Kategorie: Andy Ruhr

Ivy Pochoda | Diese Frauen

Ivy Pochoda | Diese Frauen

Es ist hart da draußen. Es gibt Regeln. Es gibt Dinge die man tun kann, und Dinge, die man nicht tun darf. Wenn du mitspielen willst, musst du immer den Preis dafür zahlen….. Und du brauchst Glück…. Wenn du viel Glück hast, fahren sie mit dir sogar in ein Hotel. Und mit richtig viel Glück bringen sie dich in einem Stück zurück. (Auszug Seite 10)

Südlich vom Santa Monica Boulevard liegt West Adams, ein heruntergekommener, hauptsächlich von Latinos und Afroamerikanern bewohnter Stadtteil. Hier hat es vor 15 Jahren eine grausame Verbrechensserie gegeben, bei der 13 Frauen brutal ermordet wurden. Alle Opfer wurden entlang der Western Avenue mit durchgeschnittener Kehle und Plastiktüte über dem Kopf in der Gosse gefunden. Der Täter wurde nie gefasst, großes Engagement bei der Aufklärung kann man dem LAPD nicht unbedingt vorwerfen, es ging ja nur um „Diese Frauen“. Und das düster in Rot-Grüntonen gestaltete Cover deutet bereits an, welche Personen mit „Diese Frauen“ gemeint sind. Es sind Frauen am Rande der Gesellschaft, die in Bars arbeiten, die nachts auf der Straße zu Freiern ins Auto steigen, die ihre Körper für Drogen verkaufen, die sich prostituieren und damit einer Arbeit nachgehen, die von vielen in der Gesellschaft verachtet wird. Und bei denen man es offenbar als Berufsrisiko ansieht, wenn sie getötet werden.

Ivy Pochoda rollt die spannende Geschichte multiperspektivisch auf. Durch die verschiedenen, durch die Mordserie miteinander verbundenen weiblichen Erzählstimmen erfahren wir von mehreren Schicksalen und lernen unterschiedliche Lebensentwürfe kennen. Dorians Tochter Lecia war vor 15 Jahren das letzte Opfer des Täters, bevor die Mordserie abbrach. Das Mädchen war keine Prostituierte, aber das interessierte weder die Polizei noch die Medien. Wie viele Hinterbliebenen fand auch Dorian kein Gehör. Sie betreibt einen Fischimbiss und ist Anlaufstelle für viele Frauen von der Straße. Dorians Leid interessiert niemanden, aber er ist jederzeit durch die Zeilen spürbar. In Julianna, einer Striptease-Tänzerin sieht sie ihre Tochter und versucht diese zu beschützen. Doch die Latina aus einer sozialschwachen Familie will davon nichts wissen, betäubt sich mit Drogen, um die Männer in den Bars überhaupt ertragen zu können. Mit ihrem Smartphone schießt sie ständig Fotos von den Frauen in ihrer Umgebung und dokumentiert damit das Nachtleben hinter den Kulissen. Viel bessere Voraussetzungen hat ihre Nachbarin Marella aus einer weißen Mittelstandsfamilie, die sich als Performancekünstlerin verwirklicht. Sie eröffnet ihre erste Ausstellung mit Installationen, die die alltägliche Angst der weiblichen Opfer vor physischer und sexueller Gewalt thematisieren. Ihre Mutter Anneke, eine bürgerlich verklemmte Hausfrau mit eisernen Prinzipien tut alles, um Marella von der Straße fernzuhalten. Feelia war die einzige, die den Mordanschlag überlebte. Sie stieg vor 15 Jahren zu einem vermeintlichen Freier ins Auto und wurde später schwer verletzt aufgefunden und gerettet. Noch immer erinnert eine riesige Narbe an ihrem Hals an den Mordanschlag. Auch ihren Hinweisen ist die Polizei nie nachgegangen.

Da hat er mich geschlagen. Und für einen Augenblick dachte ich mir, hey du hast kein Recht dazu, weil ich gar nicht im Dienst bin. Das war mein abgefuckter Gedanke, bevor alles schwarz wurde. (Auszug Seite 15)

Als der Täter jetzt erneut zuschlägt und zwei Frauen brutal ermordet werden, ist Esmeralda Perry, ein Detective der Sitte, die einzige, die die Zusammenhänge erkennt. Die kleine, zierliche Latina ist erst vor kurzem von der Mordkommission zur Sitte versetzt worden und wird aufgrund ihrer unkonventionellen Art und ihrer Physis von ihren Kollegen nicht ernst genommen. Essie Perry analysiert die Beweisdaten und erkennt gegen alle Widerstände ein Muster und dass ein Serienmörder am Werk ist. Sie stellt sich die Frage, warum der Täter so lange pausiert hat. Zum Schluss kommt es zur überraschenden aber schlüssigen Aufklärung, wobei die Lorbeeren die männlichen Kollegen ernten.

Pochoda leuchtet das Innenleben der Figuren aus und beschreibt die Beziehungen untereinander, die Probleme und Sehnsüchte und dadurch ist man ganz nah an den Charakteren. Sie sind in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen vielschichtig angelegt und wirken auch durch die teils vulgäre Sprache absolut authentisch. Wie man sich den Ton auf den rauen Straßen Los Angeles eben vorstellt. Dabei ist der Erzählstil nie melodramatisch, sondern eher unterkühlt, klar und präzise und entwickelt eine große Tiefe. Die Frauen bewegen sich meistens zu Fuß durch die Großstadt, die eigentlich für den Autoverkehr geschaffen wurde und dadurch entsteht ein lebendiges Portrait einer Großstadt fernab vom Glamour.

Die Mütter. Die Mütter erheben ihre Stimmen. Die Mütter stören die Polizei mit Zwischenrufen. Die Mütter fordern Gerechtigkeit. Die Mütter halten Fotos ihrer Töchter hoch. Eine Mutter tritt nach vorne. Dorian. (Auszug Seite 337)

Diese kunstvolle Konstruktion ist ein intelligenter Mix aus Krimi, Gesellschaftskritik und Milieustudie, hochspannend und entwickelt eine große Intensität. Dabei hat Ivy Pochoda für einen Kriminalroman einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt. Es geht primär nicht um die Ermittlungsarbeit, es geht nicht um den Täter oder die Auflösung der Mordfälle. Wir befinden uns nicht im Kopf eines Serientäters, was ich sehr genossen habe, da ich diese Sichtweise als sehr ausgelutscht empfinde. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die Opfer und die Hinterbliebenen, die mit ihrer Verzweiflung und ihrer Ohnmacht sehr nahbar dargestellt werden. Es geht aber auch um die, die Angst haben, die gejagt werden, die zum Opfer werden und sich als Beute sehen. Ein feministisches Manifest, dass eine düstere Welt zeigt, die in großen Teilen die traurige Realität abbildet. Es geht um Vorverurteilung, um Gleichgültigkeit, Frauenhass und um Gewalt.

Die amerikanische Schriftstellerin Ivy Pochoda war professionelle Squash-Spielerin, bevor sie 2009 ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie wuchs in Brooklyn auf, studierte in Harvard und lebt mittlerweile in Los Angeles. „Diese Frauen“ war für den Edgar Award 2021 nominiert und soll demnächst als Fernsehserie verfilmt werden.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Diese Frauen | Erschienen am 07. September 2021 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0218-0
356 Seiten | 23,00 Euro
Originaltitel: These Women (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sigrun Arenz)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Besprechung zu „Diese Frauen“ auf dem Blog „buch-haltung“

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang

Sie marschierten durch den Wald wie eine Armee, angeführt von Polizisten, Taschenlampenlicht überall, der Ozean hinter den Bäumen war noch ein ganzes Stück entfernt, aber das Mädchen konnte nicht schwimmen. (Auszug Seite 7)

Cape Heaven, eine fiktive, kleine Küstenstadt in Kalifornien, wird überschattet von einem tragischen Unglück, welches vor 30 Jahren stattfand. Damals verschwand ein kleines Mädchen und das erste Kapitel blickt auf das vergangene, tragische Geschehen zurück, denn die kleine Sissy Radley konnte nur noch tot geborgen werden. Gleich die ersten Sätze schüren eine bedrückende Atmosphäre und der empathische und tiefgründige Erzählstil hat mich total mitgerissen. Die Suche nach dem vermissten Kind durch das ganze Dorf in Form einer menschlichen Kette darzustellen, ist sehr bildgewaltig.

30 Jahre später sind die Auswirkungen immer noch zu spüren. Star Radley hat nicht nur im Teenageralter ihre kleine Schwester verloren, des Weiteren hat es ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, dass ihr damaliger Jugendfreund, der 15-jährige Vincent King als Täter für 30 Jahre hinter Gitter kam. Mittlerweile ist die schöne Star alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und sucht Vergessen in Drogen und Alkohol. Zwischen ihren depressiven Phasen tritt sie gelegentlich als Sängerin in einer heruntergekommenen Kneipe auf, zieht stets die falschen Männer an, während es die Aufgabe ihrer Tochter Duchess ist, die dysfunktionale Familie zusammenzuhalten. Die Dreizehnjährige muss sich um sich selbst, ihre Mutter und um den kleinen Bruder Robin kümmern, wobei ihre aufopferungsvolle Fürsorge im Besonderen dem Fünfjährigen gilt.

Ein unzumutbarer Zustand und nur der gutmütige Chief Walker, Polizist des Ortes und Teil der damaligen Freundschaftsclique hat zwischendurch ein Auge auf die Familie und kümmert sich nach seinen Möglichkeiten. Er ist auch der einzige, der seinen ehemaligen Freund Vincent King regelmäßig im Gefängnis besucht und sich um ihn bemüht und hilft, als der jetzt nach 30 Jahren entlassen wird und nach Cape Heaven zurückkehrt.

Haftentlassung nach 30 Jahren
Die Haftentlassung Kings schürt zusätzliches Konfliktpotenzial und setzt sich überschlagene Ereignisse in Gang. Es kommt zu einigen Tötungsdelikten, aber es ist schwierig, die Geschehnisse in Worte zu fassen, ohne zu viel zu spoilern. Denn für mich waren es grade die vielen überraschenden Wendungen sowie die Verkettung der verschiedenen Kriminalfälle, die mich an die Seiten fesselten und einen Sog entwickelten, dem ich mich nicht entziehen konnte. Insbesondere das Leben der beiden Kinder wird komplett auf den Kopf gestellt und es geht nur noch rasant bergab. Die unverhofften Schicksalsschläge erschüttern nicht nur die Figuren, sondern gehen auch der sensiblen Leserin ans Herz.

Die Ereignisse in der Vergangenheit werden nach und nach enthüllt und mit den unterschiedlichen Biografien verwoben, so dass eine permanente Spannung und emotionale Wucht entsteht. Whitakers intensiver Schreibstil, die stimmungsvollen Naturbeschreibungen, wie er die unterschiedlichen Figuren der Kleinstadt mit ihren Brüchen zum Leben erweckt, das alles hat mich durchaus an Stephen King erinnert. Die tief ausgeleuchteten Charaktere sind ein großer Pluspunkt, sie wirken authentisch, man meint sie zu kennen und fiebert mit ihnen mit.

Outlaw und Prinz
Im Mittelpunkt steht die zornige, ständig rebellierende Duchess. Sie musste schon viel zu früh erwachsen werden und geht keinem Streit oder Prügelei aus dem Weg. Mit ihrem viel zu großen Cowboyhut hat sie sich einen harten Panzer zugelegt und begreift sich als Nachfahre der Outlaws, denn die zeigten keine Schwäche und fürchteten sich vor niemandem. Ihren kleinen ängstlichen Bruder sieht sie als Prinz, den es zu beschützen gilt. Ein weiterer wichtiger Protagonist ist der loyale Chief Walker, der verzweifelt versucht, die alten und neuen Ereignisse aufzuklären. Der übergewichtige Sheriff versucht die Ordnung in Cape Heaven aufrechtzuhalten und stellt sich immer in den Hintergrund. Seine Umwelt hält ihn für einen Alkoholiker, doch den krankheitsbedingten Grund für seine ständig zitternden Hände will er niemandem verraten, aus Angst, seinen Job zu verlieren. Dann Hal, der stoische, schroffe Großvater auf seiner Ranch in Montana, zudem Duchess nur vorsichtig Nähe aufbaut. Es tauchen noch viele weitere interessante Charaktere auf, die alle auf ihre Weise die Geschichte lebendig machen.

Das permanente Scheitern ist schwer zu ertragen und zum Schluss ist zwar kein Happy-End in Sicht, aber zumindest kann man ein kleines Licht am Ende des Tunnels sehen. „Von hier bis zum Anfang“ ist Kriminalroman, Western, bewegendes Familiendrama und eine beeindruckende Coming-of-Age-Geschichte mit einer großartigen Heldin. Großes Kino über Schuld und Vergebung und mein Highlight des Jahres!

Zuerst mal hatte mich das wunderschön gestaltete Cover angesprochen, dass auf eine Geschichte im ländlichen Amerika hinweist, und tatsächlich spielt die Handlung nicht nur in Kalifornien, sondern ein ganzer Erzählstrang auch in Montana.

Überraschenderweise ist Chris Whitaker Brite und lebt mit seiner Familie in Herfordshire, wählt als Setting für seine Romane aber gerne amerikanische Kleinstädte. Er war 10 Jahre in der Finanzbranche tätig, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Seine Romane gewannen zahlreiche Preise. „Von hier bis zum Anfang“ wurde vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Von hier bis zum Anfang | Erschienen am 01. Juli 2021 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07129-1
448 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: We begin at the end (Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jennifer Clement | Gun Love

Jennifer Clement | Gun Love

Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man im Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen. (Auszug Seite 10)

Die Heldin dieses Romans ist die 14-jährige Pearl, die aus ihrer Perspektive von ihrem Leben und Aufwachsen in einer Schrottkarre erzählt. Ihre Mutter Margot kommt eigentlich aus wohlhabendem Hause, aber dann wird sie mit 16 Jahren von ihrem Klavierlehrer schwanger. Sie bekommt das Baby heimlich zu Hause und verschwindet direkt nach der Geburt mit ihrem 94er Ford Mercury, den sie kurz vorher zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Sie landet mit dem kleinen Säugling auf dem Besucherparkplatz einer Wohnwagensiedlung im Süden von Florida, will sich nur kurz zurechtfinden und eine Wohnung suchen.

Idylle im Trailerpark
Diese Übergangslösung ist jetzt 14 Jahre her und die beiden leben immer noch am Rande des Trailerparks. In dieser verwahrlosten Umgebung zwischen zwei Highways, einer stinkenden Müllkippe und einem kleinen verseuchten Fluss voller Alligatoren haben sich Mutter und Tochter eingerichtet und kommen irgendwie zurecht. Margot verdient ein bisschen Geld als Putzkraft in einem Veteranenkrankenhaus und Pearl geht dank gefälschter Papiere sogar zur Schule. Das Autowrack wird ihr Zuhause, Margot bewohnt die Rückbank des Wagens, für Pearl werden die beiden Vordersitze zum Kinderzimmer. Während der Trailerpark Wasser und Toiletten bietet, wird das Essen ungekühlt aus dem Kofferraum verzehrt. Aber immerhin werden die Sandwiches gesittet von feinen, französischen Porzellantellern gegessen, ein Überbleibsel aus Margots vornehmer Herkunft. Ihre gute Erziehung versucht sie an Pearl weiterzugeben. Trotz der widrigen Umstände haben die beiden eine innige Beziehung zueinander. Ungeachtet der permanenten Angst vor dem Jugendamt wirkt das Leben der beiden fast idyllisch und märchenhaft harmonisch. Diese illusorische Idealisierung ist sicherlich der Erzählsicht einer 14-Jährigen geschuldet. Es ist ein trostloses Leben, aber Pearl kennt es ja nicht anders.

Meine Mutter und ich hätten ihm jederzeit eine Ecke in unserem Auto eingerichtet. Sie hätte ihm ein paar Plastiktüten für seine Sachen gegeben. Wir hätten die Tür aufgemacht und gefragt, Wann wollen Sie einziehen? (Auszug Seite 147)

Die zauberhafte Atmosphäre im Wagen mit phantasievollen Geschichten, Musik und Gedichten, verstärkt durch einen blumigen Erzählstil steht im starken Kontrast zur Außenwelt. Durch Pearls Augen und ihre genaue Beobachtungsgabe lernen wir die anderen Bewohner des Trailerparks kennen, allesamt gescheiterte Existenzen, die ums Überleben kämpfen, den waffendealenden Pastor Rex, das mexikanische Schmugglerpärchen Corazón und Ray, die pensionierte Highschool-Lehrerin Roberta Young, die nach dem Tod ihres Mannes von der Sozialhilfe lebt. Ihre Freundin April May mit ihren Eltern Rose und Sergeant Bob, einem traumatisierten Kriegsversehrten. Ein bunter Haufen, gemein ist ihnen nur die unbedingte Waffenliebe. Waffen sind allgegenwärtig und sonntägliche Schießübungen auf die Alligatoren gehören zur Tagesordnung. Und manchmal landet ein verirrtes Projektil auch schon mal in der Beifahrertür.

Barbiepuppen und Alligatorzwillinge
Das ändert sich, als eines Tages Eli Redmond auftaucht, ein Freund des dubiosen Pastors Rex und Margot sich Hals über Kopf in den attraktiven Waffenschmuggler verliebt. Pearl steht hilflos daneben, als Eli sich zwischen sie und ihre Mutter drängt und diese immer weniger Zeit für sie hat. Mit Eli ziehen auch Waffenschmuggel, Gewalt und Eskalation auf dem heruntergekommenen Gelände ein. Die Story rast jetzt unaufhaltsam auf den Abgrund zu. Man ahnt, dass es zu einer Katastrophe kommt und Pearls sowieso schon schwieriges Leben von einem Tag auf den anderen radikal verändern wird. Die Figuren stehen ohnmächtig daneben.

Das Thema ihres gesellschaftskritischen Romans ist die amerikanische Waffenliebe und die Gefahr, die von den Waffen ausgeht. Bewegend und sehr beeindruckend portraitiert sie die amerikanische Unterschicht, schildert den Alltag der Abgehängten und Ausgestoßenen ohne zu moralisieren. Die lyrische Sprache bildet dabei einen faszinierenden Kontrast zu den harten Gewaltaktionen in der Realität. Clements Sprache ist sehr poetisch mit vielen fast philosophisch angehauchten Zitaten, während die Dialoge ohne Anführungszeichen geführt werden, was trotzdem sehr lesbar ist. Ihre Sprache strotzt vor lebensklugen und betörenden Sätzen und sie kreiert einige originelle Bilder, zum Beispiel die 63 Barbiepuppen, von einer Trailerbewohnerin zum Schutz in den Boden gepflanzt oder die siamesischen Alligatorzwillinge. Zum Ende hin fand ich es fast ein bisschen überladen. Eine kurze aber fesselnde Coming-of-Age-Geschichte mit einem offenen Ende, das Raum für eigene Gedanken lässt.

Gebete für die Vermissten
Jennifer Clement ist eine US-amerikanische Autorin, die 1960 in Connecticut geboren und in Mexiko aufgewachsen ist, wo sie heute noch lebt und arbeitet. Sie studierte Literaturwissenschaften und Anthropologie an der New Yorker University sowie französische Literatur in Paris. Clement, die neben Romanen auch Lyrik schreibt, war von 2009 bis 2012 Präsidentin des mexikanischen PEN. Ein internationaler Erfolg wurde ihr Roman „Prayers for the Stolen“ (deutsch: Gebete für die Vermissten) über den von Drogenkartellen organisierten Menschenhandel, für den sie im mexikanischen Guerro recherchierte.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Gun Love | Das Taschenbuch erschien am 17. Februar 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7030-5
251 Seiten | 11,00 Euro
Originaltitel: Gun Love (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephen King | Billy Summers ♬

Stephen King | Billy Summers ♬

In Stephen Kings aktuellem Roman, der ganz ohne übersinnliche- und Horrorelemente auskommt, geht es um Billy Summers, einen intelligenten und empathischen Mittvierziger. In der Vergangenheit war er bei den Marines und profilierte sich als exzellenter Scharfschütze. Aktuell verdient er sein Geld als Auftragskiller. Allerdings ein Auftragskiller mit Moralkodex, denn er liquidiert nur „schlechte“ Menschen.

Der letzte große Coup
Jetzt will er nach einem letzten großen Coup aus dem Geschäft aussteigen. Für diesen Auftrag nimmt er eine Scheinidentität als Schriftsteller an. Erst als Tarnung gedacht, entwickelt der Ex-Marine immer mehr Leidenschaft für die Tätigkeit und schreibt tatsächlich an einer Autobiografie. In dieser Parallelerzählung erfahren wir mehr über seine traumatische Kindheit und die Zeit im Irakkrieg, besonders über die schrecklichen Erlebnisse im Kriegsgebiet Falludscha. Dieses Stilmittel, die Geschichte in der Geschichte, nutzt King, um uns die Figur Summers in aller Ausführlichkeit näher zu bringen, lähmt damit aber auch immer wieder den Erzählfluss. Der Kriegsveteran ist ein komplexer vielschichtiger Charakter, der sich und sein Handeln oft kritisch reflektiert. Obwohl er vor seinen Auftraggebern stets den Simpel mimt, ist er doch sehr belesen und weiß aus Literatur und Film, dass letzte große Coups ja oft in die Hose gehen. Aber die große Geldsumme von 2 Millionen US-Dollar lockt und die Aufgabe, einen angeklagten Doppelmörder und Vergewaltiger per Kopfschuss zu erledigen, bevor dieser vor Gericht einen Deal aushandeln kann, scheint machbar.

King nimmt sich sehr viel Zeit, um zu erzählen, wie Billy den Auftrag akribisch vorbereitet. Wir begleiten ihn über etliche Stunden im Hörbuch und erfahren, wie er sich zur Tarnung in dem kleinen Örtchen einlebt, Freundschaften schließt und ein Bestandteil der Nachbarschaft wird. Dieser Teil hat mich an ein anderes Werk von King erinnert, und zwar an ‚Der Anschlag‘ aber während ich dieses großartig fand, war ich bei ‚Billy Summers‘ wirklich irgendwann latent genervt und wollte nicht noch mal über Grillabende oder Monopolyspielen mit den Nachbarskindern hören. Ich war gut unterhalten, aber es entstand nicht der große Sog, um unbedingt wissen zu wollen, wie es weitergeht.

Der Rache-Road-Trip
Der Auftrag wird dann auch ziemlich schnell sowie unspektakulär erledigt, jedoch wie schon von Summers befürchtet, wollen ihn seine Auftraggeber reinlegen. Er ist schlau genug und hält sich nicht an den vorgegebenen Fluchtplan und es gelingt ihm, unterzutauchen. Auf seiner Flucht trifft er zufällig auf ein junges Mädchen, das bewusstlos auf der Straße liegt. Die junge Alice Maxwell wurde von drei Männern schwer misshandelt und vergewaltigt. Billy stellt seine eigenen Interessen zurück und rettet ihr das Leben. Im letzten Drittel schließen die beiden sich zusammen und gehen auf einen mörderischen Rachepfad. Summers will herausfinden, wer ihn ausschalten will und warum. Die Motivation von Alice blieb für mich weitestgehend unklar.

Die Geschichte nimmt hier nicht nur eine enorme Wendung und wird rasant und actiongeladen mit einem spannenden Showdown. Mir schien dieser Teil völlig losgelöst vom ersten Teil. Wie zwei unterschiedliche Geschichten, die nicht homogen zueinanderpassen.

Der gute Killer
Trotz seiner detaillierten, fast betulichen Ausführlichkeit im ersten Drittel, in der wir tiefe Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines Killers bekommen, trotz einer fast treuherzigen, naiven Weltanschauung bezüglich der Moral eines Auftragskillers beeindruckt Stephen King mich wieder mit seiner hohen Erzählkunst sowie seinen tiefgehenden Charakterzeichnungen. Er kann einfach unheimlich gut Figuren zum Leben erwecken und ihre Beziehungen zueinander darstellen. Man kann sich gut in Summers einfühlen und hofft und bangt mit ihm und Alice mit. Wobei der Protagonist Summers als Außenseiter mit maximaler Traurigkeit dargestellt wird. Es zog sich eine große Melancholie durch den ganzen Roman und King hat hier mal ein gutes sowie passendes Ende geschrieben.

Wie in anderen King-Werken befasst sich auch ‚Billy Summers‘ mit dem Schreiben an sich und man spürt Kings große Liebe zur Literatur. Nicht verbergen kann der amerikanische Autor allerdings seine Aversion gegen den ehemaligen republikanischen US-Präsidenten, denn einige Spitzen gegen Trump und an der amerikanischen Politik konnte er sich mal wieder nicht verkneifen. Ich fand es aber ganz amüsant, wenn Summers sich bei einer gewaltvollen Aktion eine Melanie-Trump-Maske aufsetzt. Mehr gestört hat mich, dass hier Selbstjustiz unreflektiert gefeiert wird. Natürlich dürfen auch seine Querverweise zu früheren Werken nicht fehlen, ich habe zumindest einen erkannt.
Billy Summers ist ein Spiel mit den unterschiedlichen Identitäten, es geht um die Macht der Literatur, um Freundschaften und immer wieder um Gut und Böse. Und wie schön gestaltet ist eigentlich dieses Cover?

Der Sprecher
Ich kann mir kaum einen besseren Hörbuch-Sprecher als David Nathan vorstellen. Seine Interpretationen der King-Stoffe lassen meine Wertungen immer ein halbes Pünktchen erhöhen. Mit viel Feingefühl setzt er die dramatischen, tragischen aber auch die komischen Akzente an die richtigen Stellen, lässt die Figuren nahezu real werden und den Hörer in die Geschichte eintauchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Billy Summers | Erschienen am 09.08.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3- 8371-5718-5
ungekürzte Lesung von David Nathan  | Gesamtspielzeit: ca. 19 Stunden 32 Minuten
3 MP3-CD | 20,45 Euro
Originaltitel: Billy Summers (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben und Hörprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Stephen King bei krimirezensionen.de

James Lee Burke | Keine Ruhe in Montana (Band 17)

James Lee Burke | Keine Ruhe in Montana (Band 17)

„Sie sind von Kopf bis Fuß mit Blut besudelt“, sagte er. „Natürlich werden Sie behaupten, dass Sie es in Ausführung Ihres Amtes taten. Was aber nichts daran ändert, dass Sie ein gewalttätiger Mensch sind. Ich mache Ihnen deshalb nicht einmal Vorwürfe, aber ich werde nicht zulassen, dass Sie uns mit ihrem privaten Elend noch weiter behelligen.“ (Auszug S.53)

Der 17. Band der Dave-Robicheaux-Reihe spielt nicht in New Iberia, sondern führt in die nördlichen Rockies. Nach den verheerenden Verwüstungen im Süden Louisianas durch Hurrikan Katrina (Band 16 „Sturm über New Orleans“), braucht Detective Dave Robicheaux eine Auszeit von den erschütternden Ereignissen. Zusammen mit seinem Partner und besten Freund Clete, seinem „eineiigen Zwilling aus dem Mordkommissariat“ und Ehefrau Molly macht er Urlaub auf der Ranch eines Freundes in Montana. Doch die Hoffnung, dass der Trip weit weg von ihrer Heimat nach Montana, für viele Zeitgenossen „the last good place“ zu einem simpleren, unschuldigeren Amerika führt, stellt sich als Fehlinterpretation ein.

Montana ist ein brodelndes Pulverfass!
Gleich zu Beginn gerät Clete beim harmlosen Fischen ins Visier der Familie Wellstone, exzentrische Ölmillionäre, die Land und Leute gleichermaßen ausbeuten und gleich eine Kriegserklärung aussprechen. Die Bedrohung ist praktisch spürbar und man ahnt, dass Ärger in der Luft liegt. Kurz darauf werden in der Nähe der Ranch zwei Studenten brutal ermordet aufgefunden und Dave und Clete vom High Sheriff von Missoula County um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten. Robicheaux hat darauf eigentlich keine Lust und zögert, als es jedoch zu weiteren Morden kommt und Clete fast Opfer des Täters wird, kann er sich nicht mehr heraushalten. Ungewohnt hält sich Robicheaux in dieser Story eher im Hintergrund und fungiert als Erzähler, während Clete in den Fokus rückt.

Die Erzählperspektiven wechseln ständig und in einem weiteren Handlungsstrang begegnen wir dem Häftling Jimmy Dale Greenwood, der in einem privat geführten Gefängnis von dem sadistischen Gefängniswärter Troyce Nix misshandelt wird. Ein bunkerähnliches Gebäudekomplex, in dem die Insassen mit Ketten und Lederschienen an den Beinen zu Arbeiten auf der Straße verdonnert werden, fernab von jeglichen pädagogischen oder rehabilitierenden Aspekten. Als er sich wehrt und Nix lebensgefährlich verletzt, kann er aus dem Albtraum Richtung Montana fliehen. Greenwood, ein ehemaliger Country-Sänger ist auf der Suche nach seiner einstmaligen Gesangs- und Lebenspartnerin. Die bildschöne Jamie Sue ist inzwischen mit einem Wellstone verheiratet und hat einen Sohn. Nix überlebt den schweren Angriff und macht sich rachelüstern auf die Suche nach Greenwood. Auf dem Weg nach Montana lernt er die gutmütige Candace Sweeney kennen. Und das FBI spielt auch noch mit.

Clete und die Frauen
Offensichtlich ist Montana ein noch schlimmeres Pflaster als Louisiana, eine raue Gegend oder wie Burke es an einer Stelle im Buch nennt, „den Abenteuerspielplatz einer Irrenanstalt“, denn es kommt zu ständigen Gewaltexzessen. Die ganze sinnlose Gewalt und die ständigen Eskalationen sowie die unzähligen Psychopathen und Sadisten, die sich in dieser Geschichte tummeln, ermüdeten mich auf Dauer und stumpften ab. Besonders Clete kam mir noch nie so durchgeknallt vor. Dabei ist er sich immer selbst das größte Problem. Ich fand seine Ausraster ein wenig überzogen, auch seine Unwiderstehlichkeit auf Frauen konnte ich nicht nachvollziehen.

Jamie Sue Wellstone mochte die diabolische Versuchung gewesen sein, doch sein größter Widersacher war eigentlich immer er selbst. Er würde eher sein eigenes Leben opfern, bevor er einem Tier, einem Freund oder überhaupt einem unschuldigen Lebewesen ein Leid zufügen würde. (Auszug S.125)

Montana scheint landschaftlich wunderschön zu sein und Burkes Fähigkeit, diese meisterlich zu beschreiben, kommt hier wieder gut zur Geltung. Durch seine bildreiche Sprache fühlte ich mich oft in die Szenerie versetzt. Dabei stehen seine eindrucksvollen Naturbeschreibungen im ausgeprägten Gegensatz zu der gewaltvollen Handlung. Präzise beschriebene Figuren, harte Gewalt, ein vielschichtiger Plot und das sprachlich auf hohem Niveau, man bekommt das, was man bei Burke erwartet. Ein typisch amerikanischer Thriller mit viel Gewalt, Waffen und noch mehr Testosteron. Teilweise fühlte es sich wie ein Western an und dass nicht nur, weil Nix‘ Optik mit blankpolierten Cowboystiefel und spöttischem Grinsen mit John Wayne verglichen wird.

Fazit
Trotz gewohnt komplex gestalteter Handlung werden schlussendlich alle Erzählfäden gekonnt zusammengeführt. Bei einem spannenden Showdown kommt es zu überraschenden Wendungen, einer der Figuren macht eine große Wandlung durch, allerdings hätte ich das hinhaltende Erklär-Palaver nicht gebraucht. Zwischendurch blitzt auch immer Gesellschaftskritik durch, wenn der amerikanische Autor den wirtschaftlichen Niedergang oder die Zerstörung der Natur durch die Reichen darlegt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Keine Ruhe in Montana | Erschienen am 21. Juli 2021 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-747-5
576 Seiten | 24,- Euro
Originaltitel: Swan Peak (Übersetzung aus dem Englischen von Bernd Gockel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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