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Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Langsam häufte es sich an. Das Ganze war ziemlich unnorwegisch. Internationales Niveau.
Durfte man sich eigentlich Massenmörder nennen, auch wenn man die Morde nicht eigenhändig beging?
Klavenes dachte nach. Stalin und Hitler wurden als Massenmörder bezeichnet, obwohl sie wahrscheinlich niemanden persönlich umgebracht hatten. (Auszug Seite 232)

Ein erfolgloser Angler macht in einem Angelrevier in bester Lage vor dem großen Immobilienprojekt Fornebu am Oslofjord einen grausigen Fund: Eine übel zugerichtete Wasserleiche, mit Beton an den Füßen im Fjord versenkt. Weil auch Leo Vangen dort regelmäßig geangelt hat, wird er von der leitenden Ermittlerin Mariken Varden, einer alten Schulfreundin, kontaktiert. Da Mariken Leos alte Liebe ist, will er bei den schwierigen Ermittlungen helfen. Alles deutet darauf hin, dass der Tote einer von den polnischen Bauarbeitern des Immobilienprojekts ist. Da Leo als Rechtsreferendar schon mal guten Kontakt zu polnischen Gastarbeitern hatte, begibt er sich auf Spurensuche in den Gastarbeiterunterkünften und kommt auf die Fährte eines alten Bekannten.

Terje Klavenes war früher mit Leo und Mariken in einem Schuljahrgang. Privat ist er schon ein mieser Typ und auch beruflich hat er sich mit nicht aufgefallenen Betrügereien immer weiter nach oben gebracht. Inzwischen ist er Chef einer Projektentwicklungsgesellschaft und ein eiskalter Immobilienhai. Immer auf der Suche nach einem Profit auf Kosten anderer. Momentan läuft es nicht optimal mit den Geschäften. Die Bauarbeiter klagen über die miese Behandlung und Bezahlung, die Eigentümergemeinschaft fühlt sich betrogen, weil immer noch nichts fertiggestellt ist und ein Vogelkundler will die Behörden einschalten, weil Klavenes Teile des Vogelschutzgebietes bebaut. Es knirscht also an allen Ecken, aber Klavenes hat zwei Männer fürs Grobe: Rino Gulliksen und Nils Hætta. Zwei Schmalspurgangster, aber zumindest Nils fühlt sich zu Höherem berufen und schreckt auch vorm Äußersten nicht zurück.

Autor Lars Lenth ist ein vielseitiger Typ und in Norwegen vor allem auch als Angel-Profi bekannt. Sein Hobby hat er in Fachbüchern, im Fernsehen und auf DVD zum Beruf gemacht. Daneben ist Lenth auch Rockmusiker. Als Autor schreibt er neben Sachbüchern auch Romane. Schräge Vögel singen nicht ist der zweite in Deutschland erscheinende Roman um den Rechtsrefendar Leo Vangen und erschien im Original bereits 2011.

Hauptperson Leo Vangen ist ein ziemlich durchschnittlicher Mann in seinen Vierzigern, der aus seinen Anlagen vermeintlich wenig gemacht hat. Obwohl mit gutem Abschluss hat er bereits nach der ersten Gerichtsverhandlung keinen Gerichtssaal mehr betreten und ist dadurch kein Anwalt geworden, sondern auf der Stufe des Rechtsreferendars geblieben. Auch privat läuft’s so mittel: Geschieden, fast erwachsener Sohn. Er lebt in Bærum, der reichsten Gemeinde Norwegens, auf einer schicken Insel in der familieneigenen Villa, die allerdings mangels Geld und Pflege zusehends herunterkommt. Grundsätzlich ist Leo aber ein guter, hilfsbereiter Typ. Insgesamt kommt Leo trotz seiner Neurosen aber ziemlich gut zurecht, ein wenig Ruhe im Leben ist schließlich auch nicht zu verachten. Dennoch entwickelt Leo eine ungeahnte Aktivität in diesem Fall, denn schließlich gilt es, seine alte Jugendliebe zu beeindrucken.

Schräge Vögel singen nicht ist wie es der ziemlich merkwürdige deutsche Titel andeutet, ein Krimi mit skurrilen und schrägen Elementen. Dabei schreibt der Autor mit einem schwarzen, zuweilen auch derben Humor, wobei er im Grundton schon ernst bleibt. Dazu eine durchaus sympathische Hauptfigur, die mich irgendwie entfernt an den Dude aus The Big Lebowski erinnert hat. Ein wenig Abzüge gibt es von meiner Seite für den fiesen Antagonisten Klavenes, der mir allzu plakativ geraten ist. Die Themen reichen von Immobilienspekulation, Korruption, Ausbeutung bis Umweltzerstörung. Insgesamt bringt Lars Lenth also höchst aktuelle Themen in die Geschichte ein, serviert sie aber mit einer durchaus angenehmen Mischung aus Melancholie und Witz, wobei es hier (Plot) und da (Spannung) sicherlich noch Luft noch oben gibt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schräge Vögel singen nicht | Erschienen am 23. September 2019 im Limes Verlag
ISBN 987-3-8090-2712-6
288 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unsers .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

Geir Tangen | Seelenmesse Bd. 1

„Es geht genau um diese Sache. Ich habe einen Tipp bekommen, der darauf hindeutet, dass der Mörder Bücher oder Filme als Vorbild für seine Morde benutzt.“ „Bücher…?“ Du meinst, er ist ein Copycat?“ Er hätte dieses Wort selbst nicht benutzt, aber es war absolut treffend. Copycat … jemand, der nachahmt, was andere vorgemacht haben. (Auszug Seiten 299-300)

Viljar Ravn Gudmundsson ist Journalist der Lokalpresse im norwegischen Haugesund, einer kleinen, idyllischen Stadt an der Nordseeküste. Früher war er mal der große Star der Redaktion. Doch ein grober Fehler vor circa vier Jahren beendete seine glanzvolle Karriere und der einst gefeierte Journalist wurde ein abgehalfterter Schreiberling, der von den Kollegen verachtet, nur noch mit Routineaufgaben beauftragt wird.

Ein großer Scoop?

Als er eine anonyme E-Mail erhält, in der ein selbsternannter Richter ein Todesurteil über eine Frau aus Haugesund ausspricht, die angeblich Schuld auf sich geladen hat und vor Gericht stand, aber aus Gründen nicht verurteilt wurde, denkt Gudmundsson kurz an einen großen Scoop. Doch dann tut er das Ganze als groben Unfug ab, leitet aber die mysteriöse E-Mail an die Polizei weiter. Am nächsten Tag wird tatsächlich die Leiche einer Frau gefunden. Und schnell steht fest, dass sie nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist, sondern gestoßen wurde. Mit ihrem Team versucht die junge Oberkommissarin Lotte Skeisvoll die zahlreichen Spuren am Tatort auszuwerten. Dabei kommt raus, dass Viljar und die Tote sich anscheinend gut kannten und so gerät der Journalist in den Fokus der Ermittlungen.

Am nächsten Tag trifft eine weitere E-Mail ein, in der das nächste Opfer angekündigt wird. Kurz darauf wird ein Mann vor seiner Haustür erschossen aufgefunden. Die Polizeibeamten sind über weite Strecken ratlos und hechten immer hinter dem wahnsinnigen Täter her. Dieser hat die Morde sorgfältig geplant und dirigiert die Ereignisse nach Belieben, also wie ein Maestro, so ist auch der norwegische Original-Titel. Aus Oslo wird der erfahrene Hauptkommissar Olav Scheidrup Hansen zur Unterstützung gerufen. Erst als ein belesener Beamter darauf kommt, dass der Täter offenbar ein Kenner skandinavischer Kriminalliteratur ist, kommt Bewegung in die Ermittlungsangelegenheit. Es werden Morde aus norwegischen Erfolgskrimis nachstellt. Angefangen von so namhaften Autoren wie Unni Lindell über Anne Holt, Karin Fossum bis Jo Nesbø.

Kaputte Protagonisten

Es gibt Rückblicke auf die Ereignisse des Jahres 2010, in denen der Leser erfährt, welche Schuld der Journalist auf sich geladen hat. Der Zusammenhang zu den aktuellen Morden wird aber erst langsam klar. Kapitel in denen der Täter zu Wort kommt, sorgen für weitere Unterbrechungen.

In diesem ersten Teil einer Trilogie um die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson spielt Autor Geir Tangen wirklich mit jedem Krimiklischee. Neben eisiger Kälte und düsterer Stimmung sind das die zerrissenen Helden und der geniale, wahllos tötende Serienkiller sowie brutale Morde. Auch im Handlungsablauf bedient sich der Autor bewährter Komponenten wie das Wechseln zwischen zwei Zeitebenen und das Legen vieler falscher Fährten. Da dürfen auch die inneren Monologe des irren Täters nicht fehlen.

Der einst supererfolgreiche Viljar befindet sich nach einem folgenschweren Fehler, bei dem durch seine Nachlässigkeit ein Informant aufflog, in psychologischer Behandlung. Der geschiedene Journalist wird als menschliches Wrack dargestellt, der durch ständige Angstzustände und Panikattacken nur noch chaotisch arbeitet.
Die disziplinierte Lotte arbeitet immer sehr genau und gut strukturiert. Andere finden sie fast überkorrekt und durch ihr ständiges Abwegen auch umständlich. Ein massiver Kontrollzwang dominiert ihren Alltag. Seit dem Tod ihrer Eltern fühlt sie sich für ihre jüngere, drogensüchtige Schwester Anna verantwortlich.

Fazit

Ich fand die Geschichte wirklich spannend erzählt, flüssig und wendungsreich geschrieben. Immer wieder tauchen neue Tatverdächtige auf, nur um der Geschichte kurz darauf wieder eine andere Wendung zu geben. Durch den einfachen Schreibstil liest sich der Thriller wie geschnitten Brot. Spannung entsteht nicht zuletzt auch, da Personen zu den Opfern gehören, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Zum Schluss war es vielleicht eine Wendung zu viel und auch das Motiv für den Täter fand ich ziemlich unglaubwürdig. Den Charakteren hätte etwas mehr Tiefe gut getan, die Differenzen zwischen der jungen Lotte Skeisvoll und dem erfahrenen aber übergriffigen Osloer Hauptkommissar Hansen hatten dafür auch genug Potential, welches verschenkt wurde. Überhaupt kommen die Polizeibeamten nicht wirklich gut weg. Es kommt schlussendlich zu sechs Opfern und die Beamten laufen immer nur hinterher und können die Morde nicht verhindern, denn der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und wahrscheinlich habe ich schon zu viele skandinavische Thriller gelesen, aber der Mörder war für mich keine Überraschung.

Geir Tangen lebt in Haugesund und ist ein bekannter Blogger. Auf Norwegens größtem Krimi-Blog Bokbloggeir.com schreibt er seit 2012 Krimi- und Thriller-Rezensionen. 2016 hat er sich seinen Traum erfüllt und mit „Maestro“ den ersten eigenen Thriller veröffentlicht. Der Schriftsteller war bei verschiedenen Zeitschriften journalistisch tätig und diese Erfahrungen konnte er durch authentische Beschreibungen des Redaktionsalltags in sein Debüt einarbeiten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Seelenmesse | Erschienen am 16. Oktober 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-24865-19
480 Seiten | 10.- Euro
Originaltitel: Maestro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Abgehakt September 2019

Abgehakt September 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 3. Quartalsende 2019

 

Hazel Frost | Last Shot

Auf einem einsamen Parkplatz in den bayrischen Alpen wird eine russische Familie von einer Killerin attackiert. Der Vater Youri, ein Bordellbesitzer, und die erwachsenen Zwillingstöchter sterben. Der Sohn Dima bleibt unversehrt, seine Tochter Mathilda überlebt und wird von der Polizei aufgefunden. Die Killerin namens November nimmt eine Tasche voll Geld und wertvoller Waffensoftware an sich. Doch eigentlich hatte sie es noch auf etwas anderes abgesehen. Die Jagd ist noch nicht zu Ende und es mischen weitere merkwürdige Gestalten mit.

Die Autorin mit dem halbherzigen Pseudonym Hazel Frost (alias Katja Bohnet) erwähnt im Nachwort, dass Last Shot zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere entstand. Inspiration für diesen ungewöhnlichen Thriller – das offenbart die Autorin selbst – waren legendäre Filmthriller aus den Neunzigern wie Pulp Fiction oder Leon – Der Profi. Und so beherbergt dieser Roman einige schräge Figuren, einen rasanten und harten Plot und eine Menge Blei und Blut. Das ist vielleicht hier und da etwas „drüber“ und bizarr, aber zumeist durchaus unterhaltsam, kurzweilig und in manchen Momenten sogar melancholisch. Insofern gar nicht übel.

 

Last Shot | Erschienen am 10. September 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30642-0
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

John Steele | Ravenhill

Jackie Shaw kehrt nach zwanzig Jahren nach Belfast zurück, um am Begräbnis seines verstorbenen Vaters teilzunehmen. 1993 war Jackie Mitglied der loyalistischen Paramilitärs der UDA – und ein verdeckter Ermittler der Polizei. Nach einem Vorfall mit drei Toten wurde auch er für tot erklärt und aus der Schusslinie gebracht. Nun erwartet Jackie bei seiner Rückkehr nicht nur der MI5, sondern auch Rab Simpsons und Billy Tyrie, Jackies ehemalige Chefs der UDA-Sektion. Beide sind inzwischen zu Gangstergrößen aufgestiegen und verlangen von Jackie, den jeweils anderen zu töten.

Belfast oder Nordirland bieten mit den gesellschaftlichen Konflikten ein unglaublich interessantes, intensives und auch vielseitiges Setting. In Ravenhill erzählt der gebürtige Belfaster John Steele die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Einmal einige Jahre vor und dann deutlich nach dem Karfreitagsabkommen, das die Situation oberflächlich natürlich erheblich befriedet hat. Allerdings stellt Steele auch unmissverständlich klar, dass die damaligen Protagonisten zwar mit dem Terrorismus aufgehört haben, aber weiterhin Schurken sind, die sich nun in Schutzgelderpressung oder Drogenhandel verdingen. Und die auch kaum angetastet werden, um den Frieden nicht zu stören. Allerdings verlaufen die Fronten nun auch mal innerhalb der ehemaligen Organisationen, was Rückkehrer Jackie Shaw bald feststellt.

Ravenhill ist ein komplexer Noir über Loyalität und Verrat, außerdem eine Hommage an Belfast. Der Autor schreibt hart und realistisch und zeigt auf, wie brüchig der Frieden in Nordirland immer noch ist.

 

Ravenhill | Erschienen am 1. Mai 2019 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-77-4
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/Hardboiled
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jutta Profijt | Unter Fremden

Die Syrerin Madiha kommt als Flüchtling nach Deutschland. Zwar ist sie Analphabetin, aber da sie als Kind nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Verwandten mit einer deutschen Ehefrau aufwuchs, spricht sie Deutsch. Auf ihrer Flucht half ihr ihr Landsmann Harun. Nun ist dieser aus dem Flüchtlingsheim verschwunden, nicht ohne Madiha den Schlüssel zu seinem Spind mit seinen wenigen Habseligkeiten anzuvertrauen. Madiha will Harun wieder aufspüren, das glaubt sie, ihm nach seiner Hilfe schuldig zu sein. So stellt sie mit den wenigen Anhaltspunkten, die sie hat, ein paar Nachforschungen an. Und ruft damit nicht nur das LKA, sondern auch andere Personen auf den Plan, die kein Interesse an Madihas Suche haben.

Unter Fremden ist ein Roman, der sich vor allem mit seiner Protagonistin und der Erzählperspektive aus der Masse abhebt. Madiha ist eine scheue, junge, gehbehinderte Frau aus einer traditionellen Familie, die es auf der Flucht vom Bürgerkrieg nach Deutschland verschlägt. Was einerseits gut ist, da sie aufgrund eines Zufalls auch Deutsch spricht, aber was sie dennoch auf eine harte Probe stellt, da sie ganz allein nun ihren Weg gehen muss und ihr Deutschland völlig fremd ist. Diese naive, scheue Madiha mausert sich im Verlauf der Geschichte und verfolgt ihr Ziel mit Beharrlichkeit und großem Herz. Ihre Suche nach Harun, der eine andere Vergangenheit hatte, als sie glaubte, führt sie zu einem Netzwerk, das den Krieg aus Syrien bis nach Deutschland trägt. Nebenbei liefert Madiha dem Leser einen Einblick in ihr Inneres und wie die Flüchtlinge unser Land und seine Bewohner empfinden könnten, den gut organisierten, aber immer rastlosen Deutschen mit ihrem faden Essen.

Spannungstechnisch stößt die Erzählperspektive aber auch an ihre Grenzen, zu mühsam ist manchmal Madihas Weg. Und gelegentlich erscheint auch Madihas Entwicklung ein wenig zu schnell zu verlaufen. Dennoch ist Unter Fremden (für den Autorin Jutta Profijt 2018 den Friedrich-Glauser-Preis erhielt) auf jeden Fall ein lesenswerter Kriminalroman mit ungewöhnlicher Perspektive.

 

Unter Fremden | Die Originalausgabe erschien am 8. September 2017,
die Taschenbuchausgabe erschien am 21. Juni 2019, beide im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21774-3
336 Seiten | 10.95 Euro
E-Book: ISBN 978-3-423-43227-6 | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Remigiusz Mróz | Die kalten Sekunden

Damien Werner macht seiner langjährigen Freundin Ewa am Flussufer einen Heiratsantrag. Doch wenig später treffen sie auf eine Gruppe betrunkener Männer. Diese schlagen Werner nieder und vergewaltigen seine Verlobte. Als Werner wieder aufwacht, ist Ewa verschwunden. Und taucht nicht mehr auf. Zehn Jahre später ist es mit Werners Leben rapide abwärts gegangen, von Ewa gibt es nach wie vor keine Spur. Doch da entdeckt ein Freund von ihm Ewa auf einem Bild bei einem Konzert. Werner engagiert eine Detektei, da die Polizei keine Anstalten macht, ihm zu helfen. Als Werners Freund ermordet wird, begibt sich Werner auf eine Jagd quer durch Polen auf der Suche nach weiteren Hinweisen auf Ewa. Unterstützt wird er aus der Ferne von Kassandra Reimann, Chefin der Detektei, die allerdings diesen Fall auch aus eigenem Antrieb verfolgt.

Remigiusz Mróz ist ein absoluter Bestsellerautor in Polen und ein Vielschreiber. Seit seinem Debüt 2013 sind bis heute 25 (!) Romane von ihm erschienen. Die kalten Sekunden ist der erste auf Deutsch erschienene und ein klassischer Thriller mit einigen üblichen Zutaten, aber auch Unerwartetem. Überzeugend sind in erster Linie die Erzählperspektiven (hier wählt Mróz mit Werner und Kassandra zwei Ich-Erzähler) und die äußerst realistische Darstellung des Hauptthemas des Buches: Häusliche Gewalt. Gerade in Polen noch ein großes Problem nutzt Mróz seine Popularität, um auf dieses Tabuthema aufmerksam zu machen. Das tut er drastisch und schockierend, aber vielleicht ist das auch nötig. Allerdings muss ich auch feststellen, dass der Plot bei mir eine Menge Fragezeichen hinterlässt. Plausibel ist das alles meiner Meinung nach nicht und daher bin ich nur mittelmäßig zufrieden.

 

Die kalten Sekunden | Erschienen am 21. Mai 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27606-4
384 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 2.5 von 5.0

Alle vier Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Frank Goyke | Mörder im Chat

Miriam wird mit einer Machete ermordet, einziger Zeuge ist ein Schweizer, der die Tat im Chat auf seinem Computer beobachtet hat. Die Rostocker Ermittler Jonas Uplegger (alleinerziehender Vater eines Teenagers und Ja-Sager, zuletzt hat er einen ehrenamtlichen Vorsitz angenommen, den er nicht wollte) und Barbara Riedbiester (stark übergewichtig, bekämpft gerade nicht besonders erfolgreich ihre Alkoholsucht und lässt sich von Uplegger ständig irgendetwas googeln) ermitteln in dem Fall und treffen bald auf einige Ungereimtheiten im Leben des Opfers.

Mörder im Chat von Frank Goyke liest sich meiner Meinung nach durch umständliche Formulierungen und viele Fremdwörter nicht sehr flüssig. Außerdem werfen die Protagonisten mit viel Fachwissen auf unterschiedlichen Ebenen um sich. Wer sich aber in Rostock auskennt, wird seine Freude haben und an einigen Stellen konnte ich wirklich lachen.

 

Mörder im Chat | Erschienen am 27. März 2013 im Hinstorff-Verlag
ISBN 978-3-35601-574-4
336 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Stephan Schad | Der Fall Collini

Bei diesem Hörspiel zur Literaturverfilmung Der Fall Collini führt der Erzähler Stephan Schad souverän und mit sonorer Stimme durch die dramatische Geschichte, unterbrochen durch Original Tonmaterial aus dem Film.

Fabrizio Collini, ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Italiener, erschießt scheinbar ohne Grund den angesehenen Großindustriellen Jean-Baptiste Meyer in dessen Luxus-Suite eines Hotels und traktiert den sterbenden Greis noch mit brutalen Kopftritten. Collinis Pflichtverteidigung übernimmt der unerfahrene Caspar Leinen. Dieser ist total befangen, weil der Ermordete nicht nur der Großvater seiner Jugendliebe war, auch er selbst hat Meyer viel zu verdanken. Der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger schlägt ihm einen Deal vor, vorausgesetzt der betagte Collini bekennt sich schuldig. Doch der schweigt eisern und so begibt sich Leinen auf die Suche nach einem möglichen Motiv. In dem italienischen Heimatdorf Collinis kommt er dabei einem großen Justizskandal der deutschen Rechtsgeschichte auf die Spur. Wenn zum Schluss im Gerichtssaal die Wahrheit ans Licht kommt, hat das Hörspiel seine besten – weil emotionalsten – Momente.

Bei meinem ersten Film-Hörspiel hatte ich die Bilder des Kinofilms nach einer Romanvorlage von Ferdinand von Schirach mit Schauspielern wie Elyas M‘Barek und Heiner Lauterbach noch im Kopf. Sonst wären mir die ca. 140 Minuten Laufzeit aufgrund der Handlungsdichte vielleicht etwas zu komprimiert gewesen. So fand ich, auch unter dem Einsatz von entsprechender musikalischer Untermalung, ein gelungenes, lebendiges, durch die Brisanz des Themas aufwühlendes Audio-Erlebnis.

 

Der Fall Collini | Das Original-Hörspiel zum Film erschien am 18. April 2019 im Jumbo Verlag
ISBN 978-3-8337-4024-4
2 Audio CDs | 15.99 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 140 Minuten
Erzähler: Stephan Schad
Bibliographische Angaben & Hörprobe | Romanvorlage | Filmtrailer

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Giorgio Scerbanenco | Der lombardische Kurier Bd. 4

Giorgio Scerbanenco | Der lombardische Kurier Bd. 4

Der lombardische Kurier, Moderner Klassiker von Giorgio Scerbanenco, neu entdeckt

Dem Folio Verlag aus Wien und Bozen ist es zu verdanken, dass die vier Romane um den Mailänder Ermittler Duca Lamberti in der bewährten Übersetzung von Christiane Rhein endlich wieder vorliegen. Geschrieben hat diese Bücher Giorgio Scerbanenco, der als Vladimir Šerbanenko 1911 in Kiew geboren wurde. Mit Ausbruch der Revolution flüchtete seine Mutter mit dem Baby in ihre Heimatstadt Rom. Zwar kehrten sie noch einmal in die Ukraine zurück, aber da war sein Vater bereits tot, ermordet in den Revolutionswirren. Die Mutter wanderte mit ihrem Sohn 1927 endgültig nach Mailand aus, wo sie nur zwei Jahre später starb. Giorgio Scerbanenco, wie er sich inzwischen nannte, musste die Schule abbrechen und allerlei Aushilfsjobs annehmen, um sich über Wasser zu halten. Finanzielle Sorgen sollten ihn lange Jahre begleiten, so dass er gezwungen war, als Journalist und Schriftsteller viele Genres zu bedienen, wobei er äußerst produktiv war. Unter anderem gründete er mehrere Frauen-Zeitschriften und wurde berühmt als Kummerkasten-Onkel „Adrian“. In dieser Funktion lernte er die Gemütsverfassung der Italienerinnen kennen, ihre geheimsten Wünsche und größten Nöte und Sorgen und damit viel über den Zustand der Gesellschaft.

In seinen Krimis, die seinerzeit hochgelobt und preisgekrönt waren, schuf Scerbanenco zwischen 1966 und 1968 den ersten originär italienischen Detektiv in wahrhaft italienischen Krimis, die treffend den Alltag ihrer unterschiedlichen Charaktere und deren Umgang miteinander beschreiben, und die sehr realistisch ihre Umgebung und ihre spezielle Atmosphäre abbilden, ein Mailand nicht als kuschelige, heimelige Kulisse wie sie heute in vielen Regionalkrimis gezeigt wird, sondern fast durchgehend als düstere, neblige, bedrohliche und gefährliche Stadt. Dennoch muten die Erfahrungen, die Duca in diesem Milieu macht, als gemächliche, fast gemütliche Abenteuer an. Dabei mag Der Lombardische Kurier zur Zeit seiner Entstehung durchaus als „harter“ Krimi gegolten haben, allein auf Grund des unerhört grausamen Verbrechens.

Der Leser wird unmittelbar hineingeworfen in das Geschehen. Das Eingangsbild zeigt Duca Lamberti im Krankenhaus am Bett einer jungen Lehrerin, aber er kann nicht mehr mit ihr sprechen, sie ist gerade verstorben, den zahlreichen schweren Verletzungen erlegen, die ihr von ihren Schülern zugefügt wurden. Die haben sie im Klassenzimmer überfallen und erniedrigt, gequält und brutal vergewaltigt. Der Anblick ihres entsetzlich zugerichteten Körpers ruft in Lamberti eine unbändige Wut hervor, und er ist fest entschlossen, für die Bestien, die schuld an diesem Massaker sind, die härteste möglich Bestrafung zu erreichen. Akribisch studiert er die Akten der verhafteten Schüler, die fast alle aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und zum Teil schon vorbestraft sind. Er ist durchaus wichtig, die sozialen Hintergründe seiner Figuren zu erkennen und zu verstehen, sich in ihre triste, aussichtslose Situation hineinzuversetzen. Natürlich treibt ihn die Frage um, wie sie zu dem wurden, was sie sind, aber Mitleid mit den Burschen hat Duca nicht. Wenn er freundlich zu ihnen ist, dann ist das Mittel zum Zweck. Mit psychologischen Tricks und mit physischem Druck, den man durchaus Folter nennen kann, versucht er in Einzelverhören die Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber er kann den elf Schülern ihr gemeinschaftlich begangenes Massaker nicht beweisen. Jeder behauptet, es seien die anderen gewesen. Am Ende beschleicht Duca der Verdacht, dass ein Erwachsener die Schüler angestiftet und das Verbrechen organisiert hat.

Als sich der einzige Junge, der vielleicht zu einer Aussage bereit gewesen wäre, in den Tod stürzt, wagen Lamberti und sein Vorgesetzter Carrua ein riskantes Experiment: Duca nimmt einen der Schüler mit nach Hause und hofft, sich sein Vertrauen zu erschleichen zu können. Zunächst scheint sein Plan aufzugehen, doch dann entschließt sich sein Schützling, hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben und der Angst vor der Anstalt, zu fliehen. Er ahnt nicht, dass er beschattet wird und nimmt Kontakt auf zu der Person, die Duca unbedingt finden muss, weil sie der Drahtzieher in diesem Drama ist. Das gelingt letzten Endes, und damit ist dann auch schon die ganze Geschichte erzählt.

Duca hat also Recht behalten mit seiner Vermutung, aber es dauert lange, bis er die anderen und vor allem seinen Chef überzeugen kann, in diese Richtung zu ermitteln. Obwohl er wieder und wieder seine Theorie mit den immer gleichen Worten herunterbetet, begegnet man ihm mit Zurückhaltung. Ständige Wiederholungen sind als Stilmittel eigentlich verpönt, unterstreichen hier aber die Hartnäckigkeit und Sturheit des Ermittlers. Dass es schließlich genau so ist und genau so kommt wie er es erwartet hat, passt zu dem spannungsarmen Plot, der nüchtern, realistisch Fakt an Fakt reiht. Wahrlich kein Thriller, Spannung kommt bei Polizeiroutine mit scheinbar endlosen Verhören, Ortsbesichtigungen, vielen Befragungen und noch mehr Laufarbeit kaum auf. Und zunächst kommt Duca auf diese Art auch zu keinem Ergebnis, er bekommt zunehmend Zweifel am Sinn seiner Arbeit. Auch, weil ihn die Gleichgültigkeit seiner Umgebung und die abwehrende Haltung seines Chefs wütend machen. Der ist Pragmatiker, er mag Ducas Art nicht, sich in eine Sache hineinzusteigern und immer ein philosophisches Problem daraus zu machen, die Dinge mit seinem Eigensinn noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon sind.

Diese starke Figur Duca Lamberti ist hauptsächlich verantwortlich für den Erfolg der Romanreihe. Er ist Arzt, hat aber seine Approbation verloren, weil er wegen Sterbehilfe zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Für ihn war die Entscheidung, das Leiden einer alten Dame abzukürzen, ein Akt der Nächstenliebe. Desillusioniert, angeekelt vom Leben und verzweifelt am Zustand der Welt nimmt er nun aus Geldmangel seine Tätigkeit als Ermittler für Kommissar Carrua auf, einen ehemaligen Kollegen seines Vaters bei der Mailänder Polizei. Seine mit einem Kind sitzen gelassene Schwester versorgt er so gut er kann. Ihre kleine Tochter Sara liebt er zärtlich. Als aber das Mädchen plötzlich hohes Fieber bekommt, lehnt er es ab, an ihr Krankenbett zu kommen, ihm ist es wichtiger, ein vielleicht entscheidendes Verhör durchzuführen. Stattdessen schickt er einen befreundeten Arzt, der dem Kind allerdings nicht helfen kann, es stirbt im Krankenhaus.

Duca ist zwar betroffen vom Tod der Kleinen, aber Selbstvorwürfe oder Zweifel an seinem Handeln gibt es für ihn nicht. Er kann durchaus mitfühlend sein, aber genau so kalt und roh, geradezu bösartig. Er vereint völlig widersprüchliche Regungen in sich und entscheidet aus dem Bauch heraus. Er denkt durchaus differenziert über Schuld und Sühne nach, über den Rechtsstaat, seine Gesetze und Strafen, genauso aber kann er von Jetzt auf Gleich Verbrechern gegenüber gewalttätig werden. Dieses ambivalente Verhalten macht Duca so interessant, wenn auch nicht sonderlich sympathisch. Aber er ist ein fanatischer Sucher nach Gerechtigkeit, und sein Hass auf alle, die sich dem widersetzen, lässt ihn mitunter zur Selbstjustiz greifen. Anders lässt sich dem Gesindel nicht beikommen, mit dem er es zu tun hat, deshalb sind ihm alle Mittel recht, er ist stets bereit, Vorschriften in seinem Sinne auszulegen oder zu übergehen und sogar Gesetze zu übertreten. Lamberti weiß, dass das Böse, das Verbrechen nicht auszurotten ist, trotzdem nimmt er diesen Kampf an – mit Mitteln, die mehr als fragwürdig sind. Die Verbrecher, das ist ihm schmerzlich bewusst, nutzen jede Gesetzeslücke und beugen wo es geht mit Hilfe ihrer Anwälte das Recht. Duca verachtet die Kriminellen, und er hat eins gelernt: Dieses Gesindel versteht nur eine Sprache: Gewalt. Und die wendet er an, wenn es ihm opportun erscheint, Gesetzt hin, Moral her.

Scerbanenco überlässt es dem Leser, dieses Verhalten zu bewerten, er selbst fällt kein Urteil über seinen Hauptdarsteller, gibt keine Erklärung für sein Handeln. Wohl legt er ihm knochentrockene und ironische, ja sarkastische oder gar zynische Kommentare in den Mund, auch lässt er Duca skeptische, manchmal resignierte Gedanken äußern. Er redet, wie er denkt, und er denkt, was man damals so dachte. Political Correctness hat keinen Platz in dieser gar nicht so guten, alten Zeit Ende der sechziger Jahre mit ihren verklemmten Moralvorstellungen, verstaubten Weltanschauungen und engstirnigen Denkweisen. Das Frauenbild in Scerbanencos Romanen kann aus heutiger Sicht nur entweder verstören oder empören, und die Behandlung der schwulen und lesbischen Figuren ist nur entschuldbar vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und seinen Einflüssen, denen sich auch der Autor nicht entziehen konnte. Fortschrittliche Empfehlungen zur Bewältigung der sozialen Probleme gelten allenfalls als Zeitverschwendung, pädagogische Ansätze als sinnlos. Resozialisierung ist ein Fremdwort, die Jugendlichen Straftäter werden in Besserungsanstalten gesteckt, in denen sie gezüchtigt werden, noch mehr verrohen, und wenn sie alt genug sind verschwinden sie im Knast.

Lediglich Livia Ussaro, die ihrer Zeit voraus ist und so gar nicht in diese Gesellschaft zu passen scheint, verkörpert einen Fortschritt, den die übrigen Figuren nicht erkennen und auch nicht wollen. Sie unterstützt ihren Freund Duca tatkräftig, auch nachdem sie dabei im ersten Roman der Reihe (Verräter und Verratene) von einem Mafioso mit zahlreichen Messerschnitten im Gesicht entstellt wurde. Livia ist eine starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau, die streng rational und logisch denkt und handelt. Als Sozialforscherin beschäftigt sie sich mit der Ausbeutung der Frauen. Die Emanzipation steckt noch in den Kinderschuhen, Wir befinden uns am Vorabend der 68er-Bewegung, die auch in Italien und gerade in Mailand zu massenhaften Protestaktionen der Studenten und Arbeiter und letzten Endes zu etlichen sozialen Umbrüchen führen sollte.

Von solchen Veränderungen ist bei Scerbanenco noch wenig zu spüren, am ehesten noch kündigt sich der Wandel im Erscheinungsbild der Stadt an. Das alte, ursprüngliche Mailand geht gerade unter, noch ist es hier und da sichtbar und Duca schildert liebevoll die ärmliche Viertel mit ihren alten, zum Teil baufälligen Häusern, die leider keine Zukunft haben, ihren charakteristischen Schänken und deren typischen Gästen. Hier hat Mailand noch seinen ursprünglichen Charme. Aber das Italien der 1960er-Jahre hatte, wie auch die junge Bundesrepublik, ihr Wirtschaftswunder. Da dachte zunächst niemand an eine moralische Erneuerung, Aufarbeiten des Faschismus: Fehlanzeige. Genau wie in der Bonner Republik wurde verdrängt und verschwiegen, zumindest verharmlost. Die alten Kader tauchten aus der Versenkung auf und besetzten erneut hohe Posten in Politik, Justiz und Verwaltung. Lehren aus den Verbrechen der gerade untergegangenen faschistischen Regimes zog kaum jemand. Die neuen Republiken nannten sich zwar nun demokratisch und die Gesellschaft gab sich auch so, tatsächlich wurden die alten Strukturen nahtlos übernommen und verinnerlicht.

Scerbanenco lässt seinen Duca Lamberti daran verzweifeln. Ihm sind die moralisch korrupten Mitglieder der privilegierten Klasse zutiefst zuwider. Der wirtschaftliche Aufschwung war verbunden mit einem tiefgreifenden sozialen Wandel. Mit der Folge, dass Mailand auch die Hauptstadt der illegalen Bordelle und der schäbigen Nachtclubs wurde, Anziehungspunkt für Verbrecher aller Art, sogar die Mafia machte sich breit. Scerbanenco beobachtet die Entwicklung mit Sorge, aber nüchtern, scharfsichtig und scharfzüngig, und er prangert die sozialen Probleme ohne jede Sozialromantik an.

Die Fälle, die Duca Lamberti beschäftigen sind ungewöhnlich, unerhört und doch alltäglich. Er hält sich schließlich häufig in den gesellschaftlichen Grauzonen auf, wo er viel gesehen und erlebt hat bei Begegnungen mit dem Bodensatz der Gesellschaft, in schummrigen Bars und Verbrecherkneipen, in einer Ambulanz für geschlechtskranke Huren und nicht zuletzt im Knast. Da trifft man dann eben auf Typen, denen man lieber nie begegnet wäre. In vielen Kriminalromanen seiner Zeit geben häufig eher schlichte, grob gezeichnete und daher leicht einzuordnende und einfach zu durchschauende Figuren den Ton an, gegen die Scerbanencos Charaktere schon recht vielschichtig und komplex erscheinen. Sein etwas hinkender Plot im vorliegenden Roman erscheint dagegen aus heutiger Sicht eher hausbacken und unspektakulär, ganz ohne erstaunliche Entdeckungen oder verblüffende Volten, dagegen schnörkellos, ehrlich und geradeaus.

Dass er nach fünfzig Jahren immer noch mit Vergnügen gelesen werden kann, liegt zum einen an Scerbanencos starken Figuren, Sie faszinieren, obwohl in ihrer Zeit verhaftet, mit zeitlosen Attributen und Attitüden. Zum anderen sind die Themen erstaunlich aktuell geblieben. Vor allem aber verblüfft der freilich punktuell überholte, gleichzeitig jedoch recht moderne Stil Scerbanencos. Hauptsächlich beeindruckt sein eleganter, fast unmerklicher Wechsel der Erzählperspektive, der Übergang von der personalen in die auktoriale Sicht und zurück. Seiner Titelfigur gibt das die willkommene Möglichkeit, sich höchst privat zu äußern, zu bewerten, zu beurteilen, zu verurteilen. Direkt, unmissverständlich, rigoros. Hier spricht ein Zweifler, ein Moralist und scharfsichtiger wie scharfzüngiger Kritiker. Ducas Kommentare triefen vor Sarkasmus, ja, Zynismus, manchmal böser Komik, aber es ist jederzeit klar, woher sein distanziertes, scheinbar unbarmherziges Auftreten rührt. In der Tat, Duca provoziert und polarisiert, und er fasziniert mit seiner unerschütterlichen und hochemotionalen Art.

Fazit: Trotz der erwähnten Schwachstellen allemal passabler, solider Krimistoff!

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Der Lombardische Kurier | Erschienen am 19. Februar 2019 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-756-3
256 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezension zu Das Mädchen aus Mailand von Giorgio Scerbanenco

Jakob Bodan | Ein richtig falsches Leben

Jakob Bodan | Ein richtig falsches Leben

Das Einzige, was Constanze jemals zum Mord an ihrem Vater geschrieben hatte, war der offene Brief an die RAF gewesen. Eine Antwort hatte sie nicht erhalten.
„Wie kommt es, dass die Täter niemals identifiziert worden sind?“
Die immergleiche unerlässliche Frage.
„Sie waren einfach zu gut“, meinte Ortner.
„Besser als die Polizei? Kaum zu glauben.“
„Es wird dir nichts anderes übrig bleiben. Selbst wenn du wüsstest, wer geschossen hat, würde dein Vater nicht wieder lebendig.“ (Auszug Seite 114)

Constanze Behrenberg lebt mit ihrem Sohn David aktuell im Haus der Familie in Südfrankreich. Dort lernt sie Frederic kennen, einen Deutschen, der dort in einem alten Bauernhaus mit seiner Partnerin Marie-Claire Marmeladen herstellt und verkauft. Constanze und Frederic kommen sich näher. Doch Frederic ist nicht der, der er zu sein vorgibt und er erkennt bald, dass ihn eine monströse Tat mit Constanze verbindet: Er war (und ist) Teil der dritten Generation der RAF, die vor mehr als zwanzig Jahren Constanzes Vater Stephan Schilling ermordet hat.

Die Mörder Schillings wurden nie gefasst. Die meisten der dritten Generation der RAF sind immer noch im Untergrund. Wie Frederic. Doch der stellt sein Leben und seine Taten inzwischen in Frage. Er hält es nicht mehr aus, will auch wissen, was damals wirklich passierte, welche Personen im Hintergrund die Fäden zogen. Und er will Marlene wiedersehen, eine Mitkombattantin und seine große Liebe. Auch Constanze hat das Trauma der Ermordung des Vater nur oberflächlich überwunden. Sie versuchte damals als Jugendliche vergeblich, Kontakt zur RAF aufzunehmen, um Antworten zu finden. Sie will immer noch die Mörder finden und hinterfragt das ehrliche Bemühen der deutschen Sicherheitsbehörden nach echter Aufklärung. Als auch sie die Identität Frederics herausfindet, kommt es zu einem brüchigen Pakt zwischen beiden auf der Suche nach der Wahrheit. Doch auf der anderen Seiten gibt es immer noch einige, die darauf achten, dass diese niemals ans Licht kommt.

Hatte er ernsthaft Welcome-Back-Gesänge erwartet? Hoch die Tassen auf die alte Zeit? Das war kein Veteranentreffen. Das waren verbitterte, verkrachte, seelisch verwahrloste Gestalten. […]
Das Leben im Untergrund war nur ein halbes Leben.
Die Früchte der Anarchie hatten nie geschmeckt.
Aber nun waren sie verfault. (Seite 224)

Die RAF hat auf mich schon als Kind eine irgendwie makabere Faszination ausgeübt. Ich weiß noch genau, wie ich als Neunjähriger nach einer Samstagabendshow im Oktober 1985 noch einen Teil der abschließenden Nachrichten sehen durfte und dort die Meldung vom Mord an Gerold von Braunmühl kam. Seitdem habe ich zahlreiche Bücher und Filme über die RAF gelesen bzw. gesehen. Die sogenannte dritte Generation ab Mitte der 1980er ist bis heute zum großen Teil ein Mysterium, sind doch nur wenige Mitglieder namentlich bekannt, die Mörder von Braunmühl, Herrhausen oder Rohwedder nicht ermittelt. Bis heute leben viele im Untergrund, begehen sogar weiterhin Raubüberfälle, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Bekannt ist, dass diese Terroristengeneration massive Unterstützung der DDR erhalten hatte.

Autor Jakob Bodan (ein Pseudonym) nutzt die spärlichen Fakten, um daraus eine fiktive Geschichte zu machen, in der er letztlich auch die Frage stellt, wem nutzten die letzten Morde der RAF, war die RAF noch eine Organisation mit einer gefestigten (wenn auch verqueren) Ideologie oder waren sie zu Handlangern, zu Auftragsmördern Dritter verkommen? Als Constanze und Frederich beginnen, Staub aufzuwirbeln, wird klar, dass die Omertá der Täter immer noch gilt, Verräter nicht geduldet werden und weitere Hintermänner oder zumindest Nutznießer noch in ganz anderen Positionen sitzen. Im begleitenden Pressetext sagt der Autor, dass der Staat kein Interesse an der Wahrheit habe und die innere Einheit Vorrang vor der Aufklärung der Rolle der DDR in der Geschichte der RAF besitze.

Als Vehikel und Aufhänger wählt Bodan das Private der Opfer und Täter. Das Leid und das Trauma der Hinterbliebenden, die von der Tat gezeichnet bleiben – in diesem Fall Constanze, die ein emotionales Defizit und ein ungestilltes Rachebedürfnis zurückbehalten hat. Auf der anderen Seite die Täter, die immer noch unerkannt sind, sich total auf das nicht selbst bestimmte Leben im Untergrund einlassen müssen und sich ihrer Taten nicht stellen.

Als Ansatz ist dies durchaus überzeugend, allerdings war das Ergebnis für mich manchmal zu verkopft. Der Autor bringt Verweise auf Schillers Die Räuber und der Titel darf sicherlich als Hinweis auf Adornos Es gibt kein richtiges Leben im falschen interpretiert werden. Das alles deutet natürlich darauf hin, dass Bodan hier weniger einen Thriller als eher einen politischen Gesellschaftsroman im Sinn hatte. Warum er dann doch die Thrillerelemente einbaut, bleibt unklar, denn diese Szenen gehören nicht zu den Stärken des Romans und wirken unrund geplottet. Dennoch fand ich das Thema, die Anregungen und Andeutungen interessant und gelungen. Insgesamt also eine zwiespältige Lektüre mit Stärken und Schwächen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Ein richtig falsches Leben | Erschienen am 3. Juni 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30711-3
384 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe