
Garry Disher | Zuflucht
Fünfzehn Minuten. Zu lange – es war an der Zeit zu verschwinden. Dann blieb ihre Aufmerksamkeit auf dem Drucker neben Brittons Schreibtisch hängen, einem klobigen Laserdrucker/Scanner/Kopierer. Im schmalen Strahl ihrer Taschenlampe wirkte er verstaubt. Sie klappte den Deckel auf. Auf dem Glas lag nichts. Aber in der Schublade lag ein Stapel Druckerpapier. Sie blätterte ihn durch; heraus fiel ein beschrifteter Umschlag. Passwörter, Telefonnummern und Mailadressen. Und der Code für den Safe. (Auszug S. 160)
Garry Disher ist den Krimikennern natürlich schon länger ein Begriff, sowohl als Autor von langjährigen Krimireihen als auch von einzelnen eigenständigen Romanen. Eine seiner herausragenden Figuren ist sicherlich Wyatt. Ein Mann ohne Vornamen, ein einsamer, intelligenter Gangster, nicht gierig, sondern akribisch, soziale Kontakte um jeden Preis vermeidend. Nun erschafft Disher in „Zuflucht“ ein weibliches Pendant. Grace ist eine Meisterdiebin, nach einigen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit solo unterwegs, immer auf der Hut und in Bewegung. Doch eigentlich ist sie sehr einsam und sehnt sich nach einem Platz, an dem sie sich ohne Sorgen zurückziehen kann – einem Zufluchtsort.
Zu Beginn des Romans befindet sich Grace auf der Suche nach einer Gelegenheit bei einer Briefmarkenausstellung in Brisbane, als sie auf Adam aufmerksam wird, der sich ebenfalls unter den Teilnehmern befindet. Adam ist eigentlich ein alter Freund, sie waren gemeinsam bei Pflegeeltern untergebracht, wurden gemeinsam zu Dieben, eher sie auseinandergebracht wurden und nicht im Guten auseinandergegangen sind. Nun gerät Grace in Hektik, will nicht auf Adam treffen und flüchtet aus Brisbane. Sie beginnt eine längere Tour durch Australiens Südosten und landet schließlich im beschaulichen Kleinstädtchen Battenburg nördlich von Adelaide.
Ein beschaulicher Ort, in dem man es aushalten kann. Durch Zufall gelangt Grace in den Antiquitätenladen von Erin Mandel, die zufällig eine Aushilfe sucht. Grace lässt sich darauf ein, zieht sogar in einer Einliegerwohnung von Erin. Zu ihrer Chefin, die selbst etwas verbirgt, sich zurückhaltend und fast ängstlich verhält, entwickelt sie dennoch rasch ein freundschaftliches Verhältnis. Doch sie bleibt vorsichtig, öffnet sich nicht gegenüber Erin, will sich weitere Mittel verschaffen, plant einen weiteren Coup. Währenddessen verschafft Disher dem Leser weitere Perspektiven: Wir begleiten Adam Garrett bei seinen aktuellen zwielichtigen Geschäften und wie er insgeheim sein Netzwerk aktiviert, um Grace aufzuspüren. Zudem begegnet uns Brodie Hendren, ein äußerst unangenehmes Exemplar toxischer Männlichkeit, der Nazi- und Serienmörderdevotionalien unklarer Herkunft im Netz vertickert und nebenbei voller Rachegelüste seine Ex-Frau aufspüren will. Schließlich Desmond Liddington, Polizist kurz vor der Pensionierung, der gerne noch zum Abschluss einem einflussreichen Unternehmer mit nicht ganz sauberen Methoden das Handwerk legen würde.
Ohne viel zu spoilern, ahnt der geneigte Leser schon, dass sich die Wege dieser Personen in der pittoresken Weinbauregion nördlich von Adelaide begegnen werden. Wie oft bei Disher spinnt der Autor ein feines Netz von Haupt- und Nebensträngen des Plots, die sich am Ende wie von Zauberhand zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Disher entwirft hier spannende Figuren, deren Leben und Vergangenheit nach und nach offenbart werden, und die in einem spannenden Showdown von ebendieser Vergangenheit eingeholt werden und hart aufeinanderprallen werden. Disher hält sich diesmal in Sachen australischer Gesellschaftsstudie zurück, sondern präsentiert einen handwerklich exzellenten Thriller bzw. einen modernen Gangsterroman. Immer wieder faszinierend, wie stilsicher und mit gleichbleibender Qualität der inzwischen 77jährige Australier regelmäßig sein Gesamtwerk erweitert. Möge das noch viele Jahre so weitergehen.
Foto und Rezension von Gunnar Wolters.
Zuflucht | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-293-00624-9
329 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Sanctuary | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Weiterlesen: Ganz viele Rezensionen zu exzellenten Romanen von Garry Disher