Kategorie: Andy Ruhr

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Die korpulente Gerda Wohlleben errötete und zeigte ihrer Freundin Irmgard kichernd das Zettelchen, das der Kellner mit der Saalpost gebracht hatte. Ick bin so jalant, nehm Ihnen bei der Hand. Wenn Se nicken, lass ick mir blicken. Bei Clärchen gab es keine Telefone, diese neue, kostspielige Mode machte sie nicht mit. Papier erfüllte den Zweck genauso gut und war auch romantischer als ein Apparat, der auf dem Tisch stand und kaum Platz für Sekt und andere Erfrischungen ließ. (Auszug Seite 11)

An einem heißen Abend im Sommer 1928 wird das Tanzvergnügen in Clärchens Ballhaus in Berlin jäh unterbrochen. Während im Saal der Witwenball stattfindet, wird die Garderobiere Adele Schmidt im Hinterhof tot aufgefunden. Alles deutet auf eine Gewalttat hin und Leo Wechsler, Oberkommissar im Berliner Morddezernat, der sich gerade auf einer Feier der Kripo im Lunapark befindet, wird informiert. Es ist Wochenende und es herrscht natürlich Hochbetrieb in dem Amüsierviertel. Leo hat die schwierige Aufgabe, in der unübersichtlichen Lage die Befragungen aller Gäste und Angestellten zu organisieren. Ausgerechnet jetzt fehlt Freund und Kollege Robert Walther unentschuldigt. Zur kurzfristigen Unterstützung stößt ein Kollege von der Politischen Polizei hinzu. Adele Schmidt wurde offenbar erstickt, nachdem sie zuvor mit Chloroform betäubt wurde.

Das Phantom von Frankfurt

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen, zunächst führen aber alle Spuren in Sackgassen. Die bei allen beliebte Adele lebte in einfachen Verhältnissen, wie konnte sie sich das teure Seidenkleid leisten, dass sie am Tage ihrer Ermordung trug? Verdächtig macht sich auch ihr kommunistischer Exfreund, der mit der Trennung nicht gut zu Recht kam und ein kurz nach der Tat nicht mehr aufzufindender Pianist sorgt für ordentliche Verwirrung. Die patente Clara Bühler kann sich keinen Anschlag von Konkurrenten vorstellen, zu sehr halten sie und ihre „Saalschwestern“ zusammen.

Erst als kurz darauf ein junges Mädchen in einem Berliner Park vergewaltigt wird, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Opfer wurde ebenfalls vorher mit Chloroform betäubt und Wechsler findet einen Hinweis auf eine einige Jahre zurückliegende Vergewaltigungsserie in Frankfurt. Der Täter wurde nie gefasst und in der Öffentlichkeit „Das Phantom von Frankfurt“ genannt.

Meine Meinung

Im bereits siebten Band der Reihe entführt Susanne Goga den Leser in die schillernde Welt der Tanzpaläste und Amüsierbetriebe der damaligen Zeit, auch die Schilderung der Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung kommt nicht zu kurz. Die privaten Probleme der Ermittler drängen sich nicht in den Vordergrund, aber Susanne Goga nutzt hauptsächlich in Nebensträngen das Alltagsleben ihrer Figuren, die Lebensumstände der damaligen Zeit oder die Situation der Frauen in der Gesellschaft darzustellen. Auch die politische und gesellschaftliche Lage wird durch die Nebenfiguren illustriert. Und wenn man die Serie von Anfang an verfolgt, will man natürlich wissen, wie die vertrauten Charaktere sich entwickeln, was sie erleben. Zum Beispiel wenn Wechslers Sohn Georg von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine naturwissenschaftlich interessierte Tochter Marie eine Ausbildungsstelle für medizinisch-technische Assistentinnen besucht. Den Streit zwischen Leo und seinem Freund Robert fand ich etwas konstruiert. Dieser wird in eine kleine Außenstelle strafversetzt und lernt hier national gesinnte Kollegen kennen. Das könnte in einem weiteren Band noch interessant werden.

Der Mord ist recht unspektakulär und könnte auch in einer anderen Zeit spielen. Der gut konstruierte Krimiplot ist eher verzwickt als atemlos spannend und kommt ohne große Actionszenen aus, bietet aber durchaus fesselnde Unterhaltung. Es macht einfach Spaß, Wechsler und seine Kollegen bei ihren akribischen Ermittlungen über die Schulter zu schauen. Die Krimihandlung wird in eine atmosphärische, authentische Schilderung des Lebens im Berlin der 1920er Jahre eingebettet, und was die Reihe so lesenswert macht, ist dass man über die zeitspezifischen Verhältnisse der gar nicht so goldenen Jahre wie nebenbei erfährt.

Seit 1913 wird in Clärchens Ballhaus in Berlin getanzt. Noch heute steht der Tanzpalast, benannt nach seiner Betreiberin Clara Bühler, fast unverändert mit Livemusik und Spiegelsaal in der Auguststraße. Neben Abendveranstaltungen fanden auch immer Tanzkurse statt. Seit Ende 2019 ist das Ballhaus allerdings geschlossen, der neue Besitzer will das Kultlokal nach Sanierungen wieder eröffnen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Ballhausmörder | Erschienen am 21. Februar 2020 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21808-5
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Sumpffieber Bd. 10

James Lee Burke | Sumpffieber Bd. 10

Nur zweimal in meinem Leben hatte ich eine solche Morgendämmerung erlebt: einmal in Vietnam, als auf einer Nachtpatrouille eine Mine vor mir detoniert war und ihre Leuchttentakel um meine Oberschenkel geschlungen hatte, und das andere Mal, Jahre davor, draußen vor Franklin, Louisiana, als mein Vater und ich die Leiche eines Gewerkschaftlers entdeckt hatten, den man mit 16-Penny-Nägeln an Fuß- und Handgelenken an eine Scheunenwand genagelt hatte. (Auszug Seite 5)

Die grausame Hinrichtung des Gewerkschaftlers Jack Flynn konnte nie wirklich aufgeklärt werden. Das belastet den Ich-Erzähler Sheriff Dave Robicheaux auch Jahrzehnte später immer noch. Besonders jetzt, als dessen Tochter Megan Flynn, inzwischen eine berühmte Fotografin gemeinsam mit ihrem Bruder Cisco in ihre Heimat New Iberia zurückkehrt. Cisco Flynn, in Hollywood ein bekannter Regisseur, will in den Bayous um New Iberia nach Drehorten für einen neuen Film suchen. Produzent ist der reiche und einflussreiche Plantagenbesitzer Archer Terrebonne. Da das Filmbudget überzogen wurde, hatte der Regisseur Billy Holtzner Geld unterschlagen und jetzt Angst vor der Mafia. Er engagiert Clete Purcell, Robicheaux‘ Freund und ehemaligen Partner bei der Polizei und dieser arbeitet jetzt für den schmierigen Regisseur und seine Tochter als so eine Art Bodyguard.

Ebenfalls am Set tummelt sich ein enger Freund der Flynns aus ihren Tagen im Waisenhaus. Swede Boxleitner, ein brutaler Psychopath ist erst vor wenigen Tagen aus dem Knast entlassen worden und zieht das Interesse der FBI-Agentin Adrien Glazier auf sich.

Die hartnäckige Megan stellt viele Fragen und setzt sich besonders für den Kleinganoven Cool Breeze Broussard ein, der im Bezirksgefängnis von dem neuen, sadistischen Gefängnisverwalter Alex Guidry misshandelt wird. Obwohl schon viele Jahre her, leidet Broussard immer noch unter dem Selbstmord seiner Frau Ida, für den er sich die Schuld gibt. Robicheaux wird auf einen neuen Fall angesetzt, bei dem zwei junge Weiße in den Sümpfen des Missisippi-Deltas regelrecht liquidiert wurden. Sie wurden beschuldigt, eine 17jährige Schwarze vergewaltigt zu haben. Das Mädchen hatte ihre Anzeige wieder zurückgezogen. Einiges deutet darauf hin, dass der rassistische Alex Guidry in beide Fälle verstrickt ist.

Und das sind nur einige der Handlungsfäden und Figuren, mit denen es der Leser zu tun bekommt. Es ist eine vertrackte Geschichte, die weit in die Vergangenheit geht und mehrere Generationen betrifft. Alles scheint miteinander in Verbindung zu stehen, es bleibt bis zum Ende undurchschaubar, aber auch sehr spannend. Der harte Plot ist sehr anspruchsvoll und bedarf einer ständigen Konzentration, da vieles nur angedeutet wird und man sonst die Hintergründe nicht so leicht durchschaut. Einmal angefangen konnte ich den Roman aber nicht mehr aus der Hand legen. Burkes Schreibstil ist eigenwillig und poetisch, sprachlich auf hohem Niveau, nichts um es mal schnell weg zu lesen.

Die komplexe Geschichte ist eingebettet in eine bildgewaltige Beschreibung der Südküste der USA mit den feuchtschwülen Sümpfen Louisianas, den Mangrovenwäldern und der malerischen Schönheit der Bayous. Epische Natur- und Landschaftsbeschreibungen sind die große Stärke des Autors. Man spürt während des Lesens die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit am eigenen Körper und man bekommt ein Gefühl dafür, wie die Südstaatler ticken.

Denn neben den intensiv beschriebenen Settings sind für mich die vielschichtig angelegten Haupt- und Nebenfiguren das Herzstück dieses Krimis. Die differenziert beschriebenen Charaktere agieren oft widersprüchlich und sind nicht nur gut oder schlecht, sondern mit vielen Facetten ausgestattet. Burke deckt menschliche Abgründe auf, beschreibt emotionale Konflikte und spiegelt damit die amerikanische Gesellschaft wider.

Dave Robicheaux, Burkes alter Ego ist ein altbewährter Archetyp des Genres. Der Vietnam-Veteran und trockener Alkoholiker ist im Bayou auf gewachsen und geht regelmäßig zu den Anonymen Alkoholikern. Ruhe findet er zumindest in diesem 10. Band bei der Arbeit in seinem kleinen Köderladen mit Bootsverleih. Die Szenen mit seiner Frau Bootsie und Adoptivtochter Alafair bilden einen Gegensatz zu dem brutalen Mix aus Action und Gewalt. Der Südstaaten-Cop, stur und beharrlich hat einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn und hinter seiner oft barschen Art verbirgt er sein Herz für die kleinen Leute, die Menschen ganz unten.

Selten habe ich mich mit dem Schreiben einer Rezension so schwer getan wie mit dieser. Über diesen Godfather des Hardboiled Krimis, der literarischen Legende James Lee Burke scheint schon alles gesagt zu sein, auch von meinen sehr geschätzten Blogkollegen.

Sumpffieber ist der 10. Band der Dave-Robicheaux-Reihe und wurde jetzt neu vom Pendragon-Verlag in einer überarbeiteten Form herausgebracht. Das Original erschien bereits 1998 unter dem Titel „Sunset Limited“ und hat auch nach 20 Jahren in Bezug auf den allgegenwärtig praktizierten Rassismus und den sozialen Konflikten im tiefsten Süden der USA nichts von seiner Aktualität verloren.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Sumpffieber | Erstmals erschienen 1998,
die aktuelle, überarbeitete Ausgabe erschien am 4. Juli 2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-645-4
456 Seiten | 18,- Euro
Originaltitel: Sunset Limited
Bibliografische Angaben

Weiterlesen: Rezensionen von Gunnar zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 14, Band 16, Band 21

Norbert Horst | Kaltes Land

Norbert Horst | Kaltes Land

„Und als ihr kamt, war das Schloss noch intakt?“ Steiger zog die Brauen hoch und stieß kurz Luft durch die Nase aus. „Ja, es war noch in Ordnung, und die Tür war auch verschlossen. Schon klar, ein Schlüsseldienst wäre besser gewesen, aber wer rechnet denn in diesem Drecksloch mit so was. Ich hab im schlimmsten Fall an einen toten Penner gedacht, aber eigentlich mehr an irgendein verrecktes Vieh oder vergammeltes Fleisch.“ Auszug Seite 34

Die Dortmunder Nordstadt gilt schon länger als Problemviertel. Der Multikulti-Stadtteil nahe der Innenstadt steht zwar auch für kulturelle Vielfalt, aber mehr noch für Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel. Trotz großer Bemühungen seitens der Stadt stehen in dem ehemaligen Arbeiterviertel zwischen Nordmarkt, Hafen und Borsigplatz viele unbewohnbare Schrottimmobilien immer noch leer.

Ein toter Bodypacker
In einem dieser Problemhäuser wird ein sogenannter Bodypacker tot aufgefunden. Offensichtlich hatte er Drogenpäckchen zum Transport geschluckt und war daran verstorben. Kein schöner Anblick für Kommissar Thomas Adam, von allen nur Steiger genannt, und seine Kollegin Jana Goll. Um trotzdem noch an die Ware zu kommen, war der Körper des Jungen regelrecht ausgeweidet worden. Auf einem verbliebenen Kokainpäckchen kann zumindest ein Teilabdruck gesichert werden. Doch dieser weist auf einen Mann hin, der seit Jahren tot sein soll. Auch die Identität des Opfers lässt sich nicht klären, denn hier hat es die Dortmunder Kripo mit Illegalen zu tun. Menschen, die ihre wahre Identität verschleiern, indem sie ihre Pässe wegwerfen sowie falsche Namen und Alter angeben, um nicht sofort wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu werden. Als dann in Kroatien die Leichen zweier junger Flüchtlinge gefunden werden, denen Organe entnommen wurden, stellt Steiger schockiert fest, dass er einen davon kennt. Er und Jana hatten den Jungen erst vor kurzem in eine Dortmunder Unterkunft gebracht.

Es ist ein politisch brisantes und aktuelles Thema, dass Norbert Horst hier thematisiert. Es geht um minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung in Deutschland ankommen. Auf der Flucht haben sie oft Furchtbares erlebt, sind traumatisiert. Aus Angst vor Abschiebung lassen sie sich nicht registrieren und werden gezielt von skrupellosen Menschenhändlern oft schon am Bahnhof abgefangen. Es sind meistens Landsleute, die sie ansprechen und ihnen vordergründig Hilfe zusichern. In dieser Parallelwelt ist das Leben der Flüchtlinge nicht viel wert und der Tod wird billigend in Kauf genommen. Einfach verdientes Geld, denn wen die Behörden nicht auf dem Schirm haben, kann auch nicht vermisst werden.

Ein kaltes Land
Der Autor nutzt die Perspektive zweier Jugendlicher und schildert deren mühsamen Weg aus Afghanistan nach Deutschland auf eine lebenswerte Zukunft hoffend. Auf der Flucht verliert Arjun seinen Onkel, ist erst mal ganz alleine unterwegs, bis er die gleichaltrige Samira kennenlernt. In Deutschland angekommen geraten die beiden sofort in die Fänge von Kriminellen.

Im dritten Fall des Dortmunder Kommissar Thomas Adam sieht sich dieser mit den mafiösen Aktivitäten einer Organisation konfrontiert, die von Drogenhandel, Zwangsprostitution bis Organhandel alles abdeckt. Sachlich und nüchtern wird in kurzen, knappen Kapiteln geschildert, wie Steiger und sein Team auf der Suche nach dem hochintelligenten Drahtzieher dieses kriminellen Netzwerkes sind. Der Leser ist die ganze Zeit hautnah bei der akribischen Polizeiarbeit dabei und der Polizeialltag mit seiner unvermeidlichen Bürokratie ist natürlich nicht immer megaspannend. Auch die Kriminalbeamten werden nicht als Superhelden dargestellt und was mir sehr gut gefallen hat, niemand stürzt sich in gefährliche Alleingänge. Plausibel wird geschildert, dass vor gefährlichen Einsätzen erst auf das SEK gewartet wird und dass die Sicherheit der Polizisten immer im Vordergrund steht. Das wirkt realistisch und liegt sicher daran, dass Norbert Horst weiß, wovon er schreibt, denn er hat jahrelang erst als Streifenbeamter und nach seinem Studium als Kriminalbeamter beim Landeskriminalamt gearbeitet. Er sammelte Erfahrungen als Ermittler in Wirtschaftskriminalfällen und in diversen Mordkommissionen. Dadurch entsteht eine große Glaubwürdigkeit und das macht den Reiz dieser Kriminalserie aus.

Auch wenn es manchmal noch den ein oder anderen alten Kripohaudegen gab, der in gewohnter elitärer Ermittlerarroganz seine Herablassung für diese Truppe zeigte, waren doch alle froh und erleichtert, dass es sie gab und man nach ihrem Einsatz den Ort eines Verbrechens so gefahrlos betreten konnte, als sei es das eigene Wohnzimmer. Auszug Seite 377

Ein Dortmunder Bulle
Steiger ist ein Polizist, wie man ihn gerne hätte. Er ist empathisch mit einem großen Gerechtigkeitsempfinden, kollegial und trinkfest, aber ohne großen beruflichen Ehrgeiz. Während die Beziehung zu seiner großen Liebe Eva kompliziert bleibt, bemüht er sich um seinen langjährigen Kollegen und Freund Batto, der im Dienst einen Täter erschossen hat und dem das schwer zu schaffen macht. Steiger steht ziemlich hilflos daneben und sieht die Freundschaft der beiden dadurch fast zugrunde gehen. Auch das las sich für mich sehr authentisch.
„Kaltes Land“ ist der dritte Teil der Reihe um Kommissar Steiger, der aber auch gut ohne Vorkenntnisse der anderen Bände gelesen werden kann. Inzwischen ist bereits Band 4 „Bitterer Zorn“ erschienen.

Funfact: Steiger ist übrigens Schalke-Fan, aber mit einem Trikot dieses Vereins konnte ich nicht dienen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Kaltes Land | Erschienen am 18. September 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-4424-8617-5
400 Seiten |9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 der Reihe, „Mädchenware“, im Rahmen eines Mini-Themenspecials „Ruhrpottkrimis

 

Simon Beckett | Die ewigen Toten Bd. 6

Simon Beckett | Die ewigen Toten Bd. 6

Die Fledermaus war sofort wieder verschwunden, doch sie hatte den Rechtsmediziner so erschreckt, dass er nach hinten stolperte und mit den Armen ruderte, als sein Fuß von den Trittplatten abrutschte… Whelan schaffte es, Conrads Handgelenk zu packen, und eine Sekunde lang glaubte ich, er hätte ihn. Dann gab, begleitet von einem lauten Krachen von Holz und Gips, ein Stück des Bodens nach, und Conrad verschwand.( Auszug Seite 36)

Es ist ein wirklich schauriger Ort, den Simon Beckett sich als Setting für seinen sechsten Band ausgesucht hat. Das alte, schon seit Jahren leerstehende stillgelegte Krankenhaus in einem heruntergekommenen Viertel im Norden Londons beherbergt mittlerweile nur noch Fledermäuse und manchmal Obdachlose oder Junkies. Gegen die Proteste von Tierschützern soll das verfallene St. Jude demnächst abgerissen werden, aber bevor die Abbrucharbeiten tatsächlich beginnen, wird eine Leiche auf dem Dachboden gefunden. Die Tote ist in Plastikfolie eingewickelt und aufgrund des vorherrschenden trockenen Klimas ist der Körper zu großen Teilen mumifiziert.

Auftritt David Hunter

Der forensische Anthropologe David Hunter wird als Sachverständiger hinzugezogen. Er entdeckt sofort, dass die Tote schwanger war. Die Bergung in dem baufälligen Gebäude gestaltet sich schwierig. Und so passiert es, dass der Rechtsmediziner Dr. Conrad bei der Begutachtung der Leiche durch die Decke in einen anderen Raum stürzt. Bei der Rettung des Kollegen treten große Probleme auf, denn dieser Raum ist nicht nur auf keiner Karte eingezeichnet, sondern verfügt auch über keine Fenster, Türen oder irgendeinen Durchgang. Als es der Rettungsmannschaft endlich gelingt, in die komplett zugemauerte Kammer einzudringen, treffen sie auf einen weiteren grausigen Fund. Eine männliche sowie eine weibliche Leiche liegen komplett bekleidet und gefesselt in den Krankenhausbetten und zeigen deutliche Anzeichen von Folterungen.

Ein Lost Place

Der Autor zieht alle Register um die unheimliche, bedrückende Atmosphäre des Lost Place darzustellen. Wir begleiten den Ich-Erzähler David Hunter durch die dunklen, schmutzigen, teilweise noch nicht leergeräumten Gänge in dem baufälligen Kasten bis zum Dachboden, in dem sich die Hitze wie in einer Sauna staut. Durch die düsteren, detailreichen Beschreibungen des Labyrinths entstehen beim Leser Bilder im Kopf und man riecht förmlich den feuchten Dreck und Staub, spürt die Spinnweben und man kann die grauenvollen Ereignisse der Vergangenheit fast spüren.

Mit Hilfe eines Leichenspürhundes wird das alte Hospital nach weiteren Opfern durchsucht. Das zieht sich über viele Seiten und generiert eine morbide Spannung. Hinter jeder Ecke könnten weitere Tote oder andere schreckliche Überraschungen lauern. Während sich die Medien auf den Fall stürzen, beginnt Dr. Hunter mit seiner akribischen Arbeit, die daraus besteht, dass er Schicht für Schicht die Geheimnisse der Leichen freilegt und aus den Knochen die Todesart und den Todeszeitpunkt herauslesen kann. Typisch für Simon Beckett werden die Untersuchungen der sterblichen Überreste detailliert beschrieben und dadurch schleppt sich der Plot im bedächtigen Erzähltempo mit wenigen Actionszenen voran. Das mag für den ein oder anderen eklig sein oder auch ermüdend. Man kennt es bereits aus den vorherigen Bänden und man muss es mögen. Jedenfalls wird hier der Thriller gehörig ausgebremst.

Der Gutmensch

Sehr viel Raum wird auch wieder David Hunter und seinen Befindlichkeiten gewidmet. Ein privates Forensik-Team wird ihm vor die Nase gesetzt und er muss sich mit einem jungen, sehr selbstbewussten Kollegen rumschlagen. Daniel Mears ist auch kein stinknormaler forensischer Anthropologe, sondern bezeichnet sich als forensischer Taphonom und was ihm an Erfahrung fehlt, macht er durch Arroganz wieder wett. Hunter hat endlich in Rachel eine neue Lebensgefährtin gefunden, die aber beruflich unterwegs ist und alleine leidet er immer wieder unter Panikanfällen und Albträumen, aufgrund eines Attentats auf ihn in einem früheren Band. Ich meine mich zu erinnern, dass das im zweiten Band Kalte Asche passierte und ich finde dieser Erzählfaden wird schon zu lange gesponnen.

Etwas anstrengend fand ich die Bemühungen des gutherzigen David um eine ältere Dame, die in einem Waldgebiet in der Nähe des Krankenhauses umherirrt. Die total verbitterte Lola Lennox, die mit der Pflege ihres schwerkranken, bettlägerigen Sohnes überfordert scheint, lehnt seine Hilfe aber ab und hier fand ich Davids Verhalten fast übergriffig. Natürlich begibt er sich durch seine Alleingänge auch wieder in Gefahr und muss zum Schluss noch einiges einstecken. Diese Szenen waren für mich am Rande des Erträglichen und ich wünschte, der Autor hätte endlich mal Mitleid mit seinem Protagonisten.

Ich habe diesen Mainstream-Thriller gerne gelesen, denn Simon Beckett erfindet hier nicht das Rad neu, aber er versteht sein Handwerk und führt routiniert durch die Story. Bis zum Ende gibt es noch einige Twists, die ich zwar nicht besonders glaubwürdig fand, die mich aber doch sehr überrascht und unterhalten haben.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die ewigen Toten | Erschienen am 12. Februar 2019 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-5002-3
480 Seiten | 22.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Simon Beckett-Titeln Der HofVoyeur und Totenfang.

Tawni O’Dell | Wenn Engel brennen

Tawni O’Dell | Wenn Engel brennen

„Da draußen ist ein Typ, der Sie unbedingt sprechen will.“ „Hat das mit unserem Mädchen zu tun?“ „Nein. Er will seinen Namen nicht nennen, aber er sagt, er hat ihre Mutter getötet.“ Er lässt die Schwere dieser Aussage wirken. Bestimmt erwartet er eine Reaktion von mir, aber von mir kommt nichts. „Alles in Ordnung, Chief? Glauben Sie, der Witzbold meint das ernst? Sollen wir mal nach ihrer Mutter sehen?“ „Meine Mutter wurde ermordet, als ich fünfzehn war.“ (Auszug Seite 26)

Wenn Engel brennen liegt jetzt schon etwas länger auf meinem SuB, irgendwie konnten mich der reißerische Titel und das Cover nicht so richtig überzeugen. Ein Fehler, denn der Kriminalroman hat mich restlos begeistert und zählt zu meinen absoluten Highlights. Es ist der sechste Roman der amerikanischen Schriftstellerin und ihr erster eindeutiger Kriminalroman. Tawni O’Dell stammt aus dem ländlichen Pennsylvania und hier in einer ehemaligen Bergbauregion ist auch die Geschichte verortet.

In dem fiktiven Städtchen Buchanan ist die 50-jährige Dove Carnahan Polizeichefin. Seit 27 Jahren ist sie in dem ländlichen Ort ihrer Kindheit tätig und meistens für Bagatellfälle zuständig. Das tote Mädchen, das in Campbell’s Run gefunden wird, ist nicht nur für sie das Schlimmste, was sie je gesehen hat. Die Geisterstadt ist eine von denen, in der früher der Bergbau und damit die Industrie florierten und vielen Menschen Arbeit gab. Schon seit langem verrotten hier die Maschinen, die Einwohner wurden umgesiedelt und ganze Siedlungen verfielen. Unter der Erde brennen seit Jahrzehnten noch etliche Kohleflöze, die nicht gelöscht werden können und dadurch wurden ganze Regionen unbewohnbar gemacht. An einigen Stellen bilden sich an der Außenseite Risse, schwelende Brände und giftige Rauchschwaden dringen an die Oberfläche.

In dieser verwüsteten Landschaft wird der Teenager mit eingeschlagenem Schädel und in eine Decke gehüllt in einer Erdspalte gefunden. Vorher wurde sie mit Benzin übergossen und angezündet. Dieser grausame Mordfall ist kein Fall für die kleine Polizeieinheit des Countys und der übergeordnete State Trooper Nolan Greely übernimmt.

Er wirkt wie der große, stämmige, humorlose Trooper, bei dem einem Autofahrer mulmig wird, wenn er ihn in seinem Außenspiegel sieht. Tatsächlich ist der Detective bei der Kriminalpolizei und trägt keine Uniform mehr, aber die braucht er auch gar nicht. Vom stahlgrauen Bürstenhaarschnitt bis zum gemessenen, zielstrebigen Gang ist er durch und durch Cop, da gibt es kein Vertun. Er bleibt vor mir stehen und mustert mich mit regloser Miene durch eine verspiegelte Sonnenbrille. (Auszug Seite 9)

Aber Chief Carnahan kennt das Milieu und die Menschen ihrer Gegend besser und sie findet schnell heraus, dass es sich bei dem Opfer um die junge Camino Truly handelt, Mitglied einer in der Gegend Polizei bekannten Familie der weißen Unterschicht. Die Lebensumstände dieser für den Landstrich typischen White-Trash-Familie werden durch Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt dominiert. Dabei schlug die hübsche und intelligente Camio aus der Art. Trotz der desolaten Familienumstände war sie ehrgeizig, wollte aufs College gehen und studieren. Sie hatte einen Job und einen gutaussehenden Freund aus der Mittelschicht. Diesen machen die Trulys sofort als Täter aus und wählen Selbstjustiz als geeignetes Mittel, während sich Camios Mutter Shawna in eine destruktive Gleichgültigkeit flüchtet. Die Trulys misstrauen der Polizei und verweigern trotzig die Zusammenarbeit. So treten die Ermittlungen lange auf der Stelle und Chief Carnahan beißt sich die Zähne aus.

Von diesen Kindern erreichten sechs das Erwachsenenalter, fünf kamen nicht ins Gefängnis, vier hielten sich vom Crack fern, drei arbeiteten zeitweise, zwei tranken nicht, und einer fand zu Jesus. Alle pflanzten sich eifrig fort. (Auszug Seite 47)

Der Fall weckt bei der Ich-Erzählerin Dove Carnahan lang verdrängte Erinnerungen, denn auch sie stammt aus schwierigen Verhältnissen. Ihre promiskuitive Mutter hatte sich mehr für sich und ihre Schönheit interessiert und Dove und die jüngeren Geschwister Neely und Champ stark vernachlässigt. Als Dove 15 Jahre alt war, wurde ihre Mutter von einem ehemaligen Liebhaber erschlagen. Dieser hatte immer seine Unschuld beteuert und kommt jetzt nach 35 Jahren aus dem Gefängnis frei. Er taucht sofort in Buchanan bei Chief Carnahan auf und will wissen, warum Dove und Neely ihn damals durch ihre Lügen ins Gefängnis gebracht haben.

Wenn die 50-jährige Polizeichefin zusammen mit Nolan Greely in diesem Konglomerat aus Familienstreitereien, Gewalt und Inzest herausfindet, wer für die Tat verantwortlich ist, werden die Schicksale beider Familien, die Trulys und die Carnahans, nach und nach enthüllt. Dabei wird deutlich, dass die meisten Tragödien in der Familie als eingeschworene Gemeinschaft passieren.

Tawni O’Dell ist hier nicht nur ein wendungsreicher, spannender Kriminalroman und ein lupenreiner Whodunnit gelungen, sondern auch eine Sozial- und Milieustudie. Sie erzählt pointiert und empathisch von einem heruntergewirtschafteten Landstrich, dem sogenannten „Rust Belt“ und dessen Einwohnern, die keine Hoffnung auf eine Zukunft mehr haben, die sich abgehängt und von der Politik verraten fühlen.

Ihr Kriminalroman lebt dabei von seinen Kleinstadtfiguren, die Tawni O’Dell mit viel Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen sowie einem messerscharfem Blick porträtiert. Sie punktet besonders mit der unkonventionellen, taffen Single-Frau Dove Carnahan. Die Protagonistin hat sich durch ihr tragisches Schicksal nicht unterkriegen lassen und, obwohl sie teilweise abgebrüht und zynisch wirkt, Mitgefühl und Selbstironie beibehalten.

Fast lässig und mit einem intensiven, literarischen Erzählstil schiebt die 55-jährige Autorin diese Geschichten ineinander und macht daraus einen intelligent geplotteten Country Noir. Eine grandiose Hauptfigur hat Tawni O’Dell hier geschaffen, die das Zeug zur Serienfigur hat und folgerichtig schreibt sie schon an einer Fortsetzung.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wenn Engel brennen | Erschienen am 15. Juli 2019 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-8675-4239-5
352 Seiten | 21.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe