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Angelika Felenda | Wintergewitter Bd. 2

Angelika Felenda | Wintergewitter Bd. 2

Reitmeyers zweiter Fall

„War sie denn früher schon einmal hier?„, fragte Reitmeyer. Der Kellner zuckte die Achseln. „Kann sein. Mit so andere Flitscherln vielleicht. Die kommen manchmal vom Kolosseum rüber. Aber sicher bin ich mir nicht.“ „Wieso ‚Flitscherln‘?“ „Ja, vom Konvent der Unbefleckten Jungfrau war die nicht. So wie die ausgesehen und gesoffen hat.“ „Es kann sich nur um einen tragischen Unfall handeln, Herr Kommissär“, fiel der Wirt dem Kellner ins Wort und funkelte seinen Angestellten an. „Was wir natürlich sehr bedauern.“ (Auszug Seiten 32 und 33)

Wintergewitter ist der zweite Kriminalroman um den Münchner Kommissär Sebastian Reitmeyer. Der erste Teil Der eiserne Sommer spielte in 1914. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, der erste Weltkrieg ist vorbei und wie in ganz Deutschland leiden auch in München die Menschen unter einer katastrophalen Versorgungslage bei einer immer größer werdenden Inflation. Aufgrund des großen Nahrungs- und Wohnungsmangel blüht der Schwarzmarkt und aufgrund der hohen Beschaffungskriminalität hat die Polizei mehr als genug zu tun. Stichwort: „Diebesseuche“.

Tod im Schauspielermilieu

Allerdings boomt das Filmgeschäft und viele Frauen wittern ihre Chance und wollen auf die große Leinwand. So auch die junge Cäcilie Ortlieb, die jetzt im Roten Adler tot am Fuße der steilen Kellertreppe liegt. Sie ist aber nicht, wie zuerst vermutet, gestürzt und an einem Genickbruch verstorben. Laut Gerichtsmedizin wurde Cilly Ortlieb mit einer Überdosis Heroin oder Morphium vergiftet. Wenig später stirbt eine enge Freundin von Cilly unter ähnlichen Umständen. Beide arbeiteten in dubiosen Produktionen des Münchner Filmkonzerns Emelka. Kommissar Reitmeyers Ermittlungen führen ihn in illegale Spielclubs, Bars und Bordelle und bis in die höchsten Kreise. Auch ohne Unterstützung seiner Vorgesetzten, die alles tun, um einen Sündenbock zu installieren.

In einem zweiten Handlungsstrang sucht Gerti Blumfeld, eine junge Frau aus Berlin in München nach ihrer verschwundenen Schwester. Sie gibt vor, an einer Dissertation über Prostituierte zu schreiben um sich besser im einschlägigen Milieu umsehen zu können. Dabei kreuzen sich mehrmals die Wege des Kommissärs und Gerti. Da sie nicht weiß, ob sie ihm trauen kann, hält sie Informationen zurück. Als sie in den Besitz einer Mappe mit brisantem Inhalt kommt, begibt sie sich in Lebensgefahr.

Stimmiges Sittengemälde

Angelika Felender, die u.a. Geschichte studiert hat, zeigt uns hier ein stimmiges Bild der Gesellschaft um 1920. Geschichtliche Aspekte werden geschickt mit der Handlung verknüpft, die Thematik mit Kleinkriminellen, Neureichen und schlüpfrigen Filmproduktionen ist gelungen und so entsteht eine dichte und lebendige Atmosphäre. Die politische Situation spielt eine große Rolle und Felenda hat sich intensiv damit auseinandergesetzt. Die Bevölkerung leidet unter den hohen Auflagen der Siegermächte, die Rationierungen werden als ungerecht empfunden und es entsteht eine wütende, aufgeheizte Stimmung. Diese bildet den Nährboden für eine stark rechtspopulistische neue Politikrichtung und auf politischen Treffen begibt sich ein neuer Festredner in Stellung: Adolf Hitler. Die zunehmende Gewaltbereitschaft zeigt sich auch in rechten Gruppierungen wie zum Beispiel die Einwohnerwehr, in der ehemalige Soldaten Aufnahme finden, die jetzt neben der Polizei für Ordnung sorgen wollen und das Gesetz oft in die eigene Hand nehmen.

Dafür fehlte es der Kriminalgeschichte irgendwie an Zugkraft und die grundsolide Polizeiarbeit blieb oft im Ansatz stecken und führte zu nichts. Für mich gab es einige Ungereimtheiten, so zum Beispiel die ganze Passage, in der Gerti Unterschlupf bei Caroline, einer Jugendfreundin von Reitmeyer findet und die beiden sich da zufällig wieder sehen. Die Handlungsstränge waren teilweise verwirrend und aufgrund einer großen Anzahl an Figuren bedarf es einer großen Konzentration. Im letzten Viertel wird noch mal an der Spannungsschraube gedreht und die Auflösung am Schluss hat mich dann auch nicht richtig überzeugt.

Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet, hätten an der einen oder anderen Stelle noch etwas Tiefe gebrauchen können. So ist Reitmeyer der sympathische, stets besonnene und korrekte Polizist. Der Fahrradfahrer versucht immer im Rahmen seiner Möglichkeiten für Gerechtigkeit zu sorgen. Auch an ihm ist der Fronteinsatz nicht spurlos vorbei gegangen. Er leidet unter Panikattacken, die er zu verbergen sucht. Das hätte man noch vertiefen können, es hätte ihm noch Ecken und Kanten verliehen.

Wie gehetzt lief Reitmeyer den Gang entlang und mit ein paar Sätzen die Treppe hinauf. Erst vor dem Haus wagte er, wieder tief durchzuatmen. Der faulig modrige Geruch in der Kellerwohnung, der Mief aus altem Bettzeug, Windeln und aufgewärmtem Kohl hatte ihm fast die Luft abgeschnürt. Am liebsten hätte er sich geschüttelt wie ein Hund nach einem Regenguss. So mussten diese Leute leben. Es war menschenunwürdig. Aber sie waren nicht die Einzigen. Es herrschte verheerende Wohnungsnot. (Seite 17)

Korbinian Rattler ist der pfiffige, etwas übereifrige Polizeischüler, der die älteren Kollegen mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden nervt. Er leidet unter Lungenproblemen aufgrund von Gasverletzungen im Krieg. Die sprunghafte Gerti war für mich nicht richtig greifbar. Skrupellos spielt sie Reitmeyer gegen seinen besten Freund Sepp, einen Rechtsanwalt, aus.

Besonders informativ fand ich, einiges über den Sonderstatus Bayerns in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zu erfahren, wie auch am Ende des Buches noch mal in den Anmerkungen der Autorin erklärt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wintergewitter | Erschien am 29. Oktober 2016 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-671-90
438 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum 1. Band der Reihe Der eiserne Sommer

Abgehakt März 2020

Abgehakt März 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Qartalsende 1/2020

 

Alan Parks | Tod im Februar Bd. 2

Detective Harry McCoy wird zu einem blutigen Tatort auf dem Dach eines Hochhaus-Rohbaus gerufen. Dort wurde ein junger Mann abgeschlachtet, zusätzlich eine Nachricht in seine Brust geritzt. Der Mann war Spieler bei Celtic Glasgow – und mit Elaine Scooby verlobt, Tochter eines lokalen Gangsterbosses. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden: Ein ehemaliger Mitarbeiter Scoobys und angeblich ein verschmähter Verehrer der Tochter. Doch als weitere Morde geschehen und ein Kampf in der Glasgower Unterwelt beginnt, dämmert es McCoy, dass noch einiges mehr dahintersteckt.

Tod im Februar ist der zweite Teil der Reihe um den Glasgower Polizisten Harry McCoy und spielt nur wenige Wochen später als Teil 1 Blutiger Januar im Februar 1973. Es gibt Wiedersehen mit Harrys Kollegen Wattie, seinem väterlichen Vorgesetzten Murray und Cooper, ebenfalls Gangsterboss und Harrys Freund aus Tagen im Kinderheim. Die Atmosphäre ist wiederum düster, das Setting in Glasgow in den 70ern ist rau und schmuddelig, voller Drogen und Alkohol. Während des Falles kommt zudem Harrys und Coopers traurige Vergangenheit wieder hoch, die sie nie ganz hinter sich lassen können und die auch ihre Handlungen in der Gegenwart beeinflussen. Harry ist ein waschechter hardboiled Cop, empathisch für die Gebeutelten, grimmig gegenüber den Bösen. Seine Beziehung zu Cooper ist als Cop natürlich hochproblematisch. Und diesmal wandelt Harry nicht nur auf der Grenze zwischen hell und dunkel, diesmal wird er sie auch überschreiten.

Insgesamt ein wirklich guter, souverän erzählter, hartgesottener Krimi mit einem sehr gelungenen Schauplatz. Hoffentlich hält die Qualität der Reihe an.

 

Tod im Februar, erschienen am 28. Oktober 2019 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27198-2
432 Seiten | 16.- Euro
Originaltitel: February’s Son
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/ Hardboiled
Wertung: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zum 1. Teil der Reihe Blutiger Januar

 

Oliver Buslau | Feuer im Elysium

Wien im April/Mai 1824: Die Stadt fiebert der Aufführung der neuesten, der neunten Sinfonie vom alten Meister Ludwig van Beethoven entgegen. Lange Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört, doch das neue Werk soll etwas ganz besonderes sein. Geradezu revolutionär. Ein Wort, dass man in Wien in diesen Tagen nicht gerne hört. Und so ist vielen Reaktionären in Adel und Beamtenschaft die Uraufführung ein Dorn im Auge. In diesen Tagen kommt der junge Sebastian Reiser in die Stadt. Er sollte die Schlossverwaltung des Edlen von Sonnberg übernehmen und später vielleicht die Tochter des Hauses heiraten. Doch nach dem Unfalltod des Edlen wurde er vom Erben des Schlosses verwiesen und muss in Wien neu anfangen. Dort trifft er auf seinen alten Musiklehrer, Teilnehmer des Premierenorchesters, und einen alten Studienfreund in Diensten der Staatsmacht, der ihn als Spitzel anheuert. Reiser soll sich in die Orchestergruppe der Uraufführung einschleusen und Umstürzler und Revolutionäre denunzieren. Doch Reiser wird von der Kraft von Beethovens Symphonie mitgerissen und befindet sich längst – zunächst ohne es zu ahnen – in der Mitte einer großen Verschwörung.

Ludwig van Beethovens Geburtsjahr jährt sich in diesem Jahr zum 250. Mal. Zeit für eine große kulturelle Vermarktung des Komponisten. Warum dann nicht auch ein Beethoven-Krimi/Thriller? Für Autor Oliver Buslau, Musikjournalist, Amateurmusiker und Krimiautor (mehrere im Umfeld klassischer Musik), lag das förmlich auf der Hand. Am überzeugendsten ist dieser historische Thriller, in dem Beethoven selbst zwar nicht so häufig, aber doch regelmäßig auftritt, wenn es um die klassische Musik und den Schauplatz und die historische Lage im Deutschen Bund und im Kaiserreich geht. Der Wiener Kongress hatte die Restauration der alten Verhältnisse zur Folge, liberales oder gar revolutionäres Gedankengut wurde verfolgt. Starker Mann war der österreichische Kanzler Metternich, der ein umfangreiches Spitzelsystem etablierte. Dagegen fallen manche Teile des Plots etwas ab. Die Hintergrundgeschichte des Sebastian Reiser überzeugt nicht so ganz, vor allem die Auflösung des Komplotts erscheint arg konstruiert. Dennoch war es insgesamt unterhaltend, weitgehend spannend und mit zahlreichen interessanten Fakten versehen.

 

Feuer im Elysium | Erschienen am 23. Januar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0616-3
496 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Historischer Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

James Lee Burke | Straße ins Nichts Bd. 11

Die junge Letty Labiche wartet auf ihre Hinrichtung. Sie hatte einen Mann ermordet, der auf sie und ihre Schwester in der Kindheit öfters aufgepasst hatte. Dave Robicheaux kannte die Beteiligten und verdächtigte den Mann des sexuellen Missbrauchs, ohne dass dies zu beweisen war. Er will Letty vor der Hinrichtung bewahren und recherchiert ihren Hintergrund. Dabei stößt er zufällig auf einen alteingesessenen Zuhälter, der behauptet zu wissen, dass Daves lange verschollene Mutter von Polizisten ermordet wurde. Daves Mutter hatte ihre Familie verlassen, dennoch hat ihm die Ungewissheit, was mit ihr geschehen ist, lange zugesetzt. So setzt er nun alles daran, diese Spur weiterzufolgen und macht sich dadurch natürlich einige Feinde. Dave steht irgendwann vor der Frage, ob die Verantwortlichen mit normalen Mitteln zu belangen sind oder ob er selbst für Gerechtigkeit sorgen muss.

Straße ins Nichts oder Purple Cane Road im Original erschien vor genau zwanzig Jahren als elfter Band der beliebten Reihe um Dave Robicheaux, der wie immer mit seinem besten Kumpel Clete Purcel in New Orleans und Louisiana für Gerechtigkeit sorgen will und dabei in der Wahl der Mittel ein ums andere Mal die Grenzen überschreitet, was ihn allerdings für den Leser umso interessanter macht. Dieses Mal ist der Fall sogar noch eine Spur persönlicher als sonst. Autor James Lee Burke erzählt dies wie immer kraftvoll, mit vielen interessanten Figuren, eingebettet in präzisen und bildlichen Beschreibungen der Natur und Landschaft Lousianas. Es gibt sicher noch stärkere Bände der Reihe, aber Burke ist dennoch eine sichere Bank, immer empfehlenswert.

 

Straße ins Nichts | Erstmals erschienen 2000
ISBN 978-3-86532-675-1
Die Neuauflage erschienen am 15. Januar 2020 im Pendragon Verlag
436 Seiten | 20.- Euro
Originaltitel: Purple Cane Road
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zu weiteren Titeln des Autors James Lee Burke

 

Oyinkan Braithwaite | Meine Schwester, die Serienmörderin

Korede ist Krankenschwester, stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie aus Lagos in Nigeria. Korede hat auch noch eine jüngere Schwester, Ayoola. Diese ist eine absolute Schönheit und daher auch bei den Männern sehr beliebt. Im Gegensatz zu Korede. Es gibt aber ein Problem: Ayoola hat schon drei ihrer Verehrer umgebracht.
Korede ist dann die Cleanerin, sie reinigt den Tatort und lässt die Leiche verschwinden. Dass ihre Schwester in Notwehr gehandelt hat, wie sie behauptet, kauft Korede ihr schon längst nicht mehr ab, aber an die Polizei will sie sie auch nicht ausliefern. Da ergibt sich eine neue Situation: Korede ist schon länger in einen Arzt aus ihrem Krankenhaus verliebt, ohne dass es zu einem Date oder Weiterem gekommen wäre. Doch als Ayoola sie auf der Arbeit besucht, springt der Arzt direkt auf Ayoola an und beginnt, mit ihr auszugehen.

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern, die eine die Unscheinbare, Vernünftige, die andere die Schöne, Unbekümmerte und Tödliche. Dennoch gilt die alte Regel vom Blut, das dicker als Wasser ist, was im Laufe der Geschichte aber sehr auf die Probe gestellt wird. Autorin Oyinkan Braithwaite erzählt diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Korede, was einerseits seinen Reiz hat, andererseits die Perspektive einschränkt und keinen vollen Blick auf die Dinge erlaubt. Immer wieder werden auch Rückblicke eingestreut, die teilweise einiges erhellen, so etwa das schwierige Verhältnis zum nicht liebevollen Vater, was die Schwestern zusammengeschweißt hat. Überhaupt ist dies eine ausgesprochen feminines Buch (feministisch sogar? Ich weiß nicht.), sind doch die Männer weitgehend nur Randfiguren.

Meine Schwester, die Serienmörderin war im englischsprachigen Raum bereits äußerst erfolgreich und war gar für den Man Booker Price nominiert. Die Geschichte ist durchaus reizvoll und unterhält gut. Den Hype halte ich dennoch nur bedingt für gerechtfertigt, denn ich hatte den Eindruck, dass überall noch ein paar Prozente herauszuholen gewesen wären. So schwankt die Autorin für meinen Geschmack zu sehr in der Frage, ob sie die Geschichte eher schwarzhumorig-pulpig oder mit ernsthafter Tiefe erzielen will. Dann wäre aber mehr Tiefe in der Figur der Ayoola wünschenswert gewesen. Dennoch ist dieser Roman absolut keine Enttäuschung, sondern gut geschrieben und mit originellem Plot.

Meine Schwester, die Serienmörderin | Erschienen am 10. März 2020 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-05074-0 | ISBN 978-3-841-21898-8 (eBook)
240 Seiten | 20.- Euro, 14.99 Euro (eBook)
Originaltitel: My Sister, the Serial Killer
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Caroline Eriksson | Die Beobachterin

Elena ist Schriftstellerin und vorübergehend in ein Reihenhaus eingezogen. Während sie dort am Küchentisch sitzt und arbeitet, kann sie die Familie im gegenüberliegenden Haus beobachten und ihr fallen merkwürdige Szenen auf, die sie einerseits für ihr neues Buch nutzt, die sie andererseits aber auch immer fester davon überzeugen, dass dort bald etwas Schreckliches passiert, das sie verhindern muss.

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um einen Thriller, der sich flüssig und auch spannend liest und der zum Ende hin einige Wendungen aufweisen kann, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber insgesamt fesselt er mich nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Die Beobachterin | Erschienen am 12. November 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10043-0
336 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Hon som vakar
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Anette Hinrichs | Nordlicht – Die Tote am Strand Bd. 1

Anette Hinrichs | Nordlicht – Die Tote am Strand Bd. 1

„Wenige Sekunden später landete die Drohne sicher neben ihm im Sand. Erst jetzt sah er Lasse an. Im Gesicht des Freundes spiegelte sich seine eigene Angst. Schnell wandte er den Blick wieder ab. Er nahm sein Handy aus der Halterung am Controller, spulte am Display die Filmsequenz zurück und zoomte das Bild heran.
Die Person lag mit dem Rücken im Wasser, die Beine ausgestreckt im Sand. Jeans. Ein dunkler Parka. Schlammverschmiert. Schulterlange Haare von undefinierbarer Farbe. Kleine Wellen spülten Schaumkronen über ein blasses Gesicht.“ (Auszug Seiten 15 und 16)

Am Strand der deutsch-dänischen Küste wird eine weibliche Leiche gefunden. Es handelt sich um Liva Jørgensen, die vor 12 Jahren als vermisst gemeldet wurde. Die ersten Recherchen ergeben, dass sie sich jahrelang in Deutschland unter falschem Namen aufgehalten hat. Deshalb wird für die Ermittlungen eine Sondereinheit im Zentrum in Padborg gebildet, die von Vibeke Boisen aus Flensburg und Rasmus Nyborg aus Esbjerg geleitet wird. Es gilt herauszufinden, wer Liva umgebracht hat und was damals wirklich geschehen ist.

Die Protagonisten

Vibeke Boisen ist Mitte dreißig und frisch von Hamburg nach Flensburg gezogen, zurück zu ihrer Familie. In Flensburg hat sie die Stelle als Leiterin der Mordkommission übernommen und zusätzlich zu dem Fall um Liva und der ersten Zusammenarbeit mit Rasmus, beschäftigt sie noch die Renovierung ihrer neuen Wohnung, ihr Vater, der im Koma liegt und ihre neuen Mitarbeiter in Flensburg. Rasmus ist zehn Jahre älter, hat gerade einen Schicksalsschlag hinter sich und versucht privat wieder auf die Füße zu kommen.

Typische Ermittlungsarbeit

Nordlicht – Die Tote am Strand von Anette Hinrichs ist der erste Fall des deutsch-dänischen Ermittlerteams Boisen & Nyborg. Das Thema der Geschichte, also was die vermissten Liva in den Jahren in Deutschland gemacht hat und wie es dazu kommt, finde ich interessant. Außerdem ist für mich ein ganz großer Pluspunkt die Küsten-Kulisse und auch einige Einblicke in das dänische Leben habe ich gern gelesen. Ansonsten handelt es sich um einen typischen Kriminalroman, in dem es vordergründig um die Ermittlungen geht, mit allem was dazu gehört: Recherchen, Zeugenbefragungen, Überlegungen, falschen Spuren. Die Privatangelegenheiten der beiden Protagonisten werden meiner Meinung nach zwischendurch in genau richtigen Dosen erzählt, also man erfährt etwas von ihnen, es überschattet aber nicht die komplette Arbeit.

Flacher Spannungsbogen

Der Spannungsbogen ist mir ab dem zweiten Drittel etwas zu flach, mich hat zwischendrin die Leselust etwas verlassen. Die Geschichte liest sich durchgängig flüssig, aber eben nicht so spannend, dass ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht. Auch das Ende ist nicht wahnsinnig nervenaufreibend. Es gibt einen Höhepunkt, der aber nicht überdramatisiert wird, was ich gut finde.

Boisen & Rasmus & das Team

Die beiden Protagonisten sind mir grundsätzlich sympathisch, aber irgendwie sind sie auch recht typisch: Jeder hat sein Päckchen zu tragen, Vibeke ist eher überkorrekt und hält sich an alle Vorschriften und Rasmus ermittelt unkonventioneller, allerdings auch nicht völlig kopflos. Schön finde ich das Team hinter den beiden, sie sind alle sehr verschieden und am Anfang hatte ich den Eindruck, dass da ja wirklich ein bunter Haufen zusammengewürfelt wurde, aber im Laufe der Recherchen stellt sich heraus, dass zwar jeder seine Eigenarten hat, aber die dem Fall zugute kommen.

Fazit: Irgendwie nichts Neues, aber dennoch ein solider Krimi, mit dem man nichts falsch macht.

Anette Hinrichs ist als geborene Hamburgerin ein echtes Nordlicht. Ihre Leidenschaft für Krimis wurde im Teenageralter durch Agatha Christie entfacht und weckte in ihr den Wunsch, eines Tages selbst zu schreiben. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie im Raum München. Ihre Sehnsucht nach ihrer alten Heimat lebt sie in ihren Küstenkrimis und zahlreichen Recherchereisen in den hohen Norden aus.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Nordlicht – Die Tote am Strand | Erschienen am 15. April 2019 bei Blanvalet
ISBN 978-3-7341-0722-1
432 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Abgehakt Dezember 2019

Abgehakt Dezember 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 4. Quartalsende 2019

 

Romy Hausmann | Liebes Kind

Eine Frau wird nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, an ihrer Seite ihre vermeintliche Tochter Hannah. Die Frau benennt sich als Lena und sofort wird die Polizei auf einen alten Vermisstenfall aufmerksam: Vor vierzehn Jahren verschwand eine Münchner Studentin spurlos. Es stellt sich heraus, das die Verletzte nicht Lena ist, aber Hannah ist Lenas Tochter. Die Frauen wurden offenbar als Gefangene gehalten und die Verletzte konnte fliehen. In einer Hütte im Wald findet die Polizei dann auch die Leiche eines Mannes und ein weiteres Kind. Doch was genau ist geschehen?

Liebes Kind ist der Debütroman der TV-Redakteurin Romy Hausmann und war dank der Platzierung des Verlags als Spitzentitel des Frühjahrs auch ein Bestseller. Der Psychothriller lebt von seinen kurzen Kapitel- und Perspektivwechseln. Drei Perspektiven werden eingenommen: Von Jasmin (zunächst als Lena identifiziert), von Hannah und Matthias, Lenas Vater und demnach Hannahs Großvater. Dabei werden die Ereignisse durch Rückblenden bei den jeweiligen Personen teilweise erhellt, wenngleich dem Leser natürlich allzu Entscheidendes vorenthalten wird und die Erzähler nicht immer ganz zuverlässig sind bzw. sich deren eigene Wahrnehmung trübt.

Das ist alles stilistisch wirklich gut gemacht, aber der Plot reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Zu unrealistisch erscheint mir die Polizeiarbeit und die versteckten Hinweise lassen den weiteren Verlauf der Geschichte zumindest in Teilen erahnen. Irgendwie ist das mit mir und diesen Psychothrillern keine leichte Beziehung.

 

Liebes Kind | Erschienen am 28. Februar 2019 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26229-3
432 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Thomas Hoeps & Jac. Toes | Die Cannabis-Connection

Staatssekretär Marcel Kamrath gilt als Mann mit Perspektive innerhalb der Bundesregierung. Eine aktuelle Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Cannabis ist zu großen Teilen sein Verdienst, scheint er sie doch gegen massive Widerstände der konservativen Kräfte seiner Partei durchzubringen. Doch kurz vor den entscheidenden Abstimmungen taucht ein alter (totgeglaubter) Freund von Kamrath wieder auf: Der Niederländer Sander van den Haag. Beide verbindet eine intensive Freundschaft zu Studentenzeiten in Amsterdam zu Zeiten von Studentenprotesten und Hausbesetzungen Anfang der 1980er. Außerdem ein nicht ganz so legales Geschäft mit Cannabis. Und eine tote junge Frau. Sander macht Kamrath mit wachsendem Druck klar, dass er nichts von den Legalisierungsplänen der deutschen Regierung hält. Es beginnt ein gefährliches Duell, bei dem Kamrath mehr zu verlieren hat als nur seinen Gesetzesentwurf.

Das Autoren-Duo Hoeps und Toes arbeitet seit Jahren erfolgreich zusammen. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt. Mit Die Cannabis-Connection haben sie einen clever konstruierten Thriller verfasst, der zum einen interessante und für mein Empfinden realistisch wirkende Einblicke ins Politikgeschäft und zum anderen einen spannenden Plot bietet. Abwechselnd zum aktuellen Geschehen flechten die Autoren immer wieder Kapitel ein, die auf die Vorgeschichte in Amsterdam 1982/83 zurückblicken. Das ist alles sehr solide geplottet, durchweg spannend und mit überwiegend glaubhaften Figuren. Nur der kleine Bruch ab dem zweiten Teil zu einer Ich-Erzählerin, einer niederländischen Ex-Geheimdienstlerin und nun Politikberaterin für heikle Angelegenheiten, hat mich etwas irritiert. Letztendlich hat mich dieser (Polit-)Thriller aber wirklich gut unterhalten.

Die Cannabis-Connection | erschienen am 15. Juli 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00551-8
352 Seiten | 19.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Tom Callaghan | Erbarmungsloser Herbst

Inspektor Akyl Borubaew wird vom nicht ganz koscheren Fall einer Drogentoten abgezogen, mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und vom Dienst suspendiert. Doch sein spezieller „Freund“, der Minister für Staatssicherheit Tynalijew, verlangt von Borubaew, einen Spezialauftrag anzunehmen. Doch als sie bei einem geheimen Treffen plötzlich beschossen werden, gerät die Situation außer Kontrolle. Borubaew flieht und schießt auf der Flucht Tynalijew nieder. Doch dieser überlebt und der vogelfreie Borubaew sucht Kontakt zum mächtigen Drogenboss Alijew.

Die vierbändige, nach Jahreszeiten aufgebaute Thriller-Serie um den kirgisischen Inspektor Akyl Borubaew hat nun mit Erbarmungsloser Herbst ihr Ende gefunden. Diese hartgesottene Krimi/Thriller-Reihe punktete vor allem durch die interessanten Figuren und die schonungslose Darstellung der Autokratie Kirgisistans bei gleichzeitiger eindrucksvoller Beschreibung von Land und Leuten. Nach einem aus meiner Sicht unnötigen Ausflug im dritten Band (Mörderischer Sommer) nach Dubai, kehrt der Autor nun wieder in Borubaews Heimat zurück, daneben gibt es einen Abstecher nach Bangkok.

Das Setting, Spannungsaufbau und auch das Thema Drogenhandel haben mich diesmal wieder überzeugt, auch wenn für mich nicht alle Wendungen plausibel waren. Callaghan schreibt wieder mit Borubaew als Ich-Erzähler in einem rauen, zynischen, fatalistischen Ton. Natürlich taucht auch Borubaews Geliebte, die Topagentin Saltanat wieder auf. Letztendlich findet diese Reihe dann ihren passenden Abschluss in einer Showdownszene in der kirgisischen Nationalgedenkstätte Ata-Bejit.

Erbarmungsloser Herbst | Erschienen am 7. Oktober 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00124-2
352 Seiten | 12.- Euro
als E-Book: 8.99 Euro (ISBN 978-3-455-00661-2)
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Frederick Forsyth | Der Fuchs

Die amerikanische Regierung ist außer sich, hat es doch ein Hacker in den am schärfsten gesicherten Geheimcomputer der NSA geschafft – ohne Schaden anzurichten. Der Hacker wird als der 18-jährige, autistische Brite Luke enttarnt, die Amerikaner verlangen die Auslieferung. Die Briten jedoch überzeugen die Amis, dass dieser Junge mit seinen unglaublichen Fähigkeiten doch viel sinnvoller genutzt werden kann. Der ehemalige zweite Mann im MI6, Sir Adrian Weston, wird reaktiviert und sucht mögliche Ziele für Hackerangriffe. Als erstes gerät der Navigationscomputer des neuesten russischen Schlachtschiffes unter Kontrolle und sorgt für eine Havarie. Die Russen schäumen vor Wut und schwören Rache. Und sie werden nicht die einzigen bleiben, denn Sir Adrian hat schon das nächste Ziel für Luke ausgemacht.

Der mittlerweile 81-jährige Frederick Forsyth ist neben seinem Landsmann John le Carré unbestritten eine lebende Legende im Genre Polit- und Spionagethriller. Seine Thriller wie „Der Schakal“ oder „Die Akte ODESSA“ wurden millionenfach verkauft. In Sachen Spannung und brisante politische Themen bleibt sich Forsysth auch beim neuen Werk Der Fuchs treu. Das Ding ist ein rasanter Pageturner. Allerdings waren die kritischen Zwischentöne noch nie so die Sache des konservativen Forsyth. Und so stößt sich der etwas kritisch denkende Leser irgendwie schon bald daran, wie locker und lässig der MI6 mit seinem Cybergenie als Glücklos hier die größten Schurkenstaaten der Welt ausmanövriert. Auch der Plot ist nur bedingt überzeugend, vielmehr hat man das Gefühl, dass Forsyth eine Liste von fiesen Gegnern (Russland, Iran, Nordkorea) abarbeitet, die unbedingt noch in die Schranken gewiesen werden müssen. Das grundlegende Handwerk beherrscht er allerdings schon noch, was letztendlich doch etwas versöhnt.

 

Der Fuchs | Erschienen am 4. November 2019 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10385-2
352 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spionagethriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Krimis kurz besprochen findet ihr zu jedem Quartalsende auf unserem Blog, die bisher veröffentlichten Kurzrezensionen in der Rubrik Abgehakt.

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Langsam häufte es sich an. Das Ganze war ziemlich unnorwegisch. Internationales Niveau.
Durfte man sich eigentlich Massenmörder nennen, auch wenn man die Morde nicht eigenhändig beging?
Klavenes dachte nach. Stalin und Hitler wurden als Massenmörder bezeichnet, obwohl sie wahrscheinlich niemanden persönlich umgebracht hatten. (Auszug Seite 232)

Ein erfolgloser Angler macht in einem Angelrevier in bester Lage vor dem großen Immobilienprojekt Fornebu am Oslofjord einen grausigen Fund: Eine übel zugerichtete Wasserleiche, mit Beton an den Füßen im Fjord versenkt. Weil auch Leo Vangen dort regelmäßig geangelt hat, wird er von der leitenden Ermittlerin Mariken Varden, einer alten Schulfreundin, kontaktiert. Da Mariken Leos alte Liebe ist, will er bei den schwierigen Ermittlungen helfen. Alles deutet darauf hin, dass der Tote einer von den polnischen Bauarbeitern des Immobilienprojekts ist. Da Leo als Rechtsreferendar schon mal guten Kontakt zu polnischen Gastarbeitern hatte, begibt er sich auf Spurensuche in den Gastarbeiterunterkünften und kommt auf die Fährte eines alten Bekannten.

Terje Klavenes war früher mit Leo und Mariken in einem Schuljahrgang. Privat ist er schon ein mieser Typ und auch beruflich hat er sich mit nicht aufgefallenen Betrügereien immer weiter nach oben gebracht. Inzwischen ist er Chef einer Projektentwicklungsgesellschaft und ein eiskalter Immobilienhai. Immer auf der Suche nach einem Profit auf Kosten anderer. Momentan läuft es nicht optimal mit den Geschäften. Die Bauarbeiter klagen über die miese Behandlung und Bezahlung, die Eigentümergemeinschaft fühlt sich betrogen, weil immer noch nichts fertiggestellt ist und ein Vogelkundler will die Behörden einschalten, weil Klavenes Teile des Vogelschutzgebietes bebaut. Es knirscht also an allen Ecken, aber Klavenes hat zwei Männer fürs Grobe: Rino Gulliksen und Nils Hætta. Zwei Schmalspurgangster, aber zumindest Nils fühlt sich zu Höherem berufen und schreckt auch vorm Äußersten nicht zurück.

Autor Lars Lenth ist ein vielseitiger Typ und in Norwegen vor allem auch als Angel-Profi bekannt. Sein Hobby hat er in Fachbüchern, im Fernsehen und auf DVD zum Beruf gemacht. Daneben ist Lenth auch Rockmusiker. Als Autor schreibt er neben Sachbüchern auch Romane. Schräge Vögel singen nicht ist der zweite in Deutschland erscheinende Roman um den Rechtsrefendar Leo Vangen und erschien im Original bereits 2011.

Hauptperson Leo Vangen ist ein ziemlich durchschnittlicher Mann in seinen Vierzigern, der aus seinen Anlagen vermeintlich wenig gemacht hat. Obwohl mit gutem Abschluss hat er bereits nach der ersten Gerichtsverhandlung keinen Gerichtssaal mehr betreten und ist dadurch kein Anwalt geworden, sondern auf der Stufe des Rechtsreferendars geblieben. Auch privat läuft’s so mittel: Geschieden, fast erwachsener Sohn. Er lebt in Bærum, der reichsten Gemeinde Norwegens, auf einer schicken Insel in der familieneigenen Villa, die allerdings mangels Geld und Pflege zusehends herunterkommt. Grundsätzlich ist Leo aber ein guter, hilfsbereiter Typ. Insgesamt kommt Leo trotz seiner Neurosen aber ziemlich gut zurecht, ein wenig Ruhe im Leben ist schließlich auch nicht zu verachten. Dennoch entwickelt Leo eine ungeahnte Aktivität in diesem Fall, denn schließlich gilt es, seine alte Jugendliebe zu beeindrucken.

Schräge Vögel singen nicht ist wie es der ziemlich merkwürdige deutsche Titel andeutet, ein Krimi mit skurrilen und schrägen Elementen. Dabei schreibt der Autor mit einem schwarzen, zuweilen auch derben Humor, wobei er im Grundton schon ernst bleibt. Dazu eine durchaus sympathische Hauptfigur, die mich irgendwie entfernt an den Dude aus The Big Lebowski erinnert hat. Ein wenig Abzüge gibt es von meiner Seite für den fiesen Antagonisten Klavenes, der mir allzu plakativ geraten ist. Die Themen reichen von Immobilienspekulation, Korruption, Ausbeutung bis Umweltzerstörung. Insgesamt bringt Lars Lenth also höchst aktuelle Themen in die Geschichte ein, serviert sie aber mit einer durchaus angenehmen Mischung aus Melancholie und Witz, wobei es hier (Plot) und da (Spannung) sicherlich noch Luft noch oben gibt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schräge Vögel singen nicht | Erschienen am 23. September 2019 im Limes Verlag
ISBN 987-3-8090-2712-6
288 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unsers .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.