Kategorie: Gunnar Wolters

Peter Temple | Wahrheit

Peter Temple | Wahrheit

Als er sich zurücklehnte, den Adrenalinschub spürte, hatte er kurz das Gefühl, auf Singos Platz zu gehören: Stephen Villani, Chef des Morddezernats. Jemand, der es verdient hatte, Chef des Morddezernats zu sein.

Kurz. (Auszug S. 162)

Ich habe schon immer viel gelesen, überwiegend im Krimigenre. Seit etwa zehn Jahren als Amateurrezensent nochmal mehr als vorher. Dadurch habe ich eine gewisse Routine entwickelt, welches Buch mir denn gefallen könnte. Durch Wälzen von Vorschauen, Informationen über den Autor und Vorgängerbüchern, durch Meinungen anderer Rezensenten ist die Trefferquote dann eigentlich sehr hoch. Ich greife kaum noch zu Flops, weil ich schon vorher erahne, was mir nicht so passen könnte. Was ich auf der anderen Seite aber auch feststelle: Ich bin sehr zurückhaltend bei Superlativen geworden. Ich lese viele wirklich gute Bücher, aber dass ich die Höchstnote vergebe, kommt inzwischen sehr selten vor. In den letzten 18 Monaten nur drei Mal. Damit ich die 5 von 5 vergebe, muss inzwischen viel zusammenkommen: Setting, Figuren, Thema und ein sprachlich-literarischer Anspruch. Ich muss von Beginn an merken: Oha, hier will es der Autor oder die Autorin wissen. Und den hatte ich bei „Wahrheit“ direkt im ersten Absatz:

Sie fuhren über die West Gate Bridge, hinter Ihnen lag eine Wohnung in Altona, eine tote Frau, eigentlich noch ein Teenager, schmutzige, rot gefärbte Haare, ausgebleichte Tätowierungen, Stichverletzungen in Bauch, Brustkorb, Rücken, Gesicht, zu viele, um sie zu zählen. Dem Kind, männlich, zwei oder drei Jahre alt, hatte man den Kopf eingetreten. Überall war Blut. Auf dem Nylonteppich in Pfützen, eine Kette klebriger schwarzer Pfützen. (Auszug S.7)

Die beiden Männer, die eben an diesem grausigen Tatort waren, sind Kripochef Villani und sein Kollege Birkerts aus dem Morddezernat in Melbourne. Der grausige Doppelmord ist zwei Seiten weiter schon geklärt, aber er setzt den Ton für den weiteren Roman. Denn schon werden die Mordermittler zum nächsten Tatort gerufen. In einem Luxusapartment eines neu erbauten Hochhauskomplexes (inklusive Casino) wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Von Beginn an werden die Mordermittler um Stephen Villani nur unzureichend unterstützt. Die Security vor Ort ist keine Hilfe, auch bei den Vorgesetzten scheint der Fall keine Priorität zu besitzen. Da gerät ein zweiter Fall in den Fokus: In einer Gewerbeimmobilie wurden drei Kriminelle zum Teil brutal gefoltert und ermordet. Hier wird schnelle Aufklärung verlangt. Der Fall scheint eine Abrechnung im Milieu gewesen zu sein, hier ist zur Beruhigung der Bevölkerung ein rascher Erfolg vonnöten.
Nebenbei hat Inspector Villani auch privat einige Baustellen: Seine Ehe kriselt, er hat eine Geliebte, eine Journalistin eines lokalen Fernsehsenders. Seine minderjährige Tochter ist verschwunden und hängt offenbar mit Drogenabhängigen ab. Als Polizisten die Tochter aufgreifen, lässt Villani sie einige Stunden in Polizeigewahrsam schmoren und verschärft damit die familiäre Situation noch. Derweil hockt sein Vater im Hinterland auf seiner Farm, während gerade gewaltige Buschbrände toben. Villanis Versuche, ihn dort wegzulocken, sind vergeblich.

Orong winkte sie näher. Gillam und Barry neigten sich zu ihm hin.
„Ein Beispiel ist Prosilio“, sagte er und sah dabei Villani an, „man will nicht, dass irgendeine Nuttengeschichte ein Multimillionen-Dollar-Projekt beschädigt, ein Vorzeigeprojekt, ein Kronjuwel dieses Bezirks.“ […]
„Man findet jeden Tag tote Schlampen, stimmt’s, Inspector?“, sagte Orong. (Auszug S. 126)

Autor Peter Temple wurde 1946 in Südafrika geboren, arbeitete als Journalist. Er verlies bewusst 1977 das Apartheidregime, lebte einige Jahre in Deutschland und emigrierte dann 1980 nach Australien. Er arbeitete dort als Literaturdozent. Erst 1996 erschien „Bad Debts“, sein Debütroman und erster Band der vierteiligen Serie um den Privatermittler Jack Irish. Leider verstarb Temple bereits 2018 an Krebs. Er gilt aber weiterhin als einer der besten Krimiautoren Australiens. Fünfmal gewann er Australiens wichtigsten Krimipreis, den Ned Kelly Award, 2007 für „The Broken Shore“ auch als erster Australier den Gold Dagger, 2012 den Deutschen Krimipreis für „Wahrheit“. Und eigentlich reicht sein Ruf auch übers Genre hinaus, denn „Wahrheit“ ist einfach sensationell starke Literatur. In seiner Heimat gewann er mit dem Roman überraschend als Genreautor den allgemeinen Literaturpreis „Miles Franklin Award“.

Was den Roman so herausragend macht, ist das Zusammenspiel aller Zutaten. Schon allein sprachlich ist der Roman aus meiner Sicht außergewöhnlich gut, weil er dem Leser einiges abverlangt. Hier wird nichts nebenbei erklärt, keine Erklärdialoge geführt. Alles ist sprachlich höchst authentisch, verknappt, salopp, lakonisch. Die Stimmung ist düster und explosiv. Inspector Villani wird hier auf einer wahren Tour de Force begleitet, sowohl beruflich als auch privat. Dabei werden nebenbei große gesellschaftliche Probleme Australiens wie Machtmissbrauch und Korruption eingebettet und ein äußerst spannendes Bild von Polizeiarbeit gegeben. Temple bleibt aber permanent beim Protagonisten Villani und dessen Konflikten um Liebe, Ehe, Familie, das Verhältnis zum eigenen Vater und beruflich um die Loyalität im eigenen Team, das schwierige Agieren im Polizeiapparat und der Umgang mit den eigenen Leichen im Keller. Ein großartiger Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wahrheit | Erstmals erschienen 2009
Aktuell in der deutschen Übersetzung nur als E-Book verfügbar:
ISBN 978-3-641-06681-9 | 8,99 €
Originaltitel: Truth | Übersetzung aus dem Englischen von Hans M. Herzog
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Peter Temples Roman „Die Schuld vergangener Tage“

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2022

 

 

Kotaro Isaka | Bullet Train

Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen rast von Morioka nach Tokio. Mit an Bord sind 5 Killer, die unterschiedlicher nicht sein können, jeder mit einem speziellen Auftrag. Da ist das ungleiche Killerduo Lemon und Tangerine. Die beiden „Zitrusfrüchte“ sitzen zusammen mit dem Opfer einer Entführung samt Lösegeld und wollen den Sohn des gefährlichsten Unterweltbosses Tokios, Minegeshi Junior, heil nach Hause bringen. Doch Murphys Gesetz schlägt zu: Zuerst kommt der Koffer mit dem Geld abhanden, dann verstirbt auch noch das Entführungsopfer auf mysteriöse Weise. Nanao wiederum, ein junger Killer, bekam telefonisch den Auftrag, den Koffer an sich zu nehmen und umgehend an der nächsten Station wieder auszusteigen. Da „Der Marienkäfer“ allerdings der größte Pechvogel aller Zeiten ist, endet der einfach klingende Job im Chaos und es geht schief, was schief gehen kann. Außerdem befindet sich der ehemalige Auftragskiller Yuichi Kimura im Zug, um sich zu rächen, weil man seinen Sohn Wataru vom Dach eines Kaufhauses gestoßen hat und dieser seitdem im Koma liegt. Schuld daran soll der erst 14-jährige Schüler Oji sein, der sich ebenfalls im Shinkansen aufhält. Der harmlos wirkende „Prinz“ ist ein richtiger Psychopath mit krimineller Energie, der es sehr gut versteht, kaltblütig aber auch mit absoluter Empathielosigkeit andere Menschen zu manipulieren.

Während der Zug seinem Endziel entgegen rauscht, kommen sich die Ganoven selbstverständlich gegenseitig in die Quere und alles spitzt sich immer mehr zu. Spannung entsteht auch, da das Geschehen auf den begrenzten Raum der Zugabteile eingeengt ist und die Gestalt eines Kammerspiels annimmt. Die Geschichte kann richtig Spaß machen, wenn man sich auf die völlig absurden Wendungen und abgedrehten Todesfälle einlässt. Besonders im letzten Drittel nimmt die Handlung noch mal richtig Fahrt auf und konnte mich recht gut unterhalten. Die Handlung, wie auch die Figuren sind extrem überzeichnet. Ich empfand es fast als Parodie auf das Genre. Sehr überrascht haben mich die angeblich besten Profikiller der Branche, Lemon und Tangerine, die doch oft wie Vollidioten agierten. Viele Rückblenden, die für Erklärung sorgen sollen, bremsen immer wieder den Hochgeschwindigkeitsthriller aus. Für mich ein durchschnittlicher Thriller von einem in Japan preisgekröntem, hierzulande aber noch relativ unbekanntem Autor. Bullet Train ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka.

Im Juli kommt die Verfilmung mit Brad Pitt und Sandra Bullock in die Kinos, und als Film kann ich mir die Story ganz gut vorstellen, auch weil die Szene, die mir im Buch am besten gefallen hat, tatsächlich die ist, die im Trailer gezeigt wird.

 

Bullet Train | Erschienen am 02.04.2022 im Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-45501-322-1
384 Seiten | 22,- €
Originaltitel: マリアビートル (Mariabitoru) (Übersetzung aus dem Japanischen von Katja Busson)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

 

Horst Eckert | Das Jahr der Gier (Band 3)

In der Düsseldorfer Altstadt wird ein britischer Journalist Opfer eines brutalen Angriffs. Der Mann ist ein alter Bekannter der Kriminalrätin Melia Adan, weshalb sie diesen Vorfall näher betrachtet als vielleicht üblich. Kurz darauf wird die Leiche einer jungen Frau in einem Wäldchen am Stadtrand gefunden, inszeniert als Sexualmord. Doch Hauptkommissar Vincent Veih und sein Team vermuten schnell ein anderes Motiv. Die Spur in beiden Fällen führt schließlich in die Nähe von München zum aufstrebenden Finanzdienstleister Worldcard AG.
Dort hat gerade der Ex-Polizist Sebastian Pagel einen neuen Job beim COO von Worldcard, Marek Weiß, erhalten. Pagel war zum Sündenbock auserkoren worden, als ein wichtiger Zeuge aus Syrien unter Polizeischutz vergiftet wurde. Der Job beim neuen Börsenschwergewicht Worldcard und dessen Macher Weiß scheint geeignet, das Selbstbewusstsein wieder aufzupäppeln. Doch Pagel ist alarmiert, als plötzlich im Dunstkreis von Weiß Personen auftauchen, die er schon aus seinem Vorgängerjob kennt.

Mit „Das Jahr der Gier“ setzt Horst Eckert die Reihe um die Düsseldorfer Polizisten Adan und Veih fort. Wie gewohnt greift der Autor wieder aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse auf – in diesem Fall der Wirecard-Skandal, der bis in höchste politische Kreise reicht, aber bislang erstaunlich wenige „Opfer“ gefunden hat. Eckert erzählt gewohnt präzise, in kurzen Kapiteln mit ansteigender Spannung und wechselnden Perspektiven. Er behält das übliche Figurenpersonal bei, auch bei den Antagonisten tauchen alte Bekannte in neuer Funktion wieder auf. Das ist wie gewohnt eine überzeugende Mischung aus Fakten und Fiktion. Eckert bleibt der relevante Autor für Pageturner-Politthriller aus Deutschland.

 

Das Jahr der Gier | Erschienen am 08.03.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-42637-5
430 Seiten | 13,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Politthriller

 

 

Vladimir Sorokin | Der Tag des Opritschniks

Russland im Jahre 2027: Das Land hat sich vollends vom Westen abgeschottet, lebt nur noch von seinen Energieexporten und pflegt lediglich noch Beziehungen zu China. Alleinherrscher ist der Gossudar. Er hält sich eine Mischung aus Geheimpolizei und Leibgarde – die Opritschniki. Sie werden eingesetzt, um gegen Oppositionelle und vor allem vermeintliche Abtrünnige aus der Schicht der Machthaber und Oligarchen mit aller Härte vorzugehen. Einer dieser Opritschniki ist Andrej Danilowitsch Komjaga. Ihn begleitet der Leser durch einen typischen „Arbeitstag“ – vom brutalen Mord an einem unliebsam gewordenen Adelsmann und der Vergewaltigung dessen Frau am Morgen über einen Korruptionsdeal am Mittag bis hin zu gemeinsamen Orgien am Abend.

Vladimir Sorokin ist einer der bekanntesten zeitgenössischen russischen Autoren und Dramatiker, der auch deutlich gegen die politische Spitze in seinen Werken Stellung bezieht, unter anderem gehörte er zu den Unterzeichnern eines Appells, die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten. „Der Tag des Opritschniks“ erschien bereits im Jahr 2006 und nimmt in Form einer Dystopie mit satirischen Elementen die Entwicklung Russlands bis heute in beängstigender Weise voraus. Sein Russland des Jahres 2027 hat sich international weitgehend isoliert und bei allerlei modernen Einsprengseln kulturell einen Rückschritt in die Zarenzeit unternommen. Die Macht des väterlich beschriebenen Gossudaren wird durch die Opritschniki in einer äußerst brutalen und teilweise obszönen Weise gewahrt. Der Ich-Erzähler Komjaga bedient sich dazu einer schwülstigen, pathetischen Sprache. Die Taten der Opritschniki und deren Machtfantasien sind dabei sehr drastisch beschrieben. Ein sehr bedrückendes Werk mit vielen Bezügen zum aktuellen und historischen Russland, dabei immer wieder mit bösem satirischen Witz, bei dem das Lachen buchstäblich im Halse stecken bleibt.

 

Der Tag des Opritschniks | Erstmals erschienen 2006
Die Neuauflage erschien am 12.04.2022 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00410-6
224 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: День опричника (Übersetzung aus dem Russischen von Andreas Tretner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Dystopie

 

 

Martin Krist | Wunderland (Band 8)

Der Berliner Kommissar Paul Kalkbrenner wird ungewöhnlicherweise nach Potsdam wegen eines Leichenfunds gebeten. Die im dortigen Wertstoffhof gefundene männliche Leiche stammt aber aus dem Bioabfall eines Berliner Abholbezirks. Die Identität des Toten ist allerdings nur schwer zu klären, bis ein Hinweis auftaucht, dass der Tote in einem privaten Theater mitspielte. Dort war der Tote im Ensemble nicht gerade beliebt, Untreue, Affären, Streitigkeiten gab es unter den Laienschauspielern. Aber reicht das schon für ein Mordmotiv?

Währenddessen hat die Potsdamer Kommissarin Jamina Stark den Tote vom Wertstoffhof an die Berliner Kollegen abgegeben, dafür muss sie allerdings einen privaten Schicksalsschlag hinnehmen: Ihr Bruder wird tot mit einer Überdosis aufgefunden. Dabei war er doch seit Monaten clean und auf einem guten Weg. Jamina kann sich mit der offiziellen Version einer selbstverschuldeten Überdosis nicht abfinden und recherchiert auf eigene Faust weiter. Parallel erzählt der Autor die tragische Geschichte eines Geschwisterpaares, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen und die nun in ein kirchliches Kinderheim kommen und dort Missbrauch und Demütigung erfahren. Nach und nach schält sich heraus, was diese drei Stränge miteinander zu tun haben.

Autor Martin Krist ist erfolgreicher Selfpublisher und Vielschreiber. Seine Reihe um Kommissar Kalkbrenner umfasst bereits neun Bände (inkl. Eines Kurzgeschichtenbands). Der aktuelle (reguläre) 8.Band „Wunderland“ erzählt im Hintergrund eine sehr bedrückende Geschichte von vernachlässigten Heimkindern und sexuellem Missbrauch und wie dies das ganze Leben der Betroffenen prägt. Das Buch ist zwar als Thriller betitelt, lässt sich dafür aber im Aufbau und bei den Figuren ziemlich viel Zeit. Das geht zwar auf Kosten der Spannung, tut dem Gesamtwerk aber insgesamt ganz gut. Gut gefiel mir auch das Spiel des Autors mit den Zeitebenen, sodass selbst ein versierter Krimileser manches, aber längst nicht alles vorhersehen konnte. Ein wirklich ordentlicher Krimi.

 

Wunderland | Erschienen am 11.04.2022 im Selbstverlag (R&K)
ASIN: ‎ B09TJCN7F6
535 Seiten | 22,99 € (gebunden) | 12,99 € (Taschenbuch) | 0,99 € (E-Book)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

Und wenn das Rechtssystem versagte, kamen die Leute zu mir. Für ein paar Hundert Dollar übte ich in Ihrer Namen zumindest ansatzweise Rache. Mein Beitrag zur Gerechtigkeit. (Auszug S.54)

Virgil Wounded Horse ist ein Lakota und lebt im Rosebud-Reservat in South Dakota. Er schlägt sich als Vollstrecker durch: Viele Straftaten, besonders gegen Personen, werden im Reservat nicht verfolgt. Die örtliche Polizei im Reservat ist nur für Kleindelikte zuständig, die Bundespolizei interessiert sich für vieles, was die Indianer untereinander betrifft, nicht. Dann tritt Virgil auf und vermöbelt einen Übeltäter im Auftrag der Geschädigten, um wenigstens etwas Gerechtigkeit herzustellen.

Eines Tages wird Virgil von Ben Short Bear, Mitglied des Stammesrates, angesprochen. Im Reservat ist Heroin aufgetaucht, einer der Lakota, ein gewisser Rick Crow, arbeitet wohl mit Mexikanern zusammen und bringt das Zeug ins Reservat. Virgil soll das Ganze unterbinden. Zunächst lehnt Virgil ab. Als jedoch kurz darauf Virgils Neffe und Adoptivsohn Nathan fast an einer Überdosis stirbt, fährt Virgil mit seiner Ex-Freundin Marie Richtung Denver, um Crow aufzuspüren. Wider Willen gerät Virgil kurz darauf in eine Polizeiaktion, die vor allem Nathan in große Gefahr bringt.

„Die Polizei ist nicht ihr Freund und Helfer. Vor allem die Feds nicht. Momentan gibt es nur einem Menschen, dem Sie vertrauen können, und der sitzt vor Ihnen. Falls Ihnen das bis heute noch nicht klar war, dann sage ich es Ihnen nochmal in aller Deutlichkeit: Wenn es um das Recht der Weißen geht, ziehen die Natives immer den Kürzeren.“ (Auszug S.196)

David Heska Wanbli Weiden ist selbst Bürger der Sicangu Lakota Nation, lebt inzwischen in Denver, aber kann die Verhältnisse in den amerikanischen Reservaten aus eigener Hand beschreiben. Die Situation ist oftmals mehr als prekär, Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholprobleme, niedrige Lebenserwaltung, hohe Selbstmordrate. Sehr viele Natives, die in den Reservaten bleiben, leiden unter psychischen Problemen, haben Schwierigkeiten, ihre Identität als Indianer unter den gegebenen Bedingungen zu bewahren. Es gibt zu wenig Hilfsprogramme. Interessant erscheinen Aktionen, die sich auf alte Traditionen zurückbesinnen, um dadurch wieder Stammes- und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Diese ganze Nebenaspekte bilden den stilvollen Rahmen für diesen düsteren Krimi, der sich viel Zeit für seine Figuren und das Setting nimmt. „Winter Counts“ war der erste Kriminalroman des Autors, der damit aber direkt zahlreiche Literatur- und Krimipreise einheimste und auf der Short List des Edgar Award stand.

Virgil ist einer dieser Bewohner des Reservats, der nie raus gekommen ist und sich der schwierigen Lage mehr schlecht als recht angepasst hat. Die alten Traditionen und Rituale interessieren ihn nicht wirklich mehr. Er lebt quasi von der Hand in den Mund, ist aber bemüht, dem Sohn seiner verstorbenen Schwester ein halbwegs ordentliches Zuhause zu bieten. Seine Ex Marie hingegen ist eine Art Aktivistin, die sich mit der Situation des Reservats nicht abfinden will und daher tatkräftig Aktionen zur Verbesserung der Lage unterstützt. Sie hält auch viel von Rückbesinnung auf alte Stammestraditionen.

Die Geschichte wird von Virgil als Ich-Erzähler erzählt, bleibt lange Zeit etwas spannungsarm, bevor sie zum Ende hin förmlich explodiert. Der Reiz des Buches liegt daher weniger am eher soliden Plot, sondern am Schauplatz, an der schonungslosen Beschreibung der prekären Verhältnisse und an der Faszination der Stammesrituale. Dabei teilt Weiden zu beiden Seiten aus, korrupte eigene Leute bekommen genauso ihr Fett weg (wie die Weißen, die den Natives immer noch die Selbstbestimmung verweigern. Dadurch sicherlich ein Kriminalroman, der aus der breiten Masse herausragt.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Winter Counts | Erschienen am 23.05.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-46-8
460 Seiten | 16,00 €
Originaltitel: Winter Counts (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Eine Zelle für Clete (Band 18)

James Lee Burke | Eine Zelle für Clete (Band 18)

Bald ist die Mammutaufgabe vollbracht. Verleger Günther Butkus war schon immer großer Fan von James Lee Burke und seiner Reihe um Detective Dave Robicheaux aus Louisiana. Diese Reihe wird vom Autor seit Band 1 „Neonregen“ regelmäßig fortgeführt. Auch in Deutschland mit einigem Erfolg (u.a. ein Deutscher Krimipreis für „Weißes Leuchten“), doch irgendwann nach Erscheinen der Übersetzung von Band 12 gab es keine weiteren Erscheinungen. Doch Butkus blieb Autor und Reihe treu und bemühte sich konkret um Band 15 als Neustart der Reihe. Und bewies den richtigen Riecher und das richtige Timing: Kurz zuvor begann in Deutschland die Wiederentdeckung des Autors mit dem preisgekrönten „Regengötter“ (erschienen bei Heyne Hardcore) und „Sturm über New Orleans“, erschienen 2015, in dem sich Burke den Zorn über das Versagen der US-Regierung bei Hurrikan Katrina von der Seele schreibt, erwies sich als perfekter Wiedereinstieg in den düsteren Kosmos von Dave Robicheaux im schwülen, korrupten, gewalttätigen, aber wunderschönen Louisiana. Doch damit sollte nur ein Anfang gemacht sein: Alle Romane der Reihe sollten nach und nach im Pendragon Verlag erschienen – und nun ist man nicht weit vom Ziel entfernt. „Eine Zelle für Clete“ ist Band 18, in Kürze erscheint „Die Tote im Eisblock als Band 19. Dann harren nur noch das 2013 als 20. Band erschienene „Light of the World“ und das als bislang letzter Band vor zwei Jahren veröffentlichte „A Private Cathedral“ der deutschen Übersetzung. Für einen kleinen Verlag eine große Aufgabe, aber eine große Bereicherung für den deutschen Krimileser.

„Wissen Sie, warum seit vier Monaten nicht mehr über diese Mädchen berichtet wird? Weil´s keinen juckt. Wir sin` hier in Louisiana, Robo man. Schwarz oder weiß, das spielt keine Rolle. Wenn du Geld hast, kriechen dir die Leute in den Arsch. Wenn du keins hast, treten sie dir in denselben.“ (Auszug S. 16)

Ein typischer Auftakt in einen Robicheaux-Roman. In den letzten Jahren wurden sieben junge Mädchen tot in den Sümpfen Louisianas gefunden, die meisten davon Prostituierte. Wahrscheinlich alle ermordet, obwohl der Zustand der Leichen eine eindeutige Aussage nicht immer zuließ. Die Polizei ermittelt halbherzig, es gibt zu wenig Spuren, ein Zusammenhang zwischen den Toten wird zwar vermutet, aber kann nicht erhärtet werden. Auftritt Detective Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel, Privatermittler und Kautionsagent: Die beiden gehen privat einigen Hinweisen nach und diese führen zum Zuhälter Herman Stenga. Stenga wiederum unterhält Verbindungen zu den Abelards, einer Südstaatenfamilie, deren Reichtum noch auf Sklavenhaltung fusst und die angeblich in Verbindung zu Mafiaclans steht, nach außen hin aber gesellschaftlich renommiert ist. Für Dave besonders heikel: Seine Adoptivtochter Alafair ist seit kurzem mit dem jüngsten Sohn der Familie, Kermit Abelard, befreundet. In Kermits Dunstkreis bewegt sich zudem der Ex-Häftling Robert Weingart, der nun als Buchautor seiner Biografie Erfolge feiert, den aber weiterhin eine dunkle Aura umgibt.

Dave und Clete können zwar einige lose Verbindungen vom letzten Mordopfer zu Kermit Abelard aufdecken, doch sie haben weiterhin zu wenig in der Hand. Dennoch lassen sie sich nicht abschütteln. Als Clete sich von Stenga zu Gewalttätigkeiten provozieren lässt und Stenga schwer verletzt, geraten Dave und Clete aber zunehmend unter Druck. Schließlich wird Stenga in seinem Haus umgebracht und die Indizien deuten eindeutig auf Clete.

Doch er war in seiner Naivität nicht allein. Ich selbst ermittelte in Angelegenheiten, für die ich nicht zuständig war, meine Einschätzungen waren oft von Vorurteilen beeinflusst, meine Hartnäckigkeit grenzte wahrscheinlich an Besessenheit. In den Augen war vieles, was ich tat, genauso verrückt wie Cletes Eskapaden. Und da waren wir nun, die zwei Hofnarren von Louisiana, die es mit Angehörigen der gesellschaftlichen Elite aufnahmen, ohne den kleinsten Beweis in der Hand zu haben. (Auszug S. 419)

Der Auszug beschreibt den Grundtenor des Buches, eigentlich der ganzen Reihe, sehr treffend. Dave Robicheaux und Clete Purcel als Hofnarren, als Kämpfer gegen Windmühlen, allein gegen die gesellschaftliche und kriminelle Elite Louisianas, was oft genug dasselbe ist. Die beiden sind dabei selbst nicht zimperlich, überschreiten mehr als einmal die Grenze – immer, fast schon verweifelt, auf der Suche nach Gerechtigkeit. Immer wieder wird auch die Vergangenheit der beiden zitiert, alte Traumata wieder aufgewühlt, die Clete in Alkohol und Dave in Dr.Pepper ertränken. In diesem Roman bekommt Dave zudem Todesahnungen, die sich in einem Schaufelraddampfer auf dem Bayou manifestieren.

Im Band 18 erfindet James Lee Burke sich natürlich nicht neu, vieles ist wohlbekannt. Die Tiefe der Figuren, die Beschreibungen der Südstaaten-Landschaft, der kraftvolle Schreibstil goutiert der Fan der Reihe aber durchaus. „Eine Zelle für Clete“ führt den Kosmos souverän fort, weiß an der einen oder anderen Stelle aber noch zu überraschen, etwa bei den starken Szenen, als Dave in der Marschlandschaft auf ein Killerkommando trifft. So freue ich mich als bekennender Fan auf die letzte Bände mit Dave und Clete und die einzelnen Bände dazwischen, die ich noch nachholen muss.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Eine Zelle für Clete | Erschienen am 26.01.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-752-9
544 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Glass Rainbow (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Norbert Jakober)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke auf Kaliber.17

Hoeps & Toes | Der Tallinn-Twist

Hoeps & Toes | Der Tallinn-Twist

Die niederländische Anwältin Marie Vos arbeitet seit etwa einem Jahr erfolgreich bei der Anti-Betrugseinheit der Europäischen Union, als sie von der Security-Abteilung, sozusagen der Geheimdienst der EU, rekrutiert wird und direkt in eine konkrete Operation eingebunden wird. Der Deutsche Dennis Bahr ist ein EU-Beschäftigter in einer Taskforce zur Rekommunalisierung der Wasserwirtschaft. Er steht unter Verdacht der Spionage für die Gegenseite. Bahr soll bei einer Joggingrunde festgenommen werden. Doch die Operation geht schief, Bahr entkommt und wird doch wenig später tot aufgefundet. Die Todesursache ist unklar, allerdings ist die Temperatur der Leiche etwas sehr kühl für das frische, aber keineswegs sibirische Wetter in Brüssel. Das Leck innerhalb der Taskforce ist also immer noch offen, sodass Vos als neue Assistentin der Leiterin Guiliani in die Taskforce eingeschleust wird.

Die „Taskforce für eine Neuordnung der europäischen Wasserversorgung“ ist eine Einrichtung, die als Reaktion auf zahlreiche Probleme mit der Privatisierung weiter Teile der Wasserversorgung und auf den Protest zahlreicher EU-Bürger*innen gegründet wurde. Der letzte öffentlichkeitswirksame Protest in Brüssel endete tragischerweise mit zwei Todesopfern. Die Taskforce mit vier Mitgliedern aus verschiedenen Generaldirektionen der EU soll nun in Tallinn in Estland einen Mustervertrag zur Rekommunalisierung der örtlichen Wasserwerke zum Abschluss bringen. Doch das ist mit erheblichen Widerständen verbunden. Auch innerhalb der EU-Organisation stehen nicht alle hinter dem Vorhaben. Gravierender ist aber die Gegenwehr der privaten Wasserunternehmen. Wie weit sind diese bereit zu gehen und inwiefern spielen staatliche und geheimdienstliche Akteure (auch außerhalb der EU) eine Rolle? In Estland erwartet die Taskforce ein rauher Wind. Die erstarkten Rechtspopulisten haben nicht vor, sich von der EU bevormunden zu lassen. Erschüchterung, Falschmeldungen und blanke Gewalt bedrohen die Verhandlungen. Marie Vos wird in ihrer neue Rolle direkt stark gefordert. Doch bei allem Druck von außen, bleibt die Frage, wer innerhalb der Taskforce ein falsches Spiel treibt.

„Das ist eine schamlose Erpressung! Darauf gehen Sie doch nicht ein, oder?“, zischte er. „Autoritäre Regierungen, pfff! Diese Subventionsjäger drohen mit der Pest und bringen uns die Cholera.“ (Auszug S.240)

Hoeps und Toes sind ein seit Jahren erfolgreich zusammenarbeitendes deutsch-niederländisches Autoren-Duo. Zuletzt hatten sich mit „Die Cannabis-Connection“ einen clever konstruierten Thriller um einen deutschen Staatssekretär verfasst, der in Folge seiner Gesetzesentwürfe zur Cannabis-Legalisierung bedroht wird. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt.

Mit dem vorliegenden Roman haben sie wiederum ein sehr spannendes und sehr aktuelles Thema in ihrem Thriller aufgegriffen. Das Problem der Wasserversorgung durch private Konzerne ist inzwischen an einigen Stellen schon negativ aufgefallen. Es geht vor allem um Versorgungssicherheit, um soziale Fragen und staatliche Einflussmöglichkeit auf ein Grundgut der Daseinsvorsorge. Im Plot des Romans kommen zwei weitere brandaktuelle Aspekte hinzu: Zum einen die Erfolge rechtspopulistischer Regierungen vor allem in Osteuropa, die die Grenzen der EU bewusst ausloten, sich europäische Einflussnahme verbitten oder sich durch EU-Subventionen teuer bezahlen lassen. Zum anderen der Einfluss fremder Kräfte auf die EU, gerade Estland fürchtet den Nachbarn Russland, zumal es ein große russische Minderheit in Estland gibt. In der Logik Putins böte sich im Falle einer erfolgreichen „Spezialoperation“ in der Ukraine eine weitere in Estland gerade zu. Dies zu verhindern, liegt militärisch bei der NATO, aber im zivilen Bereich bei der EU.

Der besondere Reiz dieses Thriller liegt aus meiner Sicht darin, dass die Autoren einen interessanten Einblick in die Arbeit der EU-Behörden geben, in der sich zahlreiche Behörden zum Teil selbst behindern und angesichts divergierender Interessen sehr problematische Kompromisse geschlossen werden. Im Roman wird dies auch durch die sehr unterschiedlichen Mitglieder der Taskforce umgesetzt, in der von Zynikern über Pragmatiker bis zu Idealisten alle versammelt sind. Das ist im genre ziemlich neu, Spiegel-Rezensent Marcus Müntefering meinte gar, dass Hoeps und Toes „den wohl ersten relevanten EU-Thriller geschrieben [haben]“.

Insgesamt überzeugt „Der Tallinn-Twist“ auf vielerlei Ebenen. Auch bei der Hauptfigur Marie Vos, der man den Neulingsstatus im Parkett der Spionage noch ein einigen Stellen anmerkt, die aber gerade dadurch ein realistisches Profil entwickelt. Durch die ganze EU-Bürokratie merkt der Leser manchmal gar nicht, dass er sich in einem waschechten Spionagethriller befindet, in dem auch auf einige actionreifere Elemente nicht verzichtet werden muss, ebenso auch auf einen Schuss Humor. Somit bleibt am Ende das Fazit: Ein höchst aktueller, gut rechercherter und sehr ordentlich geplotteter Thriller. Klare Leseempfehlung.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Tallinn-Twist | Erschienen am 14.02.2022 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00575-4
320 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Marcus Müntefering zu dem Roman auf Spiegel Online.