Kategorie: 4 von 5

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende März 2021

 

Mike Knowles | Tin Men

Im kanadischen Hamilton wird eine hochschwangere Polizistin Opfer eines sehr brutalen Mordes. Dabei wurde ihr das ungeborene Kind aus dem Leib geschnitten. Die drei Cops mit der besten Ermittlungsquote werden gemeinsam auf den Fall angesetzt. Allerdings sind die drei auch ziemlich problematische Typen, allen voran der zur Gewalt neigende Os. Der Druck für einen Ermittlungserfolg ist hoch und so gehen die drei auch mit ziemlich hoher Energie an den Fall heran. Was Os seinen Partnern allerdings verschweigt: Er ist der Vater des Kindes und hatte sich von der Toten nicht im Einvernehmen getrennt.

Ein grausamer Mord und drei Cops mit verdammt vielen eigenen Problemen. Der Titel „Tin Men“ steht dabei in Anlehnung an den Blechmann aus Zauberer von Oz (der in Rüstung und ohne Herz). Autor Mike Knowles erzählt die Story aus den drei Perspektiven der Cops und in einer erzählten Zeit von etwas mehr als 24 Stunden. Somit hat das Ganze ordentlich Tempo, ohne dabei aber zu vergessen, die Tiefe seiner drei Protagonisten auszuloten. Eine wirklich gelungene, düstere Copnovel aus Kanada – garantiert ohne Happy End.

Tin Men | Erschienen am 15.10.2020 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-14-7
338 Seiten | 14,- €
Originaltitel: Tin Men (Übersetzung aus dem kanadischen Englisch von Karen Witthuhn)
Bibliografische Angaben

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

John Boyne | Die Geschichte eines Lügners

Erich Ackermann ist ein älterer Literaturprofessur und Autor, der nach einer durchschnittlichen Karriere zuletzt dann doch mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Bei einer Lesereise in seine Heimatstadt West-Berlin trifft er auf den jungen Aushilfskellner Maurice Swift, der selbst von einer Schriftstellerkarriere träumt. Der homosexuelle Ackermann fühlt sich zu Maurice hingezogen, nimmt ihn als Assistenten mit auf Lesereisen und vertraut ihm ein dunkles Kapitel seiner Lebensgeschichte an. Maurice erkennt seine Chance: Als Autor ist er stilistisch brillant, aber ihm fehlen die Geschichten. Und nun hat Ackermann ihm eine starke Geschichte geliefert.

Autor John Boyne ist vielen bekannt als Autor des Holocaust-Romans „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Mit „Die Geschichte eines Lügners“ begibt er sich diesmal in die schillernde und raue Welt des Literaturbetriebs. Protagonist Maurice Swift ist bereit, nicht nur buchstäblich über Leichen zu gehen, um seine Karriere als Schriftsteller voranzutreiben. Dabei ist er ein charmanter und gutaussehender Typ, im Inneren aber ein Opportunist und Narzist ersten Ranges. Freunde, Bekannte und auch die Familie werden im Zweifelsfall arglistig getäuscht und ausgenutzt.

Die Rezensionen der Presse auf diesen Roman waren (soweit ich es mitbekommen habe) ziemlich positiv. Nicht nur die New York Post verglich den Roman und seine Hauptfigur mit dem talentierten Mr. Ripley. In diese Lobeshymnen mag ich nicht so richtig einstimmen. Sicher, der Roman liest sich ganz gut. Es gibt vier verschiedene Abschnitte aus drei Perspektiven, zudem zahlreiche bissige Verweise auf den Literaturbetrieb. Allerdings wirkt das schon etwas stereotyp (alte schwule Autoren und komplizierte junge Autorinnen). Boynes Figuren bleiben für mich vielfach auch eher flach. Außerdem fand ich die Story zunehmend langweilig, denn im Grunde variiert Maurice seine betrügerische Masche nur punktuell, bevor am Ende… (ok, das Ende spoiler ich nicht, aber auch das war nur teilweise überraschend). Das Ganze ist für meinen Geschmack in Bezug auf Figuren und Spannung nicht die höchste Liga – schon gar nicht in einer Liga mit Patricia Highsmith.

Die Geschichte eines Lügners | Erschienen am 11.01.2021 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-05963-3
432 Seiten | 24,- €
Für die E-Book-Ausgabe:
ISBN 978-3-492-99624-2 | 19,99 €
Originaltitel: A Ladder To The Sky (Übersetzung aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 2,5 von 5
Genre: Spannungsroman

 

Hallie Rubenhold | The Five – Das Leben der Frauen, die von Jack The Ripper ermordet wurden

Mary Ann „Polly“ Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly – hätte da bei diesen Namen sofort etwas geklingelt? Vermutlich bei vielen nicht – und das, obwohl sie mit einem der berühmtesten Kriminalfälle verbunden sind. Diese Frauen sind die sogenannten „Kanonischen Fünf“ – die fünf Mordopfer, bei denen sich Forscher und Kriminalisten mit großer Mehrheit sicher sind, dass sie von Jack The Ripper im Spätsommer und Herbst des Jahres 1888 ermordet wurden (es gab noch weitere Mordfälle rund um diese fünf, die aber nicht eindeutig zugeordnet werden konnten). Während der Mörder, dessen Identität bekanntlich bis heute nicht geklärt ist, enorme Bekanntheit erlangte und geradezu mystifiziert wurde, wurden seine Opfer schnell alle als Prostituierte gebranntmarkt und postum herabgewürdigt.

Die Autorin Hallie Rubenhold will mit diesem Buch die Opfer wieder ins Licht holen, ihre Lebensgeschichten und Schicksale erzählen. Alle Frauen waren Bewohner des Elendsviertels Whitechapel, lebten zuletzt in tiefer Armut, übernachten teilweise in Armenhäusern oder sogar auf der Straße (wo der Ripper vier der fünf ermordete). Doch sie waren beileibe nicht alle Prostituierte, letztlich war dies wohl nur Mary Jane Kelly zum Zeitpunkt ihres Todes. Rubenhold versucht die Leben der Frauen zu rekonstruieren und auch wenn die Autorin aufgrund mancher unklaren Quellenlage regelmäßig zu Formulierungen wie „wahrscheinlich“, „womöglich“ oder „offenbar“ greifen muss, gelingt ihr über die Biografien eine lesenswerte Darstellung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschicht und vor allem der Frauen im viktorianischen Zeitalter. Ein wirklich überfälliger Blickwinkel auf den Jack The Ripper-Fall und ein Statement gegen Misogynie unter dem #saytheirnames.

The Five – Das Leben der Frauen, die von Jack The Ripper ermordet wurden | Erschienen am 16.11.2020 bei Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-01186-5
424 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Five. The untold lives of the women killed by Jack The Ripper (Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: True Crime

Fotos und Rezensionen 1-3 von Gunnar Wolters.

 

Eva Almstädt | Ostseelüge

Pia Korittki nimmt im Dezember ihren Resturlaub und besucht eine alte Schulfreundin in Dänemark, die dort vor kurzem ein Hotel eröffnet hat. Pia wird in der ersten Nacht in ihrem Zimmer überfallen, meldet das der örtlichen Polizei, möchte ihren Urlaub aber trotzdem weiterhin genießen. Als es dann zu einem Todesopfer im Hotelrestaurant kommt, beginnt Pia allerdings doch mit eigenen Ermittlungen…

„Ostseelüge“ von Eva Almstädt ist ein kurzweiliger Urlaubskrimi, der spannend geschrieben ist und der auch Einblicke aus Sicht der Opfer bei Ermittlungen gibt, denn Pia steht auf einmal auf der anderen Seite, da sie in Dänemark keinerlei Befugnisse hat. Kann ich empfehlen zu lesen.

Ostseelüge | Erschienen am 27. März 2020 im Verlag Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-17953-4
160 Seiten | 10,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Genre: Regionalkrimi

 

Klaus-Peter Wolf | Todesbrut

Das Vogelgrippe-Virus greift auch auf den Menschen über und die Krankheit verläuft schnell und tödlich. Die Kleinstadt Emden in Ostfriesland, in der der erste Fall in Deutschland bekannt wird, wird abgeriegelt. Die Inselbewohner auf Borkum haben ebenfalls Angst vor einer Ansteckung und lassen die Fähre aus Emden nicht anlegen. Die Regierung entscheidet zu langsam, also nimmt die Bevölkerung erforderliche Maßnahmen selbst in die Hand…

„Todesbrut“ von Klaus-Peter Wolf erschien bereits 2010, greift aber ein sehr aktuelles Thema auf. Die Geschichte wird sehr überspitzt und auf einen Tag reduziert erzählt, aber sie beinhaltet viel Wahrheit. Der Autor hat vor über zehn Jahren schon sehr treffend vorausgesagt, was passiert, wenn so ein Virus die Menschheit befällt. Sehr spannend beschrieben und für mich hat es die aktuellen Maßnahmen etwas relativiert. Es ist momentan natürlich schwierig, aber es könnte auch noch viel katastrophaler sein.

Todesbrut | Erschienen 2010 im Verlag script5
ISBN: 978-3-83900-117-2
480 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Thriller

Fotos und Rezensionen 4&5 von Andrea Köster.

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenzorn (Band 15)

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenzorn (Band 15)

„Hier, dachte sie, genau hier auf der Deichkrone, sieben Meter fünfzig über dem Meer, auf dem längsten selbstgemachten Hügel an der norddeutschen Küste, lassen sich die Naturgewalten immer genau spüren, worum es geht und was gerade mit mir passiert.“ (Seite 170)

Auf Langeoog werden drei Frauen an drei Tagen am Flinthörn mit einer Stahlschlinge erdrosselt. Der Mörder schickt Fotos seiner Taten an Dr. Bernhard Sommerfeldt ins Gefängnis. Ann Kathrin Klaasen und ihr Team beginnen sofort mit den Ermittlungen, aber schnell steht fest, dass sie ohne die Mithilfe von Sommerfeldt keine Chance haben. Dafür müssen sie sich aber über alle Regeln und Vorschriften hinwegsetzen und einen mehr als ungewöhnlichen Weg gehen…

Fall 15 für Ann Kathrin Klaasen
„Ostfriesenzorn“ von Klaus-Peter Wolf ist bereits der fünfzehnte Fall um die Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen. Ich habe alle Bücher der Reihe gelesen und alle meine Erwartungen an den neuen Fall wurden erfüllt. Besonders finde ich, dass sich hier zwei Protagonisten aus unterschiedlichen Reihen des Autors treffen und so eng zusammenarbeiten.

Sehr ausführliche Beschreibungen
Die Geschichte wird aus Sicht von allen bedeutsamen Personen geschildert, also sowohl Täter als auch Opfer und Ermittler. Das Hauptaugenmerk bleibt bei den Ermittlungen der Kommissare zum Fall, ab und zu fließen private Aspekte mit ein, halten sich aber in Grenzen. Wie auch in den vorherigen Büchern beschreibt der Autor alles sehr detailliert und ausführlich, wodurch ich mich aber nur umso besser in die Geschichte einfühlen konnte. Es spielen ebenfalls wieder viele echte Persönlichkeiten mit, die es also auch im wahren Leben gibt und außerdem können alle Schauplätze vom Leser persönlich besucht werden, was mir sehr gefällt.

Mittlerer Spannungsbogen
Der Spannungsbogen bleibt im gesamten Buch für meinen Geschmack im mittleren Rahmen. Es liest sich alles flüssig und ich habe die Geschichte mit Vorfreude weitergelesen, hatte aber auch schon spannendere Krimis. Zum Ende hin wird es noch einmal brenzlig, allerdimgs nicht zu übertrieben, wie ich finde. Die Morde der Opfer werden für den Leser beschrieben, doch nicht zu blutig.

Fazit: Wie erwartet ein toller neuer Fall um Ann Kathrin Klaasen, der mir viel Freude beim Lesen bereitet hat.

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Ostfriesenzorn | Erschienen am 11. Februar 2021 im Fischer Verlag
ISBN: 978-3-59670-008-0
544 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Klaus-Peter Wolf

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Die Tote im Götakanal

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Die Tote im Götakanal

Obwohl die Kopfschmerzen nicht weniger geworden waren und er einen Pfropfen im Ohr hatte, fühlte er sich bedeutend wohler. Er kam sich vor wie ein Langstreckenläufer eine Sekunde vor dem Start. Lediglich zwei Dinge beunruhigten ihn: Der Mörder hatte drei Monate Vorsprung. Und er selbst wußte nicht, in welche Richtung er rennen sollte. (S.37)

In Motala am Vätternsee wird bei Aushubarbeiten im Schleusenbecken des Götakanals eine nackte Frauenleiche gefunden. Die Tote wurde vergewaltigt und erwürgt. Zur Unterstützung der örtlichen Polizeibehörden kommt Kommissar Martin Beck aus der Hauptstadt nach Motala. Doch die Ermittlungen stocken zunächst, denn die Tote ist trotz Aufruf an die Bevölkerung nicht zu identifizieren. Dann kommt der entscheidende Hinweis aus den USA: Die Tote ist Roseanna McGraw aus Lincoln, Nebraska. Sie war auf Europareise und in Schweden mit dem Passagierschiff „Diana“ auf dem Götakanal unterwegs.

Damit ist klar, dass es niemand aus ihrem näheren Umfeld war, sondern jemand, den sie auf ihrer Reise kennengelernt hatte. Doch Beck und seine Kollegen tun sich bei den Ermittlungen äußerst schwer. Die Befragung der Crew und der Passagiere ergibt keinen direkt Verdächtigen. Die Polizisten sammeln zunächst Informationen über die Tote und versuchen, Bild- und Filmmaterial von den Reisenden zu erhalten, um zu erfahren, wem Roseanna McGraw auf der Fahrt begegnet ist. Da kommt ein entscheidender Hinweis: Neben den Personen auf der offiziellen Passagierliste gibt es auf diesen Kanalfahrten noch Deckspassagiere, die unterwegs zusteigen und ein paar Tage mitfahren.

Martin Beck warf einen letzten Blick auf seine Unterlagen; das Bild der Frau von Växjö lag obenauf. Dann klappte er die Mappe zu. „Das wäre dann alles“, sagte er. „Entschuldigen Sie, daß wir sie mit derartigen Fragen belästigen mußten. Aber das gehört leider zu meinem Beruf. Kann ich Sie vielleicht nach Hause bringen lassen?“
„Danke, ist nicht nötig. Ich nehme die U-Bahn.“ […]
Martin Beck begleitete ihn ins Erdgeschoß hinunter. „Also, auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ […]
„Sollen wir ihn weiter beschatten?“, fragte Kollberg.
„Ist nicht nötig.“
Ahlberg sah Martin Beck an. „Glaubst du, daß er es ist?“
Martin Beck stand mitten im Zimmer und betrachtete seine Fingernägel. „Ja“, sagte er schließlich. „Ich bin felsenfest davon überzeugt.“ (S.117-118)

Maj Sjöwall und Per Wahlöö stehen für die große Tradition der schwedischen Kriminalliteratur. Ihr zehnbändiger Zyklus „Roman über ein Verbrechen“ um Kommissar Beck und seine Kollegen gilt immer noch als Maßstab des Genres. Wahlöö war zunächst ab Ende der 1950er Jahre alleine als Autor mehrerer Politthriller erfolgreich. 1961 lernten sich Sjöwall und Wahlöö kennen. Sie waren beide Journalisten und Übersetzer, insbesondere der Cop-Krimis aus dem 87.Revier von Ed McBain. Schließlich entwarfen die beiden bekennenden Marxisten einen Plan über eine Krimi-Reihe, in der sie vor allem auch gesellschaftskritische Aspekte unterbringen wollten. Das Autorenpaar war ein großer Kritiker des schwedischen Wohlfahrtsstaats und der vermeintlichen „Scheindemokratie“. Jan Christian Schmidt zitiert in einem Artikel über den beiden aus der „Swedish Book Review“: „Obwohl sie den Kriminalroman in der Tat erneuert haben, lag es ironischerweise überhaupt nicht in ihrer Absicht, das Genre zu erneuern, sondern sie wollten es als Vehikel benutzen, um ein breites Publikum und eine spezifische Plattform für ihre politischen Ansichten zu gewinnen.“ Ihre Romanreihe begann 1965 mit dem Erscheinen von „Roseanna“ (dt. „Die Tote im Götakanal“) und endete 1975 mit „Terroristerna“ (dt. „Die Terroristen“). Per Wahlöö starb bereits im Juni 1975, kurze Zeit nach Ende der Reihe. Maj Sjöwall arbeitete anschließend wieder hauptsächlich als Übersetzerin, veröffentlichte selbst nur noch weniges, meist als Co-Autorin. Sie starb im April 2020.

Der vorliegende erste Band der Reihe um Kommissar Beck ist ein waschechter Polizeiroman in Tradition von Ed McBain. Der Fokus liegt auf der Ermittlungsarbeit und den Abläufen in der Ermittlergruppe. Dialoge, Zeugenbefragungen, Protokolle, Telegramme werden teilweise wortgetreu wiedergegeben, was auch heute noch sehr authentisch wirkt. Zudem entwickelt sich der Roman von einer klassischen Mördersuche im Laufe zu der Frage, wie man dem Hauptverdächtigen auch habhaft werden kann. Die politische Botschaft Sjöwalls und Wahlöös ist in diesem Roman noch eher unterentwickelt, wird sich im Laufe der Reihe noch erheblich steigern. Gleichwohl ist der Fall ein Abbild der gesellschaftlichen Zeit: Roseanna McGraw war eine moderne Frau, eigenständig, selbstbewusst und sexuell nicht zurückhaltend. Jemand, der nicht ins Bild so mancher Männer passte. Von Kommissar Beck erfährt der Leser mit Abstrichen auch ein paar Dinge außerhalb seiner Arbeit. Das Familien- und Eheleben scheint Beck zu ermüden. Er ist froh, sich zwischendurch einige Tage abseilen zu können und steckt hohe Energie in die Aufklärung des Falles.

„Die Tote im Götakanal“ ist inzwischen natürlich ein Klassiker des Genres. Mit der Reihe waren die Autoren Wegweiser für das bis heute äußerst erfolgreiche Genre der skandivischen Kriminalromane, die zumeist auch eine gesellschaftlich-politische Komponente beinhalten. Der Roman ist aus meiner Sicht gut gealtert, immer noch sehr gut lesbar, da modern und mit vielen Dialogen geschrieben. Dieser Klassiker ist auf jeden Fall eine Wiederentdeckung wert.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Tote im Götakanal | Erstmals erschienen 1965
Die gelesene Ausgabe erschien 1968 im Rowohlt Verlag
Aktuelle Ausgabe: ISBN 978-3-499-24441-4
272 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: Roseanna (Übersetzung aus dem Schwedischen von Johannes Carstensen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Artikel über Maj Sjöwall und Per Wahlöö von Jan Christian Schmidt auf kaliber.38

Weiterlesen II: Gunnars Rezension zu Band 2 der Reihe („Der Mann, der sich in Luft auflöste“)

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Ein Mann wacht morgens orientierungslos und leicht verletzt in einem Waldstück auf. Er trägt einen Smoking, ist völlig verdreckt und hat keine Erinnerung an die letzte Nacht. Er kann sich nicht mal an seinen eigenen Namen erinnern und selbst sein Körper ist ihm fremd. Als er eine Frau um Hilfe schreien hört und Zeuge einer Verfolgung mit Schusswechseln wird, kommt ihm der Name Anna in den Sinn. Völlig verwirrt schleppt er sich zu einem naheliegenden Herrenhaus, um Hilfe zu holen.

Mord in Endlosschleife
Hier auf dem Anwesen Blackheath House lädt die Familie Hardcastle am Abend zu einem Maskenball ein. Und auf diesem Fest soll die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, sterben. Darüber wird unser Protagonist von einem seltsamen Typen, der das Kostüm eines Pestdoktors trägt, informiert. Er teilt ihm auch mit, dass er diesen Mord aufklären soll und dafür sieben Tage Zeit hat. Jeden Tag erwacht er in einen anderen Körper und erlebt aus dessen Sicht immer wieder in einer Endlosschleife den gleichen Tag, an dessen Ende immer wieder der Tod der jungen Frau steht. Schafft er es nicht, innerhalb der sieben Tage den Mörder zu benennen, werden seine gesamten Erinnerungen gelöscht und das Spiel fängt wieder von vorne an. Ein perfides Spiel, in dem es noch andere Mitspieler mit der gleichen Aufgabe gibt. Aber nur einer dieser Rivalen kann diesem Ort und der Zeitschleife entkommen.

Im weiteren Verlauf erfährt der Ich-Erzähler, dass sein richtiger Name Aiden Bishop ist. Wer er ist oder wie er an diesen Ort gekommen ist, bleibt weiter im Dunkeln. Da die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird, ist man als Leser immer ganz nah bei ihm und seinen schrittweisen Bemühungen, die Zusammenhänge zu ergründen. Nie weiß man mehr als Aiden und genau wie er wird man von einigen Wendungen überrascht. Er weiß nie, wem er vertrauen kann und einige Figuren trachten ihm nach dem Leben. Es bleibt auch nicht bei dem einen Todesfall. Das Hin- und Herspringen zwischen den Wirten und das mühselige Entdecken, in welchem Körper er jetzt wieder steckt, ist natürlich maximal verwirrend, macht aber den großen Reiz des Kriminalromans aus. Dabei beeinflussen ihn seine verschiedenen Wirtskörper durch ihre Charaktereigenschaften. Ob es das körperlich hohe Gewicht des einen oder die Wollust und Aggressivität des anderen oder wieder die Cleverness eines weiteren sind. Um den Kreislauf zu durchbrechen und aus Blackheath zu entfliehen, muss er sich die körperlichen oder geistigen Fähigkeiten seiner Wirte zu Nutze machen. Teilweise behindern sie ihn auch und verfügen nicht über Eigenschaften, die er in speziellen Momenten dringend benötigt. Faszinierend beschrieben wird, wie seine eigene Persönlichkeit sich mit denen seiner Wirte vermischt und er dagegen ankämpfen muss, dass sie mehr oder weniger untergeht. Um das Chaos perfekt zu machen, begegnet Aiden sich, wie es sich für einen Zeitreisenden gehört, selbst in den anderen Körpern.

Origineller Genremix
Ich habe das ungekürzte Hörbuch über Audible gehört und der Schauspieler und Hörbuchsprecher Frank Stieren macht das mit seiner angenehmen, unaufgeregten Stimme auch sehr gut. Trotzdem würde ich bei diesem Krimi vielleicht eher das Printexemplar empfehlen. Aufgrund ständiger Perspektiv- und Zeitenwechsel bedarf es einer großen Konzentration, um am Ball zu bleiben. Im Buch hätte man zwischendurch mal zurückblättern können. Auch serviert uns Turton ein wirklich großes Personal-Tableau mit Lords und Ladys, Dienerschaft und Gästen und ich kann mir Namen auch besser merken, wenn ich sie schwarz auf weiß lese.

Wenn man sich einfach darauf einlässt, macht die raffiniert konstruierte Geschichte großen Spaß. Trotz großer Komplexität des Inhalts hatte ich nie den Eindruck, der Autor hätte seine Handlungsfäden nicht mehr im Griff. Zum Schluss sitzen alle Puzzleteile an der richtigen Stelle und er bietet eine nachvollziehbare Auflösung.

Stuart Turton hat einen ganz klassischen Kriminalroman geschrieben, der im Erzählstil, im Setting und atmosphärisch an die typisch englischen Rätselkrimis à la Agatha Christie erinnert. Das Besondere ist das phantastische Element und mich hat der originelle Genremix mit einer Vielzahl an spektakulären Einfällen hervorragend unterhalten. Als großer Fan der amerikanischen Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ konnte ich mir das nicht entgehen lassen. Einzig der Maskenball kam ein bisschen kurz und spielte gar keine so große Rolle.

„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist das Romandebüt des britischen Schriftstellers und Reisejournalisten Stuart Turton. Der Kriminalroman wurde nach seinem Erscheinen in Großbritannien zum großen Publikumserfolg und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Inzwischen hat sich Netflix die Rechte gesichert und arbeitet an einer siebenteiligen Serienadaption.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle | Erschienen am 24. August 2019 bei Tropen
ISBN 978-3-608-50421-7
605 Seiten | 24.- Euro (Die Taschenbuchausgabe erscheint im März im Heyne Verlag)
Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle (Übersetzung aus dem Englischen von Dorothee Merkel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jurica Pavičić | Blut und Wasser

Jurica Pavičić | Blut und Wasser

Die Suche nach Silva war mal mehr, mal weniger intensiv, ist mal erlahmt, hat sich dann wieder belebt, aber nie hat er ganz aufgehört. Selbst in ruhigen Phasen hat Mate im Hinterkopf ein unangenehmes Summen, das ihn dran erinnert, dass in seinem Leben nicht alles in Ordnung ist. Silva ist verschwunden, summt es in seinem Hinterkopf, sie ist weg und du unternimmst nichts dagegen. (Auszug E-Book, Position 1545).

Der kleine Ort Misto an der dalmatinischen Küste im September 1989: Die politischen Umwälzungen beginnen sich am Horizont abzuzeichnen, doch in Misto ist davon noch wenig zu spüren. Die Familie Vela, bestehend aus den Eltern Vesna und Jakob und den beiden fast erwachsenen Kindern Silva und Mate, verbringen vermeintlich glückliche Tage im kroatischen Spätsommer. Doch nach einem Sommerfest an einem Samstagabend verschwindet die 17jährige Silva spurlos. Zunächst sucht die Familie, dann auch die Polizei vergeblich nach ihr. Brane, Silvas Freund, wird schnell von den Verdächtigen gestrichen, da er erst sonntagsmorgens mit einem Bus in Misto ankam. Adrian, der Sohn des Bäckers, war als letzter mit ihr zusammen, wird nach einem anonymen Hinweis festgenommen, doch später wieder freigelassen. Doch letztlich verdichten sich die Anzeichen, dass Silva womöglich einfach abgehauen sein könnte. Zudem findet die Polizei heraus, dass Silva in ihrem Schülerinnenwohnheim mit Drogen gedealt hat. Als schließlich eine Zeugin auftaucht, die Silva am Sonntagmorgen am Busbahnhof gesehen haben will, geht die Polizei davon aus, dass sie aus freien Stücken ins Ausland gegangen ist. Der Fall wird mehr oder weniger zu den Akten gelegt, doch ihre Familie, vor allem ihr Bruder Mate, gibt die Suche nicht auf.

Er arbeitet irgendwann als Lkw-Fahrer und Vertreter, um möglichst viel unterwegs zu sein, um in ganz Europa nach Spuren von Silva zu suchen. Er klebt Plakate, richtet Webseiten ein und erhält auch zahlreiche, auch ernstgemeinte Hinweise – die sich aber allesamt als Fehlhinweise entpuppen. Silva bleibt unauffindbar. Zeitgleich schreitet die Zeit voran, das Buch umfasst einen Zeitraum von fast 28 Jahren. Das Verschwinden von Silva und politischen und gesellschaftlichen Umbrüche haben an der Familie Vela und an Misto ihre Spuren hinterlassen. Jakob und Vesna haben sich getrennt, auch Mates Ehe wird an seiner Obsession, seine Schwester finden zu müssen, zerbrechen. Adrian ist das Stigma des Verdächtigen nicht los geworden, wurde schließlich als Soldat im Bosnienkrieg tödlich verwundet. Auch die Familie von Brane hat das Ereignis zerrüttet. Schließlich kehrt auch der ehemalige Kommissar Gorki Schain nach Misto zurück. Er musste nach dem Ende Jugoslawiens seinen Job bei der Polizei aufgeben, die vergebliche Suche nach Silva war sein letzter großer Fall. Gorki kehrt nun als Immobilienentwickler zurück und sucht nach günstigem Land für Ferienhaus- und Tourismusprojekte, was wiederum zu einiger Unruhe in Misto führt.

Autor Jurica Pavičić ist ein in seiner kroatischen Heimat renommierter Autor, Journalist, Film- und Literaturkritiker. Er ist mir mit seinem Roman „Die Zeugen“ bekannt. Ein überzeugender Roman, der die Umstände eines Mordes und einer Entführung im Zusammenhang mit den Kriegsveteranen der Jugoslawienkriege beleuchtet. Auch „Blut und Wasser“ verweigert sich einer eindeutigen Genrezuordnung. Das Verschwinden von Silva ist ein Kriminalfall – möglicherweise. Erst am Ende löst Pavičić das Ganze auf. Dies ist auch der einzige Moment, in dem er mit der ansonsten chronologischen Erzählweise bricht. Für ein kurzes Kapitel beschreibt er, was wirklich damals in dieser Nacht in Misto passiert. Ansonsten wählt er für seine Kapitel immer wieder unterschiedliche Perspektiven und Erzähler. Das ist ein letztlich sehr überzeugendes Stilmittel, dadurch werden die dramatischen Entwicklungen in Bezug auf die einzelnen Personen nochmal deutlich hervorgehoben. Die Entwicklungen betreffen aber auch das alte Fischerdorf, das sich immer mehr zu einem Urlaubsdomizil wandelt. Einzige Konstante scheinen die stetig auftretenden adriatischen Winde zu sein.

In diesem Krieg gibt es keinen Sieg, nur aufgeschobene Niederlagen. (Auszug E-Book, Position 2238)

„Blut und Wasser“ ist kein typischer Kriminalroman, dafür bleibt zu lange offen, ob es sich wirklich um einen Kriminalfall handelt. Doch Pavičić gelingt es, mit dieser Ungewissheit eine gewisse Spannung aufrechtzuerhalten. Vor allem im Mittelteil gelingt dem Autor eine überzeugende Darstellung, wie das Ende des kommunistischen, jugoslawischen Staates, der aufkeimende kroatische Nationalismus, die Kriege und letztlich der Kapitalismus und der Massentourismus tiefe Spuren in der Dorfgemeinschaft und in den einzelnen Biografien hinterlassen haben. Eine „Chronik des gesellschaftlichen Umbruchs“, wie es der Verlag beschreibt, und hinzu kommt noch das Trauma des Verschwindens von Silva Vela. Ein wirklich überzeugender Roman, für den ich gerne eine Lesempfehlung gebe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Blut und Wasser | Erschienen am 29.09.2020 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-49-6
276 Seiten | 12,90 €
als E-Book: ISBN 987-3-944359-49-6 | 6,99 €
Originaltitel: Crvena voda (Übersetzung aus dem Kroatischen von Blanka Stipetić)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen II: Rezension zum Roman auf dem Blog Zeichen & Zeiten

Weiterlesen I: Kurzrezension von Gunnar zu Pavičićs Roman „Die Zeugen“