botschaft eine Liste mit 25 Deutschen erhalten hat, die von den Russen bezahlt werden, um in Deutschland russische Position zu unterstützen. Ein Großteil der Liste ist allerdings noch verschlüsselt. Merle Schwalb ist schnell klar, dass diese Liste von ihrem ominösen Toten stammt. Timur Zossen hat allerdings noch ein weiteres Problem: Einer der Namen ist ein Kollege in der „Norddeutschen Zeitung“. Und der Hammer: Die Herausgeberin des „Globus“, Adela von Steinwald, genannt „Das Dritte Geschlecht“, ist ebenfalls darauf. Zossen und Schwalb schlagen eine Kooperation beider Redaktionen vor und tatsächlich finden sich sieben Journalisten beider Häuser in einem kleinen brandenburgischen Ort zu einer geheimen gemeinsamen Recherche zusammen.

Autor Yassin Musharbash ist erfahrener Journalist, aktuell bei der „Zeit“, und ein ausgewiesener Experte für den arabischen Raum und Terrorismus. Thematisch waren seine ersten beiden Romane „Radikal“ und „Jenseits“ auch in dieser Richtung ausgerichtet. Immer gut in der Vita eines Thrillerautors macht sich auch die Tatsache, dass Musharbash eine Zeitlang als Rechercheur für den großen John le Carré gearbeitet hat. Ein Zitat aus le Carrés „Eine Art Held“ stellt er seinem neuen Thriller „Russische Botschaften“ auch voran. Thematisch bewegt der Autor sich weg von Islamismus und Terrorismus hin zu Fake News, Desinformation und dem zunehmend schwierigen Geschäft des politischen Journalismus in den aktuellen Zeiten.

Das gemeinsame Rechercheteam findet nämlich einige Ungereimtheiten auf der ominösen Liste heraus: Einige Daten auf der Liste führen ins Nichts, andere sind offenbar Ablenkung, wiederum andere scheinen zu stimmen. Über einen Informanten erfahren die Journalisten auch von den Absichten des russischen Geheimdienstes GRU, bei dem Nowikow offenbar angestellt war, und anderer Kreml-naher Player. Je länger die Recherchen dauern, umso mehr geraten die Journalisten selbst in den Strom der Desinformation und Gegenkampagnen. Denn ihre Gegner sind extrem gut aufgestellt.

„Russische Botschaften“ ist ein spannender und sehr informativer Thrilller, bei dem die Leser von einem ausgewiesenen Experten in die Abläufe des Investigativjournalismus eingeführt werden. Wir dürfen Redaktionssitzungen und mühsamer Recherche beiwohnen. Und man merkt schnell, dass eine Story auch für den Journalisten selbst schnell zu Sprengstoff für die eigene Karriere werden kann. Die Wahl der Hauptperson bringt nochmal eine zusätzliche Ebene hinein. Merle Schwalb ist keine unerfahrene Journalistin mehr, trotzdem wird sie von den Kollegen tendenziell unterschätzt, wird von der Herausgeberin aufgefordert, „sich Eier wachsen zu lassen“. Sie wird aber die treibende Kraft dieser Recherche, die die Journalisten an ihre Grenzen und zunehmend in Gefahr bringt. Insgesamt ist dieser Thriller ein wirklich kluger und spannender Roman, der viel Informatives über die aktuelle Situation des politischen Journalismus bereithält.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Russische Botschaften | Erschienen am 19.08.2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00096-2
400 Seiten | 16,- €
als E-Book: ISBN 978-3-462-30261-5 | 12,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.