Kategorie: 3 von 5

Mavis Doriel Hay | Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay | Geheimnis in Rot

Kurz vor Weihnachten wollen wir es etwas besinnlich halten und begeben uns auf eine Reise in ländliche, weihnachtliche England der 1930er Jahre. Wobei so ganz beschaulich geht es dann doch nicht, immerhin geschieht ein Mord am 1.Weihnachtstage auf Flexmere, dem Landsitz der Melburys.

Sir Osmond Melbury ist ein strenger Familienpatriarch, der zum tradionellen Weihnachtsfest die Familie um sich versammelt. Die Melburys haben durch eine erfolgreiche Keksfabrik Ansehen und Reichtum angehäuft. Sir Osmond hat einen Sohn und vier Töchter, bis auf die jüngste Tochter Jennifer alle bereits verheiratet und außer Haus. Die Ehefrau ist bereits verstorben. Das Haus führte zwischenzeitlich Sir Osmonds Schwester Mildred, inzwischen jedoch die Privatsekretärin Grace Portisham – zum Missfallen einiger Familienmitglieder. Ebenfalls zum Weihnachtsfest anwesend sind die Ehegatten der Kinder George, Edith und Eleanor und deren kleine Kinder. Die älteste Tochter Hilda ist bereits verwitwet, ihre Tochter Carol bereits volljährig. Die jüngste Tochter Jennifer ist mit Philip Cheriton verlobt, der allerdings von Sir Osmond nicht gern gesehen wird. Stattdessen versucht er Jennifer mit Oliver Witcombe zu verkuppeln, allerdings mit mäßigem Erfolg. Dennoch ist Witcombe eingeladen und darf sogar den Weihnachtsmann spielen. Zudem ist natürlich noch das Dienstpersonal auf Flexmere während der Weihnachtstage.

Es gibt zahlreiche offen und nicht offen ausgetragene Streitigkeiten. So hat es Sir Osmond es seiner ältesten Tochter Hilda scheinbar nie verziehen, dass sie früh und nicht standesgemäß geheiratet hat, seine Schwester Mildred hat er irgendwann auf dem Haus komplimentiert und auch seinen langjährigen Chauffeur hat Sir Osmond vor Kurzem entlassen. Über allem schwebt jedoch auch die Frage nach Sir Osmonds Testament. Im Sommer hatte er einen kleinen Schlaganfall, sodass die Wahrscheinlichkeit eines Erbes in greifbare Nähe rückt. Zuletzt gab es allerdings Gerüchte, dass Sir Osmond vorhatte, sein Testament zu ändern. Hat er dies bereits erledigt? Wer würde davon profitieren und wer nicht? Das Fest verläuft zunächst ganz so wie vom Hausherrn geplant, nach der Bescherung zieht er sich am Nachmittag in sein Arbeitszimmer zurück. Als Oliver Witcombe später ins Arbeitszimmer zurückkommt, findet er Sir Osmond erschossen mit dem Kopf auf seinem Schreibtisch liegend vor.

Sie waren also alle da, fast alle mit einem guten Grund, Sir Osmond den Tod zu wünschen, wie wir später auf so unerfreuliche Weise feststellen mussten, und nur wenige mit einem Grund, ihm ein langes Leben zu wünschen. (Auszug S.22)

Ein klassisches Landhauskrimi-Setting mit zahlreichen Verdächtigen und dem bedächtigen Charme englischer Polizeiermittlungen. Diese übernimmt Colonel Halstock, ein Freund der Familie, der aber sorgfältig alle Indizien abklappert und keinen Anwesenden frühzeitig von der Täterschaft ausschließt. Aus Halstocks Ich-Perspektive sind auch die meisten Kapitel geschrieben. Eine besondere Note bringt die Autorin Mavis Doriel Hay hinein, indem sie einige Kapitel zu Beginn und am Ende aus der Sicht einiger Anwesenden schildern lässt. Dadurch werden die Ressentiments und Eifersüchteleien nochmal deutlicher.

„Geheimnis in Rot“ ist ingesamt ein cosy Krimi, der aber stimmungsmäßig gut in die Weihnachts- und Adventszeit passt. Ein typischer Rätselkrimi, der dem Leser es durchaus erlaubt, ebenfalls auf Mördersuche zu gehen. Mein früher Verdacht hat sich tatsächlich bestätigt, zum Schluss hin geht die Autorin auch zu offensichtlich in diese Richtung, da hätte mir eine klassische Konfrontation mit allen Beteiligten vielleicht noch besser gefallen. Nichtsdestotrotz ein solider Weihnachtskrimi mit dem Charme vergangener Zeiten.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Geheimnis in rot | Erstmals erschienen 1936
Erschienen als Taschenbuch am 14.09.2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98506-1
301 Seiten | 14,95 €
Originaltitel: The Santa Klaus Murder (Übersetzung aus dem Englischen von Barbara Heller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ronald Malfi | December Park

Ronald Malfi | December Park

Es war lang und weiß. Es war ein Tuch. Es war ein Tuch, das etwas bedeckte. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte genug ferngesehen, um zu erkennen, was ich da vor Augen hatte. (Auszug E-Book, Position 155).

Im Herbst 1993 verschwinden mehrere Kinder in der beschaulichen Kleinstadt Harting Farms in Maryland, eine Küstenstadt an der Chesepeake Bay. Offiziell sind die Kinder nur vermisst, die Polizei hält es für denkbar, dass sie einfach nur von zuhause ausgerissen sind. Hinter vergehaltener Hand raunen die Menschen aber dennoch vom „Piper“, dem Rattenfänger, der die Kinder entführt.

Angelo Mazzone und seine Freunde Peter, Scott und Michael sind typische 15-16jährige Jungs, die heimlich rauchen, nach der Schule mit ihren Rädern die Gegend unsicher machen, gerne Schabernack treiben und versuchen, die Schule halbwegs zu überstehen (nur mit den Mädels haben sie es noch nicht so). Zufällig sind die Jungen mit ihren Rädern eines Oktobernachmittags in der Nähe des Waldrands am December Park und werden Zeuge eines großen Polizeiaufgebots. Die Polizisten bergen einen Körper aus dem Wald und als der Wind das Tuch verweht, stellen die entsetzten Jungen fest, dass es die Leiche eines vor kurzem verschwundenen Mädchens ist. Damit ist klar, die Kinder sind nicht einfach weggelaufen, sondern wurden ermordet. Weitere Leichen tauchen aber vorerst nicht auf.

Dafür erhält Angelo neue Nachbarn, eine seltsame Frau mit ihrem Sohn Adrian, in Angelos Alter. Adrian ist in sich gekehrt und eigenbrötlerisch, dennoch freunden sich Angelo und er an und Adrian wird nach und nach Teil von Angelos Clique. Adrian entwickelt eine große Faszination für die Fälle der verschwundenen Kinder, spätestens als er feststellt, dass das von ihm zufällig in der Nähe des Fundorts gefundene Medaillon dem toten Mädchen gehörte. Er steckt die anderen mit seinem Eifer an und bald geben sich die Jungen das Versprechen, dass sie den Piper aufspüren werden. Derweil verschwinden weitere Kinder und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Tatsächlich finden die Jungen kleinere Spuren und Indizien, behalten dies aber für sich, selbst Angelos spricht nicht mit seinem Vater, immerhin einer der ermittelnden Detectives. Doch aus dem Detektivspiel wird irgendwann bitterer Ernst.

Ich steckte meinen Daumennagel zwischen die beiden Hälften und ds herzförmige Medaillon öffnete sich. Meine Großmutter besaß ei ähnliches Medaillon mit einem winzigen Foto von mir in der einen Seite und eines von Charles in der anderen – doch dieses hier war leer […]
„Okay“, entgegnete ich und verstand nicht recht, weshalb das alles für ihn so eine große Sache war.
„Es gehört ihr“, sprach er.
„Wem?“
„Dem toten Mädchen“, antwortete Adrian. „Courtney Cole“. (Auszug E-Book, Position 2904)

Autor Ronald Malfi lebt mit seiner Familie selbst an der Chesepeake Bay und ist vor allem auch durch seine Romane im Horror- und Mysterygenre bekannt. Auf Übernatürliches verzichtet er in dieser Geschichte allerdings, zum Schaudern gibt es allerdings durchaus etwas an einigen Passagen. Nach eigenen Angaben sind in diesen Roman auch Kindheitserinnerungen des Autors eingeflossen, vermutlich in der Figur des Ich-Erzählers Angelo Mazzone. Angelo ist ein durchaus cleverer Junge mit den üblichen Flausen im Kopf, er liebt es zu schreiben, will später einmal Schriftsteller werden. Er lebt mit seinem Vater und seinen Großeltern zusammen, seine Mutter ist früh verstorben. Als schwerer Schatten liegt der Tod seines Bruders Charles im Golfkrieg auf der Familie, insbesondere auf dem Verhältnis zwischen Angelo und seinem Vater. Auch auf seinem neuen Freund Adrian lastet eine schwere Vergangenheit: Seine Mutter und er sind überstürzt aus Chicago verzogen, nachdem Adrians Vater sich mit Autoabgasen umbrachte und Adrian mit in den Tod nehmen wollte.

„December Park“ steht natürlich in der Tradition anderer schauriger Coming-of-Age-Geschichten, auf dem obersten Sockel steht hier sicherlich Stephen King. Und tatsächlich erinnert man sich zwangsmäßig an „Es“ oder „Die Leiche“. Malfi macht seine Sache in Bezug auf Angelo, seine Clique, ihre Freundschaft, ihre Ängste und Konflikte auch nicht schlecht – die Tiefe von Kings Figuren erreicht er freilich nicht. Was schade ist, ist der Roman doch lang genug. Aber leider, muss man sagen, auch etwas zu lang, denn die Spannungsmomente lassen zwischendurch doch sehr auf sich warten. Überhaupt gibt es in der Genrewertung für einen Thriller da doch einige Abzüge. Neben der eher langsam erzählten Story (Die Jungs fahren verdammt viel Fahrrad im Buch) gab es für mich auch einige Unplausibilitäten, auch die Aufklärung am Ende fand ich wenig überzeugend. So muss ich letztendlich konstatieren: Solide bis ordentlich als Coming-of-Age, eher unterdurchschnittlich als Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

December Park | Erschienen am 28.02.2018 im Luzifer Verlag
ISBN 978-3-95835-317-6
616 Seiten | 14,95 €
als E-Book: ISBN 987-3-95835-033-5 | 7,99 €
Originaltitel: December Park (Übersetzung aus dem Englischen von Ilona Stangl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2021

 

 

Liam McIlvanney | Ein frommer Mörder

Glasgow 1968/69: Ein Serienmörder hat bereits drei junge Frauen ermordet, alle offenbar im selben Tanzlokal abgeschleppt und auf dem Nachhauseweg erdrosselt. Aufgrund einiger religiöser Zitate, die eine Zeugin von ihm gehört hat, wird er der „Quäker“ genannt. Trotz Phantombilder und einiger Zeugenaussagen tappt die Sondereinheit der Polizei Monate nach dem dritten Mord immer noch im Dunkeln. Detective Inspector Duncan McCormack wird der Sondereinheit als eine Art Revisor zugeteilt. Die Polizeispitze ist nach so vielen Monaten der Meinung, dass die Ermittlungen zu viele Ressourcen binden, McCormack soll einen Bericht liefern, der diese Ansicht bestätigt. Dementsprechend willkommen ist er in der Sondereinheit, er gilt als Nestbeschmutzer. Doch McCormack will nicht nur belehren, er macht nach und nach deutlich, dass auch er das Ziel verfolgt, den Täter zu ermitteln. Und McCormack ist bereit, ausgetretene Ermittlungspfade zu verlassen.

Zeitgleich kommt Alex Paton wieder in die Stadt. In Glasgow aufgewachsen, hat er es in den letzten Jahren in London zu einem gefragten Spezialisten in Sachen Safeknacken gebracht. In der alten Heimat wird ihm ein lukrativer Job, der Einbruch in ein Auktionshaus, angeboten. Die Suche nach dem Quäker lässt ihn kalt. Noch ahnt Paton nicht, dass er in die Quäker-Sache unmittelbar verwickelt wird.

Der Name McIlvanney hat einen großen Klang in der schottischen Kriminalliteratur. Und tatsächlich ist Liam McIlvanneys Vater der große William, Schöpfer des legendären Inspektor Laidlaw. Liam lebt inzwischen in Neuseeland, doch für den Schauplatz seines dritten Romans bleibt er der alten Heimat treu. Wie einst auch Ian Rankin in „Black and Blue“ bedient sich McIlvanney eines alten großen, bis heute ungelösten Kriminalfalls: Der „Bible John“ getaufte Täter brachte damals drei junge Frauen um. Aber der hier „Quäker“ getaufte Mörder ist in diesem Roman im Grunde nur eine Randfigur, denn McIlvanney bleibt der Tradition des schottischen Krimis treu und stellt neben der zwar starken, aber auch angreifbaren Ermittlerfigur gesellschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt. Das Ende der 1960er als Aufbruch in der Moderne ist nämlich auch durch tiefe Brüche (beispielsweise in der Glasgower Stadtentwicklung) und düstere Auswüchse (Kriminalität, Polizeigewalt und Korruption) gekennzeichnet. Das macht den Roman zu einem echten Leseerlebnis und verdienten Sieger des schottischen Krimipreises 2018.

 

Ein frommer Mörder | Erschienen am 12.07.2021 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-44093-7
344 Seiten | 14,99 €
Originaltitel: The Quaker (Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Lohmann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Chris Offutt | Unbarmherziges Land

Militärpolizist Mick ist wegen Eheproblemen in der Heimat in den Bergen Kentuckys. Seine Schwester Linda ist Sheriff und bittet ihn um Mithilfe in einem vermeintlichen Mordfall. Ein alter Mann hat beim Pflanzenpflücken die Leiche einer Frau entdeckt. Mick hängt sich ohne eigene Zuständigkeiten rein, aber alte Familienbande, überkommene Traditionen sowie eine angeborene Zurückhaltung gegenüber den Ermittlungsbehörden erschweren die Aufklärung. Hinzu kommen andere kriminelle Aktivitäten, die unentdeckt bleiben sollen.

Chris Offutt war mir bis dato noch nicht bekannt, obwohl „Unbarmherziges Land“ nicht das erste übersetzte Werk von ihm ist. In seiner Heimat ist Offutt vor allem durch seine Short Stories bekannt, ist aber auch erfolgreich im Non-Fiction-Bereich. Aber dieser Roman ist ein waschechter Country Noir aus den ländlichen Bergen des Bundesstaats Kentucky. Leider hebt sich das Werk nicht so recht von anderen Büchern des Genres ab – man hat so hin und wieder das Gefühl, die Typen oder Teile des Plots schon so ähnlich mal gelesen zu haben. So ist das Ganze ein solider, aber relativ unspektakulärer Country Noir. Für zwischendurch ganz ok.

 

Unbarmherziges Land | Erschienen am 24.07.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50512-2
250 Seiten | 15,- €
als E-Book: ISBN 978-3-608-11714-1 | 11,99 €
Originaltitel: The Killing Hills (Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Garry Disher | Moder

Wyatt hält sich in Sydney auf und erhält für seine Raubzüge und Einbrüche Information durch Sam Kramer, der ein umfassendes Informantennetz auch aus dem Gefängnis betreibt. Im Gegenzug verwaltet Wyatt Kramers Provisionen und kümmert sich um dessen Familie. Doch das macht Wyatt angreifbar. Denn sowohl die Polizei als auch Nick Lazar, zwielichtiger Chef einer Sicherheitsfirma, werden auf Wyatt aufmerksam. Dieser hingegen hat einen neuen Job im Visier: Nick Tramayne hat mit Finanztransaktionen nach dem Ponzi-Schema (eine Art Schneeballsystem) Anleger um Millionen betrogen. Er kann sich bislang noch vor einer Verhaftung bewahren, aber die Schlinge zieht sich zu. Man vermutet, dass er sich bald absetzen will – mit einem großen Batzen veruntreuten Geldes. Hierauf hat es Wyatt abgesehen – aber nicht nur er.

Garry Disher setzt mit „Moder“ seine Reihe um den vornamenlosen australischen Gangster fort. Dabei bleibt sich Disher bei den Zutaten treu: Ein höchstprofessioneller Outlaw als Hauptfigur, skrupellose Gangster (auch in Nadelstreifen), die ihm in die Quere kommen, eine schnörkellose Story, ein lakonischer Stil. So bleibt auch bei diesem Roman kaum Leerlauf, sondern das Tempo und die Spannung bleiben hoch. Nebenbei karikiert Disher die hohle Welt (betrügerischer) Investoren, Anlageberater und Anwälte, die sich hier gegenseitig um ihren Reichtum bringen wollen. Wie immer eine vergnügliche Lektüre.

 

Moder | Erschienen am 01.09.2021 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946582-06-9
300 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Kill Shot (Übersetzung aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Garry Disher | Barrier Highway

Constable Hirschhausen ist inzwischen ein wenig heimisch geworden im beschaulichen Tiverton im dünnbesiedelten Norden des Bundesstaats South Australia. Er macht wie üblich seine Routinefahrten, seine kleinen Ermittlungen, doch dieses Mal braut sich wieder etwas zusammen. Ein wohlhabender Unternehmer bezahlt seine Rechnungen bzw. versprochene Renditen nicht mehr, was bei einem seiner Gläubiger zu einer Kurzschlussreaktion führt. Gleichzeitig vermisst eine alte Dame einen beträchtlichen Teil ihres Ersparten und kommt kurz darauf bei einem Brand ums Leben. Ein Unfall oder hat da jemand nachgeholfen?

Nochmal Garry Disher? Na ja, ich habe so oft Lobeshymnen an den Australier verteilt, da dachte ich mir, diesmal reicht das auch im Kurzformat. Erstaunlich auch, wie Disher beim dritten Band der Reihe um Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, im Vergleich zu wahrlich guten Wyatt-Band nochmal eine Schippe drauf legt. Bei aller Raffinesse wirkt der Wyatt wie eine lässige Fingerübung für Zwischendurch, aber hier lässt Disher wieder seine ganzen Fähigkeiten aufblitzen. Wie immer in Tiverton fängt es betulich an, ein Schlüpferdieb wird gesucht, dann folgt eine Kindesvernächlässigung, Hirsch wird gestalkt, weitere Straftaten folgen – aber alles zu seiner Zeit: Die erste Leiche kommt erst nach der Hälfte des Buches. Vielmehr spinnt der Autor hier ein feines Netz und erzählt von den Menschen und ihren Beziehungen in dieser australischen Kleinstadt und wie eines zum anderen und schließlich zu Todesfällen führt. Hauptfigur in diesem Soziogramm ist dieser Constable Hirschhausen, nicht mehr fremd, aber auch noch nicht heimisch, der mit einer feinen Sensibilität möglichst alles zum Guten wenden will, aber längst auch nicht alles richtig macht. Disher ist und bleibt die Champions League der Krimiszene.

Barrier Highway | Erschienen am 12.07.2021 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00572-3
345 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Consolation (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5;
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Jesper Lund | Schwedensommer

Jesper Lund | Schwedensommer

„Es war einer dieser Sommerabende, von denen es nicht viele in Schonen gab. Dafür waren sie vielleicht umso schöner als sonst wo auf der Welt. Die Sonne über dem blau spiegelnden Meer, der feine weiße Sandstrand und dieses ganz spezielle Gefühl, dass die Tage so rar gesät waren – es waren die Momente, in denen Niklas die Kraft für die bevorstehende Kälte und nasse Jahreszeit tankte.“ (Seite 100)

Nahe der Öresundbrücke an der Küste von Malmö wird eine Leiche angespült. Es handelt sich mutmaßlich um den erfolgreichen und landesweit bekannten Reeder Lennart Fogelklou. Kriminalkommissar Niklas Zetterberg und seine Kollegin Emma Steen beginnen mit den Ermittlungen und finden heraus, dass die Reederei Drohungen erhalten hat. Als dann aber die Ergebnisse der Rechtsmedizin eintreffen, dreht sich der Fall…

„Schwedensommer“ von Jesper Lund ist der erste Fall um Niklas Zetterberg und Emma Steen. Der Titel hat in mir irgendwie die Erwartungen an einen Krimi wie von Camilla Läckberg oder Viveca Steen hervorgerufen, diese wurden nicht ganz erfüllt, aber dennoch wurde ich gut unterhalten. Insgesamt hat mir aber etwas „Schweden“ gefehlt. Die Landschaft wurde gut beschrieben, aber ich hätte gern noch mehr vom Leben dort gelesen.

Die Ermittlungen stehen im Vordergrund, nur in einigen Passagen wurde das Privatleben von Niklas ausgeführt, was ich gut finde, denn mehr hätte ich davon auch ehrlich gesagt nicht lesen wollen. Niklas und Emma sind seit kurzem ein Paar, haben es aber noch nicht offiziell bekannt gegeben. Vorher war Niklas mit einer Frau zusammen, die psychisch nun sehr labil ist und beginnt ihn zu stalken. Gerade der Teil aus Niklas Vergangenheit hat mir nicht sehr gefallen und ich fand seine Ex-Frau eher nervig.

Der Fall und die Aufklärung des Mordes sind spannend geschrieben und enthalten einige Wendungen, die ich nicht erwartet habe. Auch zum Schluss steigt zwar der Spannungsbogen, aber es endet insgesamt nicht unnötig dramatisch, was mir gefällt. Außerdem verlaufen die Ermittlungen zwar erst etwas schleppend, weil keine Erkenntnis zur anderen passt, ich empfand allerdings keinesfalls Längen und hatte einen guten Lesefluss.

Fazit: Das Lesen hat sich durch einen guten Spannungsbogen und einigen Wendungen gelohnt, obwohl meine Erwartungen nicht ganz erfüllt wurden.

Jesper Lund ist »40 something« und lebt seit einigen Jahren an der deutschen Ostseeküste. Als Unternehmensberater arbeitet er für eines der größten Unternehmen Dänemarks. Er entwickelt Zukunftsstrategien für Unternehmen der Hafenwirtschaft vor allem im Ostseeraum. Als Ausgleich dazu schreibt er Geschichten und Kriminalromane. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Schwedensommer | Erschienen am 27.Mai 2021 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-1133-4
256 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Chan Ho-Kei | Die zweite Schwester

Chan Ho-Kei | Die zweite Schwester

Das hier war das richtige Leben, kein Roman, kein hinterhältiger, als Suizid verkleideter Mord. So was passierte im richtigen Leben nicht, und wenn doch, dann nicht in dem eines ganz normalen, fünfzehn Jahre alten Mädchens. (Auszug Seite 45)

Mit einem dramatischen Auftakt zieht Chan Ho-Kei den Leser schon auf den ersten Seiten in die Geschichte hinein. Die junge Nga-Yee Au kommt von der Arbeit nach Hause und trifft in ihrem Hongkonger Wohngebiet auf eine Menschenansammlung und ein Polizeiaufgebot. Nach dem frühen Tod der Eltern lebt sie hier mit ihrer kleinen Schwester in einer Wohnung in einem riesigen Hochhaus. Und es ist tragischerweise tatsächlich die 15-jährige Siu-Man, die sich aus dem zwanzigsten Stockwerk in den Tod gestürzt hat.

Es stellt sich heraus, dass das Schulmädchen Opfer von Cybermobbing geworden war. Einige Monate zuvor war sie in der U-Bahn sexuell belästigt worden. Als sie das zur Anzeige brachte, wurde der Täter verhaftet, ein Familienvater, der die Tat bis zum Schluss bestritt. Daraufhin begann in den Sozialen Medien eine beispiellose Hetz- und Verleumdungskampagne.

„Ehrlich gesagt, Leute vermöbeln ist inzwischen ziemlich aus der Mode geraten. Kein Kind wäre heutzutage noch so blöd, etwas zu tun, das Spuren hinterlässt. Mobbing ist viel einfacher: verhöhnen, Gerüchte streuen, herabsetzen. …“ (Auszug Seite 484)

Nach dem Verlust ihres letzten Familienmitgliedes sucht die verzweifelte Nga-Yee Trost in der Aufklärung des vermeintlichen Selbstmordes und nimmt Kontakt zu einem geheimnisvollen Hacker namens N auf, um herauszufinden, wer ihre Schwester in den Tod getrieben hat. N ist ein mürrischer, aber hochintelligenter IT-Spezialist, der sich nur zögernd und nach Bezahlung Nga-Yees sämtlicher Ersparnisse an die Arbeit macht. Mit seiner schroffen Art ist der Einzelgänger die typische Figur des Antihelden, den man erst mal als Scheusal wahrnimmt, der sich aber zum Ende hin als Sympathieträger entwickelt. Mit genialen Hackertricks fördert der Exzentriker Dinge zutage, mit denen Nga-Yee nie gerechnet hätte, denn sie hatte von den Seelennöten ihrer Schwester nur bedingt Ahnung. Auf ein Studium hatte die Bibliotheksangestellte schweren Herzens verzichtet und immer hart gearbeitet, um für sich und Siu-Man zu sorgen. Von der digitalen Welt hat sie wenig Ahnung, so dass N ihr praktisch alle nötigen IT-Kenntnisse verständlich vermitteln muss. Ein guter Trick, um auch den nicht so computeraffinen Teil der Leserschaft mitzunehmen.

Rachethriller und Gesellschaftsroman

Ungefähr ab der Mitte des Buches wird klar, wer der Schuldige ist. Ab da entfaltet sich der Kriminalroman zu einem Rachethriller, in dem sich Nga-Yee entscheiden muss, ob sie Vergeltung mit den gleichen grausamen Mitteln will und das ist leider nicht so meins. Trotzdem muss man sagen, dass das der Spannung gar keinen Abbruch tat, es kommt immer wieder zu überraschenden Volten und auch die Motive liegen weiter im Dunkeln. Der Autor legt gekonnt einige falsche Fährten, spielt mit den Vermutungen der Leser und führt uns geschickt hinters Licht.

Der Schreibstil ist flüssig, aber sehr einfach gehalten und ich hatte zwischendurch schon den Eindruck, ich lese ein Jugendbuch. Auch einige Dialoge wirkten auf mich sehr konstruiert, nur dafür da, den Leser über wichtige Zusammenhänge zu informieren. Die Konzentration auf den wendungsreichen Plot lässt wenig Raum für die Psychologisierung der Charaktere, die ich alle als eher blass empfunden habe.

„Die zweite Schwester“ ist aber auch ein Gesellschaftsroman. Indem der Autor interessante Einblicke in die Lebensverhältnisse des hochmodernen Hongkongs offenbart, entwirft er ein entlarvendes Panorama der Wirtschaftsmetropole und ehemaligen britischen Kolonie. Nga-Yee stammt aus einfachen Verhältnissen und ihr Leben ist geprägt durch Arbeit und Sparsamkeit, um irgendwie über die Runden zu kommen. So muss sie zum Beispiel nach dem Tod ihrer Schwester ihre Wohnung verlassen, da Alleinstehenden nur zwanzig Quadratkilometer Wohnraum zustehen. Wenn Ho-Kei sich mit dem Zustand der Gesellschaft beschäftig, blitzt auch immer leise Kritik zwischen den Zeilen auf.

Der Autor

Chan Ho-Kei wurde 1975 in Hongkong geboren und lebt heute in Taiwan. Er arbeitete unter anderem als Programmierer, Computerspiele-Entwickler und Manga-Lektor. Mit seinem Debüt „Das Auge von Hongkong“ gelang ihm 2018 der internationale Durchbruch und er gewann zahlreiche Preise.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die zweite Schwester | Erschienen am 18. März 2021 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-111-4
592 Seiten | 25.- Euro
Originaltitel: 網內人 | Second Sister (Übersetzung aus der englischen Übersetzung von Sabine Längsfeld)
Bibliografische Angaben