Kategorie: Klassiker

Åke Holmberg | Privatdetektiv Tiegelmann

Åke Holmberg | Privatdetektiv Tiegelmann

Privatdetektiv Teffan Tiegelmann hat sein Büro an der Hauptstraße der großen Stadt mitten im Geschäftsviertel, was natürlich günstig ist für sein Gewerbe. Aber die Geschäfte laufen schlecht, nie erhält er einen Auftrag, und wenn es an der Tür klingelt, ist es zumeist ein Hausierer, der Schuhriemen verkaufen will. Dabei ist Tiegelmann, ein unscheinbarer Mann, klein und mager, aber mit scharfem Profil, das wegen der großen, schmalen Nase einem Habicht gleicht, der geschickteste Detektiv im ganzen Land. Scharfsinnig und kühn wie kein zweiter, der mit Vorliebe die gefährlichsten Aufträge übernähme, wenn er denn beauftragt würde. Aber niemand weiß, wie geschickt Teffan Tiegelmann handeln kann, das weiß nur er selbst.

Obwohl er nie etwas zu tun hat, scheint er immer sehr beschäftigt, wenn zufällig ein Besucher in seinem Büro auftaucht, so als sei er förmlich mit gefährlichen Aufträgen überhäuft. Das liegt daran, dass im Nebenzimmer seine Sekretärin sitzt, die unablässig das Telefon in Gang hält. Fräulein Hanselmeier (Fröken Jansson) ist eine ältere, grauhaarige, sehr verlässliche Dame, die ständig Topflappen häkelt. Sobald jemand bei Tiegelmann eintritt, läutet das Telefon in einem fort, und der Besucher hört etwa: „Hallo. Ja, ist gut! Aber merkt euch: Die Pitolen nur im Notfall anwenden!“

Unser Meisterdetektiv heißt eigentlich Stephan Siegelmann, aber das kann er nicht aussprechen, er stößt nämlich mit der Zunge an, der S-Laut glückt ihm nicht. Deshalb hat er seinen Namen geändert und dies amtlich bestätigen lassen. Er kann übrigens auch nicht „Sahnetörtchen“ sagen, dabei sind die „Tahnetörtchen“ aus der „Konditorei Roda“ sein Lieblingsnaschwerk: groß, gerade richtig braun und mit viel Sahne, die nach allen Seiten überquillt. Leider ist die Konditorei Rosa die einzige im Land, die diese Törtchen das ganze Jahr anbietet, sonst bekommt man sie nur zur Fastenzeit. Deshalb führt Tiegelmann, wenn er die Hauptstadt verlässt, immer genügend davon in einer großen Kuchenschachtel mit sich.

Und schon bald soll er wirklich aufbrechen, nach Preißelbeerkirchen. Denn hier treiben zwei Erzgauner ihr Unwesen, der berüchtigte Wilhelm Wiesel (Ville Vessla)und sein Kompagnon, ein Grobian und Vielfraß genannt der Ochse (Oxen). Eben haben sie den Fräuleins Friederike und Friedlinde Friedborn (Fredericksson), die hier in der Villa Friedrichsruh wohnen, einen Erpresserbrief geschrieben. 3000 Mark sollen sie in einer hohlen Eiche deponieren, sonst könnte etwas geschehen, es sei vorgekommen, dass eine ganze Villa in die Luft flog. Da trifft es sich gut, dass in seinem Büro ein Herr Omar auftaucht, ein Orientale, der ihm einen fliegenden Teppich verkauft. Nun kann er sich sofort aufmachen, um die beiden Verbrecher unschädlich zu machen und die Fräuleins sowie ihre zwei Nichten und zwei Neffen, die jeden Sommer ihre Ferien bei den Tanten verbringen, zu schützen.

Tiegelmann sieht schon die Schlagzeilen vor sich: „Wiesel in dem Städtchen Preißelbeerkirchen festgenommen!
Phantastische Verbrecherjagd T. Tiegelmanns.“

Und zum guten Schluss kommt es natürlich genau so. Mit Hilfe der vier Kinder und „Onkel“ Tiegelmanns unfehlbarem Plan gelingt es schließlich, die Ganoven zu fangen. Das geschieht auf kindgerechte Weise, aber auf erstaunlich hohem Niveau, die sprachliche und stilistische Qualität und Originalität der Geschichten konnte sicher auch Erwachsenen Freude bereiten. Heute mutet manches etwas verstaubt und unzeitgemäß an, Tiegelmann ist sicher kein Superheld und von heutigen Fantasy- oder Actionstories sind seine Abenteuer natürlich Welten entfernt. Bei Holmberg geht es stattdessen ab und an märchenhaft zu, man denke nur an den fliegenden Teppich, und die Personen treten so auf, wie man es für die fünfziger Jahre in einem Kinderbuch erwarten darf. Der Detektiv mit falschen Bärten und allerlei Verkleidungen, die Kinder gewitzt und vorwitzig, die Fräuleins altjüngferlich und die Ganoven – na ja, Mord und Totschlag wird man vergeblich suchen, wenn Ochse dem Mädchen ein Bein stellt und die Nichte sich das Knie aufschlägt, ist das schon schlimm genug.

Holmberg fabuliert immer mit einem Augenzwinkern, humorvoll, mit vielen witzigen Einfällen und Formulierungen. Der stets schlecht gelaunte Wiesel knurrt an einer Stelle: „Ich esse nie auf nüchternen Magen!“ Das könnte in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden, wie auch der Begriff „Temlor“ inzwischen durchhaus geläufig ist, und des berühmte „Använd Pitolerna bara i nödfall!“ wird immer noch häufig noch als Scherz gebraucht. Als Holmberg die Bücher schrieb, legte man offensichtlich noch viel Wert auf eine gewählte und kultivierte Ausdrucksweise, dabei gelingt es Holmberg perfekt, seinen unterschiedlichen Figuren entsprechend Alter und Herkunft ihre Sprache in den Mund zu legen, mitunter mit Äußerungen, die heute nicht mehr gebräuchlich, jüngeren wahrscheinlich gar nicht mehr geläufig sind.

Man darf die Geschichten also nicht allzu ernst nehmen, aber sie sind eine amüsante, höchst unterhaltsame Lektüre, die mir auch nach mehr als fünfzig Jahren noch Spaß gemacht hat. Meine drei Abenteuer aus der Sonderausgabe des Tosa-Verlages, im Original 1948, 1949, 1950 erschienen, entsprechen den drei ersten Büchern Holmbergs: „Privatdetektiv Tiegelmann“, „Teffan Tiegelmann in der Wüste“ und „Teffan Tiegelmann in London“. Das Buch stammt wohl aus dem Jahr 1960, ist von Ida Clemenz übersetzt und von Ulrik Schramm durchgehend illustriert, angelehnt an die Originalzeichnungen von Sven Hemmel. Bis in die achtziger Jahre gab es noch Neuauflagen verschiedener Verlage, in späten Veröffentlichungen bei Arena hieß der Detektiv auch in der Übersetzung Ture Sventon. Heute gibt es leider nur noch antiquarische Exemplare, ich habe mir gleich den zweiten Sonderband von Tosa gesichert, „Die neuen Abenteuer des Teffan Tiegelmann“.

In seiner Heimat ist Ture Sventon heute noch populär und die neun Detektivromane von Åke Holmberg erleben ständig neue Auflagen. Mit einer Ausnahme: Das Buch „Ture Sventon i London“ erscheint vorläufig nicht mehr. Auch in Schweden gab es eine Diskussion um Ausdrücke in den alten Geschichten, die heute verpönt sind, in diesem Fall das Wort „Neger“. Es sollte ersetzt werden durch eine politisch korrekte Formulierung, wie es ja auch schon Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ erleben musste. In diesem Fall allerdings weigerten sich die Rechteinhaber, Holmbergs Werk zu verändern. Ansonsten geht Tiegelmann mit der Zeit: Seit 2012 gibt es seine Abenteuer auch als E-book.

1989 war Ture Sventon der Held einer TV-Serie für den berühmten „Julskalendrarna“, den Adventskalender des schwedischen Senders SVT, eine Tradition seit 1960, bei der in der Vorweihnachtszeit jeden Tag bis zum 24. Dezember ein Türchen geöffnet wird. In jenem Jahr befanden sich dahinter jeweils Illustrationen von Sven Hemmel aus den Ture-Sventon-Büchern, die einzelnen zwanzig Minuten langen Filmchen zeigten Abenteuer aus den Büchern „Ture Sventon, Privatdetektiv“, „Ture Sventon in der Wüste“, Ture Sventon in London“ und „Ture Sventon in Stockholm“.

Zuvor gab es bereits 1972 eine erste Verfilmung von „Ture Sventon, Privatdetektiv“ von Pelle Berglund mit Karl Julle in der Hauptrolle. In der Fernsehserie wie auch im Film „Ture Sventon und der Fall Isabella“ von 1991 spielte Helge Skoog den Privatdetektiv.

Der Zeichner und Illustrator Sven Hemmel schuf auch Cartoons von Ture Sventons Abenteuern, die zwischen 1968 und 1975 in der „Berner Post“ erschienen. Die ersten drei Abenteuer wurden auch in „Husmodern“ veröffentlicht, einer lange Zeit sehr beliebten Frauenzeitschrift.

Das erste Buch erschien 1974 auch als Langspielplatte und auf Kassette, Jan Nygren verlieh hier dem Detektiv seine Stimme. Und 2005 wurde eine Hörspielversion von „Ture Sventon in der Wüste“ ausgestrahlt, mit Johan Rabaeus und Rikard Wolff als Sventon und Herr Omar. „Ture Sventon in Stockholm“ wurde 2009 sogar für die Bühne bearbeitet.

Von 1999 bis 2008 wurde Vom Svenska Barnboks Institut für Kinder und Jugendliteratur auf der Buch- und Bibliotheksmesse Göteborg der „Temmelburken“ (offiziell Ture Sventon priset) verliehen, ein Kulturpreis für Kinder- und Jugendbuch-Autoren, der nach der Keksdose benannt war, in welcher der Detektiv seine Temlor (oder Tahnetörtchen) transportierte. Unter anderem bekam Cornelia Funke den Preis im Jahre 2002, und Åke Holmberg selbst (der 1991 verstarb) wurde er 2007 posthum verliehen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

Privatdetektiv Tiegelmann | Erstveröffentlichung 1948
Die gelesene Ausgabe erschien 1963 im Tosa Verlag
173 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Kinder- und Jugendkrimis.

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Henry Kolarz | Die Gentlemen bitten zur Kasse ♬

Dickes Ding – kein Job für Kaninchen

Am 8. August 1963 ging in Großbritannien der wohl spektakulärste Postzugraub aller Zeiten über die Bühne. Nach generalstabsmäßiger Planung und Durchführung brachte es den Tätern die Rekordsumme von über zwei Millionen Pfund ein. Und es war ausgerechnet der schmächtige, armselige Twinky, der in einem Pub in Whitechapel dem stets sorgfältig gekleideten Archibald Arrow die folgende Idee unterbreitete:

Täglich werden mit dem Postzug ihrer königlichen Majestät von England größere Mengen abgenutzter, nicht notierter Scheine im Werte von ca. zwei Millionen Pfund von Glasgow nach London gebracht, um dort vernichtet zu werden. Während der neunstündigen Fahrt sind keine Reisende an Bord, nur Pakete und Briefe sowie siebzig bis achtzig Mann unbewaffnetes Personal. Für seinen Tipp beansprucht Twinky einen Anteil von 10 %.

Der sieben Mal vorbestrafte Arrow, Inhaber eines Friseursalon ist erst skeptisch, dann zieht er den Ganoven Michael Donegan ins Vertrauen. Dieser wird von allen nur „der Major“ genannt. Sein Antiquitätengeschäft, dass er zusammen mit seinem Schwager Geoffrey Black führt, hat einen guten Ruf und die wenigsten Kunden wissen, dass er bereits drei Mal im Gefängnis saß. Er ist ein großer Stratege, der sich nicht mit kleineren Diebstählen abgibt. Denn eins ist klar: Der Postzugraub „…ist ein dickes Ding und kein Job für Kaninchen!“

Archy und der Major stellen eine Bande zusammen und die illustre Runde trifft sich im East End Club. Dabei sind unter anderen Harry McIntosh, der sich mit der Herstellung von falschen Portraits für Touristen über Wasser hält. Weiter Ronald Cameron, ein ehemaliger Funker und Bankräuber, dann Andrew Elton, nach jahrelangem Gefängnisaufenthalt als Buchmacher auf der Hunderennbahn tätig. Patrick Kinsey ist Perückenmacher und der immer gut gekleidete Thomas Webster, Teilhaber eines Wettbüros. Zum Schluss noch George Slowfoot, ein Rennfahrer mit den Allüren eines Playboys und vielen Vorstrafen.

Die Truppe braucht noch einen Spezialisten, der sich mit Eisenbahnsignalen auskennt. Donegan erfährt durch Mona, einer alten Freundin, der er viel zu verdanken hat, von dem Elektriker Walter Lloyd. Da dieser zu den Fulham Boys gehört und das keine gute Gegend ist, lässt der Major ihn durch einen Privatdetektiv checken. Dabei stellt sich raus, dass Lloyd ein ordentlicher Mann mit nur drei Vorstrafen wegen Einbruchs ist. Der einzige Haken dabei ist, dass er neben einem vollen Anteil noch zwei seiner Leute, nämlich seinen Schwager Alfred Frost und Arthur Finegan, mit ins Geschäft nimmt.

Betriebskapital muss her

Um Streitigkeiten zu vermeiden, wird vereinbart, dass für den Job und alle Vorbereitungen „der Major“ das Sagen hat, für alles Weitere ist dann Archy der Boss. Die Gentlemen benötigen ca. 50.000 Pfund für die Vorbereitungen und so wird ein älterer Plan in die Tat umgesetzt. Der Gehaltstransport der Airport- Angestellten soll auf dem kurzen Weg von der Bankfiliale zu dem Bürogebäude am Londoner Flughafen überfallen werden. So macht sich eines Morgens um 9 Uhr eine kleine Mannschaft mit acht Mann, Slowfoot am Steuer, mit falschen Schnurrbärten, Bartkoteletten und Perücken auf den Weg. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurz vor dem Überfall ziehen sich alle Strumpfmasken über den Kopf. Die uniformierten Wachleute werden überrumpelt, die Geldkassette an sich genommen und Augenzeugen mit Regenschirmen bedroht. Unglücklicherweise gibt der gekränkte Twinky, nachdem er einen Vorschuss nicht bekommt, anonym einen Tipp an die Polizei. Danach haben die Gentlemen vor Scotland Yard keine Ruhe mehr, es kann Ihnen aber nichts bewiesen werden.

Der große Plan

Die Gentlemen beginnen mit der Ausarbeitung der Details anhand einer genauen Abbildung einer Modelleisenbahn in Kinseys Keller. Der Plan sieht vor, die Lok mit dem Geldwaggon vom Rest des Zuges abzuhängen. An einer Brücke soll der Geldwaggon aufgebrochen und blitzschnell entladen werden. Lloyd findet einen alten Rangierlokführer, dem er weismacht, es ging um eine Wette und dieser zeigt ihm die nötigen Handgriffe, um die Waggons auseinanderzukoppeln.

Bis zum Überfall müssen sich alle unauffällig verhalten und für den Tag einwandfreie Alibis besorgen. Arrow kauft ein einsames Landhaus in der Nähe von Oakley, wo die vierzehn Männer sich ungestört bei blickdichten Vorhängen aufhalten können. Tag und Nacht werden Handschuhe getragen und der Major verbietet allen den Gebrauch von Schusswaffen. Cameron beschafft, das heißt, er stiehlt, zwei Range Rover und einen 3-Tonner.

Die Weichen sind gestellt

Niemand ahnt, dass an diesem Tag ein ungewöhnlich hoher Betrag auf die Reise geschickt wird. Mit Walkie-Talkies, in Drillich-Anzügen und Wollmützen über dem Kopf machen sich die Männer auf den Weg. Lloyds Aufgabe ist es, die Telefondrähte zu den Farmhäusern abzukneifen und das Signal umzustellen.

Als der Postzug kurz an der Signalbrücke stoppt, springen sie mit Eisenstangen hervor und überwältigen das Personal. Der sich heftig wehrende Lokführer muss niedergeschlagen werden und wird dann gezwungen, die Lok bis zur Brücke zu fahren. Mit Brechstangen wird die verschlossene und versiegelte Waggontür geöffnet. Die Postsäcke werden auf den 3-Tonner geladen und dann fahren die drei Wagen ohne Licht davon.

Fazit:

Hier endet das 50-minütige Hörspiel und man erfährt nichts über die weiteren Vorkommnisse. Sind die Gentlemen davongekommen? Das Hörbuch nach einer Bearbeitung von Hörspielregisseur Sándor Ferenczy ist sehr komprimiert und hätte für mich noch länger gehen können. Trotzdem wird sehr flott und nachvollziehbar über den tatsächlich größten Zugraub der britischen Kriminalgeschichte berichtet. Ich habe den Inhalt des kurzweiligen Hörbuchs sehr ausführlich wiedergegeben, damit man einen kleinen Eindruck von der Sprache bekommt.

Das Hörspiel, nach einem Bericht des Sternreporters Henry Kolarz im Jahr 1968 konzipiert, hat nichts von seinem Charme verloren und kommt ohne große Brutalitäten aus. Das ist sicherlich dem Stil der kultivierten Gentlemen-Gangster geschuldet. Der Hörer lauscht abwechselnd einem Erzähler, der durch die Geschichte führt und dem Blickwinkel des Hauptakteurs Donegan, der rückblickend seine Geschichte schildert. Neben der Untermalung mit Geräuschen und dem für die damalige Zeit typisch reduzierten Soundtrack punktet der Krimi mit viel Humor in den Dialogen, die das Hörspiel sehr lebendig machen und dem Hörer das Gefühl geben, mit dabei zu sein.

Unter anderen spricht Horst Tappert den kühlen Strategen „Major“. Bevor Tappert international als Oberinspektor Stephan Derrick bekannt wurde, hatte er seinen Durchbruch bereits 1966 im Fernsehen mit Die Gentlemen bitten zur Kasse (Trailer). Der legendäre Krimi-Dreiteiler ist genau wie das Hörspiel an die wahren Begebenheiten des Postzugraubs angelehnt.

Randnotizen

Der „Major“, in der Realität Bruce Reynolds, hielt sich nach mehreren Gefängnisaufenthalten als Buchautor und mit Interviews über Wasser und überreichte 1998 den Fernsehpreis „Telestar“ an seinen deutschen Darsteller Horst Tappert. Er verstarb 2013, genau wie der für mich bekannteste Postzugräuber Ronald Biggs, der im Hörbspiel durch Arthur Finegan, einen der Fulham Boys dargestellt wird.

Funfact: Der Tag des legendären Postraubzugs, der 8. August 1963, war Ronald Biggs 34. Geburtstag!

AdR: Die Bande erbeutete £ 2.631.684. Das sind nach heutigem Wert etwa 49 Millionen Pfund Sterling bzw. 56 Millionen Euro!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Gentlemen bitten zur Kasse | Produktionsjahr: 1968
Die aktuelle Hörbuchausgabe erschien am 9. Februar 2018 bei DAV Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0451-0
1 Audio-CD | 8.95 Euro
Laufzeit: 50 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

28. April 2018

Henning Mankell | Mittsommermord

Henning Mankell | Mittsommermord

Vor zwei Wochen hatten sie beschlossen, wo sie sich treffen wollten. Da war er ihnen schon seit einigen Monaten dicht auf den Fersen. Schon am Tag, nachdem sie ihren Beschluss gefaßt hatten, suchte er die Stelle. […]
Als er dann die Stelle fand, die sie für ihre Mittsommernachtsfeier ausgesucht hatten, dachte er sofort, daß es der ideale Ort war.
Er lag in einer Senke. Darum herum wuchs dichtes Gebüsch, und es gab ein paar Baumgruppen.
Sie hätten keine bessere Stelle wählen können.
Weder für ihre eigenen Zwecke noch für seine. (Auszug Seiten 9-10)

Sommer in Schonen: Kommissar Wallander und seine Kollegen müssen einen Vermisstenfall bearbeiten, der aus ihrer Sicht vermutlich gar keiner ist. Drei junge Menschen sind seit Mittsommer verschwunden, als sie gemeinsam eine Feier geplant hatten. Allerdings schicken sie seitdem in regelmäßigen Abständen Ansichtskarten aus europäischen Städten. Die jungen Leute sind volljährig, es gibt keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen, Wallander würde vermutlich gar nicht ermitteln, wenn nicht besonders eine Mutter immer wieder die Polizei bedrängen würde. Doch dann werden die Polizisten von einem Mord erschüttert: Ihr Kollege Svedberg wurde in seiner Wohnung von einem unbekannten Täter erschossen.

Zunächst hat Wallander wenig Anhaltspunkte, bis er zwei Dinge herausfindet. Svedberg hatte offenbar eine Beziehung zu einer Frau, von der niemand etwas wusste. Er findet ein Foto und einen Namen, „Louise“. Außerdem bemerkt Wallander, dass Svedberg das Verschwinden der drei jungen Leute offenbar ernst nahm und während seines Urlaubs eigene Ermittlungen anstellte. Doch warum teilte er diese nicht mit seinen Kollegen? Mitten während der Mordermittlungen findet ein Wanderer im Wald die Leichen der Vermissten, die offenbar schon länger tot waren und nun arrangiert in festlichen Kostümen platziert wurden. Ein unfassbares Verbrechen, dass Wallander und seine Kollegen unter noch größeren Erwartungsdruck setzt. Aber Wallander hat schnell das Gefühl, dass beide Taten zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wird der Täter wieder zuschlagen?

Mehr als 25 Jahre nach seinem ersten Auftritt in Mörder ohne Gesicht ist die Figur des Kurt Wallander ein fester Bestandteil des internationalen Kanons der Kriminalliteratur. Der Kommissar aus Ystad wirkte in insgesamt zwölf Bänden, war Protagonist in zahlreichen Verfilmungen, die zum Teil auf den Romanen beruhen, teils Figuren und Setting mit neuem Stoff adaptieren. 1991 erschien Mördare utan ansikte. Der Roman gewann auf Anhieb den schwedischen und skandinavischen Krimipreis. Der internationale Durchbruch ließ aber noch ein wenig auf sich warten. In Deutschland entschied sich der Rowohlt Verlag gegen eine Veröffentlichung. Die ersten drei Bücher erschienen ab 1993 beim kleinen Berliner Verlag edition q, der zum Quintessenz Verlag gehörte, einem Fachverlag für Zahnheilkunde. Erst 1999 übernahm der Paul Zsolnay Verlag die Erstveröffentlichungen.

Vor allem hofft ein guter Polizist, daß die Kriminalität abnimmt. Aber ein guter Polizist weiß gleichzeitig, daß dies kaum eintreten wird. Solange die Gesellschaft ist, wie sie ist. Solange Ungerechtigkeit der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist. (Seite 400)

Nachdem es nach den Kommissar-Beck-Romanen international mit schwedischen oder skandivanischen Krimis relativ ruhig wurde, erlebte das später Scandinavian Noir getaufte Genre in den 1990ern international eine Renaissance (einer der herausragenden initiierenden Romane war Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee). Dabei wurde Henning Mankell mit Wallander zum bedeutenden Vertreter. Mankell sah sich in direkter Tradition von Sjöwall/Wahlöö: Beck und Wallander weisen durchaus ähnliche Züge auf und Mankell kritisiert Entwicklungen in der schwedischen Gesellschaft. Maj Sjöwall grenzte sich in einem Interview mit dem Spiegel jedoch auch deutlich von Mankell ab: „Mankells Bücher beschreiben nur den Zustand der Gesellschaft. Die Missstände, die er aufzeigt, sind so deutlich, dass jeder sie erkennt. Außerdem gibt er vor, realistisch zu schildern. Aber er überzieht stark, ist sehr brutal und schreibt ohne Humor.“ Dennoch ist Mankell sicherlich ein ausgewiesen politischer Autor, der vor allem für sein Engagement für die Palästinenser und für Afrika bekannt wurde. Er lebte auch jahrelang in Afrika, insbesondere in Mosambik. 2015 erlag Mankell einem Krebsleiden.

Mittsommermord erschien im Original 1997 als siebter Wallander-Roman. Es ist ein klassischer Polizeikrimi mit Fokus auf der Ermittlungsarbeit und dabei insbesondere auf der Figur Wallander. Mankell verwendet einen personalen Erzähler, der ausführlich auch das Innenleben des Kommissars beschreibt. Doch neben Wallanders Perspektive gibt es auch Kapitel oder Abschnitte aus Sicht des Täters, womit der Leser den Ermittlern oft (aber nicht immer) einen Schritt voraus ist. Der Täter ist ein psychisch gestörter Mann, ein Serienmörder mit bizarrem Modus, allerdings verzichtet Mankell auf Blutrünstigkeit, die Monstrosität der Taten genügt völlig. Die Polizeiarbeit wird als mühsam und energieraubend, aber auch akribisch und systematisch beschrieben.

Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich begeistert Mankells Wallander-Krimis verschlungen und wollte nach langer Zeit überprüfen, ob mich die Werke immer noch begeistern können. Immerhin hat sich mein Krimigeschmack ja doch etwas weiterentwickelt. Ich habe dann Mittsommermord ausgewählt, weil ich noch dunkel im Hinterkopf hatte, dass dies der beste Teil der Reihe gewesen war. Und wie fällt mein Fazit nach dem Wiederlesen aus? Ich war aufs Neue absolut begeistert!

Das liegt weniger am eher soliden Schreibstil Mankells mit vielen, pragmatischen Hauptsätzen. Sondern am fast perfekten Plot mit großartigem Spannungsbogen, der immer wieder kleine Höhepunkte bereithält. Und letztlich vor allem an der Figur des Kurt Wallander. Der ist jetzt nicht so der absolute Sympathiebolzen, aber auch nicht das klischeehafte Wrack, das sich sonst so gerne in den nordischen Krimis einschleicht. Aber Mankell verlieht ihm etwas ganz Wichtiges: Authentizität. Ein Mann kurz vor der 50, geschieden, allein lebend. Ein gewissenhafter, intelligenter Polizist, allerdings manchmal auch etwas grantig und griesgrämig. Er kann durchaus im Team spielen, doch wagt auch riskante Alleingänge. Bei Wallander machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Der Fall geht total an seine Substanz. Rastlos, wenig Schlaf, ungesundes Essen, eine Diabetes wird ihm diagnostiziert. Doch er beißt sich durch alle Widrigkeiten und macht seinen Job. Kein strahlender Held, sondern ein Normalo, der zwar gut in seinem Beruf ist, den privat aber so einiges bedrückt.

Insgesamt war es ein absolut erfreuliches Wiedersehen mit Kommissar Wallander. Mittsommermord ist immer noch ein absolut spannender, hervorragend geplotteter Krimi, der außerdem über eine sehr wichtige Eigenschaft für einen guten Roman verfügt: Eine exzellent konzipierte, authentische Hauptfigur.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mittsommermord | Erstmals erschienen 1997
Die gelesene Ausgabe erschien 2005 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-08607-6
aktuelle Taschenbuchausgabe des dtv Verlag vom 1. Mai 2010:
ISBN 978-3-423-21218-2
608 Seiten | 9.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

1.April 2018

Weiterlesen: Tobias Gohlis über Henning Mankell und seine Figur Wallander

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Im selben Moment registrierte Martin Beck etwas. Keinen Schatten und auch kein Geräusch, nur eine kleine Veränderung in der Luft schräg hinter ihm. So unmerklich, dass nur die Stille der Nacht sie wahrnehmbar machte.
Er wusste, dass er nicht mehr allein auf der Mauer war. Das Auto sollte nur seine Aufmerksamkeit ablenken, während unten auf dem Kai jemand lautlos heranschlich und sich hinter ihm auf die Mauer schwang.
Und im selben Moment begriff er auch, glasklar und deutlich, dass dies keine Beschattung, kein Spiel, sondern Ernst war. Mehr als das. Es war der Tod. Dieses Mal war er hinter ihm her, und zwar nicht zufällig, sondern kalt, berechnend und vorsätzlich. (Auszug Seite 126)

Sommer in Stockholm: Kommissar Martin Beck sortiert die letzten Akten und verabschiedet sich in den Familienurlaub auf einer Schäreninsel. Doch schon nach einem Tag wird er für eine Spezialaufgabe ins Büro zurückbeordert. Der schwedische Reporter Alf Matsson ist von einer Recherchereise nach Ungarn spurlos verschwunden. Seine Zeitung droht sein Verschwinden auszuschlachten, die schwedische Regierung befürchtet diplomatische Verwicklungen. Daher reist Beck in inoffizieller Mission nach Budapest, um dort zu ermitteln.
Beck checkt im selben Hotel wie der Verschwundene ein und begibt sich auf Spurensuche. Alf Matsson hat allerdings sein ganzes Gepäck inklusive seines Passes im Hotel gelassen. Die erste Nacht hat er in einer anderen Unterkunft verbracht. Außerdem schien er Kontakt zu einer ehemaligen ungarischen Leistungsschwimmerin gehabt zu haben. Aber all dies bringt Beck nicht wirklich weiter, zudem erhält er mit Major Szluka einen ungebetenen Aufpasser. Doch die Ermittlungen haben jemanden aufgeschreckt, in einer einsamen Nacht am Donauufer spitzen sich die Ereignisse zu.

Der Schwedenkrimi oder heutzutage etwas regionaler gefasst Skandivian Noir oder Nordic Noir ist in der Kriminalliteratur ein eigenes international erfolgreiches Genre geworden, obwohl sich dort ziemlich unterschiedliche Autorenstile tummeln. Den Reiz dieses Genres macht vor allem sicherlich die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Leser an die gesellschaftlichen Umstände der skandivischen Musterländer und den düsteren Abgründen der Romane aus. Mehr oder weniger als Paten des Genres gelten Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrer zehnbändigen Romanreihe Roman über ein Verbrechen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1962 und bildeten bis zum Tode Wahlöös 1975 ein kongeniales Autorenduo. 1971 erhielt der vierte Roman Endstation für neun den Edgar Award und markierte damit endgültig den internationalen Durchbruch.

Wahlöö hatte bereits vor Erscheinen des ersten Martin-Beck-Romans 1965 Die Tote im Götakanal erfolgreich Krimis veröffentlicht. Unter anderem war er (Sjöwall später auch) Übersetzer den legendären Ed McBain-Krimis, die den beiden Inspiration boten für ihr großes Romanprojekt. Sjöwall und Wahlöö waren bekennende Marxisten und wollten ihre Krimis bewusst als politisches Vehikel benutzen. Beide übten große Kritik an den sozialdemokratischen Regierungen unter Erlander und Palme des vermeintlichen Musterland Schwedens, insbesondere an der Polizeireform 1965. Sie wähnten das Land auf dem Weg in den Faschismus und dagegen wollten sie anschreiben. Dabei brachten sie ihre Kritik und politische Meinung zunächst nur in geringem Maße ein, steigerten dies aber bis zum Ende der Reihe deutlich.

Der Mann, der sich in Luft auflöste ist der zweite Band der Reihe. Das schwierige zweite Buch, „die Hölle eines jeden Autors“, wie die Autorenkollegen Anders Röslund und Börge Hellström in ihrem begeisterten Vorwort meinen. Der Roman tanzt insofern ein wenig aus der Reihe, da er über weite Strecken nicht in Schweden spielt. Die später in der Reihe deutlicher formulierte Gesellschaftskritik kommt hier auch nur in homöopathischen Dosen vor. Im Gegenteil: Die Autoren spielen die ganze Zeit mit den Erwartungen des Lesers, dass sich hier ein politisches Verbrechen verbirgt (Kalter Krieg, Eiserner Vorhang), was sich aber in der gelungenen Auflösung nicht bewahrheiten wird.

Jetzt saß er hier in Budapest mit einem Auftrag, für den er nur mit größter Mühe Interesse aufbringen konnte. (Seite 95)

Was mir an diesem Buch direkt auffiel, war die intensive Beschreibung der Figuren und der Szenen und Schauplätze. Dies ist auf der einen Seite äußerst filigran und gekonnt, sorgte bei mir aber während der Kapitel in Budapest teilweise für eine merkwürdige Stimmung. Es gibt lange Phasen, in denen eigentlich kaum etwas passiert, es fühlt sich ein wenig wie in Zeitlupe an. So wie Beck selbst, ging es mir auch hin und wieder. Bis zu dieser Szene an der Donau.

Als Fazit kann ich mich nicht völlig begeistert zeigen, aber gerade das Ende hat mich positiv versöhnt. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, warum diese Figur des Kommissar Beck bis heute ihren Reiz hat und auch fürs Fernsehen adaptiert wurde. Beck und seine Kollegen werden als absolute Normalos präsentiert, ihre Polizeiarbeit ist gründlich und strukturiert. Das wirkt auf den Leser sehr authentisch. Ich werde mir aus Interesse auf jeden Fall auch nochmal einen der älteren Bände vornehmen, in dem Sjöwall und Wahlöö ihre Gesellschaftskritik um einiges deutlicher platziert haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Mann, der sich in Luft auflöste |Erstmals erschienen 1966
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. Oktober 2008 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-24442-1
234 Seiten | 8.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

29. März 2018

Weiterlesen:
50 Jahre Martin Beck auf Deutsch – Eine Hommage von Ulrich Noller | Autorenporträt auf kaliber .38 | Interview mit Maj Sjöwall von Spiegel Online in 2005

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.