Kategorie: SoKo

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Japan ist momentan literarisch schwer angesagt. Nicht nur, dass der letzte und angesichts der Verhältnisse des Komitees wohl längere Zeit amtierende Literaturnobelpreisträger aus Japan kommt, auch in Sachen Kriminalliteratur gibt es einige aktuelle japanische Titel mit hoher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich mit japanischen Titel immer so meine Schwierigkeiten hatte, zu sehr unterscheiden sich teilweise der westliche und japanische Kulturkreis, so dass ich mit manchen Handlungen und Figuren so meine Probleme hatte. Zuletzt ließ mich Kanae Minatos „Geständnisse“ einigermaßen ratlos zurück. Nun dachte ich mir: Probiere ich es doch mal mit einem Titel, der in Japan spielt, aber von einem europäischen Autor. Gesagt, getan.

Schatten der schwarzen Sonne von Nicolás Obregón, ein Autor mit spanisch-französischen Wurzeln, in London geboren und für ein englisches Reisemagazin lange in Japan unterwegs gewesen. Aber um es vorweg zu nehmen: So richtig überzeugt war ich am Ende auch wieder nicht.

„Max Weber hat mal gesagt, ‚der Mensch ist ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist‘. Der, den du suchst, ist verstrickt in dieses System der schwarzen Sonne. Es ist nicht seine Visitenkarte. Ich glaube, es ist sein ganzes Gewebe. Er lebt und atmet damit.“ (Seite 101)

Kommissar Kosuke Iwata ist neu in die Mordkommission im Tokioter Stadtbezirk Shibuya versetzt worden. Sein Vorgänger hatte kurz zuvor Selbstmord begangen und hinterlässt ihm direkt einen mysteriösen Fall: Eine koreanische Familie wurde auf grausame Weise getötet. Am Tatort die Zeichnung einer schwarzen Sonne, offenbar von einem der Opfer gezwungenermaßen geschrieben. Iwata recherchiert im Umfeld der Familie, ein psychisch gestörter Bekannter der Mutter ist der perfekte Täter. Damit ist Iwata allerdings nicht zufrieden. Da geschieht ein weiterer Mord. Eine alte Frau wurde getötet, die Witwe eines Richters. Wieder am Tatort ist das Symbol der schwarzen Sonne. Iwata versucht verzweifelt, den Zusammenhang zwischen den Taten herzustellen, um einen nächsten Mord zu verhindern. Aber gleichzeitig wird an seinem Stuhl gesägt, seine Suspendierung droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Schatten der schwarzen Sonne ist der Auftakt zu einer Reihe. Dadurch erhält die Hauptfigur Kosuke Iwata und seine Vergangenheit sehr großen Raum im Buch. Iwata ist der typische Außenseiter-Cop in seinem neuen Revier. Ein Einzelgänger, der sich auch direkt mit den Platzhirschen anlegt und dadurch in Schwierigkeiten gerät. Seine Vergangenheit, die regelmäßig in Rückblicken erzählt wird, ist außerdem traumatisch. Als Kind von der Mutter sitzengelassen, im Waisenhaus aufgewachsen. In den USA lernt er seine Frau Cleo kennen, die er nun in einer Psychiatrie besucht. Erst nach und nach offenbart sich eine weitere Familientragödie. Der englische Originaltitel „Blue Light Yokohama“ bezieht sich übrigens auf einen Song der Sängerin und Schauspielerin Ayumi Ishida, einen japanischen Nr.1-Hit aus dem Jahr 1968, auf den auch im Buch regelmäßig Bezug genommen wird.

Der Kriminalroman, der außerdem über ausgedehnte Thrillerelemente verfügt, ist grundsätzlich sehr solide, verfügt über einen guten Spannungsbogen, vielleicht sind die Rückblicke in die Vergangenheit des Kommissars manchmal etwas ausschweifend. Wichtigste Nebenfigur ist die pfiffige Kommissarsanwärterin Sakai, die anfangs Iwata zur Seite gestellt ist, später abgezogen wird, aber irgendwie in die Geschichte verwickelt ist.

Obwohl Schatten der schwarzen Sonne ein ordentlicher Krimi ist, der das Genre nicht neu erfindet, aber passabel unterhält, gab es für mich irgendwie einen faden Beigeschmack. Ich war ein wenig enttäuscht von der Geschichte und das lag für mich an deutlichen Schwächen in der Authentizität. Zunächst mal die internen Reibereien im Polizeirevier. Sexismus, Mobbing, Korruption. Das war für mich so schematisch, es hätte anstatt Shibuya auch das LAPD oder die Pariser Polizeipräfektur sein können. Des Weiteren mag Nicolás Obregón ein ausgewiesener Japan-Kenner sein, aber dann hätte er auch ein wenig mehr in die japanische Seele eintauchen können. Die Themen, die er in diesem Krimi vermischt, sind wirklich ein paar der gängigsten (kriminellen) Japan-Themen (Selbstmorde, Rassismus gegenüber Koreanern, fanatische Sekten). Das wirkt auf mich dann doch etwas sehr kalkuliert. Schade. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass das viele andere nicht stört.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schatten der schwarzen Sonne | Erschienen am 1. März 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31475-1
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Inspector Barnaby | Fan-Favoriten

Inspector Barnaby | Fan-Favoriten

Seit nunmehr 21 Jahren, seit 1997, flimmert Inspector Barnaby in unterschiedlichen Besetzungen über die heimischen Fernsehapparate. Insgesamt wurden 19 Staffeln gedreht und die Serie, die auf den preisgekrönten Romanen der Bestsellerautorin Caroline Graham basiert, ist so populär, dass sie in 204 Länder verkauft wurde, 2004 war sie unter den drei meistverkauften britischen TV-Shows weltweit. Wir sprechen also von einer wirklich sehr erfolgreichen britischen Serie.

Am populärsten dürfte die ursprünglich besetzte Figur des DCI Inspector Tom Barnaby sein, dargestellt von John Nettles, der wohl für immer mit dieser Rolle in Verbindung gebracht werden wird, auch wenn er in Folge 8 der 13. Staffel das Zepter an seinen Filmcousin John Barnaby (Neil Dudgeon) übergeben hat, der nun im fiktiven Causton nach Toms Ruhestand die Fäden in der Hand hält.

Üblicherweise bleiben die Ermittler im idyllischen Midsomer County und Causton; die vielen verschlafenen und doch so pittoresken Dörfer boten noch immer ausreichend Nachbarschaftszwist, Affären, Erbstreitigkeiten und viele weitere – zum Teil absurde – Motive die Mord und Totschlag rechtfertigen. Denn um Mord geht es immer. Und zumindest zu Zeiten Tom Barnabys hatte seine Familie – Frau Joyce und Tochter Cully – eigenartigerweise immer eine Art Bezug zu den Geschehnissen. Es war ein cleverer Zug, John Barnaby als Nachfolger seines Cousins Tom Barnaby in der Serie zu installieren. So konnte der Titel bestehen bleiben und die familiären Elemente der Serie wurden ebenfalls berücksichtigt. Aber trotz des Verwandtschaftsverhältnisses: John agiert anders als Tom. Es sind eben zwei unterschiedliche Charaktere.

Nach bisher 28 DVD-Boxen wurde dieses Jahr eine umfangreichere Box mit Fan-Favoriten herausgegeben. Diese umfasst 10 Episoden der Serie, wobei diese nicht chronologisch und Staffel übergreifend ausgesucht wurden. Die Filme im Einzelnen:

  • Tod in Badger’s Drift (Vol. 1)
  • Treu bin in den Tod (Vol. 9)
  • Der Mistgabel-Mörder (Vol. 2)
  • Glockenschlag zum Mord (Vol. 4)
  • Die Blumen des Bösen (Vol. 15)
  • Tief unter der Erde (Vol. 16)
  • Mord mit Groove (Vol. 8)
  • Köpfen ist auch keine Lösung (Vol. 19)
  • Das Biest muss sterben (Vol. 22)
  • Barnaby muss reisen (Vol. 25)

Mich hat es besonders gefreut, dass die Pilotfolge „Tod in Badger’s Drift“ (Erstausstrahlung in Deutschland erst am 26. Juni 2005 im ZDF) in diese Edition aufgenommen wurde, da sie noch immer meine Lieblingsfolge der Serie ist. Es gab viele gute Folgen, doch diese habe ich am häufigsten gesehen und meines Erachtens spiegelt sie das Böse und die Niedertracht im Menschen – dargestellt durch einen jungen Bestatter und dessen Mutter – besonders gut wider.

Offensichtlich ging es anderen ebenso, denn es ist keine Best-of-Box, sondern es sind gewählte Fan-Favoriten, die in Deutschlands größer Krimi-Community Krimi-Kollegen bestimmt wurden. Sie bietet einen schönen Überblick über die Entwicklung und den Wechsel der Ermittler und ihrer Assistenten. Und da es inzwischen schon 28 DVD-Boxen gibt, kann diese Edition ebenso ein Einstieg sein für zukünftige Fans als auch eine schöne zusätzliche Box für bereits überzeugte Wiederholungstäter.

Die Box enthält ein Booklet mit Infos zu den einzelnen Folgen sowie zwei Kühlschrankmagnete mit den Konterfeis der beiden Ermittler Tom und John Barnaby.

 

Inspector Barnaby Fan-Favoriten | Erschienen am 2. März 2018 bei Edel Germany
ASIN: B0791VZ8X3
10 DVDs | 14.99 Euro
Laufzeit: 952 Minuten
FSK 12
Trailer zur 1. Staffel

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Christian Linker | Der Schuss

Christian Linker | Der Schuss

Das ist ja typisch, denkt Tatjana. Alle Zeitungen schreiben über den Mord an Emil, aber keiner traut sich zu schreiben, dass der Mörder Türke ist. Was die Zeitungen schreiben und was nicht, weiß sie natürlich nicht aus der Zeitung, sie ist ja nicht blöd. So was zu lesen wäre Schwachsinn, wo doch da nur Lügen drinstehen. Presse, Radio,Fernsehen, die sind ja alle von der Regierung gesteuert. Gott sei dank gibt es Facebook. (Auszug Seite 73)

Meine Straße, mein Zuhause, mein Block

In dem spannenden Jugendroman Der Schuss geht es um den siebzehnjährigen Robin Fuchs, der zufällig Zeuge eines Mordes wird. Der Teenager lebt mit seiner jüngeren Schwester Mel und seiner Mutter in einem Block in einer Hochhaussiedlung am Rande einer deutschen Großstadt. Nach dem Tod des Vaters hat er die Schule geschmissen und für den gleichaltrigen Hakan Topal gedealt. Er wurde straffällig und bekam eine Bewährungsstrafe. Um diese nicht zu gefährden, versucht er sich aus allem rauszuhalten und will eigentlich auch aus dem Drogengeschäft aussteigen.

Eines Abends sieht er, wie Emil Becker, ein Anhänger der „Deutschen Alternativen Partei“, bei dem Versuch, einem Journalisten belastendes Material zu übergeben, von rechtsextremen Mitgliedern der Partei erstochen wird. Auch der Journalist und Blogger, Magnus Mahlmann wird bei dem Gerangel in der Garage schwer verletzt, kann aber flüchten. Robin hilft dem Schwerverletzten, indem er Erste Hilfe leistet und anonym einen Krankenwagen ruft. Bevor er sich aus dem Staub macht, kann ihm der Journalist aber noch einen Stick geben.

Blogger im Koma

Während Magnus im Krankenhaus in einem künstlichen Koma liegt, gelingt es den Rechtsextremen, den Mord Hakan Topal in die Schuhe zu schieben und der Drogendealer wird als Tatverdächtiger verhaftet. Fast alle Bewohner des Blocks sind der Meinung, dass Hakan, dem nie etwas nachgewiesen werden konnte, endlich seine gerechte Strafe bekommt. Fred Kuschinski ist ein etwas älterer Freund aus Kindertagen, der mittlerweile mit der DAP für den Bundestag kandidiert. Der charismatische Politiker nutzt die Situation aus, um Fremdenhass zu schüren und initiiert tägliche Mahnwachen. Diese werden von vielen Anwohnern und auch von Robins Schwester Mel besucht. Robin ist in einem Zwiespalt. Soll er sich weiter raushalten oder die Wahrheit ans Licht bringen?

Meine Mutter wäre sicher stolz auf mich. Sich raushalten und bloß nicht die Klappe aufmachen, das ist bei uns nämlich so eine Art Familienmotto.  (Seite 6)

Indem Autor Christian Linker sein zumeist jugendliches Figurenpersonal abwechselnd von Kapitel zu Kapitel berichten lässt, werden verschieden Blickwinkel beleuchtet und man kann die Gedankenwelt von fast zehn Charakteren gut nachvollziehen. Robin als Protagonist erzählt als Einziger in der Ich-Form und das bringt besonders seine Beweggründe nahe. Am Beispiel Mel wird deutlich, wie grade junge Menschen mit Hetzkampagnen und Halbwahrheiten für die rechte Szene begeistert werden können. Der jugendliche Leser kann sich leicht mit den Figuren identifizieren. Der Autor erzählt authentisch und hat einen leicht lesbaren, hochaktuellen Krimi geschaffen, indem auch die Trostlosigkeit der wohnlichen Gegebenheiten gut wiedergegeben wird.

Plädoyer für Zivilcourage

Die DAP hat mit der AFD nicht nur das Wort alternativ im Namen gemeinsam. Teilweise geraten Linkers Warnungen etwas zu plakativ, denn ich glaube, dass die AFD viel subtiler und damit gefährlicher agiert. Die Figur des Schlägers „Schädel“ war mir etwas zu eindimensional gelungen. Er wird als gnadenloser Glatzkopf beschrieben, der keine Empathie oder Impulskontrolle zeigt und mit einem Stacheldraht verstärktem Baseballschläger auftrumpft. Mit der Figur des Fred hat Linker allerdings einen ambivalenten Charakter geschaffen. Dieser führt mitreißende Reden, er spricht die Leute an und ist clever und gerissen genug, andere für seine Zwecke zu manipulieren. Der sympathische Robin dagegen ist orientierungslos und auf der Suche nach Identität und Sinn, hat aber sein Gefühl für Richtig und Falsch noch nicht verloren. Es wird ganz deutlich, dass es ihm an Vorbildern oder Identifikationsfiguren fehlt. Da er sich im Laufe der Geschichte entwickelt, handelt es sich bei dem Krimi auch um einen Coming-of-Age-Roman und ein Plädoyer für Zivilcourage.

Über den Autor

Der Roman „Der Schuss“ kam kurz vor der Bundestagswahl 2017 raus und so muss man Christian Linker mit Blick auf die Ergebnisse der AFD schon prophetisches Talent bescheinigen. Die Figur des Magnus Mahlmann kam übrigens bereits 2005 in seinen Roman Das Heldenprojekt vor, in dem der investigative Journalist sich mit einer kleinen rechtsextremen Partei anlegte. Und jetzt war einfach mal wieder Zeit, dieses Thema aufzugreifen, befand der studierte Theologe.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Schuss | Erschienen am 8. September 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-74027-2
320 Seiten | 14.95 Euro
ab 14 Jahren
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

„Gib es her“, sagte Rolf. „Gib mir das Buch.“
„Es ist mir ganz egal, was du sagst: Du kriegst mein ‚Emil und die Detektive‘ nicht, du kannst machen, was du willst!“, schrie Friedrich. […]
„Es ist nur zu deinem Besten, Friedrich, kapierst du das nicht? Es sind Leute wie Kästner und ihre verdrehten Bücher, die dieses Land kaputt machen. Wenn wir Deutschland je wieder stark machen wollen, dann müssen wir über solche wichtigen Dingen dasselbe denken.“
Friedrich starrte seinen Bruder wütend an. „Hast du eigentlich jemals gern ein Buch gelesen, Rolf? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe dich nie mit einem Buch in der Hand gesehen.“ […] „Vielleicht bist du deshalb so versessen darauf, dieses Buch zu verbrennen, weil du Bücher einfach nicht magst. Du verstehst gar nicht, warum jemand bloß aus Freude liest.“ (Auszug Seiten 85-87)

Der 13-jährige Friedrich Kissel ist ein begeisterter Fan des Kinderbuchs „Emil und die Detektive“ und das Beste ist: Er wohnt in Berlin in der Nachbarschaft von Erich Kästner, der ein Freund von Friedrichs Vater ist. In seiner Freizeit spielt Friedrich selbst gerne mit seinen drei Freunden Detektiv und hilft der Polizei bei Kleinigkeiten. Doch im Berlin des Jahres 1933 wird aus dem Spaß böser Ernst. Kästners Bücher werden verbrannt und plötzlich wird Friedrichs Bande von einem Polizisten beauftragt, Kästner auszuspionieren.

Die Geschichte wird aus Friedrichs Perspektive erzählt. Die Figuren sind durchaus glaubhaft arrangiert. Friedrichs Vater ist Kulturredakteur des liberalen Berliner Tageblatts und daher beruflich und nachbarschaftlich bekannt mit Erich Kästner. Über diesen lernt Friedrich weitere Künstler kennen, die das neue Regime ablehnen. Aber in Friedrichs Familie gibt bereits einen Konflikt: Sein Bruder Rolf ist überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten und führt erbitterte Diskussionen mit seinem Vater. Auch Friedrich ist anfangs durchaus fasziniert von den Inszenierungen des neuen Regimes. Doch allmählich spürt er die Veränderungen im Alltag, die Ausgrenzung der Juden und Andersdenkenden. Sein Freund Leo, ein Jude, verlässt mit seinen Eltern die Stadt. Am allerdeutlichsten ist sein Unverständnis in Bezug auf die zunehmende Ablehnung, die sein Lieblingsautor Erich Kästner erfährt. So ist er völlig verwirrt, als er und seine Freunde den Auftrag erhalten, Kästner zu beschatten. Doch er macht im Glauben mit, seinen Freund vom Vorwurf der Spionage befreien zu können.

Philip Kerr ist vielen Lesern bekannt als Autor der Bernie-Gunther-Reihe über einen Privatdetektiv, ehemaligen Kommissar und Nazi-Gegner, der sich durch die Nazizeit schlägt. Aber Kerr ist auch Autor von Kinder- und Jugend-Fantasy-Büchern. Kerr verstarb am 23.März diesen Jahres an einem Krebsleiden. Im letzten Jahr veröffentlichte er noch Friedrich der große Detektiv. Die Idee zu diesem Buch hatte Philip Kerr nach eigenen Angaben, nachdem er auf Youtube die Verfilmung von „Emil und die Detektive“ aus dem Jahre 1931 gesehen hatte. Er fragte sich, was wohl aus den jugendlichen Schauspielern geworden sei und recherchierte, dass diese alle als junge Soldaten im zweiten Weltkrieg gestorben waren.

Das Buch wird auch als Hommage an Erich Kästner und seinen Roman „Emil und die Detektive“ bezeichnet. „Emil“ taucht an vielen Stellen im Buch auf, es beginnt sogar mit der Filmpremiere. Auch der große deutsche Autor und Pazifist Kästner spielt tatsächlich eine zentrale Rolle in diesem Roman als Mahner, Freund und Ratgeber für Friedrich. Allerdings habe ich zu dieser „Hommage“ auch eine kritische Stimme gefunden, denn im Blog Literaturgarage wird eine Szene, in dem Kästner vor Friedrich ein Loblied auf Friedrich den Großen singt, sehr kritisiert und auch mit Quellen belegt, dass Kästner den Preußenkönig nicht unbedingt als Vorbild sah.

Aber nicht nur Kästner taucht als Person der Zeitgeschichte in diesem Buch auf. Ebenfalls Auftritte haben beispielsweise Walter Trier, Billy Wilder, Max Liebermann oder Christopher Isherwood. Kerr versucht sehr verdichtet, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen. Er lässt seine Hauptfigur die Ereignisse von 1933 hautnah miterleben. Friedrich ist beim Fackelzug am 30. Januar, seine Klassenlehrerin wird aus dem Dienst suspendiert, sein Bruder ist an der Bücherverbrennung beteiligt. Nach etwa 165 Seiten ist der erste Plotstrang vorbei, bis hierhin war ich ziemlich zufrieden. Doch dann wurde es aus meiner Sicht weniger stringent, Kerr baut hier noch Episoden ein, die wie nachträglich eingefügt wirken inklusive einer abschließenden Traumsequenz, die mich nicht so recht überzeugen konnte. Und schließlich gibt es ja noch den Ausgangspunkt Kerrs für diese Geschichte („Was ist aus diesen Jungen geworden?“), die dem Buch letztlich ein etwas abruptes und auch ein bitteres Ende verschafft, womit man bei Jugendbüchern über diese Epoche aber zwangsläufig rechnen sollte.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 11 Jahren, was ich für durchaus früh halte, denn trotz mancher Erläuterungen (auch im Anhang) müssen manche Zusammenhänge erkannt werden. Trotz der oben genannten kritische Anmerkungen hat mich das Buch über weite Strecken gut unterhalten. Kerr gelingt eine durchaus lehrreiche, aber auch spannende Geschichte. Lediglich im letzten Drittel des Buches will der Autor aus meiner Sicht zu viel und kann das Niveau nicht ganz halten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Friedrich der große Detektiv | Erschienen am 22. September 2017 bei Rotfuchs im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-21791-3
256 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

 

Weiterlesen: Interview zum Buch mit Philip Kerr aus der Frankfurter Rundschau sowie Noras Rezension zu Erich Kästners Buch Emil und die Detektive