Kategorie: Gunnar Wolters

Antonio Ortuño | Die Verbrannten

Antonio Ortuño | Die Verbrannten

Der Junge ist zu müde, um weiterzuschreien. Er klammert sich an Luna, drückt das Gesicht an sein Ohr, er hat Angst, dass jemand lauscht.
„Ich habe gehört, was dieser Hurensohn gesagt hat. Er hat gesagt, dass der Mann, sein Chef, ihm das befohlen hat. Ich hab’s gehört.“
Luna schaut ihn an. Der Junge wiederholt seine Geschichte. Schweigt, beginnt wieder von Neuem. […] Luna schlägt ihm mit dem Handrücken fest auf den Mund.
„Halt die Klappe, du Idiot. Du hast verdammtes Glück gehabt. Denn du hast das gerade dem einzigen Menschen in Santa Rita gesagt, der dich nicht töten wird. Aber du darfst es nie mehr wiederholen.“
Der Junge, die Augen weit aufgerissen, schwankend, an seinen Arm geklammert, nickt.
Am Morgen sagt er aus, dass er nichts von dem gesehen oder gehört hat, was er gesehen und gehört hat. (Auszug Seite 146)

In Santa Rita, einer kleinen Stadt im Süden Mexikos, wird ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt. Es sterben vierzig Flüchtlinge. Irma alias Negra, arbeitet beim lokalen Büro der Nationalkommission für Migration. Sie nimmt sich der Überlebenden und der Angehörigen an. Sie soll vor allem beschwichtigen und Entschädigungen anbieten. Eine detaillierte Untersuchung des Ereignisses ist nicht wirklich vorgesehen. Niemand will in einem Klima der Angst als Zeuge auftreten. Doch die junge Überlebende Yein vertraut sich Irma an. Während Irma die Wahrheit ans Licht bringen will, sucht Yein nur eins: Vergeltung.

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David Simon | Homicide

David Simon | Homicide

Das Morddezernat ist die Oberliga, die ganz große Arena, die wahre Show. So war es schon immer. Als Kain seinen Bruder Abel um die Ecke brachte, glauben Sie bloß nicht, dass der Alte da oben ein paar uniformierte Grünschnäbel zu den Ermittlungen schickte. Verdammt, nein, er holte einen Detective. Und so wird es auch immer bleiben, denn das Morddezernat jeder großstädtischen Polizei ist seit Menschengedenken das natürliche Habitat einer ganz seltenen Spezies: das des denkenden Cop. (Auszug Seite 39-40)

Baltimore war Ende der 1980er eine der amerikanischen Großstädte mit der höchsten Mordrate. Im Jahr 1988 wurden 234 Morde aufgenommen. Autor David Simon begleitete ein Jahr lang die Detectives der Mordkommission. Er zeigt in seinem Buch die Normalität der Gewalt hart und ungeschönt, verzichtet dabei auf Erklärungsansätze. Stattdessen zeichnet er ein umfassendes Bild der Polizeiarbeit, die er in allen Facetten beschreibt. Die Polizisten werden am Tatort, bei der mühsamen Suche nach Zeuge, bei Verhören und Vernehmungen, in der Rechtsmedizin bis hin zur Gerichtsverhandlung beobachtet.

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Christoph Peters | Der Arm des Kraken

Christoph Peters | Der Arm des Kraken

Fumio Onishi gähnte, er spürte eine Art Lampenfieber, das sich einstellte, wenn er einsatzbereit war, stand auf, nahm die Tüte, ging langsam die Straße zurück, warf seine Einkäufe in die Mülltonne am nächsten Laternenpfahl. Er atmete einmal durch, zog ein Paar weiße Baumwollhandschuhe aus den Sakkotaschen, streifte sie über, öffnete die Ladentür. Im selben Moment verwandelte sich Unruhe in Klarheit. Eine unscheinbare, mittelalte Frau trat aus dem Hinterzimmer. Sie trug ein künstliches Lächeln vor sich her, das einbrach, als sie ihn sah. Schneller, als sie etwas sagen, geschweige denn rufen konnte, und noch ehe der Schließreflex ihre Augenlider erreicht hatte, traf sie ein Handkantenschlag mit solcher Wucht an der Schläfe, dass die Haut aufplatzte und der Knochen sichtbar wurde. Während sie zur Seite kippte, griff Fumio Onishi mit der Linken ihre Schulter, seine Rechte fasste sie bei der Hüfte, damit sie krachend ins Regal stürzte. In einer einzigen fließenden Bewegung legte er sie bäuchlings auf dem Boden ab. Einen Moment später stand er mit entsicherter Pistole in der Tür zum Büro. (Auszug Seite 103-104)

In einem Park im Berliner Osten wird die Leiche des Japaners Yuki O. gefunden. Für die Polizei eine ziemliche Überraschung, denn die Zeit der Revierkämpfe zwischen den asiatischen kriminellen Gruppen in Berlin schien vorbei. Dennoch scheint Yuki O. ein Mitglied der japanischen Yakuza gewesen zu sein und die Spur führt Hauptkommissarin Annegret Bartsch zu der dominierenden vietnamesischen Mafia. Derweil landet mit Fumio Onishi ein weiterer Vertreter der Yakuza in Berlin – mit dem klaren Auftrag Vergeltung zu üben.

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Oliver Bottini | Im weißen Kreis

Oliver Bottini | Im weißen Kreis

Behr neigte den Kopf zur Seite, blinzelte konzentriert. „So tragisch, wie klassisch. Zwei junge Männer aus der ehemaligen DDR verlieren im Mahlwerk der Wiedervereinigung Orientierung und Status, radikalisieren sich. Irgendwann planen sie die Rache für alles, was sie nicht erreicht haben und erdulden mussten.“
„Und die anderen? Die geholfen haben?“
„Hier ein Sympathisant, dort ein Kamerad. Können wir ihnen Unterstützung nachweisen, kommen sie vor Gericht.“ […]
Louise nickte, sah Behr wieder an. „Und der Auftraggeber?“
„Welcher Auftraggeber?“
„Der Ludwig Kabangu töten lassen wollte.“
„Bei der Ausführung des Mordanschlags zu Tode gekommen.“ In Behrs Blick kroch Fatalismus. „Einen anderen Auftraggeber als die beiden gibt es nicht. Das müssen Sie doch verstehen, Frau Bonì.“ (Auszug Seite .214)

Von einem Undercover-Kollegen wird die Freiburger Hauptkommissarin Louise Bonì über den Kauf zweier Pistolen informiert. Die Spur führt in deutsche Neonazi-Kreise. Doch es gibt wasserdichte Alibis, schweigsame Zeugen, wenig Greifbares. Gleichzeitig befindet sich der Ruander Ludwig Kabangu in der Stadt und fordert die Gebeine eines Ahnen von der Universität zurück, einst von deutschen Rasseforschern geraubt. Ist er das perfekte Opfer? Bonì gräbt immer tiefer und stößt auf ein undurchsichtiges rechtes Netzwerk.

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Steffen Kopetzky | Risiko

Steffen Kopetzky | Risiko

Als Stichnote sich noch einmal zu Seiler und den beiden Heeresfunkern umdrehte und sah, wie sie auf dem Meidan standen, dem Entwurf der Welt, wo sich die Karawane gesammelt hatte, wurde er traurig. Die drei winkten und wurden immer kleiner. So war die Welt anscheinend. Man traf sich, und man trennte sich. Dazwischen starben immer wieder einige. Und man selbst war ein Nichts, hinter dem glockenbehängte Kamele herstapften.
Der Sternenhimmel, der bald über ihnen aufstieg, war überwältigend und die Ödnis so vollkommen, dass die Erinnerung an das langsam verfallende Isfahan schnell märchenhaft wurde. Stichnote wusste vage, dass die nächste große Stadt, die sie anstrebten, Herat war und schon in Afghanistan lag, weit über tausend Kilometer östlich. Es schien ihm unvorstellbar, dass sich die Unwirtlichkeit, die sie umgab, noch verschlimmern sollte. (Auszug Seite 535)

Mitten in der heißen Phase des Sommers 1914 liegt der Kleine Kreuzer „SMS Breslau“ in Durazzo in Albanien vor Anker. Der Marinefunker Sebastian Stichnote bändelt mit einer jungen Albanierin an. Doch bald bricht der Erste Weltkieg aus und die „Breslau“ nimmt an den ersten Kriegshandlungen teil, muss sich jedoch bald aufgrund der britischen Übermacht nach Konstantinopel flüchten. Derweil plant man in Berlin einen waghalsigen Coup: Eine geheime deutsch-türkische Expedition von Konstantinopel bis nach Kabul, um Unruhe zu stiften und die britischen Truppen in Asien zu binden. Es wird noch ein Funker gesucht und den findet man in Stichnote. Mit der Bagdadbahn geht es los Richtung Osten, doch bald geht es nur noch als Karawane voran. Immer wieder gibt es Komplikationen und Hindernisse, auch ein britischer Spion hat sich unbemerkt der Expedition angeschlossen. In den Weiten Vorderasiens wird immer deutlicher, dass Stichnote der entscheidende Mann für den Erfolg der Mission werden wird.

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