Kategorie: Dezernat

Sophie Morton-Thomas | Das Nest

Sophie Morton-Thomas | Das Nest

In einem kleinen englischen Küstenort lebt Fran Redlock mit ihrem Mann Dom und dem 10-jährigen Sohn Bruno. Während Dom im naheliegenden Norwich arbeitet, kümmert sich Fran um den Campingplatz. Sie hat in eine Wohnwagensiedlung investiert und lebt nun von der Vermietung der Mobilheime. Frans Alltag ist von Routine und einer tiefen Bindung zur Natur geprägt. Zu ihrer großen Leidenschaft in der trostlosen Alltagsroutine gehört das akribische Beobachten von Vögeln, fast besessen ist sie von einem Nest seltener Zwergseeschwalben mit wertvollen weil seltenen Eiern.

Erste Unruhe kommt auf, als ihre Schwester Ros mit Partner Ellis und der 11-jährigen Tochter Sadie vorübergehend in einem Mobilheim Unterschlupf finden. Die Familie hat finanzielle Probleme, Ellis sucht nach einem Alkoholentzug nach einer neuen Arbeit. Bruno freut sich, zum Schulbeginn neben seiner Nichte Sadie sitzen zu können. Eine neue Lehrerin übernimmt eine Mutterschutzvertretung. Diese Ms. McConnell erfüllt mit ihrem unkonventionellen Aussehen nicht die Vorstellung aller Eltern. Besonders mit der aufmüpfigen Sadie gibt es Probleme und das Mädchen wird kurzzeitig von der Schule verwiesen.

Das große Mysterium ihrer Herkunft. Ihr Akzent ist nicht von hier, genauso wenig wie meiner. Aber ich kann sie keinem Ort zuordnen, mit ihren lang gezogenen Vokalen und kehligen Formulierungen. (Auszug Seite 129)

Als die umstrittene Lehrerin überraschend verschwindet und später tot aufgefunden wird, gerät Frans fragile Welt endgültig aus den Fugen. Zur gleichen Zeit verschwindet ihr Schwager Ellis, nach dem später sogar gefahndet wird. Die Polizei geht von Mord aus und plötzlich sind alle verdächtig – auch Fran selbst. Alte Konflikte brechen auf, insbesondere in Bezug zu ihrer Schwester, mit der sie ein angespanntes Verhältnis pflegt, auch die Beziehung zu ihrem Mann wird immer schlechter.
Zeitgleich hat sich eine Gruppe Roma neben der Wohnwagensiedlung niedergelassen. Die Kinder Bruno und Sadie finden Vertrauen zu der Community und verbringen viel Zeit bei Tad, dem Ältesten der Roma-Gemeinschaft und seinem jüngeren Bruder Charlie. Fran findet bei ihren täglichen Vogelbeobachtungen immer öfter offensichtlich von Menschenhand getötete Vögel. Und dann ist das Nest mit den wertvollen Eiern leer.

Die Ereignisse werden abwechselnd in kurzen Kapiteln von Fran und Tad erzählt. Dabei wirken die Ausführungen von Tad, der mit einer nüchternen Distanz das Geschehene beobachtet, reflektiert und klar, während man bei Fran das Gefühl einer unzuverlässigen Erzählerin hat. Fran steigert sich immer mehr in einen übergriffigen Beschützerinstinkt hinein, da sie sich vor allem um ihre Nichte sorgt. Dabei scheint Sadie einfach in einem schwierigen Alter zu sein und sich mit ihrem Benehmen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung zu sehnen.

Die britische Autorin Sophie Morton-Thomas schreibt in einem ruhigen, teilweise poetischen Stil. Von Beginn an entwickelt sich eine subtile Bedrohung, die sich immer mehr steigert und über die Seiten zuspitzt. Spannung entsteht dabei nicht aus Action oder Tempo, sondern aus der immer bedrückender werdenden Handlung. Der Roman, eher Familiendrama als Krimi ist nicht handlungsgetrieben oder rasant, eher bestimmen die präzise beobachteten Figuren den Plot. Dabei scheint das raue Marschland mit seinem ständigen Nebel und Regen zu einem eigenen Charakter. Sophie Morton-Thomas bricht mit einfachen Gut-Böse-Konstruktionen und vorhandenen Vorurteilen. Zum Schluss weiß sie noch mit einer furiosen Auflösung zu überraschen, die schwer zu fassen ist und mich zwiegespalten und etwas ratlos zurücklässt.  Zu wenig konnte ich mit den Figuren mitfühlen und emotionalen Kontakt herstellen. Zu groß ist mein Unverständnis über Frans mangelnde Handlungsbereitschaft und Kommunikationslosigkeit. Die exzessiven Vogelbeobachtungen und eindrucksvollen Naturbeschreibungen nehmen viel Raum ein, auf Kosten des eigentlichen Geschehens, dass recht zäh daherkommt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Nest | Erschienen am 02. Juli 2025 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-865-32909-7
304 Seiten | 22,00 €
Originaltitel: ‎Bird Spotting in a Small Town | Übersetzung aus dem Englischen von Lea Dunkel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Clete (Band 24)

James Lee Burke | Clete (Band 24)

Das Attribut „lebende Legende“ wird allzu oft inflationär gebraucht. Im Krimigenre gibt es allerdings einen Mann, bei dem diese Ehrerbietung ohne Zweifel angebracht ist. James Lee Burke ist inzwischen 88 Jahre und scheinbar kein bisschen müde. Über vierzig Romane und Erzählbände hat er inzwischen veröffentlicht und auch im hohen Alter veröffentlicht er zuverlässig jedes Jahr einen neuen Roman. Hinzu kommt die weiterhin große Wertschätzung, die Burke unter den Leser:innen, Kritiker:innen und Kolleg:innen genießt. Sein historischer Roman „Flags On The Bayou“ (erscheint in wenigen Tagen in deutscher Übersetzung als „Im Süden“) gewann im letzten Jahr sogar einen Edgar Award, zum dritten Mal in seiner schriftstellerischen Karriere. Ebenfalls 2024 wurde er beim britischen Dagger für sein mit dem „Diamond Dagger“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Herausregend in Burkes Schaffen ist sicherlich die Reihe um den hartgesottenen Cop/Privatermittler Dave Robicheaux aus New Orleans und New Iberia in Louisiana. Die Reihe gehört auch zu meinen absoluten Favoriten und wurde hier auf dem Blog regelmäßig gewürdigt. Eigentlich war man davon ausgegangen, dass Band 23 „A Private Cathedral“ (Dt. „Verschwinden ist keine Lösung“) aus dem Jahr 2020 den Abschluss der Reihe bildet. Doch James Lee Burke hatte anderes im Sinn und hat sich eines oft vorgetragenen Wunsches von Fans der Reihe erinnert: Eine Geschichte aus der Sicht von Clete Purcel, des unerschrockenen, treuen Freundes von Dave. Wie Burke in einem Interview mit David Masciotra auf crimereads.com zugibt, war er immer davon ausgegangen, dass eine Geschichte mit Clete ohne Dave nicht funktioniert, weil beide zwei Seiten derselben Medaille seien. Auf das Offensichtliche, dass Dave gar nicht wegbleiben müsse, sei er lange gar nicht gekommen.

Nun hat dies nachgeholt und das Werk auch schlicht „Clete“ genannt. Es spielt chronologisch in den 1990ern, irgendwo angesiedelt bei den Bänden 5-10. Die Geschichte beginnt damit, dass irgendwelche schräge Typen Cletes Cadillac Eldorado auseinandernehmen, ehe Clete dazukommt und es in einer wüsten Prügelei endet. Der Eldorado war kurz zuvor in einer Autowäscherei und scheinbar hat sich irgendjemand den Wagen ausgeliehen, um etwas zu transportieren. Es ist nicht ganz klar, was da Illegales verschoben wurde, aber Clete ist vor allem alarmiert, weil ein Neonazi und Antisemit sowie ein neureicher Unternehmer in die Sache verwickelt scheinen. Irgendwann schaltet sich auch ein Ermittler des FBI ein, der Clete und Dave eröffnet, dass es wohl um einen hochgradig tödlichen Kampfstoff handelt, den diese Gruppe offenbar freisetzen will.

Ohne eigenes Zutun, was in meinem Leben selten genug vorkam, war ich zu einem Ziel geworden. Ich hatte einfach nur meinen Eldorado Cadillac in Eddys Waschanlage gebracht, und jetzt könnten unschuldige Menschen deswegen verletzt oder getötet werden. Wie konnte das sein? Es war, als hätte man sich einen Kaugummi aus einem Automaten gezogen und dabei versehentlich eine Zyanidkapsel erwischt. (Auszug S. 98-99)

Die ganze Geschichte ist – wie üblich bei Burke – natürlich etwas verzwickter, es spielen noch diverse Frauen eine Rolle, eine female sheriff, eine undurchsichtige Nachtclubtänzerin, eine verschleppte, asiatische Drogenabhängige, eine Filmproduzentin – und Jeanne d’Arc. Denn bei James Lee Burke ist auch auf eines Verlass, es geht immer auch ein Stück mystisch und transzendent zu. Von Dave Robicheaux ist das ja bekannt, doch diesmal wird Clete Purcel regelmäßig von Visionen der Jungfrau von Orleans heimgesucht.

Obwohl der Roman in den 1990ern spielt, bleiben die Themen hochaktuell. Drogenhandel, Sexhandel, Hassverbrechen und insbesondere Antisemitismus. Ein Thema, bei dem Clete Purcel ganz allergisch reagiert, hat er doch als Mahnung ein aus einer Zeitschrift herausgerissenes Foto immer bei sich, dass eine Mutter mit ihren Kindern auf dem Weg in ein Konzentrationslager zeigt. James Lee Burke erzählt in dem Interview, dass er sich Sorgen um sein Amerika macht, den Hass auf Einwanderer, eine Tendenz in Richtung Faschismus, geschürt von Donald Trump, den er offen einen Psychopaten nennt.

Stilistisch ist „Clete“ tatsächlich einen Tick anders erzählt, ein wenig geradliniger und weniger lyrisch, Clete als Ich-Erzähler ist direkter, spricht mehr mit dem Leser. Trotzdem bleibt es eine starke, kraftvolle „hardboiled novel“, die sich in der Reihe nicht verstecken muss. Und auch wenn Clete nun der Ich-Erzähler ist, bleibt es ein Robicheaux-Roman, denn die beiden, sowas wie Don Quijote und Sancho Panza Louisianas, die Jugend von heute würde einfach Ehrenmänner sagen, gehören einfach fest zusammen.

Dave kratzte sich am Hals und blieb einfach stehen.
„Was ist los?“ „Ich ertrage diesen Kerl nicht. Ich bleibe draußen.“
„Weißt du noch, was du über Pronomen gesagt hast?“, fragte ich. „Es gibt kein ‚du‘ und kein ‚ich‘. Es gibt nur die Bobbsey Twins von der Mordkommission.“ (Auszug S. 43)

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Clete | Erschienen am 03.09.2025 im Pendragon Verlag
ISBN 987-3-86532-908-0
346 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Clete | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke
Weiterlesen II: Interview mit James Lee Burke auf crimereads.com

Sara Paretsky | Wunder Punkt (Band 22)

Sara Paretsky | Wunder Punkt (Band 22)

Ich persönlich war die Verantwortung so leid. Ich war nicht Privatdetektivin geworden, um die Bürde von anderer Leute Sorgen zu tragen, sondern weil es mich reizte, die Hintergründe bestimmter Verbrechen aufzudecken. Mehr noch, ich genoss es, wenn ich für etwas Gerechtigkeit sorgen konnte. (Auszug S. 34)

V.I. Warshawski ist eine echte Veteranin. 1982 ermittelte die Privatdetektivin aus Chicago zum allerersten Mal in „Indemnity Only“ (Dt. „Schadenersatz“). Gibt es eigentlich eine aktuelle Ermittlerfigur, die länger permanent im Einsatz ist? Jedenfalls ist Vic Warshawski scheinbar unverwüstlich, denn in „Wunder Punkt“ schickt sie ihre Schöpferin Sara Paretsky in ihren 22. (!) Einsatz. Doch auch an Veteraninnen geht nicht alles spurlos vorüber.

Einer ihrer letzten Fälle hat Vic nämlich schwer mitgenommen. Für ihren Partner Peter spürte sie eine Studentin auf, eine Transfrau, die sich vor ihren Eltern versteckte. Diese wiederum beschuldigten Peter, für die Situation verantwortlich zu sein. Zwar schwieg Vic über den Aufenthaltsort, doch ein zweiter Detektiv spürte sie ebenfalls auf. Der Vater kam mit einer Waffe, er erschoss sein Kind und sich selbst. Vic kam zu spät, um das Blutbad zu verhindern. Doch die Tat hat sie schwer mitgenommen, zudem kam es zum Zerwürfnis mit Peter, der sich als Archäologe zu einer längeren Ausgrabung in Europa angeschlossen hat.

In dieser Situation war es für ihr Quasi-Patenkind Bernie schwer, Vic zu einem Trip nach Lawrence, Kansas zu überreden, um ihrer Mitbewohnerin Angela, einer erfolgreichen College-Basketballerin, bei einem Spiel zuzusehen. Und noch schwerer ist es, Vic am Morgen nach dem Spiel zu bitten, nach einer anderen Kommilitonin, Sabrina, zu suchen, die ebenfalls als Fan mitgekommen ist, aber nun in der Nacht verschwunden ist. Widerwillig nimmt sich Vic der Sache an, erfährt, dass Sabrina in einer Krise steckte und sucht in der begrenzten Drogenszene von Lawrence. In einem heruntergekommenen Haus außerhalb der Stadt, das offenbar für Drogenpartys genutzt wird, findet sie schließlich Sabrina in kritischem drogenberauschtem Zustand. Ihre Mutter, Angestellte eines hochrangigen Unternehmens in der Rüstungsbranche, beauftragt Vic, mehr herauszufinden. Also sieht sich Vic nochmal im Drogenhaus um und findet die Leiche einer Frau im Keller, die sie mehreren Tagen vermisst wurde. Inzwischen gerät Vic selbst ins Visier der Behörden, darf das County nicht mehr verlassen, sogar das FBI taucht in Lawrence auf.

Die Getötete Clarina Coffin hatte mehrfach für Aufsehen gesorgt, da sie sich in den Geschichtslehrplan an der Schule eingemischt hatte und Ungerechtigkeiten zu Zeiten der Staatsgründung von Kansas angeprangert hatte. Doch wer hatte ein Motiv, sie zu ermorden? Vic wird immer noch selbst verdächtigt und hat wenig Vertrauen in die örtlichen Ermittler. Somit nimmt sie selbst die Ermittlungen in die Hand, fast allein, nur eine hochmotivierte Lokaljournalistin und zwei alte Freunde, die einen Schrottplatz betreiben, stehen ihr zur Seite. Vic gräbt tief und begibt sich in große Gefahr, denn sie macht sich in Lawrence einige Feinde, denn die Machenschaften reichen bis in höhere Kreise.

Das alles wird zu einem (nicht ungewöhnlich für V.I. Warshawski) sehr komplexen Fall, in dem es um Landraub, illegale Grundstückgeschäfte und viel Geld in der Zukunft geht, sodass Besitzansprüche aus alten Zeiten eher lästig sind. Neueinsteiger in die Serie (der Einstieg ist durchaus möglich) sollten wissen, dass die Story sehr dezidiert und kleinteilig entwickelt wird, auf wohl dosierte Spannungsmomente muss allerdings keinesfalls verzichtet werden. Kenner schätzen allerdings die ausgereifte Entwicklung des Plots, die starken Dialoge und generell den Biss der unbeugsamen Privatschnüfflerin.

Verlegerin und Übersetzerin Else Laudan hat am Ende noch ein ausführliches Glossar angelegt, um die wichtigsten Begriffe nochmal für den Leser detaillierter zu erläutern. Denn Sara Paretsky greift hier Themen auf, die von der Gründung des Staates Kansas und seiner ambivalenten Rolle in Fragen der Sklavenhaltung bis hin zu Serverfarmen und Bitcoinmining reichen. Ein wenig hätte man die Geschichte vielleicht straffen können, aber sei es drum. „Wunder Punkt“ ist ein starker gesellschaftskritischer Krimi aus dem Herzen der Vereinigten Staaten, in dem die angeschlagene Vic Warshawski auch im 22.Fall unerschütterlich und mit großem persönlichem Einsatz für Gerechtigkeit einsteht. Die Autorin kommt im September übrigens nach längerer Zeit mal wieder nach Deutschland zu einer Lesetour, die Termine sollte man sich merken.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wunder Punkt | Erschienen am 10.06.2025 im Argument Verlag
ISBN 987-3-86754-281-4
500 Seiten | 25,- €
Originaltitel: Pay Dirt | Übersetzung aus dem Englischen von Else Laudan
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Sara Paretsky

Candice Fox | Devil’s Kitchen

Candice Fox | Devil’s Kitchen

Der neue Thriller von Candice Fox spielt im Milieu der New Yorker Feuerwehr. Die „Engine 99“ ist eine Eliteeinheit und genießt mit ihrem Anführer Matt Roderick, der 9/11 überlebt hat, viel Respekt. Für viele eine Truppe wahrer Helden, die täglich ihr Leben riskieren, um andere Leben zu retten. Doch unter dem Vorwand Brände zu löschen, werden tatsächlich oft geeignete Räumlichkeiten ausgespäht, um diese zu einem späteren Zeitpunkt im Schutze eines Brandeinsatzes auszurauben. Während Flammen lodern, verschwinden Geld und Schmuck aus Banktresoren und Juwelierläden nach ausgefeilten Plänen.

Nachdem bei einem der Raubzüge ein Officer erschossen wurde, schleust das FBI die freiberuflich tätige Ermittlerin Andy Nearland ein, die die Männer der „Engine 99“ überführen soll. Doch private Gefühle und Machtspielchen mit ihrem Vorgesetzten sowie unerwartete Sympathien zum Feuerwehrmann Ben Haig machen diesen Einsatz zum persönlichsten und gefährlichsten ihrer Karriere, bei dem jeder Schritt zur Gratwanderung wird und jedes falsche Wort sie verraten könnte.

Ich hatte noch keinen Roman der australischen Thriller-Autorin Candice Fox gelesen, die Grundidee hat mich hier besonders gereizt, der Plot versprach spektakuläre Aktionen und das dramatisch und düster gestaltete Cover „knisternde“ Spannung. Gleich zu Beginn stürzt man temporeich mit Perspektivwechseln und schnellen Schnitten ins Geschehen. Der Prolog schildert eine brenzlige Situation, in der Andy von Matt und seinen Leuten augenscheinlich enttarnt wird. Bevor es zum Äußersten kommt, geht die Handlung ein paar Monate zurück und wird abwechselnd aus Bens oder Andys Perspektive geschildert. Der Erzählstil ist visuell, direkt und voll rauer Dialoge. Obwohl nach dem Klappentext und den ersten Seiten durchaus Potential bestand, hat mich das Buch leider in großen Teilen enttäuscht.

Schon das Einschleusen von Andy war durch Unprofessionalität und viele planlose Aktionen gekennzeichnet. Reichte der im Klappentext beschriebene Grund nicht aus, um eine Undercover-Agentin einzuschleusen? Nein, als die Freundin des Feuerwehrmannes Ben Haig samt kleinem Sohn spurlos verschwindet, verdächtigt Ben, für mich nicht nachvollziehbar, seine Mannschaft. Mit der Vermutung, seine Kollegen hätten beide getötet, wendet er sich hilfesuchend an die Polizei und bietet an, auszupacken und sein Team und damit auch sich selbst ans Messer zu liefern. Die Kabbeleien zwischen Andy und Ben waren nervig, besonders Andy handelt oft sehr übergriffig, um ihre Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Durch die Aneinanderreihung von dilettantischen Aktionen wollte sich für mich keine richtige Spannung einstellen. Die Autorin scheint zu viel gewollt zu haben, denn durch die vielen Geheimnisse, die aufgelöst werden wollen, entsteht ein ziemliches Durcheinander. Da ist Andys Vorgeschichte, die lange im Dunkeln bleibt, dann die verschwundene Familie Bens, der getötete Officer, es gibt noch einen verunglückten Feuerwehrkamerad und der eigentliche Kern der Geschichte, die ausgeklügelten Raubüberfälle kommen für mich zu kurz.

Engo war natürlich vorn, den Schlauch wie einen großen schlaffen Schwanz über dem Arm, das Kinn vorgereckt. … Engo zog immer gern eine Show ab, wenn er in brennende Gebäude wie dieses marschierte, als wäre das alles Routine. Kein großes Ding…. Ben hatte Engo über Leichen gehen sehen, als wären sie Knicke im Teppich. (Auszug Seite 10)

Moralisch ambivalente Charaktere in einem Roman finde ich höchst interessant, aber die Figuren in Devil’s Kitchen sind alle extrem überzeichnet. Und korrupte Helden mit moralischen Abgründen habe ich auch schon mal besser gelesen, ich sage nur Don Winslow. Jeder Feuerwehrmann der Einheit hat massive Probleme von Spielsucht bis zu gewalttätigen Aussetzern. Dann ist da noch Superwoman Andy, die jeden Job innerhalb weniger Wochen erlernt. Die Sprache der Feuerwehrleute ist derb und vulgär, sie wirken wie Stereotypen aus einem amerikanischen B-Movie, allesamt Machos, die auch nur Unsinn in hölzernen Dialogen reden. Vielleicht lag es auch an der Übersetzung, aber um mal ein Beispiel zu nennen, es kommt mehrmals das Wort „Schlenkerpuppe“ für eine leblose Gestalt vor.

Schade, eine kriminelle Feuerwehreinheit, die eigentlich dein Freund und Helfer sein sollte und eine weibliche Ermittlerin, die sich undercover in der frauenfeindlichen Umgebung behauptet, hatte sich nach einer explosiven Mischung angehört.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Devil’s Kitchen | Erschienen am 14. April 2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47490-7
431 Seiten | 18,00 €
Originaltitel: ‎ Devil’s Kitchen | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O‘Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vor 24 Jahren: 2001 in Crime Fiction (Teil 2)

Vor 24 Jahren: 2001 in Crime Fiction (Teil 2)

Unseren zweiten Teil des Rückblicks auf die Kriminalliteratur und den Kriminalfilm im Jahr 2001 beginnt mit den Autoren, die leider in diesem Jahr verstarben. Hier ist vor allem ein Name prominent: Am 12.März verstarb 73jährig in Florida der amerikanische Thrillerautor Robert Ludlum. Ludlum arbeitete zunächst am Broadway, produzierte lange Jahre Bühnenstücke, bevor er 1971 seinen ersten Roman veröffentlichte („Das Scarletti-Erbe“). Ludlums Romane sind meisten sehr lange Thriller, in denen eine Einzelperson es regelmäßig mit größeren Machtapparaten oder Verschwörungen aufnehmen muss. Nicht unbedingt die feinste Klinge, dafür durchaus actionlastig. Er ist vor allem für die Jason Bourne-Reihe bekannt. Ludlum selbst veröffentlichte drei Romane mit dem weitgehend auf sich allein gestellten Geheimagenten. Nach dem Erfolg der Verfilmungen ab 2002 („Die Bourne Identität“) wurde die Reihe von anderen Autoren fortgesetzt. Bemerkenswert ist, dass alle 22 zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Romane die Nr.1 der New York Times-Bestsellerliste erreichten.

Preisträger gibt es natürlich auch so einige, wenngleich die Bücher meist in den Vorjahren veröffentlicht wurden. Den Dagger gewann 2001 – natürlich – Henning Mankell mit „Die falsche Fährte“. Mankell war auch einer der Gewinner des Deutschen Krimipreises international, mit so prominenten und bis heute wertgeschätzten Kollegen wie Jean-Claude Izzo, Michael Connelly – und Dennis Lehane. Sieger des Edgar wurde Joe R. Lansdale mit „Die Wälder am Fluss“. Bei den deutschsprachigen Autoren gewannen übrigens Ulrich Ritzel, Anne Chaplet und Sam Jaun den Deutschen Krimi Preis. Ebenfalls bis heute kreativ ist der Gewinner des Glauser 2001: Horst Eckert gewann damals für „Die Zwillingsfalle“.

Was gibt es sonst noch für bemerkenswerte Kriminalromane des Jahres 2001, die bisher nicht genannt wurden? Ein Gegenpart zu Ludlum ist sicherlich John Le Carré, der 2001 den bemerkenswerten Roman „Der ewige Gärtner“, ein Politthriller mit dem ungewöhnlichen Thema von illegalen Arzneimitteltests in Afrika. Erwähnenswert ist sicherlich auch Dominique Manottis Roman „Roter Glamour“, eine Abrechnung mit den Mitterrandjahren und mein persönlicher Lieblingsroman der sehr politischen französischen Autorin. Äußerst interessant in der Konstellation war auch die Alternativweltgeschichte „Der 21. Juli“ von Christian v. Difturth, in dem er Hitler an dem Attentat vom 20. Juli 1944 sterben lässt, eine Koalition aus SS und den damaligen Verschwörer um Carl Goerdeler die Macht übernimmt und große Anstrengungen übernimmt, mit dem Bau der Atombombe die drohende Niederlage im Krieg abzuwenden. Unbedingt erwähnenswert ist außerdem eine Autorin aus Frankreich, die 2001 einen weiteren Roman veröffentlicht und damit ihren Status als eine der erfolgreichste nichtenglischsprachigen Krimiautoren untermauert.

Fred Vargas | Pars vite et reviens tard (Deutscher Titel: Fliehe weit und schnell)

Die französische Historikerin und Archäologin Frédérique Audoin-Rouzeau hatte sich unter dem Pseudonym Fred Vargas national bereits einen großen Namen gemacht. International und in Deutschland begann erst so richtig mit der Jahrtausendwende und der Übersetzung „Die schöne Diva von Saint-Jacques“ aus der Reihe um die „Evangelisten“. Diese spielen auch 2001 im Original erschienenen „Fliehe weit und schnell“ eine kleine Nebenrolle. Protagonist ist allerdings zum vierten Mal der ziemlich kauzige Pariser Kommissar Adamsberg.

Dieser hat einen zunächst sehr seltsamen Fall am Hals. In verschiedenen Pariser Wohnhäusern werden Wohnungstüren mit einem seltsamen Zeichen, einer spiegelverkehrten 4, markiert. Doch nicht alle, manche bleiben unmarkiert. Zeitgleich erhält Adamsberg Kenntnis von dem Bretonen Le Guern, der in seinem Viertel die alte Tradition des Ausrufers wiederbelebt hat und mehrmals am Tag Nachrichten und Annoncen verkündet, die für ihn in einem Kasten hinterlegt werden. Unter diesen Nachrichten befindet sich mehrere seltsame Mitteilungen, die kommendes Unheil ankündigen. Adamsberg findet heraus, dass sich hierbei um alte Beschreibungen der Pest handelt und die markierten Türen galten damals als Schutz vor der Epidemie. Wenig später wird hinter einer der unmarkierten Türen ein Toter gefunden. Ist in Paris die Pest ausgebrochen?

Ein ungewöhnlicher Kriminalroman, der zwar im modernen Paris spielt, aber viele Anleihen in die Vergangenheit hat. Das Ganze ist komplex und wird durchaus mit großem Anlauf erzählt, der Leser bleibt aber am Ball dank der ungewöhnlichen Figuren, ausgehend vom Kommissar bis hin zu den kleinsten Nebenfiguren. Eine ungewöhnliche Krimireihe, die bis heute erfolgreich besteht.

Im internationalen Film gab es 2001 bei uns nur noch wenige Krimis, Thriller oder Gangsterfilme, die im Gedächtnis geblieben sind. Dazu zählt unter anderem die John Le Carré-Verfilmung „Der Schneider von Panama“ unter der Regie von John Boorman mit den herausragenden Hauptdarstellern Pierce Brosnan, Geoffrey Rush und Jamie Lee Curtis. 2001 war auch der Deutschlandstart für Guy Ritchies zweiten Streich „Snatch – Schweine und Diamanten“, von den filmischen Motiven sehr eng an „Bube, Dame, König, grAS“ inklusive des Casts. Das tut dem Spaß beim Zusehen jedoch keinen Abbruch. Ebenfalls erst 2001 lief in Deutschland Christopher Nolans „Memento“ an, ein Kriminalfilm, in dem zwei Handlungsstränge chronologisch entgegengesetzt voneinander ablaufen. Bemerkenswert ist zudem ein Film von Regisseur Antoine Fuqua, in dem Hauptdarsteller Denzel Washington zum ersten Mal entgegen seinen bisherigen Rollen als Bösewicht, in diesem Fall als Bad Cop besetzt wurde.

Training Day

Jake Hoyt ist verdammt aufgeregt. Der Streifenpolizist des LAPD will seine Karriere vorantreiben und hat sich beim Drogendezernat beworben. Nun wird er dem erfahrenen Drogenermittler Alonzo Harris für einen Probetag („Training Day“) zugeteilt. Hoyt ist zu Beginn eingeschüchtert, aber auch etwas fasziniert von Alonzo, der mit einem extremen Selbstbewusstsein ausgestattet ist. Zwar kommen dem integren Hoyt erste Zweifel auf, als Alonzo ihn mehr oder weniger zwingt, eine Pfeife Marihuana zu rauchen oder zwei bereits Festgenommene misshandelt und dann laufen lässt, doch so schnell will er seinen Karrieretraum nicht beerdigen. Doch der Probetag dauert an und Alonzo entpuppt sich immer mehr als korrupter, brutaler und unberechenbarer Cop, der Hoyt unbarmherzig in seine schmutzigen Dinge involviert. Die Handlung eskaliert zusehends, weil Alonzo unter großem Druck steht, sich bis zum Ende des Tages bei der russischen Mafia freikaufen zu müssen, weil er im Streit in Las Vegas einen Russen getötet hat.

Das Geschehen spielt tatsächlich an einem einzigen Tag und überwiegend in Problemvierteln von Los Angeles. Die anfangs angedeuteten Motive des Films – das rechtschaffene Greenhorn und der alte Hase, der seine eigenen Gesetze macht und damit Erfolg hat – geraten allerdings spätestens zu Mitte in der Hintergrund, als klar ist, dass Alonzo nicht einfach nur ein Polizist ist, der das Recht dehnt, sondern dass er selbst zu einem Teil der Szene geworden ist, die er eigentlich bekämpfen soll. Letztlich bleibt bei diesem brutalen Thriller die essentielle Frage: Kommt er damit durch? Und was wird aus Hoyt?

Der ganze Film ist sehr stark auf seinen Hauptdarsteller ausgelegt. Denzel Washington bekommt viel Gelegenheit, mit seiner Figur den Raum zu füllen und das gelingt ihm auch hervorragend („To protect the sheep you gotta catch the wolf, and it takes a wolf to catch a wolf.“). 2022 erhielt Washington hierfür den Oscar als bester Hauptdarsteller. Ethan Hawke muss man angesichts von Washingtons Präsenz fast schon etwas bemitleiden. Dennoch gelingt auch einigen Nebendarstellern wie Scott Glenn, Macy Gray oder Snoop Dogg ein bemerkenswerter Auftritt. Kritisieren kann man sicherlich den an einigen Stellen doch recht unwahrscheinlichen Plot und ein paar Logiklöcher, dennoch ist „Training Day“ ein fesselnder Copthriller, der bis heute vor allem durch das Spiel des Hauptdarstellers einen festen Platz im Genre verdient.

 

Fliehe weit und schnell | Im Original erschien 2001 bei Èditions Viviane Hamy
Die gelesene deutsche Übersetzung erschien 2004 im Aufbau Verlag
Für die aktuelle Ausgabe im Blanvalet Verlag
ISBN 978-3-7341-1142-6
448 Seiten | 12,- €
Originaltitel: Pars vite et reviens tard | Übersetzung aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Training Day | Kinostart am 6. Dezember 2001
Die Blue-Ray erschien am 17. November 2006 | 8,99 €
Laufzeit 2 Std. 2 Min. | FSK 16