Kategorie: Aktenzeichen

Jess Kidd | Der Freund der Toten

Jess Kidd | Der Freund der Toten

Sein letzter Schlag nahm ihr die Sehkraft. Sie lag am Rande der Welt, wünschte sich endlich, es möge vorbei sein. Sie drehte das zertrümmerte Gesicht ihrem wunderschönen Jungen zu, meinte, ihn immer noch sehen zu können, sogar durch die Dunkelheit, eine matt schimmernde Rose des Waldes. (Auszug Seite 7)

Mitte der 70er Jahre taucht der gut aussehende 26-jährige Mahony in dem kleinen irischen Dorf Mulderrig auf. Der ungepflegte Hallodri wirkt ziemlich verlottert, aber mit dem ihm eigenen Charme wirkt er besonders auf die Damen sehr anziehend. Er wuchs als ehemaliges Findelkind in einem katholischen Waisenhaus in Dublin auf und erfuhr erst vor kurzem, dass seine Mutter keine Hafen-Hure war, die ihn einfach ausgesetzt und dann vergessen hatte, wie man ihm jahrelang weismachte. Mit einem Foto von sich und seiner blutjungen Mutter Orla Sweeney möchte er nun in ihrem Heimatdorf herausfinden, was damals geschah. Die Dorfbewohner halten sich aber bedeckt und scheinen alle etwas zu verbergen. Die lebenslustige Orla galt als „Dorfflittchen“ und als sie vor 25 Jahren mit ihrem kleinen Baby in den Bus stieg, wurde sie angeblich nie wieder gesehen.

Unterstützung bekommt Mahony nur von der exzentrischen, scharfzüngigen Merle Cauly, einer ehemaligen Schauspielerin. Die alte Dame ist inzwischen pflegebedürftig aber mit einem messerscharfen Verstand ausgestattet. Ein Theaterstück, das die Greisin unter Teilnahme des ganzen Dorfes plant, dient als Vorwand, um alle unauffällig befragen zu können. Immer wieder wird die Handlung durch Rückblenden in das Jahr 1950 unterbrochen.

Cold Case aus den 50ern

Alles schon mal dagewesen, könnte man jetzt meinen: Dunkle Familiengeheimnisse und ein bigottes Provinznest mit einer verstockten Dorfgemeinschaft, die Fremden erst mal mit Misstrauen begegnen, sowie ein lang zurückliegendes Verbrechen, das aufgeklärt werden soll. Aber mich hat dieser ungewöhnliche Roman, der so richtig in keine Schublade passt von Anfang an in den Bann gezogen.

Da ist zum einen unser lässiger Held Mahony, der über die Gabe verfügt, Tote zu sehen und mit ihnen zu sprechen und das macht aus dem Debüt der englischen Autorin einen mehr als originellen Roman. Die Toten streifen durch Häuser, gehen durch Wände, tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder. Nützliche Hinweise geben sie eher unabsichtlich, da sie nur „Echos der Geschichte ihres eigenen Lebens sind“. Diese skurrilen Augenblicke werden ohne große Erläuterung so selbstverständlich in den Plot eingeflochten, dass man nicht auf die Idee kommt, dieses zu hinterfragen. Durch eine Aneinanderreihung von kuriosen und verrückten Episoden entsteht eine mystisch angehauchte Atmosphäre. Es wuselt nur so von kauzigen Dörflern und umtriebigen Toten. Die Autorin hat einen ganzen Sack schräger Typen entwickelt, zum Beispiel Merle Cauly, um nur eine zu nennen, für die das Wort Exzentrik wahrscheinlich erfunden wurde.

Jess Kidd, 1973 in London geboren, verbrachte einen Großteil ihrer Jugend in einem kleinen Provinznest an der irischen Westküste und hat ein gutes Gespür für die Dorfwelt und ihre Bewohner. Ihre Charaktere sind alle überspitzt aber liebevoll und lebendig angelegt.

Schönheit und Gewalt

Zum anderen hat mir der literarische, bildhafte Erzählstil sehr gut gefallen. Kidds Sprache ist fein, fast zart, dann wieder roh. Sie ist mit viel Wortwitz und einer ausschweifenden Fantasie bei der Sache und streut einige fast poetische Sätze bei. Trotz der erschaffenen dichten Atmosphäre eines zauberhaften Märchens gelingt es der Autorin, eine düstere und fesselnde Geschichte mit sehr drastisch geschilderten Tötungsszenen zu erzählen. Eine, bei der ein Tier erschlagen wird, ging mir besonders nahe. Auch die Darstellung der Gewalt im Prolog ist in ihrer schonungslosen Art schwer zu ertragen, da durch die präzisen Schilderungen das Geschehen schmerzhaft realistisch dargestellt wird.

Für mich funktioniert diese Geschichte auch so gut, weil sich gewaltvolle, schreckliche und magisch-schöne, berührende Momente ständig abwechseln. Und kurz bevor die Absonderlichkeiten mir tatsächlich ein bisschen zu viel wurden, endet das Buch und man muss aus diesem bunten, abgedrehten und schrägen Kosmos wieder auftauchen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Freund der Toten | Erschienen am 13. September 2018 im DuMont Buchverlag
ISBN eBook 978-3-8321-8928-9
384 Seiten | 8,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Andreas Pflüger | Geblendet

Andreas Pflüger | Geblendet

Ein Finger von Aaron zuckt zu Nachtschattens Drosselgrube, sticht aber in die Luft. Ohne dass sie es wahrnahm, hat die Frau die Position gewechselt und steht jetzt hinter ihr.
Aaron fährt herum. Sie wirft sich der Stimme entgegen, aber fliegt an ihrer Gegnerin vorbei.
Stürzt.
Sie hört ihre gelassene Stimme. „Wie eitel du bist. Du glaubst, dass man in Wäldern nie ein stolzeres Tier gesehen hat als dich.“ (Auszug Seite 178)

Einige Monate sind vergangen, seitdem sich die blinde Elite-Polizistin Jenny Aaron sich dem Terroristen Der Broker in einem vermeintlichem Safehouse stellen musste (Band 2: Niemals). Damals starben einige Männer, die zu ihrem Schutz abgestellt waren. Sie ist seitdem nicht zur Abteilung zurückgekehrt, hält sich in West Virginia bei ihrem Meister in Gōjū-Ryū auf, und versucht, zu sich zu finden. Außerdem bereitet sie sich auf die Therapie bei Professor Reimer auf Rügen vor, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll. Doch währenddessen arbeiten ihre Kollegen und Freunde weiter und versuchen, denjenigen zur Strecke zu bringen, der den Standort des Safehouses damals verraten hatte.

Eigentlich wissen sie, wer es war. Doch den Innensenator der Korruption und des Verrats zu entlarven, ist alles andere als einfach, denn dieser ist nicht nur gerissen, sondern hat als Koordinator der Innenminister der Länder auch den politischen Einfluss auf die „Abteilung“. Trotzdem setzt die neue Leiterin Demirci ein Team auf ihn an und sie können tatsächlich ein verräterisches Treffen in Portugal mit mafiösen Geschäftsmännern observieren. Doch ein Beweis bleibt weiterhin aus. Da geschieht in Deutschland plötzlich eine unfassbare Tat und Jenny Aaron muss ihre Therapie unterbrechen, die Wiedererlangung ihrer Sehkraft aufs Spiel setzen, um ihre Freunde und Kollegen bei dieser Bedrohung zur Seite zu stehen.

Dabei hätte Jenny die Atempause dringend nötig. Sie ist innerlich in Aufruhr, schwankt zwischen Loyalität und Eigennutz. Die beginnende Therapie zerrt an ihren Sinnen, ist sie wirklich bereit, ihre herausragenden Fähigkeiten in Gehör und Geruch ein Stück weit einzubüßen, wenn sie dafür wieder sehen kann? Zudem beginnt sie nun endlich ihre Beziehung zu ihrem Vater, dem ehemaligen Leiter der GSG 9, zu hinterfragen. Dabei kommt ihr aber überraschend die Konfrontation mit einer ebenbürtigen Gegnerin zur Hilfe.

Die sieben Samurai, das ist wahr.
„Du weißt, dass nur zwei am Leben bleiben“, sagte Kishō.
„Ein würdiger Tod.“
„So ehrenhaft eine Tat auch erscheinen mag: Manch einer hat mit dem letzten Atemzug anders darüber gedacht.“ (Seite 249)

Andreas Pflüger hat mit der Reihe um Jenny Aaron die Maßstäbe im deutschen Thriller hoch gesetzt, manche Kritiker sind sogar der Ansicht, dies gelte weltweit. Das vermag ich nicht wirklich zu beurteilen, allerdings ist Pflügers Stilistik extrem überzeugend. Tempo, Sprache, Dialoge sind geschliffen und aus einem Guss. Auch als Leser, der eher realistische Stoffe bevorzugt und mit Superhelden- und Superschurkengeschichten so seine Probleme hat, muss ich sagen, dass diese Reihe einfach sehr stark geschrieben ist und absolut rund wirkt. In diesem (letzten?) Band geht es nochmal sehr stark um Jenny Aaron selbst, ihr Selbstbild, wie sie zu dem wurde, was sie ist, und ob sie dies auch selbst einordnen kann. Das hemmt manchmal die Rasanz und Spannung des Plots, aber das ist ein Jammern auf sehr hohem Niveau. Geblendet ist wie seine Vorgänger (die man chronologisch lesen sollte) ein überzeugender Pageturner, die ganze Reihe ein Muss für Thrillerfans.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Geblendet | Erschienen am 12. August 2019 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-42895-5
508 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezensionen zu den Romanen Endgültig und Niemals von Andreas Pflüger.

Cornelia Leymann | Kiel Ahoi!

Cornelia Leymann | Kiel Ahoi!

In Kiel schwimmt eine Leiche im Olympiahafen – und trotzdem kommt beim Lesen dieses Buches, dem vierten „Küstenkrimi“ von Cornelia Leymann, kein Gänsehautgefühl auf, sondern eher ein Schmunzeln auf dem Gesicht des für solche Krimis empfänglichen Lesers auf. Man kann davon ausgehen, dass die Autorin genau das beabsichtigt; wer die vorherigen Bücher kennt, kann schon ahnen, was hier auf ihn zukommt.

Nachdem ihn seine Ehefrau mal wieder aus (hier noch unbegründeter) Eifersucht aus dem Schlafzimmer ausgesperrt hat, verzieht sich Uwe Grossmann, seines Zeichens Mathelehrer, auf sein Boot im Kieler Olympiahafen und tröstet sich mit dem dort reichlich vorhandenen Rumvorrat. Frühmorgens, geweckt durch ein Klopfgeräusch am Schiffsrumpf, entdeckt er im Wasser neben seinem Boot die Leiche einer Frau. Uwe alarmiert die Polizei per Handy. Da dieses dabei ins Wasser fällt, er sich mangels mitgeführter Papiere gegenüber Kommissar Schneider auch nicht ausweisen kann und seine Frau Sonja nicht zu Hause ist und ihn daher nicht identifizieren kann, landet er erst mal im Knast.

Wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellt, war die Tote die Putzfrau der Grossmanns, Frau Heinze. Für Kommissar Schneider dreht sich nun das Karussell der Verdächtigen munter um Uwe, Sonja und Herrn Heinze, der als Masseur in einem Fitnessstudio arbeitet und gerade versucht, sich über „Heimarbeit“ zusätzliche Finanzen zu beschaffen. Der Kommissar ist schwer beschäftigt und Uwe gibt der Eifersucht seiner Frau neue Nahrung, als er sich näher mit seiner Lehrerkollegin (Französisch) Vanessa Koslowski befasst.

Als weitere Figuren in diesem Spiel kommen noch zwei Schüler, Manu und Tommi, hinzu. Erstere war verliebt in Uwe und endet ebenfalls als Wasserleiche. Der Schluss der Handlung ist überraschend und genauso ungewöhnlich wie der ganze Plot.

Die Autorin hat wieder mal eine sprachlich sowohl humorvolle als auch ironisch geschilderte Geschichte entwickelt, fast mehr Komödie als Krimi. Der Schreibstil ist ungewöhnlich, da sie immer wieder die Leser direkt anspricht – gefällt vielleicht nicht jedem, vor allem, wenn man einen der üblichen Krimis erwartet. Ich finde es aber gut, da es mal etwas anderes ist.

Fazit: Alles in allem ist Kiel Ahoi! wieder ein Lesevergnügen der besonderen Art, als Urlaubskrimi bestens geeignet!

Cornelia Leymann, geboren 1951 in Hannover, hat dort erst Pädagogik und Verkehrsingenieurswesen studiert und ist nach einigen Umwegen in Kiel hängen geblieben, wo sie als EDV-Spezi in Kieler Großbetrieben arbeitete. Heute widmet sie sich neben ihrer großen Liebe Bridge nur noch dem Schreiben und Malen.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Kiel Ahoi! | Erschienen 2018 bei Emons Verlag GmbH, Köln
ISBN 978-3-7408-0422-0
208 Seiten | 10.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Moin, Moin und Dumm Tüch von Cornelia Leymann.

Liza Cody | Ballade einer vergessenen Toten

Liza Cody | Ballade einer vergessenen Toten

Dieser Song mit seiner schmerzlich-schönen Melodie und seinem herzzerreißenden Text bewirkt, dass die Frau ihren Kopf in die Zeitung steckt und weint. Doch er setzt auch die Alchemie in Gang, die Amy von einer ausrangierten, trauernden verlorenen Seele in eine Biografin verwandeln wird. (Auszug Seite 19)

Die Schriftstellerin Amy ist an einem Tiefpunkt angelangt. Beruflich läuft es nicht wirklich rund und jetzt wurde sie auch noch von ihrem Freund, einem erfolgreichen Autor verlassen. Passend zu ihrer deprimierten Stimmung läuft im Radio der 80er Jahre Song „See Jesse Tomorrow“ der Band SisterHood. Deren blutjunge Sängerin Elly Astoria war ein musikalisches Genie und leider viel zu früh verstorben. Die Band löste sich danach sofort auf und Elly geriet nach der medialen Aufregung um ihren Tod sehr schnell in Vergessenheit. Das musikalische Wunderkind wurde vor 25 Jahren grausam misshandelt und ermordet aufgefunden, der Täter nie gefasst. Die spontane Idee eine Biografie über Elly Astoria zu schreiben, beflügelt Amy total. Sie will unbedingt mehr über die begnadete Musikerin erfahren und der Nachwelt das vergessene Genie in Erinnerung bringen.

Wer war Elly Astoria?

Die Umstände von Ellys Tod spielen erst mal gar keine so große Rolle denn Amy sieht sich auch nicht als Detektivin. Amy interviewt die damaligen Lehrer und Nachbarn, ermittelnde Polizisten und sogar den Friseur, der für die nötige Bühnenpräsenz sorgen sollte. Während sich Ellys Lebensgeschichte anhand von Interviews der Bandkollegen, Abschriften von Polizeiberichten, E-Mails, Briefen, Tagebucheinträgen und Tonaufzeichnungen immer detaillierter darstellt, tritt die Person Elly mehr und mehr in den Hintergrund. Da wir sie nur durch die Augen anderer kennen lernen, bleibt ihre Persönlichkeit blass.

Unauffällig, fast unsichtbar war das zierliche Mädchen auch in der Schule, bis man auf ihr absolutes Gehör aufmerksam wurde. Ohne Vater lebte sie mit ihrer drogensüchtigen Mutter in einer verwahrlosten Wohnung zusammen. Sie fühlte sich für ihre Mutter verantwortlich und verdiente Geld als Musikerin auf den Straßen Londons. Hier wird die Frauenband auf sie aufmerksam und bald ist sie die Sängerin und Songschreiberin der SisterHood. Die Frauen, allen voran „Big Mama“ Briony, die füllige Bandmutter, nehmen die vernachlässigte Außenseiterin unter ihre Fittiche, profitieren aber auch von ihrem Megatalent und vereinnahmen sie. Als ihre Mutter stirbt und die Band erstmals die versifften Verhältnisse sehen, in denen Elly leben musste, wurde die Wohnung renoviert und alle Bandmitglieder zogen mit ein. Elly ließ alles mit sich geschehen, sie war aber auch erst 15 Jahre alt, und nicht 18, wie sie allen erzählte.

Die Macht der Musik

Bei ihren Recherchen stößt Amy auf unterschiedliche Aussagen, auch auf Neid und Missgunst und ihr wird klar, dass sie den Mord an Elly nicht ausklammern kann und die Biografie würde sich auch besser verkaufen. Also wird aus der Musikerbiografie eine Ermittlungsgeschichte und sie erstellt eine Liste mit zehn Verdächtigen für die grausame Tat. Was ist zum Beispiel mit dem zwielichtigen Manager Tom Prank und seiner geschäftstüchtigen Zwillingsschwester Carol, die Elly zum Megastar gemacht hatten? Aber was hätten sie für einen Grund gehabt? Die Geschwister verdienten Millionen, während die Band fast leer ausging. Dann doch schon eher die schöne Maddie, sexy Star der Band, bevor Elly dazu stieß. Ausgerechnet die kleine, unscheinbare Elly, die auf Bildern oft nur der verwischte Fleck ist, der grade ins Bild kommt oder rausgeht. Aber sobald sie die Bühne betrat, entwickelte sie ein Charisma und riss die Massen mit.

Es ist recht interessant, einmal festzustellen, wie oft Beteiligte gewisser Begebenheiten in Ellys Leben gestehen, dass sie einen Hass auf sie entwickelten, einfach weil alle anderen „sie liebten“. Oder Neid empfanden, weil Elly, die zweifellos musikalisch begnadet war, zusätzlich auch noch eine Art von Aufmerksamkeit auf sich zog, die sie „gar nicht verdiente“. (Seite 87)

Amy muss tief im Leben der grausam Ermordeten graben und hadert erst mit ihrer Rolle als Detektivin. Es ist interessant zu lesen, wie sie langsam über sich hinaus wächst, streng gehütete Geheimnisse enthüllt und sogar einen Verleger an Land zieht.

Fazit

Obwohl die englische Krimiautorin Liza Cody zum Schluss auch eine stimmige Auflösung anbietet, ist es weniger ein Kriminalroman, sondern mehr ein detailliertes, teilweise bissiges Portrait des gar nicht so glänzenden Musikgeschäfts. Es ist auch eine Abrechnung mit den Abgründen der Musikindustrie einschließlich ein paar gekonnten Seitenhieben gegen Musikjournalisten. Den präzisen Blick hinter die Kulissen der Musikszene kauft man Cody aufgrund ihrer Erfahrungen als Roadie im Konzertbusiness der 6oer und 70er Jahre völlig ab.

Es war mein erster Roman von Liza Cody, aber nachdem ich mich erst mal auf die nicht lineare Erzählweise und die sukzessive Enthüllung der unterschiedlichen Informationen eingelassen hatte, habe ich die grandiosen Charakter- sowie Milieustudien sehr genossen. Cody schreibt mit Witz, Empathie aber ohne große Sentimentalitäten. Am Ende dieser außergewöhnlich erzählten Geschichte will man unbedingt die ergreifende und berührende Musik der fiktiven Elly Astoria hören.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ballade einer vergessenen Toten | Erschienen am 24. April 2019 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-542388
416 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Cody-Romanen Miss Terry und Lady Bag.

Jakob Bodan | Ein richtig falsches Leben

Jakob Bodan | Ein richtig falsches Leben

Das Einzige, was Constanze jemals zum Mord an ihrem Vater geschrieben hatte, war der offene Brief an die RAF gewesen. Eine Antwort hatte sie nicht erhalten.
„Wie kommt es, dass die Täter niemals identifiziert worden sind?“
Die immergleiche unerlässliche Frage.
„Sie waren einfach zu gut“, meinte Ortner.
„Besser als die Polizei? Kaum zu glauben.“
„Es wird dir nichts anderes übrig bleiben. Selbst wenn du wüsstest, wer geschossen hat, würde dein Vater nicht wieder lebendig.“ (Auszug Seite 114)

Constanze Behrenberg lebt mit ihrem Sohn David aktuell im Haus der Familie in Südfrankreich. Dort lernt sie Frederic kennen, einen Deutschen, der dort in einem alten Bauernhaus mit seiner Partnerin Marie-Claire Marmeladen herstellt und verkauft. Constanze und Frederic kommen sich näher. Doch Frederic ist nicht der, der er zu sein vorgibt und er erkennt bald, dass ihn eine monströse Tat mit Constanze verbindet: Er war (und ist) Teil der dritten Generation der RAF, die vor mehr als zwanzig Jahren Constanzes Vater Stephan Schilling ermordet hat.

Die Mörder Schillings wurden nie gefasst. Die meisten der dritten Generation der RAF sind immer noch im Untergrund. Wie Frederic. Doch der stellt sein Leben und seine Taten inzwischen in Frage. Er hält es nicht mehr aus, will auch wissen, was damals wirklich passierte, welche Personen im Hintergrund die Fäden zogen. Und er will Marlene wiedersehen, eine Mitkombattantin und seine große Liebe. Auch Constanze hat das Trauma der Ermordung des Vater nur oberflächlich überwunden. Sie versuchte damals als Jugendliche vergeblich, Kontakt zur RAF aufzunehmen, um Antworten zu finden. Sie will immer noch die Mörder finden und hinterfragt das ehrliche Bemühen der deutschen Sicherheitsbehörden nach echter Aufklärung. Als auch sie die Identität Frederics herausfindet, kommt es zu einem brüchigen Pakt zwischen beiden auf der Suche nach der Wahrheit. Doch auf der anderen Seiten gibt es immer noch einige, die darauf achten, dass diese niemals ans Licht kommt.

Hatte er ernsthaft Welcome-Back-Gesänge erwartet? Hoch die Tassen auf die alte Zeit? Das war kein Veteranentreffen. Das waren verbitterte, verkrachte, seelisch verwahrloste Gestalten. […]
Das Leben im Untergrund war nur ein halbes Leben.
Die Früchte der Anarchie hatten nie geschmeckt.
Aber nun waren sie verfault. (Seite 224)

Die RAF hat auf mich schon als Kind eine irgendwie makabere Faszination ausgeübt. Ich weiß noch genau, wie ich als Neunjähriger nach einer Samstagabendshow im Oktober 1985 noch einen Teil der abschließenden Nachrichten sehen durfte und dort die Meldung vom Mord an Gerold von Braunmühl kam. Seitdem habe ich zahlreiche Bücher und Filme über die RAF gelesen bzw. gesehen. Die sogenannte dritte Generation ab Mitte der 1980er ist bis heute zum großen Teil ein Mysterium, sind doch nur wenige Mitglieder namentlich bekannt, die Mörder von Braunmühl, Herrhausen oder Rohwedder nicht ermittelt. Bis heute leben viele im Untergrund, begehen sogar weiterhin Raubüberfälle, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Bekannt ist, dass diese Terroristengeneration massive Unterstützung der DDR erhalten hatte.

Autor Jakob Bodan (ein Pseudonym) nutzt die spärlichen Fakten, um daraus eine fiktive Geschichte zu machen, in der er letztlich auch die Frage stellt, wem nutzten die letzten Morde der RAF, war die RAF noch eine Organisation mit einer gefestigten (wenn auch verqueren) Ideologie oder waren sie zu Handlangern, zu Auftragsmördern Dritter verkommen? Als Constanze und Frederich beginnen, Staub aufzuwirbeln, wird klar, dass die Omertá der Täter immer noch gilt, Verräter nicht geduldet werden und weitere Hintermänner oder zumindest Nutznießer noch in ganz anderen Positionen sitzen. Im begleitenden Pressetext sagt der Autor, dass der Staat kein Interesse an der Wahrheit habe und die innere Einheit Vorrang vor der Aufklärung der Rolle der DDR in der Geschichte der RAF besitze.

Als Vehikel und Aufhänger wählt Bodan das Private der Opfer und Täter. Das Leid und das Trauma der Hinterbliebenden, die von der Tat gezeichnet bleiben – in diesem Fall Constanze, die ein emotionales Defizit und ein ungestilltes Rachebedürfnis zurückbehalten hat. Auf der anderen Seite die Täter, die immer noch unerkannt sind, sich total auf das nicht selbst bestimmte Leben im Untergrund einlassen müssen und sich ihrer Taten nicht stellen.

Als Ansatz ist dies durchaus überzeugend, allerdings war das Ergebnis für mich manchmal zu verkopft. Der Autor bringt Verweise auf Schillers Die Räuber und der Titel darf sicherlich als Hinweis auf Adornos Es gibt kein richtiges Leben im falschen interpretiert werden. Das alles deutet natürlich darauf hin, dass Bodan hier weniger einen Thriller als eher einen politischen Gesellschaftsroman im Sinn hatte. Warum er dann doch die Thrillerelemente einbaut, bleibt unklar, denn diese Szenen gehören nicht zu den Stärken des Romans und wirken unrund geplottet. Dennoch fand ich das Thema, die Anregungen und Andeutungen interessant und gelungen. Insgesamt also eine zwiespältige Lektüre mit Stärken und Schwächen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Ein richtig falsches Leben | Erschienen am 3. Juni 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30711-3
384 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe