Kategorie: Dezernat

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Im Sommer 1951 werden in der noch jungen DDR zwei Mitglieder der Wachturmgesellschaft wegen Spionageverdacht in Polizeigewahrsam genommen. Kurz nach der Verhaftung werden die beiden Zeugen Jehovas tot in ihren Untersuchungszellen aufgefunden. Sie sollen auf ziemlich ungewöhnliche Art Suizid begangen haben. Oberkommissar Max Heller zweifelt an den vermeintlichen Selbstmorden in getrennten Zellen, stößt aber während seinen Ermittlungen bei den misstrauischen Sektenmitgliedern auf Widerstände. Die Untersuchung der Todesfälle gestaltet sich auch so schwierig, denn die verschiedenen Geheimdienste scheinen ihre Finger im Spiel zu haben. Heller darf ermitteln, wird aber immer wieder zurückgepfiffen und vieles soll auch unter den Teppich gekehrt werden.

Angst vor der Atombombe

Max Heller trifft auf einen alten Bekannten, den jungen Russen Alexej Saizev, der mittlerweile für den russischen Geheimdienst tätig ist. Einst ein Freund, hat dieser sich total verändert, wirkt zynisch und verbittert und seine Handlungen sind für Heller nicht nachvollziehbar. Saizev ist auf der Suche nach einem amerikanischen Topspion und er warnt Heller eindringlich, ihm nicht in die Quere zu kommen. Der gefährliche Geheimagent, auch Der Rabe genannt, soll für den Westen spionieren und Sabotage betreiben. Es kursieren Gerüchte, die Amis wollen die Atombombe in Dresden einsetzen, um die Russen zu entmachten.

Heller und seine Mitarbeiter Werner Oldenbusch und Peter Salbach stoßen auf mysteriöse Zeitungsannoncen, in denen offenbar chiffrierte Nachrichten übermittelt werden und eine weitere Spur führt zu einem jugendlichen Schmugglerpärchen. Aufgrund einer Explosion in einem Kraftwerk wenige Monate zuvor, zieht Heller einen Zusammenhang mit dem Schmuggel von Uranerz. Dieses spezielle Erz wird für den Bau einer Atombombe benötigt. Die Angst vor einem Bombenattentat in Dresden ist allgegenwärtig. Nach und nach kommen alle Zeugen auf merkwürdige Weise zu Tode. Und zwar so viele, dass ich irgendwann aufhörte, zu zählen.

Kein Telegramm von Karin

Der Oberkommissar muss zeitgleich auch noch sein Privatleben organisieren. Er kehrte grade mit seiner Familie aus dem Ostseeurlaub zurück. Und während seine Frau Karin mit einer Ausreisegenehmigung gleich weiterreist, um zum ersten Mal den gemeinsamen Sohn Erwin und dessen kleine Familie im Westen zu besuchen, bleibt Heller schweren Herzens alleine mit der kleinen Pflegetochter Annie zu Hause. Sie wohnen bei Frau Marquardt und dass die alte Dame immer verwirrter wird, bedeutet eine weitere Sorge für Max. Er wartet sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen seiner Frau und weist brüsk alle Andeutungen zurück, dass Karin nicht vereinbarungsgemäß nach 14 Tagen zurückkommt. Er vertraut seiner Frau, doch auch an ihm nagen Zweifel, als das vereinbarte Telegramm nicht kommt. Dann taucht eine junge Frau namens Edeltraud Hermann auf, die sich als entfernte Verwandte von Frau Marquardt ausgibt und sich auch noch in der Wohnung einquartiert. Heller empfindet ihr Verhalten als merkwürdig.

Die Zeugen Jehovas

In der DDR waren die Zeugen Jehovas erst als Opfer des Faschismus anerkannt und als kleine Religionsgemeinschaft eingetragen. Doch schnell wurde die Glaubensgemeinschaft verboten und bis zum Ende der DDR standen die Mitglieder unter intensiver Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und lebten in ständiger Furcht vor staatlichen Repressionen. Als Staatsfeinde agierten sie im Untergrund, wurden verfolgt und verhaftet.

Diese Thematik arbeitet Frank Goldammer in dem 4. Teil der Krimireihe um den Dresdner Oberkommissar Max Heller ein. Dabei gelingt es ihm sehr eindrücklich, die Atmosphäre von Misstrauen und Angst aufzuzeigen, denn die junge DDR stand unter permanenter Beobachtung durch die Sowjetunion. Bespitzelung und Denunziation bestimmten den Alltag der Menschen und das Vertrauen zwischen Freunden oder sogar innerhalb der Familie wurde häufig auf eine harte Probe gestellt. Das wird am Beispiel von Hellers Kollege sehr anschaulich dargestellt. Oldenbusch wird durch das MfS drangsaliert, nachdem sich seine Verlobte in den Westen abgesetzt hat. Neu im Team ist der ehemalige Polizist Peter Salbach, dem Oldenbusch mit Misstrauen begegnet, da er ihn für einen Spion hält. Heller ist entsetzt über das paranoide Klima in den eigenen Reihen und attestiert Oldenbusch Verfolgungswahn. Die Versorgungslage hat sich nach Kriegsende verbessert, ist aber längst nicht so gut wie in der BRD. Des weiteren leben die Menschen mit der ständigen Befürchtung, der Spionage verdächtigt zu werden, dazu reichte es schon, wenn man dabei erwischt wird, westliche Radiosender zu hören.

Verworrener Plot und grundanständiger Protagonist

Während der Autor den einzelnen Figuren sehr viel Sorgfalt widmet und die Zeit stimmig eingefangen wird, war mir der Plot zu komplex und verworren. Ich hatte Mühe, allenVerdächtigungen und Geschehnissen zu folgen. Irgendwann habe ich den Faden verloren, und auch die Auflösung zum Schluss ist nicht wirklich gelungen, da einige Fragen nicht schlüssig beantwortet werden. Vielleicht habe ich sie auch überhört und hier wäre das Printmedium besser gewesen, um noch mal zurückzublättern. Obwohl der Schauspieler und bekannte Hörbuchsprecher Heikko Deutschmann mit sonorer Stimme seine Sache wirklich sehr gut macht. Für mich wurde die Handlung mit zu vielen unnötigen Todesfällen überfrachtet.

Als Hörer weiß man nie mehr als Heller, da aus seiner Sicht erzählt wird. So ist man der Gedanken- und Gefühlswelt des sympathischen Protagonisten immer sehr nah. Und der unbestechliche Max Heller ist wirklich ein grundanständiger aber auch ziemlich dröger Zeitgenosse mit hohen Moralvorstellungen. Er hält an seinen Prinzipien fest und will soweit wie möglich unpolitisch bleiben. Die Begegnungen zwischen dem stocksteifen Max Heller und der übergriffigen Edeltraud Hermann haben mich jedenfalls sehr amüsiert.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Roter Rabe | Das Hörbuch erschien am 21. Dezember 2018 bei Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0643-9
1 mp3-CD | 19.99 Euro
Laufzeit: 11 Stunden 9 Minuten
ungekürzte Lesung von Heikko Deutschmann
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Alan Carter | Marlborough Man

Alan Carter | Marlborough Man

Der Himmel ist klar, die Sterne leuchten. Da oben ist das Kreuz des Südens, weiter westlich entdecke ich den Skorpion. Der Busch ist voller Vogelgeräusche und Rascheln. Ein seltsames Land. An manchen Tagen ist seine Schönheit atemberaubend, dann wieder nimmt einem die Hässlichkeit die Luft. (Auszug Seite 126)

Nick Chester leitet als Sergeant die Polizeistation in Havelock in den Marlborough Sounds an der Nordküste der Südinsel Neuseelands. Für seinen Dienstgrad eigentlich ein etwas unbedeutender Posten, gibt es dort doch hauptsächlich Trunkenheitsraufereien und Verkehrsdelikte. Und auch aktuell hat es Nick eher mit einem lästigen Fall zu tun: Die Yacht des Holzindustriellen McCormack wurde mit einem Graffito besprüht. Der großspurige McCormack besitzt große Waldflächen rund um Havelock, ist Hauptarbeitgeber der Gemeinde und nutzt dies auch aus, so dass Nick wenig Lust verspürt, den Sprayer zu ermitteln.

Allerdings gibt es in den Sounds nun auch einen großen Kriminalfall. Ein sechsjähriger Junge ist nach dem Schwimmunterricht verschwunden und wird missbraucht und ermordet aufgefunden. Doch Nick nimmt zunächst nur eine Nebenrolle in den Ermittlungen ein. Das liegt daran, dass ihn seine Vergangenheit als Undercover-Cop wieder einholt. In Sunderland in Nordengland hat er vor einigen Jahren die dortige Gangstergröße in den Knast gebracht. Dieser schwor Rache und so wurde Nick mit Ehefrau und Sohn mit neuem Namen versehen und quer über den Erdball verfrachtet. Doch im heutigen digitalen Zeitalter bleibt nichts geheim und so erhält der zunehmend paranoische Nick mehr und mehr Indizien, dass seine alten „Kumpels“ aus Sunderland es auf seinen Kopf abgesehen haben. Und nicht nur auf seinen.

Ich weiß, wer da kommt. Sammy Pritchard. Er lässt mich wissen, dass er mich endlich gefunden hat. Seine Macht reicht weit, noch aus dem Hochsicherheitsgefängnis streckt er seinen Arm nach mir aus. […]
Ich sehe Vanessa an, sie ist schlaftrunken und genervt. Ich denke an Paulie, der unten schläft. Wird sich Sammy mit mir begnügen und die beiden am Leben lassen? Nein. Natürlich nicht. (Seite 12)

Autor Alan Carter ist ein Mackem, also gebürtig aus Sunderland, lebt aber schon seit mehr als zwanzig Jahren in Australien und Neuseeland. Carter hat sich auch in Deutschland in der Krimibranche mit seinen beiden bislang auf Deutsch bei der Edition Nautilus erschienenen Romanen Prime Cut und Des einen Freund einen Namen gemacht, so dass nun sein neuer Roman im Suhrkamp Verlag erscheint. Marlborough Man gewann übrigens im letzten Jahr den Ngaio Marsh Award, den renommiertesten Krimipreis Neuseelands.

Der Protagonist Nick Chester wird hier auf einen wahren Parforceritt beruflich und privat geschickt. In Rückblenden erfährt der Leser von Nicks Undercoverjob und wer ihm aufgrund dessen immer noch auf den Fersen ist. Das belastet Nick selbstredend auch privat. Seine Frau Vanessa ist über den Umzug nach Neuseeland immer noch wenig begeistert, trotz der aus Herr der Ringe bekannten Landschaft. Der gemeinsame Sohn Paulie bedarf wegen seines Down-Syndroms zusätzlicher Aufmerksamkeit. Als dann noch Killer aus der Vergangenheit auftauchen, kriselt es in der Ehe gewaltig. Dies wird neben den Krimi- und Thrillerhandlungen glaubhaft erzählt. Außerdem nimmt auch die Māori-Kultur einen Raum in der Geschichte ein und das immer noch schwierige Verhältnis zwischen den Ureinwohnern und den Pākehā, den europäisch stämmigen Einwohnern.

Carter kreiert aus den Zutaten eine Mischung aus klassischem Whodunit mit (nicht immer) klassischer Ermittlungsarbeit und einem packendem Thriller. Dabei muss man klar zugeben, dass er das Rad nicht neu erfindet. Einige Motive sind aus anderen Romanen des Genres wohl bekannt. Überzeugend ist aber, dass der Autor die Klaviatur exzellent beherrscht, die (zahlreichen) Figuren bleiben nie oberflächlich, die Dialoge sind knackig und auch das Setting Neuseeland wird gebührend eingebaut. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Marlborough Man |  Erschienen am 17. Juni 2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46932-3
384 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Krischan Koch | Flucht übers Watt

Krischan Koch | Flucht übers Watt

„Aus Angst, der Polizei ins Netz zu gehen, hatte er sich heute Morgen im Bauwagen entschlossen, dem Festland den Rücken zu kehren und über die Nordsee zu fliehen. Er war im Morgengrauen regelrecht berauscht von dieser Idee gewesen. Statt auf schnellsten Weg nach Hamburg zu kommen, wo vermutlich eher nach dem Täter gefahndet wurde als in Nordfriesland, wollte er eine Weile auf einer der Inseln untertauschen, um dann später über Hamburg möglichst schnell nach New York zu kommen.“ (Auszug Seite 41)

Harry Oldenburg hat vier wertvolle Nolde-Gemälde aus einer Ausstellung geklaut und ist damit nach Amrum geflüchtet, um vorerst unterzutauchen. Auf der beschaulichen Insel ist das aber nicht so einfach, wie Harry dachte, denn die Inselbewohner sind misstrauisch und er bekommt einige Probleme. Außerdem kommt es zu einigen, mehr zufälligen, Todesfällen bei dem Versuch unentdeckt zu bleiben. 18 Jahre später reist Harry mit seiner Freundin Zoe erneut nach Amrum. Sind die Noldes noch an Ort und Stelle?

Der Anfang einer Karriere

Harry ist bei dem Raub der Noldes Kunststudent, mit seinen eigenen Werken allerdings nicht sehr erfolgreich. Die Noldes sind sein erster Kunstraub und schnell entdeckt er, dass sich auf diese Weise einfach Geld machen lässt. Jetzt lebt er mit Zoe und einer gemeinsamen Tochter in Amerika in einem Leuchtturm und zusammen betreiben sie eine Galerie, die sie am Anfang nur als Tarnung für ihr Geschäft mit geklauten und gefälschten Gemälden brauchten, die aber mittlerweile ebenfalls mit legalem Kunsthandel gut läuft.

Aus Sicht des Täters

Flucht übers Watt von Krischan Koch ist der zweite Krimi, den ich von dem Autor gelesen habe und hatte mich gedanklich auf eine weitere Ermittlung um den Dorfpolizisten Thies Detlefsen eingerichtet, wurde dann aber positiv überrascht, dass das nicht der Fall war und es sich hier auch nicht um einen klassischen Krimi handelt, sondern die Geschichte aus Sicht des Täters geschildert wird.

Eine lange Mitte

Der Roman ist in zwei Zeitebenen unterteilt, einmal in den Kunstraub von vor 18 Jahren und dann die Wiederkehr auf die Insel mit Zoe heute. Dabei finde ich die Abtrennung dieser Ebenen optisch nicht gut gelungen, denn es ist nicht vor Beginn des Kapitels erkennbar, um welche Zeit es sich gerade handelt und dadurch kam bei mir der Lesefluss oft ins Stocken. Den Anfang der Geschichte habe ich gern und zügig gelesen. In der Mitte empfand ich eine Länge, denn Harry trifft auf alte Studienkollegen und wird zu einer Party eingeladen, aber es bringt die Handlung nicht weiter. Zum Ende hin hat dann aber alles einen Sinn. Nach der Mitte liest es sich für mich wieder deutlich spannender, obwohl man durch die Kapitel von heute schon weiß, dass Harry unbeschadet aus der Sache kommt. Allerdings ist mir zum Schluss ein bisschen viel Zufall im Spiel.

Insel-Schauplatz

Der Protagonist ist mir weder sehr sympathisch noch ist er mir unangenehm. Ich habe ihn eher unemotional durch seinen Raub begleitet, was für mich aber kein negatives Ergebnis war. Besonders schön finde ich wieder einmal die Beschreibung des Schauplatzes. Ich war noch nie auf Amrum, konnte aber einen guten Eindruck gewinnen und bin nicht abgeneigt, auch selbst mal Urlaub dort zu machen. Allerdings nur, weil der Autor zu Beginn des Buches darauf hinweist, dass die Bewohner im wahren Leben nicht so unfreundlich sind, wie hier beschrieben.

Fazit: Aus Sicht des Täters geschriebene Krimis sind mal was anderes und wenn sie dann noch vor so schöner Kulisse spielen, sind sie einen Versuch wert. Hier ist der Versuch geglückt und ich hatte kurzweilige Unterhaltung.

Krischan Koch wurde 1953 in Hamburg geboren. Die für einen Autor üblichen Karrierestationen als Seefahrer, Rockmusiker und Kneipenwirt hat er sich geschenkt. Stattdessen macht er Kabarett und Kurzfilme und schreibt seit vielen Jahren Filmkritiken u.a. für die Die Zeit und den Norddeutschen Rundfunk. Koch lebt mit seiner Frau in Hamburg und auf der Nordseeinsel Amrum, wo er mit Blick aufs Watt seine Kriminalromane schreibt.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Flucht übers Watt | Erschienen am 7. April 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-21673-9
304 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andreas Rezension zu Mörder mögen keinen Matjes von Krischan Koch.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Yrsa Sigurdardóttir | R.I.P.

Stella musste auf einmal an den Snap denken, den sie kurz nach der Pause erhalten hatte. Sie hatte keine Ahnung, wer der Absender war, hatte ihn nie geadded. Sie musste endlich mal einstellen, dass Unbekannte ihr keine Nachrichten mehr schicken konnten, jetzt, wo auch die Erwachsenen diese App entdeckt hatten. Erst hatten sie Facebook kaputt gemacht, und jetzt rissen sie auch noch Snapchat an sich. (Auszug Seite 6)

R.I.P. ist der dritte Teil einer isländischen Thriller-Serie um Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja von Yrsa Sigurdardóttir. Die Autorin startet wieder mit einem hochspannenden und verstörenden Prolog. Die 16-jährige Stella verdient sich nach der Schule in einem Kino etwas dazu. Nach der letzten Vorstellung ist sie alleine im Kino, als sie auf der Toilette von ihrem Mörder überrascht wird. Bevor das Mädchen brutal erschlagen wird, filmt der Täter sie mit ihrem eigenen Handy. Ihre letzten Minuten und ihr flehentliches Bitten um Gnade werden per Snapchat an ihre Kontaktliste geschickt. Das Besondere an dem kostenlosen Message-Dienst Snapchat ist, dass die aufgenommenen und verschickten Videos sich nach einmaligem Ansehen automatisch und für immer löschen.

Was haben die Jugendlichen verbrochen?

Von dem toten Mädchen und dem Handy fehlen jede Spur und der einzige Anhaltspunkt ist ein Überwachungsvideo, auf dem eine Person mit einer Darth-Vader-Maske zu sehen ist. Für die Kriminalpolizei aus Reykjavík unter der Leitung von Erla beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, um jemanden aus Stellas Kontakten zu finden, der das Video noch nicht gesehen und damit gelöscht hat. Die Befragungen beginnen bei den Jugendlichen aus Stellas Freundeskreis und Huldar setzt sich dafür ein, dass Freyja wieder mit einbezogen wird.

Kurz darauf wird ein weiterer Jugendlicher direkt aus seinem Elternhaus entführt. Auch der 15-jährige Egill wird gezwungen, vor laufender Handy-Kamera um Entschuldigung zu bitten. Auch hier findet man keine Leiche, aber eine riesige Blutspur deutet an, dass der Junge nicht mehr leben kann. Das Ermittlerteam steht unter großem Druck, da sich keine Verbindungen zwischen den beiden Teenagern finden lassen. Zusätzlich deuten Zahlen an den Tatorten darauf hin, dass es noch weitere Opfer geben wird. Die oft frustrierende und mühselige Polizeiarbeit wird detailliert und realistisch dargestellt, zum Beispiel die Schwierigkeiten bei der Einsichtnahme in Chatprofile oder in die isländische Gendatenbank.

Mobbing auch im Polizeialltag

Freyja gibt den guten Hinweis, dass das verbindende Element Mobbing sein könnte. Aber die aktuellen Ermittlungen leiden unter dem schlechten Verhältnis der Kollegen. Besonders die Spannungen und Zwistigkeiten zwischen Huldar und seiner direkten Vorgesetzten Erla aufgrund einer Vorgeschichte bringen eine negativ besetzte Grundstimmung, die ich als derart anstrengend empfand und die für mich den Lesespaß doch erheblich trübte. Erla nutzt ihre Position aus, um Huldar das Leben schwer zu machen und ihn kaltzustellen. Hier hätte ich mir mehr Professionalität gewünscht. Auch das Verhältnis zwischen Huldar und Freyja ist seit Beginn vorbelastet und das Ringen der beiden mit ihren widersprüchlichen Gefühlen nervt irgendwann nur noch. Fand ich im ersten Teil die Kabbeleien noch ganz amüsant, fehlt mir hier eine Weiterentwicklung der Charaktere.

„Wenn ich das richtig sehe, gibt es genug zu tun. Mehr als wir bewältigen können. Warum kriegen Guðlaugur und ich nichts zu tun? Wir kennen den Fall. Wir haben am wenigsten Überstunden im ganzen Team, es liegt also auf der Hand, dass du uns einspannst. Und darf ich dich daran erinnern, dass wir durchaus gute Polizisten sind?“ (Seite 170)

Mobbing sowie im Besonderen Cybermobbing und dessen Auswirkungen sind das zentrale Thema, das Sigurdardóttir auf ihre schonungslose Art aufgreift. Mobbing hat es immer gegeben, aber mit den elektronischen Kommunikationsmitteln der heutigen Zeit, ist es viel leichter und schneller geworden, Menschen abzuwerten, zu verunglimpfen oder lächerlich zu machen. Die Auswirkungen auf die Opfer werden dramatisch durch Blog-Einträge demonstriert, die die Handlung mehrfach unterbrechen. Hier erzählt eine Betroffene über Schikanen und Ausgrenzungen in ihrer Jugend.

Meine Meinung

Trotz der Einbindung eines hochbrisanten, gesellschaftlichen Problems gibt es einige Schwächen in diesem leider nur durchschnittlichen Thriller. Die persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten nehmen zu viel Raum ein und drängen das sensible Thema fast in den Hintergrund. Es war mir an vielen Stellen zu plakativ und die Charaktere wenig nachvollziehbar und übertrieben herausgearbeitet. So heißt es zum Beispiel über Huldar an einer Stelle:

Helgi hielt nach einem Fluchtweg Ausschau, für den Fall, dass Huldar auf ihn losging. Das überrascht Huldar nicht. Seit er eine Zigarette im Auge eines Verhafteten ausgedrückt hatte, galt er unter den Kollegen nicht gerade als der Sanftmütigste.

Der Plot des Island-Thrillers ist handwerklich solide aufbereitet und durch den fesselnden Schreibstil auch schnell und flüssig zu lesen. Zahlreiche Wendungen überraschen und wissen zu unterhalten. Andrerseits kommt es durch einige ermüdende Wiederholungen zu Längen. Typisch für einen Thriller aus dem Hohen Norden ist die Stimmung durchgehend düster und dass sich alle mit Vornamen ansprechen gewöhnungsbedürftig. Die Auflösung zum Schluss ist schlüssig, wirkt auf mich aber auch etwas konstruiert und zu weit hergeholt.

R.I.P. ist nach DNA und Sog wieder ein Drei-Buchstaben-Titel, der zusammen mit dem Coverbild keinen Zusammenhang zur Handlung erkennen lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

R.I.P. | Erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75665-0
448 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum Roman DNA von Yrsa Sigurdardóttir.

Karin Kehrer | Todesklang und Chorgesang

Karin Kehrer | Todesklang und Chorgesang

Die pensionierte Lehrerin Bee Merryweather lebt in dem beschaulichen South Pendrick in Cornwall, ihr Lieblingshobby ist das Singen im örtlichen Kirchenchor. In ihrem ersten Fall findet sie eines morgens den nicht sehr beliebten Chorleiter Peter Bartholomew tot in seinem Haus. Dann erfährt sie, dass er vergiftet wurde und kann es anschließend nicht lassen – wie einst Miss Marple – selbst Ermittlungen anzustellen. Das ist nicht ganz einfach, da anscheinend so ziemlich jedes Chormitglied und dazu einige Dorfbewohner einen Grund hatten, Peter ans Leben zu wollen. Zugute kommt ihr, dass sie sich mit dem Dorfpolizisten David gut versteht, auch dem Arzt des Dorfes, Dr. Strong, ist sie sehr sympathisch; beide helfen ihr auf unterschiedliche Weise, wenn auch teilweise unfreiwillig. Bis zur endgültigen Auflösung, die doch ziemlich überraschend daherkommt, erlebt Bee Einiges und lernt einige Geheimnisse der Dorfbewohner kennen; dabei gerät sie selbst allerdings auch in Gefahr.

Die Personen der Handlung sind sehr lebendig dargestellt. Allerdings macht es das dem Leser auch ziemlich schwer, selbst auf den Täter zu kommen. Zu viele der Dorfbewohner haben anscheinend ein Motiv und ausgerechnet der Pfarrer hat sich als Hobby einen Garten mit Giftpflanzen angelegt. Leider wurde ausgerechnet mit dem Extrakt aus einer dieser Pflanzen der Tod von Peter herbeigeführt.

Insgesamt gesehen hat die Autorin einen sehr stimmigen Plot aufgebaut und mit ihrem ansprechenden Schreibstil eine Dorfatmosphäre geschaffen, die einem das Gefühl gibt, selbst mittendrin zu sein. Man ist fast geneigt, seinen nächsten Urlaub in South Pendrick zu planen, um Bee kennen zu lernen und mit ihr eine Tasse Tee zu trinken. Vorerst darf man jedoch gespannt sein, wie es mit Bee – und Dr. Strong (!) – weitergeht.

Alles in allem für Liebhaber von Cosy-Crime-Romanen sehr zu empfehlen, tolle Kulisse und eine liebenswerte (wenn auch manchmal leicht unbeholfene) Hauptperson.

Karin Kehrer wurde 1965 im Mühlviertel in Oberösterreich geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Sie schreibt vorwiegend Romane in den Genres Krimi, Fantasy und Thriller und lässt sich von Reisen auf die britischen Inseln inspirieren. Zu ihren Hobbys zählt auch das Singen, das spiegelt sich auch in ihrem ersten Roman um Bee Merryweather wieder.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Todesklang und Chorgesang | Erschienen am 30. November 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-95819-230-0
251 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe