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Fred Vargas | Jenseits des Grabes (Band 10)

Fred Vargas | Jenseits des Grabes (Band 10)

Das Schloss Combourg in der Bretagne, in dem der große Schriftsteller François-René de Chateaubriand seine Kindheit verbrachte, ist eine Touristenattraktion, samt Schlossgespenst, denn der seit drei Jahrhunderten tote Graf von Combourg soll zu bestimmten Zeiten erscheinen, manchmal auch nur sein Holzbein alleine mit einer schwarzen Katze.

Vorboten des Todes
Als in dem in der Nähe liegendem malerischem Örtchen Louviec nachts ein Klopfen, angeblich die hinkenden Schritte eines Geistes, vernommen werden, ist die Gemeinde alarmiert. Denn nach einer jahrhundertalten Dorflegende kündigt der Hinkende Unheil an. Und tatsächlich wird am nächsten Tag der Wildhüter des Ortes auf offener Straße mit einem teurem Messer erstochen.

„Ich gehe davon aus, dass jemand die Gelegenheit der Rückkehr des Hinkenden nutzte, um eine persönliche Rechnung mit diesem Gaël zu begleichen. Ich begreife trotzdem nicht, wieso diese Geschichte Sie dermaßen fasziniert.“ „Ich weiß es nicht, Danglard“, brachte Adamsberg es auf seine ewige Formel. (Auszug Seite 13)

Also verschlägt es den Pariser Kommissar Adamsberg und ein Teil seiner Brigade in die Bretagne, wo er sich mit seinem örtlichen Kollegen Matthieu an die Aufklärung macht. Aufgrund letzter Worte, die das Opfer noch stammeln konnte, gerät Josselin de Chateaubriand, ein weit entfernter Nachfahre des großen Vicomte, in den Kreis der Verdächtigen. Dieser lebt ganz bescheiden, aber aufgrund seiner frappierenden Ähnlichkeit mit dem Urahn muss er immer wieder für die lokale Tourismuswerbung herhalten. Es bleibt nicht bei dem einen Opfer und alsbald erschüttert eine Mordserie das Dorf. Kommissar Adamsberg hat wie immer ein Auge für Details, die anderen verborgen bleiben. Alle Leichen hatten frische Flohbisse. Und welche Rolle spielen die zerquetschten Eier, die alle Mordopfer in den Händen halten?

Gutes Essen und bretonischer Met
Hauptquartier für die Beamten ist der Gasthof „Zu den zwei Schilden“, wo der Koch Johan sich neben den Touristen auch noch um das leibliche Wohl seiner Gäste aus Paris kümmert. Selbst als Hilfstruppen von der Gendarmerie mit achtzig Mann anrücken, werden noch gut bestückte Picknickkörbe erstellt. Immer wenn man nicht weiter weiß, wird erst mal in der Gaststätte gegessen, beraten und Wein oder Chouchen, bretonischer Met, getrunken.

„Die Mitglieder ihrer Brigade mögen sich in schützendes Schweigen hüllen, doch von ihren vagen Gefühlen hat man schon Wind bekommen“, bemerkte der Generalsekretär kühl. „Versuchen Sie, sich diesmal nicht davon leiten zu lassen, seien Sie präzise, effizient und schnell. …“ (Auszug Seite 91)

Der letzte Kriminalroman um Jean-Baptiste Adamsberg „Der Zorn der Einsiedlerin“ liegt bereits 6 Jahre zurück. Und schon nach wenigen Seiten war ich wieder gefangen in dem Kosmos mit all den verschrobenen Figuren. Allen voran der eigenwillige Adamsberg, der anstatt auf systematische Ermittlungsarbeit mehr auf Intuition und gute Beobachtungsgabe setzt. Der nachdenkliche Chef nervt sein Team auch schon mal mit seiner unorthodoxen Sicht auf die Dinge, lässt seine Gedanken diesmal auf einem bretonischen Dolmen schweifen. Danglard muss in Paris bleiben, aber mit in der Bretagne sind unter anderem Lieutenant Violette Retancourt, die Göttin der Brigade, die zwar wenig anmutig über übertrieben atemberaubende Kräfte verfügt. Mercadet mit dem krankhaften Schlafbedürfnis, der sich als Informatiker jedoch schnell überall einhacken kann. Vargas Charaktere besitzen abstruse Eigenschaften im Übermaß, stehen aber mit beiden Füßen fest im Leben.

Fazit
Typisch Vargas ist der Krimi eine Mischung aus Whodunit um einen Serienmörder mit zahlreichen Verdächtigen und einem Märchen. Um die gesellschaftliche Situation in Frankreich einzufangen und Sozialkritik zu üben, bedient sich Fred Vargas an dem Stilmittel der Fabel. Sowohl verpackt sie ihre mit unübertroffenen Dialogen gespickte abstruse Handlung immer mit wissenschaftlichen Fakten und jeder Menge glaubhafter Polizeiarbeit, bei der Sonderkommandos eingerichtet, Anfragen gestellt und Hubschrauber geordert werden. Vielleicht nicht ganz so gut wie sein Vorgänger, mit einigen schon vertrauten Mustern, sei es die Vorliebe der französischen Autorin für kleines Getier, Mythologie oder die ausufernden Gastronomiebesuche ein unterhaltsamer, literarischer Roman mit originellen Szenarien und psychologisch überzeugenden Figuren.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Jenseits des Grabes | Erschienen am 08. Mai 2024 im Limes Verlag
ISBN 978-3-8090-2782-9
528 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: ‎ Sur la dalle | Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Marquardt
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Fred Vargas „Der Zorn der Einsiedlerin“

Karina Urbach | Das Haus am Gordon Place

Karina Urbach | Das Haus am Gordon Place

„Institutionen laufen immer Gefahr, in eine Art Gruppendenken zu verfallen. Der MI6 ist da keine Ausnahme. Wir brauchen Außenseiter, die anders denken, anders an diese ganze Sache herangehen, um den Fall zu lösen. Ich habe Ihnen auch nicht gesagt, dass ich ziemlich sicher bin, wer Gerald Fraser umgebracht hat. Aber ich kann es nicht beweisen. Und ich verstehe das Motiv dahinter nicht. Da ist eine große, gähnende Lücke. Und um sie zu füllen, brauche ich Sie.“ (Auszug Seite 188)

Nach einem anstrengenden Flug wird dem Historiker Professor Hunt die Einreise in die USA verweigert. Erst nach einer Nacht in der Flughafenarrestzelle erfährt er von Emma Spencer vom britischen Geheimdienst den Grund. In seiner Wohnung in London am Gordon Place wurde sein Nachbar Gerald Fraser erschlagen aufgefunden. Spencer bittet den Professor um Mithilfe bei der Aufklärung und Hunt kommt aufgrund seiner Recherchen und viel historischem Fingerspitzengefühl einer alten Geschichte auf die Spur, die mit Daphne Parson zusammenhängt, die nicht nur eine Legende in Spionagekreisen war, sondern auch Vorbesitzerin seiner Wohnung. Und nicht nur das. Drei weitere Bewohner der Luxusimmobilie waren kurz nach dem 2. Weltkrieg als Agenten des MI6 in Wien eingesetzt.

Wiener Abhörtunnel
In einer weiteren Perspektive wird immer wieder ins Wien der Besatzungszeit zurückgeblendet. Wien ist damals genau wie Berlin in vier Zonen eingeteilt, die Menschen hungern und verkaufen ihr letztes Hab und Gut, um zu überleben. Hier entsteht für die Leserin ein reales Bild der damaligen Lebensbedingungen in den Anfangszeiten des Kalten Krieges mit Schmuggel, Verbrechen und ehemaligen Nazis, die an- und abgeworben werden. Daphne Parson gehört zu einer Gruppe britischer Nachrichtenoffiziere, deren Aufgabe es ist, Informationen über die Gegenseite zu sammeln und in einem extra dafür gegrabenen Tunnel in Wien den sowjetischen Telefonverkehr abzuhören. Zutiefst schockiert erkennt Parson in einem dieser Telefonate die Stimme eines ehemaligen SS-Offiziers wieder, der sie Jahre zuvor in Griechenland gefoltert hatte. Die Möglichkeit zur Rache ergibt sich für Parson, als sie für eine verdeckte Operation eingesetzt wird. Ein früherer SS-Mann, der über den Verbleib geraubtes Nazi-Gold Bescheid weiß, soll aus seinem Versteck gelockt werden. Als der Einsatz scheitert, greift ein riskanter wie spektakulärer Plan.

Der dritte Mann
Um in den russischen Sektor Wiens zu gelangen, werden Agenten des britischen Geheimdienstes als Hilfskräfte zu den Dreharbeiten zum Film „Der dritte Mann“ eingeschleust. Die Verfilmung von Graham Greenes Roman spielt am Wiener Prater, der sich damals im sowjetischen Sektor befand, aber auch in den Abwasserkanälen des Wiener Untergrunds. Diese geheimnisvolle sowie gefährliche Operation bildet den Höhepunkt, die Verknüpfung mit dem 1949 entstandenen Filmklassiker Noir ist für mich das Highlight in diesem Agenten-Thriller. Die realen Umstände der Dreharbeiten spielen dabei eine besondere Rolle. Vor allen Dingen, wenn man weiß, dass alle wichtigen Mitarbeiter der Filmcrew, der Autor Greene, die Filmemacher Korda, Reed und Montagu dem britischen Geheimdienst nahe standen, so dass bis heute in weiten Teilen völlig unklar ist, was sich wirklich in den Abwasserkanälen zugetragen hat. Die Gerüchte, die aufwendigen Dreharbeiten dienten nur als Tarnung und wären nur ein perfides Ablenkungsmanöver für nachrichtdienstliche Arbeiten, verstummten nie.

„Orson Welles hat sich bisher geweigert runterzukommen, der hat einen Sauberkeitsfimmel und glaubt, sich hier was einzufangen. Das wird schwierig mit dem, der besteht auf einem Double….“ (Auszug Seite 266)

In einem interessanten Nachwort erfährt man, dass es den Wiener Abhörtunnel tatsächlich gab und dass viele der Akteure reale Vorbilder haben, allen voran Daphne Parson, die in Teilen auf der MI6-Agentin Daphne Park, später Baroness Park of Monmouth basiert. Park war eine Legende, im Geheimdienst bekannt für ihre Loyalität und Nervenstärke und einer der wenigen Frauen, die schon Ende der 1940er Jahre für den MI6 arbeiteten. Dabei wusste sie auch ihr harmloses Aussehen (Miss Marple-Look-alike) einzusetzen.

Fazit
Karina Urbach ist eine aus Düsseldorf stammende habilitierte Historikerin und das merkt man jeder Zeile ihres Krimis an. Faktenreich und sehr fundiert entfaltet sich auf zwei Erzählebenen eine fesselnde Geschichte. In einem Mix aus Krimi und historischem Agenten-Thriller verbindet die Autorin reale Geschehnisse und Fiktion recht unterhaltsam, ohne dass es nach dröger Geschichtsstunde anmutet. Wien im Jahr 1948 und die teure Londoner Wohngegend in der heutigen Zeit werden bildhaft dargestellt und die handelnden Figuren darin lebendig eingearbeitet.

Ich kannte die Autorin vorher nicht, aber als großer Fan von Spionage-Geschichten werde ich mir mal ihren 2018 mit mehreren Preisen ausgezeichneten Roman „Cambridge 5 – Zeit der Verräter“ noch unter ihrem Pseudonym Hannah Coler ansehen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Haus am Gordon Place | Erschien am 20. März 2024 im Limes Verlag
ISBN 978-3-8090-2766-9
384 Seiten | 18,00 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Elmore Leonard | Letztes Gefecht am Saber River

Elmore Leonard | Letztes Gefecht am Saber River

Elmore Leonard ist natürlich eine Legende der Kriminalliteratur. Der 2013 verstorbene Autor veröffentlichte mehr als 40 Romane. Leonards Romane waren dabei vor allem Milieuschilderungen und Gangsterromane, dialoglastig und mit szenischem Stil. Daher wurden zahlreiche seiner Romane auch verfilmt, etwa „Get Shorty„, „Jackie Brown“ oder „Out Of Sight“. Seine Autorenkarriere begann Leonard allerdings wie bei so einigen anderen als Autor von Westerngeschichten und Westernromanen. Begannt aufgrund der anschließenden Verfilmungen sind etwa „Valdez“ oder „3:10 to Yuma„. Die Geschichte des Westernautors Elmore Leonard lässt sich übrigens in zwei interessanten Beiträgen von Alf Mayer und Frank Göhre im Crimemag online nachlesen. Dennoch sind von Leonards Western bislang nur ein paar ins Deutsche übersetzt. Der Liebeskind Verlag, in Sachen Neu- und Wiederentdeckungen von Western im letzten Jahrzehnt sehr umtriebig, hat sich nun eines Romans aus dem Jahre 1959 angenommen: „Last Stand At Saber River“.

Im Frühjahr 1865 ist der amerikanische Bürgerkrieg in seinen letzten Zügen, allerdings bekommt man davon im Tal des Saber River in Arizona nicht viel mit. Paul Cable ist ein Veteran der Konföderierten, hat zwei Jahre gekämpft, wurde verwundet und kehrt nun mit seiner Frau Martha und seinen drei Kindern zurück auf sein Stück Land. Doch vorher kommt er am Gemischtwarenladen Denaman’s Store vorbei. Doch anstelle des alten Denaman hat ein anderer den Laden übernommen. Edward Janroe, auch er ein Veteran, hat einen Arm im Krieg gelassen. Er konfrontiert Cable direkt damit, dass sich jemand anderes auf seinem Land und in seinem Haus breit gemacht hat. Sein Nachbar auf der anderen Seite des Bergkamms, Vern Kidston, hat seine Pferde auf Cables Weide getrieben und einige seiner Männer in Cables Haus untergebracht.

„Nun…“, Cable hielt das Glas hoch und betrachtete es im Licht, das durch das Fenster hinter Janroe fiel, „ich kann es ihm nicht verdenken, es ist gutes Weidegras.“ Er nahm einen Schluck von dem süßliches Schnaps. „Aber nun wird er dafür sorgen, dass seine Männer abziehen. Das ist alles.“
„Glauben Sie das?“
„Wenn er das Haus nicht räumt, hole ich das Gesetz.“
„Welches Gesetz?“. (E-Book Pos. 223)

Das ist allerdings ein Problem, denn Vern Kidston beliefert das nahegelegene Camp der Unionssoldaten. Cable kann kaum auf Unterstützung hoffen. Dennoch zieht er los und vertreibt Kidstons Männer. Doch das kann Vern natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Die Eskalationsschraube zieht an und im Hintergrund hat Janroe seine ganz eigene Agenda.

Für einen Augenblick dachte er: Man kann auch zu ehrlich mit sich sein und alles verlieren. Er zögerte, weil dies ein einfaches Prinzip war, fast eine Frage von Schwarz oder Weiß, und welche Grautöne auch immer auftauchten, welche Zweifel er auch immer haben mochte, sie wären nicht stark genug, um einen Mann kaltblütig zu erschießen. (E-Book Pos. 2728)

Drei Männer stehen offen im Vordergrund der Geschichte: Paul Cable, der Veteran, der sich sein Land und Haus mit Recht zurückholt und dies auch verteidigt, Vern Kidston, der das Recht des Stärkeren für sich beansprucht, aber die totale Konfrontation zunächst vermeidet sowie Edward Janroe, der auch als Versehrter sich weiterhin im Dienst der Südstaaten befindet und nun eine Gelegenheit sieht, den Krieg auch ins Tal des Saber River zu tragen. Daneben gibt es allerdings auch drei starke Frauenfiguren, die wesentlich den Lauf der Dinge mitbestimmen: Cables Ehefrau Martha, die er in den wichtigsten Fragen wie selbstverständlich zu Rate zieht, die junge Mexikanerin Luz, die in Denaman’s Store arbeitet und ein enges Verhältnis zu den Cables hat und Verns junge Nichte Lorraine, die aus Langeweile das Taktieren der Männer durchkreuzt oder anheizt.

Von einem klassischen Western erwartet der Leser zurecht Helden, Schurken, Pferde, Pistolenduelle und die Weite des mittleren Westens. All das liefert Elmore Leonard routiniert mit cleveren Perspektivwechseln und einem hohen Spannungsbogen ab. Doch das wirklich Spannende sind die weiteren Zutaten: Der Krieg, der nicht aus den Köpfen geht, die Moral und Zweifel einzelner Figuren, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen und die bedeutende Rolle der Frauen in dieser Story. Das alles macht „Letztes Gefecht am Saber River“ zu einem ziemlich modernen Western und auf jeden Fall zu einem lesenswerten Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Letztes Gefecht am Saber River | Im Original erschienen 1959
Erschienen am 04.03.2024 im Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-176-0
256 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-95438-180-7 | 14,99 €
Originaltitel: Last Stand at Saber River | Übersetzung aus dem Englischen von Florian Grimm
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Extras (1) und (2) zu Elmore Leonard als Westernautor im Crimemag

Christof Weigold | Der böse Vater (Band 4)

Christof Weigold | Der böse Vater (Band 4)

Nach langer Wartezeit und einem Wechsel zum Kampa-Verlag erschien endlich der vierte Band um den deutschstämmigen Privatdetektiv Hardy Engel in Los Angeles. Wir befinden uns im Jahr 1929 und unser Held sitzt seit mehreren Jahren unschuldig im Gefängnis. Völlig unerwartet kommt er auf Bewährung frei. Dafür sorgt der allmächtige Filmmogul und Verleger William R. Hearst unter dubiosen Umständen. Seine Freilassung ist an die Bedingung geknüpft, herauszufinden, wer den Tycoon erpresst.

Tod auf der Luxusyacht
Dabei geht es um einen mysteriösen Todesfall, der sich vor fünf Jahren auf Hearsts Luxusyacht Oneida ereignete. Der berühmte Filmpionier und Erfinder des Westerns Thomas Ince erkrankte während seiner Geburtstagsfeier schwer und verstarb kurz darauf vermeintlich an Herzversagen. Es geht um Schüsse, die angeblich gehört wurden und seitdem verstummen in Hollywood die Gerüchte nicht, Hearst sei nicht ganz unschuldig am Tod von Ince. Der unbekannte Erpresser soll im Besitz belastenden Materials sein, dass er dem Staatsanwalt zu übergeben droht. Hardy kann niemandem trauen, alle damals an Bord Anwesenden scheinen etwas zu verbergen, auch sein Auftraggeber verrät nicht die volle Wahrheit. Aber Hardy bleibt seinem Ruf treu, er will ohne Rücksicht die Wahrheit herausfinden und gerät bald zwischen die Machenschaften der großen Filmschaffenden.

„Wir müssen dringend sparen und ein Stummfilm wäre so dermaßen viel billiger!“ gab Uncle Carl zu bedenken. „Man sieht die Männer ja auch so fallen, ist das nicht ohne Ton viel unheimlicher?“ assistierte Bergerman. „Nein“, sagte ich und wechselte einen Blick mit Junior. „Die Schüsse, das Pfeifen und die Schreie, das ist der Krieg! Glauben Sie einem Veteranen!“ (Auszug Seite 429)

Einer davon ist der schwäbisch-stämmige Filmmogul Carl Laemmle, der seinem Sohn Julius „Junior“ Laemmle zum 21. Geburtstag die Universal Filmstudios übergibt. Junior will den Bestseller von Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“ gegen den Willen seines Vaters Carl Laemmle als Tonfilm herausbringen. Er überredet Kriegsveteran Hardy für dieses Projekt als Berater zur Verfügung zu stehen. Für Hardy, der immer noch unter seinen Kriegserlebnissen des 1. Weltkrieges leidet, kein einfaches Unterfangen. Und wäre das nicht genug Sorge, sucht er immer noch nach seiner Freundin Polly Brandeis, die schwanger nach einigen Besuchen im Knast spurlos verschwand.

Vom Stummfilm zum Tonfilm
Wie schon in den drei vergangenen Bänden der historischen Krimireihe schildert Christof Weigold das vielfältige Leben in Hollywoods goldenem Zeitalter. Die Traumfabrik hat sich in den fünf Jahren, die Engel einsaß, schon wieder stark verändert, es gibt viel mehr Stars, bereits Touristen und einen höheren Glamourfaktor. Weigold hat erneut hervorragend recherchiert, geschickt reale Fakten mit Fiktion verknüpft und fängt das Flair dieser Zeit wirklich gut ein. Die Filmindustrie befindet sich auf der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm. Der Wandel bringt neue Stars hervor, bedeutet für manchen Stummfilmstar aber auch das Ende der Karriere. Unter anderem befürchtete die Schauspielerin Marion Davies, jahrelange Geliebte Hearsts aufgrund ihres Stotterns auf dem Abstellgleis zu landen.

Die Zeit um 1929 ist eine höchst instabile, die Prohibition ist noch aktuell, der Börsencrash steht unmittelbar bevor. Filmstudios stehen am Rand der Pleite, werden aufgekauft. Es geht um Macht, feindliche Übernahmen und das ganz große Geld, wobei Hearst einer der wirklich großen Player ist. Wir begegnen bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern mit komplizierten Liebesleben. Es gibt ungewollte Schwangerschaften, heimliche Kinder, falsche Mütter und böse Väter. Wir begleiten Harry nicht nur zum Dreh von „Im Westen nichts Neues“, sind auch auf den aufregendsten Partys dieser Zeit dabei, wo er Größen wie der nackten Greta Garbo begegnet, treffen Charlie Chaplin im ältesten Restaurant Hollywoods „Musso & Frank‘s“ oder verfolgen die Intrigen der ersten Oscar-Verleihung, bevor es dann noch mal spannend auf einem Casinoschiff wird, auf dem sich die vergnügungs- uns spielsüchtigen Amerikaner treffen.

Meine Meinung
Ich bin wieder so gerne in diese alte Hollywood-Welt eingetaucht. Ich mag einfach den lässigen, humorvollen aber auch ausschweifenden Erzählstil Weigolds. Es ist amüsant, wenn Harry auf einer Kostümparty auf dem Hearst-Anwesen einem hübschen Jungen namens Jack Kennedy begegnet, der sich als US-Präsident Teddy Roosevelt verkleidet. Dramatisch wird es, wenn Engel mit der jüdischen Laemmle-Familie im Zeppelin in die alte Heimat fliegt und in Wilhelmshafen auf jubelnde Nazis stößt. Interessant, wenn sie in Berlin versuchen, den charismatischen Remarque zu überreden, die Hauptrolle zu übernehmen.

Ein großer Lesespaß auf über 600 Seiten besonders für Filmfans, mit einigen gewagten Handlungssprüngen. Ich bin gespannt auf den nächsten Band, es gibt ja noch einige unaufgeklärte sowie legendäre Skandalfälle.

Funfact: Orson Welles portraitierte 1941 in seinem legendären, von vielen Filmkritikern als bester Film aller Zeiten gewählten Klassiker „Citizen Kane“ die Beziehung zwischen William Randolph Hearst, dem Erfinder der Boulevard-Presse und seiner Geliebten Marion Davies.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der böse Vater | Erschienen am 28. August 2023 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12068-1
624 Seiten | 28.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezensionen zur Hardy Engel-Reihe von Christof Weigold

Rezensions-Doppel: Mathijs Deen | Der Taucher & Charles den Tex | Repair Club

Rezensions-Doppel: Mathijs Deen | Der Taucher & Charles den Tex | Repair Club

Die niederländische und flandrische Literatur ist dieses Jahr zu Gast bei der Leipziger Buchmesse. Das ist doch mal ein gelungener Anlass für ein Rezensions-Doppel mit zwei niederländischen Autoren. Trotz der geografischen Nähe und der sprachlichen Verwandtschaft sind Übersetzungen von Krimis und Spannungsliteratur aus der niederländischen Sprache momentan nicht so häufig, wie man vermuten könnte. Wenn man sich die Liste der Gewinner des wichtigsten niederländischen Krimipreises „Gouden Strop“ der letzten zehn Jahre ansieht, so wurden lediglich zwei Romane („Staub zu Staub“ von Felix Weber und „Mutter, ich habe getötet“ von Esther Verhoek) ins Deutsche übersetzt. Das war mal anders. In den 90er und 00er-Jahren waren niederländische Krimis regelmäßiger bei deutschen Verlagen vertreten, insbesondere beim Dortmunder Grafit Verlag, der einige niederländischen Autoren wie Jac.Toes, Felix Thijssen oder Charles den Tex im Programm hatte. Letzterer ist bis heute einer der erfolgreichsten Krimiautoren der Niederlande. Mit seinem Roman „Repair Club“ wurde seit langem wieder mal ein Buch von ihm ins Deutsche übersetzt. „Der Taucher“ hingegen ist der zweite Band von Mathijs Deens Serie um den deutsch-holländischen Kommissar Liewe Cupido und offensichtlich auch wesentlich auf die deutschen Leserinnen und Leser ausgerichtet, wurde die deutsche Übersetzung doch bereits wenige Wochen vor dem niederländischen Original veröffentlicht. Zeit für eine Doppelrezension.

Mathijs Deen | Der Taucher
Ein niederländisches Bergungsboot findet an der Küste vor Amrum auf dem Echolot ein Wrack. Als sie eine Kamera ins Wasser lassen, finden sie nicht allerdings nicht nur das seit langem vermisste Schiff „Hanne“ mit wertvollem Kupfer an Bord, sondern auch die Leiche eines Tauchers, mit Handschellen angekettet an das Wrack, dadurch offensichtlich ermordet. Weil das Boot des Tauchers abgedriftet in Dänemark aufgefunden wurde, kommt die Polizei bald auf die Identität des Toten. Jan Matz wohnte auf Föhr, lebte getrennt von seiner Frau und den beiden Kindern in Wilhelmshaven und war begeisterter Wracktaucher.

Liewe Cupido ermittelt als Experte der Bundespolizei See als Verstärkung der Kriminalpolizei. Die Ermittlungen gestalten sich durchaus schwierig, denn neben dem Anhaltspunkt der illegalen Plünderung eines Wracks gibt es noch ein familiäres Drama im Hintergrund. Johnny Matz, dem 17jährige Sohn des Toten, droht eine empfindliche Jugendstrafe, weil er seinen Mitschüler Hauke Mauer angegriffen und schwer verletzt hat, sodass dieser weiterhin schwere körperliche Probleme hat. Jan Matz hat seinem Sohn falsche Alibis gegeben, die teilweise widerlegt wurden, aber die Ermittlungen und Strafverfolgung erheblich verzögerten. Darunter leidet die Familie Mauer und die Wut vergrößerte sich noch, als eines Nachts zwei Jugendliche einen Brandsatz in der Carport der Familie warfen – eine Videoaufzeichnung legt nahe, dass Johnny einer der beiden Täter war.

Wie schon in Band 1 „Der Holländer“ ist auch der Fortsetzungsband „Der Taucher“ sehr regional und maritim geprägt. Diesmal liegt der sehr überwiegende Teil der Schauplätze in Deutschland, Wilhelmshaven, Cuxhaven und Föhr, mit kurzen Abstechern in die Niederlande und nach Dänemark. Auch diesmal ist der Plot nicht spektakulär oder sonderlich actionreich, stattdessen liegt der Augenmerk stark auf den Figuren und den zerrütteten Familienverhältnissen. Die getrennte Familie Matz mit dem unkontrollierten, aufbrausenden Johnny und seinem jüngeren, sehr stillen Bruder, der auf Außenstehende zurückgeblieben wirkt, sowie die Familie Mauer, bei der neben dem Angriff auf den Sohn Hauke auch die Insolvenz des Gastronomiebetriebs des Vaters für einen Riss zwischen den Eheleuten und in der Familie gesorgt hat.

Indem er ihn diese Passage übersetzen ließ, wollte Herr Koek ihm helfen, die Tragödie zu verarbeiten, dachte Liewe, und das denkt er immer noch. Er kann sich nicht mehr genau an den Text erinnern, nur an den einen Satz: Il a été poussé, it est tombe, c’est fini. Er ist gestoßen worden, er ist gefallen, es ist aus.
Der Satz ist zu einem Mantra geworden, das er endlos wiederholt, wenn er nicht einschlafen kann. Fast jede Nacht also. Obwohl es schon besser ist, seit Vos am Fußende liegt. (Auszug Seite 97)

Zentraler Anker der Geschichte bleibt aber der Ermittler Liewe Cupido. Auf Texel aufgewachsen, deutsche Mutter, niederländischer Vater, inzwischen in Deutschland lebend und deutscher Polizeibeamter. Cupido ist ein zurückhaltender Einzelgänger, schweigsam, beharrlich, unbequem als Kollege, weil er ungern im Team arbeitet. Auch privat eher einsam, seit Band 1 wird er von der Hündin Vos begleitet, die ihm damals bei einer Observation zugelaufen ist. Aber in diesem Buch tritt auch privat jemand in sein Leben. Horizontales Element in der Reihe bislang ist der bis heute nicht vollständig verarbeitete Verlust seines Vaters. Der Vater war Fischer auf Texel und kam von einem Auslaufen nicht mehr nach Hause, in rauer See von Bord gegangen, ein tragischer Unfall. Doch Cupido trägt dieses Kapitel noch immer mit sich.

Mit „Der Taucher“ hat der niederländischen Autor und Rundfunkproduzent Mathijs Deen einen wirklich gelungenen Fortsetzungsband geschrieben. Regional und maritim verwurzelt, mit einer melancholischen, entschleunigten Grundstimmung, stimmigen Figuren und deren Verhältnissen zueinander sowie einer interessanten Wendung und Auflösung, die an dieser Stelle nicht gespoilert werden sollte. Für Freunde des gepflegten literarischen Ermittlerkrimis ist diese Reihe unbedingt zu empfehlen, der dritte Teil erscheint dieser Tage.

Charles den Tex | Repair Club
John Antink ist ehemaliger Chef des niederländischen Geheimdienstes. Inzwischen 70 und im Ruhestand betreibt er mit drei Freunden ehrenamtlich einen „Repair Club“, in dem alte Haushaltsgeräte repariert werden. Bei einem dieser Termin steht plötzlich ein Mann, vermeintlich ein Russe, mit einer alten Robotron-Schreibmaschine aus DDR-Zeiten vor ihm und bedroht ihn mit einer Waffe. Er gibt John einen Hinweis auf eine alte Geheimdienst-Akte und nennt ihm einen neuen Termin für ein erneutes Treffen.

Währenddessen ist die neue Chefin des Geheimdienstes, Alisha Calder, unter starken Druck geraten. Durch ein Leak ist an die Öffentlichkeit geraten, dass mit Mitteln des Geheimdienstes offenbar eine syrische Terrorgruppe finanziert wurde. Calder braucht ihren Vorgänger John Antink, um dieses undurchsichtige Manöver zu durchschauen, denn die Mittel kommen offenbar tatsächlich vom Geheimdienst, nur wusste niemand etwas. John Antink kommt schnell der Verdacht, dass beide Ereignisse zusammenhängen. Er begibt sich tief in die alten Akten und durchleuchtet seine Vergangenheit als Spion, die ihn unter dem Deckmantel als schweizer Finanzdienstleister in die DDR der späten 1980er gebracht hat. Die Dinge spitzen sich zu, als Antinks Frau Vera fast von Russen entführt wird und der russische Mann aus dem Repair Club tot aufgefunden wird.

„Jemand will mich nach draußen locken. Mit dieser Akte. […] irgendwo in dieser Akte muss etwas stehen, ein Hinweis oder etwas anderes, irgendwas, was sie wissen oder haben wollen.“ Davon ist John überzeugt. Jemand will ihn aufscheuchen und in die Vergangenheit schicken, damit er dort etwas findet, was nur er finden kann. Etwas, was jemand verloren hat. (Auszug E-Book Pos. 2097)

Wer beim ersten Blick auf den Klappentext und den Titel des Romans gedacht hatte, hier geht es in die Richtung „Der Donnerstagsmordclub“ mit rüstigen und schrulligen Rentnern, den muss ich leider enttäuschen. John Antink ist zwar verrentet, aber die Probleme des Alterns kommen nur ab und an vor und seine Kollegen vom Repair Club spielen nur Nebenrollen. Aber ein Spionageroman aus den Niederlanden ist doch auch mal was Neues und die Story ist auch ziemlich modern. Es geht um den Clash zwischen der modernen, digitalen Geheimdienstarbeit von Calder und der altgedienten Methoden von Antink, der noch gerne im Außeneinsatz und mit Körpereinsatz die Dinge erledigt (aber nicht unterschätzt werden sollte). Übergeordnet geht es aber vor allem um russische Einflussnahme in Westeuropa und den Versuch, den Geheimdienst eines NATO-Landes zu desavouieren. Die Spur führt Antink schließlich in seine Vergangenheit und ins Jahr 1988 nach Dresden. Und dreimal dürft ihr raten: Welche junge, vielversprechende Mann war damals KGD-Statthalter vor Ort?

Durchaus gute Zutaten für einen guten Spionagethriller. Doch jetzt kommt leider das große Aber, was mich selbst sehr überrascht. Den Tex wählt aus meiner Sicht nicht die richtige Erzählperspektive aus. Ein allwissender Erzähler wacht über den Text und plaudert den Leser an vielen Stellen völlig zu. Alle Einblicke, alle Gedanken, alle Erklärungen werden mitgeteilt. Auch die Rückblenden werden nicht nacherlebt, sondern vorwiegend nacherzählt. Das macht die Spannungskurve ziemlich zunichte und hinterlässt eine Spur von Langeweile und Frustration bei mir. Umso mehr, weil ich weiß, dass den Tex es anders kann. Zwei Romane habe ich bislang von ihm gelesen („Die Zelle“ und „Die Macht des Mr. Miller“) und beide waren plotgetriebene Thriller mit hohem Spannungsfaktor, die im Großen und Ganzen gut bis prächtig unterhielten. Hier hingegen verplempert der Autor für meinen Geschmack seine guten Ploteinfälle, weil der Erzähler eine Quasselstrippe ist. „Show, don’t tell“ heißt doch eigentlich das Zauberwort für den guten Thrillerautor. Leider von den Tex hier nicht beherzigt. Zum Ende wird es besser, einen schönen Plottwist inklusive, aber trotzdem war hier deutlich mehr drin.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Taucher | Erschienen am 14.02.2023 im Mare Verlag
ISBN 978-3-86648-701-7
320 Seiten | 22,- €
Originaltitel: De duiker | Übersetzung aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Kriminalroman

 

Repair Club | Erscheinen am 20.02.2024 bei HarperCollins
ISBN: 978-3-36500-610-8;
496 Seiten | 14,- €
Originaltitel: De repair club | Übersetzung aus dem Niederländischen von Simone Schroth
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Spionageroman

Weiterlesen: Vier Rezensionen aus unserem Minispecial „Ein langes Wochenende mit Spannungsliteratur aus Flandern und den Niederlanden