Autor: Nora

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Zu den harten Fakten: Von Oktober 1989 bis April 1991 verübte ein Serienmörder in Brandenburg südöstlich von Berlin insgesamt sechs Morde und beging drei weitere Mordversuche. Die Taten waren auch mit sexuellem Missbrauch bzw. Vergewaltigung verbunden. Die Taten und die Suche nach dem Täter wurden von der Presse intensiv verfolgt, man gab ihm den Namen „Rosa Riese“ oder „Bestie von Beelitz“. Die Berichterstattungen während der Suche und später während des Prozesses von bestimmten Boulevardmedien wurden anschließend stark kritisiert. Im August 1991 wurde schließlich ein Mann in Damenbekleidung von zwei Joggern überwältigt und der Polizei übergeben. Dort gestand Wolfgang Schmidt, ehemaliger Volkspolizist, die Taten. Während des Prozesses wurde bekannt, dass Schmidt einen extremen sexuellen Fetischismus entwickelt hatte. Später ließ Schmidt ihre Transgeschlechtlichkeit bekanntgeben und erfolgreich die Geschlechtszuordnung ändern. Sie heißt seitdem Beate Schmidt und ist immer noch im Maßregelvollzug untergebracht.

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane hat sich dieses Stoffes angenommen und daraus einen True Crime-Roman verfasst. Sie beginnt den Roman in Deetz, einem kleinen Ort an der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg, Anfang Oktober 1989. Hedi, eine junge Frau aus dem Dorf, badet wie viele aus der Gegend gerne in den Erdelöchern, kleine Seen in ehemaligen Torfabbaulöchern, als sie einen Mann bemerkt, der sie beobachtet. Sie entkommt mit einem Schrecken, der Mann greift sie nicht an, verhält sich aber merkwürdig. Zwei Wochen später wird in der Bungalowsiedlung nahe der Erdelöcher eine 51jährige Frau ermordet, die Hedi auch kannte. Die Bewohner aus Deetz reagieren schockiert, neben Hedi auch ihre beste Freundin Gabi. Die Polizei der untergehenden DDR ist mit dem Fall überfordert, verdächtigt unter anderem den Ehemann, obwohl der überhaupt nicht zu der Beschreibung des Täters passt, der einem Zeugen in der Siedlung aufgefallen ist.

Der Roman konzentriert sich in der Folgezeit stark auf die beiden Frauen und Ich-Erzählerinnen Hedi und Gabi, die sich durch den Wandel in der DDR und der später erfolgenden Wiedervereinigung in einer komplizierten Lebensphase befinden. Die scheinbar vorgezeichneten Pfade der DDR mit Ausbildung und Beruf gelten nicht mehr, man ist nun aber auch etwas überfordert mit der Freiheit. Gerade die Elterngeneration findet sich nur schwer in der neuen Bundesrepublik zurecht. Und nun geht die Angst vor dem Mörder um, der das Dorf lähmt, in die heile Welt eindringt. Hedi flüchtet mit ihrem Freund Erich nach Berlin. Doch dort lässt er sie nicht mehr aus der Wohnung, steigert sich in Beschützerinstinkte, wird ihr gegenüber körperlich. Irgendwann glaubt Hedi, dass er der Gesuchte ist. Gabi hingegen nutzt die neue Freiheit, bewirbt sich erfolgreich um ein Praktikum bzw. Volontariat bei der Bild-Zeitung. Dort will sie auf den Fall des Mörders und vermutlichen Serientäters aufmerksam machen, scheitert aber zunächst am Desinteresse der Redaktion. Erst der Doppelmord an einer Mutter und ihres Säuglings lässt das Interesse des Boulevards umso heftiger entfachen. Währenddessen versucht Gabi, Hedi aus ihrem „Gefängnis“ mit Erich zu befreien.

Die Autorin nutzt die beiden Frauen und ihr Umfeld, um die einschneidenden Erfahrungen der Wendezeit deutlich zu machen. Ein gewohntes Umfeld, dass sich plötzlich stark verändert. Eine neu gewonnene Freiheit, die auch erstmal verunsichert. Ein Konsumrausch, dem viele nicht gewachsen sind. Die staatliche Ordnung der DDR, die vom Übergang überfordert ist. Existenzängste. Die Bundesrepublik als Ellbogengesellschaft. Die niederen Instinkte des Boulevardjournalismus. Hinzu kommen die Taten des Serienmörders, die verstören und Angst machen, die als westlich importiert empfunden wurden, obwohl, wie sich später herausstellt, der Täter in der DDR unter ihnen sozialisiert wurde. Der Täter selbst kommt übrigens nur selten durch knappe, kurze Abschnitte – zumeist Aussagen aus dem Polizeiverhör – vor. Der Fokus liegt weniger auf den Taten und gar nicht auf den Ermittlungen, eher auf den Opfern, denen ein gewisser Platz eingeräumt wird, vor allem aber auf der gesamtgesellschaftlichen Situation der Wendezeit und der damit verbundenen Umwälzungen, in der diese Taten stattfanden und was diese dadurch für ein Echo auslösten. Das macht den Roman zu einer lesenswerten Studie über ein aufsehenerregendes Verbrechen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

„Ich glaubte, ich wollte beim Aufklären helfen, weil irgendwie keiner so richtig etwas tat, doch jetzt weiß ich, eigentlich war es meine Angst, die mich antrieb. […] Es war die Angst, die mich zwang zu verstehen zu wollen, wovor ich Angst haben musste. Ich hatte das Gefühl, ich würde erst wieder angstfrei sein, wenn ich jeden Moment mit Gewissheit wusste, wo er war. Doch nun sind Monate vergangen, ohne dass ich mehr weiß, eine weitere Frau wird vermisst und ein weiteres Mal scheint sie vergessen zu werden.“ (Auszug S. 212)

Über die Recherchen von Sophie Sumburane wurde zudem auch eine dreiteilige Dokumentarserie („Rosa Riese“) der Reihe „ARD Crime Time“ produziert. Ein Kamerateam begleitet die Autorin bei der Befragung von Zeitzeugen und auf Spurensuche in der Region. Zudem werden Archivbeiträge eingespielt. Im Gegensatz zum Buch spielen die Polizeiermittlungen und der Täter eine größere Rolle. Insofern eine interessante Ergänzung zum Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Keine besonderen Auffälligkeiten | Erschienen am 02.03.2026 in der Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-478-4
296 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarserie „Rosa Riese“ in der ARD-Mediathek

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Er erwähnte das Beten oft, und auch wenn ich keine Kirchgängerin war, lebte ich noch immer in Pennsylvania, und hier kam es gar nicht gut an, wenn man Religion verunglimpfte. Gekündigte Freundschaften, zerbrochene Familien – alles vorgekommen. Mir war beten schon immer wie eine Ausrede erschienen, um es zu vermeiden, Initiative ergreifen zu müssen oder harten Wahrheiten ins Auge zu sehen. Aber in Locksburg behielt man solche Zweifel für sich und schluckte jeglichen Spott runter. (Auszug S. 166)

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Colin Walsh | Kala

Colin Walsh | Kala

Im Sommer 2003 genießen sechs Teenager, alle um die 15 Jahre alt, in der irischen Kleinstadt Kinlough einen endlosen Sommer, bis Katherine „Kala“ Lanann spurlos verschwindet und nicht mehr gefunden wird. Jetzt, 15 Jahre später, treffen sich drei der damaligen Clique in dem Küstenstädtchen wieder. Mush, der in der Kneipe seiner Mutter arbeitet und es nie aus Kinlough rausgeschafft hat, Helen eine Journalistin, die für eine Hochzeit eher widerwillig aus Kanada nach Irland zurückkehrt. Und Joe, in LA ein gefeierter Rockstar, der für einen Gig in das Örtchen an der irischen Küste zurückkehrt. Grade jetzt wird ein Skelett im Wald gefunden, bei dem es sich um die menschlichen Überreste der vermissten Kala handelt und fast zeitgleich verschwinden wieder zwei Jugendliche, die Schwestern Donna und Marie. Die drei werden von der Vergangenheit, die sie alle auf ihre eigene Weise verdrängt haben, eingeholt.

Alle haben sie ihre Theorie. Sogar ich. Irgendwo in einem dunklen Winkel meines Verstands hab ich sofort an Kala gedacht. Das wollte ich nicht denken, aber du kannst dich ein Leben lang daran abarbeiten, deinem Hirn vorzuschreiben, was es zu denken hat, kannst versuchen, deine Gedanken zu kontrollieren, als wärst du der scheiß Rain Man, ist alles für’n Arsch. (Auszug Pos. 152 von 5931)

Der Plot klingt im ersten Moment nach etwas, was man so schon öfter gelesen hat. Freunde treffen nach Jahren wieder an dem Ort aufeinander, wo sie vor Jahren auseinandergingen, ohne dass das traumatische Geschehen um die verschwundene Freundin geklärt worden wäre. Autor Colin Walsh erzählt in seinem Debüt in kurzen Kapiteln abwechselnd aus den Perspektiven unserer Protagonisten, die durch eigene Erzählstile gekennzeichnet sind. Bei Mush in einem einfachen Duktus mit vielen Slang-Ausdrücken, bei Joe mit vielen sich wiederholenden Inneneinsichten in der zweiten Person Singular. Diese sich wiederholenden, unnötig langen Reflexionen drehen sich im Kreis und behindern durchaus den Lesefluss. Die vielen Perspektiven erhöhen die Komplexität, es fühlt sich eher an, als müsse man sich den Plot erarbeiten und es dauert etwas, bis man aufgrund des Schreibstils in die Geschichte reingefunden hat.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits in der Vergangenheit zum Zeitpunkt von Kalas Verschwinden und in der Gegenwart. Die Rückblenden ins Jahr 2003 lassen den Sommer vor 15 Jahren lebendig werden und wenn der Roman hier das Leben für junge Menschen in einem kleinen Touristenstädtchen außerhalb der Saison als besonders öde und langweilig schildert, ist das natürlich ein Klischee, aber durchaus stimmig erzählt. Die pubertierenden Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe zu beobachten war glaubhaft geschildert. Die charismatische Kala war der strahlende Mittelpunkt der Clique, wirkte nach außen hin cool, aber im Inneren war sie eine zutiefst verunsicherte Seele. Hier fand ich einige Aspekte, wie die Dynamik innerhalb der Clique, die Spannungen, Loyalitäten und Geheimnisse, insbesondere die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses durchaus interessant geschildert.

Nach und nach werden die Geheimnisse des Dorfes aufgedeckt, in der die Clique reingeraten ist. Es geht um Seilschaften, krumme Geschäfte, um Tierquälerei, Geschäftemacherei, Geldwäsche und Korruption. Die fast mafiösen Strukturen in dem idyllischen Dörfchen haben mich verwundert, die Beschreibungen der brutalen Gewalt erschreckt. Nach einem zählen Mittelteil kommt auf den letzten 50 Seiten tatsächlich noch Spannung auf, auch wenn ich als erfahrene Thrillerleserin die Auflösung zumindest erahnt habe.

Bei Kala handelt es sich um eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und düsterem Thriller, wobei der Thrill schon einiges auf sich warten lässt. Vielleicht ist das auch das Problem, denn in keinem des Genres hat der Roman mich restlos überzeugt. Dabei hatten mich das Setting einer irischen Kleinstadt sowie die Vergleiche im Klappentext mit Tana French und Donna Tart neugierig gemacht und angefixt. Vielleicht waren meine Erwartungen deshalb auch zu hoch, aber diesem Anspruch wird Colin Walsh, obwohl sehr ambitioniert und mit literarischem Anspruch, gar nicht gerecht.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kala | Erschienen am 26.02.2026 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-989-41130-2
512 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Kala | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy ist seit langem als Autor politischer Kriminalromane bekannt. Der Franzose aus Rouen ist seit „Der Block“ (3. Rang Deutscher Krimipreis 2018) auch in Deutschland ein Begriff als außerordentlich politischer Autor, der eine Machtergreifung der politischen Rechten in seinen Werken vorausahnt. In seinen Noir-Krimis nennt er die Rechten „Patriotischer Block“, aber jeder weiß, wer gemeint ist. „Der Block“ las sich fast als Schlüsselroman für den Aufstieg des damaligen „Front National“, heute „Rassemblement National (RN)“, in eine politische Führungsrolle. Dieses Szenario inclusive bestimmter Figuren hat er in weiteren Romanen wieder aufgegriffen, zuletzt erschien im letzten Jahr „Die letzten Französin“ in deutscher Übersetzung.

Nun könnte man sagen, dass Leroy schon seit 15 Jahren den Teufel an die Wand malt, sprich eine Machtübernahme durch oder in Beteiligung der Faschisten in Frankreich postuliert, die aber bis heute nicht stattgefunden hat. Wer allerdings die Verhältnisse in Frankreich ein wenig verfolgt, wird feststellen, dass dort die Situation noch deutlich prekärer ist als in Deutschland und der Autor womöglich nur seiner Zeit voraus. Der RN hat bereits das ganze Land betrachtet die Mehrheit der Stimmen und die demokratische Mitte schrumpft weiter durch stärkere linksextreme Gegenströmungen. Präsident Macron hat keine eigene parlamentarische Mehrheit mehr und seit der letzten Wahl der Nationalversammlung 2024 bereits den dritten Ministerpräsidenten berufen.

Sein Name wird in „Die kleine Faschistin“ nicht genannt, Leroy und die Figuren nennen den Präsidenten nur den „Verrückten“. Dieser hat sich im Élysée-Palast abgekapselt, ist politisch isoliert, agiert zunehmend erratisch und hat mal wieder das Parlament aufgelöst. Er hat eine konservative Frau zur Ministerpräsidentin ernannt und erkennt nicht, dass diese die Sicherheitskräfte an sich bindet und ihr eigenes Spiel spielt – kurz vor den nächsten Wahlen. Der Roman spielt im heißen Sommer (der Klimawandel!) in der fiktiven Küstenstadt Frise nahe Dünkirchen und der belgischen Grenze. Die beiden Hauptfiguren sind Francesca Crommelynck und Patrick Bonneval.

Sie ist eine blonde, attraktive, großgewachsene 20jährige, in einem rechtsradikalen Elternhaus aufgewachsen und früh als „kleine Faschistin“ sozialisiert. Sie ist aktives Mitglied der Schlägertruppe „Löwen von Flandern“, die natürlich den Patriotischen Block unterstützt. Ihr Trauma ist der Verlust ihrer Jugendliebe Jugurtha, Sohn eines Kommunisten, und ihres älteren Bruders kurz hintereinander, als sie 14 war. Jugurtha wurde in den Dünen ermordet, ihr Bruder Nils starb im Kugelhagel eines gescheiterten Waffen-Drogen-Deals zwischen Faschisten und der Mocro-Mafia. Im Laufe des Romans wird sie das versteckte Tagebuch ihres Bruders finden und sie in eine Krise stürzen. Bonneval hingegen ist ein fast 60jähriger alteingesessener Abgeordneter der Sozialistischen Partei, der von einer Spin Doktorin zum Dark Horse für den Ministerpräsidentenposten gekürt wurde, um dann festzustellen, dass das Wahlbündnis mehrerer Linksparteien in seinem Wahlkreis dieses Mal einen Kommunisten als Gegenkandidat zum Block aufstellt. Das lässt die sowieso schon aufkeimende Mid-Life-Crisis von Bonneval nochmal zusätzlich aufblühen. Francesca und Bonneval werden im Laufe der Handlung aufeinandertreffen, mehr sei an dieser Stelle nicht gespoilert.

Jérôme Leroy erzählt den kurzen, knackigen Roman mit Hilfe eines allwissenden Erzählers, der hier und da ein wenig spoilert, an anderer Stelle in die Vergangenheit schweift, aber über weite Strecken im Präsens erzählt. Dabei nimmt er einen durchaus amüsanten, gar nicht so ernsthaften Ton, der weniger politisch moralisiert, sondern unterhalten will. Schon die einleitende Szene ist skurril-großartig, als ein Auftragskiller eine Ferienhaussiedlung auf der Suche nach Patrick Bonnevals Haus durchstreift, sich aber in der Tür irrt und in eine Drogen- und Sexparty junger Leute platzt. Er entledigt sich fast seufzend der Zeugen, ehe er selbst durch die Schrotflinte einer Nachbarin endet. Alles äußerst detailliert und urkomisch beschrieben.

So eine Scheiße aber auch.
Victor Serge zieht seine Glock. Er schießt, und Maéva Dupuis, dreiundzwanzig Jahre alt, kurz vor ihrem zweiten Jahr in einer Handelsschule in Amiens stehend, stirbt.
Der Schalldämpfer hat in der Rue de Dunes doch ziemlich gedröhnt. Victor Serge hofft gleichwohl, dass die Musik – jetzt gerade läuft Vomit Candy von Johnny Mafia – den Lärm übertönt hat. Das wäre angesichts der überbordenden Energie der Band aus Sens möglich.
Leider nein. (Auszug aus Kap.2)

Vor ein paar Jahren gab es mal einen kleinen Trend im Krimigenre, vorwiegend von irischen und britischen Autoren, den „Screwball Noir“. „Die kleine Faschisten“ müsste man daran angelehnt als „Screwball Polar“ bezeichnen – ein äußerst flotter, kurzweiliger satirischer Roman mit viel Wortwitz und skurriler Handlung. In diesem Falle bleibt dem Leser aber ein bitterer Beigeschmack, den es geht im Hintergrund immer um ein zutiefst gespaltenes Frankreich, die Demokratie schwebt über dem Abgrund. Das ist aber dennoch sehr originell und gelungen umgesetzt und unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die kleine Faschistin | Erschienen am 02.03.2026 bei Edition Nautilus
978-3-96054-476-0
152 Seiten | 18,- €
Originaltitel: La petite fasciste | Übersetzung aus dem Französischen von Cornelia Wend
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Der Block“ von Jérôme Leroy

Henry Wise | Holy City

Henry Wise | Holy City

Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes. (Auszug S. 24)

Will Seems ist nach zehn Jahren, in denen er in Virginias Hauptstadt Richmond gelebt hat, in seine Heimat im Euphoria County im Süden Virginias zurückgekehrt. Vorgeblich um nach dem Tod seiner Mutter zu seinen Wurzeln zurückzukehren und das heruntergekommene Familienanwesen zu renovieren. Er ist als Deputy beim Sheriff angestellt. Eines Nachts ist Will wie so häufig schlaflos im County unterwegs, als er ein Feuer beim Haus vom Tom Janders bemerkt. Er kann Tom zwar aus dem Feuer ziehen, doch da ist dieser bereits tot, offensichtlich bereits vor Austritt des Feuers ermordet. Als Verstärkung als dem Büro des Sheriffs eintrifft, wird ein Mann bemerkt, der vom Ort des Geschehens flieht. Zeke Hathom wird festgenommen und ist fortan Verdächtiger Nr.1, hatte er doch Schulden beim Toten. Doch Will und viele andere der Gemeinde halten Zeke für unschuldig.

Will hat zudem weitere Gründe, an der Schuld von Zeke Hathom zu zweifeln, da er ein enges Verhältnis zur Familie Hathom pflegt. Zekes Sohn Sam Hathom ist Wills bester Freund und auf Will lastet eine tiefe Schuld. Vor mehr als zehn Jahren wurde der weiße Will bei einem Bad im Fluss mit dem schwarzen Sam von einer Gruppe schwarzer gleichaltriger Jugendlicher bedrängt. Sam setzte sich für Will ein und wurde brutal und lebensgefährlich verprügelt. Davon hat Sam nur schwer erholt, muss mit dauerhaften Schäden leben und findet sich nur schwer im Leben zurecht. Er wurde drogenabhängig und wird mit Haftbefehl gesucht. Will kann sich bis heute nicht verzeihen, dass er Sam nicht beigestanden hat, unabhängig davon, ob dies überhaupt möglich gewesen wäre. Er versteckt Sam seit seiner Rückkehr bei sich auf dem abgelegenen Familienanwesen, ohne dass dessen Familie davon weiß. Will möchte nun Sams Vater entlasten und stellt eigene Ermittlungen an, da der Sheriff sich bereits festgelegt hat. Dabei soll die Privatdetektivin Bennico Watts, die von einigen Familien verpflichtet wurde, Will unterstützen, worauf er sich nur widerwillig einlässt.

“Seems!”, brüllte Mills, und Will drehte sich in der Tür um. „Wenn du noch einmal deine Stimme gegen mich erhebst, knöpfe ich dir so schnell die Dienstmarke ab, dass du meinst, einen Geist gesehen zu haben.“
„Tun Sie, was Sie wollen“, sagte Will. „Aber bis dahin mache ich meinen Job.“
Damit trat er hinaus in die Hitze des Sommers. (Auszug S. 69)

Bleischwer lastet die Schuld auf diesem Will Seems, der bis in die Gegenwart sich seine Passivität von damals nicht verzeihen kann, zumal der versehrte Sam ihn auch permanent daran erinnert. Er ist in seine Heimat zurückgekehrt, doch angekommen ist er nicht wirklich, er steht zwischen den Stühlen und ist in seiner Last gefangen. Will glaubt, seine Schuld abzahlen zu können, indem er Sam vor dem Sheriff versteckt und versucht, ihn auf Entzug zu setzen. Dass sein Vater in Haft ist, verschweigt er ihm, stattdessen will er selbst die Dinge lösen, auch das gegen den Willen des Sheriffs. Wills Schuld lässt ihn nachts nicht schlafen, er durchstreift das düstere County, hört den einzigen Sender, den man dort draußen empfängt – einen religiösen Sender, der das zornige Wort Gottes verkündet. Überhaupt bewegt man sich dort im Süden Virginias in einem Landstrich, der rau und unwirtlich wirkt. Nicht nur auf Will lastet eine bleierne Schwere, nach und nach kommen weitere Dinge als Licht, auch andere haben Schuld auf sich geladen.

„Holy City“ ist übrigens ein Begriff für Richmond als Pilgerstätte für Senatoren und Abgeordnete, ehemalige Hauptstadt der Konföderierter. Zum Zeitpunkt der Geschichte stehen dort auf dem zentralen Boulevard noch die Denkmäler der großen Figuren der Südstaaten (erst 2020/2021 wurden diese demontiert). Mit diesem Roman setzt der Polar Verlag die Tradition fort, mit „Country Noir“-Romanen das ländliche Amerika, das sogenannte Herzland zu porträtieren. Abgehängte Gegenden, der Blick geht eher zurück als nach vorn. Gegenden, aus denen der aktuelle Präsident beträchtliche Teile seiner Wählerschaft zieht. „Holy City“ reiht sich in diese Erzählungen ein, besticht durch seine Beschreibungen von Landschaft und Menschen, erzählt überzeugend von Heimat und der Schwierigkeit des Zurückkommens und vor allem von der Last von Schuld, Trauer und Hass.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Holy City | Erschienen am 15.01.2026 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-40-5
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Holy City | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe