Autor: Nora

Attica Locke | Heaven, My Home

Attica Locke | Heaven, My Home

Fernab von seiner täglichen Schinderei im Büro, dem ergebnislosen Durchforsten von Akten, das ihm vom Einsatz draußen abhielt, konnte er sich eingestehen, dass ein Teil von ihm diese Arbeit in den letzten Wochen völlig mechanisch getan hatte. In Wahrheit hatte er noch nie so sehr daran gezweifelt, dass die Bruderschaft und das, wofür sie stand, je ausgemerzt werden könnten. Es waren einfach zu viele; sie waren überall dort draußen, mit ihren Tattoos und Halstüchern. Das Land schien sie heimlich zu züchten, wie eine widerwärtige Pilzkrankheit, die sich an lichtlosen Orten ausbreitete, wo man nicht einmal hinzuschauen wagte. (Auszug Seite 97)

Ein paar Monate nach den Ereignissen in Lark (erzählt in Bluebird, Bluebird) bestreitet Darren Mathews, Texas Ranger, mehr oder weniger Innendienst, auch auf Wunsch seiner Frau. Als im Marion County in Osttexas an der Grenze zu Louisiana ein neunjähriger Junge verschwindet, schickt ihn sein Chef aber dorthin. Die Sache ist heikel: Levi King ist der Sohn von Bill King, Captain der Arian Brotherhood of Texas. Bill King ist zurzeit in Haft, aber nicht wegen eines Mordes, den er eigentlich begangen hat. Darrens Chef hofft, dass es in der Gemengelage mit einem verschwundenen Kind möglicherweise doch jemanden gibt, der das allgemeine Schweigen bei den Neonazis bricht.

Als Darren vor Ort eintrifft, ist die Situation unklar. Levi King ist von einem Ausflug mit dem Boot auf einem See nicht nach Hause zurückgekehrt. Levi lebt mit seiner Mutter, seiner Schwester und dem neuen, gewalttätigen Lebensgefährten der Mutter in einem Trailer im Weiler Hopetown am Caddo Lake. Hopetown wurde ursprünglich von schwarzen ehemaligen Sklaven gegründet, ebenfalls haben sich dort Indianer angesiedelt, die eigentlich nach Oklahoma vertrieben werden sollten. In den letzten Jahren haben sich dort aber zudem einige weiße Rassisten mit ihren Trailern niedergelassen, was die friedliche Nachbarschaft erheblich beeinträchtigt. Das Land gehört dem Schwarzen Leroy Page, der aussagt, Levi abends noch im Dorf gesehen zu haben, was Levis Mutter und den Lebensgefährten belastet. Andersherum wird schnell klar, dass auch Page ein Motiv hat, da er mehrfach von Levi rassistisch belästigt wurde. Ebenfalls eine Rolle spielt Rosemary King, die Großmutter von Levi, die als alte Patriarchin im nahe gelegenen Jefferson in einem Herrenhaus wohnt und die guten alten Zeiten heraufbeschwört. Sowohl Levis Mutter Marnie, ihr Lebensgefährte Gil als auch Rosemary King sind zunächst merkwürdig unbeteiligt, wohingegen Bill King aus dem Gefängnis heraus alles in Bewegung setzt, damit sein Sohn gefunden wird.

Doch er hatte sonst nichts in der Hand, hatte nur das Gefühl,dass jeder in diesem kleinen County den anderen in Verschleierung und Irreführung übertraf. Marnie King und Gil Thomason, Rosemary King und Sandler Gaines, Leroy Page, zum Teufel, sogar Margaret Goodfellow. Keiner von ihnen wird dir eine Geschichte so erzählen, wie sie sich zugetragen hat, dachte er. Dieser Ort hatte etwas Verschleierndes, wie das gräuliche Moos, das im Caddo Lake von den Zypressen hing. (Seite 200)

Auch ihrem zweiten Roman mit Texas Ranger Darren Mathews hat Autorin Attica Locke einen Teil aus einem Blues-Song gegeben. Die gesamte Zeile im Song lautet: „I make heaven my home, I shall not be moved“ und drückt ein eher schmerzhaftes Verhältnis zur Heimat aus. Und genau dies ist auch der Grundtenor des Romans, denn das schwierige Verhältnis zwischen Weißen, Schwarzen und Native Americans drückt sich vor allen in der Frage nach Land, Boden und letztlich Heimat aus. In Hopetown droht den ewig Benachteiligten wieder ein Verlust ihrer Heimat, diesmal zwar nicht mit vorgehaltener Waffe, sondern mit juristischen Tricksereien. Trotz aller Erfolge in Bürgerrechten und trotz eines schwarzen Präsidenten müssen die alten Kämpfe scheinbar immer wieder ausgetragen werden. Denn die Geschichte spielt zeitlich nach der letzten Präsidentschaftswahl und kurz vor der Amtseinführung Donald Trumps. Das Pendel schlägt zurück, das weiße Amerika der Vergangenheit zeigt nochmal sein Gesicht. Dies sorgt für Unsicherheit an allen Orten, sogar Darrens Chef will schnellstmöglich einen Erfolg gegen die Bruderschaft, denn wer weiß, wo demnächst die Prioritäten der neuen Regierung liegen. Ein sehr starkes Porträt einer zerrissenen, verunsicherten Gesellschaft!

Darren ist mittendrin und nach und nach dabei, die Übersicht und seine vermeintliche Neutralität zu verlieren. Spontan verdächtigt er Mutter und Stiefvater, White Trash und zutiefst rassistisch, am Verschwinden von Levi verantwortlich zu sein. Leroy Page, ein alter, schwarzer Mann, der jahrzehntelang Ungerechtigkeit erdulden musste, ist für ihn kein Verdächtiger. Im Gegensatz zu seinem alten Kumpel Greg vom FBI, der ebenfalls ermittelt. Doch Darren muss die Überzeugung in Frage stellen, dass die Schwarzen auf alle Ungerechtigkeit mit Versöhnung im Sinne Martin Luther Kings reagieren.

Dies ist eine weitere Stärke des Romans: Die Vielschichtigkeit der Figuren. Die weißen Rassisten, die ihre Kinder lieben, junge Schwarze, die mit der Bürgerrechtsbewegung nicht mehr viel anfangen können und ein Ermittler zwischen allen Stühlen. Denn eine Geschichte aus dem Vorgängerband schwelt auch hier noch weiter: Nach der Ermordung des Rassisten Malvo hat Darren seinen alten Freund Mack wider besseren Wissens gedeckt und die Tatwaffe versteckt. Nun hat seine Mutter, mit der ihn seit jeher ein schwieriges Verhältnis verbindet, die Waffe an sich genommen und erpresst Darren. Und auch privat ist es schwierig: Das Verhältnis zu seiner Frau Lisa hat sich oberflächlich gebessert, doch Darren denkt immer noch an die Witwe Randie Winston aus Lark (aus Bluebird, Bluebird) und hegt zudem Misstrauen, ob Lisa und Greg nicht etwas miteinander hatten.

Eine Vielzahl von Eindrücken, die die Autorin sehr leichtfüßig, mit einem sehr genauen Gespür für Figuren und Dialoge schildert. Zudem überzeugt der Roman in Wahl und Darstellung der Schauplätze in Osttexas. Besonders der Lake Caddo mit seinen Zypressen gesäumten Ufern wird eindrucksvoll in Szene gesetzt. Das hohe Niveau des mehrfach prämierten Vorgängers kann Attica Locke damit überzeugend halten. Heaven, My Home ist ein großartiger, zumeist leiser, aber dadurch umso eindrucksvoller Kriminalroman über Heimat, Rassismus und die Last der Vergangenheit.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Heaven, My Home | Erschienen am 1. Januar 2020 im Polar Verlag
ISBN 987-3-945133-91-0
322 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Bluebird, Bluebird von Attica Locke

Joël Dicker | Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ♬

Joël Dicker | Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ♬

Der berühmte Schriftsteller Harry Quebert schrieb vor mehr als 30 Jahren einen Bestseller um eine skandalöse Liebe, lebt aber inzwischen zurückgezogen an der amerikanischen Ostküste in New Hampshire. Sein beschauliches Leben in dem kleinen Städtchen Aurora findet allerdings ein jähes Ende, als bei Gartenarbeiten auf seinem Grundstück die verwitterte Leiche eines jungen Mädchens gefunden wird, die als die seit 30 Jahren verschwundene Nola Kellergan identifiziert wird. Die damals erst 15-jährige Nola verschwand im Sommer 1975 unter mysteriösen Umständen. Offensichtlich auf der Flucht vor einem Verfolger tauchte sie verletzt und blutend im Haus einer älteren Witwe am Waldesrand auf. Die informierte Polizei fand bei ihrem Eintreffen die alte Frau erschossen auf, von Nola fehlte seither jede Spur.

Adieu allerliebste Nola

Bei der Leiche findet sich das Original-Manuskript von Queberts Bestseller „Der Ursprung des Übels.“ Die handschriftliche Widmung „Adieu allerliebste Nola“ lenkt den Verdacht verstärkt auf den 67-jährigen Autor. Er wird verhaftet und des Mordes an dem Teenager angeklagt, mit der er ein Verhältnis gehabt haben soll. Ihm droht die Todesstrafe.

Der einzige, der an Queberts Unschuld glaubt, ist sein ehemaliger Schüler Marcus Goldman. Quebert war sein Uniprofessor und half ihm, nicht nur das Handwerk des Schreibens zu erlernen, sondern entwickelte sich zum Mentor und guten Freund. Goldman lebt inzwischen in New York und nach einem sehr erfolgreichen Debütroman leidet er an einer Schreibblockade. Eigentlich wollte er sich in Harrys Villa zurückziehen, um neue Inspirationen zu finden. Er macht sich sofort auf den Weg nach Aurora und stellt eigene Nachforschungen an. Erst nur um Harry zu entlasten, doch aufgrund des massiven Drucks seines Verlegers beschließt er, die Dinge, die er ans Tageslicht bringt, in einem neuen Buch zu verarbeiten. Mit seinen Ermittlungen wirbelt er in dem kleinen Städtchen viel Staub auf, er wird bedroht und die zutage geförderten Wahrheiten wackeln auch an dem Sockel, auf den er Harry gestellt hatte. So entsteht Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, der Roman im Roman.

Der raffiniert komponierte Plot besticht durch mehrere Erzählebenen, wobei Dicker mühelos die Kunst beherrscht, nie den Faden zu verlieren und man immer genau weiß, in welcher Zeitebene man sich befindet. Marcus Goldman führt als Ich-Erzähler durch das aktuelle Geschehen. Er erinnert sich an die Zeit, als Harry Quebert ihn, den talentierten aber faulen und von sich total überzeugten Studenten, unter seine Fittiche nahm. Dann gibt es Rückblenden in den Sommer von Nolas Verschwinden, der jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird. Daneben gibt es Rückblicke in die noch frühere Vergangenheit, um einzelne Figuren genauer zu beleuchten.

Schmonzette?

Als Pendler konsumiere ich Hörbücher immer auf meinem Arbeitsweg und da sind mir Stoffe zum Abschalten ganz lieb. Es muss nicht so kompliziert sein oder höhere Literatur. Und dafür war das Hörbuch genau das Richtige. Es ist ein Schmöker, aber im besten Sinne, der mich vortrefflich unterhalten hat. Ich weiß nicht wie oft ich vor Verwunderung den Kopf schüttelte, aber sehr häufig drehte ich auch noch eine Extra-Runde, weil ich unbedingt weiter hören wollte.

Joël Dicker jongliert souverän mit einer großen Erzählfreude mit den unterschiedlichen Handlungssträngen. Immer neue überraschende Wendungen und Begebenheiten machen einfach immens großen Spaß. Nichts ist wie es scheint und eine Verblüffung folgt auf die nächste. Es gelingt dem Autor, den Leser immer wieder auf falsche Fährten zu führen und die Wahrheit erst nach und nach aufzudecken. Auch die Seitenhiebe auf die Vermarktungsstrategien des Literaturbetriebs fand ich sehr gelungen und die bigotte Kleinstadt-Atmosphäre sehr authentisch dargestellt.

Amour Fou

Aber an einigen Stellen war es mir zu kitschig, die schwülstigen Liebesschwüre zu floskelhaft und dadurch wirkte die Liebesgeschichte auch zu seelenlos. Manche Charaktere sind überzogen dargestellt, die Dialoge teilweise sehr gestelzt und besonders die Weisheiten, die Harry seinem Schützling einimpft banal und überflüssig. Und bin ich die Einzige, die sich an einer Liebesgeschichte zwischen einem 15-jährigen Teenager und einem mehr als doppelt so alten Mann stößt?

Dass der Ausgang bis zum Schluss offen bleibt, macht den großen Reiz aus. Obwohl es eine Vielzahl von permanenten Wendungen gibt, gelingt es dem Autor diese zum großen Vergnügen des Hörers stimmig aufzulösen.
Der Roman des Schweizer Autors wurde nach seinem Erscheinen 2013 auch in Deutschland sehr gehypt, nachdem er 2012 bereits die französischen Bestsellerlisten gestürmt und sämtliche Preise abgeräumt hatte. Aber erst nachdem die Geschichte als Miniserie mit dem amerikanischen Schauspieler Patrick Dempsey verfilmt wurde, hatte ich es wieder auf dem Schirm. Beim Hören des Hörbuchs hatte ich dann auch immer Dempsey vor Augen.

Torben Kessler trägt die Geschichte mit einer angenehmen Stimme vor und unterhält ganz wunderbar durch die 20 Stunden. Auch wenn er bei den einzelnen Charakteren die Stimme nur minimal variiert.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert | Die 2. Auflage erschien am 13. Oktober 2014 bei OSTERWOLDaudio
ISBN 978-3-8695-224-1
3 MP3-CDs | 14.99 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 20 Stunden 21 Minuten
ungekürzte Lesung von Torben Kessler
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Weiteres: Trailer zur Miniserie bei TVnow

Julia Bruns | Eiskalte Ostsee Bd. 1

Julia Bruns | Eiskalte Ostsee Bd. 1

„Immer wieder gaben die Wellen seinen Kopf und den Oberkörper frei, um beides kurz darauf wieder zu überspülen. War sein Gesicht vollständig vom kalten Wasser der Ostsee bedeckt, glänzten seine offenen Augen wie große eisblaue Kristalle. Zog sich die See zurück, blieb nur der starre, ausdruckslose Blick eines alten toten Mannes, dessen bleiches Antlitz von einer Gänsehaut überzogen war und seltsam aufgequollen und runzelig wirkte.“ (Auszug Seite 26)

Am Neujahrsmorgen wird im Ostseebad Sellin auf der Insel Rügen eine Leiche am Strand nahe der Seebrücke von einem Pensionsbesitzer gefunden. Es handelt sich um den Ehrenbürger der Gemeinde, Peter Klart, der offensichtlich einen Schlag auf den Kopf bekommen hat und dem die Zunge abgeschnitten wurde. Hauptkommissarin Anne Berber nimmt die Ermittlungen auf und stößt schon bald auf die Vergangenheit des Opfers, nämlich seine Arbeit in einem ZK-Erholungsheim in der DDR (Anmerkung: Erholungsheim des Zentralkomitees der SED). Anne holt sich außerdem Rat bei dem Pensionsbesitzer Sören Hilgert, der bis vor zwei Jahren noch beim LKA gearbeitet hat. Gemeinsam finden sie heraus, dass die Lösung aber noch vor der Zeit der DDR liegt.

Zu schneller Abschied von Sellin

Eiskalte Ostsee von Julia Bruns ist der erste Küsten-Krimi der Autorin. Die Geschichte liest sich meiner Meinung nach leicht und flüssig und ist insgesamt kaum blutig, bis auf die abgetrennte Zunge des Opfers. Beim Lesen gab es für mich keine Längen, die Handlung wird in einem genau richtigen Tempo erzählt, trotzdem hätte ich mir einige Seiten mehr gewünscht, da mir die Protagonisten sehr sympathisch sind und der Schauplatz toll beschrieben ist.

Authentische Protagonisten

Anne Berber ist Anfang vierzig, hat sich aus persönlichen Gründen vor einigen Jahren von Stralsund in das beschauliche Bergen auf der Insel Rügen versetzen lassen und steht kurz vor der Scheidung. Sören Hilgert ist Anfang fünfzig und hat vor zwei Jahren die Pension „Seevilla“ in Sellin übernommen, da er nicht mehr beim LKA in Berlin arbeiten wollte. Mit der Leiche von Klart kommt aber das „Jagdfieber“ wieder in ihm durch und er kann es nicht lassen, selbst Nachforschungen zum Opfer anzustellen. Beide Protagonisten sind sehr authentisch, wie ich finde. Ich hoffe sehr, dass es von den beiden zukünftig noch weitere Fälle gibt.

Zweiter Weltkrieg und DDR

Auf dem Klappentext wird bereits angedeutet, dass es sich bei der Lösung des Falls um offene Wunden handelt, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat. Die Ermittlungen decken aber in erster Linie auch Machenschaften der DDR auf. Diesen Teil der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, der das Mordmotiv stellt, kannte ich tatsächlich gar nicht und so habe ich neben toller Unterhaltung auch noch etwas gelernt.

Fazit: Toller Schauplatz, tolle Ermittler, toller Krimi. Gern mehr davon!

Julia Bruns studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie an der Universität Jena. Nach ihrer Promotion im Fach Politikwissenschaft arbeitete sie viele Jahre als Redenschreiberin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Heute lebt sie als freie Autorin in Thüringen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Einskalte Ostsee | Erschienen am 22. August 2019 im emons Verlag
ISBN 978-3740806125
272 Seiten | 10,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Artikel vom 25. September 1989 auf spiegel.de zum Erholungsheim des Zentralkommitees der SED

Doppel-Rezension Georges Simenon: Chez Krull & Maigrets Jugendfreund

Doppel-Rezension Georges Simenon: Chez Krull & Maigrets Jugendfreund

Vor knapp zweieinhalb Jahren war es schon so etwas wie ein Paukenschlag in der Buchbranche. Nach mehr als vierzig Jahren verlor der Diogenes Verlag die Rechte an einem seiner absoluten Autorenzugpferde: Georges Simenon. Neuer Rechteinhaber wurde der neu gegründete Kampa Verlag, dessen Inhaber Daniel Kampa vorher bei Diogenes arbeitete und als großer Kenner des Autors gilt. Kampa hat sich die Mammutaufgabe gesetzt, das komplette Werk Simenons wieder herauszugeben, teilweise neu übersetzt, viele mit Nachworte prominenter Simenon-Fans versehen. Dazu bislang unübersetzte Frühwerke des Autors, Autobiografisches und einiges mehr. Seit dem zweiten Halbjahr 2018 wurde mit der Wiederauflage Simenons begonnen, parallel erscheint seit Anfang 2019 im Atlantik Verlag die Taschenbuch-Edition.

Georges Simenon braucht an sich natürlich keine große Einführung mehr. Der Belgier war während seiner Schaffenszeit ein äußerst produktiver Autor. Am bekanntesten sind natürlich seine 75 Kriminalromane mit Kommissar Maigret (plus ein unter Pseudonym veröffentlichter „Ur“-Maigret). Auf diese Krimis wurde Simenon lange Zeit von manchen Kritikern beschränkt, dabei ist das andere Werk des Autors – die sogenannten „Non-Maigrets“ – umso unfangreicher. Über 100 Romane, knapp 150 Erzählungen, mehrere hundert Kurzgeschichten sowie zahlreiche Essays, autobiografische Werke und anderes. Für dieses Rezensionsdoppel hat sich Gunnar einen Non-Maigret (oder „roman dur“, wie Simenon selbst meinte) und Andy sich einen Maigret ausgesucht.

Georges Simenon | Chez Krull

Eine Kleinstadt in Nordfrankreich, Ende des 1930er Jahre. Am Rande der Stadt liegt der Kanalhafen und dort steht der Laden der Krulls. Der Vater ist vor vielen Jahren eingewandert, besitzt aber längst die französische Staatsangehörigkeit, diente in der französischen Armee. Dennoch sind die Krulls Außenseiter in der Stadt. Ihr Laden, ein kleiner Kaufmannsladen mit Alkoholausschank, wird von den Einheimischen gemieden, durch die Kanalschiffer können sich die Krulls aber gerade so über Wasser halten.

Da betritt Hans Krull die Szene. Er ist ein Neffe des alten Krull und hat sich als Gast angekündigt. In Deutschland droht ihm angeblich das KZ. Während das Ehepaar Krull und die drei Kinder Joseph, Anna (beide schon erwachsen) und Elisabeth spießig, sehr zurückhaltend und angepasst sind, bloß nicht auffallen wollen, ist der junge Hans Krull aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er ist selbstbewusst, laut, neugierig, ein Draufgänger, spricht gerne auch Deutsch in der Öffentlichkeit. Und Hans Krull ist ein Lügner, ein Schmarotzer, ein Tunichtgut, er streunt in der Gegend herum, lieht sich bei Freunden der Krulls unter einem falschen Vorwand Geld und verführt die jüngste Tochter Elisabeth.

Da geschieht ein Mord. Sidonie, die Tochter einer stadtbekannten Alkoholikerin, wird tot im Kanal aufgefunden. Der erste Verdacht fällt auf den Lebensgefährten der Mutter, doch er kann überraschenderweise ein Alibi aufweisen. Zusätzlich befeuert durch die Aufmerksamkeit, die Hans durch sein Verhalten in der Stadt auslöst, dreht sich die Stimmung nach und nach zu Lasten der Krulls.

Es gab da eine schreckliche, deprimierende Ungerechtigkeit, denn immer schon, so weit er zurückdenken konnte, hatte er alles richtig machen wollen, hatte er sich angestrengt, so zu sein, wie die anderen, besser zu sein als sie, in der Schule der beste Schüler zu sein, zu Hause ein braves Kind, seine Kleider sauber zu halten und seine niederen Instinkte zu unterdrücken.
Und jetzt stand er hier, als Angeklagter, vor diesem Hans, der in seinem Alter war, ihn spöttisch ansah, ihm überlegen war in seiner zynischen Gelassenheit. (Seiten 172 und 173)

Der Roman hat für mich zwei Ebenen. Ganz offensichtlich und auch anhand der Kurzbeschreibung herauszulesen, geht es hier um die Konflikte von Einheimischen und Zugereisten, um Fremdenfeindlichkeit. Wie Ressentiments gepflegt werden und zu wachsen beginnen, schildert Simenon sehr eindrücklich. Einzelne Wortführer stacheln an, ein Mob formiert sich, löst sich wieder auf und ist am anderen Tag wieder da. Man beginnt mit Rufen, macht mit Schmierereien weiter und steigert sich stetig in der Aggressivität. Das alles schildert Simenon weitgehend aus Sicht der machtlosen Krulls. Auch die Polizei, wenngleich um den Erhalt von Recht und Ordnung bemüht, kann sich letztlich dem Druck nicht entziehen.

Andererseits zeigt Simenon seine bekannten Stärken in der psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. Die Familie der Krulls in ihrem vergeblichen Wunsch nach Akzeptanz. Es wird aber auch deutlich, dass sie eine echte Eingliederung selbst nicht vollständig betrieben haben. Sie haben sich aber inzwischen scheinbar damit abgefunden, eine seltsame Apathie macht sich breit. Am undurchsichtigsten ist der Vater Cornélius, der selten etwas sagt und den seine Familie auch möglichst aus allem heraushalten will. Und dann platzt dieser Vetter Hans in diese Szenerie – egoistisch, selbstsicher und unbekümmert. Hans hat ein feines Gespür für die inneren Konflikte der Krulls und befeuert diese. Er ist der Katalysator der Ereignisse, sowohl innerhalb der Familie als auch im Außenverhältnis.

Ein wirklich gelungener Roman, der mich auf beiden Ebenen überzeugen konnte. Simenon bringt neben der psychologischen Komponente auch noch eine gesellschaftspolitische Ebene hinein und das macht diesen Roman aus dem Jahr 1939 zeitlos relevant.

Georges Simenon | Maigrets Jugendfreund

In fünfunddreißig Jahren war er keinem einzigen Mitschüler aus dem Lycée Banville begegnet. Und dann musste es ausgerechnet Florentin sein! (Seite 221)

Der Titel Maigrets Jugendfreund ist ein wenig irreführend, denn eigentlich konnte Jules Maigret, Kommissar der Pariser Kriminalpolizei seinen früheren Mitschüler Léon Florentin nie so richtig leiden. Der einstige Klassenclown Florentin war bekannt für seine Faxen und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. So ist Maigret auch nicht erfreut, als der Bäckersohn ihn Mitte Juni 1968 am Quai des Orfèvres im 9. Arrondissement aufsucht und verzweifelt um Hilfe bittet. Und es ist eine ganz schön pikante Geschichte, die ihn in eine mehr als prekäre Lage gebracht hat: Seine Geliebte Joséphine „Josée“ Papet wurde in ihrer Wohnung erschossen, während er sich im Wandschrank versteckte. Die kleine, 20 Jahre jüngere Josée becircte die Männer mit ihrer sanften und charmanten Art und ließ sich neben ihm noch von vier weiteren Liebhabern aushalten. Diese wussten weder voneinander noch von Florentin und besuchten sie an unterschiedlichen Tagen. Wenn einer mal unangemeldet kam, musste Florentin sich schnell verstecken.

Maigret beginnt mit seiner geduldigen und souveränen Art den Tathergang zu rekonstruieren, die übrigen vier Galane zu ermitteln und auf ihre Motive sowie Alibis abzuklopfen. In Josées Wohnung wurden sämtliche Fingerabdrücke abgewischt und es fehlen alle Ersparnisse sowie sämtlicher Briefverkehr. Verdächtig macht sich auch die übergewichtige und stets mürrische Concierge Madame Blanc, die niemanden gesehen haben will. Aber der Hauptverdächtige ist und bleibt Léon Florentin, eine verkrachte Existenz, der in seinem Leben nichts hinbekommen hat und sich momentan erfolglos als Antiquitätenhändler verdingt. Der einstige Hallodri ist vorbestraft und wirkt inzwischen nur noch wie ein alternder Versager.

Wenn zum Ende dieser kleinen, aber feinen Geschichte der Pariser Kommissar alle Verdächtigen mit seinen Rechercheergebnissen konfrontiert und den Täter entlarvt, entsteht bei ihm kein Triumphgefühl. Maigret – immer mit Pfeife und gemächlicher Ruhe-  versucht eher, die Motivation für die Tat und auch den Verbrecher zu verstehen. Damit war Georges Simenon einer der ersten, bei dem in den Maigret-Romanen der Fokus weniger auf der Täterermittlung sondern eher auf den psychologischen Aspekten und den Hintergründen des menschlichen Verhaltens lag.

Maigret ist ein typischer Kleinbürger, dem das wohlhabende Bürgertum immer ein wenig suspekt ist. Seine Stärken sind sein Einfühlungsvermögen und seine Beharrlichkeit. Auch zeichnet ihn eine große Menschlichkeit aus. Den Fall löst er auch durch Intuition, seine Inspektoren spielen keine großen Rolle und werden charakterlich nicht vertieft. Mehr im Hintergrund agiert Madame Maigret, deren Aufgabe, ein behagliches Heim für ihren Ehemann zu schaffen und als ausgleichender Ruhepol zu fungieren, für die heutige Zeit natürlich etwas antiquiert wirkt.

Maigrets Jugendfreund ist der 69. von 75 Romanen sowie 28 Erzählungen mit dem berühmten Pfeifenraucher, die der belgische Autor in einen Zeitraum von über 40 Jahren geschrieben hat. Mich hat der Krimi, der in einfacher, nüchterner Sprache, amüsanten Dialogen und ohne viel Pathos erzählt wird, blendend unterhalten.

Chez Krull | Erstmals erschienen 1939
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 30. August 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-92773-495-1
278 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman, Klassiker
Wertung: 4.0 von 5.0

Maigrets Jugendfreund | Erstmals erschienen 1968
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 4. Juli 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00776-3
224 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi, Klassiker
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zum Hörbuch Maigret: Die spannendsten Fälle ♬ sowie den Romanen Maigret und die junge Tote und Maigret und der gelbe Hund.

Stefan Nink | Treffinger und der Mörder aus der letzten Reihe

Stefan Nink | Treffinger und der Mörder aus der letzten Reihe

Morde am laufenden Band – und das alles auf einer Busfahrt durch das schöne Irland.

Thomas Treffinger, Busfahrer bei einem Reiseunternehmen und bisher nur auf Touren (Tages- bzw. höchstens Wochenendfahrten) im Inland unterwegs, wird von seinem Chef auf eine mehrwöchige Irland-Reise geschickt, die Route sorgfältig vorgeplant und in Gesellschaft einer Reiseleiterin, die seinen Gästen bei den vorgesehenen Stops die Sehenswürdigkeiten näher bringen soll.

Während der Reise, die aufgrund der Zusammensetzung der Reisegruppe (die aus teilweise ziemlich schrägen Typen besteht) für Treffinger und Mara, die Reiseleiterin, eine ziemliche Herausforderung wird, ereignen sich merkwürdige Todesfälle, die von der jeweiligen örtlichen Polizei zunächst als Unfälle eingestuft werden. Treffinger ist allerdings irritiert, weil immer wieder an von ihm angefahrenen Reisestops ein Toter aufgefunden wird. Kann es sein, dass er einen Mörder in seinem Bus transportiert?

Dieser Verdacht verstärkt sich mit der Zeit: ein Passagier, Heiko Tamm, verhält sich seiner Meinung nach besonders verdächtig und er beschließt, ihn im Auge zu behalten. Seine Reiseleiterin Mara, mit der er sich mittlerweile angefreundet hat, unterstützt ihn bei seinen Ermittlungen, ist jedoch leider gehandicapt, weil sie kurz nach Beginn der Reise einen Unfall hatte und nun mit einem Gipsbein unterwegs ist. Allerdings gibt es auch noch andere merkwürdige Verhaltensweisen bei seinen Reisegästen, unter anderem ist da ein weiblicher Reisegast, Josefine Weber, die anscheinend sehr religiös ist, von Stimmen spricht und – wie sich später herausstellt – einen Reisealtar in ihrem jeweiligen Zimmer aufbaut. Josefine verschwindet nach einem Ausflug, bei dem sie vorzeitig die Gruppe verlassen hatte. Treffingers Tante Emmy, die auch bei der Reise dabei ist, und Mara finden Josefine dann in einem Beichtstuhl wieder, wo sie anscheinend am Abend vorher in einen Erstarrungszustand verfallen ist.

Die Reise geht ohne sie und nach Anweisung von Treffingers Chef mit veränderter Route weiter. Das bringt Heiko Tamm dazu, Treffinger mit Konsequenzen zu drohen, sollte das Reiseende nicht wie vorgesehen stattfinden. Nun ist Treffinger erst recht überzeugt, dass Tamm einen mörderischen Plan verfolgt. Die Auflösung des Ganzen ist ziemlich überraschend und bringt Treffinger noch in Gefahr, hier spielen Josefine Weber und seine Tante Emmy eine entscheidende Rolle.

Aufgrund des Titels und des Klappentextes wollte ich das Buch unbedingt lesen und bin nicht enttäuscht worden. Auch wenn sich die Spannung erst langsam aufbaut, ist die gesamte Handlung (und die Macken der verschiedenen Reiseteilnehmer) sehr vergnüglich geschildert und vor allem mit einer wunderbaren Reisebeschreibung der „grünen Insel“ versehen. Wer immer schon mal nach Irland wollte, erhält hier einen sehr schönen Überblick, man fühlt sich fast wie ein Teilnehmer der Reise. Es scheint so, dass der Autor an den geschilderten Orten selbst schon gewesen ist, so einprägsam werden die Sehenswürdigkeiten der Reiseroute und die Orte, an denen Halt gemacht wird, beschrieben.

Fazit: Alles in allem ein gelungener Roman mit ansprechendem Schreibstil, man fühlt sich gut unterhalten und wartet gespannt darauf, wie das ganze ausgeht.

Stefan Nink, geboren 1965, studierte Politikwissenschaften, volontierte später beim SWF (heute SWR) und schrieb lange ausschließlich über Musik. Ab 1991 begann er, Reisegeschichten zu schreiben, seine Reportagen wurden in 17 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Es existieren zahlreiche Reiseführer und Bildbände, außerdem hat er bereits mehrere humorvolle Bücher geschrieben.

 

Rezension von Monika Röhrig (Foto: Nora).

Treffinger und der Mörder aus der letzten Reihe | Erschienen am 24. Juni 2019 bei Limes
ISBN 978-3-8090-2683-9
398 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe