Kategorie: Dezernat

Christoffer Carlsson | Zeit der Angst Bd. 4

Christoffer Carlsson | Zeit der Angst Bd. 4

Abschluss der schwedischen Leo-Junker-Reihe von Christoffer Carlsson: Tristesse – resignativ

Den tunna blå linjen, so der Titel des Originals, bezieht sich auf ein Symbol der schwedischen Polizeibehörde. Es wird von Polizisten manchmal als Button auf der Uniform getragen, eine weiße Flagge auf schwarzem Grund, horizontal geteilt von einer aquamarinblauen Linie. Die obere Hälfte repräsentiert die Allgemeinheit, die Gesetzestreuen, die zum Erhalt der Gesellschaft beitragen. Die untere Hälfte stellt die Welt der Gesetzlosen, der Kriminellen dar. Dazwischen gibt es nur die Polizisten, die als Beschützer der Gesellschaft verhindern sollen, dass sich Gewalt und Anarchie in sie hinein ausbreiten. Sie sind die blaue Linie, die Barrikade zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Leben und Tod. Aber diese Grenze ist durchlässig, und sie wird auch von Polizisten manchmal überschritten. Das ist ein wichtiges Thema Carlssons, und es spielt auch in diesem Roman eine große Rolle. Wie gewohnt erleben wir den Autor als unbequemen Mahner, der glaubwürdig Missstände im Polizeiapparat aufzeigt. Als studierter Kriminologe kennt er das Innenleben der Behörden sehr wohl und weiß, wovon er spricht, nämlich von bürokratischen Hemmnissen, von Intrigen und Inkompetenz, aber auch von falsch verstandenem Korpsgeist, von Zusammenhalt gegen Angriffe von außen genauso wie gegen Nestbeschmutzer aus den eigenen Reihen. Carlsson tritt aber vor allem auf als gnadenloser System- und Gesellschaftskritiker sowie als Chronist, der nicht nur die Probleme in seinem Heimatland, sondern immer auch das aktuelle Weltgeschehen im Blick hat und in seine Romane einfließen lässt.

Diesmal färben die Ereignisse im Herbst 2015 auf die Handlung ab, der Titel der deutschen Ausgabe spielt an auf die Stimmungslage, die angesichts der angespannten Flüchtlingssituation auch in Schweden zu kippen droht. Nach den Terroranschlägen vom 13. November in Paris, als im Bataclan-Theater und an mehreren anderen Tatorten 130 Tote zu beklagen waren, sind die Bürger schockiert und besorgt, und als das Gerücht die Runde macht, dass auch in Stockholm ein Attentat geplant sei, bricht Panik aus. Sämtliche verfügbaren Polizeikräfte sind abkommandiert, um die muslimischen Kreise der Hauptstadt mit allen Mitteln zu beobachten und zu überwachen. Dabei herrscht sowieso schon Chaos bei den Ordnungshütern; seit einem Jahr läuft die Umstrukturierung des schwedischen Polizeiwesens, aber sie läuft komplett aus dem Ruder. Wahllos werden die Mitarbeiter in die verschiedensten Dezernate geschickt, so dass sie nicht einmal das Wichtigste erledigen können. Im Morddezernat beispielsweise ist man schon lange am Anschlag vor Überlastung.

So ist die Leiterin der Abteilung, Anja Morovi, überhaupt nicht begeistert von der Bitte eines ihrer Kriminalbeamten, einen alten Fall noch einmal aufrollen zu dürfen, dessen Akten nach ergebnislosen Ermittlungen im Archiv verstauben und in Kürze an die Abteilung für Cold Cases übergeben und endgültig begraben werden sollen. Immerhin kann sie sich dem Argument nicht verschließen, dass es der Mordkommission gut zu Gesicht stünde, wenn der ungelöste Fall in letzter Minute aufgeklärt werden könnte. Also gibt sie ihre Zustimmung, Leo Junker bekommt zwei Wochen Zeit, um gemeinsam mit seinem Partner Gabriel Birck den Mord an einer Prostituierten aufzuklären, der vor fünf Jahren Berge von Ermittlungsakten füllte, die schließlich ergebnislos geschlossen wurden. Damals war Leo gar nicht mit den Untersuchungen befasst, seine Beweggründe, sich jetzt doch noch mit dem Verbrechen an der jungen Frau zu beschäftigen, behält er vorläufig für sich. Er wühlt nämlich nur widerwillig und auf Drängen seines alten Freundes John Grimberg in einigen laufenden Metern Archivkartons.

Mit ihm ist Leo aufgewachsen, in einem sozialen Brennpunkt der Hauptstadt, sie wurden beste Freunde und niemand kannte ihn so gut wie Grim, der ihm umgekehrt immer ein Rätsel blieb und irgendwann sein schlimmster Feind wurde, der ihn sogar töten wollte und seine Freundin Sam schwer verletzt. Grim landete schließlich im kriminellen Milieu, während Leo Polizist wird und eine beachtliche Karriere macht, bis er bei einem missglückten Einsatz aus Versehen einen Kollegen erschießt. Das traumatische Erlebnis hat einen steilen Abstieg zur Folge, es folgen Tablettensucht, Alkoholabhängigkeit, Suspendierung vom Dienst und eine schwere Krise in der Beziehung mit Sam. Leo ist ganz unten angekommen, da wird er angeschossen und liegt schwer verletzt im Krankenhaus, als er überraschend Besuch von Grim bekommt. Der sitzt zu dieser Zeit in der Forensischen Psychiatrie ein und erzwingt sich einen Freigang, um den Freund zu besuchen, der vielleicht sterben wird. Unter den Augen seiner Bewacher löst er sich in Luft auf und bleibt anschließend wie vom Erdboden verschwunden.

Das war vor gut einem Jahr, inzwischen hat Leo unter großer Anstrengung seine Sucht überwunden, sein Verhältnis zu Sam scheint sich zu normalisieren und vor allem, er darf nun wieder ganz offiziell bei der Kripo arbeiten. Plötzlich meldet sich Grim, nach dem immer noch gefahndet wird, aus dem Untergrund und verlangt einen Freundschaftsdienst von ihm. Nach einigem Zögern tut er ihm den Gefallen und bringt sich damit in größte Schwierigkeiten. Leo kann selbst nicht begründen, warum er seinen alten Freund schützt, denn dass er den Kontakt zu ihm verheimlicht, ist Strafvereitelung im Amt. Grim, so glaubt er, ist der Einzige, der ihn je verstanden hat. In ihm sieht Leo fast ein Spiegelbild seiner selbst, glaubt, dass sie einander ganz gleich sind, er kein Bisschen besser als Grim. Später wird er erkennen, dass der Freund ihn nur benutzt hat, nicht zum ersten Mal. Als er ihn fragt, warum, antwortet der: „Weil ich es nie lerne“. Aber auch Leo wiederholt seine Fehler, so belügt er seine Freundin und verheimlicht ihr, dass ihr alter Feind wieder da ist. Sam zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, um über ihre Beziehung nachzudenken. Schließlich wird sie zurückkehren, um Leo noch eine letzte Chance zu geben.

Warum Grim unbedingt ihm so zusetzt, damit er den Fall des Prostituierten-Mordes noch einmal untersucht, wird Leo erst klar, als er erkennt, dass sein Freund damals selbst an dem Geschehen beteiligt war. Aber welche Rolle hat er gespielt? Gabriel Birck ahnt von den Zusammenhängen nichts, er beteiligt sich eher lustlos an den Recherchen, zumal die Ermittler am eigenen Leib erfahren müssen, wie heikel und schwierig ihre Arbeit gegen Widerstände im eigenen Haus und gegen den Willen der Führungsetage ist. Der Grund hierfür wird klar, als sie erkennen müssen, dass auch mehrere Kollegen offenbar in die Vorgänge verwickelt waren. Je mehr sich Leo und Gabriel in den Fall verbeißen, desto fraglicher wird, ob sie wirklich genug Beweise sammeln können, um den Täter zu überführen. Ihre Verdachtsmomente gründen sich hauptsächlich auf vage Hinweise aus den Archiven, in denen sie eine mühsame Suche nach Spuren aufnehmen, denen die Kollegen seinerzeit nicht nachgegangen sind. Auch wenn sie wenig in der Hand haben, können sie ihre Chefin überzeugen, insgeheim weiterforschen zu dürfen.

Und so studieren sie weiter geduldig die fünf Jahre alten Niederschriften, lesen ein ums andere Mal die Verhör-Protokolle und Befragungsnotizen, schauen sich Aufnahmen vom Tatort an. Akribische, alltägliche Polizeiarbeit also, realistisch dargestellt und entsprechend nüchtern, fast monoton, ohne die ganz große Spannung kommt der Plot daher, ohne mitreißende, fesselnde Szenen kommt die Krimihandlung aus, die zudem immer wieder in den Hintergrund rückt. Das führt dazu, dass der Plot nur mühsam, geradezu lethargisch entwickelt wird und auch der Stil Carlssons passt sich der Grundstimmung an, ist unaufgeregt, langsam, fast ein wenig müde. Es scheint, als fiele dem Autor nicht mehr viel zu seinem Protagonisten ein, der nun über vier Bände hinweg einen weiten Handlungsbogen trägt, der nun sein wohlüberlegtes und wohl folgerichtiges Ende erreicht.

Waren die ersten Romane der Leo-Junker-Reihe noch geprägt von einem Wust an Figuren und Handlungssträngen und damit verbunden mit einem hektischen hin und her zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie ständigen Perspektivwechseln, so konzentriert sich Carlsson diesmal ganz und gar auf Leo und die wenigen Personen, mit denen er im Hier und Jetzt zu tun hat. Wenn Ereignisse aus der Vergangenheit eine Rolle spielen, so sind es Leo oder Grim, die sich daran erinnern und davon erzählen. Für den Kenner der Reihe lässliche Reminiszenzen, für Neueinsteiger eher zu dürftige Informationen über die doch recht komplexen Zusammenhänge. Es empfiehlt sich daher, die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, denn es gibt einen Handlungsbogen, der sich über alle vier Romane hinweg ausbreitet und die Entwicklung der wichtigsten Personen und ihre Beziehung zueinander einschließt. Dies betrifft natürlich vor allem die besondere Verbindung zwischen Leo und Grim, ihr persönliches Drama, das hier etwas nachdenklich, wehmütig, melancholisch erzählt wird. Neben und noch vor der soliden Krimihandlung ist es dieses merkwürdige Verhältnis, das die Substanz dieses abschließenden Bandes ausmacht. Leo versucht, sich über die Verbindung zu seinem Freund Grim klar zu werden, diese merkwürdige, anstrengende und häufig schmerzhafte Beziehung zu verstehen und für sich einzuordnen. Oft genug wurde seine Loyalität auf die Probe gestellt, wurde er hintergangen und die Freundschaft verraten. Ist es möglich, all das zu verdrängen, die Verletzungen zu vergessen, trotz aller Differenzen die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen? Leo träumt von einer harmonischen Zukunft mit Grim, aber er weiß, dass es die nicht geben kann, zu weit haben sie sich voneinander entfernt. Schließlich wird ihm die Entscheidung abgenommen.

Leo Junker , dieser eigenartige, melancholische, manchmal fragwürdige und oft schwierige und problematische Charakter, den ich nie vollständig verstanden habe und selten uneingeschränkt sympathisch fand, ist mir bei diesem letzten Auftritt irgendwie näher als in den vorigen Romanen. Am Ende scheint Leo, der immer auch verunsichert, von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt war, bei sich angekommen zu sein und mit sich im Reinen. Während die vorhergehenden Bücher immer mit einem Fragezeichen endeten, zieht Carlsson diesmal einen klaren Schlussstrich. Das Ende der Geschichte von Leo und Grim ist nicht frei von Tristesse und der Blick auf Leos berufliche wie auch private Perspektive ziemlich pessimistisch und fast resignativ, auch wenn für den Moment fast alles im Lot scheint. Mehr werden wir nicht erfahren, lautet das Resümee.

Mein Fazit für „Zeit der Angst“ lautet: Nicht der stärkste Band der Reihe.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Zeit der Angst | Erschienen am 24. September 2018 im Verlag C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10344-9
368 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezensionen zu den vorangestellten drei Teilen Der Turm der toten Seelen (Bd. 1), Schmutziger Schnee (Bd. 2) und Der Lügner und sein Henker (Bd. 3)

Harry Bingham | Fiona Wo die Toten leben Bd. 5

Harry Bingham | Fiona Wo die Toten leben Bd. 5

Ihr Kleid fasse ich nicht an, aber ich schnuppere daran. Es riecht sauber, sieht auch so aus. Manche Menschen koten sich ein oder urinieren vor dem Tod, doch Carlotta hat alles sauber hinterlassen. Sie ist so eine. Adrett und reinlich. (Auszug Seite 31)

Eher zufällig gerät Detective Sergeant Fiona Griffiths von der Kripo South Wales an ihren aktuellen Fall. Auf einem kleinen Friedhof eines entlegenen Dorfes wird ein weiblicher Leichnam gefunden. Ohne Zeichen von Gewaltanwendung wurde die junge Frau in einem historischen Totenhaus mit einer Bibel aufgebahrt. DS Griffiths, die sich grade dort in der Provinz aufhält, wird zur Unterstützung der ortsansässigen Polizei eingesetzt. Bis zum Eintreffen der Polizeibeamten unter der Leitung von DI Alun Burnett am anderen Morgen, verbringt sie die ganze Nacht mit der Toten und nennt sie Carlotta. Fiona mit ihrer Affinität zu Leichen ist von der schönen jungen Frau, die in einem weißen Kleid und frisch gewaschenem Haar zurechtgemacht ist, geradezu entzückt.

Es gibt keinen Fall!

Die Identifizierung gestaltet sich schwierig, da niemand die schöne Unbekannte zu kennen scheint und es auch keine Vermisstenmeldung gibt. Schnell und für Fiona fast ein bisschen enttäuschend steht fest, dass Carlotta eines natürlichen Todes und zwar an Herzversagen verstarb. Ermittlungen sind nicht erforderlich und eigentlich gibt es gar keinen Fall. Doch Fiona bleibt hartnäckig dabei, die Umstände aufzuklären, auch da die von ihr initiierte Sonderermittlungsgruppe „Operation April“ grade etwas auf der Stelle tritt. Eine Spur führt alsbald in ein in der Nähe gelegenes Schweigekloster, in dem sich die junge Frau kurz vor ihrem Tod aufgehalten hat. Fiona vermutet, dass Carlotta sich einiger teuren Schönheitsoperation unterzogen haben muss und aufgrund dieses Hinweises lässt sich tatsächlich die Familie aufspüren.

Weiter findet die junge Polizistin einen Zusammenhang zu einem seit Jahren ungeklärtem Vermisstenfall aus der Gegend. Sie kümmert sich sehr warmherzig um den depressiven Vater der verschwundenen Einheimischen und versucht sogar sein Leben wieder in die Spur zu bringen. Einfach für den Fall, dass die verschollene Tochter eines Tages wieder auftauchen sollte.

Riesige Höhlensysteme in Wales

Diese Spur zwingt Fiona zu Grabungsarbeiten und sie überzeugt auch Burnett von ihrer Idee, mit dem sie inzwischen ein richtig gutes Team bildet. Im weiteren Verlauf machen sich die beiden Polizisten in Taucheranzügen und mit unzuverlässigen Stirnlampen bewaffnet mutig in ein riesiges Höhlensystem inklusive vieler niedriger Kammern, fast unpassierbarer Tunnel und einem unterirdischen See auf. Der Autor schöpft hier aus einem Vorrat an persönlichen Erfahrungen, wie er in einem Nachwort erzählt. Und das merkt man auch. Ausgesprochen versiert wie hier die Kälte, Dunkelheit und damit verbundene Einsamkeit beschrieben und dadurch eine unheimliche Atmosphäre eingefangen wird. Bei katastrophalen Sichtverhältnissen kämpfen unsere Helden hier ums Überleben und diese Passagen waren so unglaublich klaustrophobisch, dass ich die niedrige Höhlendecke beim Lesen ständig über mir spürte.

Auf dem Planeten „Normal“

Auch Fionas fünfter Fall wird wieder aus ihrer Perspektive im Präsens geschildert und so ist man ihrer Gefühls- und Gedankenwelt immer sehr nah. Während im ersten Band das Rätsel um ihr seltsames Sozialverhalten im Mittelpunkt stand und vom Autor Stück für Stück enthüllt wurde, weiß man jetzt, dass Fiona als Jugendliche an einer psychischen Störung litt. Bei dem unheilbaren Cotard-Syndrom leiden die Betroffenen unter der Wahnvorstellung, nicht mehr am Leben zu sein. Nach einer langjährigen Therapie hat die kleine, zierliche Polizistin gelernt, damit zu leben und imitiert das „normale“ Verhalten im Sinne der gesellschaftlichen Konventionen. Die Krankheit verleiht ihr aber auch eine besondere Intuition und hilft ihr oft sogar, die richtigen Schlüsse zu ziehen, da sie einfach auch mal um die Ecke denkt. Ihre Verbundenheit zu Toten ist sicher sehr unkonventionell, gibt aber der Reihe einen besonderen, morbiden Touch. Mit Fiona, der eigensinnigen, empathischen Polizistin, die am liebsten Pfefferminztee trinkt und sich beim Kiffen entspannt, hat Harry Bingham einen komplexen Charakter erschaffen. Als eigene Schwäche gibt sie an einer Stelle zu:

Zorn und Hochmut.
Und, wie ich hinzufügen muss, Unaufrichtigkeit.
Ich bin keine ehrliche Person. Ich lüge und vertusche und täusche vor. Ich belüge meine Vorgesetzten und Freunde und gebe vor, jemand zu sein, der ich nicht bin. Und das alles mit Vorsatz und in böswilliger Absicht. Ohne Scham oder Reue.
Man kann mir nicht trauen. (Seite 516)

Als Gegenpart in diesem Band funktioniert die gutmütige, intelligente Figur des stinknormalen DI Alun Burnett sehr gut. Fionas Suche nach ihrer ungeklärten Vergangenheit wird nur gestreift und hätte für mich noch detaillierter ausfallen können. Als Zweijährige wurde sie ausgesetzt und hatte das Glück, an liebevolle Pflegeeltern zu geraten, auch wenn ihr Ziehvater ein König der Unterwelt war.

Harry Bingham schreibt spannend, intelligent und mit viel Sprachwitz. Der Polizeialltag wird detailliert und auch sehr stimmig beschrieben, ob es die Verhöre sind oder auch die Beschreibungen des düsteren Treibens im Kloster. Mit der Auflösung hätte ich so nie gerechnet, trotz des Humors hat Fiona es wieder mit einem richtig bösen Fall zu tun.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Fiona: Wo die Toten leben | Erschienen am 26. März 2019 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27510-4
544 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezension zu den Band 1 Fiona: Den Toten verpflichtet der Fiona-Reihe von Harry Bringham.

Susanne Kliem | Lügenmeer

Susanne Kliem | Lügenmeer

„… haben“, fuhr Magnus mit erhobener Stimme fort. „Ich räume Stück für Stück mit diesem Haufen Lügen auf, den ihr, du und Mechthild Wagemann, in die Welt gesetzt habt. Am Ende werdet ihr als das dastehen, was ihr seid. Feige Intriganten.“ (Auszug Seite 111)

Vor 19 Jahren ist die Schülerin Milla vom Sprungturm im Hallenbad gefallen und dabei ums Leben gekommen. Neben Milla standen auch noch Svenja und Magnus auf dem Turm. Damals haben alle Magnus verdächtigt, sie gestoßen zu haben. Er wurde dafür angeklagt, aber freigesprochen und verließ daraufhin den Ort, um dieses Geschehen hinter sich zu lassen. Nun kehrt er zurück, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, denn er weiß ganz genau, dass er Milla nicht umgebracht hat, er kann sich nur nicht mehr erinnern, was genau damals auf dem Turm geschehen ist…

Eine Kleinstadt am Meer

Lügenmeer von Susanne Kliem ist der sechste Roman der Autorin. Er spielt an dem fiktiven Ort Schambek, einer Kleinstadt in der Nähe von Kiel, direkt am Meer. Laut Nachwort gibt es diese Stadt wirklich, nur eben unter einem anderen Namen. Den Schauplatz finde ich sehr schön gewählt, er wird als eine beschauliche Ortschaft beschrieben, in der das ehemalige Hallenbad direkt am Strand mit Blick aufs Wasser steht.

Svenja, Magnus & Annik

Die Geschichte wird abwechselnd aus Sicht der drei Protagonisten Svenja, Magnus und Annik geschildert. Ab und zu gibt es Sequenzen aus der Zeit des Unfalls. Magnus ist nun Anwalt, hat sich gerade von seiner Frau getrennt und hat ein Kind. Svenja ist Physiotherapeutin, verheiratet und ihr Sohn macht gerade ein Auslandsjahr in den USA. Annik ist nach einer gescheiterten Ehe ebenfalls wieder nach Schambek zurückgekehrt und übernimmt nun mehr oder weniger die Buchhandlung ihrer Tante. Alle drei sind mir nur so mäßig sympathisch, wobei Svenja sich wirklich merkwürdig verhält und ich kam nicht so wirklich dahinter, was sie damit bezweckt. Magnus und Annik nähern sich etwas an und nach einer gemeinsam verbrachten Nacht empfinde ich ihre Beziehung eher als Teenie-Geplänkel mit klischeehaften Missverständnissen, beleidigt sein und sich nicht melden und nicht als etwas, das fast vierzigjährige, gestandene Leute haben.

Kaum Spannung

Die Handlung ist meiner Meinung nach etwas unrund geraten. Der rote Faden ist die Rückkehr von Magnus, der die Vergangenheit wieder aufrollen möchte und einige Personen, die damals in den Fall verwickelt waren, dazu befragt. An diesen „Faden“ werden die Schicksalsschläge der Protagonisten geheftet, aber irgendwie nicht richtig mit in die Beschreibung der Geschichte eingebunden. Zudem kommen plump hinzugefügte Geheimnisse, die auf einmal und scheinbar aus dem Nichts gelüftet werden, ohne dass die gesamte Handlung schlüssig dahin geführt wird. Die Spannungskurve ist leider auch nicht gelungen, in der Mitte des Buches hatte ich nicht wirklich den Drang, die Auflösung zu erfahren. Und das Ende konnte mich ebenfalls nicht überraschen.

Fazit: Mich hat der Spannungsroman nicht überzeugt, obwohl der Schauplatz genau meins ist und die Geschichte sich flüssig liest.

Susanne Kliem wurde am Niederrhein geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. Sie ist gelernte Buchhändlerin und arbeitete u.a. als Pressereferentin beim Fernsehen sowie für das größte deutsche Theaterfestival »Theater der Welt«. Seit 2009 schreibt sie Krimis, zuletzt erschienen ihre Spannungsromane Trügerische Nähe (2015) und Das Scherbenhaus (2017).

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Lügenmeer | Erschienen am  11. März 2019 im Verlag C. Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10353-1
320 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Benedikt Gollhardt | Westwall

Benedikt Gollhardt | Westwall

Er hatte sich auf einen Deal eingelassen, der seine dunkle Seele noch ein Stück dunkler werden lassen würde. Der Rabe hackte es mit seinem Schnabel tief in seinen Rücken: Die Frau, die ihm gerade lächelnd gegenübersaß, die er mochte und die ihn mochte, war sein Opfer. Alles in Nick revoltierte, er musste Licht hereinlassen, wenigstens ein bisschen, bevor er platzte, weshalb er vorsichtig zu erzählen begann: von dem Zuhause, das nie ein Zuhause gewesen war, von der Freiheit, die sich als Einsamkeit, Angst und Leere entpuppte. Von den Reisen, die nichts anderes waren als ein Umherirren, und von der Wut, die wuchs und wuchs. Wut auf die, die ihn allein gelassen hatten. Und auf die Welt an sich. (Auszug Seite 185)

Julia Gerloff ist Polizeischülerin auf der Polizeischule in Brühl. Sie lernt einen netten jungen Mann scheinbar zufällig in der Straßenbahn kennen. Doch Nick ist nicht der, der er zu sein vorgibt, was Julia allerdings ziemlich schnell herausfindet, als sie nach einer gemeinsamen Nacht sein Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken entdeckt. Aber die Geschichte ist für Julia noch nicht vorbei und sie führt tief in ihre eigene Vergangenheit. Denn Julia ist ins Zentrum von Aktivitäten verschiedener Geheimdienstler und einer rechten Splittergruppe geraten. Diese Gruppe um die dominante Ira sammelt obdachlose Kinder und Jugendliche um sich und schwört sie in einem alten Forsthaus im Hürtgenwald bei den Überresten des Westwalls auf ihre Ideologie ein.

Nick heißt eigentlich Christian und ist ein Abtrünniger der rechten Gruppe und nun vom Bundesamt für Verfassungsschutz als V-Mann zwangsverpflichted worden. Er soll sich an Julia heranmachen und auf die Neonazis aufmerksam machen. Doch es mischen noch weitere Personen mit und allmählich wird klar, dass das rechte Netzwerk größer ist als gedacht. Währenddessen planen die Rechten im Wald ein aufmerksamkeitswirksames Attentat.

Ira ließ ihren Blick über die Reihen der Jugendlichen gleiten. „Ihr kommt aus einer Welt, die euch nicht will. Eure Mütter wollen euch nicht. Eure Väter wollen euch nicht. Das System will euch nicht. Ihr seid die Gespenster der Gesellschaft, die man nicht sehen will.“ (Seite 70)

Autor Benedikt Gollhardt hat mit Westwall sein Romandebüt verfasst, nachdem er vorher Drehbuchautor u.a. für Serien wie „Danny Lowinsky“ oder „Türkisch für Anfänger“ war. In einem Interview im Anhang beschreibt er es als „befreiend“, den Zwängen und Reglementierungen des Drehbuchschreibens im Rahmen dieses Romans entkommen zu sein. Als Thema bringt er das aktuelle Geschehen um rechte Gruppen, die sich im Verborgenen auf eine eventuelle Machtübernahme oder terroristische Aktivitäten vorbereiten. Dabei spielt Gollhardt ein Szenario durch, das man angesichts solcher Fälle wie des ehemaligen Chefs des Bundesamts für Verfassungsschutzes Maaßen für nicht völlig abwegig erachten kann: Ein rechtskonservatives Unterstützungsnetzwerk von Personen mit Einfluss in Politik, Geheimdienst und Polizei.

Gollhardt punktet außerdem mit einem gut gewählten Schauplatz. Neben Köln und Umgebung spielt der Roman im tiefen Wald. Der Hürtgenwald südostlich von Aachen strahlt im Buch diese intensive, undurchdringliche Ursprünglichkeit aus, die dem deutschen Wald ja gerne nachgesagt wird. Daneben beherbergt der Wald noch viele Überreste des legendären und mystisch-verklärten Westwalls, einer Verteidigungslinie mit Panzersperren und Bunkern entlang der deutschen Westgrenze. Der propagandistische Wert des Westwalls war zwar offenbar größer als der militärische, allerdings war die Schlacht im Hürtgenwald Anfang 1945 einer der schwierigsten Operationen der US-Armee im Rahmen des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die dreieckigen Panzersperren, Bunker und ein Panzerskelett bilden ein überzeugendes Setting. Hinzu kommt ein verlassenes Forsthaus als Unterschlupf für die neue rechte Jugend.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Julia. Sie ist bei ihrem alleinerziehenden Vater in einer linken Aussteigerkommune aufgewachsen und sehr zu dessen Verdruss zur Polizei gegangen. Ihr Vater ist mit ihr nach Köln gezogen, ist jedoch inzwischen schwer krank und hält sich mehr oder weniger nur noch in seiner Wohnung auf. Julia ist eine sympathisch-emotionale junge Frau, manchmal etwas zu impulsiv, auch stellenweise naiv. Die Liaison mit dem undurchsichtigen Nick alias Christian wirkt als Impuls für die weitere Story und an dieser Lovestory mit einigen Hüs und Hotts gab es schon ein paar Dinge, die mich ein wenig gestört haben und die auch Einfluss auf die Handlung nehmen.

Generell setzt der Autor neben der Hauptfigur auch auf zahlreiche Nebenfiguren, die einen durchaus großen Raum einnehmen und die er, dies sei positiv erwähnt, mit ausreichender Tiefe ausstattet. Allerdings hat man teilweise das Gefühl, dass die Geschichte etwas straffer hätte erzählt werden können, wenn man auf die Details mancher Nebenfiguren verzichtet hätte. Insgesamt ist Westwall aber ein gut recherchierter und meist spannender Thriller, der vor allem durch sein Thema als auch durch seinen Schauplatz aus der Masse der Durchschnittsthriller ein wenig heraus sticht.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Westwall | Erschienen am 25. März 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10412-4
280 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Gabriella Wollenhaupt | Grappas Gespür für Schnee

Gabriella Wollenhaupt | Grappas Gespür für Schnee

Grandi musterte mich neugierig. Ich machte keinerlei Anstalten, mich vorzustellen. Leider wusste Kleist, was sich gehörte, und nannte meinen Namen. „Sie sind Frau Grappa?“ Sie lachte. Es klang, als würde sich eine Katze erbrechen. (Auszug Seite 46)

Maria Grappa ist rasende Investigativ-Reporterin beim örtlichen Brierstädter Tageblatt, dort hauptsächlich mit kommunalpolitischer Berichterstattung betraut. Ihr zur Seite steht der Pressefotograf Pöppelbaum, der ihre scharfzüngigen Artikel bebildert. Jansen, der Chef der Tageszeitung, weiß um Marias Verbissenheit und journalistischen Qualitäten. Sie selbst zweifelt etwas an ihrem Lebensentwurf, ist sie doch inzwischen in den Fünfzigern, nicht verheiratet und kinderlos und offiziell auch in keiner Beziehung. Allerdings hat sie eine nicht näher definierte intime Beziehung zum Bierstädter Hauptkommissar der Mordkommission, Dr. Friedemann Kleist, mit dem sie auch beruflich eng zusammenarbeitet.

Grappas Gespür für Schnee (aus dem Jahr 2009) ist bereits der 19. Band dieser gerade erst von mir zufällig bei einem Bücherflohmarkt entdeckten Krimireihe. Ich war ganz schön erstaunt ob der Schreibfreudigkeit der Autorin Gabriella Wollenhaupt, hat sie doch von 1993 bis dato immerhin 30 Teile dieser hervorragend spitzbübischen Krimis veröffentlicht, dazu alle im selben Verlag. Doch ich war auch erfreut, denn ich muss sagen, dass ich von der ersten bis zur letzten Seite ausgezeichnet unterhalten wurde. Gabriella Wollenhaupt tut sich humoristisch nicht durch derbe Plattitüden und abgedroschene Phrasen hervor, sondern hat einen augenzwinkernden, intelligenten Blick auf die Spezies Mensch und vermag es, Ihren Figuren Leben einzuhauchen, so dass sie für den Leser Gestalt annehmen. Ich vermute, dass, liest man weitere Bände, sich ein sukzessiv verfeinernder Eindruck der wiederkehrenden Charaktere einstellen wird.

Im vorliegenden Titel geht es zuerst nur um ein Gerücht, nämlich dass im Rathaus, insbesondere im Umfeld des Oberbürgermeisters Nagel, gekokst wird. Grappa begibt sich auf Spurensuche und stolpert ziemlich rasch unverhofft über die Tote Jessica Brühl, die im Büro des OBs Dienst tat, bis sie zwei Wochen zuvor entlassen wurde. Auf dem Handy der Toten finden sich eindeutige Fotos der Bierstädter Politprominenz bei ausgelassenen Orgien mit leicht bekleideten Damen in eindeutigen Posten und es stellt sich die Frage, ob im Rathaus von Bierstadt freizügige Orgien auf Staatskosten abgehalten wurden. Als kurz darauf ein junges Brautpaar unmittelbar nach der Trauung vor dem Rathaus erschossen wird und sich herausstellt, dass die tote Braut Sekretärin im SPD-Parteibüro war und hoch abgefunden wurde, ist Grappa nicht mehr zu bremsen. In einem Wettlauf mit der schräg aufgedonnerten und unmöglich wirkenden Milva Grandi – Konkurrentin bei der BILD – folgt sie ihren Instinkten und beißt sich an der Story fest.

Als Tatortermittler kommt Dr. Friedemann Kleist ins Spiel und ich muss sagen, dass ich die Scharmützel der beiden ziemlich amüsant fand. Es gibt, wie schon gesagt, die berufliche und die private Ebene zwischen den beiden. Und es wird deutlich, dass beide sich aus Angst in Zurückhaltung üben, wobei die Hintergründe in diesem Buch nicht offenbart wurden. Doch ich hatte den deutlichen Eindruck, dass Dr. Kleist nicht erst in Band 19 installiert wurde. Für gewöhnlich finde ich all zu ausufernde private Nebenschauplätze lässlich bis störend, aber es gelingt der Autorin, dass die Gemengelage homogen aufgeht.

Gabriella Wollenhaupt glänzt durch Wortwitz, Menschenkenntnis, Recherchevermögen und einem sehr angenehmen flüssigen Schreibstil. Kategorisieren würde ich den Krimi als humorvolle Geschichte, komischen Krimi. Aber er zeichnet auch ein sehr bekanntes Bild von lokalpolitischem Filz, weshalb man als Politikinteressierter einmal mehr auf seine Kosten kommt. Grappas Gespür für Schnee ist ein leichter Krimigenuss, der nicht durch Blödeleien und Flachwitze langweilt und dessen Auflösung man entgegenfiebert! Für mich ist „Grappa“ eine wunderbare Entdeckung, die ich gerne weiterempfehle.

 

Rezension und Foto von Nora.

Grappas Gespür für Schnee | Erschienen am 19. Mai 2009 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-359-2
252 Seiten | 8.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe