Autor: Nora

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko

Im Staat Louisiana ist systematische Korruptionsanfälligkeit selbstverständlich. Die Kultur, die Denkart, die religiösen Einstellungen und die Wirtschaft unterscheiden sich in nichts von einem karibischen Staat. Wer glaubt, im Staat Louisiana zu Reichtum und Macht zu kommen, ohne mit dem Teufel Geschäfte zu machen, weiß höchstwahrscheinlich nichts vom Teufel und noch viel weniger über Louisiana. (Auszug Seiten 142-143)

Im Sommer 1958 arbeiten der blutjunge Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie in Galveston, Texas. Als die beiden ein wenig weit aufs Meer hinausschwimmen und auf einer Sandbank von einem Hai umkreist werden, kommt ihnen eine junge Frau zur Hilfe. Die Frau heißt Ida Durbin und arbeitet als Prostituierte in einem Stundenhotel. Jimmie verknallt sich in sie und ist entgegen Daves Rat wild entschlossen, sie aus der Prostitution herauszuholen. Dafür legt er sich sogar mit ihrem Zuhälter an. Doch als Jimmie am vereinbarten Treffpunkt eintrifft,um mit Ida aus der Stadt nach Mexiko zu verschwinden, ist Ida nicht da und taucht auch nicht wieder auf. Doch Jahrzehnte später holt Dave das Verschwinden von Ida Durbin wieder ein.

Dave besucht im Krankenhaus seinen Bekannten Troy Bordelon, der ihn im Sterbebett beichtet, dass er damals als Junge gesehen hat, wo Ida Durbin gefangen gehalten wurde. Aber auch er weiß nicht, was mit ihr anschließend passiert ist. Auf dem Weg nach draußen wird Dave von zwei Deputys angesprochen, die ihm auf den Zahn fühlen wollen, was Bordelon ihm verraten haben könnte. Dave ist alarmiert, denn die Deputys stehen auf der Gehaltsliste der einflussreichen Familie Chalon. Diese war bzw. ist neben zahlreichen legalen Geschäften auch an Bordellen beteiligt, unter anderem in Galveston, Texas. Nun ist es an Dave, der nun angestachelt ist, bei den Chalons aufzutauchen und unangenehme Fragen zu stellen. Dabei zieht er den Zorn von Valentine Chalon auf sich, Sohn des Patriarchen Raphael Chalon. Val Chalon, ein bekannter Fernsehjournalist, versucht daraufhin, Dave mit einer Schmutzkampagne aus dem Weg zu räumen.

Gleichzeitig benötigt noch ein anderer Fall Daves Aufmerksamkeit. Ein Serienmörder verschleppt im Bundesstaat Frauen und ermordet sie anschließend äußerst brutal. Auch in Daves Zuständigkeitsbereich als Deputy in New Iberia geschieht ein solcher Mord, zudem wird eine Zeugin, die Dave kurz zuvor in Sachen Familie Chalon befragt hatte, ermordet. Könnte es tatsächlich eine Verbindung von dieser Mordserie zu den Chalons geben?

„Sie sind unser ortsansässiger Attila. Ein bisschen Lagerfeuerrauch und Tierfett in ihren Haaren und Sie wären perfekt. Sie sind der letzte Dreck, Dave Robicheaux. Genauso wie ihre Frau. Sie ist ein Poser und eine Fotze. Das haben Sie nur noch nicht begriffen.“
Schluck den Köder nicht ermahnte ich mich. Doch es gibt Augenblicke, da ist dieser altmodische Rock ’n‘ Roll die einzige Musik in der Jukebox. (Seite 352)

Nicht nur die Kenner der Robicheaux-Reihe werden ahnen, was hier mit Rock ’n‘ Roll gemeint ist. Der gute alte Dave Robicheaux: Unbeherrscht, unvernünftig, aber immer auf der Seite der Gerechtigkeit – und sei auch ein Gesetzesbruch nötig, um diese herzustellen. Flucht nach Mexiko ist der vierzehnte Band der Reihe und endlich wieder eine deutsche Erstausgabe. Der Bielefelder Pendragon Verlag arbeitet sukzessive daran, die ganze Reihe mit Neuauflagen und Neuübersetzungen an den deutschen Leser zu bringen. Immerhin elf Bände und damit die Hälfte sind geschafft – in den Staaten erscheint bald Band 22 „The New Iberia Blues“. Der inzwischen über 80-jährige Altmeister James Lee Burke ist produktiv wie eh und je.

Auch in diesem Roman spielt Burke seine Fähigkeiten gekonnt aus. Flucht nach Mexiko ist ein souverän geplotteter Hardboiled-Krimi im reizvollen Schauplatz des Südens Louisianas, den der Autor wie üblich wortgewaltig in Szene setzt. Im Roman wird die allgegenwärtige Bigotterie des amerikanischen Südens behandelt, die sich in Korruption, Unterdrückung und Gewalt niederschlägt. Dave Robicheaux muss dabei wie üblich einiges einstecken. Verleumdungen durch Valentine Chalon, er steht unter Mordverdacht und wird wieder einmal von seinem Dämon, dem Alkohol, heimgesucht. Doch es gibt Hoffnung, neben seinem treuen, aber ähnlich unkontrollierbaren Kumpel Clete Purcel, erhält Dave eine neue Stütze: Die ehemalige Ordensschwester Molly wird in diesem Roman seine neue Partnerin.

In Flucht nach Mexiko wird die Reihe und das Genre nicht neu erfunden. Es gibt keine Extravaganzen, sondern Altbewährtes. Und das heißt bei James Lee Burke gewohnte Qualität, auf die sich der Leser blind verlassen kann. Harte Gewalt, Gesellschaftskritik und gleichzeitig ein feines Gespür und ein großes Herz für seine Figuren sowie einen warmen Blick für die atemberaubenden Landschaften Louisianas.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Flucht nach Mexiko | Erschienen am 4. Oktober 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-621-8
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke

B. A. Paris | Breakdown

B. A. Paris | Breakdown

Breakdown – Sie musste sterben. Und du bist schuld.

„Weil ich vermute, dass sie eine Panne hat, halte ich ein kleines Stück vor ihr und lasse den Motor laufen. Sie tut mir leid, weil sie unter so schrecklichen Umständen aus ihrem Auto steigen muss und während ich in den Rückspiegel sehe (…), stelle ich mir vor, wie sie nach ihrem Regenschirm tastet. Mindestens zehn Sekunden vergehen, bevor mir klar wird, dass sie nicht aussteigen wird (…).“ (Auszug Seite 12)

Cass kommt von einer Feier wieder und nimmt – trotz des Unwetters, das tobt – die Abkürzung durch den Wald. Sie sieht ein Auto am Rand stehen, in dem eine Frau sitzt. Cass hält an, aber als die Frau auch nach einigen Minuten keine Anstalten macht auszusteigen, fährt sie weiter nach Hause. Am nächsten Morgen erfährt Cass, dass die Frau im Auto ermordet wurde. Hätte Cass sie retten können?

Flüssiger Schreibstil

Breakdown von B. A. Paris wird in Ich-Form aus Sicht von Cass erzählt und die Kapitel sind in Tage untergliedert. Cass ist Lehrerin und startet gerade in die Sommerferien, als der Mord passiert. Sie ist mit Matthew verheiratet und beide wohnen in einem Haus unweit des Tatorts. Die Handlung lässt sich flüssig lesen und ich bin gut durch die Seiten gekommen.

Was hätte ich getan?

Spannend finde ich die Frage, wie ich mich selbst in dieser Situation verhalten hätte und ich muss zugeben, dass ich nicht mutiger gewesen und auch weiter gefahren wäre. Also konnte ich mich in dieser Entscheidung gut mit Cass identifizieren. In der ersten Hälfte fand ich die Protagonistin trotzdem etwas anstrengend und fast ein bisschen nervig, weil sie ziemlich von ihren Schuldgefühlen zerfressen wird und ich immer gedacht habe, nun erzähl es doch wenigstens mal jemanden oder gehe mit deinen Beobachtungen zur Polizei!

Nicht nur Schuldgefühle, sondern Hysterie

Als bei Cass dann noch andere Symptome und Vorkommnisse dazukommen und ihr Alltag völlig aus dem Ruder läuft, wirkt sie wie hysterisch und das kam mir ein wenig überzogen vor. Beispielsweise wird sie von stummen Anrufen terrorisiert und mein erster Gedanke war, einfach den Stecker dem Telefon zu ziehen und sich nicht davon verrückt machen zu lassen.

Die Wendung

Etwa in der Mitte der Geschichte kommt es dann zu einer Wendung, die mich überrascht hat und die Geschichte wird zu einem Psychothriller vom Feinsten. Ab hier macht alles Sinn, worüber ich mich im Vorfeld aufgeregt habe und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

B. A. Paris wuchs in England auf, hat jedoch den Großteil ihres Erwachsenenlebens in Frankreich verbracht. Sie arbeitete in der Finanzbranche und als Lehrerin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren fünf Töchtern lebt sie auch heute noch in Frankreich. Dieses Buch ist der zweite Roman, der von der Autorin im Blanvalet-Verlag übersetz wurde.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Breakdown | Erschienen am 20. August 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-7341-0264-6
448 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Lesung: Mord am Hellweg „Finnische Nacht“ mit Antti Tuomainen und Jan Costin Wagner

Lesung: Mord am Hellweg „Finnische Nacht“ mit Antti Tuomainen und Jan Costin Wagner

Es war zwar noch nicht wirklich dunkel, trotzdem luden die Veranstalter von Mord am Hellweg am 21. Oktober 2018 zur Finnischen Nacht in den Alten Schlachthof in Soest. Durch den Abend führte Hörfunkredakteurin und -moderatorin Lore Kleinert, aber die eigentlichen Protagonisten waren Antti Tuomainen und Jan Costin Wagner. Ersterer erfolgreicher finnischer Autor aus Helsinki, zweiterer erfolgreicher Autor von Krimis mit dem Schauplatz Finnland und seit dem letzten Werk auch Übersetzer von Tuomainen.

Zunächst begann Jan Costin Wagner. Er verriet seine Verbindung zu Finnland: Vor 26 Jahren war er das erste Mal dort. Kurz zuvor hatte er seine spätere Frau auf einer Interrailreise kennengelernt. Dann war er das erste Mal in Finnland, fühlte sich direkt heimisch. Das Land wurde zu seiner zweiten Heimat. Als er die Idee zu seinem Protagonisten Kimmo Joentaa hatte, verortete er diese Figur aufgrund dessen Eigenschaften direkt in Finnland. Joentaa ist ein empathischer Ermittler, fast ein Seelsorger. Ein Mensch, der Halt gibt. Für Joentaa liegt ein erfolgreicher Abschluss eines Falles nicht unbedingt in den Ermittlungsergebnissen, sondern er möchte auch, dass er den beteiligten Menschen helfen. Wagner beschreibt Joentaa als seinen Begleiter im Schreiben. Neben der Schriftstellerei ist Jan Costin Wagner auch Musiker. Für ihn seien Musik und Schreiben eng verwandt, er suche in seinem Schreiben nach einer Melodie, nach einem perfekten Satz.

Sein aktuellster Roman Sakari lernt, durch Wände zu gehen beginnt mit dem Tod eines jungen Mannes. Der junge Sakari steigt auf dem Marktplatz in Turku in einen Brunnen, nackt, offenbar verwirrt und mit einem Messer. Der Polizist Petri Grönholm steigt ebenfalls in den Brunnen. Durch eine merkwürdige Bewegung des Jungen erschreckt, fühlt sich Petri bedroht und schießt. Sakari stirbt an seinen Verletzungen. Kimmo Joentaa besucht die Familie von Sakari und stößt auf eine große Tragödie, in der zwei Nachbarsfamilien miteinander verbunden sind.

Ein äußerst melancholischer Roman, gleichzeitig auch sehr poetisch. Damit bewegt sich Wagner am äußersten Rand des Krimigenres. Der Autor gab im Gespräch mit Lore Kleinert zu, seiner Hauptfigur bislang in dieser Reihe auch viel zugemutet zu haben. In diesem Band allerdings durchlebt Joentaa eine Phase großen Glücks mit seiner heranwachsenden Tochter Sanna. Dies sei auch der Ansatzpunkt des Romans gewesen, das Glück des Kommissars stünde im Kontrast zum Unglück der anderen Familie und die entscheidende Frage sei: Wie gelingt ein Weiterleben? .
Anschließend war Antti Tuomainen an der Reihe, wobei zunächst Jan Costin Wagner zur Übersetzung gefragt wurde. Tatsächlich kannten sich beide Autoren bis vor einigen Wochen nicht. Wagner und seine Frau Niina Kathariina wurden vom Rowohlt Verlag gefragt und haben sich sehr gefreut. Sie hatten direkt das Gefühl, eine ähnliche Wellenlänge wie Tuomainen zu haben und Wagner glaubt daher, dass es Ihnen gut gelungen sei,den Wortwitz zu übertragen. Er bemerkte, dass ein Übersetzer immer freien Raum benötigt, etwas Eigenes fließe immer ein, aber in diesem Fall sei man nicht weit auseinander gewesen.

Die letzten Meter bis zum Friedhof hatte ich im März bereits besprochen. Darin wird Pilz-Fabrikant Jaakko Kaunismaa nicht nur von einem neuen aggressiven Konkurrenzunternehmen bedroht und von seiner Frau betrogen, sondern er erfährt von seinem Arzt, dass er aufgrund einer schleichenden Vergiftung nicht mehr lange zu leben hat. Jaakko beschließt, in der ihm noch verbleibenden Zeit die Dinge zu ordnen, herauszufinden, wer ihn vergiftet hat und seine Firma zu retten. Doch dabei geschehen einige merkwürdige und unerwartete Dinge. Der Roman ist eine angenehme Mischung aus viel schwarzem Humor, aber auch Ernst und Melancholie mit einer ordentlichen Prise Spannung und einigen ungewöhnlichen Einfällen im Plot.

Tuomainen las auch eine Passage aus seinem Buch auf finnisch und fasste den Roman mit „mushroom business is a bloody business“ lakonisch zusammen. Er bezeichnete diesen Roman als „turning point“ seiner Schriftstellerkarriere. Seine fünf bis dahin geschriebenen Bücher waren alle düster und ernsthaft. Er wollte etwas einbringen, was auch ihn als Person ausmacht und was bislang in seinen Büchern gefehlt hat: Humor. Toumainen beschreibt es selbst als typisch finnisch, die Extreme in der Story und den Charakteren auszuloten. Das trifft auch auf seinen Protagonisten zu. Der Autor mochte an seiner Hauptfigur aber gerade diesen Aspekt, dass er sich vielen verschiedenen Herausforderungen stellen muss, da alle Aspekte seines Lebens behandeln. Tuomainen versprach, dass sein nächster Roman Palm Beach Finland, der im Januar 2019 in deutscher Übersetzung erscheint, ähnlich schwarzhumorig daherkommt. Hinter dem Titel verbirgt sich eine geniale, typisch finnische Geschäftsidee: „tropical holiday without the heat“.

Beide Autoren waren sympathisch. Jan Costin Wagner war zurückhaltender, war aber sehr engagiert bei den Vorleseparts. Antti Toumainen wirkte immer ein wenig verschmitzt und humorvoll. In der Pause und am Ende standen sie für Autogramme und Widmungen zur Verfügung. Leider habe ich es versäumt, Antti Toumainen zu fragen, was er mir da auf finnisch hinterlassen hat. Insgesamt war diese Finnische Nacht ein gelungener, unterhaltsamer Abend.

 

Text und Fotos von Gunnar Wolters.

Sakari lernt durch Wände zu laufen | Erschienen am 9. November 2017 im Galiani Verlag
ISBN 978-3-86971-018-1
240 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Die letzten Meter bis zum Friedhof | Erschienen am 24. Januar 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06552-2
320 Seiten | 19.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezension zum Roman Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen.

Melanie Raabe | Die Wahrheit

Melanie Raabe | Die Wahrheit

„Ich denke, dass Liebe kein Zustand ist und auch kein Gefühl. Liebe ist ein Organismus. Mit Hunger und Durst. Ein Lebewesen, das wachsen und schrumpfen, krank werden und gesunden, das einschlafen und sterben kann.“ (Auszug Seite 441)

Sarahs Mann Philipp ist vor sieben Jahren bei einer Geschäftsreise spurlos verschwunden. Gerade beginnen Sarah und Sohn Leo, ihr Leben weiterzuleben, als Sarah einen Anruf bekommt: Philipp wurde gefunden. Sarah kann es kaum glauben. Dann der Schock am Flughafen, als sie ihren Mann abholen möchte: das ist nicht Philipp, das ist ein Fremder. Doch niemand glaubt Sarah. Was will der Mann von ihr?

Hohe Erwartungen

Ich habe von Melanie Raabe bereits Die Falle gelesen und war sehr begeistert. Deshalb habe ich mich auf ihren zweiten Thriller gefreut und kann schon verraten, dass ich nicht enttäuscht wurde. In Die Wahrheit passiert wahrscheinlich das Schlimmste, das man sich vorstellen kann: Der lang vermisste Ehemann kommt endlich wieder, aber plötzlich hat man einen Fremden im Haus. Ich kann und möchte mir diese Situation nicht vorstellen. Sarah ist natürlich außer sich und möchte ihre Umwelt davon überzeugen, dass dieser Mann nicht Philipp ist. Leider glaubt ihr keiner, was auch daran liegt, dass der Fremde seine Rolle sehr gut spielt. Doch nach und nach wird klar, dass der Fremde ein Geheimnis von Sarah entlarven möchte.

Zwei Sichten

Die Geschichte wird in kurzen Kapiteln hauptsächlich aus Sicht von Sarah in Ich-Form geschildert, ab und zu kommt auch der Fremde zu Wort. Der Text liest sich sehr flüssig und ich bin in kürzester Zeit durch die Seiten geflogen. Durch die Kapitel des Fremden gerät Sarahs Situation in ein anderes Licht und als Leser kann man erahnen, dass hier irgendetwas faul ist. Ich habe hier begonnen, auch Sarah etwas kritischer zu betrachten. Zum Ende hin konnte ich das Buch dann nicht mehr aus der Hand legen, weil es insgesamt zu zwei Wendungen kommt, wobei mich die letzte tatsächlich sehr überrascht hat.

Identifikation

Mit der Protagonistin kann ich mich einerseits gut identifizieren, andererseits benimmt sie sich teilweise etwas hysterisch. Allerdings weiß ich nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn mir keiner glaubt. Außerdem wäre ich mit dem Fremden unter keinen Umständen unter einem Dach geblieben, aber das hätte wohl der Spannung des Buches entgegen gewirkt.

Fazit: In jedem Fall eine Empfehlung und ich freue mich auf Thriller Nummer drei der Autorin, der schon auf meinem SuB liegt.

Melanie Raabe studierte in Bochum Medienwissenschaft und Literatur. Anschließend zog sie nach Köln, um dort tagsüber als Journalistin zu arbeiten und nachts Bücher zu schreiben. Die Autorin hat bisher drei Thriller veröffentlicht und auch Hollywood hat ihre Geschichten entdeckt. Melanie Raabe setzt sich außerdem als Lesebotschafterin der Stiftung Lesen für die Leseförderung ein.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die Wahrheit | Erschienen am 29. August 2016 bei btb
ISBN 978-3-442-75492-2
448 Seiten | 16.- Euro
Die Taschenbuchausgabe erschien am 14. Mai 2018 ebenfalls bei btb und kostet 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andreas Rezension zu Melanie Raabes Debüt-Roman Die Falle.

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Als Kind war der geniale Schocker „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock das Spannendste und Gruseligste, was ich mir vorstellen konnte. Das Meisterwerk von dem amerikanischen Filmemacher aus dem Jahr 1963, der als Klassiker des Horrorgenres gilt, bezieht sich auf eine Kurzgeschichte der englischen Autorin Daphne du Maurier. Der Kultregisseur übernahm aber nur das Motiv der mörderischen Vogelattacken und hat die Story vom regnerischen Küstenort in Cornwall an die sonnige kalifornische Küste verlegt. Auch die Charaktere und der Handlungsverlauf wurden vollständig ausgewechselt.

Ich war erst skeptisch, aber Gott sei Dank habe ich mich für das Hörbuch entschieden, denn die Bearbeitung hat mich begeistert!

Nat Hocken ist ein einfacher Landarbeiter und lebt mit Frau und Kindern an der englischen Küste. Da er im zweiten Weltkrieg verwundet wurde, bekommt er eine kleine Invalidenrente und ist an ein paar Tagen die Woche bei seinem Nachbarn auf der Farm mit leichten Arbeiten beschäftigt. So hat der ruhige, nachdenkliche Einzelgänger Nat genug Zeit, die Natur und besonders die Vögel zu beobachten.

Eines Tages im Spätherbst fällt ihm auf, dass riesige Vogelschwärme laut kreischend und pfeifend über der Küste kreisen und in ihrer Vielzahl – ähnlich einer großen Wolke – den Himmel verdunkeln. Es sind unnatürlich viele Tiere und sie erscheinen ihm rastloser und unruhiger denn je. Nat ist der erste, dem auffällt, dass die See- und Landvögel sich eigenartig, fast aggressiv benehmen. Sie scheinen sich zu sammeln und Abertausende Möwen verwandeln das Meer in ein weißes Möwenmeer.

Der Angriff

Von einem Tag zum anderen verändert sich das Wetter und es wird bitterkalt, hervorgerufen durch einen eisigen Ostwind. In der Nacht versuchen mehrere Dutzend kleiner Singvögel in das Haus einzubrechen und die beiden kleinen, im oberen Stockwerk schlafenden Kinder Jill und Johnny anzugreifen. Nur mit Mühe kann Nat die Vögel davon abbringen, den Kindern die Augen auszuhacken. Während in der Nachbarschaft noch nach Erklärungen für das Verhalten der Vögel gesucht wird und sein Chef meint, den Vögeln mit der Schrotflinte beizukommen, wird Nat immer unruhiger und beschließt am nächsten Tag, seine Tochter vom Schulbus abzuholen. Auf dem Rückweg können sie nur mühsam die Angriffe der Vögel abwehren.

Nat mutmaßt, dass die Vögel nicht verwirrt sind, sondern vorsätzlich und mit einem Killerinstinkt ausgestattet angreifen um zu töten. Er muss an die deutschen Luftangriffe im Krieg denken. Er zieht als Einziger die richtigen Schlüsse und beginnt in aller Eile sein kleines Haus zu befestigen und verbarrikadiert die Fenster und den Kamin mit Brettern. Aus dem Radio erfährt die Familie, dass der Notstand ausgerufen wurde und dass es die Angriffe im ganzen Land gab. Nat beobachtet, dass die Vögel nur bei Flut angreifen, deshalb will er die Zeit während der Ebbe nutzen um sich mit Nahrungsmitteln einzudecken. Als er und seine Familie sich daraufhin bis zum Nachbarn durchschlagen, finden sie auf der Farm alle getötet vor.

Die Apokalypse

Am nächsten Tag bleibt das Radio stumm, denn kein Radiosender sendet mehr. Jetzt greifen auch die Möwen und andere Vogelarten an und hacken erbarmungslos mit ihren Schnäbeln an den Fensterläden. Sie scheinen über eine kollektive Intelligenz zu verfügen und stoßen immer wieder in Formationen vor. Nat und seine Familie verschanzen sich in der Küche und werden Zeuge, wie nicht einmal Kampfflugzeuge der Lage Herr werden. Wie eine Phalanx attackieren sämtliche Vogelrassen in der eindeutigen Absicht zu töten und sogar den eigenen Tod in Kauf nehmend. Die Vögel schlagen zurück! Warum weiß man nicht, denn das Ende ist offen und es gibt keine Erklärung für das Verhalten der gefiederten Tiere. Nat und seine Familie können sich nur von Tag zu Tag retten.

Horror vom Feinsten

Daphne du Maurier hat hier eine wirklich düstere, literarisch anspruchsvolle Kurzgeschichte geschrieben, in dem kein Wort zu viel ist. Ohne große Effekthascherei und total auf den Punkt kreiert sie eine verstörende Stimmung, in dem sie normale Menschen im Alltagsleben in ausweglose, lebensbedrohliche Situationen bringt. Man meint fast das grauenvolle Flattern Tausender Flügel oder die erbarmungslos hackenden Schnäbel zu hören. Man spürt die unnatürliche Kälte aus Russland, den bitterkalten Wind, der die Bäume entlaubt und den schwarzen Frost bringt, den schwarzen, nicht den weißen Frost! Das beschreibt sie so beklemmend, dass ich tatsächlich an einigen Stellen vor Spannung meine Hände ins Lenkrad krampfte.

Dazu hat auch die hervorragende Inszenierung durch Jens Wawrczeck beigetragen. Der Schauspieler und Synchronsprecher, bekannt vor allen als Mitglied der Hörspielserie Die Drei ??? flüstert, schreit, poltert und bebt immer an den richtigen Stellen und schafft es auch, dem melancholischen Nat Leben einzuhauchen. Er trifft den Ton und versteht es, die Stimmung perfekt in Szene zu setzen.

Anmerkung dR: Jens Wawrczeck hat vor einigen Jahren beim Verlag Vitaphon sein eigenes Label Audoba gegründet. Darin veröffentlicht er Lesungen und Hörspiele von Werken, die ihm besonders am Herzen liegen. Da er auch ein großer Hitchcock-Fan ist, hat er in seinem Label die Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ aufgelegt, darin veröffentlicht er die Bücher als Lesungen, die Hitchcock zu seinen Filmen inspirierten. (Quelle: hr2 Kultur) Bisher sind in dieser Reihe elf Hörbücher erschienen, Die Vögel ist das zuletzt aufgelegte.

Daphne du Maurier war eine britische Schriftstellerin, die 1989 als 72-jährige in Cornwall verstarb. Ich kannte von ihr den ebenfalls von Hitchcock verfilmten Roman Rebecca, der ein Welterfolg wurde. Auch viele anderen Werke von ihr wurden verfilmt, am bekanntesten sicher die Verfilmung der Erzählung „Dreh dich nicht um“ besser bekannt unter dem Titel Wenn die Gondeln Trauer tragen mit Donald Sutherland und Julie Christie inszeniert. Ihre Romane und Erzählungen zeichnen sich meistens durch psychologische Spannung aus, gehen oft ins Mystische und beinhalten auch immer ein bisschen Drama. 1969 wurde sie von der Queen zur „Dame“ ernannt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Vögel | Das Hörbuch erschien am 18. Juni 2018 bei Audoba im Vitaphon Verlag
ISBN 978-3-942210-49-2
1 Audio CD | 14.95 Euro
Laufzeit: 100 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Weiterlesen: Zur Hörbuch-Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ von Jens Wawrczeck bei Vitaphon bzw. Audoba

Reinhören: Bei hr2 Kultur gab es einen knapp 9-minütigen Beitrag zu diesem Hörbuch.

Auch bei uns: Andy hat aus der selben Reihe bereits das Hörbuch Spellbound besprochen.