Autor: Nora

Wolf Haas | Auferstehung der Toten Bd. 1

Wolf Haas | Auferstehung der Toten Bd. 1

Den Brenner, den hast du doch bestimmt schon vermisst? Weil ein Spezial mit Krimis aus Österreich ohne den Brenner, das wäre schon merkwürdig. Um den kommst du nicht herum. Der Brenner ist ja quasi eine Instanz in Österreich. Obwohl man ja schon länger nichts mehr von dem gehört hat. Deshalb an dieser Stelle vielleicht mal ein Rückblick. Wie das damals angefangen hat mit dem Brenner. In Zell.

Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Aber vom Pinzgau aus gesehen: vierzig Hotels, neun Schulen, dreißig Dreitausender, achtundfünfzig Lifte, ein See, ein Detektiv. (Auszug Seite 12)

In Zell am See wird kurz vor Weihnachten ein älteres, amerikanisches Ehepaar erfroren im Sessellift aufgefunden. Simon Brenner ist der Polizeibeamte, der die Ermittlungen leitet, aber ohne Erfolg. Die Person mit dem größten Motiv, der Schwiegersohn des Ehepaars, hat ein Alibi. Nachdem er sich mit seinem neuen Chef überworfen hat, kündigt Brenner und heuert bei einer Detektei an. Diese wird von der Versicherung der Toten beauftragt, die Hintergründe weiter zu ermitteln und so kommt es, dass Brenner nach Zell fährt und dort seine Ermittlungen wieder aufnimmt.

Wolf Haas ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller. Zwar veröffentlicht er inzwischen auch Romane abseits des Krimigenres (zuletzt Junger Mann in 2018), aber am bekanntesten ist er noch immer für seine Krimis mit dem Brenner. Die Reihe begann 1996 mit Auferstehung der Toten, als letztes bislang erschien 2014 Brennerova. Innerhalb der Reihe sind die Bände jedoch ziemlich eigenständig, was Handlung und Figuren betrifft. Protagonist ist Simon Brenner, der im ersten Roman gerade bei der Polizei aufgehört hat und sein Heil als Detektiv versucht (zwischendurch probiert er in der Reihe aber noch andere Jobs aus). Brenner ist (in Auferstehung der Toten) Mitte 40, Junggeselle, lernt aber durchaus leicht Frauen kennen. Er ist ein eher ruhiger, langsamer Typ, äußerlich auch eher durchschnittlich, beruflich nicht übermäßig ehrgeizig und nicht entschlussfreudig. Eher hartnäckig als scharfsinnig. Aber gerade dadurch vielleicht beim Leser beliebt. Die Popularität des Brenner hat auch vor der Kinoleinwand nicht Halt gemacht. Vier Romane wurden mit Joseph Hader in der Hauptrolle verfilmt und zählen zu den erfolgreichsten österreichischen Kinofilmen.

„Hier darf alles ein bisserl langsamer gehen.“
Da sind natürlich bei uns alle Leute gleich. Wir mögen es nicht, wenn ein Deutscher unseren Dialekt nachmacht. Dem Brenner ist es da nicht anders gegangen. Und dann noch das „langsam“, praktisch, also es stimmt natürlich, aber wir hören es nicht gern. (Seite 54)

Das eigentlich Originelle an dieser Reihe ist aber das allwissende Erzähler-Ich. Es trägt zwar in Hochdeutsch, aber ziemlich flapsig in einer österreichischen Sprachcharakteristik vor. Es werden Nebensätze als ganze Sätze verwendet, Satzbestandteile umgestellt, Hilfsverben unterschlagen und ähnliches. Ein wenig so wie ich es etwas plump im ersten Absatz versucht habe. Außerdem verlässt der Erzähler immer wieder für Nebensächlichkeiten den eigentlichen Handlungsstrang und lenkt ab. Müsste ich mir das Erzähler-Ich als reale Person vorstellen, käme mir ein älterer Mann im Wirtshaus in den Sinn, der einem auf die Schulter klopft und fragt, ob man die Geschichte vom Brenner kennt und diese dann ausschmückend erzählt. Mir gefällt das, könnte mir aber vorstellen, dass das nicht bei jedem Leser verfängt.

„…Das Vergessen ist eine Gnade, müssen sie wissen. Und diese Gnade hat der liebe Gott den Zellern im Übermaß erwiesen.“ (Seite 141)

Der Roman ist ziemlich kurz, nur knapp 150 Seiten, so dass der eigentliche Krimiplot nicht zu sehr in den Hintergrund rückt (dies ist bei den späteren Brenner-Krimis schon anders). Im provinziellen Zell am See geht es um eine Rachegeschichte, um alte, verdrängte (Familien-)Geheimnisse, was Brenner aber erst nach und nach klar wird. Dazu beerdigt Haas ganz nebenbei auch den Mythos von den Kapruner Stauseen als Symbol der jungen Republik Österreich nach dem 2.Weltkrieg, in dem er die Zwangsarbeiterthematik anspricht. Garniert wird das Ganze mit merkwürdigen Figuren und erzählt in lakonisch-spöttischer Manier mit einigem Schmäh. Haas war damit Vorbild für eine Reihe weitere Autoren aus seiner Heimat, doch im Original verfängt dieser amüsant-satirisch-kritische Stil immer noch am besten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Auferstehung der Toten | Erstmals erschienen 1996
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 1. August 2000 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-22831-5
320 Seiten |  10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

„Der erste Reiter hat die Tyrannei gebracht, der zweite den Krieg, der dritte den Hunger, und wenn Sie mir nix geben, wird bald der vierte kommen.“ „Zu mir allein?“ Emmerich lachte. „Jawohl. Furcht, Niedergang und… „ Sie legte eine theatralische Pause ein. „Und?“ „…Tod.“ Sie berührte mit den Fingerspitzen Emmerichs Bauch. „Sie werden sterben.“ Ihr Blick war so voller Überzeugung, dass ihm das Lachen im Hals stecken blieb. „Oder jemand, der Ihnen nahesteht, wird sein Leben verlieren.“ (Auszug Seite 194)

1919 ist die einstige Weltmetropole Wien, die ehemals glanzvolle Residenz, nur noch ein schmutziges Moloch. Kurz nach dem ersten Weltkrieg frieren und hungern die Wiener, während Kriegsheimkehrer humpelnd die Straßen bevölkern. Es fehlt an allem, nicht nur an Lebensmitteln, Kohle, Seife und Kleidung, sondern auch an Medikamenten und vor allem an Arbeit.

Kriegszitterer

Dagegen blühen die Kriminalität und der Schwarzhandel mit Versorgungsgütern aller Art. Bei dem Versuch einen Schwarzhändlerring auszuheben, stolpern Rayonsinspektor August Emmerich und sein junger Assistent Ferdinand Winter eher zufällig über den Leichnam des ehemaligen Soldaten Dietrich Jost, der sich selbst erschossen haben soll. Der verzweifelte Kriegsheimkehrer Jost träumte davon, nach Brasilien auszuwandern. Emmerich zweifelt am Selbstmord des sogenannten Kriegszitterers. Denn wie soll dieser die Waffe ruhig gehalten haben, wenn er seine Hände nicht eine Sekunde still halten konnte? Trotz Verbots seines Vorgesetzten, eines hochdekorierten Offiziers der K.-u.-K.-Armee, der von Polizeiarbeit nicht viel versteht, ermittelt Emmerich weiter.

Der erfahrene Polizist sieht die Chance sich zu profilieren, denn er träumt davon, als Kriminalbeamter zum Dezernat Leib und Leben wechseln zu können. Er wünscht sich ein besseres Leben für sich und Luise, eine Kriegswitwe und deren drei kleinen Kindern, mit denen er zusammen auf engstem Raum zusammenlebt. Emmerich, der durch seine Kindheit in einem Waisenhaus, manchmal zynisch und abgebrüht wirkt, ist mit allen Wassern gewaschen und operiert oft an der Grenze der Legalität. Er verschweigt einen Granatsplitter in seinem Bein, um nicht in den ungeliebten Innendienst versetzt zu werden. Dabei macht ihm die Kriegsverletzung schwer zu schaffen und als er das neue Wundermittel Heroin kennenlernt, treibt ihn das fast in die Heroinsucht.

Den ihm unterstellten Assistenten Winter, ein feines, zartbesaitetes Bürschchen, empfindet er eher als Bürde denn als Hilfe. Der verweichlichte Spross aus einer adligen Wiener Familie lebt mit seiner vom Standesdünkel geleiteten Großmutter in einer großen Villa in einem besseren Viertel von Wien. Doch der ängstliche, oft naiv und nervös agierende Jungspund wächst im Laufe der Geschichte noch über sich selbst hinaus. Grade die Interaktion zwischen Emmerich und Winter sorgt für manchen Schmunzler und bringt ein bisschen Leichtigkeit in die düstere Geschichte.

Packende Jagd durch die Unterwelt Wiens

Die Ermittlungen führen die beiden in einer packenden Jagd durch ein winterliches, kriegsgebeuteltes Wien, in miese Spelunken, versteckte Bordelle, in die Kanalisation, in eine ominöse Auswanderungsagentur und nach Schloss Schönbrunn. Bei ihren Nachforschungen laufen Emmerich und Winter in manche Sackgasse und bringen sich selbst in Lebensgefahr. Bis zum unerwarteten Finale kommt es zu manch überraschenden Volten, die die Handlung am Laufen halten, ohne dass zu Längen kommt.

Alex Beer hat gut recherchiert und lässt den Leser mit vielen plastischen Belegen Anteil nehmen an dem Elend, zum Beispiel wenn aufgrund der Kohlennot jeder Patient ein Brikett mit in Spital bringen muss, um damit das Krankenzimmer zu beheizen. Wenn sich die Menschen um verschimmelte Lebensmittel prügeln oder sich bei der Kälte in die geheizten Straßenbahnen flüchten, macht das die Geschichte sehr lebendig und sorgt für weitere Spannung und Dramatik im Plot. Der Autorin gelingt es mit großer Erzählkunst und auch mit dem teilweisen Einsatz des Wiener Dialektes einen atmosphärisch dichten Kriminalroman zu kreieren. Die historischen Details sind hervorragend eingeflochten, auch die Trost- und Hoffnungslosigkeit der damaligen Zeit wird gekonnt eingefangen. Dadurch zieht sie den Leser in die Geschichte rein und man kann sich vorstellten, dass es genauso gewesen sein muss.

Rasante Zeitreise

Der zweite Reiter ist eine rasante Zeitreise, die mich schon auf den ersten Seiten abgeholt hat! Die Charaktere, wie die schwindsüchtige Prostituierte, die Schmugglerbande um Unterweltboss Veit Kolja, die Obdachlosen oder auch die snobistische Großmutter sind vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein bisschen überzeichnet, das tat dem Vergnügen aber keinen Abbruch.

Alex Beer ist das Pseudonym von Daniela Larcher, sie wurde 1977 in Bregenz geboren. Mittlerweile lebt die Autorin in Wien und schreibt unter ihrem bürgerlichen Namen Regionalkrimis und unter ihrem Pseudonym Alex Beer historische Krimis, die in Wien der 1920er Jahre spielen. Mit Der zweite Reiter, dem ersten Teil einer Serie um Kriminalinspektor Emmerich gewann sie den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur. Im Mai 2020 erscheint bereits der vierte Teil der Serie.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der zweite Reiter | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-1059-99
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Günther Pfeifer | Das letzte Achtel Bd. 9

Günther Pfeifer | Das letzte Achtel Bd. 9

Die Handlung dieses Romans ist in Retz in Niederösterreich angesiedelt, im sogenannten Weinviertel. Eine Besonderheit von Retz ist ein riesiges, zusammenhängendes Kellersystem unter dem Hauptplatz, 21 km lang und 30 m tief, der sogenannte Retzer Erlebniskeller, in dem bis vor 70 Jahren noch der Großteil der Weinvorräte gelagert wurde.

Protagonisten sind die beiden Wiener Kommissare Hawelka und Schierhuber, die von ihrem Chef, Hofrat Johann P. Zauner, genannt der „Erzherzog“, in einer geheimen Mission nach Retz geschickt werden. Auf keinen Fall unerwähnt bleiben sollte jedoch die Berlakovic, die eigentlich Vorsteherin des Administrationsbüros ist, von ihren Kollegen jedoch nur als das wandelnde „Auskunftsbüro Berlakovic“ bezeichnet wird. Sie spielt in dem Ganzen eine nicht unwesentliche Rolle.

Es beginnt alles damit, dass Schober, auf einem Spaziergang die Stimmung eines Spätsommermorgens genießend, auf einem Acker eine männliche Leiche entdeckt, die von einem großen Kreis aus Vogelkadavern umgeben daliegt. Schober meldet seine Entdeckung der Polizei, wird jedoch nicht ganz ernst genommen. Natürlich rückt die Polizei trotzdem aus, allerdings erst, nachdem der zuerst informierte Beamte ein längeres Gespräch geführt hat. Bevor sie am Tatort eintrifft, hat allerdings jemand den wartenden Schober betäubt und sämtliche Kadaver entfernt, das von Schober geschilderte Szenario wird dem Umstand eines Schocks zugeschrieben und ins Reich der Fantasie verschoben. Doch nun kommen unsere beiden Wiener ins Spiel: deren Chef, ein Bekannter von Schober, wird von ihm um Hilfe gebeten und kurz darauf treten Hawelka und Schierhuber, getarnt als Journalisten, ihre geheime Mission zur Aufklärung des Verbrechens an.

Was die beiden in Retz erleben, ist teilweise abenteuerlich, aber auch nicht ganz ungefährlich. Das Retzer Kellersystem spielt hierbei eine nicht unwesentliche Rolle und es sind auch genügend Gegenspieler auf dem Plan, die versuchen, sie auszutricksen, um vom eigentlichen Tatbestand abzulenken. Da gibt es u.a. eine ältere Gutsherrin (die sich noch verhält, wie es in früheren Zeiten üblich war). Diese befehligt wiederum einen ehemaligen Hornisten und jetzigen Komponisten und einen Schriftsteller (beide nicht sehr erfolgreich), außerdem gibt es noch eine Geschichte um verschwundene Marillen. Weiter im Geschäft sind eine Pfarrersköchin und natürlich das „wandelnde Auskunftsbüro“ Berlakovic, die trotz befohlener Geheimhaltung informiert ist und sich auf den Weg macht, um ihre Kollegen zu unterstützen – und das durchaus erfolgreich. Die Aufklärung des Falles ist ziemlich überraschend und passt mit ihrer Skurrilität wunderbar in das geschilderte Gemisch der Ereignisse, die von Hawelka und Schierhuber in einer unnachahmlichen Art aufgeklärt werden.

Das letzte Achtel ist für mich das erste Buch um die beiden Wiener Kommissare Hawelka und Schierhuber. Besonders gut gefällt mir die humorvolle, viel Wiener Schmäh versprühende Art des Schreibstil von Günther Pfeifer. Auch wenn die Spannung nicht mit der von sonstigen Kriminalromanen vergleichbar ist, sondern eher gemächlich daherkommt, folgt man doch als Leser gerne dem Fluss der Handlung, die durchaus Überraschungen verbirgt. Die handelnden Personen sind liebevoll gezeichnet, immer wieder blitzt in den Dialogen und Handlungen eine Situationskomik auf, die das Ganze besonders macht. Schön finde ich auch die als Fußnoten eingefügten Erklärungen der Dialektausdrücke, es sind nicht nur reine Übersetzungen, sondern durchaus etwas mehr, es gibt dem Ganzen noch einen besonderen Pfiff.

Alles in allem empfehlenswert für Leser, die nicht nur Action bevorzugen. Der Humor von Günther Pfeifer und seine Art, die handelnden Personen, obwohl teilweise skurril, so doch auch menschlich darzustellen, gefällt mir sehr und es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich Hawelka und Schierhuber in Aktion erlebe.

Günther Pfeifer wurde in Hollabrunn/Niederösterreich geboren, lernte ein Handwerk und war jahrelang Berufssoldat. Nach seinem Wechsel in die Privatwirtschaft schrieb er Beiträge für Magazine, Theaterstücke und seit 2013 Kriminalromane. Das letzte Achtel ist sein neunter Band. Günther Pfeifer wohnt in Grund, einem kleinen Dorf im Weinviertel.

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Das letzte Achtel | Erschienen am 21. Februar 2019 bei Emons
ISBN 978-3-7408-0534-30
288 Seiten | 11.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Adventsspezial Österreich | Geistbeitrag der Autorin Ellen Dunne

Adventsspezial Österreich | Geistbeitrag der Autorin Ellen Dunne

4 spannende österreichische Autorinnen, die Sie vielleicht noch nicht kennen (aber kennenlernen sollten)

Unlängst also die Einladung vom geschätzten Gunnar Wolters von Kaliber 17, beim Blog-Special Österreich einen Gastbeitrag zu schreiben. Thema? Egal, solange es um Österreich und Kriminalliteratur geht. Erster Gedanke: Eh klar, schreib ich. Zweiter Gedanke: Ehm, was weiß ich als Quasi-Exilautorin eigentlich über die österreichische Krimilandschaft? Dritter Gedanke: Warum fallen mir auf Anhieb mal wieder fast nur die üblichen Verdächtigen und kaum Autorinnen ein?

Also hab ich beschlossen, die für mich weitgehend unentdeckte Landschaft der österreichischen Spannungs-Autorinnen etwas näher zu erforschen. Natürlich habe ich nicht alle Autorinnen geschafft, die ich mir vorgenommen hatte (sorry, liebe Judith Taschler, aber ich bin noch dran!), und natürlich konnte ich teilweise nur ein gelesenes Buch als Grundlage für den Artikel verwenden.

Nehmt ihn also als Anstoß, selbst aufzubrechen, um die kriminalliterarischen Schätze Österreichs für euch zu entdecken. Denn zwischen Berg und Tal, Hauptstadt und Provinz, Krieg und Frieden gibt es äußerst vielfältige, spannende weibliche Stimmen, die es verdienen, dass man auch über die Landesgrenzen hinweg von ihnen hört.

Unbequem mit Stil: Gudrun Lerchbaum

“Was glaubst du, was wir uns jetzt wünschen?” Er melkt seinen gekrümmten Schwanz. Ich glaube, ich soll ihm einen blasen, doch das bringt mich nicht weiter. Ich würde kotzen, er würde schießen. (aus Lügenland)

Warum lesen? Gudrun Lerchbaums knapper, aber gleichzeitig bildhafter, origineller Stil und die kantigen Figuren sind für mich ihre großen Stärken. Ich lese sie einfach unheimlich gern, dazu kommt ein bissiger Humor, den ich liebe. Ihre Hauptcharaktere sind ausnahmslos unbequeme, vielschichtige Frauen, die eine klare Haltung haben, widrigen Umständen kämpferisch begegnen und die einem ans Herz wachsen, auch wenn sie nicht immer die Liebe auf den ersten Blick sind. Das Interesse der Autorin gilt vor allem feministischen, sozialkritischen und politischen Themen.

Mehr zur Autorin: Gudrun Lerchbaum ist studierte Philosophin und Architektin und lebt in Wien. Ihr dystopischer Polit-Thriller “Lügenland” ist bei Pendragon, ihr sozialkritischer Krimi “Wo Rauch ist” im Ariadne-Verlag erschienen.

Very Vienna: Edith Kneifl

“Es fielen einige unschöne Worte. Sie warf mir Verrat vor, bezichtigte mich der Falschheit und Hinterhältigkeit. Selbstverständlich nahm ich ihre Worte nicht ernst. Betrunkene sagen, im Gegenteil zu dem blöden Sprichwort, nur selten die Wahrheit.” (aus Der Tod ist ein Wiener)

Warum lesen? Schwer, Edith Kneifl auf einen Punkt zu bringen, denn sie hat bereits unzählige Krimireihen, Anthologien und Erzählungen veröffentlicht. Der Tod ist ein Wiener ist Teil einer Serie von drei Freundinnen, die in Wien ermitteln. Zur Sprache kommen Architektur, Geschichte und vor allem die Atmosphäre. Für mich war es das “österreichischste” aller Bücher, aber mit einem sehr ernsten Fall um die Unterdrückung und den Missbrauch von Frauen sowie schmutzigen Geheimnissen in “ehrenwerten Häusern”. Auch wenn der Stil oft etwas oldschool für meinen Geschmack ist – Edith Kneifl hat feministische Themen in den 80ern und 90ern angepackt, und sie tut es immer noch. Sollte man sie – so wie ich – bisher also noch nicht gekannt haben, dann wird es höchste Zeit.

Mehr zur Autorin: Edith Kneifl erhielt 1992 als erste weibliche Autorin den Friedrich-Glauser-Preis und noch einmal 2018 den Ehren-Glauser, sowie weitere Literaturpreise. Aufgewachsen in Oberösterreich, lebt sie in Wien.

Heiße Eisen: Eva Rossmann

“Wir haben uns in einer netten Bar in der Wiener Innenstadt getroffen. Rundherum Aperol-Sprizz für die, die nicht gleich jede Mode mitkriegen. Für die Checkerinnen der Großstadt ist heuer “Hugo” angesagt. (aus Männerfallen)

Warum lesen? Die Krimireihe um die Journalistin Mira Valensky ist bereits 20 Romane lang. Und Rossmann packt wirklich jedes heiße Eisen an – von Schönheitschirurgie (Unterm Messer) bis zum radikalen Veganismus (Gut aber tot) und der Klimakrise (Heißzeit 51). Im von mir gelesenen Männerfallen z.B. den Backlash gegen den Feminismus. Was mir daran sehr gefällt, sind die differenzierten, gut recherchierten Betrachtungen der jeweiligen Problematik. Valenskys innerer Monolog macht das Lesen oft stakkatohaft, aber leicht. Und auch wenn mir die Ausführungen über die Kochleidenschaft der Autorin, äh Hauptfigur, persönlich oft zu lang sind und die Handlung ohne Not unterbrechen, machen sie mir einen unheimlichen Appetit. Wer sich also aktuelle gesellschaftliche und politische Themen mundgerecht (aber nicht flach!) verpackt geben will, ist hier an der richtigen Adresse.

Mehr zur Autorin: Politjournalistin, Autorin, Köchin, Feministin, Verfassungsjuristin. 1997 war Eva Rossmann Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens zur Gleichstellung von Mann und Frau im Bundesverfassungsgesetz.

Abgründig gut: Michaela Kastel

“Wir nennen es Sonntentor – das dunkle Loch mitten im Felsen, in das Papa uns wirft, wenn wir nicht artig waren.” (aus So dunkel der Wald)

Warum lesen? Kann ein Buch fesselnder beginnen? Mit Thrillern habe ich ja oft so meine Probleme, was Glaubwürdigkeit angeht, aber bei diesem mitreißenden und gleichzeitig poetischen Schreibstil und der inneren Spannung im Text war mir das über weite Strecken egal. Das inzwischen schon hinreichend bearbeitete Thema der entführten und missbrauchten Kinder und Jugendlichen im abgeschiedenen Wald ist eigentlich ebenfalls ein no-no für mich. Aber der Blick in die (abgründige) Psyche der Opfer und die unheilvolle Dynamik zwischen ihnen, als der gemeinsame Feind plötzlich wegfällt, macht das Buch so spannend und atmosphärisch. Diese Geschichte könnte überall, nicht nur in Österreich spielen. Das meine ich im besten Sinne. Michaela Kastel ist eine sehr spannende Newcomerin, auf deren nächste Bücher ich mich schon freue.

Mehr zur Autorin: Michaela Kastel ist nicht nur Autorin sondern auch Buchhändlerin. Ihr zweiter Roman Worüber wir schweigen ist bereits bei emons erschienen.

 

Wir danken der Autorin Ellen Dunne herzlich für diesen Gastbeitrag und verweisen sehr gerne auf Ihre Buchtitel, die zum Teil auch von uns auf krimirezensionen.de besprochen wurden.

Weiterlesen: Rezensionen zu Wie du mirHarte Landung (Bd. 1) und Schwarze Seele (Bd. 2) von Ellen Dunne.

 

Dieser Gastbeitrag erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Kurt Ostbahn | Blutrausch Bd. 1

Kurt Ostbahn | Blutrausch Bd. 1

Kottan und Ostbahn-Kurti, zwei Krimi-Kultfiguren aus Wien

Der österreichische Krimi hat einen festen Platz beim deutschen Publikum erobert, sei es in literarischer Form, sei es als TV-Serie. Immer neue Produktionen unseres südlichen Nachbarn fluten den ohnehin schon übersättigten Markt der Fernseh-Serienkrimis. Das war einmal ganz anders. Der erste und lange Zeit einzige österreichische Kriminalist war der gemütliche, man darf auch sagen bräsige Oberinspektor Marek aus Wien. Den bekamen ab 1963 zunächst nur die ORF-Zuschauer zu sehen, mit einer Ausnahme: In einer Folge der ZDF-Serie Der Kommissar ermittelte Fritz Eckhardt 1970 gemeinsam mit seinem deutschen Pendant Erik Ode. Ein Jahr später wechselte er dann zur ARD und löste seine Fälle fortan innerhalb der Tatort-Reihe sozusagen als ein früher Vorläufer der mittlerweile allgegenwärtigen Regionalkrimis.

Lange Zeit war dies der alleinige Beitrag Österreichs zum Fernsehkrimi, und auch der Buchmarkt verzeichnete wenige Veröffentlichungen aus der Alpenrepublik. Das sollte sich gründlich ändern, zuerst mit einer TV-Produktion, die mittlerweile Kultstatus hat: Kottan ermittelt. Im deutschen Fernsehen liefen die einzelnen Folgen mit gehöriger Verzögerung nach der Erstausstrahlung im ORF und wurden zunächst in den dritten Programmen versteckt. Ab Folge 8 jedoch fungierte das ZDF als Co-Produzent und die Filme wanderten auf den Freitagabend-Sendeplatz. Da waren die Zuschauer aber an die drögen Auftritte von Horst Tappert und Siegfried Lowitz als Derrick und Der Alte gewohnt, eher biedere Krimiunterhaltung mit Ermittlungen in der Münchner Schickeria wie schon beim Kommissar. Entsprechend reserviert bis irritiert und sogar schockiert reagierte ein Teil des Publikums auf die gänzlich andere, völlig überraschende, freche und frische Serie um den Major Adolf Kottan aus dem Wiener Polizeipräsidium. Den verkörperte nach zwei Folgen mit Peter Vogel und drei weiteren mit Franz Buchrieser in der Hauptrolle nunmehr und bis zum Ende mit der neunzehnten Episode Lukas Resetarits, der Kottan schlechthin.

Bereits während der Ausstrahlung der ersten Folge riefen Dutzende aufgebrachter Zuschauer, die den Satire-Charakter des Films, freilich mit Kritik an der Polizeiarbeit, nicht erkannten, beim ORF an und empörten sich über die Verunglimpfung der Gesetzeshüter, witterten Landesverrat und beschimpften, beleidigten und bedrohten Autor und Regisseur. Helmut Zenker und Peter Patzak nahmen das zum Anlass, mit jeder neuen Folge noch eins draufzusetzen. Die späteren Kottan-Episoden waren völlig überdreht und arteten immer mehr zu anarchistischem Spaß aus, Kalauer und Klamauk, Slapstick-Auftritte und eine ganze Palette von Running Gags prägten fortan die Geschichten.

Kottan ist meist grantig, raunzt Jede und Jeden an, wenn auch mit Charme und Schmäh, ist träge oder, netter ausgedrückt, bequem und würde gern eine ruhige Kugel schieben. Aber er muss wohl oder übel immer wieder ran, weil der Sandler Erwin Drballa ständig über Leichen stolpert. Kottans Assistent Alfred Schrammel, stets übereifrig aber völlig überfordert bildet sich mit den Mike-Hammer-Romanen von Mickey Spillane fort. Dezernatsleiter Paul Schremser, nach einer Amputation einbeinig, nutzt seine Krücke schon mal als Maschinengewehr oder als Fußangel für Flüchtende. Polizeipräsident Alfred Pilch befindet sich in beständigem Kampf mit dem widerspenstigen Getränkeautomaten auf dem Flur sowie lästigen Fliegen in seinem Büro und bleibt ewig Verlierer. Der trottelige Polizist Schreyvogel legt gerne die Autos von Parksündern tiefer, indem er mit einem in der Schuhspitze montierten Nagel die Reifen anpiekst.

Ein besonderes Vergnügen sind die Proben von „Kottans Kapelle“, die eine ohnehin reichlich absurde Handlung willkürlich unterbrechen und die drei Kriminalisten als Coverband zeigt, die sich an diversen toll gewählten Rock- und Popsongs abarbeitet. Absolut überspannt: Die beliebte Fernsehansagerin Chris Lohner mischt sich des Öfteren in das Familienleben des Kriminalmajors ein, indem sie sich direkt aus dem TV-Gerät zu Wort meldet oder auch mal von innen an die Mattscheibe klopft, um den eingenickten Kottan aufzuwecken. Der lebt mit seiner Frau und seiner Mutter zusammen, die ständig neue Theorien zum perfekten Mord entwickelt. Eine ganze Riege an skurrilen Figuren taucht mehr oder weniger regelmäßig auf, so die Halbwelt-Größen Horrak und Wasservogel, die immer wieder vergeblich versuchen, Kottan umzubringen. Die Beispiele verdeutlichen, dass hier das komplette Genre parodiert wird, gewohnte Muster ignoriert und eingefahrene Sehgewohnheiten torpediert werden.

So polarisierte Kottan immer mehr. Während sich inzwischen eine riesige Fangemeinde gebildet hatte, wurden den Sendeanstalten die chaotischen Einfälle von Zenker und Patzer irgendwann zu viel und so stellte man die Serie, obwohl noch fertige Drehbücher in der Schublade lagen, 1983 ein (Später erschienen sie als Hörspiel). Erst 2010 in Österreich beziehungsweise 2011 in Deutschland kam Kottan noch einmal zum Einatz – in einem Kinofilm. Die Abenteuer des Majors Kottan erschienen auch in Buchform, als Theaterstück, Comic-Heftchen und zuletzt als E-Book. Lukas Resetarits steht bis heute als Kabarretist auf der Bühne und verteilt in diesem Jahr in seinem siebenundzwanzigsten Programm seit 1977 satirische Seitenhiebe.

Sein Bruder Willi Resetarits verkörpert eine weitere österreichische Kultfigur, er ist der legendäre Ostbahn-Kurti. „Erfunden“ wurde die Figur von Günter Brödl, einem genialen Multitalent als Schriftsteller, Songtexter, Musikjournalist und Radiomoderator. 1979 hatte in seinem Theaterstück Wem gehört der Rock´n Roll? der Ostbahn-Kurti eine Nebenrolle, aber die Figur gefiel seinem Schöpfer so gut, dass er eine komplette Biografie für sie erfand, aus der er immer wieder öffentlichkeitswirksam Bruchstücke in den verschiedensten Medien streute, gipfelnd in einem angeblichen Sold-Out-Konzert der fiktiven Rockband Ostbahn-Kurti & die Chefpartie. Es war der Musiker Willi Resetarits, damals als Sänger Frontmann der erfolgreichen Polit-Rock-Band Schmetterlinge, der fortan dem Phantom Ostbahn-Kurti Gestalt verleihen sollte.

Brödl verfasste wunderbare Songtexte für den Kurti und seine Chefpartie, später für seine Kombo, indem er zahlreiche US-Rocknummern ins Österreichische, genauer ins Wienerische, übertrug. Mit diesem Repertoire produzierte die Band bis 2003 viele erfolgreiche Alben und absolvierte zahllose umjubelte Auftritte auf ständigen Tourneen. Brödl war Bestandteil der Kapelle, war bei jedem Auftritt dabei, kümmerte sich als „Trainer“ um das seelische Gleichgewicht der Bandmitglieder und sorgte als Berater in allen Lebenslagen für eine intakte Gruppendynamik. In dieser Funktion hat Brödl eine tragende Rolle in den Kriminalromanen um Kurt Ostbahn, die er selbst seit 1995 verfasste. Es begann mit Blutrausch, einem fulminanten Auftakt der Reihe mit spektakulärem Plot.

Eine breite Palette unterschiedlichster Figuren haben ihren mehr oder weniger großen Auftritt, ungewöhnliche Wirte und ihre seltsamen Gäste, leichte Mädchen und schwere Jungs, kleine Ganoven und brutale Killer, schräge Vertreter der Exekutive, Fetischisten und Mitglieder einer erlesenen SM-Szene, aber auch gediegene Herren und sensationelle Frauen. Man merkt, hier erwartet den Leser ein Abenteuer, das die dunkelsten Seiten seiner Beteiligten offenbart und in menschliche Abgründe blicken lässt. Und all diese Menschen hat sich der Kurt Ostbahn nicht etwa ausgedacht, nein, denen ist er wirklich und wahrhaftig samt und sonders begegnet, es sind leibhaftige, mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten lediglich die Namen sind geändert und das eine oder andere dazu erfunden, so dass nicht immer klar ist, was Dichtung ist und was Wahrheit. Ostbahn verrät, dass er und Brödl Dichtung und Wahrheit im Verhältnis 1:1 mischen.

Erzählt wird ausschließlich aus dem Blickwinkel des Ich-Erzählers, eben Kurt Ostbahn. Der spricht mitunter den Leser auch direkt an, dann in durchaus gewähltem Hochdeutsch, vor allem aber redet er, wie man in seinem Gemeindebezirk eben redet: in einer Sprache, die einfach ist und geradeheraus, die sich an der tatsächlich gesprochenen, an der Umgangs- oder Alltagssprache orientiert, nicht ohne originelle, witzige und feinsinnige Bilder allerdings. Es geht tatsächlich vor allem, eigentlich ausschließlich, um den omnipräsenten „Doktor“ Kurt Ostbahn, alias Ostbahn-Kurti, Kurtl oder Herr Kurt, je nach Gesprächspartner. Und es geht um die bizarren Begebenheiten, die ihm im wohlverdienten Urlaub widerfahren und die er als Erlebnisbericht dem Kassettenteil seines alten Ghettoblasters anvertraut, der Trainer macht anschließend aus diesem Protokoll etwas Lesbares. Der dritte im Bunde ist Doktor Trash, im wahren Leben der Brödl-Intimus Peter Hiess, Journalist und Autor, und so wie der Trainer ein wandelndes Rockmusik-Lexikon ist und profunder Kenner des Musikgeschäfts, so ist der Doc Liebhaber von (literarischem) Mord und Totschlag und mit Serienkillern und Massenmördern auf Du und Du. Die beiden stehen dem Kurtl mit Rat und Tat zur Seite, denn der ist da in ane blede Gschicht geraten.

Eigentlich wollte sich der Rockmusikant nach einer Tournee mit seiner Kombo ausruhen, auf der Bettbank liegen und über die Tücken des Leben sinnieren, stattdessen begegnen ihm unvermittelt Mord, Totschlag und Perversionen aller Art. Insofern verspricht der Romantitel nicht zu viel, es sind schon grauslige Geschehnissen, in die der Kurtl und seine Freunde verwickelt werden, und sie werden schonungslos geschildert, allerdings immer auch mit einem kleinen Augenzwinkern. Hier zeigt sich der ganz spezielle, morbide Humor der Wiener, und man ahnt, all diese überspitzt dargestellten Grausamkeiten, die vielen brutalen Zwischenfälle, das alles ist offensichtlich nicht ganz ernst gemeint. Entsprechend formuliert der Kurt Sätze, die einen beim Lesen unwillkürlich schmunzeln lassen, entwirft übergangslos immer wieder einmal Sprachbilder, die dem Leser automatisch ein lautes Lachen entlocken. Aber der Reihe nach.

Der Kurtl muss beim Herrn Josef in seinem Stammlokal, dem Café Rallye, einem grindigen Tschocherl, also einer abgeranzten Spelunke, in seinem Wiener Hieb Fünfhaus miterleben, wie ein Wickel zwischen den beiden einzigen Gästen blutig endet und der Urheber des Streits, der drogensüchtige Wickerl, vom Wirt vor die Tür gesetzt wird. Wenig später findet der Kurtl auf dem Heimweg eben jenen Wickerl fürchterlich zugerichtet tot am Wegesrand, waidmännisch aufgebrochen, das Herz herausgerissen. Es stellt sich heraus, dass ihn die „Sex-Metal-Band“ Mom&Dead als Bassisten herausgeworfen hat und er sich daraufhin bei krummen Geschäften mit Raubkopien wohl mit Partnern angelegt hat, die eine Nummer zu groß für ihn waren und augenscheinlich wenig zimperlich. Am nächsten Morgen stehen zwei Herren von der Kriminalpolizei vor der Tür des Herrn Dr. Ostbahn. Die Blutspur des ermordeten führte zurück zum Rallye, und die Gästeliste des Abends war ja nicht lang. Also ist der Kurtl ein Verdächtiger und so versucht er mit Hilfe von Trainer und Doc auf eigene Faust, die Wahrheit herauszufinden.

Dabei wird er kurz abgelenkt, denn er verliebt sich in die sensationellste Frau, die jemals das Rallye betreten hat, Marlene, Gattin eines schwerreichen Hotel-Tycoons, auf Inspektions-Tour in den Europäischen Residenzen des Mr. Thompson. Kaum ist man sich, zunächst in Kurtls bescheidener Behausung – später in ihrer Suite im Palace – näher gekommen, ist sie auch schon wieder verschwunden, abgereist ohne sich zu verabschieden.

Damit nicht genug, kurz darauf wird der Herr Josef schwer verletzt, sein Ziehsohn Rudi umgebracht, aufgeschlitzt vom vermutlich selben Täter, der den Wickerl abgeschlachtet hat. Wickerl war nicht nur Bassist bei Mom&Dead, er hatte auch eine Beziehung zur Sängerin der Band, Donna, vulgo Elfriede Tomschik. Donna, so erfahren die Amateur-Ermittler, war das Aushängeschild eines dubiosen, sektenartig organisierten US-Unternehmens, das Sexspielzeug und Fetischartikel vertreibt. Der Kurtl lernt Donna im Anschluss an ein Konzert ihrer Gruppe kennen und staunt nicht schlecht: Sie hat mittlerweile einen neuen Freund, Gily. Der ist niemand anders als Gilbert Thompson, Marlenes psychisch labiler Sohn und Zwilling von Sarah. Sachen gibt’s.

Vor allem aber gibt es schon wieder einen Toten. Steve, Manager bei Donnas Plattenfirma. Als man ihn findet, hat auch er kein Herz mehr. Es wird Zeit, dem mörderischen Treiben Einhalt zu gebieten. Einer Allianz der drei Freunde mit den beiden Polizisten und Donna gelingt das schließlich, nachdem der „Schlächter von Sechshaus“ noch einmal sein Messer gezückt und ein finales Blutbad angerichtet hat.

Es ist also eine Menge los in dieser Geschichte von Sex, Drugs, Rock ’n‘ Roll und Crime. Da wird viel gepudert, (auch die Nase), heftig geraucht (und nicht nur Zigaretten), und es wird gesoffen, jede Menge Bier, Fernet und Scharlachberg, es gibt Musik von Willie Nelson bis Sex-Metal? – und es gibt natürlich Leichen, bestialisch niedergemetzelt und fürchterlich zugerichtet.

Die Story macht dem reißerischen Romantitel insofern alle Ehre, aber es geht dabei nicht in erster Linie um die grausamen Morde, die besondere Stimmung zwischen gelöst und gereizt, von beschaulich bis bedrohlich macht den Charme des Romans aus, vor allem natürlich die spezielle Ausstrahlung des Herrn Kurt, sein meist souveränes Auftreten, seine lockere Art, die uns ahnen lässt, der packt’s eh, kurz gesagt, sein Schmäh. Schlagfertig pariert der Kurtl alle Angriffe und Anwürfe mit lässig hingeworfenen, oft geistreichen Retouren, der Kurtl hat auf alles eine Antwort und ist fast jeder Situation gewachsen. Mit Ironie und Selbstironie begegnet er allen Widrigkeiten des Alttags und erträgt die Misslichkeiten des Daseins mit Leichtigkeit.

Natürlich ist das keine große Literatur, möglicherweise auch weniger interessant für Leser, die keinerlei Kenntnis über das Ostbahn-Universum besitzen. Für alle Kurtologen aber ganz sicher eine vergnügliche und spannende Lektüre, die eine Begegnung mit vielen Personen bereithält, die in der Wiener Gesellschaft tatsächlich bekannt sind, und die für manche eine heimelige Atmosphäre erzeugen wird, weil der lokale Einschlag mit seiner authentischen, kenntnisreichen Schilderung der Örtlichkeiten und seiner besonderen Bewohner entweder Neues entdecken oder Altbekanntes wiedererkennen lässt und in Umgebungen führt, die der Wien-Tourist sicher nicht zu Gesicht bekommt. Alles in allem eine vergnügliche Lektüre auf vier-Sterne-Niveau, das von den nachfolgenden Krimis um Kurt Ostbahn nicht mehr ganz erreicht wird.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Blutrausch | Erschienen am 3. März 2009 im Milan Verlag
ISBN 978-3-85286-173-9
232 Seiten | 14.50 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Die Verfilmung erschien am 20. November 2009, Produktionsjahr 1997
1 DVD | ca. 7.- Euro
Laufzeit: 90 Minuten
FSK 18
Filmtrailer

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.