Kategorie: Thriller

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 1)

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 1)

Wir öffnen wieder die Asservatenkammer und werfen einen Blick auf die Kriminalliteratur und den Kriminalfilm im Jahr 1998. Wo fängt man da am besten an? Vielleicht bei den Bestsellerlisten? Die Spiegel-Bestsellerliste bringt für das Jahr Erstaunliches zu Tage. Nur vier Bücher waren in diesem Jahr ganz oben auf der Verkaufsliste – und mit der Ausnahme von Marianne Fredriksson waren es nur Kriminalautor:innen. Alle bis heute sehr erfolgreich, wenngleich es für John Grisham (1998 mit „Der Partner“) und Ingrid Noll (mit „Röslein rot“) die vermutlich erfolgreichste Phase ihrer Karriere war. Für Donna Leon mit „Sanft entschlafen“, dem sechsten Fall von Commissario Brunetti, war es hingegen die erste Nummer Eins der Liste, der allerdings noch eine Menge folgen sollten.

Ein weiterer Trend im Genre, der ab Ende der 1990er langsam aufkam, ist der sogenannte „Nordic Noir“, früher salopp und unpräzise „Schwedenkrimi“ getauft. 1998 markiert dabei einen Meilenstein, denn erstmal erschien ein Roman Henning Mankells in einem großem Publikumsverlag („Die weiße Löwin“ bei dtv). Zuvor war Mankell beim kleinen Berliner Verlag edition q erschienen, einem Imprint des Quintessenz Verlags, der eigentlich auf Fachliteratur zur Zahnheilkunde spezialisiert ist. Damit stieg Mankell mit seinen Wallander-Krimis in den Folgejahren zum meistverkauften Krimiautor in Deutschland auf. Interessant zum Jahr 1998 ist außerdem des Erscheinen weiterer nordischer Krimis, etwa der Debütromane von Arne Dahl oder Liza Marklund sowie von „Kakerlaken“, des zweiten Harry-Hole-Romans von Jo Nesbø.

Kommen wir zu weiteren markanten Autoren, die die Kriminalliteratur 1990er mit ihren Werken dominierten (teils bis heute). Dazu zählt neben John Grisham, Tom Clancy (1998 mit „Rainbow Six“ Nr. 1 der NYT-Bestsellerliste), Stephen King (1998 erschien „Bag of Bones“, in deutscher Übersetzung später „Sara“ ) und James Lee Burke (gewann 1998 sowohl den Edgar als auch den Dagger mit zwei unterschiedlichen Büchern) auch Michael Connelly, der ab 1992 mit seiner Harry-Bosch-Serie große Erfolge feierte. Neben Bosch etablierte Connelly weitere Hauptfiguren, etwa den Journalisten Jack McEvoy ab 1996 und später den Anwalt Mickey Haller. In seinem Roman 1998 erschienenen 7. Roman „Blood Work“ ist der FBI-Profiler Terry McCaleb der Protagonist.

Michael Connelly | Blood Work (Deutscher Titel: Das zweite Herz)

Nach einer Herztransplantation lebt der einst ausgesprochen erfolgreiche FBI-Agent Terry McCaleb auf einem Boot im Hafen von Los Angeles. Als Graciela Rivers ihn bittet, den Mord an ihrer Schwester Gloria Torres zu untersuchen, die bei einem Raubüberfall erschossen wurde, lehnt er das rundweg ab. Erst als er erfährt, dass in seiner Brust das Herz der ermordeten Gloria schlägt, ändert er seine Meinung. Die ermittelnden Polizisten vom LAPD sind alles andere als begeistert, dass sich ein Privatschnüffler einmischt. Einzig Jaye Winston vom County-Sheriff-Büro ist Terry noch was schuldig und besorgt ihm alle Unterlagen sowie Videos des Falls. Durch mühselige Aktendurchsicht findet McCaleb tatsächlich Verbindungen zu ähnlich gelagerten Fällen und glaubt nicht an einen schlichten Raubüberfall. Seine Vermutung, dass ein Serienkiller am Werk ist, bringt wiederum das FBI auf den Plan und auch die wollen McCaleb nur ausbooten.

Den Thriller habe ich vor Jahren gelesen, konnte mich aber nicht mehr so richtig daran erinnern. Also habe ich mir noch mal das Hörbuch vorgenommen. Blood Work ist durchgehend spannend inszeniert, zu Beginn haben wir richtig emotionale Momente, wenn Terry den kleinen Sohn der ermordeten Gloria kennenlernt, ihn und Graciela auf sein Boot einlädt und ihm Angeln beibringt. Der Mittelteil verfängt sich ein bisschen in dem Dienstgerangel zwischen LAPD, Sheriff und FBI. Wir begleiten Terry bei der Spurensuche und Verfolgung der einzelnen Indizien. Terry, der durch die schwere Operation noch gehandicapt ist, lässt sich dabei von seinem Nachbarn und gutem Freund Buddy zu den einzelnen Zeugen fahren, um die Hinweise zusammen zu setzen. Die Auflösung ist dann wieder eine große Überraschung. Richtige Old-school-Vibes entstehen, wenn McCaleb in Telefonzellen telefoniert oder wichtige Anrufe verpasst, weil er vergisst, den Anrufbeantworter abzuhören. Überrascht wurde ich durch den Einsatz von Hypnose bei der Vernehmung, die ausführlich beschrieben wurde. Meiner Meinung nach schreibt Connelly inzwischen authentischer mit mehr Gewicht auf der glaubwürdigen Beschreibung des Polizeialltages, aber unterhaltsam war Blood Work allemal.

2002 wurde der Stoff unter der Regie von Clint Eastwood verfilmt, der auch die Hauptrolle übernahm, allerdings in wichtigen Teilen vom Roman abweicht.

Apropos Film, unser Rückblick soll sich ausdrücklich auch auf Crime Fiction auf der Leinwand erstrecken. Hier fällt auf, dass der Trend zu Krimi-/Actionkomödien gerade wohl auf dem Höhepunkt war. „Rush Hour“ und „Lethal Weapon 4“ zählten zu den meistgesehensten Filmen des Jahres. Einziger Genrefilm, der bei den Oscars 1998 etwas Zählbares mitnahm (mehr war gegen „Titanic“ nicht drin), war „L.A.Confidential“ aus dem Vorjahr (Kim Basinger als beste weibliche Nebenrolle und Curtis Hanson und Brian Helgeland für das beste adatierte Drehbuch nach dem Roman von James Ellroy).

Bemerkenswert bei den deutschen Filmen waren aus unserer Sicht vor allem zwei Werke. Zum einen Hans-Christian Schmids Film „23 – Nicht ist so wie es scheint“ um einen Gruppe westdeutscher Hacker, die irgendwann Spionage für den KGB betreiben. Herausragend das Spiel von August Diehl in der Figur des zunehmend paranioden Karl Koch. Zum anderen der wahrscheinlich auch internation bekannteste deutsche Film des Jahres: „Lola rennt“ von Tom Tykwer.

Lola rennt

In dem spannenden Film muss Lola drei Mal durch die Straßen von Berlin rennen, um ihrem Freund Manni aus der Patsche zu helfen. Der Kleinganove, gespielt von Moritz Bleibtreu sollte als Geldkurier für einen Autoschieber jobben, doch nach der Geldübergabe hatte er die Plastiktüte mit den 100.000 DM in der U-Bahn liegen gelassen. Verzweifelt ruft er aus einer Telefonzelle Lola an, denn sein Chef will in 20 Minuten das Geld abholen. Und mit Gangsterboss Ronny, gespielt von Heino Ferch, ist nicht zu spaßen. Zwecks Geldbeschaffung will der verzweifelte Manni einen Supermarkt überfallen. Lola hat 20 Minuten Zeit, das Geld anderweitig zu besorgen und das Leben ihres Geliebten zu retten. Ein Lauf gegen die Zeit um Leben und Tod.

Das Filmplakat mit der rennenden Franka Potente als rothaarige Lola habe ich immer noch vor Augen. Als der Thriller vor 25 Jahren in die Kinos kam, überraschte er durch seine Originalität sowie innovativen Ideen. Ähnlich einer Zeitschleife wird dreimal dieselbe Zeitspanne von 20 Minuten gezeigt, jedes Mal mit minimalen Unterschieden, die zu alternativen Abläufen führt. Schmetterlingseffekt sozusagen! Dabei ändert sich nicht nur Lolas eigene, sondern auch die Zukunft aller Personen, auf die sie während ihres Laufs trifft. Deren Zukunft wird in sekundenkurzen Sequenzen von Fotostrecken in den verschiedenen Varianten wiedergegeben.

Der kommerziell äußerst erfolgreiche Film wurde auch im Ausland extrem gefeiert und bedeutete für Regisseur und Produzent Tom Tykwer den großen Durchbruch. Der Film ist gespickt mit visuellen Spielereien, die man so zu dieser Zeit noch nicht gesehen hatte. Realfilmszenen wechseln sich mit kurzen Zeichentrickpassagen ab. Rasante Schnitte im Stakkato-Rhythmus und die dazu passende treibende Techno-Musik geben dem Film ein ungeheures Tempo. Und grade mit dieser Dynamik fängt der Film das Lebensgefühl der damaligen Zeit ein. Dazu die ausdruckstarke Franka Potente in der Titelrolle, die auch für sie der Durchbruch zum Star bedeutete.

Ein actiongeladener Thriller und eine Gangsterballade, in der es um die Macht des Schicksals und um die Liebe geht.

 

Fotos, Rezensionen und Begleittext von Andy Ruhr und Gunnar Wolters.

Das zweite Herz | Im Original erschienen 1998 bei Little, Brown and Company
Das Hörbuch erschien am 01. April 2008 im audio media verlag | Gekürzte Lesung von Engelbert von Nordhausen
ISBN 978-3-86804-471-3
6 Audio-CDs (Gesamtspielzeit: ca. 473 Minuten) | 7,98 €
Originaltitel: Blood Work | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb

Lola rennt | Kinostart am 20. August 1998
Die Blue-Ray erschien am 27. Mai 2011
Laufzeit 1 Std. 19 Min. | FSK 12 | 6,22 €

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2023

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2023

Kurzrezensionen März 2023

 

Friedrich Ani | Bullauge

Kay Oleander ist Polizist bei der Schutzpolizei in München. Bei einer Demonstration von „besorgten Bürgern“ eskaliert die Lage leicht, er wird von einer Glasflasche am Kopf getroffen, in der Folge verliert er ein Auge. Immer noch krank geschrieben, traumatisiert, allein stehend, verschafft er sich Zugang zu den Ermittlungsakten. Ein Täter wurde bislang nicht ermittelt, allerdings einige Zeugen vernommen, die sich verdächtig verhalten haben. Eine davon ist Silvia Glaser, auf die Oleander vor ihrem Haus trifft. Beide kommen ins Gespräch. Glaser offenbart ihm, dass sie in den Dunstkreis einer extremen Partei geraten ist, und bittet ihn, ihr dort herauszuhelfen.

Friedrich Ani ist der Mann der leisen Zwischentöne, der psychologischen Profile. Das zelebriert er hier auch ausgiebig. Sowohl Oleander als auch Glaser verbindet einiges, beide sind nach einem Unfall versehrt, noch etwas traumatisiert, ähnlich einsam und vom Leben enttäuscht. Das ist ohne Frage gut geschrieben, erschien mir von der Figurenkonstellation zu konstruiert und war mir auch irgendwie deutlich zu langatmig und spannungsarm. Doch im letzten Drittel bringt Ani dann einen Drive in die Story und am Ende noch einen bösen Twist, der den Leser nicht kalt lässt. Das hat mich dann doch überzeugt. Insofern ein Roman, bei dem man trotz der wenigen Seiten ein wenig dranbleiben muss, das Ende entschädigt dann aber für vieles.

 

Bullauge | Erschienen am 28.10.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-7857-2811-6
366 Seiten | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Kim Young-ha | Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim ist pensionierter Tierarzt, verbringt seine Zeit inzwischen mit Literatur, schreibt selbst gerne Gedichte. Der Siebzigjährige hat allerdings auch eine Vergangenheit als Serienmörder. Bis zum Alter von 45 Jahren hat er gemordet und wurde nie gefasst. Seit einem schweren Verkehrsunfall hat er dies beendet und die kleine Tochter seines letzten Opfers adoptiert und großgezogen. Zuletzt wurde bei ihm Demenz diagnostiziert, die stetig voranschreitet. Bei einer zufälligen Begegnung trifft Kim auf einen Mann, in dem er ebenfalls einen Serienmörder erkennt. Kurz danach kommt seine Tochter ausgerechnet mit diesem Mann als Verlobtem nach Hause. Kim versucht nun fieberhaft bei fortschreitender Demenz seine Tochter zu beschützen und wenn er bei diesem Mann nochmal selbst zum Mörder werden muss.

„Aufzeichnungen eines Serienmörders“ war in Korea ein Bestseller, auch die Verfilmung war erfolgreich und auch in der deutschen Übersetzung für den auf ostasiatische, insbesondere japanische Literatur spezialisierten Cass Verlag ein großer Erfolg. Der Titel ist dabei wörtlich zu nehmen. Byongsu Kim erzählt aus der Ich-Perspektive in kurzen, knappen Absätzen, in denen sich aktuelle Ereignisse, Erinnerungen aus naher oder ferner Vergangenheit und philosophische und lyrische Einschübe abwechseln. Dabei bringt der Erzähler auch immer blitzlichthaft wieder Einsichten in die koreanische Gesellschaft, vor allem der Vergangenheit. Der Reiz des Romans liegt zum großen Teil in der Person des Byongsu Kim, dem man zunehmend mitleidvoll beim „Verschwinden“ zusieht. Das Thema Demenz ausgerechnet bei einem ein Serienmörder ohne Reue durchzuspielen, ist eine ungemein pfiffige Idee, sehr virtuos umgesetzt. Aber Vorsicht an die Leser: Ob ein dementer Siebzigjähriger ein so zuverlässiger Erzähler ist? Mit weniger als 200 Seiten ein ziemlich schmaler, aber dafür aber umso feiner und nachhallender Roman.

 

Aufzeichnungen eines Serienmörders | Erschienen am 27.09.2020 im Cass Verlag
ISBN 978-3-944751-22-1
152 Seiten | 20,- €
Die gelesene Ausgabe erschien 2022 bei der Büchergilde Gutenberg
Originaltitel: Sakinja-ui gieok-beob | Übersetzung aus dem Koreanischen von Inwon Park
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Spannungsroman

 

 

Peter Papathanasiou | Steinigung

Cobb ist eine vergessene, heruntergekommene Kleinstadt im heißen Outback Australiens. Landflucht, Alkohol, Drogen, Armut nagen am Gemeinwohl, die Installierung eines Internierungslagers für Asylsuchende hat zudem auch nicht wirklich neue Jobs gebracht, stattdessen zusätzliche Probleme. Da wird Cobb von einer brutalen Gewalttat erschüttert. Molly Abbott, beliebte Grundschullehrerin, wird brutal gesteinigt aufgefunden. Aus der Großstadt kommt der Detective George Manolis, um die Dorfpolizisten zu unterstützen. Manolis ist selbst in Cobb aufgewachsen, ehe seine Familie überstürzt den Ort verlassen hat. Manolis sieht sich einer widerwilligen, feindseligen Atmosphäre ausgesetzt. Für viele Bewohner steht fest: Der Mörder kommt aus dem Internierungslager, dem „Braunenhaus“, in dem die Tote Englischunterricht gegeben hat – was vielen allerdings nicht gefallen hat.

Der Debütroman des australischen Autors Peter Papathanasiou führt den Leser tief in die gesellschaftlichen Probleme Australiens. Sehr spannend konstruiert er ein Setting, in dem Nachfolger der Ureinwohner (Constable Sparrow), der ersten Siedler (man erinnert sich: Das waren vor allem Strafgefangene), der Einwanderer im 20.Jahrhundert (Detective Manolis) und die Flüchtlinge von heute aufeinander treffen. Dabei kreiert der Autor eine Reihe interessanter Figuren.

Manolis muss gegen eine Reihe von Widerständen ankämpfen, ihm begegnet Hass, Aggression, verhüllter und offener Rassismus. Am Erschütterndsten erscheint aber der bürokratisch-unterdrückende Umgang des Staates mit den Asylsuchenden, denen keine echte Perspektive geboten wird und die im Lager von Wachpersonal umgeben sind, die allzu gerne ihre Macht missbrauchen. Insgesamt ein lohnendes Debüt mit stark gesellschaftskritischem Unterton aus Australien.

 

Steinigung | Erschienen am 15.03.2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-492-06345-6
304 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-498392-70-3 | 12,99 €
Originaltitel: The Stoning | Übersetzung aus dem Englischen von Sven Koch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

Rezensionen 1-3 und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Kathleen Kent | Der Weg ins Feuer

„Der Weg ins Feuer“ ist der zweite Thriller um die junge Polizistin Betty Rhyzyk vom Dallas Police Department und schließt einige Monate nach den traumatischen Erlebnissen aus dem ersten Band an. Betty, die immer noch unter den körperlichen wie psychischen Verletzungen leidet, darf endlich wieder ihren Dienst im Drogendezernat aufnehmen, wird von ihrem neuen Chef, dem ehemaligen Mordermittler Marshall Maclin erst mal in den Innendienst gesetzt. Auf die Straße darf sie erst wieder, wenn sie einige Therapiestunden beim Polizeipsychiater abgesessen hat. Doch Betty will sich keine Schwäche eingestehen, dabei hat sie auch den Freitod ihres Bruders noch nicht wirklich verarbeitet. Mit ihrer schroffen Art, die man schon aus dem ersten Band kennt, stößt sie auch ihrer geliebten Frau Jackie immer wieder vor den Kopf.

Im Fokus des ganzen Buches steht Betty und die Kriminalgeschichte gerät fast in den Hintergrund. In Dallas rivalisieren Drogenkartelle mitaneinander und Dealer werden auf offener Straße erschossen. Als ein Informant und Junkie ermordet wird und Gerüchte auftauchen, ein Cop wäre involviert, beginnt Betty auf eigene Faust zu ermitteln. Als Leser*in sind wir immer dicht bei ihr, wenn sie sich in die einschlägigen Clubs der Szene oder auch in den Untergrund und damit erneut in große Gefahr begibt. Ihre Kollegen werden von ihr genau beobachtet und es ist ausgerechnet ihr Freund und Kollege Seth, der scheinbar etwas zu verbergen hat. Wenn Betty wiederholt Maclins Anordnungen missachtet und Verdachtsmomente vorenthält, Sitzungen beim Psychologen absagt oder einen Tatort betritt, ohne Verstärkung anzufordern, ist das teilweise schwer zu ertragen. Dabei zeigt sie auch oft ihr weiches Herz, mischt sich in Fällen häuslicher Gewalt ein und nimmt Obdachlose auf.

Man kann diesen zweiten Teil ohne Vorkenntnisse des ersten Teils lesen, ich würde aber dazu raten, sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Trotz einiger Thriller-Klischees, die bedient werden, ist der Autorin ein spannender und temporeicher Thriller um eine außergewöhnliche Ermittlerin gelungen, der einen Blick in die Abgründe der Drogenkriminalität bietet. „Der Weg ins Feuer“ wird von den starken Charakterisierungen seiner Figuren getragen und zieht seine Intensität aus dem Drama in Bettys Leben, die zum Vorgänger eine glaubhafte Entwicklung durchmacht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Weg ins Feuer | Erschienen am 13.02.2023 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47296-5
359 Seiten | 16,95 €
Originaltitel: The Burn | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Genre: Thriller

 

 

Gu Byeong-Mo | Frau mit Messer

Gu Byeong-Mo | Frau mit Messer

Das Thema des dienstmüden, ausgebrannten Profikillers, der noch einen allerletzten Auftrag erledigen muss, ist nicht grade neu und wurde schon häufig in Kriminalromanen- und Filmen verarbeitet. Doch Gu Beyong-Mo kann dieser Ausgangslage noch eine ganz neue und frische Facette abgewinnen. Ihre Heldin mit dem Decknamen Hornclaw ist eine Frau und mit ihren 65 Jahren kurz vor dem Rentenalter.

Altwerden ist nichts für Feiglinge

Seit 40 Jahren tötet Hornclaw professionell im Auftrag einer Firma für „Schädlingsbekämpfung“. Die Kunden kommen aus Wirtschaft oder Politik und die mächtige Agentur ist für die Verwaltung und Vorbereitung der Auftragsmorde zuständig. In der Regel wissen die Killer nichts über die Hintergründe. Hornclaw fühlt sich für den Job noch fit genug, aber natürlich ist sie nicht mehr so gelenkig und schnell wie in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter spürt sie den Abbau der Kräfte und auch das Gedächtnis lässt sie ab und an mal im Stich. Vor allem entdeckt sie selbst Empathie und Mitgefühl an sich und ihr Blick auf die Menschen wird weicher.

So lernen wir sie auch gleich zu Beginn kennen. Als in der U-Bahn eine schwangere Frau von einem älteren Mann belästigt wird und dieser beim Aussteigen tot zusammenbricht, hat niemand die unscheinbare, ältere Dame in Verdacht. Mit ihrem Filzhut über dem grauen Haar fliegt sie unter dem Radar, auch weil sie sich so normal verhält, wie die Gesellschaft es von ihr erwartet.

Aber im Grunde ist es egal, wie man als älterer Mensch ist, die Leute wollen nicht über einen nachdenken. (Auszug Seite 6)

Sie hat keine Freunde oder auch nur Bekannte und lebt sehr zurückgezogen in einer kleinen Wohnung. Gesellschaft leistet ihr nur ihre alte Hündin Deadweight. Da sie nie weiß, ob sie den Job lebend übersteht, hat sie dem treuen Tier eine Tür eingebaut, damit es nicht verhungern muss, falls sie nicht mehr zurückkehrt. Ihr unauffälliges Aussehen nutzt sie, um nahe an ihre Opfer heranzukommen, um dann am liebsten mit ihrem scharfen Messer, an deren Spitze sich eine Zyankali-Verbindung befindet, für einen schnellen Tod ihrer Opfer zu sorgen.

Altersgrenze für Killer*innen

Vor einem Monat wurde sie bei ihrem letzten Mord durch eine minimale Nachlässigkeit schwer verletzt. Es gelingt ihr noch, die Zielperson zu erledigen und sich in jene Klinik zu schleppen, in der sie üblicherweise vom Arzt der Agentur, Dr. Choi untersucht wird. Doch dieser ist in der Nacht nicht da und so kümmert sich der diensthabende Arzt Dr. Kang um die bewusstlose Hornclaw. Dabei entdeckt er zwangsläufig ihre Messer, verspricht aber die Polizei nicht zu informieren. Eigentlich müsste Hornclaw ihn als Zeugen liquidieren, aber seit langer Zeit findet sie einen Menschen sympathisch. Auch mit der Familie des Arztes, die in der Nähe einen winzigen Marktstand haben, freundet sie sich an.
Das macht sie verletzlich und sie bringt sich dadurch in Gefahr. Denn in der Agentur fühlt sie sich nur noch geduldet und nach 40 erfolgreichen Jahren scheint man nur auf einen Fehler von ihr zu warten. Wie einem Auslaufmodell, dem man nur noch einfache Jobs gibt, um ihr subtil deutlich zu machen, dass es Zeit wird, aus dem Geschäft auszusteigen. Doch wird man sie einfach gehen lassen? Mit ihrem enormen Firmenwissen stellte sie ein Risiko da, dass beseitigt werden müsste. Probleme bereitet ihr auch ein junger Kollege, Bullfight, der sie ständig provoziert und herablassend Oma nennt. Hornclaw kann sich sein enorm respektloses Benehmen nicht erklären. Der Leserin werden die Gründe für seinen Hass in Rückblenden erklärt und auch Hornclaws Werdegang zur eiskalten Killerin wird nach und nach präsentiert.

Meine Meinung

Diese Enthüllungen bringen den Leser intensiver in die Geschichte ein und erhöhen den Spannungsbogen. Trotzdem ist es kein actiongeladener Thriller, sondern eine unaufgeregte Geschichte, eine präzise Analyse der koreanischen Gesellschaft.

Dabei ist es dank der hohen literarischen Erzählweise und des feinen aber sehr schwarzen Humors nie dröge oder deprimierend. Das liegt auch daran, dass sie den Job der Auftragskiller*in wie jeden anderen schildert. Von Anfang an mochte ich den pointierten Schreibstil sowie den scharfsinnigen Blick der südkoreanischen Autorin. In Form eines Thrillers klagt sie das kapitalistische Gesellschaftssystem an, greift gesellschaftliche Übel wie Altersdiskriminierung, festgefahrene Rollenbilder und das Verdrängen kleiner traditioneller Geschäfte durch große Supermarktketten auf. Missstände, die man ja auch in der westlichen Welt findet. Ihre Heldin ist ein Charakter, den die Gesellschaft für schwach hält, belastend und unwichtig. Byeong-mo Gus Blick auf ihre Figuren ist distanziert, aber wenn Hornclaw anfängt, über ihr Leben zu resümieren, wenn sie durch das Abnehmen ihrer körperlichen Fähigkeiten Schwäche zeigen darf, sind wir ihr sehr nah.

Das arrangiert Gu Byeong-Mo, eine in Südkorea preisgekrönte Autorin auf innovative und durchaus amüsante Art und Weise, wenngleich sie zum Schluss doch Zugeständnisse an das Thriller-Genre macht. Am Ende gibt es dann doch ganz klassisch einen actiongeladenen Showdown mit großer Gewaltentwicklung und vielen Toten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Frau mit Messer | Erschienen am 19.10.2022 im Ullstein Verlag
ISBN  978-3-550-20150-9
288 Seiten | 22,99 €
Originaltitel: 파과 (Pagwa) | Englischer Titel: The Old Woman with the Knife | Übersetzung aus dem Englischen von Wibke Kuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Flynn Berry | Northern Spy – Die Jagd

Flynn Berry | Northern Spy – Die Jagd

Als ich aus dem Wasser steige, klappern mir die Zähne. Blut rinnt über meinen Fuß und folgt den erhabenen Linien meiner Venen. Ich muss mich an einem Stein im Wasser verletzt haben. Ich bücke mich und spüle das Blut ab.
Ich weiß nicht, warum ich aufschaue. Meine Beine werden plötzlich leichter, als wäre ich an den Rand einer Klippe getreten.
Meine Schwester steht nur ein paar Meter von mir entfernt. Ihr Haar ist blond gebleicht und bis auf die Schultern gekürzt. Sie sieht erschöpft aus, die Sehnen an ihrem Hals stehen hervor. Ihre Haut liegt straff über Stirn und Wangenknochen.
„Was hast du getan?“ (Auszug Kapitel 13)

Tessa lebt vor den Toren Belfasts. Ihr Sohn Finn ist erst wenige Monate alt. Sie genießt die Zeit mit ihm, arbeitet aber bereits wieder als Produzentin für die BBC. Sie und der Kindsvater haben sich bereits wieder getrennt, dennoch hilft Tom ihr mit Finn, genauso wie ihre Mutter und ihre Schwester Marian, eine Rettungssanitäterin. Tessa hat sich ihr Leben also ganz gut eingerichtet, als sie plötzlich eines Tages während der Arbeit ein Video sieht, mit der die Polizei nach IRA-Terroristen sucht, die eine Tankstelle überfallen. Einer der Terroristen ist kurz unmaskiert zu sehen – und Tessa sieht ihre Schwester Marian.

Von jetzt auf gleich ist Tessas Leben auf den Kopf gestellt. Sie wird von der Polizei verhört. Tessa ist schwer enttäuscht von ihrer Schwester, die sie offenbar seit langem belogen hat und sie und Finn in Gefahr gebracht hat. Doch Tessa hatte immer ein sehr enges Verhältnis zu Marian und als die beiden Schwestern sich wieder gegenüberstehn, ist Tessa gezwungen, sich zu entscheiden. Will sie sich aus allem heraushalten und Finn nicht gefährden oder steht sie weiterhin zu ihrer Schwester?

Leider habe ich erst nach dem Lesen erfahren, dass dieses Buch von Reese Witherspoon in ihrem Buchclub empfohlen wurde. Hätte ich das eher gewusst, hätte ich einen weiten Bogen darum gemacht. Das letzte Buch, dass mit einer Empfehlung von Mrs. Witherspoon bei mir ankam, war „Der Gesang der Flußkrebse“ – und das war für mich ein sehr enttäuschender Roman. Und leider fand ich „Northern Spy“ auch enttäuschend.

Den Hauptvorwurf, den man der Autorin machen muss, ist, dass sie das Setting Nordirland benutzt und dann sehr unakkurat hiermit umgeht. Der Roman spielt offensichtlich in der aktuellen Zeit, so erzählt Tessa zu Beginn des Buches, dass sie das Karfreitagsabkommen als Kind erlebt hat. Im Laufe des Plots tut Flynn Berry allerdings mehr oder weniger so, als hätte es das Abkommen nie gegeben. Nein, sie tut so als würden die Troubles immer noch so laufen wie vor 1998, es gibt regelmäßige Bombenattentate, Mordanschläge und Entführungen. Überhaupt behandelt sie den Konflikt erstaunlich unterkomplex, es geht eigentlich nur um die IRA gegen die britischen Sicherheitskräfte. Untergruppierung der IRA, protestantische Loyalisten oder weitere Gruppen werden nicht mit einem Wort erwähnt. Der Background des Konflikts wird auf das Simpelste reduziert. Wird ein Terrorist nach seiner Motivation gefragt, fällt meist nur ein Wort: „Freiheit“. Viel mehr kommt da nicht und das ist insgesamt nicht nur schade, sondern grob fahrlässig. Aber vermutlich reicht das für die amerikanische Zielgruppe.

Des Weiteren vermute ich, dass entweder die Autorin selbst oder jemand aus ihrem Umfeld während der Schreibphase Nachwuchs bekommen hat. Der Umfang, den Tessa mehrere Monate alter Sohn Finn in diesem Roman einnimmt, ist mehr als üppig. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Finn die am besten beleuchtete Figur des Romans ist. Es mag ja interessant sein, eine junge Mutter in die im Roman beschriebene Situation zu katapultieren, aber muss es gleich ein Erfahrungsbericht „Mein erstes Jahr mit meinem Baby“ werden? Auf Goodreads meinte eine Leserin süffisant: „Over half the book was about babies. It claimed to be about spies“.

Das alles hat mich bei der Lektüre sehr gestört, dass ich auf die ganzen anderen Punkte gar nicht weiter eingehen möchte. Die schleppende Spannung, Logiklücken und so weiter. Sicherlich ist auch nicht alles schlecht. So ist der Grundansatz der Figurenkonstellation mit den zwei Schwestern durchaus reizvoll. Aber insgesamt bleibt „Northern Spy“ eine herbe Enttäuschung für einen Leser, der sich einen gut recherchierten und der komplexen Lage vor Ort angemessenen Thriller versprochen hat.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Northern Spy – Die Jagd | Erschienen am 14.02.2023 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-7466-3988-8
362 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Northern Spy | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vor 10 Jahren: Krimibestenliste Februar 2013 & Reginald Hill | Rache verjährt nicht

Vor 10 Jahren: Krimibestenliste Februar 2013 & Reginald Hill | Rache verjährt nicht

Eine neue Rubrik möchten wir dieses Jahr auf dem Blog einführen. Unter dem Motto „Asservatenkammer“ holen wir in unregelmäßigen Abständen bestimmte Momente in Bereich „Crime fiction“ hervor, öffnen die Box und schauen mal was drin. Zum Anfang schaue ich auf eine Institution in der deutschen Krimilandschaft. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren stellt eine Riege von Krimikriteriker:innen unter der Leitung von Tobias Gohlis ihre monatliche Bestenliste zusammen. Die Liste weicht dabei wohltuend von den Bestsellerlisten ab und stellt – abweichende Meinungen zu einzelnen Titeln eingeschlossen – sicherlich für den anspruchsvollen Krimileser eine Referenz dar. Nun werfen wir aber mal einen Blick zurück auf eine konkrete Liste, nämlich auf die Februarliste vor genau zehn Jahren.

KrimiZeitBestenliste Februar 2013:

Platz 1 | Reginald Hill | Rache verjährt nicht
Platz 2 | Friedrich Ani | Süden und das heimliche Leben
Platz 3 | Mike Nicol | Killer Country
Platz 4 | Åsa Larsson | Denn die Gier wird euch verderben
Platz 5 | Nick Stone | Todesritual
Platz 6 | Roger Smith | Stiller Tod
Platz 7 | Merle Kröger | Grenzfall
Platz 8 | Håkan Nesser | Am Abend des Mordes
Platz 9 | Rick DeMarinis | Götterdämmerung in El Paso
Platz 10 | Nicci French | Eisiger Dienstag

Ich musste feststellen, dass ich von dieser Liste lediglich Platz 7 gelesen habe. „Grenzfall“ von Merle Kröger ist aber auch heute noch unbedingt eine Empfehlung wert, ist dieser Kriminalroman (und Road Movie) um Flüchtlinge und speziell Roma immer noch aktuell und politisch relevant.

Ansonsten eine interessante Liste mit einigen Autoren, die auch in letzter Zeit noch auf der Krimibestenliste standen. Åsa Larssons Rebecka-Martinsson-Reihe reicht bis heute, genauso Inspektor Gunnar Barbarotti von Håkan Nesser. Friedrich Ani ist nach wie vor eine Referenz im deutschen Krimi, auch wenn man von Tabor Süden schon ein paar Jahre nichts mehr gelesen hat. Neben Schweden bildet auch der Schauplatz Südafrika mit Mike Nicol und Roger Smith einen kleinen Schwerpunkt. Während letzterer zuletzt unter seinem Pseudonym James Rayburn veröffentlichte, hat man von Nick Stone nach diesem letzten Band der Voodoo-Trilogie um Max Mingus nicht mehr allzuviel gehört. Das Autoren-Duo Nicci Gerrard und Sean French sind nach wie vor produktiv. „Eisiger Dienstag“ war der zweite Band der erfolgreichen achtbändigen Reihe um die Psychotherapeutin Frieda Klein.

Zwei Autoren sind inzwischen verstorben. Im Juni 2019 verstarb Rick DeMarinis. Bereits vor dieser Liste war zudem Reginald Hill im Januar 2012 verstorben. Bekannt vor allem durch seine Reihe um den griesgrämigen Detective Superintendant Dalziel war „Rache verjährt nicht“ ein Stand Alone. Hill war für mich bislang ein weißer Fleck in meiner Leseliste, sodass ich aus diesem Anlass mir die Nr.1 der Februarliste aus 2013 auch vorgenommen habe.

 

Reginald Hill | Rache verjährt nicht

Wilfried, genannt Wolf, Hadda hat es geschafft. Der Mann aus einfachen Verhältnissen, Sohn eines Forstverwalters im nordenglischen Cumbria, hat die attraktive Tochter des lokalen Lords geheiratet, ist Vater einer inzwschen Teenagertochter, hat eine äußerst erfolgreiche Investmentfirma aufgebaut und ist sogar zum „Sir“ geadelt worden. Doch eines frühen Morgens steht die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür. Zu Haddas großem Entsetzen sind sie nicht nur auf der Spur nach nicht ganz sauberen Finanztransaktionen, sondern findet umfangreiches kinderpornografisches Material, scheinbar mit Hadda als Akteur. Dieser ist außer sich, beteuert seine Unschuld, flieht vor einem Haftprüfungstermin aus dem Gericht – und wird vor der Tür vom einem Bus angefahren. Er erwacht neun Monate später als Krüppel und im Gesicht entstellt wieder auf. Die Würfel sind inzwischen längst gefallen. Er wird zu einer langen Haftstrafe verurteilt, wenig später lässt sich seine Frau vor ihm scheiden und heiratet seinen Anwalt.

Im Gefängnis isoliert er sich zunehmend, doch irgendwann akzeptiert Hadda die Besuche der jungen Psychologin Dr. Alva Ozigbo. Hadda besteht weiterhin auf seine Unschuld, versucht darzulegen, dass er das Opfer eines Komplotts wurde. Doch Dr. Ozigbo glaubt, dass er sich nicht mit seinen Taten auseinandersetzen will. Hadda ist aber vollkommen klar: Eine positive Einschätzung der Psychologin ist essentiell für eine vorzeitige Haftentlassung.

Alva machte eine Notiz, dem nachzugehen, und nahm dann den Rest der Zelle in Augenschein. Nur ihre Leere sagte etwas über die Persönlichkeit ihres Bewohners aus. Er war, als hätte Hadda beschlossen, keine Spur seines Daseins zu hinterlassen. Sie entdeckte allerdings ein einziges Buch, eine zerlesene Taschenbuchausgabe von Der Graf von Monte Christo. Als Proctor sah, dass sie das Buch musterte, sagte er sarkastisch: „Keine Sorge, Miss. Wir suchen regelmäßig alles nach Tunneln ab.“ (Auszug S.102)

Ohne zu viel zu spoilern, kann ich verraten, Hadda kommt irgendwann frei und natürlich will er wissen, wer ihn ins Gefängnis gebracht und sein Leben zerstört hat. Der Graf von Monte Christo lässt grüßen. Überhaupt lässt Reginald Hill immer wieder Verweise auf Dumas, Dickens und andere Literaturgrößen aufblitzen. Die Geschichte ist also ganz klassisch verwurzelt mit den großen Themen Freundschaft, Liebe, Verrat, Schuld, Rache sowie als Mantra immer wieder die „grimmige Notwendigkeit“ unliebsame Dinge unsentimental zu erledigen.

Der Autor erweist sich als sehr versierter Erzähler, beginnend im Prolog mit drei kurzen Episoden, die einige Hintergründe einzelner Figuren beleuchten, ohne dem Leser vorweg zu viel zu verraten, und im Weiteren in verschiedenen Erzählebenen vor, während und nach Haddas Haft. Besonders reizvoll dabei das Aufeinandertreffen Haddas mit seiner Psychologin, wie überhaupt für mich die Dialoge aus dem Roman herausstechen. Hervorzuheben ist natürlich die Skizzierung der Figur Wulf Hadda, ein impulsiver, sehr intelligenter Mann, ein Wolf of the Wall Street, aber ein liebender Ehemann und Vater. Oder doch nicht? Der Leser kann sich nie ganz sicher sein. Dass ihm übel mitgespielt wurde, deutet sich an, aber Wolf scheint kein Kind von Traurigkeit zu sein. Wie weit wird seine Rache gehen, was ist ehrlich gemeint und was täuscht er nur vor?

Der Roman, im Original „The Woodcutter“, war tatsächlich der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Roman Reginald Hills. Seine vierzigjährige Karriere als Krimiautor war äußerst erfolgreich, vor allem mit der Serie um Andrew Dalziel und Peter Pescoe aus Yorkshire. Mit „Rache verjährt nicht“ schrieb er zuletzt nochmal einen, trotz seiner Länge sehr süffig zu lesenden und niemals langweiligen klassischen Stand Alone, der immer hin zwei Monate auf der Nummer 1 der Krimibestenliste stand.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Rache verjährt nicht | Erschienen am 21.01.2013 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46473-1
686 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: The Woodcutter | Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Bibliografische Angaben & Leseprobe