Kategorie: 3 von 5

Jo Nesbø | Ihr Königreich

Jo Nesbø | Ihr Königreich

„Du und ich, wir sind aus demselben Holz geschnitzt, Roy. Wir sind härter als Mama oder Carl. Deshalb müssen wir auf sie aufpassen. Immer. Verstehst du?“ (Auszug Seite 11)

Auf einem abgelegenen Hof im Hochgebirge Norwegens wachsen die Brüder Roy und Carl Opgard auf. Nach dem frühen Unfalltod Ihrer Eltern bleiben die beiden Jugendlichen auf sich allein gestellt in der Abgeschiedenheit zurück. Bis Carl, der jüngere der beiden Brüder zum Studium in die USA zieht. Roy richtet sich auf dem kargen Land ein und führt das zurückgezogene Leben eines Einzelgängers. Sein Geld verdient er erst in der Autowerkstatt seines Onkels und leitet später die Tankstelle des kleinen Ortes Os.

15 Jahre später kehrt Carl zurück, zusammen mit seiner aus der Karibik stammenden Ehefrau Shannon und einem ganz großen Plan: Das Grundstück der Opgards ist nicht viel wert, Landwirtschaft kann man auf diesem Boden nicht betreiben, auch wenn der Vater es immer als Königreich bezeichnet hat. Carl, der als Unternehmer angeblich erfolgreich in Kanada gearbeitet hat, plant oben auf dem Berg ein Luxushotel zu bauen. Als Geldgeber sollen die Einwohner aus dem Dorf fungieren. Carl setzt seinen ganzen Charme und Überredungsgeschick ein, um die Einheimischen zu überzeugen, sich zu beteiligen und damit allen zu Wohlstand zu verhelfen. Aber der Hotelbau, für dessen Entwicklung sich Carls Ehefrau Shannon als Architektin verantwortlich zeigt, geht nicht so wie gewünscht voran. Es kommt zu diversen Problemen, auch weil Carl nicht in allen Belangen die Wahrheit gesagt hat. Roy hilft seinem kleinen Bruder immer wieder aus der Patsche und scheint dabei keine Grenzen zu kennen. Erschwerend kommt hinzu, dass ausgerechnet jetzt alte Gerüchte um den Unfalltod der Eltern und das rätselhafte Verschwinden des Dorfpolizisten die Runde machen.

Sie waren einander Spiegelbild. Obgleich Carl selbst groß und breit, blond und blauäugig war, erkannte ich ihre Seelenverwandtschaft sofort. Das Lebensbejahende. Den Optimismus. Die Bereitschaft, das Beste in jedem Menschen zu sehen, in sich selbst und in anderen. Wobei – ich kannte die Frau eigentlich ja noch gar nicht. (Auszug Seite 15)

Der norwegische Autor lässt den verschlossenen, älteren Bruder aus der Ich-Perspektive erzählen. Der wortkarge Roy hat seinen kleinen Bruder immer schon abgöttisch geliebt und es als seine Pflicht angesehen, ihn zu beschützen. Dabei haben die beiden so gegensätzlichen Geschwister stets zusammen gehalten. Carl war der weichere von Ihnen, ein hübscher Junge, der bei den Mädels gut ankam. Ich empfand ihn in seiner Hilfsbedürftigkeit aber oft als manipulativ. Roy beschreibt die aktuellen Geschehnisse und gibt dabei immer wieder Einblicke in das raue Leben auf dem Hof. In diversen Rückblenden kommt auch das ausgesprochen düstere Schicksal ans Licht, dass die beiden teilen.
Der Einstieg in den Roman überzeugt nicht mit Tempo oder Action, sondern glänzt mit interessanten Charakterstudien. Die Spannung ist eher subtil, man spürt einfach instinktiv, dass hier Unheil aufzieht. Der Kriminalroman ist über weite Teile ein Familiendrama. Auch gibt er einen Einblick in den Mikrokosmos des verschlafenen Örtchens und die Dorfbewohner wirken absolut authentisch und werden durch ihre Geschichten und Nesbøs pointierten Blick sehr lebendig.

Ich bin ein großer Fan des Autors, seiner Harry-Hole-Reihe, aber auch seiner Stand-Alones. Für mich ist er einer der besten Thriller-Autoren, dessen intensiver Schreibstil mich meistens begeistert durch die Seiten fliegen lässt. Und auch hier war ich anfänglich gefesselt und neugierig auf die Geschichte. Doch der Sog stellte sich dann im weiteren Verlauf leider nicht ein, fast widerwillig nahm ich später die Lektüre zur Hand. Natürlich versteht der Autor sein erzählerisches Handwerk und wir werden auf die eine oder andere falsche Fährte gelockt. Im Verlauf der Geschichte kommen nach und nach schockierende Ereignisse ans Tageslicht, einige wirklich überraschend, andere wiederum absolut vorhersehbar, wie zum Beispiel dass Roy sich in die Ehefrau seines Bruders verliebt. Es gelang mir aber nicht, wirklich daran Anteil zu nehmen. Immer weitere Morde und Gewalttaten geschahen und wurden völlig emotionslos und stoisch aus Roys Sicht geschildert. Ich konnte keine Beziehung zu den Figuren, auch nicht zu den Brüdern aufbauen, die zwar ausführlich geschildert, mir aber trotzdem fremd blieben.

Zum Ende waren mir einige Twist zu unglaubwürdig und die Geschichte rutscht fast ins Absurde ab. Ein solider Kriminalroman, aber für mich kein Highlight.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Ihr Königreich | Erschienen am 02. September 2020 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-05074-9
592 Seiten | 24,99 Euro
Originaltitel: Kongeriket
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Büchern von Jo Nesbø von Andy und Gunnar

Abgehakt | Oktober 2020

Abgehakt | Oktober 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Oktober 2020

 

Thomas Mullen | Die Stadt am Ende der Welt

Winter 1918: Der erste Weltkrieg ist noch nicht beendet. Die Amerikaner sind letztlich doch auf Seiten der Alliierten in den Krieg eingetreten und müssen Verluste auf dem Schlachtfeld verkraften. Die USA sieht sich allerdings durch die Pandemie der Spanischen Grippe einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Tief in den Wäldern des Staates Washingtons liegt die junge Holzfällerstadt Commenwealth. Gründer Charles Worthy hat die Stadt bewusst als Gegenentwurf zum ausufernden kapitalistischen System gegründet. Nun finden sich dort ehemalige Gewerkschafter, Anarchisten, Kommunisten, Kriegsdienstverweigerer. Als die Grippe immer näher kommt, entschließt sich Worthy und die Gemeinschaft zu einem radikalen Schritt: Die Stadt begibt sich in Isolation und schottet sich von der Außenwelt ab. Das Betreten der Stadt von Fremden soll unter allen Umständen verhindert werden. Da nähert sich aus den Wäldern kommend ein Soldat den Absperrungen.
„Die Stadt am Ende der Welt“ ist der Debütroman von Thomas Mullen aus 2006, der in Deutschland zuletzt durch die Reihe um schwarze Polizisten in Atlanta bekannt wurde. Dieser Roman hier wurde natürlich durch die aktuelle Corona-Pandemie wieder schlagartig interessant und dadurch erneut auf Deutsch veröffentlicht.

Der Roman folgt über weite Strecken bekannten Muster von Pandemie-Thrillern oder Dystopien. Eine Gemeinschaft wird durch die Bedrohung stark auf die Probe gestellt und die Harmonie und Solidarität weicht nach und nach Angst, Misstrauen und Panik. Das ist aus meiner Sicht passabel und solide dargestellt, ohne allerdings aus meiner Sicht herauszuragen. Auch die zahlreichen Rückblenden auf die Vorgeschichten der Figuren verlangsamen den Erzählfluss. Was mich allerdings überzeugt hat, ist die Verbindung, die Mullen zwischen den Kriegsanstrengungen der USA und der Pandemie zieht. Tragisch und absurd wie bei der Situation einer nationalen Tragödie wie der Spanischen Grippe auch noch der letzte Kriegsdienstverweigerer aus den Wäldern geholt werden soll.

Die Stadt am Ende der Welt | Erschienen am 29.09.2020 im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8151-2
480 Seiten | 18,- €
Originaltitel: The Last Town on Earth
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Spannungsroman

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Thomas Mullens Roman „Darktown“

 

Don Winslow | Broken

Don Winslow ist bekannt für ausufernde Thrillerepen, beispielsweise seine Kartell-Trilogie. Nun hat er sich an eine Kurzform gewagt. „Broken“ ist eine Sammlung von sechs Novellen, in denen Winslow außerdem viele alte Bekannte aus früheren Büchern wieder zurückholt.

„Broken“ erzählt die Geschichte von Drogencop Jimmy McNabb in New Orleans, der eine Fehde mit einem brutalen Drogendealer austrägt. „Crime 101“ erzählt ein Raub-Story entlang des Pacific Coast Highway mit Steve McQueen-Reminiszenzen. In „The San Diego Zoo“ wird aufgeklärt, wie ein Affe im Zoo an eine geladene Waffe kam. In „Sunset“ ist Kautionsbürge Duke Kasmajian auf der Suche nach einem Kautionsflüchtling. „Hawaii“ erzählt eine Geschichte von Ben, Chon und O (bekannt aus Savages), als sie auf Hawaii Revierkämpfe mit lokalen Gangs geraten. Zuletzt kommt „The Last Ride“, in der der Grenzschützer Cale Strickland ein Mädchen aus einem Auffanglager gegen die Vorschriften mit seiner Mutter wieder vereinen will.

Sechs Geschichten über Gewalt, Drogen, Loyalität und Moral. Geradlinig und kurzweilig erzählt, von hartgesotten, lässig bis berührend bieten diese Storys eine faszinierende Bandbreite. Absolutes Highlight ist „The Last Ride“. Winslow zeigt sich mit diesen Geschichten in Topform.

Broken | Erschienen am 24.03.2020 bei HarperCollins
ISBN 978-3-95967-489-8
512 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-95967-488-1 | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 5 von 5;
Genre: noir/hardboiled

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow

 

Vincent Hauuy | Der Dämon von Vermont

Vor einigen Jahren verlor Profiler Noah Wallace bei der Jagd auf einen Serienmörder seine Frau bei einem Autounfall und wurde selbst schwer verletzt. Nun fristet er mit großen körperlichen und psychischen Problemen ein zurückgezogenes Leben. Da holt ihn sein ehemaliger Partner überraschend ab und fährt mit ihm zu einem Mordschauplatz im benachbarten Kanada. Der Täter hat eine Nachricht an Noah hinterlassen. Die gesamte Vorgehensweise deutet wieder auf den „Dämon von Vermont“ hin. Doch der ist doch damals beim Unfall ebenfalls verstorben. Oder etwa nicht?

Serienmörder-Thriller sind so eine Sache. Eigentlich nicht mehr mein bevorzugtes Subgenre, gibt es da doch viel Schund. Aber es gibt auch Ausnahmen. Leider zählt dieser hier nicht dazu. Was man zumindest noch positiv sagen kann: Es ist halbwegs spannend. Und der Hintergrund der Story, das MKULRA-Programm der CIA zu Bewusstseinskontrolle, ist nicht uninteressant. Die Umsetzung ist aber nur mäßig, der Plot ist für meinen Geschmack zunehmend abstrus. Auch was die handwerklichen Dinge betrifft, reißt mich das Ganze nicht vom Hocker. Maue Dialoge und vom personalen Erzähler zäh vorgetragene Gedanken der Figuren machen die Lektüre nicht besser. Der Kanadier Vincent Hauuy gewann mit diesem Debütroman einen vom französischen Bestsellerautor Michel Bussi gestifteten Literaturpreis. Warum auch immer.

Der Dämon von Vermont | Erschienen am 19.09.2020 im Tropen Verlag;
ISBN 978-3-608-50473-6
448 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Le tricycle rouge
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1,5 von 5;
Genre: Thriller

 

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Wolf S. Dietrich | Friesisches Gift

Auf der ostfriesischen Insel Langeoog werden Heroin-Päckchen angeschwemmt, aber als die Polizei diese sicherstellen möchte, sind sie verschwunden. Dann wird ein Journalist vermisst, der unter anderen über diese Angelegenheit berichten wollte und den Dieben offenbar zu nahe gekommen ist. Rieke Bernstein vom LKA ermittelt in beiden Fällen.

Der dritte Fall um die Kommissarin Bernstein hat sich für mich flüssig gelesen, der Schauplatz bringt Urlaubsfeeling mit und die Geschichte ist spannend geschrieben. Trotzdem konnte der Fall mich nicht völlig überzeugen, da die Ermittlungen für meinen Geschmack zu dramatische Ausmaße annehmen und mir die Protagonistin bis zum Schluss unnahbar vorkam.

Friesisches Gift | Erschienen am 28.02.2019 im Lübbe Verlag;
ISBN 978-3-40417-787-8
416 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Regionalkrimi

 

Katharina Peters | Todesklippe

Ein Polizeipsychologe aus Rostock kommt bei einem Motorradsturz ums Leben. Ein Kollege glaubt nicht an einen Unfall und so wird die Privatdetektivin Emma Klar aus Wismar eingeschaltet, die erst verdeckt, aber später auch offen ermittelt. Und plötzlich kommen noch ganz andere Ungereimtheiten ans Licht…

„Todesklippe“ von Katharina Peters fand ich spannend zu lesen. Es handelt sich um einen sehr weitverzweigten Fall, bei dem die ermittelnden Beamten nicht immer den vorgeschriebenen Dienstweg einhalten, um ans Ziel zu kommen. Emma Klar als Protagonistin konnte mich ebenfalls überzeugen, nur das Ende wäre für meinen Geschmack mit etwas weniger Gewalt ausgekommen.

Todesklippe | Erschienen am 12.04.2019 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-74663-543-8
352 Seiten | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Regionalkrimi

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andrea zu Romanen von Katharina Peters

Rezensionen 4+5 und dazugehörige Fotos von Andrea Köster.

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Die kanadische Autorin Margaret Atwood wurde vielfach für ihre zahlreichen Romane ausgezeichnet, aber es war ihr utopischer Roman „Der Report der Magd“ von 1985, der zum Kultbuch avancierte. Die düstere Zukunftsvision spielt Ende des 20. Jahrhundert in einer Welt, in der kaum noch Kinder geboren werden. Im Norden der USA gründen fanatische, religiöse Sektierer die sogenannte Republik Gilead. In dem totalitären Gottesstaat werden Frauen ihrer Identität beraubt, entmündigt und in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen sprich Mägde eingeteilt, um die weibliche Gebärfähigkeit zu gewährleisten. Hauptfigur und Erzählerin des Romans ist die junge Desfred, eine der wenigen fruchtbaren Frauen, die einer männlichen Führungskraft als Zweitfrau zu Gebärzwecken zugewiesen wird. Am Ende kann Desfred entkommen, aber gelingt die Flucht tatsächlich? Der Roman endet mit den Worten:
Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.

34 Jahre hat sich die Autorin für eine Fortsetzung Zeit genommen. Grund war sicher der große Erfolg der preisgekrönten Fernsehserie „The Handmaid‘s Tale“ von 2017. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich eine Rückbesinnung auf vermeintlich sichere, alte Werte wünschen, trifft die Serie einen Nerv. Sie wirkt wie ein erschreckend realer Alptraum und ist auch eine Metapher auf die Abgründe der heutigen Zeit.

„Die Zeuginnen“ setzt 15 Jahre nach dem Ende des Klassikers an und erzählt die Geschichte des fiktiven Staates Gilead zu Ende. Drei Frauen berichten aus ihren Perspektiven als eine Art Zeitzeuginnen in unterschiedlichen Handlungssträngen.

Wie wir auch aussehen mochten, ob wir wollten oder nicht, wir waren Fallstrick und Verlockung, wir waren die unschuldige und schuldlose Ursache dafür, dass wir allein durch unser Dasein die Männer trunken machen konnten vor Lust, bis sie ins Taumeln gerieten und in den Abgrund stürzten… (Auszug Seite 16)

Für mich die interessanteste Figur ist die knallharte Oberbefehlshaberin Tante Lydia, da wir viel aus dem Innenleben des Regimes erfahren. Sie erzählt rückblickend, wie sie vom Opfer zur Täterin wurde. Vor Gilead war sie Familienrichterin und nach dem Putsch landete sie wie alle Frauen in einem Stadion. Doch nach brutalen Folterungen wurde Lydia nicht durch einen Kopfschuss getötet, sondern vor die Wahl gestellt, Teil des Systems zu werden. Lydia entschied sich und wurde neben dem mächtigsten Mann, Kommandant Judd eine einflussreiche Figur in dem puritanischen Schreckensregime. Als oberste Tante regelt sie mit eiserner Hand alle Frauenangelegenheiten. Sie leitet Haus Ardua, hat Einfluss in Staatsangelegenheiten und Einblick in viele geheime Akten. Und ist gleichzeitig Kopf des Untergrunds, denn sie dokumentiert alles und versteckt ihre Aufzeichnungen in einem ausgehöhlten Buch.

Dann kommt die 13-jährige Agnes Jemima zu Wort, die wohlbehütet wie eine „kostbare Blume“ in einem Kommandantenhaushalt aufgezogen wird. Als ihre Mutter stirbt, erfährt sie, dass diese nicht ihre leibliche Mutter war, sondern eine Magd. Als sie mit Kommandant Judd verheiratet werden soll, versetzt sie das in tiefe Panik. Um der Heirat zu entgehen, gibt sie vor, sich als Tante berufen zu fühlen und setzt alles daran, in Haus Ardua aufgenommen zu werden.

In einem der Parks standen Schaukeln; aber wegen unserer Röcke, die vom Wind hätten hochgeweht werden und Einblick hätten gewähren können, durften wir ans Schaukeln nicht einmal denken. (Auszug Seite 25)

Im angrenzenden Kanada wächst die dritte Zeugin Daisy auf. Kurz vor ihrem 16. Geburtstag kommen ihre Eltern Neil und Melanie, die einen Second-Hand-Laden namens Spürhund betreiben, gewaltsam ums Leben. Daisy erfährt jetzt erst, dass sie adoptiert wurde und ihre Pflegeeltern heimlich Teil der Widerstandsgruppe „Mayday“ waren. „Mayday“ hilft Flüchtlingen aus Gilead zu entkommen und der Spürhund galt als konspirativer Ort. Auch Daisy ist in Gefahr und schließt sich dem Widerstand an.

Stück für Stück werden die Zusammenhänge der drei Erzählerinnen enthüllt. Eine wichtige Verbindung ist „die kleine Nicole“, ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd vor 15 Jahren über die Grenze nach Kanada geschmuggelt worden war. Für die Machthaber von Gilead ein Politikum, sie wollen das Mädchen unbedingt zurückhaben. Am Ende fügt sich alles zusammen und der Kreis der beiden jungen Mädchen zur Magd Desfred schließt sich. Einige Geheimnisse werden gelüftet und vieles klärt sich auf. Aber hätte ich das gebraucht?

„Die Zeuginnen“ ist ein Unterhaltungsroman, der deutlich rasanter und handlungsbetonter daher kommt als „Der Report der Magd“. Die Mischung aus Spionageroman und Abenteuergeschichte lässt sich flott weg lesen. Viele Spannungselemente verleihen dem Roman grade zum Ende hin noch mal richtig Tempo. Ich mag die lakonische, teils sarkastische Sprache von Margaret Atwood und den immer wieder aufblitzenden trockenen Humor. Trotzdem fand ich die Fortsetzung nicht so intensiv und aufwühlend. Im Vergleich zu seinem Vorgänger fehlte es für mich an Brisanz und literarischem Anspruch.

Notizen: Margaret Atwood betont immer wieder, dass sie nichts in ihre Romane aufnehme, was es in der Geschichte der Menschheit nicht schon gegeben habe. Alle von ihr beschriebenen Restriktionen gegen Frauen passieren irgendwo auf der Welt.
Die Filmkostüme, die die Mägde in der Serie tragen wurden zur Ikone der Frauenbewegung und als Symbol bei „Me Too“ Demonstrationen verwendet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Zeuginnen | Erschienen am 10. September 2019 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-827-01404-7
576 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: The Testament
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Wisting verstärkte den Griff um das Lenkrad. Geld war meistens die Ursache von allem, was nach Korruption, Habgier und Machtmissbrauch roch. Die Ermittlungen würden sich auf einem Niveau abspielen, das Wisting bislang nicht näher kannte. Aber dafür hatte er den besten Ausgangspunkt: Er hatte das Geld. Geld hinterließ immer Spuren. Sie mussten nur bis zum Ursprung zurückverfolgt werden. (Auszug Seite 14/15)

Im zweiten Band der Cold-Cases-Reihe um William Wisting wird der norwegische Kommissar vom Generalstaatsanwalt mit einem brisanten Fall betraut. Der ehemalige Außen- sowie Gesundheitsminister Bernhard Clausen ist im Alter von 68 Jahren einem plötzlichen Herztod erlegen. Nichts deutet auf Fremdeinwirkung hin. Clausen hatte keine direkten Angehörigen mehr. Nach dem Krebstod seiner Frau vor vielen Jahren hatten er und sein Sohn sich voneinander entfernt und das hatte sich bis zum Unfalltod seines Sohnes auch nicht geändert. Dieser hinterließ eine schwangere Freundin und Clausen hatte auch zu ihr und seinem Enkelkind keinerlei Kontakt gehabt.

Millionenfund im Ferienhaus
Im Wochenendhäuschen des pensionierten Spitzenpolitikers findet ein Parteifreund eine große Menge Bargeld. In mehrere Kartons liegen Geldscheine in unterschiedlichen Währungen im Wert von umgerechnet 80 Millionen Kronen. Es ist fast undenkbar, dass der angesehene Politiker Parteigelder unterschlagen hat. Die Ermittlungen nach der Herkunft der Banknoten sollen erst mal vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Kommissar Wisting wird verdeckt ermitteln und installiert eine Sonderkommission in seinem Privathaus. Kurz nachdem er zusammen mit Kriminaltechniker Espen Mortensen das Geld aus dem fensterlosen Raum geholt und bei sich im Keller deponiert hat, geht die Holzhütte in Flammen auf. Wisting bittet auch seine Tochter Line, eine freischaffende Journalistin und alleinerziehende Mutter zu dem kleinen Team zu stoßen. Für sie ist es leichter, ohne großes Aufsehen das soziale Umfeld von Bernhard Clausen zu durchleuchten und so bei den Recherchen zu helfen.

Der Flugzeugraub
Es ergeben sich Hinweise darauf, dass das Geld möglichweise aus einem fast 20 Jahre stammenden Flugzeugraub stammen könnte. Bei einem Überfall auf einen Geldtransport am Osloer Flughafen im Jahr 2003 war das dabei erbeutete Geld nie wieder aufgetaucht. Und hier kommt wieder Adrian Stiller ins Spiel. Der Ermittler der Osloer Cold-Case-Unit, den der Leser schon aus Band 1 „Wisting und der Tag der Vermissten“ kennt, befasst sich mit dem ungeklärten Verschwinden von Simon Meier. Der junge Angler war genau an dem Tag des Überfalls 2003 an einem See spurlos verschwunden.

Die Krimis von Jørn Lier Horst sorgen bei mir immer für eine völlige Entspannung. Und das ist gar nicht negativ gemeint, auch wenn sich das für einen Spannungsroman erst mal befremdlich anhört. Als Leser verfolgt man die schrittweisen Ermittlungen. Man ist hautnah dabei, wenn Spuren und Informationen ausgewertet werden und man sich langsam der Auflösung nähert und kann miträtseln und sich fast wie ein Mitglied des Teams fühlen. Auch weil man nie mehr weiß als die Protagonisten. Der norwegische Autor war früher selbst als Hauptkommissar tätig und die geschilderte Polizeiarbeit wirkt realistisch und die Ermittlungen werden nachvollziehbar und schlüssig dargestellt. Insbesondere die Recherchen zum Ursprung der Geldnoten sind ausgesprochen interessant, aber natürlich auch sehr kleinteilig und detailliert beschrieben. Das muss man mögen. Liebhaber von Actionszenen werden nicht auf ihre Kosten kommen.
Zum Schluss steigert sich das Tempo und es kommt zu einer dramatischen Situation, aber da konnte ich nur den Kopf schütteln, denn wirklich jeder Leser bemerkt im Gegensatz zu Wisting, dass Line sich mit Volldampf in eine offensichtlich lebensgefährliche Situation begibt.

Charaktere wie aus dem richtigen Leben
Durch die Möglichkeit einer Sonderkommission im eigenen Haus, gelingt es, die Betreuung der kleinen Enkeltochter besser zu organisieren. So kann auch Line tiefer in die Nachforschungen einsteigen, während sich William Wisting um Amalie kümmert. Das wirkt alles sehr menschlich und sympathisch, war mir aber in der Häufigkeit der beschriebenen Alltagssituationen zu viel. Die Protagonisten wie der bodenständige Kommissar Wisting und seine intelligente Tochter Line wirken lebensecht sowie authentisch und prägen diesen Krimi sehr. Das weitere Figurenpersonal blieb diesmal blass und farblos. Ein wenig enttäuscht war ich von Adrian Stiller und hatte mir hier mehr Entwicklung und Tiefgang erhofft. Im vorherigen Band noch eine undurchsichtige Figur, ehrgeizig und durchtrieben, ist er hier durchweg sympathisch, nett und dadurch total austauschbar und unwichtig.

Fazit
„Wisting und der fensterlose Raum“ ist für mich durchaus ein lesenswerter Krimi, in dem wieder mehrere, lange zurückliegende, ungelöste Kriminalfälle miteinander verknüpft werden und handfeste Polizeiarbeit im Vordergrund steht. Die Begegnung mit den bekannten Figuren hat mir wieder Freude gemacht. Aus den vorgenannten Gründen hat es mich nicht ganz so überzeugt wie Band 1 der norwegischen Krimireihe. Der zweite Band ist nicht ganz so vielschichtig und die Erzählweise noch bedächtiger.

Wisting und der fensterlose Raum | Erschienen am 3. Januar 2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06142-1
432 Seiten | 15,- Euro
Originaltitel: Det innerste rommet
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Andy zu Band 1 der Cold-Cases-Reihe um Kommissar Wisting, „Wisting und der Tag der Vermissten“

Manfred Reuter | Die Toten von Norderney Bd. 4

Manfred Reuter | Die Toten von Norderney Bd. 4

„Das Kameradisplay begann vor seinen Augen zu verschwimmen, wurde schließlich schwarz, und der salzig-brackige Geruch des Wattenmeeres drang ebenfalls nicht mehr zu ihm vor. Dann gaben die Beine nach, und Janko sackte in sich zusammen. Seine rechte Hand schlug gegen den Schiffsrumpf, sein Kopf klatschte in den Sand, unmittelbar neben der skelettierten Hand, von der man meinen konnte, sie wollte nach ihm greifen.“ (Auszug Seite 11)

Beim Schiffswrack an der Ostspitze von Norderney wird ein Skelett gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es von einer jungen Frau stammt, die seit zwölf Jahren als vermisst gilt. Kommissar Gent Visser nimmt sich dem Fall an und versucht den Fall von damals nun endlich zu lösen. Dabei gerät er selbst in Gefahr und kann weitere Tote nicht verhindern.

Fall vier für Visser

Die Toten von Norderney von Manfred Reuter ist der vierte Fall für Oberkommissar Gent Visser auf der ostfriesischen Insel Norderney. Er bekommt, wie auch in den vorherigen Fällen, Unterstützung von Kommissar Carlo Faust aus der Polizeiinspektion Aurich. Die beiden verbindet mittlerweile eine Art Freundschaft. In der Geschichte dominiert die Ermittlung im aktuellen Fall. Es werden die üblichen Befragungen, Recherchen und Überlegungen geschildert, die ich mir in einem Kriminalroman wünsche. Nur am Rande finden auch private Szenen einen Platz, beispielsweise, dass Visser mit seiner Frau über die bevorstehende Silberhochzeit spricht.

Eher seichter Spannungsbogen

Spannung ist meiner Meinung nach vorhanden, aber insgesamt nicht wahnsinnig mitreißend. Ich wollte schon wissen, wer der Täter ist, konnte das Buch zwischenzeitlich aber auch gut zur Seite legen. Zusätzlich zur eigentlichen Ermittlung werden einige Ausschnitte des Täters geschildert, die klar machen, dass es sich um einen Psychopathen handeln muss und kleine Hinweise für den Leser geben, aber trotzdem nicht zu viel verraten. Bis ziemlich zum Schluss tappen die Polizisten im Hinblick auf den Täter im Dunkeln und es war auch für mich als Leser in keinster Weise vorhersehbar, was mir gefällt.

Klimawandel überall

Der Schreibstil des Autors liest sich für mich flüssig. Gut finde ich, dass er immer wieder auch etwas Humor einfließen lässt, ohne dass es lächerlich wird. Die Schauplätze werden außerdem sehr detailliert beschrieben und ich konnte insgesamt einen guten Eindruck der Insel mitnehmen. Der Autor nimmt zudem Bezug auf das aktuelle Klima, also dass die Unwetter und Stürme an der Küste immer verheerender werden; zudem widmet er das Buch der internationalen Jugendbewegung für den Klimaschutz „Fridays for Future“.

Etwas unsympathische Protagonisten

Mit beiden Protagonisten werde ich allerdings nicht so wirklich warm. Gent Visser mit seinen eins zweiundneunzig, fast fünfzig Jahren, Stiernacken und Brille, der schon recht oft aufbrausend ist und Carlo Faust, zehn Jahre jünger, mit lässiger Jacke, Sonnenbrille und geschwollener Brust, wenn Frauen in der Nähe sind. So wie sie beschrieben werden und sich verhalten sind sie einfach nicht der Typ Polizist, den ich gerne lese, aber das ist ja Geschmackssache.

Fazit: Klassischer Kriminalroman mit einer Prise Humor, toller Kulisse, aber für mich persönlich nicht so überzeugenden Protagonisten.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Toten von Norderney | Erschienen am 12. März 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-74080-812-8
240 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe