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Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Die kanadische Autorin Margaret Atwood wurde vielfach für ihre zahlreichen Romane ausgezeichnet, aber es war ihr utopischer Roman „Der Report der Magd“ von 1985, der zum Kultbuch avancierte. Die düstere Zukunftsvision spielt Ende des 20. Jahrhundert in einer Welt, in der kaum noch Kinder geboren werden. Im Norden der USA gründen fanatische, religiöse Sektierer die sogenannte Republik Gilead. In dem totalitären Gottesstaat werden Frauen ihrer Identität beraubt, entmündigt und in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen sprich Mägde eingeteilt, um die weibliche Gebärfähigkeit zu gewährleisten. Hauptfigur und Erzählerin des Romans ist die junge Desfred, eine der wenigen fruchtbaren Frauen, die einer männlichen Führungskraft als Zweitfrau zu Gebärzwecken zugewiesen wird. Am Ende kann Desfred entkommen, aber gelingt die Flucht tatsächlich? Der Roman endet mit den Worten:
Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.

34 Jahre hat sich die Autorin für eine Fortsetzung Zeit genommen. Grund war sicher der große Erfolg der preisgekrönten Fernsehserie „The Handmaid‘s Tale“ von 2017. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich eine Rückbesinnung auf vermeintlich sichere, alte Werte wünschen, trifft die Serie einen Nerv. Sie wirkt wie ein erschreckend realer Alptraum und ist auch eine Metapher auf die Abgründe der heutigen Zeit.

„Die Zeuginnen“ setzt 15 Jahre nach dem Ende des Klassikers an und erzählt die Geschichte des fiktiven Staates Gilead zu Ende. Drei Frauen berichten aus ihren Perspektiven als eine Art Zeitzeuginnen in unterschiedlichen Handlungssträngen.

Wie wir auch aussehen mochten, ob wir wollten oder nicht, wir waren Fallstrick und Verlockung, wir waren die unschuldige und schuldlose Ursache dafür, dass wir allein durch unser Dasein die Männer trunken machen konnten vor Lust, bis sie ins Taumeln gerieten und in den Abgrund stürzten… (Auszug Seite 16)

Für mich die interessanteste Figur ist die knallharte Oberbefehlshaberin Tante Lydia, da wir viel aus dem Innenleben des Regimes erfahren. Sie erzählt rückblickend, wie sie vom Opfer zur Täterin wurde. Vor Gilead war sie Familienrichterin und nach dem Putsch landete sie wie alle Frauen in einem Stadion. Doch nach brutalen Folterungen wurde Lydia nicht durch einen Kopfschuss getötet, sondern vor die Wahl gestellt, Teil des Systems zu werden. Lydia entschied sich und wurde neben dem mächtigsten Mann, Kommandant Judd eine einflussreiche Figur in dem puritanischen Schreckensregime. Als oberste Tante regelt sie mit eiserner Hand alle Frauenangelegenheiten. Sie leitet Haus Ardua, hat Einfluss in Staatsangelegenheiten und Einblick in viele geheime Akten. Und ist gleichzeitig Kopf des Untergrunds, denn sie dokumentiert alles und versteckt ihre Aufzeichnungen in einem ausgehöhlten Buch.

Dann kommt die 13-jährige Agnes Jemima zu Wort, die wohlbehütet wie eine „kostbare Blume“ in einem Kommandantenhaushalt aufgezogen wird. Als ihre Mutter stirbt, erfährt sie, dass diese nicht ihre leibliche Mutter war, sondern eine Magd. Als sie mit Kommandant Judd verheiratet werden soll, versetzt sie das in tiefe Panik. Um der Heirat zu entgehen, gibt sie vor, sich als Tante berufen zu fühlen und setzt alles daran, in Haus Ardua aufgenommen zu werden.

In einem der Parks standen Schaukeln; aber wegen unserer Röcke, die vom Wind hätten hochgeweht werden und Einblick hätten gewähren können, durften wir ans Schaukeln nicht einmal denken. (Auszug Seite 25)

Im angrenzenden Kanada wächst die dritte Zeugin Daisy auf. Kurz vor ihrem 16. Geburtstag kommen ihre Eltern Neil und Melanie, die einen Second-Hand-Laden namens Spürhund betreiben, gewaltsam ums Leben. Daisy erfährt jetzt erst, dass sie adoptiert wurde und ihre Pflegeeltern heimlich Teil der Widerstandsgruppe „Mayday“ waren. „Mayday“ hilft Flüchtlingen aus Gilead zu entkommen und der Spürhund galt als konspirativer Ort. Auch Daisy ist in Gefahr und schließt sich dem Widerstand an.

Stück für Stück werden die Zusammenhänge der drei Erzählerinnen enthüllt. Eine wichtige Verbindung ist „die kleine Nicole“, ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd vor 15 Jahren über die Grenze nach Kanada geschmuggelt worden war. Für die Machthaber von Gilead ein Politikum, sie wollen das Mädchen unbedingt zurückhaben. Am Ende fügt sich alles zusammen und der Kreis der beiden jungen Mädchen zur Magd Desfred schließt sich. Einige Geheimnisse werden gelüftet und vieles klärt sich auf. Aber hätte ich das gebraucht?

„Die Zeuginnen“ ist ein Unterhaltungsroman, der deutlich rasanter und handlungsbetonter daher kommt als „Der Report der Magd“. Die Mischung aus Spionageroman und Abenteuergeschichte lässt sich flott weg lesen. Viele Spannungselemente verleihen dem Roman grade zum Ende hin noch mal richtig Tempo. Ich mag die lakonische, teils sarkastische Sprache von Margaret Atwood und den immer wieder aufblitzenden trockenen Humor. Trotzdem fand ich die Fortsetzung nicht so intensiv und aufwühlend. Im Vergleich zu seinem Vorgänger fehlte es für mich an Brisanz und literarischem Anspruch.

Notizen: Margaret Atwood betont immer wieder, dass sie nichts in ihre Romane aufnehme, was es in der Geschichte der Menschheit nicht schon gegeben habe. Alle von ihr beschriebenen Restriktionen gegen Frauen passieren irgendwo auf der Welt.
Die Filmkostüme, die die Mägde in der Serie tragen wurden zur Ikone der Frauenbewegung und als Symbol bei „Me Too“ Demonstrationen verwendet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Zeuginnen | Erschienen am 10. September 2019 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-827-01404-7
576 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: The Testament
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Wisting verstärkte den Griff um das Lenkrad. Geld war meistens die Ursache von allem, was nach Korruption, Habgier und Machtmissbrauch roch. Die Ermittlungen würden sich auf einem Niveau abspielen, das Wisting bislang nicht näher kannte. Aber dafür hatte er den besten Ausgangspunkt: Er hatte das Geld. Geld hinterließ immer Spuren. Sie mussten nur bis zum Ursprung zurückverfolgt werden. (Auszug Seite 14/15)

Im zweiten Band der Cold-Cases-Reihe um William Wisting wird der norwegische Kommissar vom Generalstaatsanwalt mit einem brisanten Fall betraut. Der ehemalige Außen- sowie Gesundheitsminister Bernhard Clausen ist im Alter von 68 Jahren einem plötzlichen Herztod erlegen. Nichts deutet auf Fremdeinwirkung hin. Clausen hatte keine direkten Angehörigen mehr. Nach dem Krebstod seiner Frau vor vielen Jahren hatten er und sein Sohn sich voneinander entfernt und das hatte sich bis zum Unfalltod seines Sohnes auch nicht geändert. Dieser hinterließ eine schwangere Freundin und Clausen hatte auch zu ihr und seinem Enkelkind keinerlei Kontakt gehabt.

Millionenfund im Ferienhaus
Im Wochenendhäuschen des pensionierten Spitzenpolitikers findet ein Parteifreund eine große Menge Bargeld. In mehrere Kartons liegen Geldscheine in unterschiedlichen Währungen im Wert von umgerechnet 80 Millionen Kronen. Es ist fast undenkbar, dass der angesehene Politiker Parteigelder unterschlagen hat. Die Ermittlungen nach der Herkunft der Banknoten sollen erst mal vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Kommissar Wisting wird verdeckt ermitteln und installiert eine Sonderkommission in seinem Privathaus. Kurz nachdem er zusammen mit Kriminaltechniker Espen Mortensen das Geld aus dem fensterlosen Raum geholt und bei sich im Keller deponiert hat, geht die Holzhütte in Flammen auf. Wisting bittet auch seine Tochter Line, eine freischaffende Journalistin und alleinerziehende Mutter zu dem kleinen Team zu stoßen. Für sie ist es leichter, ohne großes Aufsehen das soziale Umfeld von Bernhard Clausen zu durchleuchten und so bei den Recherchen zu helfen.

Der Flugzeugraub
Es ergeben sich Hinweise darauf, dass das Geld möglichweise aus einem fast 20 Jahre stammenden Flugzeugraub stammen könnte. Bei einem Überfall auf einen Geldtransport am Osloer Flughafen im Jahr 2003 war das dabei erbeutete Geld nie wieder aufgetaucht. Und hier kommt wieder Adrian Stiller ins Spiel. Der Ermittler der Osloer Cold-Case-Unit, den der Leser schon aus Band 1 „Wisting und der Tag der Vermissten“ kennt, befasst sich mit dem ungeklärten Verschwinden von Simon Meier. Der junge Angler war genau an dem Tag des Überfalls 2003 an einem See spurlos verschwunden.

Die Krimis von Jørn Lier Horst sorgen bei mir immer für eine völlige Entspannung. Und das ist gar nicht negativ gemeint, auch wenn sich das für einen Spannungsroman erst mal befremdlich anhört. Als Leser verfolgt man die schrittweisen Ermittlungen. Man ist hautnah dabei, wenn Spuren und Informationen ausgewertet werden und man sich langsam der Auflösung nähert und kann miträtseln und sich fast wie ein Mitglied des Teams fühlen. Auch weil man nie mehr weiß als die Protagonisten. Der norwegische Autor war früher selbst als Hauptkommissar tätig und die geschilderte Polizeiarbeit wirkt realistisch und die Ermittlungen werden nachvollziehbar und schlüssig dargestellt. Insbesondere die Recherchen zum Ursprung der Geldnoten sind ausgesprochen interessant, aber natürlich auch sehr kleinteilig und detailliert beschrieben. Das muss man mögen. Liebhaber von Actionszenen werden nicht auf ihre Kosten kommen.
Zum Schluss steigert sich das Tempo und es kommt zu einer dramatischen Situation, aber da konnte ich nur den Kopf schütteln, denn wirklich jeder Leser bemerkt im Gegensatz zu Wisting, dass Line sich mit Volldampf in eine offensichtlich lebensgefährliche Situation begibt.

Charaktere wie aus dem richtigen Leben
Durch die Möglichkeit einer Sonderkommission im eigenen Haus, gelingt es, die Betreuung der kleinen Enkeltochter besser zu organisieren. So kann auch Line tiefer in die Nachforschungen einsteigen, während sich William Wisting um Amalie kümmert. Das wirkt alles sehr menschlich und sympathisch, war mir aber in der Häufigkeit der beschriebenen Alltagssituationen zu viel. Die Protagonisten wie der bodenständige Kommissar Wisting und seine intelligente Tochter Line wirken lebensecht sowie authentisch und prägen diesen Krimi sehr. Das weitere Figurenpersonal blieb diesmal blass und farblos. Ein wenig enttäuscht war ich von Adrian Stiller und hatte mir hier mehr Entwicklung und Tiefgang erhofft. Im vorherigen Band noch eine undurchsichtige Figur, ehrgeizig und durchtrieben, ist er hier durchweg sympathisch, nett und dadurch total austauschbar und unwichtig.

Fazit
„Wisting und der fensterlose Raum“ ist für mich durchaus ein lesenswerter Krimi, in dem wieder mehrere, lange zurückliegende, ungelöste Kriminalfälle miteinander verknüpft werden und handfeste Polizeiarbeit im Vordergrund steht. Die Begegnung mit den bekannten Figuren hat mir wieder Freude gemacht. Aus den vorgenannten Gründen hat es mich nicht ganz so überzeugt wie Band 1 der norwegischen Krimireihe. Der zweite Band ist nicht ganz so vielschichtig und die Erzählweise noch bedächtiger.

Wisting und der fensterlose Raum | Erschienen am 3. Januar 2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06142-1
432 Seiten | 15,- Euro
Originaltitel: Det innerste rommet
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Andy zu Band 1 der Cold-Cases-Reihe um Kommissar Wisting, „Wisting und der Tag der Vermissten“

Manfred Reuter | Die Toten von Norderney Bd. 4

Manfred Reuter | Die Toten von Norderney Bd. 4

„Das Kameradisplay begann vor seinen Augen zu verschwimmen, wurde schließlich schwarz, und der salzig-brackige Geruch des Wattenmeeres drang ebenfalls nicht mehr zu ihm vor. Dann gaben die Beine nach, und Janko sackte in sich zusammen. Seine rechte Hand schlug gegen den Schiffsrumpf, sein Kopf klatschte in den Sand, unmittelbar neben der skelettierten Hand, von der man meinen konnte, sie wollte nach ihm greifen.“ (Auszug Seite 11)

Beim Schiffswrack an der Ostspitze von Norderney wird ein Skelett gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es von einer jungen Frau stammt, die seit zwölf Jahren als vermisst gilt. Kommissar Gent Visser nimmt sich dem Fall an und versucht den Fall von damals nun endlich zu lösen. Dabei gerät er selbst in Gefahr und kann weitere Tote nicht verhindern.

Fall vier für Visser

Die Toten von Norderney von Manfred Reuter ist der vierte Fall für Oberkommissar Gent Visser auf der ostfriesischen Insel Norderney. Er bekommt, wie auch in den vorherigen Fällen, Unterstützung von Kommissar Carlo Faust aus der Polizeiinspektion Aurich. Die beiden verbindet mittlerweile eine Art Freundschaft. In der Geschichte dominiert die Ermittlung im aktuellen Fall. Es werden die üblichen Befragungen, Recherchen und Überlegungen geschildert, die ich mir in einem Kriminalroman wünsche. Nur am Rande finden auch private Szenen einen Platz, beispielsweise, dass Visser mit seiner Frau über die bevorstehende Silberhochzeit spricht.

Eher seichter Spannungsbogen

Spannung ist meiner Meinung nach vorhanden, aber insgesamt nicht wahnsinnig mitreißend. Ich wollte schon wissen, wer der Täter ist, konnte das Buch zwischenzeitlich aber auch gut zur Seite legen. Zusätzlich zur eigentlichen Ermittlung werden einige Ausschnitte des Täters geschildert, die klar machen, dass es sich um einen Psychopathen handeln muss und kleine Hinweise für den Leser geben, aber trotzdem nicht zu viel verraten. Bis ziemlich zum Schluss tappen die Polizisten im Hinblick auf den Täter im Dunkeln und es war auch für mich als Leser in keinster Weise vorhersehbar, was mir gefällt.

Klimawandel überall

Der Schreibstil des Autors liest sich für mich flüssig. Gut finde ich, dass er immer wieder auch etwas Humor einfließen lässt, ohne dass es lächerlich wird. Die Schauplätze werden außerdem sehr detailliert beschrieben und ich konnte insgesamt einen guten Eindruck der Insel mitnehmen. Der Autor nimmt zudem Bezug auf das aktuelle Klima, also dass die Unwetter und Stürme an der Küste immer verheerender werden; zudem widmet er das Buch der internationalen Jugendbewegung für den Klimaschutz „Fridays for Future“.

Etwas unsympathische Protagonisten

Mit beiden Protagonisten werde ich allerdings nicht so wirklich warm. Gent Visser mit seinen eins zweiundneunzig, fast fünfzig Jahren, Stiernacken und Brille, der schon recht oft aufbrausend ist und Carlo Faust, zehn Jahre jünger, mit lässiger Jacke, Sonnenbrille und geschwollener Brust, wenn Frauen in der Nähe sind. So wie sie beschrieben werden und sich verhalten sind sie einfach nicht der Typ Polizist, den ich gerne lese, aber das ist ja Geschmackssache.

Fazit: Klassischer Kriminalroman mit einer Prise Humor, toller Kulisse, aber für mich persönlich nicht so überzeugenden Protagonisten.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Toten von Norderney | Erschienen am 12. März 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-74080-812-8
240 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Simon Beckett | Die ewigen Toten Bd. 6

Simon Beckett | Die ewigen Toten Bd. 6

Die Fledermaus war sofort wieder verschwunden, doch sie hatte den Rechtsmediziner so erschreckt, dass er nach hinten stolperte und mit den Armen ruderte, als sein Fuß von den Trittplatten abrutschte… Whelan schaffte es, Conrads Handgelenk zu packen, und eine Sekunde lang glaubte ich, er hätte ihn. Dann gab, begleitet von einem lauten Krachen von Holz und Gips, ein Stück des Bodens nach, und Conrad verschwand.( Auszug Seite 36)

Es ist ein wirklich schauriger Ort, den Simon Beckett sich als Setting für seinen sechsten Band ausgesucht hat. Das alte, schon seit Jahren leerstehende stillgelegte Krankenhaus in einem heruntergekommenen Viertel im Norden Londons beherbergt mittlerweile nur noch Fledermäuse und manchmal Obdachlose oder Junkies. Gegen die Proteste von Tierschützern soll das verfallene St. Jude demnächst abgerissen werden, aber bevor die Abbrucharbeiten tatsächlich beginnen, wird eine Leiche auf dem Dachboden gefunden. Die Tote ist in Plastikfolie eingewickelt und aufgrund des vorherrschenden trockenen Klimas ist der Körper zu großen Teilen mumifiziert.

Auftritt David Hunter

Der forensische Anthropologe David Hunter wird als Sachverständiger hinzugezogen. Er entdeckt sofort, dass die Tote schwanger war. Die Bergung in dem baufälligen Gebäude gestaltet sich schwierig. Und so passiert es, dass der Rechtsmediziner Dr. Conrad bei der Begutachtung der Leiche durch die Decke in einen anderen Raum stürzt. Bei der Rettung des Kollegen treten große Probleme auf, denn dieser Raum ist nicht nur auf keiner Karte eingezeichnet, sondern verfügt auch über keine Fenster, Türen oder irgendeinen Durchgang. Als es der Rettungsmannschaft endlich gelingt, in die komplett zugemauerte Kammer einzudringen, treffen sie auf einen weiteren grausigen Fund. Eine männliche sowie eine weibliche Leiche liegen komplett bekleidet und gefesselt in den Krankenhausbetten und zeigen deutliche Anzeichen von Folterungen.

Ein Lost Place

Der Autor zieht alle Register um die unheimliche, bedrückende Atmosphäre des Lost Place darzustellen. Wir begleiten den Ich-Erzähler David Hunter durch die dunklen, schmutzigen, teilweise noch nicht leergeräumten Gänge in dem baufälligen Kasten bis zum Dachboden, in dem sich die Hitze wie in einer Sauna staut. Durch die düsteren, detailreichen Beschreibungen des Labyrinths entstehen beim Leser Bilder im Kopf und man riecht förmlich den feuchten Dreck und Staub, spürt die Spinnweben und man kann die grauenvollen Ereignisse der Vergangenheit fast spüren.

Mit Hilfe eines Leichenspürhundes wird das alte Hospital nach weiteren Opfern durchsucht. Das zieht sich über viele Seiten und generiert eine morbide Spannung. Hinter jeder Ecke könnten weitere Tote oder andere schreckliche Überraschungen lauern. Während sich die Medien auf den Fall stürzen, beginnt Dr. Hunter mit seiner akribischen Arbeit, die daraus besteht, dass er Schicht für Schicht die Geheimnisse der Leichen freilegt und aus den Knochen die Todesart und den Todeszeitpunkt herauslesen kann. Typisch für Simon Beckett werden die Untersuchungen der sterblichen Überreste detailliert beschrieben und dadurch schleppt sich der Plot im bedächtigen Erzähltempo mit wenigen Actionszenen voran. Das mag für den ein oder anderen eklig sein oder auch ermüdend. Man kennt es bereits aus den vorherigen Bänden und man muss es mögen. Jedenfalls wird hier der Thriller gehörig ausgebremst.

Der Gutmensch

Sehr viel Raum wird auch wieder David Hunter und seinen Befindlichkeiten gewidmet. Ein privates Forensik-Team wird ihm vor die Nase gesetzt und er muss sich mit einem jungen, sehr selbstbewussten Kollegen rumschlagen. Daniel Mears ist auch kein stinknormaler forensischer Anthropologe, sondern bezeichnet sich als forensischer Taphonom und was ihm an Erfahrung fehlt, macht er durch Arroganz wieder wett. Hunter hat endlich in Rachel eine neue Lebensgefährtin gefunden, die aber beruflich unterwegs ist und alleine leidet er immer wieder unter Panikanfällen und Albträumen, aufgrund eines Attentats auf ihn in einem früheren Band. Ich meine mich zu erinnern, dass das im zweiten Band Kalte Asche passierte und ich finde dieser Erzählfaden wird schon zu lange gesponnen.

Etwas anstrengend fand ich die Bemühungen des gutherzigen David um eine ältere Dame, die in einem Waldgebiet in der Nähe des Krankenhauses umherirrt. Die total verbitterte Lola Lennox, die mit der Pflege ihres schwerkranken, bettlägerigen Sohnes überfordert scheint, lehnt seine Hilfe aber ab und hier fand ich Davids Verhalten fast übergriffig. Natürlich begibt er sich durch seine Alleingänge auch wieder in Gefahr und muss zum Schluss noch einiges einstecken. Diese Szenen waren für mich am Rande des Erträglichen und ich wünschte, der Autor hätte endlich mal Mitleid mit seinem Protagonisten.

Ich habe diesen Mainstream-Thriller gerne gelesen, denn Simon Beckett erfindet hier nicht das Rad neu, aber er versteht sein Handwerk und führt routiniert durch die Story. Bis zum Ende gibt es noch einige Twists, die ich zwar nicht besonders glaubwürdig fand, die mich aber doch sehr überrascht und unterhalten haben.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die ewigen Toten | Erschienen am 12. Februar 2019 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-5002-3
480 Seiten | 22.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Simon Beckett-Titeln Der HofVoyeur und Totenfang.

Stephen Chbosky | Der unsichtbare Freund ♬

Stephen Chbosky | Der unsichtbare Freund ♬

Die Meinungen über den umfangreichen Thriller Der unsichtbare Freund gehen ja ziemlich auseinander und ich war wirklich sehr neugierig, wie mir die Mischung aus Thriller, Horror, Mystery und Fantasy gefallen würde. Der Einstieg gestaltete sich jedenfalls sehr vielversprechend, mysteriös und düster.

Die alleinerziehende Kate zieht mit ihrem 7-jährigen Sohn Christoper in das kleine Städtchen Mill Grove in Pennsylvania. Auf der Flucht vor Kates gewalttätigem Freund scheint das abgeschiedene Örtchen umgeben von einem dichten Wald der richtige Zufluchtsort zu sein, um neu anzufangen. Von Anfang an übt der geheimnisvolle, sogenannte Missionswald eine schwer erklärbare Faszination auf Christopher aus. Als er eines Tages einer lächelnden Wolke in den Wald folgt, bleibt er für ganze sechs Tage verschollen. Als er wieder auftaucht, hat er keine Erinnerung an die Tage im Wald. Er weiß nur noch, dass ihm „der nette Mann“ geholfen hat und obwohl er unversehrt scheint, ist von nun an alles anders: Christopher, der unter Lernschwierigkeiten litt, schreibt plötzlich Bestnoten. Dank seiner Vorhersagen gewinnt seine Mutter im Lotto und sie können sich endlich ein eigenes kleines Heim leisten. Auch in der Schule tritt der schüchterne Christopher jetzt selbstbewusster auf und findet sogar Freunde.

Projekt Baumhaus

Die braucht er auch, denn er hat einen Auftrag: Er soll im Missionswald ein Baumhaus bauen und zwar bis Weihnachten. Denn nur dann könne er sich und die Bewohner von Mill Grove und eigentlich die ganze Welt retten. Christopher ist richtig besessen von der Idee und als Leser fragt man sich, wie das alles mit dem kleinen David Olson zusammenhängt, der vor mehr als 50 Jahren im Wald verschwand und nie wieder gesehen wurde. Der Einstieg mit einem Prolog in die Vergangenheit zog mich gleich in den Bann. Der Autor schafft mit unheimlichen Ereignissen und bedrohlichen Elementen wie zum Beispiel den immer wieder rätselhaft auftauchenden Hirschen eine beklemmende Grundstimmung.

Stephen Chbosky nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte aufzubauen. Viele Figuren aus der Kleinstadt werden eingeführt und der Autor versteht es sehr gut, ihre menschlichen Beziehungen näher zu bringen. Fast alle Charaktere haben ihr Päckchen zu tragen. Nicht nur Christopher, der um seinen verstorbenen Vater trauert, wurde vom Schicksal schon arg gebeutelt. Kate und Christopher haben eine sehr enge Beziehung zueinander und der kleine Junge, der sich selbst für dumm hält, wächst einem schon ans Herz. Genau wie die kleine Truppe von Außenseitern, die er um sich schart, um sein Projekt zum Erfolg zu bringen. Man fiebert mit ihnen mit bei ihrem Kampf Gut gegen Böse. Erzählerisches Talent kann man Stephen Chbosky nicht abstreiten und die dichte Erzählweise mit detailreichen Ausführungen erinnert tatsächlich an Stephen King; Chbosky als großer King-Fan streitet das auch gar nicht ab.

Gut gegen Böse

In der zweiten Hälfte wechseln sich Szenen der realen und der Fantasiewelt ab, die Übergänge sind fließend. Es werden auch viele religiöse Elemente eingebaut und man spürt hinter jedem Satz das Herzblut, mit dem Stephen Chbosky diese gewaltige Geschichte erdacht hat.

Leider wird es im letzten Drittel wirklich sehr abstrus und die Geschichte konnte mich nicht mehr durchgehend fesseln. Man spürt Chboskys offensichtliche Begeisterung für seine erdachte Welt und ich feiere viele seiner faszinierenden Ideen. Aber mir fehlt der rote Faden in der Storyline, dem Plot fehlt es jetzt an Struktur, denn er hetzt einfach nur noch von Szene zu Szene. Die Spannung kann bei dem Gewirr von Handlungssträngen nicht dauerhaft gehalten werden. Dadurch, dass sich die Horrorszenen eigentlich immer nur wiederholen, bringt das die Handlung nicht wirklich voran und man hat das Gefühl, sie dreht sich im Kreis. Gefühlt liefen die Helden nur noch hin und her zwischen Wald, Stadt und Krankenhaus. Ich glaube, das wäre King nicht passiert, denn mir wurden die Protagonisten irgendwann egal und ich sehnte das Ende der Geschichte herbei. Auch die Freunde um Christopher spielen keine große Rolle mehr. Als Stilelement versucht der Autor durch Wiederholung und immer wiederkehrende Worte das Gehörte noch eindringlicher zu machen. Das ist auf Dauer sehr ermüdend. Irgendwann nerven selbst die Hirsche.

Der amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Stephen Chbosky schreibt sehr bildgewaltig, so dass bei mir sofort das Kopfkino ansprang und ich Figuren und Ereignisse förmlich vor mir sah. Als Film könnte ich mir diese Story sehr gut vorstellen und Chbosky soll schon am Drehbuch schreiben. Und David Nathan kann als Sprecher natürlich auch überzeugen und ist mit ein Grund, warum ich bis zum Ende durchhielt. Er sorgte mit seinem perfekten Vortag für jede Menge Gänsehautmomente.

Stephen Chbosky schrieb über einen Zeitraum von 10 Jahren an seinem Roman Der unsichtbare Freund und rausgekommen ist ein atmosphärischer, mystischer Horror-Thriller, der teilweise zu überfrachtet und zum Ende zu weitschweifig geraten ist.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der unsichtbare Freund | Das Hörbuch erschien am 4. November 2019 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-38371-4963-0
3 mp3 CDs | 29,95 Euro UVP | ab 17.80 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 22 Stunden 49 Minuten
Sprecher: David Nathan
Bibliographische Angaben & Hörprobe