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Rezensions-Doppel: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Rezensions-Doppel: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Doppelrezension Mexiko

„Hoch in den Bergen erhebt sich der Adler auf silbernen Flügeln/Die Lieder der Indios/das Schweigen der Sierra/das Mondlicht auf den Hügeln“: Mexico mi amor – das Sehnsuchtsland deutscher Schlager. Rote Sonne, Sombreros, Latino-Frauen. Doch das Bild vom realem Mexiko sieht ein wenig anders aus. Heutzutage gilt das Land in Mittelamerika vielen als „failed state“, als ein Land, in der die Staatsmacht die Kontrolle längst verloren hat. In seinem Essay „Der rote Teppich“ beschreibt Juan Villoro die Machtausübung in Mexiko als „Gewerbe der Finsternis“, das „weder Transparenz noch Rechenschaftspflicht kennt“. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends „wurde Mexiko ein Land von Blut und Blei“, ohne dass der Staat die Drogenkartelle letztlich ernsthaft schwächen konnte. Korruption, Seilschaften und Gewalt gehören seit jeher zum mexikanischen Alltag. Villoro zitiert den Schriftsteller Martín Luis Guzmán: „Wer zuerst schießt, tötet zuerst. Denn die mexikanische Politik, eine Politik der Pistole, konjugiert nur ein Verb: früh aufstehen.“ In einem solchen Rahmen ist ein literarischer Blick auf die mexikanische Gesellschaft interessant. Dabei muss nicht zwangsläufig der Rahmen eines Kriminalromans gewählt werden. Fernanda Melchor, junge Autorin aus dem Bundesstaat Veracruz, schrieb mit Saison der Wirbelstürme einen wütenden, noiresken Gesellschaftsroman aus einem Dorf irgendwo im Nirgendwo. Antonio Ortuño, bereits etablierter Autor, in Deutschland vor allem durch seinen Roman Die Verbrannten, hingegen siedelt seinen Roman in der Millionenstadt Guadalajara an. Zeit für eine Doppelrezension.

Fernanda Melchor | Saison der Wirbelstürme

In La Matosa, einem fiktiven Kaff in der mexikanischen Provinz, wird im Schilf eines Bewässerungskanals eine Leiche gefunden. Es ist die „Hexe“, die berühmt-berüchtigte „Heilerin“ des Dorfes, gefürchtet, verachtet und doch umgarnt. Die „Hexe“ war ein Transvestit, lebte in einem abgeschotteten Haus, wurde von den Frauen wegen ihrer Geheimtränke, von den Männern wegen sexueller Ausschweifungen und berüchtigter Drogenpartys aufgesucht. Wer sie ermordete, ist eigentlich weniger interessant, vielmehr wollen viele wissen, was es mit dem Schatz auf sich hat, der angeblich in ihrem Haus versteckt sein soll.

Fick deine Mutter, zischte Luismi. Stell dich nicht blöd, spöttelte Munra, du weißt genau, wovon ich rede. So sind die Weiber, wenn sie einen festzurren wollen: Sie nehmen ein paar Tropfen von ihrem schmutzigen Blut und träufeln es dir heimlich ins Wasser oder in die Suppe oder schmieren dir einen Tropfen auf die Ferse, während du schläfst, und das reicht, um dich ganz vernarrt zu machen, so wie du es jetzt in die Norma bist, merkst du nicht? (Seite 81).

Der Roman beginnt mit dem Fund einer Leiche, doch ein Krimi wird sich daraus nicht entwickeln, obwohl der Leser am Ende auch die Mörder kennen wird. Vielmehr entwickelt Autorin Fernanda Melchor ein kraftvolles Statement, ein wütendes Porträt einer rohen, mitleidlosen Gesellschaft voller Armut, Gewalt und Vorurteile. Melchor stellt in den Kapiteln immer eine neue Person in der Mittelpunkt und berichtet aus ihrer Perspektive. Dabei tauchen weitere Figuren auf, die dann im nächsten Kapitel im Vordergrund stehen. So schält sich nach und nach ein Gesamtbild heraus.

Die Geschichten aus La Matosa handeln von äußerst präkeren Verhältnissen, von Eifersucht, Neid und Missgunst innerhalb der Familie, von herumhurenden Männern, vom Missbrauch von Minderjährigen, von Aberglauben, von Alkohol- und Drogenexzessen und Gewalt gegen Homosexuelle und Frauen. Sie sind immer sehr direkt und intim, teilweise obszön. Melchor erzählt die Geschichten in einem rasenden, atemlosen Ton; reiht Satz um Satz aneinander, ohne Absatz, mit einer Vielzahl an Kommas und Semikolons. Es entsteht dadurch eine Art Wutrede über die beschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Saison der Wirbelstürme ist ein Buch, der dem Leser einiges abfordert, bei dem man allerdings auch beeindruckt feststellt, dass man einen solchen Roman mit dieser Wucht nur selten liest.

Antonio Ortuño | Die Verschwundenen

Aurelio, genannt Yeyo, Blanco kommt aus dem Gefängnis frei, in dem er fünfzehn Jahre Haft abgesessen hat. Blanco war damals der Sündenbock, der als Buchhalter die Unregelmäßigkeiten bei einem Immobiliengeschäft für seinen Schwiegervater Don Carlos Flores auf sich genommen hat, um das Geschäft und das Wohl der Familie nicht zu gefährden. Seine Frau hat sich scheiden lassen, seine Tochter hat er zuletzt gesehen, als sie fünf Jahre alt war. Sein Anwalt warnt ihn, dass Flores ihn womöglich beseitigen will, wenn er frei kommt, um einen Mitwisser loszuwerden. Doch Blanco will seinen ihm zustehenden Anteil einfordern und begibt sich auf Konfrontationskurs.

„Ich brauche wieder deine Hilfe, mein Junge. Noch ein Mal. […] Wir haben dir Alicia gegeben, die wir mehr als alles auf der Welt lieben. Merkst du was? Es ist ein ewiges Geben und Nehmen. Wir sind eine Familie.“ Und Yeyo, der jeden Morgen mit dem Gefühl aufstand, er verdiene das gute, unbeschwerte, fantastische Leben, das er führte, eigentlich gar nicht, sagte Ja, bevor er wusste, was von ihm erwartet wurde. Sein Ja kostete ihn fünfzehn Jahre Gefängnis. (Seite 159)

Blanco ist eigentlich ein eher zurückgezogener, besonnener Mann, der als Kind auf dem Grundstück der Flores gewohnt hat und schon früh als Handlanger engagiert wurde. Später wurde er auch von der etwas älteren Alicia verführt. Er zeigt wenig eigenen Antrieb, lässt sich bereitwillig einspannen und ist schließlich derjenige, der in verschiedenen Situationen die Ehre der Familie retten soll und dies auch beinahe devot erfüllt. Selbst als er im Gefängnis geschieden wird und ihm seine Tochter vorenthalten wird, behält er eine gewisse Resthoffnung und legt sich sogar ein Enthaltsamkeitsgelübde auf, für das er von allen Seiten verspottet wird, wie er irgendwann feststellt. Doch sein Gefängnisaufenthalt endet etwas plötzlich kurz vor Heiligabend. Seine Familie hat erst später mit seiner Freilassung gerechnet. Blanco will nicht mehr nur derjenige sein, mit dem alles gemacht werden kann, sondern selbst agieren. So kommt es letztlich zu einer Familienzusammenkunft als Showdown an Heiligabend.

Die Entlassung aus dem Gefängnis und die Annäherung an die Familie bilden den Hauptteil der Geschichte, immer wieder unterbrochen von Rückblicken in die Vergangenheit. Dort beleuchtet der Autor, wie es zu dieser Familienkonstellation kam und löst auch auf, was mit dem (deutschen) Titel gemeint ist. Bauunternehmer Don Carlos hatte den Plan für eine exklusive Wohnsiedlung mit dem Namen „Olinka“, basierend auf Ideen eines utopistisch-esoterischen Künstlers. Genug Geld aus illegalen Kanälen war vorhanden, doch der Grund und Boden für Olinka ließ sich nicht so einfach beschaffen, gab es an dieser Stelle eine kleine Siedlung von sozial Schwachen. Doch Don Carlos war zu einigem bereit, um sich diese Grundstücke anzueignen und das hatte Auswirkungen, für die ganze Familie Flores.

Die Verschwundenen ist ein clever konstruierter Roman, der allerdings im Mittelteil ein wenig schleppend verläuft. Über weite Strecken verzichtet der Autor auf konventionelle Spannungselemente, sondern erzählt relativ nüchtern. Ortuño wirft einen scharfen Blick in die Mitte der mexikanischen Gesellschaft, mal abseits von Drogen oder Flüchtlingen, aber natürlich im Spannungsverhältnis von arm und reich, konkret am Beispiel von Guadalajara, der Heimatstadt des Autors. Der Roman zeigt die alltägliche Korruption, planlose Stadtentwicklung, Gier nach Geld und Macht sowie staatlich gedeckte Ausbeuterei und Gewalt. Doch wie es oft so ist, richten sich diese Dinge letztlich gegen die Familie des skrupellosen Bauunternehmers und der Leser wohnt mehr oder weniger einer Familientragödie bei.

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Saison der Wirbelstürme | Erschienen am 14. März 2019 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-803-13307-6
240 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Roman
Wertung: 3.0 von 5.0

Die Verschwundenen | Erschienen am 6. März 2019 im Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-285-7
256 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Weiterlesen: Juan Villoro „Der rote Teppich“, erstmals erschienen in Le Monde diplomatique (November 2008), aktuell in: Edition Le Monde diplomatique: Mittelamerika. Zwischen Panamakanal und Río Bravo.

Ellen Sandberg | Der Verrat (mit Verlosung)

Ellen Sandberg | Der Verrat (mit Verlosung)

„In Nane brach etwas zusammen. Für einen Moment glaubte sie, ihr Herz habe keine Kraft weiterzuschlagen. Im nächsten Augenblick explodierte sie. Sie sprang auf und schrie: „Dieses verdammte Miststück! Nichts gönnt sie mir! Alles muss sie mir nehmen!“ Sie brüllte ihre Wut über diesen doppelten Verrat heraus, und Birgit gelang es erst, Nane zu beruhigen, als die Nachbarn klingelten und fragten, ob alles in Ordnung sei.“ (Auszug Seite 323)

Nane saß zwanzig Jahre im Gefängnis, weil sie durch Manipulation am Auto ihrer Schwester Pia den Tod von Henning, dem Sohn von Pias Mann Thomas, herbeigeführt hat. Nun ist ihre restliche Strafe auf Bewährung ausgesetzt und sie kann sich ein neues Leben aufbauen. Aber auch nach so langer Zeit lässt ihr der Unfallabend keine Ruhe: Sie ist sich ganz sicher, dass sie nach Ablassen der Bremsflüssigkeit Thomas angerufen und ihn gewarnt hat. Warum hat er vor Gericht etwas anderes ausgesagt? Sie muss unbedingt nochmal mit ihm reden… So und durch andere Begebenheiten wird nach und nach der Tathergang noch einmal aufgedröselt und ein ganzes Familienschicksal erzählt.

Familiengeschichte mit Geheimnissen

Der Verrat von Ellen Sandberg ist der zweite Spannungsroman der Autorin. Es ist am ehesten eine Familiengeschichte mit Geheimnissen, in der sich die Prophezeiung der Mutter der drei Schwestern Nane, Birgit und Pia bewahrheitet: Denn schon seit Generationen stürzen sich Frauen der Familie durch Liebe und Leidenschaftlich unweigerlich ins Verderben.

Komplexe Verhältnisse innerhalb der Familie

Im Kern des Buches geht es um den Unfall von Henning, der durch die Manipulation am Auto von Nane verunfallt und dabei ums Leben gekommen ist. Die Geschichte wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt, vor zwanzig Jahren und heute. Dabei kommen viele handelnde Personen zu Wort, wobei in der ersten Hälfte erst mal ausführlich alle Familien- und Personenverhältnisse erläutert werden. Das stellt sich als relativ komplex dar und es werden viele Namen genannt, aber ich habe den Überblick nicht verloren. Außerdem verschwimmen die Zeitebenen etwas, da die Personen von heute sich auch an die Vergangenheit erinnern. Hier bin ich dann schon einige Male ins Straucheln geraten, das hat meinen Lesefluss aber nur sehr kurz beeinträchtigt.

Unaufgeregtes Lesevergnügen

In der zweiten Hälfte wird es dann so richtig interessant, denn immer wieder werden Andeutungen gestreut, dass es außer dem Warn-Anruf noch weitere Ungereimtheiten und Geheimnisse zu diesem Unglücksabend gibt. Insgesamt hat sich die Geschichte für mich unaufgeregt, aber stetig interessant gelesen. Ich habe gern von der Familie gelesen und mich insgeheim gefreut, dass ich nicht selbst solche komplizierten Verhältnisse zu meiner eigenen habe. Meine Sympathien zu den handelnden Personen wechselte etwas, am ehesten kann ich mich aber mit Pia identifizieren, da sie sehr darauf bedacht ist, auch in der Liebe einen klaren Kopf zu behalten, um alles in geordneten Bahnen verlaufen zu lassen. Nane hingegen finde ich tatsächlich einfach durchgeknallt, wobei ich sie in einigen Passagen auch verstehen kann. Diese beiden Schwestern sind im Roman als Protagonisten anzusehen, auch wenn viele andere Personen zu Wort kommen. Das Ende konnte mich dann schon überraschen, haut mich aber nicht völlig von den Socken.

Fazit: Ein Familien-Spannungsroman ohne besondere Höhen oder Tiefen, der sich flüssig lesen lässt.

Ellen Sandberg ist das Pseudonym der Autorin Inge Löhnig. Sie wurde 1957 geboren, studierte Grafikdesign und arbeitete zunächst in verschiedenen Werbeagenturen. Das ursprüngliche Hobby Schreiben wurde nach und nach zum Hauptberuf. Die Autorin schreibt vor allem Ermittlerkrimis um den Protagonisten Konstantin Dühnfort, aber auch Jugendthriller und eben Spannungsromane.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Der Verrat | Erschienen am 27. Dezember 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10090-4
480 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andreas Rezension zum ersten Spannungsroman der Autorin, Die Vergessenen.

 

Verlosung!

Wer sich nun selbst einen Leseeindruck verschaffen möchte, hat bei uns die Gelegenheit, den ersten Band Die Vergessenen zu gewinnen. Alles was ihr dafür tun müsst, ist uns bis zum 30. April 2019 einen Kommentar unter dieser Rezension zu hinterlassen, in dem ihr uns euren Lieblingshandlungsort für Krimis verratet, z. B. Skandinavien, Japan, Südstaaten etc.

Nach der Gewinnbenachrichtigung bitten wir den Gewinner, uns innerhalb einer Woche seine Postadresse an hallo-at-krimirezensionen.de mitzuteilen. Diese wird nicht gespeichert und nur für den Versand des Gewinnes verwendet. Der Versand erfolgt per Büchersendung ausschließlich an Postanschriften in Deutschland; dem Gewinner entstehen keine Kosten. Ein Versand an Packstationen ist leider nicht möglich.

Eine Barauszahlung des Gewinnes ist ausgeschlossen, ebenso wie der Rechtsweg.

Viel Glück wünscht euch das Kaliber.17-Team!

Martin von Arndt | Sojus

Martin von Arndt | Sojus

Würde ihm ein Gespräch mit Sarkis dabei helfen, seine Fragen zu klären? Oder waren diese Fragen im Grunde nichtig? Ging es ihm nicht vielmehr um seine quälend werdende Sinnfrage… um das Verlangen, seine Ruhe, die er in Würzburg gefunden hatte, zu tauschen gegen – ja, wogegen denn? Vielleicht gegen etwas Vertrautes, etwas Ähnliches wie – Heimat.
Oder bürdete er diesem Unbekannten, den er biologisch seinen Sohn nennen durfte, damit eine Last auf, die der unmöglich tragen konnte? (Auszug Seite 95)

Ex-Kommissar Andreas Eckart hat sich im Jahr 1956 eigentlich zur Ruhe gesetzt, als er von Dan Vanuzzi, seinem ehemaligen Partner beim amerikanischen Militärgeheimdienst CIC, kontaktiert wird. Vanuzzi, wie Eckart bei den Amerikanern in Ungnade gefallen, arbeitet neuerdings für den britischen MI6. Er hat Kontakt zu einer Quelle beim ungarischen Geheimdienst, die ihm ein brisantes Dossier über sowjetische Agenten anbietet. Vanuzzi muss nach Budapest, um an das Dossier zu kommen. Doch dort spitzt sich die Lage gerade zu, der Volksaufstand ist im Gange und alles wartet auf die Reaktion der Sowjets. Um Eckart zum Mitkommen zu überreden, verrät Vanuzzi ihm den Namen eines in Ungarn operierenden Sowjetagenten: Sarkis, Eckarts Sohn mit der armenischen Rebellin und Terroristin Aghawni, den er nie kennengelernt hat. So begeben sich die beiden über Umwege nach Ungarn und bewegen sich dort im Untergrund.

Sojus ist der dritte Teil der Reihe um den Psychoanalytiker und Kommissar Andreas Eckart. Interessant an dieser Reihe sind die großen Zeitsprünge zwischen den Bänden. Band 1, Tage der Nemesis, spielt Anfang der 1920er vor dem Hintergrund des Völkermords der Türken an den Armeniern und der instabilen Weimarer Republik. In Band 2, Rattenlinien, ist Eckart nach dem zweiten Weltkrieg auf der Suche nach sich absetzenden Ex-Nazis. Der vorliegende dritte Band greift zunächst einen Strang aus dem zweiten Band wieder auf und beginnt 1948.

Eckart wurde von den Amerikanern in einer Psychiatrie interniert, da sie befürchten, diese könnte schmutzige Deals mit Ex-Nazis an die Öffentlichkeit bringen. Seine ehemaligen Partner Rosenberg und Vanuzzi, inzwischen in Diensten des neu gegründeten israelischen Geheimdienstes, wollen ihn dort herausholen. Die nun folgende Befreiungsaktion ist zwar durchaus spannend, aber wirkt auf mich wie ein Fremdkörper im Rest des Buches, das acht Jahre später spielt. Außer Vanuzzi taucht keine Figur im weiteren Verlauf mehr auf und der Aufenthalt in der Psychiatrie scheint Eckart acht Jahre später kaum noch zu beeinträchtigen.

Ansonsten greift Autor von Arndt allerdings wieder den ersten Teil der Reihe auf: Eckart hatte damals eine Liebesbeziehung zu einer Armenierin. Dieser Liebe war keine gemeinsame Zukunft vergönnt, doch es entstand ein Sohn aus dieser Beziehung. Mehr als dreißig Jahre später ist Sarkis in Diensten des KGB. In Ungarn agiert er als Agent provocateur. Er versucht den Volksaufstand zu radikalisieren, um einen Vorwand für ein sowjetisches Eingreifen zu liefern. Sarkis ist ein kommunistischer Kader geworden. Kann die Begegnung mit seinem Vater ihn ideologisch erschüttern?

Sojus hat seine besten Szenen, wenn Eckart und Vanuzzi das Geheimversteck verlassen und durch die umkämpften Straßen der ungarischen Hauptstadt streifen. Diese Abschnitte sind sehr intensiv und das Setting authentisch. Was ich ein wenig schade finde: Die beiden Hauptfiguren (die ansonsten gut „harmonieren“) kommen von außerhalb, so dass sie irgendwie nur dabei, statt mittendrin sind. Ein detaillierter ungarischer Blick fehlt. Die Ereignisse werden von Dritten wiedergegeben. Trotzdem wird gut deutlich, wie die Ungarn von den Westmächten im Stich gelassen wurden. Einen Konflikt mit den Sowjets wollte niemand riskieren, allerdings sagte man dies den Ungarn nicht so deutlich. Stattdessen sorgten sich Großbritannien und Frankreich um den Zugang zum Suezkanal und intervenierten lieber in Ägypten militärisch. Was der Autor im Nachwort nochmal als durchaus traumatisch beschreibt und nach seiner Ansicht das schwierige Verhältnis der Ungarn zum Westen bis heute teilweise beeinflusst.

Insgesamt ist Sojus ein solider, durchaus spannender Spionage-/Politthriller mit unverbrauchtem Setting. Ein wenig Luft nach oben ist aber vorhanden, zumal auch der Vater-Sohn-Konflikt noch schärfer hätte beleuchtet werden können, die Figur Sarkis bleibt zudem insgesamt zu unscharf. Dennoch gehört die Reihe zu den interessanteren historischen Krimis/Thrillern aus deutscher Feder.

Sojus | Erschienen am 26. Februar .2019 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-974-6
296 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Tage der Nemesis bei Lovelybooks, Rezension von Anne Kuhlmeyer zu Rattenlinien im Crimemag

Abgehakt | März 2019

Abgehakt | März 2019

Birgit Lautenbach und Johann Ebend | Hühnergötter

Auf der Ostseeinsel Hiddensee wird in der Hochsaison ein drei Monate alter Säugling aus seinem Kinderwagen entführt. Die Mutter verständigt umgehend die beiden Inselpolizisten Daniel Pieplow und Lothar Kästner, die sofort den Ernst der Lage erkennen und sich Verstärkung von Rügen und aus Stralsund holen. Die ganze Insel ist in Aufruhe und auf der Suche nach dem Kind.

Gefallen hat mir die Spannung, die dadurch erzielt wird, dass der Täter auch zu Wort kommt und der Leser dadurch etwas im Vorsprung zu den Ermittlungen ist. Außerdem wird die Urlaubsregion authentisch beschrieben und in Gedanken konnte ich den einzelnen Schauplätzen gut folgen. Einziges Manko ist, dass es sich um einen eher kurzen Krimi handelt.

Hühnermord | Die gelesene Ausgabe erschien 2008 in 3. Auflage im Prolibis Verlag
ISBN 978-3-935263-29-0
nur noch antiquarisch erhältlich

Am 19. März 2019 erschien eine independently published Neuauflage
ISBN 978-1-79665648-0
139 Seiten | 7.99 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Genre: Küstenkrimi
Wertung: 4.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Lars Kepler | Lazarus

Im bereits siebter Fall für Joona Linna wird es persönlich, denn unerwartet taucht in der Wohnung eines Grabschänders der Schädel seiner verstorbenen Frau in einer Gefriertruhe auf, zwischen Leichenteilen anderer. Als er dann noch Parallelen hinter einigen grausamen Morden vermutet, deren Opfer an verschiedenen europäischen Schauplätzen auftauchen, ahnt Joona, dass ein längst tot geglaubter schwedischer Serienmörder zurückgekehrt ist, um einen neuen Partner zu rekrutieren. Seine Theorie: Jurek Walter ermordet Kandidaten, die seinen Ansprüchen nicht genügten, was wiederum zur Verknüpfung der Einzeltaten zu einem Ganzen führte. Durch die Ereignisse und seine Hypothese alarmiert, setzt Joona umgehend einen wohlfein ausgearbeiteten Notfallplan für sich und seine Tochter in Gang, in den er am liebsten auch seine Freundin Saga einbeziehen möchte, aber es ist nicht jedermanns Sache, von jetzt auf gleich alle Brücken einzureißen und auf der Flucht zu leben, möglicherweise ohne die Möglichkeit auf Rückkehr ins gewohnte Leben. Joona akzeptiert Sagas Entscheidung, doch sein Vorhaben steht, denn er muss um jeden Preis seine Tochter vor Jurek Walter schützen.

Die Rahmenhandlung stimmte für mich, das Buch hat ein schönes, aufwendig gestaltetes Cover, das Auge liest mit. Leider nicht lange, denn mit Fortschreiten der Geschichte stellte sich bei mir immer mehr Unlust zum Weiterlesen ein, denn Autor Lars Kepler scheint seinen Spannungsbogen auf besonders grauenvolle Taten aufzubauen, die geradezu brutal sind (höher, schneller, weiter?). Das ließe sich noch überlesen, wenn es wenigstens flüssig voran ginge. Aber Kepler arbeitet mit teils seltsamen Satzkonstrukten und besonders die Gedanken so mancher Figur erschienen mir doch recht unlogisch.

„Der Täter muss einen gehörigen Serotoningehalt im präfrontalen Kortex und eine gesteigerte Aktivität der Amygdala haben, denkt Saga.“ (Auzug Seite 189)

Als dann auch immer häufiger noch Kommissar Zufall mitspielte, fühlte ich mich veralbert. Hätten wenigstens die Figuren ehrlichen Tiefgang, aber auch hiernach sucht man vergebens. Ich kann leider nicht beurteilen, ob sich Lazarus nur nach vorheriger Lektüre der sechs Vorgängerbände empfiehlt.

Lars Kepler ist das Pseudonym der Autoren Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril.

Lazarus | Erschienen am 28. Februar 2019 im Verlag Bastei Lübbe
ISBN 978-3-785-72650-1
640 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

Rezension und Foto von Nora.

 

Susanne Saygin | Feinde

Der Kölner Kommissar Can Arat und seine Chefin Simone Kerkmann ermitteln in einem brutalen Doppelmord an zwei bulgarischen Roma, die offenbar auf dem Schrottstrich gearbeitet haben. Die Kommissare stellen eine Verbindung zum Bauunternehmer und Mäzen Nolden fest. Doch der einzige Zeuge, der sich bereit erklärt zu reden, landet vor einer U-Bahn. Der Staatsanwalt ist außerdem ein Karnevalskumpel von Nolden. Der Fall droht im Sande zu verlaufen, doch Can ist nicht bereit, dies zu akzeptieren und ermittelt weiter – auf Teufel komm raus.

Autorin Susanne Saygin wohnte in Köln selbst in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem „Bulgarenhaus“, einer völlig überfüllten, heruntergekommenen Immobilie voller Arbeitssklaven. Dies inspirierte sie zu diesem packenden Krimi über Menschenhandel, Korruption und Ausbeutung, der auch sprachlich keine Kompromisse macht und die Dinge beim Namen nennt. Interessant fand ich die Wandlung des Romans, der erst als typischer Ermittlungskrimi beginnt und dann sich immer mehr auf den von Migräne geplagten und persönlich betroffenen Can fokussiert, bis hin zu seinem Road Trip nach Bulgarien auf der Suche nach der Wahrheit. Dabei beinhaltet die Story auch noch eine komplizierte Liebesgeschichte. Nur das Ende kam mir etwas zu kunstvoll oder märchenhaft vor in dieser sonst so knallharten Geschichte. Doch insgesamt ein richtig starkes, intensives Krimidebüt.

Feinde | Erschienen am 10. September 2018 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43889-7
352 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.0 von 5.0

 

Alex Pohl | Eisige Tage

Die Leipziger Kommissare Hanna Seiler und Milo Novic ermitteln im Fall eines ermordeten russischen Anwalts. Dieser war bis vor einigen Jahren im Dunstkreis des Paten Vadim Iwanow, war danach in Ungnade gefallen. Doch der Anwalt scheint ein neues Betätigungsfeld gefunden zu haben, findet man doch in seinen Hinterlassenschaften eindeutige Bilder von minderjährigen Mädchen. Der Tote war offenbar in Mädchenhandel verstrickt und Seiler und Novic ziehen schließlich eine Verbindung zu mehreren aktuellen Vermisstenfällen in Leipzig.

Eisige Tage ist das Verlagsdebüt des erfolgreichen (Selfpublisher-)Autors Alex Pohl, bisher bekannt unter dem Pseudonym L.C. Frey. Ein grundsolider Kriminalroman mit düsterem Einschlag, für den nicht nur das Thema, sondern auch der russische Gangster Onkel Vadim sorgt, der als Bedrohung ständig im Hintergrund mitschwingt und zu dem die Polizisten eine ungesunde Beziehung entwickeln. Beide Ermittler haben wie üblich ihr Päckchen zu tragen. Der etwas monkhafte Novic, der eine grauenvolle Vergangenheit im Kosovokrieg hatte, ist (eher als seine Kollegin) aber durchaus als interessante Figur angelegt. Eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen auch die jungen Neffen Iwanovs, die Gebrüder Karamasow (ernsthaft?). Nicht so ganz gelungen fand ich die merkwürdigen Zeitsprünge, die der Autor in der Geschichte einbaut, und die stellenweise etwas aufgesetzt wirkende Härte. Insgesamt war es aber ein durchaus ordentlicher und kurzweiliger Kriminalroman.

Eisige Tage | Erschienen am 11. Februar 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10323-3 (Taschenbuch) | ISBN 978-3-641-22801-9 (eBook)
432 Seiten | 10.- Euro | 8.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jurica Pavičić | Die Zeugen

Während des Kroatienkriegs im Juni 1992 führt Kreso seinen kleinen Trupp versehentlich durch ein von ihm selbst gelegtes Minenfeld. Zwei Männer sterben, Kreso selbst verliert ein Bein. Kurz bevor Kreso aus der Rehabilitation zurückkehrt, begehen einige seiner Kameraden aus Wut, Frust und Hass einen Mord an einem serbischen Unternehmer. Die 12-jährige Tochter wird Zeugin des Mordes, die Täter entführen und verstecken sie. Über Beziehungen zum angesehenen Arzt Matić gelingt es ihnen zunächst, die Tat zu vertuschen. Doch was sollen sie mit dem Mädchen machen? Kreso und auch seine Schwester, die Journalistin Lidija, werden auf den Fall aufmerksam.

Die Jugoslawienkriege waren der letzte bewaffnete Konflikt in der Mitte Europas. Ein brutaler Konflikt, dessen traumatische Ereignisse bis heute in der Region nachwirken. Die Zeugen spielt 1992 überwiegend in Split, dessen Hinterland zwischen Kroaten und Serben noch umkämpft war. Eine beengte, fast kleinstädtische Szenerie, ständig weht der Wind. Korruption und Vetternwirtschaft. Von den Bergen grollt der Krieg herunter. Der Roman ist ein aus verschiedenen Perspektiven erzählter Gesellschaftsroman, gleichwohl spannend. Sehr überzeugend ist der Blick auf die verschiedenen Figuren. Vor allem die Sicht auf die Reservisten, die perspektivlos und traumatisiert sich den niederen Instinkten ergeben, dabei aber in Kriegszeiten auf Rückendeckung von oben hoffen dürfen.

„Seit der Granatsplitter Luka umgebracht hatte, waren sie zu unbarmherzigen, männlichen Hass verurteilt. […] Sie mussten entschlossen und unbeirrbar sein, ihrem Zorn ergeben. Für andere mochte Hass eine Tugend sein, für sie war er eine Pflicht.“ Auszug Seite 40

Ein lesenswerter Roman über Hass, Wut, Scham, Schuld und Sühne, der sich aber der völligen Schwärze verweigert, sondern auch ein wenig Hoffnung verbreitet. Die Verfilmung, Svjedoci, gewann 2004 den Friedenspreis der Berlinale.

Die Zeugen | Erstveröffentlichung 1998
Die überarbeitete Neuauflage erschienen am 11. Februar 2019 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-44-1 | ISBN 978-3-944359-54-0 (eBook)
288 Seiten | 12.90 Euro | 5.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Antti Tuomainen | Palm Beach, Finland

Jorma Leivo hat eine Vision: Ein Ferienparadies mit Palmen, Sandstrand und Miami-Feeling – an der finnischen Ostsee. Er hat schon einiges investiert in „Palm Beach, Finland“. Aber er braucht Haus und Grundstück von Olivia Koski. Die will allerdings nicht verkaufen. Deshalb heuert er Chico und Robin an, um Olivia ein wenig einzuschüchtern. Die treffen in Olivias Haus allerdings nicht auf Olivia, sondern auf einen Einbrecher und töten diesen versehentlich. Damit nehmen die Dinge ihren Lauf und rufen nicht nur Undercover-Cop Jan Nyman, sondern auch einen Auftragskiller, den Bruder des Getöteten, auf den Plan.

Mit Die letzten Meter bis zum Friedhof hatte mich Autor Antti Toumainen im letzten Jahr sehr überzeugt. Ein skurriler, melancholischer Roman mit interessanten Figuren, der eine gelungene Mischung aus Humor und Ernst war. Typisch finnisch. Umso mehr muss ich nach der Lektüre des aktuellen Romans Palm Beach, Finland feststellen, dass diese Mischung für mich leider bei weitem nicht erreicht wurde. Der Humor tendiert teilweise eher zu albern, die ernsthaften Momente plätschern dahin. Auch der Plot bietet nur wenig echte Überraschungen, sondern sorgt eher für Stirnrunzeln, zum Beispiel, ob der Profikiller wirklich hätte sein müssen. Am bedauerlichsten ist jedoch, dass die Figuren diesmal irgendwie blass bleiben, die Tiefe der Figuren des Vorgängers erreichen sie zu keiner Phase. So bleibt am Ende ein relativ unwitziger „komischer“ Krimi. Klingt unbefriedigend, las sich auch so.

Palm Beach, Finland | Erschienen am 22. Januar 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06556-0
368 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: komischer Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zum Krimi Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen.

Rezension 3 bis 6 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Ausgaben unserer Rubrik Abgehakt, Krimis kurz besprochen, findet ihr hier.

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesennacht Bd. 13

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesennacht Bd. 13

Sie hob die Bettdecke ein Stückchen an und sog die Luft tief durch die Nase. Der Mann in ihrem Bett roch sauer, nach Schweiß und einem Hauch von Maiglöckchen.
Sie bäumte sich in ihrem Bett auf. Ein hoffnungsvoller Schrei entfuhr ihr: „Florian!?“
Eine kräftige Hand legte sich über ihren Mund und drückte sie ins Kissen zurück. (Auszug Seite 14)

Eine Frau wird in ihrer Ferienwohnung tot aufgefunden, nachdem sie sich mit ihrem Freund gestritten hat. Alles deutet erst auf eine Beziehungstat hin, doch dann kommt es zu einem zweiten Tötungsdelikt, wieder eine Frau in ihrer Ferienwohnung. Das Auffällige an beiden Opfern ist, dass sie ein Tattoo trugen, das ihnen der Täter herausgeschnitten hat. Liegt hier das Motiv? Mitten in den Ermittlungen schaltet sich das BKA ein, denn es gab außerhalb von Ostfriesland schon weitere Morde mit diesem Muster. Ann Kathrin Klaasen hat es nun nicht nur mit einem Tatverdächtigen zu tun, sondern auch mit dem BKA, das ihre Theorien zum Fall durchsetzen will und außerdem noch mit ihrem Mann Frank Weller, der glaubt, dass seine Tochter mit ihrem neuen Freund in Gefahr ist. Plötzlich droht alles in einer Katastrophe zu enden.

Der dreizehnte Fall

Ostfriesennacht von Klaus-Peter Wolf ist bereits der dreizehnte Fall für Ann Kathrin Klaasen. Die Protagonistin ist bekannt dafür, dass sie außergewöhnliche Ermittlungsmethoden hat, mit denen sie im gesamten Land bekannt geworden ist und die sie zuverlässig zum Erfolg führen. Ich persönlich kann mich in einige Vorgehensweisen nicht so hineinversetzen und finde sie eher albern und bin froh, dass es in diesem Fall nicht so ausufert. Sie besucht ausschließlich die Tatorte, nachdem der erste Trubel vorüber ist, und versucht die Stimmung zu erfassen.

Spannung bis zur letzten Seite

Dieser Kriminalroman liest sich meiner Meinung nach sehr flüssig und ich habe ihn in kürzester Zeit verschlungen. Ich konnte gut in die Geschichte hineinfinden und auch nach einer Lesepause hatte ich keine Probleme mich an die Handlung zu erinnern. Man kann das Buch unabhängig von allen anderen Fällen davor lesen. Und das besonders Spannende an der Geschichte ist, dass der Täter wirklich erst auf den letzten zehn Seiten bekannt wird. Charmant finde ich immer wieder, dass der Autor echte Personen mit in die Handlung einbezieht, unter anderem seine Frau Bettina Göschel. Und dass handelnde Personen die eigenen Romane des Autors im Buch kaufen und lesen.

Durchwachsene Mitte

In der Mitte der Geschichte fand ich die Handlung etwas absurd, da es auf einmal gleich zwei Tatverdächtige gab: einen, den das BKA präsentiert und einen den Ann Kathrin Klaasen und ihr Team verfolgen und bei beiden konnte ich nicht wirklich glauben, dass es einer davon sein soll. Immer wieder gab es auch Passagen, in denen der Täter zu Wort kommt und wenn ich das mit den Ermittlungen verglichen habe, war ich gespannt, wie die Geschichte dann endet. Zu allem Überfluss hat Wellers Tochter einen neuen Freund, ausgerechnet der Versicherungsmakler, mit dem Weller auch schon zur Schule gegangen ist und der ihm vor Jahren eine Versicherung für seine Tochter verkauft hat, die jetzt, wo er sie dringend in Anspruch nehmen muss, völlig unnütz ist. Das schaukelt sich so hoch, dass er den Freund nicht nur missbilligt, sondern seine Tochter in regelrechter Gefahr sieht und um sie zu schützen, setzt er sich über sämtliche Dienstvorschriften hinweg, bringt sie gegen sich auf und ist am Ende kurz davor eine wirkliche Dummheit zu begehen. Auch das fand ich etwas übertrieben und Frank Weller kam mir in dieser Phase mehr als verrückt vor.

Fazit: Es gibt Höhen und Tiefen, wer aber leichten Lesegenuss mit Nordsee-Flair sucht, wird belohnt.

Klaus-Peter Wolf wurde 1954 geboren und lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Norden (Ostfriesland). Er schreibt nicht nur Regionalkrimis, sondern auch Romane und Kinder- und Jugendbücher. Außerdem hat er unter anderem Beiträge für die Reihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ geschrieben. Der Autor ist mit Bettina Göschel, einer Kinderliedermacherin, verheiratet.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ostfriesennacht | Erschienen am 20. Februar 2019 bei Fischer Buchverlage
ISBN 978-3-596-29921-8
480 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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