Kategorie: Thriller

Johannes Groschupf | Die Stunde der Hyänen

Johannes Groschupf | Die Stunde der Hyänen

An der Brücke lief er hinüber nach Neukölln und bog in die Dunkelheit einer kopfsteingepflasterten Seitenstraße ab. Jetzt ging er aufrecht, ließ sich Zeit, war nichts weiter als ein Spaziergänger. Vor zwei Tagen war er in heller Panik davongerannt, als der Mann aus dem Bulli herausgekrochen kam und plötzlich vor ihm auftauchte. Das würde ihm nicht mehr passieren. (Auszug S.60)

Ein Feuerteufel geht um im Kreuzberg. Nacht für Nacht gehen Autos in Flammen auf, eines Nachts auch der Bulli, in dem Radek Malarczyk schläft, seitdem ihn seine Frau aus der Wohnung geworfen hat. Radek überlebt mit schweren Verbrennungen, doch die Bürger werden zunehmend unruhig. Die Polizistin Romina Winter, zum Branddezernat strafversetzt und dort im Innendienst versauernd, will den Brandstifter unbedingt alleine dingfest machen. Dazu tut sie sich mit der Journalistin Jette Geppert zusammen, die die Ereignisse für eine Berliner Tageszeitung begleitet. Dabei stoßen sie auch auf Maurice Jaenisch, den Postboten, Mitglied einer christlichen Sekte, schwer verliebt in Britta aus seiner Glaubensgemeinschaft, die ihn allerdings hinhält.

Radek, ein ehemaliger Fernfahrer, spätestens nachdem er eine Radfahrerin an der Oberbaumbrücke totgefahren hat, schwer dem Alkohol zugeneigt, gibt sich den seinem Krankenhausaufenthalt geläutert, hat zu Gott gefunden und zieht nun predigend durch die Straßen. Den Täter hat er erkannt, doch er liefert ihn nicht der Polizei aus. Und so brennt es Nacht für Nacht weiter und die Stimmung heizt sich immer weiter auf.

Die Sessel vor den Monitoren waren unbequem, nach einer halben Stunde hatte sie Rückenschmerzen. Kopfschmerzen auch, denn die Bänder der Überwachungskameras zeigten verschneite oder verzerrte Bilder wie einem Amateurfilmer der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts.
„Wir haben gestochen scharfe Bilder von der Rändern unserer Galaxie“, sagte Romina. „Aber aus Lichterfelde und Reinickendorf schicken sie uns Pixelmatsch.“ (Auszug S.182)

„Die Stunde der Hyänen“ ist der dritte Kriminalroman von Autor Johannes Groschupf, der mich im letzten Jahr mit „Berlin Heat“ sehr begeistert hatte. Der Roman ist keine Fortsetzung, greift mit der Polizistin Romina eine Figur prominent wieder auf. Anders als in „Berlin Heat“ steht aber kein einzelner Protagonist im Vordergrund, sondern es wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Auch das Tempo ist hier reduzierter, gedämpfter, schließlich gibt es hier viele Szenen zu nachtschlafender Zeit. Johannes Groschupf greift hier verschiedene Themen auf, die er vorwiegend über seine Figuren transportiert. Gewalt gegen, Mißbrauch, Mißachtung von Frauen tauchen hier auf verschiedenen Ebenen auf, zentral auch der Umgang mit Schuld und Scham.

Im einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur stellt Johannes Groschupf heraus, dass er in seinen Romanen seine Menschenbegegnungen in seiner Stadt Berlin verarbeitet, ohne große didaktische Hintergedanken zu haben, was gesellschaftlich relevante Themen betrifft. Das merkt man dem Roman auch an, er streift durch die Milieus, lässt verschiedene Persönlichkeiten aufeinanderprallen, nimmt uns mit durchs nächtliche Berlin. Das wirkt ganz natürlich, organisch – von den Dialogen bis zu den beschriebenen Milieus. Groschupf erschafft wieder mal einen modernen Berlinroman und gleichzeitig einen spannenden Thriller, ganz ohne Leiche. Der Autor hat sich direkt mit seinen ersten Romanen in der ersten Riege deutscher Krimiautoren etabiert und offenbar hat er vor, dort zu verweilen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Stunde der Hyänen | Erschienen am 21.11.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47300-9
265 Seiten | 16,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu „Berlin Heat

David Osborn | Jagdzeit

David Osborn | Jagdzeit

In Jagdzeit geht es nicht […], sondern um die dunkle Seite des Menschen allgemein, die immer und überall zutage tritt. Seit Erscheinen meines Buches hat sich die Menschheit diesbezüglich bedauerlicherweise nicht verändert. (Auszug Vorwort)

Mit diesen Worten aus der Neuauflage des Buches von 2010 stimmt uns Autor David Osborn auf seine dem Werk zugrundeliegende Stimmung ein: Der Mensch ist des Menschen Wolf. In der Originalausgabe von 1974 widmet Osborn das Buch dem noch sehr präsenten Watergate-Skandal. Die pessimistische Grundhaltung des Autors lässt sich auch aus dessen Vita erklären. Hochdekorierter Pilot im Zweiten Weltkrieg, anschließend Autor und PR-Mann am Broadway und in der Werbeindustrie. 1955 gerät er aber in die Kommunistenhatz unter Senator McCarthy. Osborn emigriert nach Frankreich, wird Besitzer eines Steinbruchs und Drehbuchautor für europäische Produktionen (z.B. „16 Uhr 50 ab Paddington“). Anfang der 1970er wird er schließlich Romanautor mit einer Vorliebe für Plots, in denen der Mensch seinen niederen Instinkten wie Machtgier auf persönlicher oder politischer Ebene frönt.

„Jagdzeit“ beginnt mit einem kurzen Prolog etwa zwanzig Jahre vor der Haupthandlung. Im Büro eines Bezirksstaatsanwalts sitzt eine junge Frau mit ihren Eltern, die vom Staatsanwalt die Aufnahme eines Verfahrens verlangen. Die junge Frau wurde nach einem fröhlichen Abend von drei Kommilitonen ihres Colleges brutal vergewaltigt. Doch schnell wird klar, dass der Staatsanwalt ein solches Verfahren nicht anstrebt. Die drei Studenten sind angesehen, gut vernetzt, es steht Aussage gegen Aussage, es gibt angeblich sogar Zeugen für die Vergewaltiger. In einem sehr zynischen Gespräch sehen schließlich auch die Eltern die Aussichtslosigkeit eines Urteils ein und zwingen schließlich ihre Tochter, das entstehende Kind aus der Vergewaltigung einem anderen anzudrehen. Die Namen der Vergewaltiger übrigens sind Ken, Greg und Art.

In der Haupthandlung sind Ken, Greg und Art inzwischen etablierte Stützen der Gesellschaft, gut situiert, Frau und Kinder. Normale obere Mittelklasse. Einmal im Jahr gönnen sich die drei einen längeren Jagdausflug ins ländliche Wisconsin, in eine Waldhütte an einem abgeschiedenen See, mitten in der Wildnis. Ohne Familie, ohne Freunde, da sind sie sehr eigen. Und dafür gibt es auch einen guten Grund.

Das Buch beginnt mit dem Aufbruch der drei. Er herrscht eine unverhohlene Vorfreude, testosterongesättigt. Schnell wird auch dem Leser deutlich gemacht, dass dies nicht nur ein typischer Jagdausflug wird. Die Jagd auf Tiere genügt den dreien nicht mehr. In einem Motel nehmen sie ihre Opfer ins Visier: Nancy und Martin, ein verheiratetes Pärchen – allerdings nicht miteinander, die ihren Seitensprung ein paar Tage länger auskosten wollen. Ken, Greg und Art kidnappen die beiden und nehmen sie mit zu ihrer Jagdhütte. Ihre perversen Spiele können beginnen. Doch diesmal ist etwas anders. Noch ahnen es die drei nicht, aber diesmal hat sich noch jemand zu ihrem Jagdurlaub unangemeldet eingeladen.

Einmal im Jahr durfte er ein wirklicher Mann sein, genetisch, instinktiv und, genötigt durch die trostlosen Ketten der Gesellschaft im Verein mit dem hysterischen Gekeife emanzipierter Weiber, auch psychisch. Er durfte ein wildes, reißendes Tier sein, ein rohes sexuelles Tier und gleichzeitig ein verschwiegener, verdrehter, komplexer, moderner Mann, der sich schamlos jeder noch so krankhaften Perversion hingeben kann, die ihm in den Sinn kommen mag. (Auszug S.55)

Topos und Setting ließen mich direkt die Verbindung zu einem anderen Roman ziehen: „Deliverance“ (dt. Flussfahrt) von James Dickey (als Verfilmung in Deutschland unter dem hübschen Namen „Beim Sterben ist jeder der Erste“ vertrieben). Der Roman erschien einige Jahre zuvor und erzählt die Geschichte von vier Freunden in der Midlife Crisis, die einen Abenteuerurlaub auf Kanus in der Wildnis verbringen und auf die dort plötzlich und ohne ersichtlichen Grund Jagd gemacht wird. In „Deliverance“ erfährt man wenig bis nichts davon, warum auf sie Jagd gemacht wird. In „Jagdzeit“ wiederum verschiebt sich die Perspektive von den Opfern zu den Tätern (obwohl durchaus aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird).

Ken, Greg und Art sind Prachtexemplare der amerikanischen Gesellschaft, die in ihrem Inneren ständig Macht- und Sexfantasien hegen und nur auf die passende Gelegenheit warten, diese auszuleben. Der uramerikanische Jagdtrieb auf die Spitze getrieben. Dabei wahren sie die schöne Fassade, hinter der das Haus nur allzu oft verrottet ist. Natürlich können sie es nicht öffentlich ausleben, aber sie kommen damit durch, weil niemand allzu genau hinguckt. Das ist toxische Männlichkeit bis zum Äußersten. Aber auch die anderen Figuren bieten keinen wirklichen positiven Gegenpart. Der geheimnisvolle Mann im Wald – ihm geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern bloß um Rache, wie sich bald herausstellt. Martin, ein Ehebrecher, der Nancy offensichtlich hinhält, weil er nie vorhat, seine Ehe zu beenden. Schließlich Nancy, bei der Osborn eine eher merkwürdige Frauenfigur kreiert, die sich frei entfalten will, auch in der Sexualität, die aber dennoch dem Modell der männlichen Dominanz nichts wirklich entgegensetzt.

Die Figuren erhalten trotz der Kürze des Romans und der sich zuspitzenden Handlung ausreichend Tiefe, sind etwas einseitig angelegt und bei Nancy für meinen Geschmack nicht so ganz gelungen. Letztlich dienen sie aber dem Zweck Osborns, der desillusioniert und schonungslos eine Geschichte über die menschlichen Abgründe erzählt. Dabei erweist er sich als versierter Plotter, der Thriller ist ein echter Pageturner, der bis zum Schluss die Spannung hochhält. Am Ende steht, so viel steht natürlich fest, keine Katharsis, keine Erlösung, sondern eine Beobachtung der menschlichen Niedertracht, die wie oben erwähnt, aus Sicht des Autors weiterhin andauert. Dass mag nicht jedem Leser als Erkenntnis schmecken, aber es wird selten so mitreißend und dramatisch inszeniert wie hier von David Osborn.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters

Jagdzeit | Erstmals erschienen 1974
Die gelesene Ausgabe erschien am 2014 als Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg
Die zugrundeliegende Ausgabe erschien 2010 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-209-8
280 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Open Season | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Marcel Keller
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Jochen König bei krimi-couch.de

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2022

 

 

Amor Towles | Lincoln Highway

Nebraska Mitte der 50er Jahre. Der 18jährige Emmett Williams wird nach über einem Jahr wegen Totschlags aus der Besserungsanstalt Salina entlassen. Er kehrt zum Familienhaus zurück, wo nach dem Tod des Vaters und dem Verschwinden der Mutter nur noch sein 8jähriger Bruder Billy wartet. Die kleine Farm gehört inzwischen der Bank und Emmett möchte mit Billy ein neues Leben beginnen. Dazu wollen die beiden mit dem alten hellblauen Studebaker über den Lincoln Highway Richtung Kalifornien fahren, wo sie die vor Jahren verschwundene Mutter vermuten. Kurz vor der Abfahrt tauchen Duchess und Woolly, zwei Freunde aus dem Jugendknast mit ganz anderen Reiseplänen auf. Sie stehlen Emmetts Auto samt seinem Geld und machen sich auf den Weg nach New York City, um an Woollys Erbe zu gelangen. Die beiden Brüder sehen sich gezwungen, ihnen per Zug hinterher zu reisen. Das ist der Beginn einer aberwitzigen Reise mit vielen skurrilen Begegnungen und vier sehr unterschiedliche Jugendlichen, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Der besonnene Emmett, der schon früh Verantwortung übernehmen, sich aber auch mit seinem Jähzorn auseinandersetzen muss, sein kleiner oft altklug wirkender Bruder Billy. Dagegen der durchgeknallte Duchess, der total ichbezogen nur nach seinem eigenen Moralkodex handelt. Und dann noch der liebenswerte Woolly, Spross einer wohlhabenden Ostküstenfamilie, aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen immer Außenseiter und unberechenbar in seinen Handlungen.

Die Road Novel beginnt mit Emmetts schicksalhafter Herkunftsgeschichte sowie der Gewalttat sehr vielversprechend und ich genoss das ländliche Setting des mittleren Amerikas. Leider konnte es mich dann aber nicht durchgehend begeistern. Der Plot verfängt sich in vielen Nebenhandlungen, es wird aus nicht weniger als acht Perspektiven erzählt. Dadurch bremst sich die Geschichte immer wieder aus und alles wird nur oberflächlich angerissen. Amor Towles ruhiger Erzählton ist liebenswert charmant, bildgewaltig, rutscht jedoch für meinen Geschmack öfter ins Banale ab. Mir war es oft zu redselig und viele Sätze zu bedeutungsschwanger und mythenbeladen. Die einzelnen Charaktere sind mit Ecken und Kanten gut ausgearbeitet, und besonders Duchess machte es mir oft nicht leicht, seine Eskapaden zu ertragen. Viele überraschende Wendungen hielten mich dann doch bei der Stange und ich wollte auch unbedingt wissen, was es damit auf sich hat, dass die Kapitel des Romans rückwärts gezählt werden.

 

Lincoln Highway | erschienen am 25. Juli 2022 im Carl Hanser Verlag
ISBN 978-34462-7400-6
576 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: The Lincoln Highway | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gerne: Spannungsroman

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Chris Hadfield | Die Apollo-Morde

Der Kanadier Chris Hadfield war bis 2013 Astronaut und wurde international vor allem mit seiner Mission auf der ISS Ende 2012 / Angang 2013 bekannt, von wo mit Nachrichten und Bildern von der ISS über die sozialen Medien große Popularität erlangte. Kurz vor seiner Rückkehr zur Erde veröffentlichte Hadfield auch ein Musikvideo, in der er in der Raumstation David Bowies „Space Oddity“ covert. Als Ruheständler begann mit Hadfield mit dem Schreiben, seiner Passion Weltraum ist er aber treu geblieben. Für sein Debüt als Thrillerautor hat er sich die ominöse Apollo 18-Mission ausgesucht, die nie stattfand, aber in der Popkultur immer wieder die Fantasie anregt.

Die NASA hat Budget-Probleme, sodass für Apollo 18 das Pentagon einspringt. Dadurch wird die Mission im Jahr 1972 aber überwiegend militärisch. Die Sowjets haben vor kurzem eine Sonde auf die Mondoberfläche gebracht, zudem wurde die (noch unbemannte) Spionage-Raumstation Almaz in die Umlaufbahn gebracht. Die Crew soll nach Möglichkeit beides auf ihrer Mission sabotieren. Doch Apollo 18 steht unter keinem guten Stern, als der Kommandant bei einem Test-Helikopterflug ums Leben kommt. Die Unglücksursache bleibt unklar, da startet die Mannschaft bereits ins All. Und dort wartet die nächste Überraschung, denn Almaz ist keineswegs unbemannt.

Durchaus pfiffig nutzt Chris Hadfield hier Fakten und Fiktion, um den kalten Krieg der 1970er in den Weltraum zu verlegen. Dabei kommt auch eine Vielzahl reale Persönlichkeiten vor. Er erzählt die Story aus verschiedenen Perspektiven und mit einem großen Fundus aus seiner persönlichen Erfahrung. Das ist auch die große Stärke des Thrillers: Die ganze Mission, die Schauplätze und die Atmosphäre im All und auf dem Mond beschreibt Hadfield sehr anschaulich und authentisch. Da verzeiht man auch den einen oder anderen Hänger im Plot und die ausbaufähigen Figuren. Insgesamt ein ordentliches Weltraumabenteuer von einem echten Insider.

 

Die Apollo-Morde | Erschienen am 15.06.2022 im dtv Verlag
ISBN 978-3-342-322010-1
640 Seiten | 12,95 Euro
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: The Apollo Murders | Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Lungstrass-Kapfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Thriller

 

 

Antonio Fusco | Schatten der Vergangenheit

Tommaso Casabona ist Kommissar einer Stadt in der Nähe von Florenz. Vor kurzem hat sich seine Frau von ihm getrennt, Auslöser war eine Affäre mit einem Arzt. Ebenjener Arzt wurde ermordet aufgefunden und ein Mafiakiller als Kronzeuge beschuldigt Casabona des Mordes. Bei einer Hausdurchsuchung flüchtet Casabona, da er nur so glaubt, selbst seine Unschuld beweisen zu können. Die Indizien für seine Tatbeteiligung stehen auf wackligen Füßen, aber offenbar sind die Ermittlungsbehörden bereit, Casabona zu opfern, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen nicht zu erschüttern. Casabona erhält Unterstützung seiner untergebenen Kollegen und knüpft zudem alte Kontakte ins Mafiamilieu, um die wahren Hintergründe herauszufinden.

Autor Antonio Fusco ist Forensiker bei der italienischen Staatspolizei und hat daher interne Einblicke in die Arbeit der Ermittlungsbehörden, was diesen Krimi interessant macht, da hier offenbar einige auch gegeneinander arbeiten. Die Reihe um Commissario Casabona ist in Italien schon sehr erfolgreich. Umso mehr hat mich irritiert, dass sein deutscher Verlag nun mit Band 6 der Reihe in Deutschland beginnt. Die Vorgeschichte Casabonas wird nämlich nur angerissen und die Figuren bleiben ein wenig blass.

Dafür erhält der Leser ansonsten aber einen ordentlichen, geradlinigen und spannenden Krimi. Der Roman ist recht kurz und hält sich daher kaum mit Nebensächlichkeiten auf. Manches geht vielleicht auch zu glatt bei Casabonas Flucht und Untertauchen. Dennoch überzeugt der Roman vor allem dann, wenn es um die „miesen“ Tricks der Justiz und Behörden geht. Schmutzige Deals werden gemacht, persönliche Vorteile gesucht, vermeintlich wichtige Zeugen geschützt, auch wenn dadurch Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Schatten der Vergangenheit | Erschienen am 12.04.2022 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50518-4
240 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-608-11943-5 | 13,99 €
Originaltitel: La Stagione del fango | Übersetzung aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

 

Berna González Harbour | Goyas Ungeheuer

Comisaria María Ruiz ist wieder nach Madrid zurückgekehrt, aber von Dienst suspendiert. Die Situation belastet auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden im Polizeiapparat. Sie müsste sich eigentlich zurückhalten, aber als mehrere merkwürdige Ereignisse in Madrid stattfinden, ist ihr Ermittlerinstinkt geweckt. Tote Truthähne werden zur Schau gestellt, ein Hund versinkt in einem Schlammloch und schließlich ein Mord: Nahe des Flusses Manzanares wird eine junge Kunststudentin bizarr ermordet aufgefunden. Die Zurschaustellung lässt nur einen Schluss zu: Es gibt eine Verbindung zu den Werken des großen spanischen Künstlers Francisco de Goya. Doch während die Polizei den Dozent und Liebhaber der Studentin verhaftet, verfolgt Ruiz eine ganz andere Spur.

Nochmehr als der deutsche Titel ist der Originaltitel in direktem Bezug zu Goyas Werk: „El sueño de la razón“ ist ein Teil von Goyas berühmtem Werk „El sueño de la razón produce monstruos“ („Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“). Die Auseinandersetzung mit Goyas Werk ist auch das Faszinierende an diesem Roman. Im Buch tauchen 13 Abbildungen von Goyas Kunstwerken auf, die Auseinandersetzung mit seinem Werk ist essentieller Bestandteil des Kriminalromans. Daneben wird auch die spanische Hauptstadt als Setting mit ungewöhnlichen Schauplätzen gut in Szene gesetzt.

Die Voraussetzungen für einen guten Roman sind somit vorhanden, dennoch war ich nicht ganz zufrieden. Die Übersetzung einer Serie mit dem vierten Roman zu beginnen, empfand ich als unglücklich, da viel zu viel aus der Vorgeschichte der Figuren in diesen Band hineinspielt. Zudem fand ich die Figur des psychopatischen Täters eher blass und nicht markant genug. Es ist auch so, dass der Täter so zur Mitte des Buches feststeht und ich eigentlich noch mit einer Wendung zum Ende gerechnet hatte, aber da kam nichts mehr. Fazit: Plot und Täterfiguren haben mich nicht begeistert, aber wer mit einem Krimi mal so richtig in die Kunsthistorie und Francisco de Goya eintauchen will, der sollte einen Blick in diesen Roman riskieren.

 

Goyas Ungeheuer | Erschienen am 17.08.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-730-7
472 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN 987-3-86532-826-7 | €
Originaltitel: El sueño de la razón | Übersetzung aus dem Spanischen von Maike Hopp
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Amy McCulloch | Der Aufstieg

Amy McCulloch | Der Aufstieg

Atmen, Cecily. Eisige Luft strömte in ihre Lunge. Als sie sich ausgemalt hatte, wie es wäre, hier oben zu atmen, hatte sie angenommen, es würde sich anfühlen wie Ersticken. Wie wenn sich ihr die Kehle zuschnürte. Vielleicht irgendwie noch wie Ertrinken. Aber so war es nicht. (Auszug Anfang)

Charles McVeigh ist der absolute Star und eine lebende Legende in der internationalen Bergsteiger-Community. Sein spektakulärer Plan, die „Mission Fourteen Clean“, bei der er innerhalb eines Jahres alle vierzehn Achttausender besteigen möchte und zwar im traditionellen Alpinstil ohne Flaschensauerstoff und Fixseile, steht kurz vor der Vollendung. Nur der Manaslu in Nepal, mit einer Höhe von 8163 m der achthöchste Berg der Erde, fehlt ihm noch zu seinem Rekord.

Die junge Journalistin Cecily Wong ist nicht besonders bergsteigerfahren. Eigentlich hatte erst ihr Ex-Freund James, ein ausgebildeter sowie erfahrender Bergführer sie aus ihrer Komfortzone geholt und zum Bergsteigen gebracht. Umso überraschender, dass McVeigh ausgerechnet ihr ein Exklusiv-Interview anbietet, unter der Bedingung, dass sie mit ihm zusammen den Gipfel besteigt. Bekannt wurde Wong durch ihren eigenen Blog, und die emotionale Geschichte über ihren größten Misserfolg beim Klettern hatte die Aufmerksamkeit der Bergsteiger-Legende auf sich gezogen. James, der sein Geld als Reisereporter verdient, hatte nicht verwunden, dass Cecily die Story an Land gezogen hatte und die Beziehung war zerbrochen. Nach der Trennung will sie es sich, ihrer Familie und ihrem Arbeitgeber beweisen, dass sie es drauf hat.

Sie hatte immer geglaubt, die leere Seite wäre ihre Angstgegnerin. Doch dank Charles McVeigh hatte sie jetzt etwas noch viel Furchterregenderes vor sich. Die Todeszone am achthöchsten Berg der Welt.  (Auszug Seite 11)

Das kleine Team, dass sich neben dem Expeditionsleiter aus einer Influencerin, einem Selfmade-Millionär und einem Filmemacher zusammensetzt, wird auf den sogenannten Expeditionsstil setzen und jegliche Hilfe, wie mit Fixseilen und Leitern gesicherte Pisten, Essenszelte und Sauerstoffflaschen in Anspruch nehmen. Dazu gehören neben einer gründlichen Akklimatisierung auch die einheimischen Sherpas, die jedem Teilnehmer zur Seite gestellt werden und unter anderem als Lastenträger helfen.

Vom Basislager in die Todesszone
Noch vor Erreichen des Basislagers kommt es zu einem tragischen Todesfall. Auch auf dem weiteren Weg zum Gipfel häufen sich die tödlichen Unfälle. Und es ist nur Cecily, die sich mit den Todesfällen beschäftigt und von Anfang an nicht an Unfälle glaubt. Das verstärkt sich noch, als sie eine Nachricht erhält: „Ein Mörder ist am Berg, bring dich in Sicherheit!“  Sie vermutet einen Mörder unter ihren Kamerad* innen im Camp oder bei einem anderen Expeditionscamp. Dabei zweifelt sie aber auch an ihrem eigenen Verstand, denn jenseits der siebentausend Höhenmeter, der  Todesszone, reicht  der Sauerstoff kaum noch zum Atmen.

Zu Beginn fand ich die Geschichte absolut packend mit einem atemberaubenden Schauplatz. Ich habe mit Extrem-Sport gar nichts am Hut und auch keine Ahnung vom Klettern, aber die kanadischen Autorin Amy McCulloch, selbst begeisterte Bergsteigerin, die den Aufstieg auf den Manaslu 2019 schon gemeistert hat, versteht es , die Euphorie, die man verspürt, das Gipfelfieber – den Willen, um jeden Preis bis ganz nach oben zu kommen, oder die Vorfreude, wenn sich aufgrund der Wettervorhersage ein Fenster zur Gipfelerstürmung ergibt, anschaulich mit einem angemessenen Maß an Fachwissen zu vermitteln. Die geschilderten Anforderungen an Körper und Geist sowie die technischen Aspekte des Bergsteigens werden realistisch dargestellt und viele interessante Details nahegebracht. Die Bedeutung der Climbing-Sherpas oder dass zum Beispiel die komplette Ausrüstungspalette für Extremtouren für Männer gemacht ist und sie erst für Wong an ihre Bedürfnisse angepasst werden musste.

Die tödlichen Gefahren durch das Ausgeliefertsein gegenüber der gnadenlosen Natur, eisige Schneestürme, Gletscherspalten und Lawinengefahr  haben mich fasziniert. Obwohl man sich im Team kaum kennt, muss man sich blind vertrauen. Auch was passiert, wenn Menschen an ihre Grenzen gehen und diese überwinden müssen, die männlichen Egos, das Gefühl unbezwingbar zu sein, wird nachvollziehbar thematisiert.

Meine Meinung
Vieles wird aus der Sicht des Nicht-Profis Cecily dargestellt. Die Angst und Panik der unerfahrenen und von Selbstzweifeln geplagten Journalistin sind omnipräsent. Und haben mich ob ihrer Fülle irgendwann ein wenig genervt. Auf gefühlt jeder Seite erschrickt sie, wenn ihr nur jemand auf die Schulter tippt oder in ihrem Zelt erscheint. Es wird ihr schlagartig angst und bange und es läuft ihr eiskalt den Rücken hinunter, ihr Herz rast wie wild, ihr Magen rebelliert und sie muss sich fast übergeben, sie erschaudert, es verschlägt ihr den Atem, sie zittert, sie quiekt laut auf, ihr Atem geht stoßweise und sie hat ein Schrillen in den Ohren, ihr Mund ist knochentrocken, sie hat ein flaues oder mulmiges Gefühl im Bauch oder er rumort vor Angst wie ein wildes Tier, das Geräusch eines Pfiffes geht ihr durch Mark und Bein, ihr stellen sich die Nackenhaare auf, sie ist von bis Kopf bis Fuß angespannt und ich weiß nicht, wie oft sie vor Schreck auf keucht.

Durch einen möglichen Mörder am Berg werden die Gefahren intensiviert und die Spannung erhöht. Dabei gaben die Thriller-Elemente des Romans nicht viel Neues her und wirkten teilweise unrealistisch sowie die Auflösung sehr weit hergeholt. Zum Schluss überschlagen sich die Ereignisse und werden etwas hastig abgehandelt.  Trotzdem hat mich der  Thriller mit seinem eiskalten Setting in diesen heißen Tagen über weite Strecken gut unterhalten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der Aufstieg | Erschienen am 28.07.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-49206-343-2
496 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Breathless | Übersetzung aus dem amerikanischem Englisch von Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Peter Grandl | Turmschatten

Peter Grandl | Turmschatten

Ephraim Zamir hat als kleiner Junge Auschwitz überlebt. Nun hat er sich, 65 Jahre nach Kriegsende, wieder in Deutschland, in der süddeutschen Heimatstadt seiner Mutter niedergelassen, einen alten Wehrturm zu einer luxuriösen Wohnung ausbauen lassen. An seiner Seite die junge Esther Goldstein als seine Haushälterin. Die junge, gehörlose Frau ist Opfer eines terroristischen Anschlags in Israel geworden und Ephraim möchte sie in der Bewältigung ihrer Traumata unterstützen, gleichwohl er selbst die Erlebnisse an der Todesrampe in Auschwitz nie ganz überwunden hat. Ephraim engagiert sich zudem in der jüdischen Gemeinde, stellt eine großzügige Spende für den Bau der neuen Synagoge in Aussicht.

Dieses Vorhaben ist der wieder erstarkten rechte Szene natürlich ein Dorn im Auge. Die Rechten sind bestens vernetzt und nehmen Ephraim ins Visier. Vier von Ihnen, darunter ein Minderjähriger, sollen einen Überfall auf Ephraims Wohnung unternehmen. Trotz diverser Schutzmaßnahmen können sie sich Zutritt zum Wehrturm verschaffen, in dem sie aber nur Esther Goldstein antreffen. Der Überfall geht gründlich schief. Als Ephraim kurze Zeit später eintrifft, kann er noch drei der Angreifer überwältigen. Diese müssen feststellen, dass Ephraim kein harmloser, alter Jude ist, wie sie geglaubt haben.

Ephraim, voller Wut und Entschlossenheit, hat sich entschlossen, ein Tribunal über die drei Nazis Steiner, Udo und Karl abzuhalten, denen er noch weitere Verbrechen beweisen kann. Er beginnt mit Verhören und streamt diese live im Internet. Dort ruft er die Menschen zur Abstimmung auf, ob die Nazis leben oder sterben sollen. Bei einer Millionen Klicks für „Sterben“ verspricht er die Liquidation. Das Verfahren wird binner kürzester Zeit zur Mediensensation und digitalem Hype. Derweil hat die Polizei den Wehrturm umstellt und versucht mit aller Macht, dieses Tribunal zum Stoppen zu bringen. Doch auch hierfür hat Ephraim Vorkehrungen getroffen.

Mit jedem Stockwerk, das er die steinerne Treppe im Turm hinabstieg, wurde es kälter. Es war eine Kälte, die nicht nur von dem alten Gemäuer kam, sondern auch aus seinem Inneren. […] Der Turm zog ihn herab in einen Sog aus Blut und Gewalt. Zamir war nun bereit, der Welt das wahre Gesicht dieser Barbaren zu zeigen – und er war sich sicher, dass die friedliebenden Menschen ihn zum Vollstrecker ernennen würden. (Auszug Pos. 2679)

Die Geschichte spielt im Hauptstrang im Oktober 2010, wird aber immer wieder mit Rückblenden unterbrochen. Der Autor lässt hier ein üppiges Personal auffahren, wechselt immer wieder den Blick auf das Geschehen, erzählt auch einige Hintergründe der Figuren. Im Mittelpunkt stehen vor allem Ephraim und noch mehr die drei Nazis, vor allem Karl Rieger, der wohl intelligenteste und widersprüchlichste von Ihnen. Daneben der Einsatzleiter der Polizei, Karl Riegers Bewährungshelferin und ein skrupelloser Programmchef eines Fernsehsenders sowie weitere Personen. Trotz des hohen Personenauflaufs hat Peter Grandl das Ensemble gut im Griff, treibt den Plot voran und behält den Spannungsbogen konstant hoch.

Bereits vor knapp zehn Jahren als Drehbuchentwurf angelegt, hat Autor Peter Grandl mangels anfänglichem Interesse der Filmwirtschaft diesen Stoff zu seinem Debütroman verarbeitet. Dieser erschien 2020 im kleinen Label „Das neue Berlin“ der Eulenspiegel Verlagsgruppe und nun als Taschenbuchausgabe im Piper Verlag. Die Filmrechte sind inzwischen verkauft und die Dreharbeiten waren fürs letzte Jahr geplant.

Die Grundzutaten dieses Thrillers sind wohlbekannt – es geht um Schuld, Sühne, Rache, Gewissen, Reue und um Ignoranz, Sensationsgier, Verantwortungslosigkeit. Das Interessante an diesem Roman ist, dass mir immer wieder kleine Hakler auffallen, Unklarheiten im Plot, Figuren am Rande des Klischees (und drüber hinaus), Recherchefehler (Degowski erschoss Emanuele De Giorgi, nicht Rösner)  – und trotzdem funktioniert er ausgesprochen gut. Dieser Thriller verbindet rasante Action mit zahlreichen gebrochenen Figuren und fügt nebenbei historische Ereignisse aus der bundesdeutschen Geschichte als wichtige tragende Elemente der Figuren in die Story ein. Das liest sich dann wie eine Chronologie des Rechtsradikalismus, etwa die oftmals unbehelligt gebliebenen Wehrsportgruppen, den rechtsradikalen Terror und die Verwebungen von rechten Schlägern und rechten, den Schein wahrenden Parteien. Allles in allem ein rasanter, spannungsreicher Thriller, der in seiner szenischen, multiperspektiven Anlage eine Vielfalt an Themen aufgreift, dies aber zumeist sehr überzeugend beherrscht.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Turmschatten | Die Taschenbuchausgabe erschien am 15.07.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06321-0
592 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe