Autor: Nora

Henry Wise | Holy City

Henry Wise | Holy City

Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes. (Auszug S. 24)

Will Seems ist nach zehn Jahren, in denen er in Virginias Hauptstadt Richmond gelebt hat, in seine Heimat im Euphoria County im Süden Virginias zurückgekehrt. Vorgeblich um nach dem Tod seiner Mutter zu seinen Wurzeln zurückzukehren und das heruntergekommene Familienanwesen zu renovieren. Er ist als Deputy beim Sheriff angestellt. Eines Nachts ist Will wie so häufig schlaflos im County unterwegs, als er ein Feuer beim Haus vom Tom Janders bemerkt. Er kann Tom zwar aus dem Feuer ziehen, doch da ist dieser bereits tot, offensichtlich bereits vor Austritt des Feuers ermordet. Als Verstärkung als dem Büro des Sheriffs eintrifft, wird ein Mann bemerkt, der vom Ort des Geschehens flieht. Zeke Hathom wird festgenommen und ist fortan Verdächtiger Nr.1, hatte er doch Schulden beim Toten. Doch Will und viele andere der Gemeinde halten Zeke für unschuldig.

Will hat zudem weitere Gründe, an der Schuld von Zeke Hathom zu zweifeln, da er ein enges Verhältnis zur Familie Hathom pflegt. Zekes Sohn Sam Hathom ist Wills bester Freund und auf Will lastet eine tiefe Schuld. Vor mehr als zehn Jahren wurde der weiße Will bei einem Bad im Fluss mit dem schwarzen Sam von einer Gruppe schwarzer gleichaltriger Jugendlicher bedrängt. Sam setzte sich für Will ein und wurde brutal und lebensgefährlich verprügelt. Davon hat Sam nur schwer erholt, muss mit dauerhaften Schäden leben und findet sich nur schwer im Leben zurecht. Er wurde drogenabhängig und wird mit Haftbefehl gesucht. Will kann sich bis heute nicht verzeihen, dass er Sam nicht beigestanden hat, unabhängig davon, ob dies überhaupt möglich gewesen wäre. Er versteckt Sam seit seiner Rückkehr bei sich auf dem abgelegenen Familienanwesen, ohne dass dessen Familie davon weiß. Will möchte nun Sams Vater entlasten und stellt eigene Ermittlungen an, da der Sheriff sich bereits festgelegt hat. Dabei soll die Privatdetektivin Bennico Watts, die von einigen Familien verpflichtet wurde, Will unterstützen, worauf er sich nur widerwillig einlässt.

“Seems!”, brüllte Mills, und Will drehte sich in der Tür um. „Wenn du noch einmal deine Stimme gegen mich erhebst, knöpfe ich dir so schnell die Dienstmarke ab, dass du meinst, einen Geist gesehen zu haben.“
„Tun Sie, was Sie wollen“, sagte Will. „Aber bis dahin mache ich meinen Job.“
Damit trat er hinaus in die Hitze des Sommers. (Auszug S. 69)

Bleischwer lastet die Schuld auf diesem Will Seems, der bis in die Gegenwart sich seine Passivität von damals nicht verzeihen kann, zumal der versehrte Sam ihn auch permanent daran erinnert. Er ist in seine Heimat zurückgekehrt, doch angekommen ist er nicht wirklich, er steht zwischen den Stühlen und ist in seiner Last gefangen. Will glaubt, seine Schuld abzahlen zu können, indem er Sam vor dem Sheriff versteckt und versucht, ihn auf Entzug zu setzen. Dass sein Vater in Haft ist, verschweigt er ihm, stattdessen will er selbst die Dinge lösen, auch das gegen den Willen des Sheriffs. Wills Schuld lässt ihn nachts nicht schlafen, er durchstreift das düstere County, hört den einzigen Sender, den man dort draußen empfängt – einen religiösen Sender, der das zornige Wort Gottes verkündet. Überhaupt bewegt man sich dort im Süden Virginias in einem Landstrich, der rau und unwirtlich wirkt. Nicht nur auf Will lastet eine bleierne Schwere, nach und nach kommen weitere Dinge als Licht, auch andere haben Schuld auf sich geladen.

„Holy City“ ist übrigens ein Begriff für Richmond als Pilgerstätte für Senatoren und Abgeordnete, ehemalige Hauptstadt der Konföderierter. Zum Zeitpunkt der Geschichte stehen dort auf dem zentralen Boulevard noch die Denkmäler der großen Figuren der Südstaaten (erst 2020/2021 wurden diese demontiert). Mit diesem Roman setzt der Polar Verlag die Tradition fort, mit „Country Noir“-Romanen das ländliche Amerika, das sogenannte Herzland zu porträtieren. Abgehängte Gegenden, der Blick geht eher zurück als nach vorn. Gegenden, aus denen der aktuelle Präsident beträchtliche Teile seiner Wählerschaft zieht. „Holy City“ reiht sich in diese Erzählungen ein, besticht durch seine Beschreibungen von Landschaft und Menschen, erzählt überzeugend von Heimat und der Schwierigkeit des Zurückkommens und vor allem von der Last von Schuld, Trauer und Hass.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Holy City | Erschienen am 15.01.2026 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-40-5
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Holy City | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Als er den Gürtelclip endlich entfernt hat, schiebt er die Pistole ins Holster und legt beides zurück in die geräumige Mittelkonsole. „Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben“, sagte Lily. „Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas“, antwortete er. „Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“ (Auszug E-Book Pos. 1901 von 3703)

Die 18-jährige Lily Stevens lebt mit ihrer Familie in Arkansas in einer kleinen Gemeinde. Sie sind nicht nur Mitglieder der Oneness-Kirche, sogenannte Pfingstkirchler, die einen strengen Glauben leben, ihr Vater David ist auch der Prediger der kleinen Gemeinde. Das macht die aktuelle Situation noch schwieriger, denn Lily ist im 5. Monat schwanger und ihr Verlobter und Vater des Kindes, Peter Cutchin ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Während jeder in der Gemeinde vermutet,  der 19-Jährige hätte wegen der Verantwortung kalte Füße bekommen und wäre kurz vor der Hochzeit einfach abgehauen, will Lily das nicht glauben. Für die eingeschworene Gemeinde ist eine sitzengelassene und hochschwangere Braut eine Katastrophe und Lilys Vater David Stevens wird dafür verantwortlich gemacht, seine Tochter nicht hart genug im Zaum gehalten zu haben. Er droht seinen Posten zu verlieren. Das Verhältnis zu Peters Mutter Cynthia ist schwierig, sie sieht Lily als Schuldige in Bezug auf die Schwangerschaft und dass Peter abgehauen ist. Sie legt die Heilige Schrift besonders streng aus und Handys sind für sie beispielsweise das Tor zur Sünde.

Außer an den Herrn und Sagrotan glaubt sie nur an die Unantastbarkeit der Mutterschaft, aber sie ist bei diesem Thema genauso unflexibel wie bei den anderen. (Auszug E-Book Position 604 von 3703)

Nachdem auch der Sheriff die Sache nicht ernst nimmt, wendet sich Lily hilfesuchend an Allan Woodson, einem Arbeitskollegen von Peter. Beide arbeiten an der Rezeption des Hotels Corinthian Inn. Es stellt sich heraus, dass Allan auch noch ihr Onkel ist, das Ergebnis einer lang verschwiegenen Affäre von Lilys Opa, ebenfalls Pfingstprediger vor über 40 Jahren. Lily bekommt mit, dass die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck ebenfalls auf der Suche nach  Peter sind und zu gewalttägigen Methoden greifen. Allan versucht anfangs noch, Lily von den beiden fernzuhalten, erkennt aber, dass er sich nicht länger raushalten darf. Im Corinthian Inn geht es um Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel. Er kann Lily nicht alleine ziehen lassen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die behütete Gemeinde der Pfingstler, Richtung Little Rock verlässt. Eine Spur führt sie in das von Eli geführte Bordell. In der Hauptstadt Arkansas wird Lily mit ihr bislang unbekannter brutaler Gewalt und niederen Abscheulichkeiten konfrontiert.

Bei dem Roman handelt es sich mehr um ein Sozialdrama als um einen Thriller. Die im Präsens gehaltene Handlung mit wechselnden Erzählperspektiven schreitet gemächlich dahin, kommt mit gezügelter Action aus und weiß mit einigen Wendungen zu überraschen. Es kommt dann zu einer eskalierenden Gewaltszene, die aber nicht im Detail geschildert wird, die ich aber trotzdem zu heftig und übertrieben fand. Der Erzählstil ist leicht zugänglich, ich fand es von Anfang an sprachlich ohne jegliche Raffinesse.

Positiv zu bewerten sind die Protagonisten Lily und Allan. Den Weg, den die bisher gehorsame Predigertochter Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden oder Hosen tragen darf, zur mutigen Frau, die sich von niemandem aufhalten lässt, geht, ist glaubhaft geschildert. Sie zweifelt zunehmend an Gott, den sie in ihrer verzweifelten Lage vermisst, gibt aber ihren Glauben nicht auf. Auch Allan, ihr hühnenhafter, schwuler Onkel ein absoluter Sympathieträger, der zu Hause seinen Stiefvater pflegt, ist kein Superheld, hält sich mit Sarkasmus im Hintergrund und guckt oft weg, kann aber im entscheidenden Moment über seinen Schatten springen. Die Dialoge zwischen Lily und Allan sind lebendig und unterhaltsam, unterbrechen das Düstere. Alle anderen Figuren waren mir zu blass gestaltet. Die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck stehen sinnbildlich für White Trash, agieren aber sehr hirnlos und dämlich.

Mit „Die Tochter des Predigers“, im Original „Find him“, hat der amerikanische Autor Jake Hinkson eine Geschichte in einem religiös geprägten Landstrich der USA angesiedelt. Man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. 1975 in Arkansas geboren, wuchs er in einer frommen Familie auf. Sein Vater war Diakon einer evangelischen Kirche, mehrere Onkel Pastoren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebte er in einer von seiner Familie geleiteten religiösen Gemeinschaft in einer abgelegenen Gegend, dem sogenannten Bibelgürtel der USA. In seinen Romanen behandelt er immer wieder die religiösen Strukturen im amerikanischen Bible Belt und kritisiert die heuchlerische und scheinheilige Gottesfurcht der Gemeinden.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Tochter des Predigers | Erschienen am 07. Oktober 2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910-91832-0
352 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Find him | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Irina Starilenko kam als Kind einer russisch-ukrainischen Familie nach Deutschland und arbeitete als Ermittlerin beim BKA. Ihr Bruder Konstantin hat sich linken Gruppierungen angeschlossen, die auch vor Straftaten nicht zurückschrecken. Um nicht kompromittiert zu werden, hat Irina ihre Stellung beim BKA aufgegeben und strebt nun eine private Anstellung in einer Wirtschaftskanzlei an. Doch nun wird sie von Konstantin um Hilfe gebeten: Sein ukrainischer Freund Oleksi wurde wegen Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verhaftet, dem man Verbindungen bei Waffengeschäften zu Russland nachsagt. Oleksi hat den Mord sogar gestanden. Doch Konstantin weiß, dass Oleksi es nicht gewesen sein kann, hat er doch zum Zeitpunkt hunderte Kilometer entfernt mit ihm einen Brandanschlag auf ein von Nazis und Identitären benutztes Gebäude verübt. Irina und der Anwalt Julian Bergmann versuchen vergeblich, Oleksi zum Widerrufen seines Geständnisses zu überzeugen. Mit Hilfe alter Kontakte betriebt Irina nun eigene Ermittlungen und stößt auf Ungereimtheiten, insbesondere bei der Identität des Toten.

Autor Martin von Arndt hat bereits in der Vergangenheit mehrere Politthriller, zumeist mit interessantem historischem Background, veröffentlicht. So etwa „Tage der Nemesis“, in denen der Genozid an den Armeniern 1915 thematisiert wird, oder „Sojus“, der zur Zeit des Ungarn-Aufstands 1956 spielt. In diesem Roman geht von Arndt aber in die Gegenwart und beschreibt die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in Deutschland und den langen Arm Russlands in die Bundesrepublik. Ein Mord geschieht, ein polnischer Waffenhändler stirbt, der scheinbar mit den Russen Geschäfte gemacht hat, der Mörder ein junger Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg. Doch so einfach, wie sie scheinen, sind die Dinge natürlich nicht.

Die Story wird fast ausschließlich aus der Sicht Irinas erzählt. Eher widerwillig erklärt sie sich bereit, ihrem Bruder zu helfen, zu dem sie trotz engem Familiensinn ein angespanntes Verhältnis hat, weil sie wegen ihm ihre BKA-Karriere beendet hat. Irina ist eine interessante und etwas unnahbare Hauptfigur. Hochintelligent, Kampfsportlerin, intersexuell geboren, die russisch-ukrainische Familie war bei markanten geschichtlichen Momenten wie dem Holodomor oder Tschernobyl involviert, ihr Bruder ein Linksextremist, ihre 15jährige Nichte eine versierte Hackerin. Sie befindet sich in einem neuen Lebensabschnitt, wirkt etwas einsam, versucht die Beziehungen zu alten Freundinnen wiederzubeleben. Irinas Lebensgeschichte als Migrantin in Deutschland wird im Plot regelmäßig aufgegriffen.

„Und das Gesicht?“
„Deutsch.“
Irina lachte. „Was ist ein deutsches Gesicht?“
Frau Babic zuckte mit den Schultern.
„Kann ich nicht genau sagen. Eines, dass es in Deutschland oft gibt. Ich habe keins. Sie auch nicht.“
Irina lächelte. „Und ist das gut?“
Frau Babic lächelte verschmitzt zurück.
„Kommt drauf an. Wollen Sie viele Männer haben? Dann ja. Aber wollen Sie lieber nicht auffallen, wenn die Nazis wiederkommen…? Dann nicht, hm-hm.“ (Auszug S. 106)

„Der Wortschatz des Todes“ (der etwas sperrige Titel ist ein Zitat des großen ukrainischen Autors Sergij Zhadan) besticht vor allem durch einen starken Plot mit starken Dialogen sowie die Aktualität und Unverbrauchtheit des Themas. Es gibt immer wieder Erklärungen, historische Ereignisse (vor allem zum russischen Angriffskrieg und der Vorgeschichte), die erwähnt und eingeordnet werden. Dies gelingt von Arndt jedoch zumeist sehr organisch im Plot. Unverbraucht ist auch die Protagonistin Irina Starilenko, obwohl der Autor ihr vielleicht etwas zu viel in die Biografie packt. Zusammengefasst ist der Roman aber absolut überzeugend und macht Lust auf weitere Bände mit Irina und ihrem armenischen Berghund Shun (der keine große Rolle hat, aber die Handlung immer wieder charmant auflockert).

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Wortschatz des Todes | Erschienen am 17.09.2025 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0712-3
288 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Andreas Pflüger | Kälter

Andreas Pflüger | Kälter

„Sie rechnen hier nicht mit jemandem wie mir. Und ich seh weiß Gott nicht zum Fürchten aus. Vielleicht hat es sogar noch etwas Gutes, dass ich schon lange nicht mehr auf meine Form geachtet habe.“ „Aber fünf.“ „Vor einer Ewigkeit hat mal jemand gesagt, ich würde nie etwas zu Ende bringen. Und er hatte recht. Aber diese Männer werden sich wünschen, sie hätten die Fähre gestern verpasst.“ (Auszug Seite 45)

Amrum, die kleine, nordfriesische Insel neben Föhr gelegen, wird wegen ihres feinsandigen, kilometerlangen Strandes und viel Natur auch die Perle der Nordsee genannt. Luzy Morgenroth versieht hier seit einigen Jahren ganz beschaulich ihren Dienst als Inselpolizistin zusammen mit ihrem Kollegen Jörgen, für mehr ist in der Amrumer Station zumindest in der Wintersaison nicht zu tun. Im Herbst 1989, Luzy feiert mit Freunden ihren 50. Geburtstag, als ein heftiger Sturm über Amrum aufzieht, wird die beschauliche Inselidylle jäh gestört. Mit der letzten Fähre landen fünf bis auf die Zähne bewaffnete Killer auf der Insel und es kommt zu einer Reihe von Morden. Luzy sieht sich gezwungen, in ihre Vergangenheit zurückzukehren. Denn was auf Amrum niemand ahnt, sie war einst eine top ausgebildete Mitarbeiterin des BKA und Personenschützerin, die sich nach einem desaströs verlaufenem Einsatz in Israel, zurückgezogen hatte. Der damalige Drahtzieher der Terroraktion, die ihr Leben zerstörte, war Hagen List, genannt Babel. Dieser ließ Luzy damals hochmütig am Leben. Mittlerweile gilt der gefährlichste Terrorist der Welt als tot.

„Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“ (Auszug Seite 127)

Als Luzy einen Hinweis auf „Babel“ als Verantwortlichen des Killerkommandos bekommt, verlässt sie nach acht Jahren die Insel und macht sich auf den Weg, um den Totgeglaubten endlich zur Strecke zu bringen. Um es mit den Gegnern von damals aufzunehmen, reist Luzy nach Berlin, um sich von Yosef, ihrem früheren Krav-Maga-Trainer in die körperliche Form ihrer früheren Karriere bringen zu lassen. In Berlin bekommt sie hautnah den Mauerfall mit, als sich 1989 die Grenzen öffnen. Während die Ostdeutschen in den Westen strömen, kämpft sich Ex-Agentin Luzy ins Stasiarchiv. In alten Stasi-Akten findet sie den Beweis, dass Babel überlebt hat und für unzählige Anschläge verantwortlich ist. Mit den dort enthaltenen Informationen führt sie die Jagd quer durch Europa, von Berlin nach Wien, Israel und Südfrankreich.

„Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“ (Auszug Seite 138)

Gemächlicher Anfang für einen Thriller von Andreas Pflüger, aber keine Sorge, nach ca. fünfzig Seiten bricht die  Hölle los und das Inselidyll wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entfaltet sich der furiose Agententhriller mit einer viele Haken schlagenden Handlung, aufgrund des persönlichen Rache-Plots wird es auch emotional mit Thematisierung seelischer Abgründe. Typisch für Pflüger steht wieder eine weibliche Heldin im Fokus, eine kaltblütige Killermaschine, die zwischen den Welten steht, sich aber nach Normalität, nach der „Welt der Anderen“ sehnt und der der Autor sogar eine Romanze gönnt. Ein Thriller und ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte, der aufgrund der Verwicklungen und Doppelidentitäten der Geheimdienstler komplex ist, voller Tempo sowie brillant durch Pflügers unverwechselbare Sprache, die besonders in den wortwitzigen, knappen Dialogen aufblitzt. Kopfkino entsteht bei den mit hohem Bodycount virtuos choreografierten Actionszenen, die mit vielen augenzwinkernden Stellen wieder gebrochen werden. Alle Orte, wie die sturmumtoste Nordseeinsel, das Ausbildungscamp in der israelischen Negev-Wüste, das Riesenrad am Wiener Prater oder die Berliner Mauer werden lebendig und präzise beschrieben. Dazu sind die 80er Jahre stets greifbar, die Angst vor der RAF allgegenwärtig.

Es gibt auch ein Wiedersehen mit Figuren, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt, etwa den BKA-Präsidenten Richard Wolf, aber auch Nina Winter und Rem Kukura spielen eine kleine Rolle. Selbst Jenny Aaron taucht als achtjähriges Kind in einem Cameo-Auftritt auf. Das Design des Romans ist im gleichen Stil wie „Wie Sterben geht“ designt und spricht mich sehr an. Andreas Pflüger hat mal wieder gezeigt, dass er in einer ganz eigenen Liga spielt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kälter | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7
495 Seiten | 25,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezensionen zu Kälter bei buch-haltung.com und beim Kaffeehaussitzer
Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Andreas Pflüger bei Kaliber.17

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Normalerweise gibt es an dieser Stelle in unserer Rubrik „Asservatenkammer“ eine etwas ausführliche Einordnung des Autors oder der Autorin. In diesem Fall ist das aber nicht nötig, denn mit dem Autor Eric Ambler haben wir uns in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich beschäftigt. An dieser Stelle seien die Beträge „Eric Ambler, ein Porträt“ und die zahlreichen Rezensionen zu seinen Werken sehr empfohlen. Dennoch in aller Kürze: Ambler hatte vor dem zweiten Weltkrieg zunächst in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor er dann den Durchbruch als Thrillerautor hatte. Sein bekanntestes Werk ist bis heute sicherlich der 1939 erschienene Roman „Die Maske des Dimitrios“. Im Krieg arbeitete Ambler in der Armeefilmeinheit, legte eine Schaffenspause als Autor ein. 1951 erschient sein erster Roman nach dem Krieg, „Besuch bei Nacht“ schließlich 1956. Kurz darauf wird Ambler nach Hollywood gehen, um dort als Drehbuchautor für zehn Jahre zu arbeiten.

Der Roman beginnt im Urwald auf einer südostasiatischen Insel. Der britische Ingenieur Steve Fraser hat mehrere Jahre bei einem Staudammprojekt im fiktiven Staat Sunda gearbeitet. Sunda hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen niederländischen Kolonie gebildet. Eine ehemalige Guerillatruppe ist nun an die Regierung der jungen Republik gekommen und nutzt nun Regierungsposten und schafft zweifelhafte Verwaltungsposten, um die ehemaligen Militärs finanziell zu versorgen. Korruption und Vetternwirtschaft blühen. So sind auch einige Offiziere zum Staudammprojekt gekommen, obwohl sie über keinerlei Qualifikation verfügen. Sie machen sich wichtig und keine Freunde unter den Ingenieuren. Einzig der Major Suparto fällt Fraser positiv auf. Die Republik Sunda ist aber noch nicht vollends befriedet. Der ehemalige Oberst Sanusi, ein Muslim, hat sich zum Rebellenführer aufgeschwungen und der neuen Regierung den Kampf erklärt. Sanusi hat sich ins Hinterland zurückgezogen und ist dort schwer zu bekämpfen.

Nun läuft Frasers Vertrag aus und er möchte nun auch angesichts weiterer Gräueltaten gegen ehemalige niederländische Kolonisten die Heimreise antreten. Er verbringt ein paar letzte Tage in der Hauptstadt Selampang, um dort auf seine Papiere zur Ausreise zu warten. Ein befreundeter Pilot lädt ihn ein, in dessen Dachgeschosswohnung im Air House, einem markanten, modernen, mehrstöckigen Gebäude, in dem sich auch der zentrale nationale Radiosender befindet, zu wohnen. Fraser gönnt sich entspannte Tage, lernt in einer Bar Rosalie kennen, Tochter einer Ehe eines Europäers und einer Einheimischen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang fällt Fraser ein Jeep auf, den er Major Suparto zuordnet und ist irritiert, das Fahrzeug in der Hauptstadt zu sehen. Fraser und Rosalie verbringen die Nacht im Dachapartment. Als sie morgens aufwachen, ist plötzlich Aufruhr im Haus und Suparto steht im Apartment. Es ist ein Putsch im Gange, Suparto gehört zu Sanusis Rebellen und Fraser und Rosalie stehen ab sofort unter Hausarrest und die Wohnung ist für die Rebellen beschlagnahmt.

Ein Schweigen entstand. Rosalies Hand lag reglos in meiner.
„Das Apartment“, fuhr Suparto fort, „gehört einem australischen Piloten. Er hat es dem Engländer zur Verfügung gestellt. Ich gebe zu, die Situation ist nicht gerade angenehm.“
„Man hätte sie den Soldaten überlassen sollen“, sagte Roda gereizt. […]
Sanusi wandte sich ab, um ins Wohnzimmer zu gehen. „Die Sache ist unwichtig“, sagte er, „sie kann später gelöst werden.“ (Auszug S. 107)

Nach einer langen Schaffenspause von über zehn Jahren hatte sich Eric Ambler nach dem Zweiten Weltkrieg erst 1951 wieder mit einem neuen Roman zurückgemeldet. In „Der Fall Deltschev“ brach Ambler dann endgültig mit dem Kommunismus sowjetischen Stils, mit dem er vor dem Krieg durchaus – auch in seinen Romanen – sympathisiert hatte. In dieser zweiten Phase seines Schaffens als Autor zeitgenössischer Politthriller ging Ambler dann im Gegensatz zu manchen Kollegen weniger auf die Dynamiken der Großmächte im Kalten Krieg ein, sondern beschrieb die politischen und gesellschaftlichen Verwerfzonen an den Rändern, in „Besuch bei Nacht“ zum Beispiel im indonesischen Raum. Indonesien erlangte 1949 nach einem vierjährigen Krieg, der zumeist als Guerillakrieg geführt wurde, die Unabhängigkeit von den Niederlanden. In den Verhandlungen sollte Indonesien zukünftig als Föderation geführt werden, doch schon bald führte Präsident Sukarno das Land als Einheitsstaat, stark nationalistisch, gestützt durch das Militär und wirtschaftlich dem Kommunismus zugewandt. Damit waren die Spannungen zwischen den vielen Völkern und Religionsgemeinschaften vorprogrammiert. 1966 wurde geputscht und der durch die Amerikaner unterstützte General Suharto kam an die Macht und regierte mehr als dreißig Jahre diktatorisch.

In diesem Spannungsfeld siedelt Ambler seinen Plot an. Sein Protagonist ist wie üblich ein Unbeteiligter, dem im Verlauf der Handlung aber einiges an Verantwortung aufgebürdet wird. So ist es auch diesmal: Fraser, der anfangs sich mehr oder weniger nur unsichtbar machen will, um die Situation heil zu überstehen, gerät unter Druck, als man ihn von Seiten der Putschisten um ingenieurstechnische Hilfe bittet. Der Druck steigt noch, als er bemerkt, dass nicht alle Putschisten tatsächlich gegen die alte Regierung arbeiten. Fraser muss lavieren, um nicht nur sein Leben, sondern auch Rosalies zu retten, zu der er zunehmend Zuneigung entwickelt.

Eric Ambler schreibt wie gewohnt zurückhaltend und nüchtern, dennoch mit dosierter Spannung. Der Roman kommt stellenweise wie ein Kammerspiel daher, der Mittelteil spielt fast ausschließlich im Dachgeschossapartment. Ambler vermeidet eine klare Positionierung und eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der verschiedenen Lager, sondern beschreibt eher analytisch die schwierige Lage der Putschisten, ihren vermeintlichen anfänglichen Erfolg umzumünzen. Die Figuren bleiben ein wenig unausgegoren, aber Ambler war schon immer ein Meister die Mechanismen politischer Macht zu beschreiben und war damit damals immer auf der Höhe der Zeit oder dieser sogar voraus. Der heutige Leser muss sich aber von den aktuellen Erwartungen an einen Thriller lösen, obwohl für Amblers Verhältnisse viele Geschosse durch die Gegend fliegen. Letztlich reiht sich „Besuch bei Nacht“ nahtlos in Amblers Gesamtwerk ein und bietet intelligente Unterhaltung mit politisch-gesellschaftlichen Stoffen, die zumeist bis in die heutige Zeit Relevanz behalten haben.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Besuch bei Nacht | Erstmals erschienen 1956
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65115-7
256 Seiten | 12,- €
Originaltitel: The Night-Comers | Übersetzung aus dem Englischen von Wulf Teichmann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Eric Ambler