Autor: Nora

Liz Moore | Der Gott des Waldes

Liz Moore | Der Gott des Waldes

Wenn das sein Junge wäre, der verschwunden war und mitten in der Nacht in dem kalten Wald herumirrte, vielleicht sogar verletzt irgendwo lag, dann wäre er, Carl, immer noch da draußen und würde nach ihm suchen. Er würde nicht aufhören, Bears Namen zu rufen, bis er selbst den Geist aufgab. (Auszug E-Book Pos. 2131 von 6988)

Hoch oben an der US-amerikanischen Ostküste in den dichten Wäldern der Adirondack Mountains liegt ein riesiges Naturreservat, bestehend aus einem dunklen Waldgebiet und einem großen See. Seit Generationen im Besitz der schwerreiche Familie Van Laar, die mitten im Reservat ein Sommer-Camp für Kinder der Oberschicht errichtet haben. Das elitäre Ferienlager bietet viele Aktivitäten in der Natur mit Lagerfeuer und nächtlichen Survivaltrainings im Wald.

Im Sommer 1975 verschwindet die 13-jährige Barbara aus dem Ferienlager. Die Betreuerin Louise findet morgens ihr Bett verlassen vor. Sie hat ein Problem, denn Barbara ist nicht nur die Tochter der Gründer-Familie Van Laar, die erstmalig am Camp unweit des imposanten Anwesens teilnimmt, sondern auch die Schwester von Bear, dem Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Zufall oder gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verlust der beiden Geschwister, die beide während der jährlich stattfindenden, einwöchigen Party der van Laars verschwanden? Eine großangelegte Suchaktion läuft an. Hat es etwas mit dem Serienmörder Jacob Sluiter zu tun, der gerade jetzt aus dem Gefängnis ausbrechen konnte?

Die Suche nach der verschwundenen Barbara van Laar und die Ermittlungsarbeiten über mehrere Tage hinweg nehmen einen großen Raum ein. Empathisch und mit präzisem Blick schildert Liz Moore ein Familiendrama, das seinen Anfang schon viele Jahre vor dem aktuellen Verschwinden Barbaras nimmt. In Rückblicken erfahren wir nicht nur von dem traurigen Schicksal des 5-jährigen Bear van Laar, sondern gehen auch ins Jahr 1950 zurück, als seine damals 17-jährige Mutter Alice auf einem Debütantinnenball den reichen Peter van Laar kennenlernt. Diese Ereignisse nehmen eine zentrale Funktion in der Geschichte ein.

Der Plot wird nicht linear sondern aus mehreren Zeitebenen erzählt. Gekonnt und mit einem verlässlichen Gespür für Timing werden die Perspektiven gewechselt und der Überblick behalten. Man muss konzentriert bleiben, der Roman ist aufgrund des großen Personentableaus und vielen Zeitebenen komplex, aber nie kompliziert. Die Kapitel werden jeweils mit einem Namen und einem Zeitstrahl versehen, was die Zuordnung erleichtert, die Spannung aber kontinuierlich nach oben schraubt. Das ist souverän und mit großer Erzählfreude gemacht. Liz Moore arrangiert die Berichte diverser Figuren und verleiht dabei jedem seine eigene Stimme, Perspektive und Geschichte. Von der jungen Ermittlerin Judyta Luptack, die sich in der von Männern dominierten Kriminalpolizei durchsetzen muss bis hin zum Serienmörder Jacob Sluiter, von den Bewohnern des naheliegenden Dorfes bis hin zu den Campbewohnern und Angestellten der Familie Van Laar. Die Autorin nimmt sich viel Zeit für ihre Protagonisten, macht sie vielschichtig und zeigt mir ihre inneren Konflikte. Jede Figur hat ein weiteres Detail zum Gesamtbild hinzuzufügen, und je weiter die Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wird man und je mehr klebt man an den Seiten. Ein Roman, der für mich von Seite zu Seite immer besser wird, je mehr man erfährt.

„Mir fällt nur ein, dass niemand in dieser Familie das Mädchen mag, Barbara. Vernachlässigung würde ich das nennen. Bevor sie runter ins Ferienlager gegangen ist, ist sie immer in die Küche gekommen, um sich was zu essen zu holen. Hat immer ganz verloren gewirkt, und das in ihrem eigenen Zuhause…“. (Auszug Pos 4450 von 6988)

Ich mochte auch, wie subtil Moore hier gesellschaftliche Kritik verwebt. Alle Personen stellen unterschiedliche gesellschaftliche Schichten dar. Es wird schnell klar, dass reiche Familien wie die van Laars und ihre Freunde sich mit Geld eine Menge Macht erkaufen können, auch Verschwiegenheit. Es geht um die Privilegien des Geldadels, deren Skrupellosigkeit und Mangel an Empathie. Es geht auch um Klassenunterschiede, soziale Ungleichheiten und um die Rolle der Frau in der Gesellschaft der 50er und 70er Jahre.

Manchmal hatte Alice das Gefühl, dass sie so schnell einen Jungen bekommen hatte (und dann auch noch einen so wunderbaren), war das Einzige an ihr, womit ihr Mann zufrieden gewesen war. (Auszug Pos. 1577 von 6988)

Durch die bildhafte Sprache waren das Feriencamp und das raue Klima der dichtbewaldeten Landschaft vor meinen Augen lebendig, das Camp in mitten des Gebirges ein geniales Setting. „Long Bright River“ war ein Highlight für mich und obwohl die Themen in „Der Gott des Waldes“ nicht ganz neu sind, sorgte der mitreißende Schreibstil dafür, dass ich das Buch, welches auch auf der Sommerleseliste 2024 des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama stand, nicht aus der Hand legen konnte. Ein richtig guter Schmöker, wie ich ihn schon lange nicht mehr gelesen habe.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Gott des Waldes | Erschienen am 28. Februar 2025 im Verlag C.H. Beck
ISBN 978-3-406-82977-2
590 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: The God of the Woods | Übersetzung aus dem Englischen von Cornelius Hartz
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Die Meinung von Marius Müller auf buch-haltung.com zu „Der Gott des Waldes“

Johannes Groschupf | Skin City

Johannes Groschupf | Skin City

„Meine Frau hatte mal einen Bullterrier“, sagte Steinmeier. „Wenn der sich in etwas verbissen hatte, dann konnte er nicht mehr loslassen. Ums Verrecken nicht. Viertelstunde, halbe Stunde, ganz egal, der hat nicht losgelassen. Du konntest ihn mit einem Gartenschlauch abspritzen, das hat er überhaupt nicht gemerkt. Dabei war das eigentlich ein netter Hund.“
„Ich bin auch nett“, sagte Romina. „Echt total nett.“ (Auszug S.143)

Im heißen Sommer 2024 wird Berlin von einer Einbruchsserie heimgesucht. Die Täter gehen am hellichten Tag in verlassene Wohnungen und gehen äußerst professionell vor. Zum Teil des Ermittlungsteams gehört auch die Polizistin Romina Winter. Sie wird allerdings von einer persönlichen Sache abgelenkt: Ihre Schwester wird kurzzeitzig vermisst und wird dann zusammengeschlagen aufgefunden. Wer hat ihr das angetan?

Zur gleichen Zeit kommt Jacques Lippold aus dem Gefängnis frei. Er ist ein Finanzbetrüger, hat zwei Jahre gesessen. Nun versucht er wieder Fuß zu fassen. Bei einer Kunstauktion lernt er die Anwältin Beate kennen, durch die er in Kunstkreisen als Berater und Vermittler erneut betrügerische Deals einleitet. Doch er hat auch noch eine Rechnung aus dem Gefängnis offen, die er unbedingt begleichen will.

„Ich sag dir, was das heißen soll“, sagte Lippold. „Das soll heißen, dass ich mich mehr in Charlottenburg sehe als in Heerstraße-Nord. In Charlottenburg hast du Leute mit Geld. Das alte West-Berlin. Die haben im Grunde noch gar nicht mitgekriegt, dass die Mauer gefallen ist.“ (Auszug S.112)

Die Story wird durch drei Personen und Perspektiven vorgetragen. Da ist zum einen Koba, der georgische Einbrecher. Sehr versiert bringt er mit seiner Crew seinen Hintermännern viel Kohle ein. Doch eigentlich träumt er davon, nach Kanada auszuwandern und sein kriminelles Leben hinter sich zu lassen. Doch natürlich ist ein Ausstieg aus diesem organisierten Verbrechen alles andere als einfach. Als zweites Jacques Lippold, ein Betrüger in großem Stil. Kaum draußen aus dem Knast hat er schnell für sich das nächste lukrative Netzwerk ausgemacht und lässt seine Überredungskunst, seinen Charme und sein Improvisationstalent spielen. Doch in ihm schlummert noch eine andere Seite. Aufbrausend, gewalttätig. Im Gefängnis hat er mit seiner Patek Philippe einen auf dicke Hose gemacht – bis sie ihm geklaut wurde. Der Dieb ist vor Entdeckung entlassen worden, doch nun sinnt Lippold auf Rache. Zuletzt Romina, die bereits in den Vorgängerromanen vorkommt. Als Roma ist sie Mitglied eines großen Familienclans, der mit ihrer Berufswahl durchaus hadert, kam doch ihr Vater auch schon mit dem Gesetz in Konflikt. Sie ist eine äußerst engagierte Polizistin, doch neben der Einbruchsserie will sie vor allem erfahren, wer ihre Schwester überfallen hat und möglicherweise die Familie bedroht.

Autor Johannes Groschupf ist seit dem Beginn seiner Berlin-Thriller („Berlin Prepper“ erschien 2019) ein gefragter Mann im Genre und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. „Skin City“ ist nun der vierte Roman in dieser Reihung (eine Reihe ist es nicht), die vor allem die Milieus in Berlin in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt. Johannes Groschupf verarbeitet nach eigener Aussage eigene Begegnungen in der Stadt, ohne es zu sehr auf gesellschaftliche Relevanz anzulegen. Diesem Konzept bleibt er auch in „Skin City“ treu. Das ist wie schon in der Vorgängerromanen ganz ordentlich gemacht, vor allem die Dialoge, die sehr unterschiedlichen Schauplätze und der Blick auf Berlin sind wie immer gelungen. Dennoch konnte mich der Autor nicht ganz so begeistern wie etwa bei „Berlin Heat“ oder „Die Stunde der Hyänen“. „Skin City“ hat für mich nicht die Wucht der Vorgänger, bleibt zu gedämpft in Tempo und Relevanz, hätte noch tiefer gehen können. Vor allem das Ende, in dem der Autor die drei Hauptpersonen und die Handlungsstränge zusammenführt, kam mir zu abrupt vor und konnte mich nicht völlig überzeugen. Nichtsdestotrotz bleibt Johannes Groschupf ein relevanter Autor, um die Seele Berlins in einen Kriminalroman unterzubringen.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Skin City | Erschienen am 23.02.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47449-5
234 Seiten | 17,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu „Berlin Heat“ und „Die Stunde der Hyänen“

Jessica Knoll | Bright Young Women

Jessica Knoll | Bright Young Women

Der Mann öffnete die Tür und verschwand. Bei unserer nächsten Begegnung würde er Anzug und Krawatte tragen, sowohl Groupies als auch die New York Times auf seiner Seite haben, und auf die Frage nach meinem derzeitigen Wohnsitz wäre ich gesetzlich verpflichtet, ihm meine Privatadresse zu nennen. Einem Mann, der fünfunddreißig Frauen ermordet hatte und zweimal aus dem Gefängnis ausgebrochen war. (Auszug Seite 29)

In der Nacht zum 15. Januar 1978 dringt ein unbekannter Mann in ein Verbindungshaus auf dem Campus der Florida State University ein, misshandelt und tötet mehrere Studentinnen. Die Jura-Studentin Pamela Schumacher, Vorsitzende der Verbindung wird von Geräuschen wach und kann unbemerkt noch einen kurzen Blick auf den Täter werfen. Sie glaubt anfänglich sogar den Exfreund ihrer ermordeten Freundin Denise zu erkennen. Ein Irrtum, den sie sofort revidiert, der ihr aber später zum Verhängnis wird, da die Ermittlungen erst mal in die falsche Richtung gehen. Denn es handelt sich nicht um ein einzelnes Verbrechen. Der Täter ist ein Serienmörder, dem mehr als 30 Frauen zum Opfer fielen. Unzählige Ermittlungsfehler vereitelten über Jahre seine Verhaftung, bis er 1989 hingerichtet wurde, und seither in den Medien überhöht und glorifiziert wurde. Jessica Knoll nennt nicht einmal seinen Namen, ihr geht es um die Opfer und Überlebenden.

Pamela lernt Tina Gannon kennen, deren Freundin Ruth einige Jahre zuvor an einem heißen Sommertag von einem völlig überfüllten See verschwand. Tina ist davon überzeugt, dass Ruths Mörder auch für die Taten an Pamelas Kommilitoninnen verantwortlich ist, auch wenn Ruths Leiche nie gefunden wurde. Von den Behörden weitestgehend alleine gelassen, tun die beiden Frauen sich zusammen und stellen auf eigene Faust Nachforschungen an. Bei der Polizei und Justiz stoßen sie jedoch immer wieder auf Widerstände.

Fassungslos verfolgen wir, wie wenig Unterstützung die Überlebenden erhalten, wie Behörden und die Gesellschaft mit den Frauen umgehen, sie überhaupt nicht ernst nehmen. Der Täter ist noch auf freiem Fuß und die traumatisierten Studentinnen müssen wieder auf den Campus und in ihre Studentenzimmer zurückkehren. Es werden nur neue Schlösser besorgt und dazu der Tipp, sich nicht alleine mit jemandem zu treffen. Als der Killer schließlich gefasst wird und es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, verteidigt sich der gescheiterte Jurastudent selbst.

Der Angeklagte selbst würde mich befragen. Anders konnte es nicht sein – denn für gewöhnlich sagte man vor Gericht aus oder wurde in einer Kanzlei von zugelassenen Anwälten befragt, die nicht dazu neigten, dutzende Frauen zu erschlagen. (Auszug Seite 346)

Der Roman ist raffiniert mit verschiedenen Perspektiven und Zeitsträngen konstruiert. Eine ist die Rahmenhandlung in der jetzigen Zeit. Die Ich-Erzählerin Pamela, aus deren Sicht wir weite Strecken des Buches erleben, versucht zeitlebens, das Trauma der Tatnacht zu verwinden. Als Vorsitzende der Verbindung fühlte sie sich für die Kommilitoninnen verantwortlich. Dann gibt es Rückblenden auf die grausamen Morde 1978 und eine dritte Perspektive erzählt aus der Sicht der ermordeten Ruth 1974. Das fand ich einen cleveren Kniff, macht es aber auch etwas sperrig. Man benötigt volle Konzentration und kann es nicht einfach so weg lesen. Die junge Frau lernen wir am besten kennen, verfolgen ihre Suche nach einer Rolle in einer von Männern dominierten Gesellschaft und ohne Unterstützung ihrer Eltern den Kampf für ein selbstbestimmtes Leben. Anhand Ruths nuancierter Darstellung spürt man die Kritik an den patriarchalen Strukturen der 70er Jahre.

Im Klappentext erfährt man, dass Jessica Knoll hier ein wahres Verbrechen fiktionalisiert und dass es sich bei dem amerikanischen Serienmörder um Ted Bundy handelt. Dieser ist Thema zahlreicher Bücher, Filme, Netflix-Dokus und Serien, wurde in den Medien gefeiert und glorifiziert. Sein gutes Aussehen und sein angeblicher Charme wurden zum zentralen Teil seiner Legende, auch um die Inkompetenz der Polizei zu verschleiern. Knoll stellt sich dem Personenkult des Täters entgegen. Ihr ist es wichtig ihn als gewöhnlichen Frauenhasser zu schildern. Sehr überzeugend versucht sie den Mythos des jungen, verführerischen Mörders zu demontieren. Indem sie die weibliche Gewalterfahrung in den Fokus rückt, gibt sie in ihrem Roman allen Opfern stellvertretend eine Stimme. Der Roman, eine Mischung aus True Crime und Thriller bietet eine wütende Auseinandersetzung mit der voyeuristischen Ausschlachtung der Morde und der Mystifizierung von Mord und Gewalt gegen Frauen mit gesellschaftskritischem und feministischem Ansatz.

Jessica Knoll ist eine amerikanische Bestsellerautorin, dessen Debütroman „Ich.Bin.So.Glücklich“ bereits von Netflix verfilmt wurde. Inspiriert zu ihrem Roman „Bright Young Women“ wurde sie durch die Geschichte von Kathy Kleiner, einer der wenigen Überlebenden der Mordserie, die auch im Prozess aussagte.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Bright Young Women | Erschienen am 25. Oktober 2024 im Eichborn Verlag
ISBN 978-3-84790-189-1
464 Seiten | 18,- Euro
Originaltitel: Bright Young Women | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Jasmin Humburg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ivy Pochoda | Sing mir vom Tod

Ivy Pochoda | Sing mir vom Tod

Dios hatte recht – na und? Sie hatte tatsächlich alle darüber belogen, was an dem Abend wirklich passiert war. Alle außer Tina. Und das war ein Fehler gewesen, ein bedauernswerter Versuch in ihren ersten Tagen im Knast, härter rüberzukommen, als sie sich fühlte. (Auszug Seite 82)

In einem Frauengefängnis im heißen Arizona treffen Florence „Florida“ Baum und Diana Diosmary „Dios“ Sandoval aufeinander. Auf den ersten Blick könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite Florida, Tochter aus reichem Hause, nach eigener Aussage nur durch einen Typen ins falsche Milieu abgerutscht. Dagegen Dios, Latina aus schwierigen Verhältnissen, hochbegabt, mit einem Stipendium an einem renommierten College. Die wegen schwerer Körperverletzung verurteilte Dios ist, warum auch immer, beherrscht von dem Wunsch, Florida zu demaskieren und ihre wahre Natur zum Vorschein zu bringen. Kommentiert wird die Story der beiden Kontrahentinnen von Kace, der psychotischen Zellengenossin von Florida. Sie ist davon überzeugt, die Seelen der getöteten Opfer in sich zu tragen und dass diese zu ihr sprechen. Ihre eigenen Opfer, aber auch die Opfer der anderen Insassinnen. Sie und diese Geister bilden eine Art griechischen Chor, der das Geschehen kommentiert.

Eine Welt, die sich verpisst hat
Überraschend werden Florida und Dios auf Bewährung aus dem überfüllten Knast entlassen und müssen wegen der Pandemie 14 Tage in einem schmuddeligen Motel in Quarantäne verbringen. Florida jedoch, einem plötzlichen Impuls folgend, verletzt ihre Bewährungsauflagen und steigt in einen illegalen Bus, der sie in ihre Heimat Los Angeles bringen soll. Keine gute Entscheidung und das nicht erst, als Dios plötzlich zusteigt. Der nun folgende Roadtrip, auf dem sich die Wege der beiden immer wieder kreuzen, entwickelt sich zu einem Fiasko, einer nicht enden wollenden Gewaltspirale. Hier kommt mit Detective Lobos eine dritte Figur ins Spiel, auch sie mit großer Wut beladen. Sie ist wütend auf sich selbst, hat sie es zugelassen, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Es gibt ein Kontaktverbot gegen ihren Ex-Mann, der sie aber immer wieder drangsaliert. Für mich die gelungenste Figur, deren Motivation ich nachvollziehen konnte. Wir kennen sie bereits aus „Diese Frauen“. Es beginnt ein gnadenloser Roadtrip durch geisterhaft leere Gegenden in Los Angeles. Die Obdachlosigkeit hat sich im pandemie-gebeutelten, dystopischen LA mittlerweile verschärft, Menschen leben in Zelten, die Zeltstadt hat sich bis nach Downtown ausgebreitet. Die Beschreibungen der menschenleeren Straßen haben etwas Apokalyptisches.

Es ist bloß eine Straße, die eine andere Straße kreuzt, leer wie der Rest der Stadt – undurchsichtige Fenster, verwaiste Parkplätze, verschwundene Läden. Eine Welt, die sich verpisst hat. (Auszug Seite 307)

Bitches mit Problemen
„Diese Frauen“ von Ivy Pochoda war ein großes Highlight für mich, daran kommt „Sing mir vom Tod“ nicht ganz heran. Durch den fordernden Schreibstil mit rotzigem Ton und unverblümte Sprache werden die Schicksale der Protagonistinnen schonungslos aufbereitet. Es gibt viele Wiederholungen des Erzählten, was auf Kosten der Dramatik geht. Ich musste mir das teilweise erarbeiten. Spannung entsteht, da man um den ungewissen Fortgang des ereignisreichen Trips bangt. Die ständigen Perspektivwechsel verwirren und der Grund für diese große Wut blieb mir verborgen. Die Entwicklung der Figuren hat mich wenig überzeugt, besonders das Seelenleben Dios blieb mir fremd. Auch die Darstellung des Gefängnisalltags und die Brutalität der Frauen untereinander sowie der übergriffigen Wärter fand ich zwar stimmig, war aber für mich kaum zu ertragen. Die Gewalt, hier vornehmlich unter Frauen, spielt eine große Rolle. Pochodas Thema ist die für sie irrtümliche Annahme in der Gesellschaft, dass Frauen nicht zu der gleichen Brutalität und Gewalt fähig sind wie Männer. Zumindest nicht ohne Grund und wenn dann nur als Reaktion. In der Literatur werden gewalttätige Frauen oft dargestellt als

Lady Killers. Femme Fatales. Schwarze Witwen. Thelma & Louise, Bitches mit Problemen. (Auszug Seite 166)

Das Cover mit den roten und gelben Farben strahlt eine flirrende, staubige Hitze aus und auch der Titel deutet auf eine Geschichte im Wilden Westen hin. Mit dem großen Showdown an einer leergefegten, vermüllten Straßenkreuzung, der sicher nicht zufällig an den großen Filmklassiker High Noon erinnert, schafft sie einige ikonische Bilder im Kopf. Eine Verfilmung könnte ich mir super vorstellen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Sing mir vom Tod | Erschienen am 13. Januar 2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7462-4
328 Seiten | 17,00 Euro
Originaltitel: Sing Her Down | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Diese Frauen“ von Ivy Pochoda

Nicolás Ferraro | Ámbar

Nicolás Ferraro | Ámbar

So vergingen drei Jahren, bis Großmutter Nuria einen Herzinfarkt hatte. An einem Tag war sie da, am nächsten war sie Asche. Und auf einmal hatte Papá mich am Bein und wusste nicht, was er mit mir anfangen sollte.
Er weiß es immer noch nicht. (Auszug S. 19).

Die 15jährige Ámbar lebt bei ihrem Vater Victor, einem Kriminellen. Ohne festen Wohnsitz treiben sie sich im Norden Argentiniens nahe der Grenze zu Paraguay herum. Sie geht nicht mehr zur Schule, schläft selten lange am selben Ort, lernt kaum Gleichaltrige kennen. Ámbar muss sich stattdessen auf die Situation ihres Vaters einlassen, seine Wunden versorgen, seine Tarnung einnehmen.

Zu Beginn kehrt Victor mit einer Schusswunde in den Unterschlumpf zurück, die Ámbar verarztet. Sie fliehen mit dem Wagen, sie muss fahren. Sie halten an einem abgelegenen Ort, Victor schüttet Benzin über eine Leiche im Kofferraum und zündet den Wagen an. Erst danach geht Ámbar auf, dass Giovanni, ein guter Freund und Kompagnon seines Vaters, im Kofferraum lag. Es ist zu irgendeinem Vorfall gekommen, bei dem Giovanni erschossen und sein Vater angeschossen wurde. Victor begibt sich nun auf einen Rachefeldzug und Ámbar ist gezwungen, ihn zu begleiten.

Papá trägt seine Narben wie Orden. Nichts erzählt seine Geschichte besser als sein Körper. Víctor Mondragón ist ein Mann, den man in Blindenschrift besser versteht, als wenn man mit ihm redet. Aber eigentlich versteht man ihn in keiner Sprache. (Auszug S. 9)

Ámbar erzählt diese, ihre Geschichte als Ich-Erzählerin. Eine 15jährige am Rande der Gesellschaft, der Vater schon immer kriminell, die Mutter verließ die Familie früh. Sie wuchs bei der Großmutter, seitdem sie vor ein paar Jahren starb, schleppt ihr Vater sie nun mit sich herum. Sie hat sich inzwischen an dieses Leben gewöhnt, kommt mit wenig aus. Zu Beginn ist ein Tattoo ihr größter Wunsch, hierfür spart sie heimlich Geld, denn ihr Vater würde ihr das nicht erlauben. Sie gerät oft mit ihm aneinander, sehnt sich gleichzeitig nach Zusammenhalt und will ihrem Vater vertrauen. Doch Victor Mondragón ist ein undurchsichtiger Mann, weiht seine heranwachsende Tochter in nicht allzu viele Dinge ein und doch baut er zunehmend als Unterstützung auf sie. Mehr und mehr wird Ámbar unsicher, was sie wirklich will und inwieweit ihr Vater ihr Vertrauen rechtfertigt.

Papá stellt sich neben mich und gibt mir ein Zeichen, rauszugehen. Den ersten Elfmeter schießt Boca. Ich habe die Schnauze voll von Boca. Von River. Von Rata Blanca, davon, dass sie sich alle für so schlau und mich für ein dummes kleines Mädchen halten. Ich drücke ab. Splitter des Fernsehers verteilen sich im Raum, zusammen mit Stille.
Jetzt endlich sehen mich alle an.
Ich stoße ein Brüllen aus, und in diesem Brüllen bin ich weder Mann noch Frau noch Tochter.
Ich bin ein Jaguar. (Auszug S.170)

Der argentinische Autor Nicolás Ferraro ist bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Mit „Ámbar“ gewann er 2023 den Premio Hammett als höchste Auszeichnung der spanischsprachigen Kriminalliteratur, die englische Übersetzung „My favourite scar“ war im letzten Jahr für den Edgar Award nominiert. Der Roman wahrt mit einer ungewöhnlichen Perspektive einer heranwachsenden Gangstertochter auf und dem Autor gelingt es, diese Sichtweise konsequent und durchaus realistisch durchzuhalten. An einigen Stellen verhält sich Ámbar wie eine normale 15jährige, an anderen erscheint sie abgebrüht und bereits in der Erwachsenenwelt angekommen. Weitestgehend überzeugend ist auch die Entwicklung die Ámbar durchmacht und die in einem überraschenden Ende mündet. Insgesamt ist dieser lesenswerte Roman eine ungewöhnliche Coming-of-age-Charakterstudie in Thrillerform, in der der Autor immer wieder harte, brutale Spitzen setzt, um die Umstände nicht zu verklären.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Ámbar | Erschienen am 05.02.2025 im Pendragon Verlag
ISBN 987-3-86532-901-1
314 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Ámbar | Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt
Bibliografische Angaben & Leseprobe