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Michael Connelly | Glutnacht (Band 3/22)

Michael Connelly | Glutnacht (Band 3/22)

„Entweder zählt jeder, oder es zählt keiner.“ (Auszug Seite 159)

„Glutnacht“ ist der dritte Band um LAPD Detective Renée Ballard und der zweite, in dem sie mit Harry Bosch zusammenarbeitet (der 22. mit Harry). Harry, seit vier Jahren im Ruhestand und mit gesundheitlichen Problemen belastet, muss seinen ehemaligen Kollegen beim LAPD John Jack Thompson zu Grabe tragen. Thompson war eine Legende, hatte in mehr als vierzig Jahren beim LAPD viele Übeltäter aus dem Verkehr gezogen und galt für Generationen von Detectives als großes Vorbild. Bei der Beerdigung übergibt seine Witwe Harry eine Akte, die ihr verstorbener Mann entwendet und jahrelang unter Verschluss gehalten hatte.

Das Mordbuch
Dieses Mordbuch enthält die gesammelten Ermittlungsdokumente eines ungeklärten Mordes an einem jungen Mann. John Hilton war vor fast drei Jahrzehnten in einer Durchfahrt, die für Drogengeschäfte genutzt wird, erschossen worden, in einer Zeit, in der die Mordrate in der Geschichte von Los Angeles am höchsten war. Bosch lässt das keine Ruhe, Thompson war sein Mentor gewesen und sein Moralkodex, dass jedes Opfer zählt, oder kein Opfer zählt, hatte er von ihm. Harry fragt sich, ob Thompson etwas verbergen oder den Fall im Ruhestand bearbeiten wollte?

Bosch darf offiziell natürlich nicht mehr ermitteln und hier kommt Renée Ballard ins Spiel. Aufgrund ihrer Beschwerde der sexuellen Belästigung gegen ihren Vorgesetzen war sie in die ungeliebte Nachtschicht der Hollywood Division verbannt worden. Mittlerweile hat sie sich damit arrangiert. Allein mit der Tatsache, dass sie immer als erste am Tatort ist, um das Verbrechen aufzunehmen, aber am anderen Morgen an die Kollegen abgeben muss, hadert die ehrgeizige Polizistin. Besonders der Fall des Obdachlosen, der tragischerweise in seinem Zelt verbrannte, und den sie an das Fire Department abgeben muss, geht ihr nicht mehr aus dem Sinn. Auch wenn die Ermittlungen nicht mehr in ihren Zuständigkeitsbereich fallen.

Nachts, wenn die Neonreklamen und der Glitter erloschen, war Hollywood ein anderer Ort. … Dann wurde es ein Ort für Raubtiere und ihre Beute und nichts dazwischen, ein Ort, wo die Besitzenden hinter ihren verriegelten Türen in Sicherheit waren und die Habenichtse frei herumstreifen. (Auszug Seite 18)

Während Bosch und Ballard in dem ungelösten Cold Case ermitteln und überraschenderweise ziemlich schnell Hinweise auf den vermeintlichen Mörder finden, kommt noch ein dritter Fall hinzu, in dem der Lincoln Lawyer auftaucht, eine weitere Figur aus dem Connelly-Universum. Anwalt Mickey Haller verteidigt einen Mann, der des Mordes an einem sehr angesehenen Supreme-Court-Richter angeklagt ist. Er bittet Bosch, seinen Halbbruder um Hilfe, denn trotz des Geständnisses seines Mandanten und stichhaltiger Beweise ist er von dessen Unschuld überzeugt. Bosch willigt ein und versucht einen Zeugen zu finden und in den Zeugenstand zu bringen. Dafür soll Haller ihn bei einer Klage gegen die Stadt Los Angeles vertreten, da er die kürzlich bei einer Routineuntersuchung erhaltene Diagnose einer chronischen Erkrankung berufsbedingt einstuft.

Das Dreamteam
Connelly hat mit der Figur des Harry Bosch, einem bissigen Polizisten, der sich nur der Fairness und Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, eine Ikone geschaffen. Und nach unzähligen Romanen und sieben Staffeln der Fernsehserie Bosch fand ich die neue Figur der Renée Ballard richtig erfrischend. Als sie im zweiten Band auf Harry traf, habe ich gejubelt, obwohl sie auch da schon etwas in den Hintergrund tritt. Und jetzt in „Glutnacht“ wird sie fast von Bosch und seiner Strahlkraft überrollt. Ich hätte gerne mehr über die gebürtig aus Hawaii stammende, unkonventionelle Polizistin erfahren. Ich glaube, sie hat auch das Potential dazu. Sie lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen und wenn sie auf ihren ehemaligen, verhassten Chef Olivas trifft, sprühen die Funken.

Die beiden Einzelgänger ergeben zusammen ein perfektes Ermittlerduo, sind gleichberechtige Partner, die sich ergänzen, Ballard mit ihrem aktiven Job beim LAPD und Bosch mit seiner langjährigen Erfahrung. Zusammen ermitteln sie in drei verschiedenen Fällen bis zu der nachvollziehbaren Auflösung.

Das Fazit
Wie bei fast allen Romanen aus dem Connelly-Kosmos führt der Spezialist für Polizeikrimis mehrere Handlungsstränge in gewohnter Qualität zu einem feinen Plot zusammen. Die realitätsnahe Schilderung der Polizeiarbeit sowie die detaillierten Beschreibungen der Gerichtsverfahren sind genauso glaubwürdig wie unterhaltsam. Trotz einiger Gefahrenszenen für die beiden Protagonisten und gelegentlichen Actionszenen schleicht sich die Spannung eher langsam an. Die Aufklärung der Fälle steht bei Connelly immer im Vordergrund.

Im Original gibt es bereits zwei weitere Bände mit Bosch und Ballard. Im Nachlass von John Jack Thompson gibt es noch einen weiteren Fall, und den wollen sich die beiden Einzelkämpfer als nächstes vornehmen. Und ich werde auch wieder zu dem wunderschön vom Kampa-Verlag designten Cover greifen und Bosch und Ballard durch die Straßen von Los Angeles begleiten.

Fun Fact: Amazon will das Bosch-Universum um zwei weitere Serien um die Detective Jerry Edgar und Renée Ballard erweitern und arbeitet an der Entwicklung.
Weiterer Fun Fact: Es gab kürzlich für eine Charityaktion ein T-Shirt käuflich zu erwerben mit der Aufschrift: Everybody counts or nobody counts (wir waren nah dran, eins zu bestellen ;)).

 

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Glutnacht | Erschienen am 28.07.2022 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12561-7
464 Seiten | 21,90 €
Originaltitel: The Night Fire | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Michael Connellys Romanen auf dem Blog

Vor 10 Jahren: Krimibestenliste Februar 2013 & Reginald Hill | Rache verjährt nicht

Vor 10 Jahren: Krimibestenliste Februar 2013 & Reginald Hill | Rache verjährt nicht

Eine neue Rubrik möchten wir dieses Jahr auf dem Blog einführen. Unter dem Motto „Asservatenkammer“ holen wir in unregelmäßigen Abständen bestimmte Momente in Bereich „Crime fiction“ hervor, öffnen die Box und schauen mal was drin. Zum Anfang schaue ich auf eine Institution in der deutschen Krimilandschaft. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren stellt eine Riege von Krimikriteriker:innen unter der Leitung von Tobias Gohlis ihre monatliche Bestenliste zusammen. Die Liste weicht dabei wohltuend von den Bestsellerlisten ab und stellt – abweichende Meinungen zu einzelnen Titeln eingeschlossen – sicherlich für den anspruchsvollen Krimileser eine Referenz dar. Nun werfen wir aber mal einen Blick zurück auf eine konkrete Liste, nämlich auf die Februarliste vor genau zehn Jahren.

KrimiZeitBestenliste Februar 2013:

Platz 1 | Reginald Hill | Rache verjährt nicht
Platz 2 | Friedrich Ani | Süden und das heimliche Leben
Platz 3 | Mike Nicol | Killer Country
Platz 4 | Åsa Larsson | Denn die Gier wird euch verderben
Platz 5 | Nick Stone | Todesritual
Platz 6 | Roger Smith | Stiller Tod
Platz 7 | Merle Kröger | Grenzfall
Platz 8 | Håkan Nesser | Am Abend des Mordes
Platz 9 | Rick DeMarinis | Götterdämmerung in El Paso
Platz 10 | Nicci French | Eisiger Dienstag

Ich musste feststellen, dass ich von dieser Liste lediglich Platz 7 gelesen habe. „Grenzfall“ von Merle Kröger ist aber auch heute noch unbedingt eine Empfehlung wert, ist dieser Kriminalroman (und Road Movie) um Flüchtlinge und speziell Roma immer noch aktuell und politisch relevant.

Ansonsten eine interessante Liste mit einigen Autoren, die auch in letzter Zeit noch auf der Krimibestenliste standen. Åsa Larssons Rebecka-Martinsson-Reihe reicht bis heute, genauso Inspektor Gunnar Barbarotti von Håkan Nesser. Friedrich Ani ist nach wie vor eine Referenz im deutschen Krimi, auch wenn man von Tabor Süden schon ein paar Jahre nichts mehr gelesen hat. Neben Schweden bildet auch der Schauplatz Südafrika mit Mike Nicol und Roger Smith einen kleinen Schwerpunkt. Während letzterer zuletzt unter seinem Pseudonym James Rayburn veröffentlichte, hat man von Nick Stone nach diesem letzten Band der Voodoo-Trilogie um Max Mingus nicht mehr allzuviel gehört. Das Autoren-Duo Nicci Gerrard und Sean French sind nach wie vor produktiv. „Eisiger Dienstag“ war der zweite Band der erfolgreichen achtbändigen Reihe um die Psychotherapeutin Frieda Klein.

Zwei Autoren sind inzwischen verstorben. Im Juni 2019 verstarb Rick DeMarinis. Bereits vor dieser Liste war zudem Reginald Hill im Januar 2012 verstorben. Bekannt vor allem durch seine Reihe um den griesgrämigen Detective Superintendant Dalziel war „Rache verjährt nicht“ ein Stand Alone. Hill war für mich bislang ein weißer Fleck in meiner Leseliste, sodass ich aus diesem Anlass mir die Nr.1 der Februarliste aus 2013 auch vorgenommen habe.

 

Reginald Hill | Rache verjährt nicht

Wilfried, genannt Wolf, Hadda hat es geschafft. Der Mann aus einfachen Verhältnissen, Sohn eines Forstverwalters im nordenglischen Cumbria, hat die attraktive Tochter des lokalen Lords geheiratet, ist Vater einer inzwschen Teenagertochter, hat eine äußerst erfolgreiche Investmentfirma aufgebaut und ist sogar zum „Sir“ geadelt worden. Doch eines frühen Morgens steht die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür. Zu Haddas großem Entsetzen sind sie nicht nur auf der Spur nach nicht ganz sauberen Finanztransaktionen, sondern findet umfangreiches kinderpornografisches Material, scheinbar mit Hadda als Akteur. Dieser ist außer sich, beteuert seine Unschuld, flieht vor einem Haftprüfungstermin aus dem Gericht – und wird vor der Tür vom einem Bus angefahren. Er erwacht neun Monate später als Krüppel und im Gesicht entstellt wieder auf. Die Würfel sind inzwischen längst gefallen. Er wird zu einer langen Haftstrafe verurteilt, wenig später lässt sich seine Frau vor ihm scheiden und heiratet seinen Anwalt.

Im Gefängnis isoliert er sich zunehmend, doch irgendwann akzeptiert Hadda die Besuche der jungen Psychologin Dr. Alva Ozigbo. Hadda besteht weiterhin auf seine Unschuld, versucht darzulegen, dass er das Opfer eines Komplotts wurde. Doch Dr. Ozigbo glaubt, dass er sich nicht mit seinen Taten auseinandersetzen will. Hadda ist aber vollkommen klar: Eine positive Einschätzung der Psychologin ist essentiell für eine vorzeitige Haftentlassung.

Alva machte eine Notiz, dem nachzugehen, und nahm dann den Rest der Zelle in Augenschein. Nur ihre Leere sagte etwas über die Persönlichkeit ihres Bewohners aus. Er war, als hätte Hadda beschlossen, keine Spur seines Daseins zu hinterlassen. Sie entdeckte allerdings ein einziges Buch, eine zerlesene Taschenbuchausgabe von Der Graf von Monte Christo. Als Proctor sah, dass sie das Buch musterte, sagte er sarkastisch: „Keine Sorge, Miss. Wir suchen regelmäßig alles nach Tunneln ab.“ (Auszug S.102)

Ohne zu viel zu spoilern, kann ich verraten, Hadda kommt irgendwann frei und natürlich will er wissen, wer ihn ins Gefängnis gebracht und sein Leben zerstört hat. Der Graf von Monte Christo lässt grüßen. Überhaupt lässt Reginald Hill immer wieder Verweise auf Dumas, Dickens und andere Literaturgrößen aufblitzen. Die Geschichte ist also ganz klassisch verwurzelt mit den großen Themen Freundschaft, Liebe, Verrat, Schuld, Rache sowie als Mantra immer wieder die „grimmige Notwendigkeit“ unliebsame Dinge unsentimental zu erledigen.

Der Autor erweist sich als sehr versierter Erzähler, beginnend im Prolog mit drei kurzen Episoden, die einige Hintergründe einzelner Figuren beleuchten, ohne dem Leser vorweg zu viel zu verraten, und im Weiteren in verschiedenen Erzählebenen vor, während und nach Haddas Haft. Besonders reizvoll dabei das Aufeinandertreffen Haddas mit seiner Psychologin, wie überhaupt für mich die Dialoge aus dem Roman herausstechen. Hervorzuheben ist natürlich die Skizzierung der Figur Wulf Hadda, ein impulsiver, sehr intelligenter Mann, ein Wolf of the Wall Street, aber ein liebender Ehemann und Vater. Oder doch nicht? Der Leser kann sich nie ganz sicher sein. Dass ihm übel mitgespielt wurde, deutet sich an, aber Wolf scheint kein Kind von Traurigkeit zu sein. Wie weit wird seine Rache gehen, was ist ehrlich gemeint und was täuscht er nur vor?

Der Roman, im Original „The Woodcutter“, war tatsächlich der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Roman Reginald Hills. Seine vierzigjährige Karriere als Krimiautor war äußerst erfolgreich, vor allem mit der Serie um Andrew Dalziel und Peter Pescoe aus Yorkshire. Mit „Rache verjährt nicht“ schrieb er zuletzt nochmal einen, trotz seiner Länge sehr süffig zu lesenden und niemals langweiligen klassischen Stand Alone, der immer hin zwei Monate auf der Nummer 1 der Krimibestenliste stand.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Rache verjährt nicht | Erschienen am 21.01.2013 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46473-1
686 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: The Woodcutter | Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Adam LeBor | District VIII

Adam LeBor | District VIII

Budapest, Spätsommer 2015: Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise stranden viele Flüchtlinge in der ungarischen Hauptstadt. Besonders prekär ist die Situation rund um den Bahnhof Keleti pályaudvar. Der Kommissar Balthazar Kovács erhält von einer unbekannten Nummer eine Nummer mit einer Adresse und einem Foto, das einen leblosen, wahrscheinlich toten Mann zeigt, den äußeren Merkmalen nach vermutlich ein Flüchtling. Doch als Balthazar das Gelände erreicht, ein Trümmergrundstück, ist dort keine Leiche. Stattdessen tauchen ein paar finstere Gestalten der Gendarmerie auf, eine neue Polizeieinheit direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt, und macht Balthazar klar, dass er hier nicht zu suchen hat. Doch er konnte vorher unbemerkt noch eine SIM-Karte sicherstellen.

Zeitgleich hat auch Eniko Szalai, Journalistin eines erfolgreichen Online-Magazins und Exfreundin von Balthazar, das Foto erhalten und kann bei Recherchen rund um den Keleti eine junge Syrerin ausfindig machen, die ihren Mann vermisst. Wie sich herausstellt, ist auf dem Foto Simon Nazir aus Aleppo. Er konnte seiner Frau nur noch einen Zettel mit dem Wort „Gärtner“ hinterlassen. Hinter dem „Gärtner“ verbirgt sich ein Krimineller, Folterer und Islamist, der nun offenbar in Budapest gesehen wurde. Als Balthazar im Keleti-Bahnhof von Unbekannten verprügelt wird und Enikos Handy im Tumult entwendet wird, arbeiten beide zusammen. Sie müssen nach und nach feststellen, dass die ganze Sache viel größere Ausmaße hat als angenommen, bis hin zum Ministerpräsidenten und der Justizministerin.

Dem Leser wird dies schon früher klar, denn Adam LeBor erzählt aus verschiedenen Perspektiven und schnell wird klar, das Ministerpräsident Pálkovics und Justizministerin Bárdossy ihr eigenes Süppchen kochen, es geht um Geschäfte mit arabischen Investoren, Schwarzgeldkonten, offizielle ungarische Pässe, die illegal ausgestellt werden, radikale Islamisten, die mit dem Flüchtlingsstrom in den Westen einreisen, Geschäfte mit illegalen Schleppern. Auch ausländische Geheimdienste sind involviert sowie kriminelle Banden in Budapest. In dieser Gemengelage stechen Balthazar und Eniko in ein Wespennest, werden aber auch teilweise von Dritten zum eigenen Vorteil benutzt.

„Aber jetzt zählte Budapest wieder, was bedeutete, sie brauchten sie. Internationale Verbrecherbanden hatten ihre Hauptquartiere in der Stadt aufgeschlagen, […]. Budapest war ein Tor zum Westen – für jeden, von den Triaden Hongkongs bis zu korrupten amerikanischen Konzernen… und jetzt auch noch für Dschihadisten.“ (Auszug E-Book, Pos. 3999)

Das Herausstechende an diesem Roman ist sicherlich die verschiedenen prägnanten Figuren, allen voran die Hauptfigur Balthazar Kovács. Balthazar zählt als Rom zu den Minderheiten in Ungarn und Außenseitern im Polizeiapparat. Umgekehrt aber auch als Polizist in der eigenen Familie, zumal sein Bruder Gáspár eine der Unterweltgrößen Budapests ist. Der Autor beschreibt diese Verhältnisse sehr versiert, gibt immer wieder Einblicke in die Kultur und die Tradition der Roma, ohne Probleme zu verklären. Gleichzeitig zeichnet er ein facettenreiches Bild von Budapest, insbesondere vom titelgebenden XIII. Bezirk, ein Gründerzeitviertel, immer noch zahlreich von Minderheiten bewohnt.

„District VIII“ beginnt mit der Suche nach einer verschwundenen Leiche und einem Mörder, weitet sich aber schnell zu einem rasanten Politthriller mit Verschwörungsszenario aus. Trotz zahlreicher Spannungsszenen nimmt sich Adam LeBor aber Zeit für die Hintergründe seiner Figuren und der Schilderung einer sehr ambivalenten ungarischen Gesellschaft zwischen Demokratie, Korruption, Freiheit, Gastfreundschaft und Rassismus sowie den wachsenden Einflüssen von außen. LeBor widersteht dem simplen Manöver, die Figur des fiktiven Ministerpräsidenten Victor Orban nachzuempfinden, sondern installiert stattdessen einen fiktiven Sozialdemokraten (und Ex-Kommunisten), um zu zeigen, dass das Problem der schwierigen Demokratie und kleptokratischen Politikerkaste mitnichten an einer Partei festzumachen ist. Bei minimalen Abstrichen (etwa der Überspitzung mancher Szenen oder etwas zu ausführlichem kulturellem Dozieren) gelingt dem Autor, der viele Jahre als britischer Korrespondent in Ungarn tätig war, eine lesenswerte Mischung aus Krimi und politischem Thriller mit einem sehr spannenden Setting. Drei Romane um Balthazar Kovács (der englische Verlag scheut nicht den Begriff „Gypsy Cop“) hat Adam LeBor bereits veröffentlicht, bleibt zu hoffen, dass diese bald ebenfalls in deutscher Übersetzung erscheinen.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

District VIII | Erschienen am 15.01.2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-66-6
400 Seiten | 26,- €
Originaltitel: District VIII | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jo Nesbø | Blutmond (Band 13)

Jo Nesbø | Blutmond (Band 13)

Harry ging weiter. Er hatte immer noch die Kreditkarte in der rechten Hand. Sollte es so enden? Auf einem staubigen Parkplatz in einem fremden Land, im grellen Sonnenlicht, bankrott und leicht angetrunken, während er zu tun versuchte, was ihm bei seiner Mutter nicht vergönnt gewesen war, bei niemandem, der ihm jemals nahegestanden hatte? (Auszug Seite 14/15)

Dies ist der 13. Fall der Harry-Hole-Reihe und zu Beginn stellt sich immer wieder die gleiche Frage: In welchem Teil der Welt befindet sich Harry aktuell und noch wichtiger, in welchem Zustand? Jo Nesbø hat seinen Protagonisten mit der selbstzerstörerischen Ader diesmal nach Los Angeles verfrachtet, wo er in einer schweren Lebenskrise mal wieder zum Alkohol gegriffen hat und vor sich hinvegetiert. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und gesellt sich zu den vielen anderen Gestrandeten und Gescheiterten der amerikanischen Millionenmetropole. Währenddessen hat es seine ehemalige Kollegin Katrine Bratt in Oslo mit dem brutalen Mord an zwei Frauen zu tun, die beide kurz vorher auf der Yacht eines millionenschweren Immobilienmaklers feierten. Dieser ist der Tat verdächtig, beteuert allerdings seine Unschuld und Katrine könnte den ehemals exzellenten Ermittler Harry Hole trotz großer Ermittlergruppe gut gebrauchen. Sie ist jedoch die Einzige, die Harry mit seinem einzigartigen Gespür für Verbrechen und Verbrecher gerne wieder an ihrer Seite hätte, die Kriminalchefin will den ausgebrannten Ex-Kommissar nicht aus seinem Exil zurückholen.

So weit, so schlecht.
Harry hat in Los Angeles in einer Bar eine ältere Filmdiva kennengelernt. Lucille hat jede Menge Schulden und das ausgerechnet bei einem mexikanischen Drogenkartell. Da kommt der Anruf aus Oslo grade recht. Ausgerechnet der beschuldigte Immobilienmogul will Harry, den vermeintlich besten Kriminalermittler Norwegens privatdetektivisch engagieren um den wahren Mörder zu finden. Geld spielt keine Rolle und Harry sieht eine Möglichkeit, Lucille mit dem großzügigen Honorar aus ihrer Notlage zu befreien. Er nimmt den Auftrag an und stellt in Oslo ein Team aus Freunden und früheren Widersachern zusammen. Mit dabei sein Schulfreund Øystein Eikeland, ehemals Taxifahrer, jetzt Kokaindealer sowie sein früherer Kollege und Intimfeind Truls Berntsen. Der korrupte Polizist ist wegen Unterschlagung derzeit suspendiert, hat jedoch Zugang zu sämtlichen Polizeiakten. Zu guter Letzt der schwer an Krebs erkrankte Psychologe Ståle Aune, der ihm bei seinen Mordfällen oft zur Seite stand. Dabei wirkt vor allem die ungewöhnliche Gruppe um Harry, die sich angesichts Aunes Gesundheitszustands immer an dessen Krankenbett zusammenfindet, aufgrund der erfrischenden Dialoge erheiternd und bringt ein wenig Licht in die unerbittliche Story.

Als großer Fan der Reihe bin ich immer wieder überrascht, dass Nesbø es beständig schafft, mich neugierig zu machen und ich die Geschichte unbedingt lesen muss. Nach dem letzten Band empfand ich leichte Ermüdungserscheinungen und war davon überzeugt, dass der Autor ein letztes Mal seinen genialen aber schwer angeschlagenen Protagonisten ermitteln lässt. Die erste Hälfte des Thrillers ist noch recht tempoarm, dafür aber ereignisreich und bereits die ersten Kapitel haben mich extrem gefesselt. Nesbø hat diesen intensiven, unverwechselbaren Schreibstil, flüssig sowie sogartig und versteht sein erzählerisches Handwerk. Ein Pageturner mit einem äußerst komplexen Plot und mit zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen gespickt. Das schafft der norwegische Autor mit Cliffhanger bis zum rasanten Finale mit dem Blutmond als passende Hintergrundkulisse.

Alles beim Alten
Eigentlich ist alles beim Alten, man bekommt, was man erwartet: Es werden mehrere potentielle Mörder eingeführt, falschen Fährten gelegt, es gibt schaurige, blutrünstige Beschreibungen der Mordopfer und natürlich Kapitel aus der Perspektive des abartigen Täters. Dazu ein alkoholkranker Anti-Held, der brillant aber schwer angeschlagen ist.

Dennoch habe ich das Ausmaß an schockierender Brutalität in dieser Geschichte als sehr heftig empfunden. Man muss als Leser einiges aushalten können. Anderen Thriller würde ich das nicht durchgehen lassen und hätte sie angeekelt weggelegt. Es war mir auch an einigen Stellen leider zu abstrus und hanebüchen. Aber es ist nun mal ein Harry Hole und mein Verhältnis zu dieser Reihe ist fast schon familiär, ich will einfach wissen wie es mit den altbekannten Figuren weitergeht. Außerdem hat dieser Thriller wieder, im Gegensatz zum vorherigen Band das richtige Maß an menschlicher Tragödie. Mit dramatischen Momenten, aber nicht so dick aufgetragen wie beim Vorgänger. Auch wenn ich bei anderen Thrillern mit dem immer gleichen Muster des kaputten, selbstzerstörerischen Einzelgängers, dessen Charme fast jede Frau erliegt, mittlerweile genervt reagiere, bei Nesbø nicht, er hat es ja quasi erfunden.

Stilistisch ist der norwegische Autor den meisten Genre-Autoren immer noch überlegen. Ich bin halt ein Harry-Hole-Fangirl und beim 14. Teil, der wahrscheinlich wieder auf den Markt kommt, darauf deuten Handlungselemente am Schluss hin, werde ich bestimmt wieder zugreifen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Blutmond | Erschienen am 24. November 2022 im Ullstein Hardcover
ISBN 978-3-550-20155-4
560 Seiten | 25.99 Euro
Originaltitel: Blodmåne | Übersetzung aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Romanen von Jo Nesbø

A.K. Turner | Wer mit den Toten spricht (Band 2)

A.K. Turner | Wer mit den Toten spricht (Band 2)

Der Thriller „Wer mit den Toten spricht“ von A.K. Turner ist der zweite Teil der Serie um Cassie Raven, die Assistentin in der Londoner Rechtsmedizin ist. Der erste Teil endete mit einer verblüffenden Enthüllung und wer diesen noch nicht gelesen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte nicht weiterlesen.

Tragische Familiengeschichte

Cassie hatte immer geglaubt, ihre Eltern wären bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Erst nach einem Schlaganfall enthüllt ihre polnische Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, die schreckliche Wahrheit. Ihr Vater saß jahrelang im Gefängnis, weil er ihre Mutter im betrunkenen Zustand zu Tode geprügelt haben soll. Er hatte die Anschuldigungen immer bestritten und war nach 17 Jahren aus dem Knast entlassen worden. Cassie wird von der Offenbarung ihrer Babica völlig aus der Bahn geworfen. Die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern, besonders an ihren Vater sind durchaus liebevoll. Vier Jahre nach seiner Haftentlassung meldet er sich bei Cassie und beteuert weiter seine Unschuld. Mit dem einstigen Bild des starken Mannes hat der gebrochene alte Mann vor ihr keine Ähnlichkeit und Cassie beginnt zu zweifeln. Sie bittet DS Phyllida Flyte, mit der sie bereits bei einem Mordfall zusammen gearbeitet hat, um Unterstützung. Die Polizistin hat Zugang zu der alten Polizeiakte und mit deren Hilfe versucht Cassie die wahre Geschichte ihrer Eltern herauszufinden und den Mord an ihrer Mutter aufzuklären. Zusammen mit DS Phyllida Flyte stellt sie Recherchen zu ihrer tragischen Vergangenheit an und betrachtet die damaligen polizeilichen Untersuchungen mit immer mehr Skepsis.
Dabei taucht der Thriller immer wieder in die 80er Jahre ein und gibt die Atmosphäre und Stimmung der Musikszene mit ihren Rockbands überzeugend und unterhaltsam wieder.

In der Leichenhalle

Bei der Arbeit in der Leichenhalle hat die 25-Jährige es mit dem Strangulationstod eines Jugendlichen zu tun. Cassie kann nicht Recht daran glauben, dass der 15-Jährige Suizid begangen haben soll, doch aufgrund ihrer eigenen persönlichen Probleme scheint sie zumindest anfangs die Fähigkeit eingebüßt zu haben, Zwiesprache mit den Verstorbenen zu halten.

Cassie hoffte inständig, dass Mrs Appleton ihren Sohn gerade mit fünf oder sechs Jahren vor sich sah, lachend auf einem Fahrrad – alles, nur nicht jenes Bild des fünfzehnjährigen Bradley, das ihr für immer bleiben würde: auf seinem Bett liegend, das Kabel seines Laptops fest um den Hals gezurrt, das halb von der Wandleuchte über seinem Kopf herabhing. (Auszug Seite 7)

Insgesamt ist auch der zweite Teil ein kurzweiliger Thriller mit einer stimmigen Geschichte und einer unkonventionellen Protagonistin. Wobei Thriller? Dafür fehlt es vielleicht an durchgehendem Thrill. Anstatt atemberaubendem Nervenkitzel haben wir es eher mit einem geringen Spannungsbogen zu tun. Trotzdem will man immer wissen, wie es weitergeht und wird mit einigen ungewöhnlichen Twists entlohnt. Dazu die leicht mystischen Elemente, wenn Cassie mit ihren „Gästen“ spricht. Die Stärke des Romans sind auf jeden Fall der eingängige Schreibstil und die gut gezeichneten Charaktere.

Zwei Protagonistinnen wie Feuer und Wasser

Die beiden Protagonistinnen könnten unterschiedlicher nicht sein, hier die überkorrekte, fast zwanghafte Polizistin, dort die nach außen toughe aber trotzdem äußerst sensible Sektionsassistentin im krassen Goth-Look, die im Gegensatz zu manchen Kollegen immer respektvoll mit den Leichen, ihren „Gästen“ umgeht. Emotional wird es immer, wenn Cassie auf die traumatisierten Hinterbliebenen trifft, aus Achtung Piercings abnimmt, Undercut und Tattoos versteckt und das als den schwersten Teil ihres Jobs empfindet. Bei den Ermittlungen ergänzen die beiden sich und das Zusammenspiel sorgt für einen großen Lesefluss. Abwechselnd werden die Kapitel aus Sicht von Cassie Raven und Phyllida Flyte erzählt, wobei Cassie einen größeren Anteil hat. Sie ist ja auch wieder, wie im ersten Teil, als plötzlich ihre ehemalige Lehrerin als Leiche vor ihr lag, persönlich involviert. Der Love Interest der beiden wird nur angedeutet und ist auf jeden Fall noch ausbaufähig. Zumindest nennt man sich jetzt beim Vornamen.

Positiv anzumerken ist auch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen von Cassies Arbeit in der Pathologie. Die Fülle anschaulicher Erläuterungen der Forensik und anatomischer Details zeugt von umfassender Recherche der Autorin, werden aber interessant eingearbeitet, ohne zu langweilen.

Das Buch wurde mir von der Verlagsgruppe Droemer Knaur ungefragt zugesandt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Überrascht war ich, dass es, im Gegensatz zum Auftaktband nicht als Hardcover erschienen ist. Allerdings ist auch das Paperback wieder wunderschön mit floralen Elementen und Hervorhebungen gestaltet und sticht mit den blau-roten Farbakzenten aus dem üblichen Cover-Einerlei bei Thrillern hervor. Eine gelungene Fortsetzung, die man problemlos ohne Vorkenntnisse des ersten Teils lesen kann.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Wer mit den Toten spricht | Erschienen am 01.09.2022 bei Droemer
ISBN 978-3-426-28249-6
384 Seiten | 15,99 Euro
Originaltitel: Life Sentence | Übersetzung aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Besprechung zu Band 1 der Reihe